17.8.
Wir verließen das Helsinki am Morgen ohne noch einmal auf unsere Gastgeber getroffen zu sein. Ich hinterließ wie immer eine Postkarte von Zwickau mit einigen Worten des Dankes darauf; bezweifelte aber, dass sie die Karte in ihrer Wohnung je finden würden.
Wir waren zwei Stunden vor der Abfahrt schon am Hafen; in einer regelrechten Völkerwanderung zogen Urlauber mit ihren großen Koffern die Straße hinunter zum Anlegeplatz des Viking-Schiffs. Es war vielleicht noch größer als das Schiff der Silja-Line, und schon dort hatte das Aussteigen aller Passagiere eine halbe Stunde gedauert. Von innen sahen sie sich erstaunlich ähnlich, vielleicht waren es weniger Spielautomaten, aber sonst wirkte auch dieses Schiff wie ein schwimmendes Einkaufszentrum.
Erst auf dem Meer bemerkte ich, wie stark der Sturm wirklich war; man konnte kaum geradeaus laufen, und wenn man eine Treppe hinunterstieg, konnte es durchaus vorkommen, dass auf einmal die Stufe unter dem Fuß verschwand, wenn sich das Schiff in die Wellen legte. Auf dem Sonnendeck standen leichte Plastikstühle, die durch den Wind ruckweise über das Deck wanderten. Nur die Reling hielt sie davon ab, ins Meer zu fallen. Wieder fuhren wir durch ein Labyrinth von Inseln, auf denen manchmal nur ein Bonsai-Leuchtturm stand, manchmal ein Haus, eine Bootsanlegestelle, oder einfach nur Wald. Eine der größeren Inseln trug eine mit Gras bewachsene Festung, deren Mauern aus dem Gestein hinauszuwachsen schienen. Ich stellte mir vor, wie in alten Zeiten eine feindliche Flotte zum Erobern von Helsinki hier aufgetauchte, die Festung sah lachte - und einfach drum herum fuhr.
Estland sah viel hübscher aus als ich es mir vorgestellt hatte. Bisher war jeder Hafen sehr grau und industriell erschienen, aber hier stand nur eine lange Reihe kleiner, beigefarbener Holzhäuser am Meer, die im Vergleich zu den vor Anker liegenden Fähren noch viel winziger aussahen.
Das Land wurde mir noch viel sympathischer, als ich im Hafengebäude kostenloses Internet entdeckte. Unser Gastgeber hatte sich bisher nicht gemeldet, so konnte ich die Zeit im Internet verbringen... wenn da nicht Matthias gewesen wäre, der unbedingt die Gegend erkunden wollte. Wir waren hungrig von der guten Seeluft geworden, und dieses Mal war es mir nur gelungen, eine handvoll Pommes aus dem Schiffsrestaurant zu ergattern. Es gab ein Einkaufszentrum in der Nähe des Hafens, dort holte ich erst einmal Bargeld aus einem Geldautomaten. Für einen Moment dachte ich, ich hätte einen Spielautomaten erwischt, denn er machte beim Geldausgeben das gleiche Geräusch als hätte ich im Kasino den Jackpot geknackt. Wahrscheinlich haben schon viele Leute dort ihr Geld oder ihre Geldkarte vergessen. Oder es war eine Benachrichtigungsdienstleistung für Taschendiebe.
Hinter dem Einkaufszentrum begann die Stadt. Gleich das erste Gebäude sah wie ein Supermarkt aus. Ich ließ Matthias mit den Taschen warten und ging hinein. Der erste Eindruck hatte getäuscht; es war eher eine große Halle, in der jeder Quadratmeter von einem Marktstand ausgefüllt war. Hauptsächlich gab es Kleidung, und von überall hörte ich nur russisches Stimmgewirr. Ich war fasziniert. In welch andere Welt war ich hier geraten? Ich wich einer kräftig gebauten, blonden Verkäuferin aus, die einen zuviel über den Durst getrunken hatte und in den nächsten Stand stolperte. Vielleicht waren wir gar nicht in Tallinn, sondern ein Stückchen zu weit gefahren und irgendwo vor Petersburg?
Nein, unser Gastgeber meinte später, die Hafengegend sei eine seltsame Nachbarschaft, die sich durch die Touristen gebildet hatte. Wir warteten im nahegelegenen Park auf ihn. Er war gerade nicht im Zentrum, schrieb er in einer SMS, aber er war auf dem Weg. Er wollte nur wissen, wo wir uns befanden. Im Hafengebäude hatte ich eine dieser mit Werbung vollgepackten Stadtkarten gefunden; sie wirkte wie mit Hand gezeichnet und war nicht besonders hilfreich, wenn man einen Straßennamen herausfinden wollte. Mein Navi war diesmal keine Hilfe, weil ich kein Kartenmaterial von den baltischen Staaten hatte auftreiben können. Ich beschrieb schließlich unseren Standpunkt als Park, in dem ein Springbrunnen mit der Statue zweier nackter Kinder unter einem Regenschirm stand. Und nach einer Viertelstunde kam er uns tatsächlich entgegen. Er war ein großer, schweigsamer Bursche. Teslav hatte schon in seinem Profil bei Couchsurfing geschrieben, dass es schwer war, mit Esten ins Gespräch zu kommen, und noch viel schwerer, sie näher kennen zu lernen. Wie schwer es wirklich war, stellten wir erst in den nächsten Tagen fest.
Zunächst kümmerte er sich darum, dass wir Bustickets zum Studententarif bekamen, erklärte uns, wie die Busse fuhren und nahm den nächsten Bus mit uns zu seiner Wohnung, sodass wir unsere Rucksäcke abstellen konnten. Der Bus wirkte eigentlich modern, genau wie die Innenstadt, aber es gab immer noch die alten sowjetischen Ticket-Entwertungsmaschinen, die im Prinzip nur Locher waren und das Papier in einem bestimmten 9-Punkt-Muster durchlöcherten. Ein Ticket war für einmal Einsteigen gültig, und beim Umsteigen in einen anderen Bus brauchte man ein neues Ticket. Als Informatiker neigt man dazu, an jedem System sofort nach Schwachstellen zu suchen. Es ist klar, dass man nur eine begrenzte Anzahl Tickets abstempeln muss, bis man eine Sammlung Tickets mit den gebräuchlichsten Mustern hatte. Danach müsste man jedes Mal nur einen einfachen Streifen Papier abstempeln um herausfinden, welches Muster der aktuelle Bus in seinen Lochern eingestellt hatte, und bei einer Fahrkartenkontrolle die Karte mit diesem Muster vorzeigen.
Mir gefiel sowjetische Technik: Einfach, effektiv, unzerstörbar. Je weiter wir aus der Innenstadt hinausfuhren, desto mehr fühlte ich mich in einen alten sowjetischen Film versetzt: Die Straßen wurden zu schlecht asphaltierten Wegen, alte Frauen mit Kopftüchern standen an den Straßenrändern und blickten zum Bus auf während sie kurz verschnauften, und im Hintergrund begannen scheinbar endlos neue Plattenbauten aufzutauchen. Hoch und grau, manchmal auch ziegelrot ragten sie in den Himmel. Stolz und trotzig. Als Improvisorium gebaut hatten sie die Sowjetunion überlebt und würden noch viele weitere Jahre genau dort am gleichen Platz stehen bleiben. Genau wie die kopftuchtragenden Muddelchen immer in ihnen ein- und ausgehen würden.
Wir hielten in der Siedlung Paul Pinna, die genau wie alle anderen Siedlungen aussah, nahmen den Fahrstuhl in die 5. Etage, der genau wie in allen anderen Hausaufgängen quietschte und ruckelte, während die unzerstörbaren Stahlseile ihn nach oben trugen. Teslav schloss zunächst eine Tür auf, dann eine andere. Aus der Nachbarwohnung bellte ein Hund. Die Wände waren so dünn, dass es klang, als könnte der Hund jeden Moment hindurch springen. Als ich die Wohnung betrat, fühlte ich mich wie im Museum: Die Lampen waren aus dem gleichen rötlichen Blech und den billigen, durchsichtigen Perlen wie ich sie noch dunkel aus der DDR-Zeit in Erinnerung habe, die Schränke waren mit der gleichen Holzersatzfolie beklebt, die ich noch kannte, und alles wirklich irgendwie angestaubt. Die Küche war noch original von seiner Oma, erzählte Teslav. Ich hatte ein wenig Angst, etwas anzufassen. Später, als ich den Mülleimer suchte, machte ich den Fehler, den Schrank zu öffnen, auf dem die Spüle eingelassen war. Die Platte gab unter dem Gewicht der Spüle nach und sank halb durchgebrochen nach unten. Schnell hob ich die Spüle mit Matthias Hilfe wieder hoch und schob ich die Tür zu. Es schien, als wäre sie von Anfang an nur durch die Schranktür getragen worden. Dafür war die Couch angenehm, und war ausgeklappt groß genug für drei Leute.
Unser Gastgeber musste noch einmal zurück zur Universität, wusste aber nicht, wann er wiederkommen würde, gab uns einen Schlüssel und verschwand. Auf meine Frage, ob wir gemeinsam zu Abend essen würden, hatte er nur mit den Schultern gezuckt.
Nach dem obligatorischen Besuch des nächsten Supermarks fuhren wir in die Stadt und wanderten ein wenig planlos umher. Das Gebäude der zentralen Busstation war ein kolonnadenähnliches Einkaufszentrum mit einer überdimensionierten automatischen Drehtür, die ständig aus unerfindlichen Gründen stehen blieb, gleich am Eingang gab es einen Stand mit alle möglichen Sorten von Heißgetränken, im oberen Stockwerk hatten sich spezialisiertere Läden mit Luxusprodukten angesiedelt; es gab sogar eine Touristeninfo, die eigentlich nur ein Tisch mitten auf dem Gang war, der von großen Karten abgeschirmt zu einem kleinen Büro umgestaltet wurde. Es gab dort nicht mal Postkarten, nur einen Stapel Stadtkarten und einigen Infoheftchen.
In der Innenstadt standen schon einige fantasievolle Hochhäuser; eins erinnerte an eine riesige Zigarettenschachtel, aus der eine Zigarette hinaus ragte. Und diese Assoziation habe ich als Nicht-Raucher. Mir tun die Tallinner leid, die mit dem Rauchen aufhören wollen und jeden Tag vor diesem Gebäude stehen. Die Straße aus der Innenstadt hinaus führte an älteren Abbruchhäusern vorbei, vor denen uralte Autos parkten. Erst nach einer Weile wurde mir bewusst, dass es ein Museum für alte Sowjet-Fahrzeuge war. Oder eine sehr kreative Art, einen Schrottplatz zu tarnen. Außerhalb gab es jedoch nicht viel zu sehen, also zogen wir einen Bogen zurück in die Altstadt. Die verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gassen wurden immer schmäler, nur um sich immer wieder in größere Plätze zu verbreitern. In einigen breiteren Gassen standen hatten Restaurantbesitzer Bänke und Sonnenschirme nach draußen gestellt, die schönen alten Häuser waren in weichen Farbtönen angestrichen; die meisten waren Restaurants und Läden. In einem rosafarbenen Eckhaus mit geschwungenen Verzierungen hatte sich gar ein McDonald´s angesiedelt, der sich harmonisch ins Stadtbild eingliederte. Tallinn ist stolz auf sein mittelalterliches Erscheinungsbild; überall standen Einheimische in mittelalterlicher Kleidung, verkaufen gebrannte Mandeln in leinenbedeckten Wägen und Ständen, oder verteilten Flyer für ihr Restaurant jeder hatte sich etwas einfallen lassen: War ein Restaurant eine mittelalterliche Braustube, war das nächste ein Folterkeller. Für das russische Restaurant Troika liefen den ganzen Tag zwei lebensgroße Matroschkas durch die Gassen, und passten in ihren Kostümen oftmals nicht nebeneinander hindurch. In erstaunlich vielen Läden wurde nur Bernstein verkauft; und das, obwohl es in Estland gar keinen Bernstein gab, wie uns später erklärt wurde.
Es schien uns langsam Zeit, zurück zu kehren; wir kauften noch eine handvoll Bustickets im Stationskiosk, da der Fahrer im Bus keine Tickets verkaufte das stand sogar auf englisch als Laufschrift an den Ankunftstafeln der Busbuchten. Die Tickets kosteten angenehmerweise nicht mehr als 30 Cent, und es war auch kein Problem, sie im Kiosk zu kaufen, wenn man dem Verkäufer ein altes Ticket hinhielt und mit den Fingern die Anzahl der Tickets zeigte, die man haben wollte. So muss man nicht mal estnisch sprechen, was vermutlich sowieso niemand außer den Esten tat; selbst die zum Saufen anreisenden Finnen sprachen nur finnisch zu den Menschen hier - arrogant genug zu erwarten, dass man sie verstand, da beide Sprachen sich einander durchaus ähnelten. Das erinnerte mich an die Deutschen in Holland, und ich versuchte, mir ein paar Worte estnisch einzuprägen, nur um sie am Abend schon wieder vergessen zu haben. Für alle, die schon immer mal ein estnisches Wort lernen wollten: Taaraautomaat ist der Automat, bei dem man seine Pfandflaschen zurückgeben muss. Dieser steht normalerweise nicht im Supermarkt, sondern in einem Kämmerchen in der unmittelbaren Nähe des Supermarkts. Wenn man das nicht weiß, kann einen die Suche nach dem Automaten durchaus eine Weile beschäftigen.
Wir besorgten Nudeln und Tomatensoße für einen Spottpreis, nahmen sogar noch Hackfleisch und Käse hinzu, und kamen trotzdem nicht über drei Euro. Hier ließ es sich leben.
Nun, es war Zeit zum Kochen in die Wohnung unseres Gastgebers zurück zu kehren. Mich hatte ein wenig erstaunt, dass wir die Wohnung auf Anhieb in dem Plattenbautenlabyrinth wiedergefunden hatten. Unser Gastgeber war schon zu Hause und sah fern während er am Computer tippte. In der Küche kochten Kartoffeln, obwohl ich Teslav schon am Nachmittag geschrieben hatte, dass wir Pasta für ihn kochen wollten. Matthias fragte, ob er vielleicht einen zweiten Topf bekommen könnte. Etwas irritiert kam Teslav in seine Küche und überlegte laut, ob er überhaupt so einen zweiten Topf besäße. Dann nahm er kurzerhand das kochende Kartoffelwasser und kippte es aus; die Kartoffeln legte er in einen Teller und verschwand wieder im Wohnzimmer. Ob er die denn nicht essen wolle, fragte Matthias ihn. Teslav murmelte etwas, das klang, als wäre er nicht mal sicher, ob er heute überhaupt Abendbrot essen wollte. Ein seltsamer Kautz. Unvermittelt kam er zurück in die Küche und holte einen zweiten Topf hervor. Ich ging derweil duschen, und auch meine Haare brauchten eine Wäsche. Teslav hatte mich gewarnt, dass sie die ganze Woche kein warmes Wasser hatten, aber ich nahm es als willkommene Gelegenheit für Russland zu üben...
Das Wasser war kalt. Richtig kalt. Gebirgsbachkalt. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte mir einzureden, dass es gesund war, kalt zu duschen. Und dann die Haare... das war schlimmer als in Usbekistan, wo ich mir die Haare mal in einem Fluss waschen musste dort schien mir zumindest noch die Sonne auf den Rücken. Nein, wir Westler sind viel zu luxusverwöhnt.
Zitternd kam ich aus der Dusche heraus; Matthias war in der Zwischenzeit mit dem Kochen fertig mit geworden. Ich fragte Teslav, ob er gerne etwas mitessen wollte. Wollte er nicht. Da erinnerte ich mich an das, was uns Professor Busch-Lauer erzählt hatte: Dass es in einigen Ländern die Höflichkeit verlangte, das Angebotene erst zwei Mal abzulehnen bevor man es annahm. Mit der SMS von heute Nachmittag musste es beim nächsten Fragen klappen. Wir füllten also die Teller, ich ging noch einmal in sein Zimmer und sagte, dass wir wirklich sehr viel Pasta hatten, es richtig lecker wäre und er noch nicht mal mit uns essen müsse, wenn er nicht wollte. Jetzt ließ er sich einen Teller geben. Er sagte, dass er einen online-Test durchführen müsse und nur bis Mitternacht Zeit hatte, also ließ ich ihn dann in Ruhe. Wir wuschen noch alles ab und verhielten uns auch sonst wie vorbildliche Gäste: Sagten brav Gute Nacht! Und verschwanden in unserem Zimmer.
18.8.
Den Morgen ließen wir ganz gemütlich angehen und gesellten uns zu Teslav in die Küche, wo er gerade frühstückte. Er stand auf uns verschwand in ein anderes Zimmer. Langsam fragten wir uns, ob wir vielleicht komisch rochen oder warum sonst er nichts mit uns zu tun haben wollte? Als ich später mit anderen Esten darüber sprach, wurde mir versichert, dass es vielmehr ein Ausdruck der Höflichkeit war, und dass er uns sicher in Ruhe allein frühstücken lassen wollte. Klischeebehaftete Esten greifen nicht gerne in das Leben anderer ein, leben eher nebeneinander als miteinander. Teslav war ein netter, hilfsbereiter Mensch wenn man ihn nur fragte, ob er kurz helfen könnte. Auch von sich aus gab er hilfreiche Informationen preis, zum Beispiel empfahl uns er die kostenlose alternative Stadttour, die von hiesigen Studenten organisiert wurde, und beschrieb genau, wo wir ihr Zelt fanden.
Vor dem Zelt hatten sich mehr Leute versammelt als in einen Reisebus passten; es hatte sich herumgesprochen, dass die alternative Führung besser als die reguläre war. Diese Menschenansammlung hatte wiederum Postkartenverkäufer angelockt, und die hatten den Kapitalismus begriffen: Neben Postkarten konnte man auch Briefmarken kaufen, und es wurde ein Sende-Service angeboten. Zahlbar in Euro oder Kronen. Zu welchem Service die Reisepasshüllen gehörten, war mir aber nicht ganz klar. Als sie uns auf deutsch darüber beraten hörten, ob es billiger wäre, in Euro oder Kronen zu zahlen, konnten sie plötzlich auch fließend deutsch sprechen und schafften es irgendwie, mir mehr Postkarten zu verkaufen als ich eigentlich wollte.
Unsere Reiseführerin kam aus dem Zelt; sie war klein, blond und quirlig, trug Kleidung vom Flohmarkt und plapperte die ganze Zeit fließend auf Englisch wie eine Amerikanerin. Gleich am Anfang stellte sie klar: Ich bin nicht betrunken, nur ungeschickt.
Sie wusste eine ganze Menge skurriler Dinge über die Stadt zu erzählen, vor allem, an welchen Stellen die Regierung unheimlich viel Geld verschwendet hat, wo überall Geister spuken, und wo ein Pärchen beim Beischlaf durch den Boden gebrochen und auf dem Tisch der zu Abend essenden Eltern gelandet war. Die Geister waren hier eine sehr reale Erscheinung; einmal kam ein Tourist zur Touristeninfo und beschwerte sich, dass ein Mönch den Zugang zum Turm versperrte und nicht mal englisch sprechen konnte. Man sagte ihm, es gäbe dort keine Bewohner mehr, und als er zurück kam, war die Erscheinung verschwunden.
Sie zeigte uns auch die Stelle, an der die Dänen ihre Flagge bekommen hatten: In einer Schlacht flog dem König der im Verlieren begriffenen Dänen ein blutiger Lappen vor die Füße, und er nahm es als Zeichen des Himmels und gewann. Die Geschichte ergibt Sinn, wenn man sich die dänische Flagge mal anschaut: Weiß mit einem roten Kreuz. Die estländische Fahne hat keine so schöne Geschichte, dafür ist aber die lettische Fahne aus einem ausblutenden Soldaten entstanden: Rot mit einem weißen Streifen in der Mitte; es symbolisiert das Blut, das bis zur Unabhängigkeit vergossen wurde. Sehr romantisch war man damals. Übrigens empfanden viele Esten den Einmarsch von Hitler-Deutschland im zweiten Weltkrieg als Befreiung, weil sie dadurch die sowjetische Fremdherrschaft losgeworden waren, durch die vorher tausende von Esten in Gulags nach Sibirien abtransportiert wurden. Zu früh gefreut, meine ich. Die armen Esten mussten im Laufe ihrer Geschichte einiges aushalten und gerieten immer wieder zwischen die Fronten.
Die junge Frau führte uns weiter durch die Stadt; man hatte die durch Bomben zerstörten Stadtteile in den letzten Jahren umzugestalten versucht, mit Plätzen und Parkanlagen das Erscheinungsbild ein wenig aufzupolieren. Aber irgendwie war das nicht so gelungen, zum Beispiel hatte man für 20 Millionen Euro einen Platz mit Wasser- und Lichtinstallationen im Boden bauen lassen. Es sah eher aus wie Kellerfenster, und man holte sich nasse Füße beim Durchlaufen. Auch beim Unabhängigkeitsdenkmal hatte man ein wenig daneben gegangen: Es war ein Monster aus Glasplatten, die eigentlich weiß sein sollten, aber sich über Nacht gelegentlich rosa färbten. Dann werden Touristen nicht mehr auf den Platz gelassen und die betroffenen Platten schnellstmöglich ausgetauscht. Die Form des Denkmals selbst war ein Kreuz, in dessen Mitte ein Euro-Zeichen für Estland stehen sollte, darunter stand ein undefinierbarer Fleck für etwas anderes, und die Pistole daneben sollte eigentlich etwas ganz anderes darstellen, aber ich habe vergessen, was es war.
Estland hat ein ziemliches Problem mit Alkohol, oder eher mit den finnischen Touristen, die zum Saufen herkamen; so hatten sie schon zeitlichen Einschränkungen für den Alkoholverkauft gesetzt, wodurch sich ein blühender Schwarzmarkt gebildet hatte, und den Alkoholkonsum auf Straßen verboten, weshalb sich die einheimischen Jugendlichen mit ihren Bierdosen auf den Rasen der japanischen Botschaft setzen. Die einzige Möglichkeit, einer Strafe wegen Trinkens auf offener Straße zu entgehen, ist zu behaupten, dass man den Alkohol geerbt habe, gab sie uns als Tipp noch mit auf den Weg; oder einfach dummer Tourist spielen, das ziehe immer.
Gerade als wir vor dem Gebäude des KGB angekommen waren, begann es wie aus Eimern zu regnen. Dutzende Kameras beobachteten uns, als wir versuchten unter der nahegelegenen Brücke Schutz zu suchen. Die Fenster wirkten trüb und undurchsichtig, was vor allem daran lag, dass innen Betonblöcke davor angebracht waren, erklärte unsere Stadtführerin. Damals war man ziemlich paranoid; als die olympischen Spiele 1980 teilweise nach Tallinn ausgelagert wurden, hatte der KGB die halbe Stadt verwanzt; im größten Hotel wurden sogar Abhörgeräte in der Dusche und unterm Bett gefunden. Der KGB saß übrigens auch im Keller der größten russischen Kirche hier, erzählte sie. Aber sie hatte auch gemeint, dass das öffentliche WC davor das teuerste Hotel der Stadt war, weshalb ich nicht für den Wahrheitsgehalt dieser Aussage einstehe.
Der Regen wurde so stark, dass er sogar schon oben aus der Dachrinne heraus kam; die steinigen Gassen wurden zu Flussbetten, und ich dachte schon, es würde die ersten Autos wegspülen. Die Brücke hielt die Nässe nicht besonders gut ab, und unsere Schuhe weichten langsam durch, da selbst auf den Bürgersteigen das Wasser einen Zentimeter hoch stand. So lange standen wir dort, dass unserer Stadtführerin die Amerikaner-Witze ausgingen, und die ersten aus der Gruppe verabschiedeten sich. Sie beschloss, die Tour trotz allem noch fertig zu führen und brachte uns erstmal auf ein hoch gelegenes Plateau, das zu einem Restaurant gehörte und durch Sonnenschirme ein wenig Schutz vor dem Regen bot. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viel Regen so lange fallen sehen. Als er langsam nachließ, gingen wir die restlichen 500 Meter bis zum Treffpunkt zurück, wo sie mit charmantem Lächeln um etwas Trinkgeld bat. Die Postkartenverkäufer verkauften mittlerweile Regenschirme.
Noch einen letzten Tipp gab sie uns mit: Wenn man etwas Spezielles brauche, müsse man einen Taxifahrer ausfindig machen; der habe alles von der Waschmaschine bis zur Kalaschnikow. Nur mitfahren sollte man nicht.
So vollkommen durchnässt wie wir waren, wollte ich die Stadtbesichtigung nicht mehr wie geplant auf eigene Faust fortsetzen. Wir nahmen den Bus zurück um uns zu trocknen und vielleicht noch mal ins Zentrum zu fahren. Da es aber immer noch regnete, als wir in der Plattenbausiedlung unseres Gastgebers ankamen, nahmen wir noch einen Abstecher zum Supermarkt - in trockener Kleidung ist es immer so eine Überwindungssache, das Haus noch mal für Lebensmittel zu verlassen, wenn man eigentlich noch genug zu Hause hatte. Aber ich wollte mal ein bisschen mehr Luxus als geschmierte Brote ohne Butter.
Es sollte mal ein Abendessen geben, das nicht aus Nudeln bestand. Fischstäbchen mit Pommes klang nach drei Wochen Nudel-Sandwich-Diät wie Himmel, Engel und Trompeten. Alle Lebensmittel waren so billig, dass wir sogar dieses von außen tiefschwarz aussehende Brot kauften, das wir schon in Helsinki gesehen hatten. Es schmeckte außerordentlich gut; eine Mischung zwischen frischem deutschen Schwarzbrot und Lebkuchen, und es blieb sehr lange so weich und saftig.
Eine heiße Dusche wäre nicht schlecht gewesen, aber es war ein Luxus, den wir hier nicht hatten. Stattdessen setzten wir uns vor den Fernseher und erwärmten die Pommes in der Mikrowelle, die Fischstäbchen in der Pfanne. Dazu gab es Joghurt und saure Pflaumen. Die Pommes waren zwar versalzen, und die Fischstäbchen hatten noch nie Fisch gesehen, aber es fühlte sich an wie - nun ja, Himmel und Engel und Trompeten. Im Fernsehen lief eine ganze Menge, sogar einige deutsche Sender; irgendwie blieb ich an russischen Trickfilmen hängen. Matthias war's recht, solang ich ihn 18:10 die Simpsons anschauen ließ. War das 17:10 oder 19:10 hiesiger Ortszeit? Zeitzonenwechsel können verwirrend sein. Ich bemerkte auch, wie mein Körper noch nach GTM+1 lebte: Ich wurde 23 Uhr schon müde, konnte dafür aber um 8 Uhr morgens problemlos aufstehen - wo ich doch sonst nicht vor Mitternacht ins Bett kam, und am liebsten bis zum Mittag schief. Vielleicht war es auch der Computerentzug, denn nirgendwo kann man leichter die Zeit vergessen als mit Notebook im Bett liegend.
Ich glaube, es überrascht niemanden, dass wir nicht noch einmal in die Stadt gefahren sind. Unser Gastgeber kam erst spät zurück und verschwand in seinem Schafzimmer als er uns im Wohnzimmer sitzen sah. Erst als wir das Wohnzimmer verließen, setzte er sich dort vor den Fernseher. Mir war es mittlerweile egal, da wir sowieso morgen früh abreisen würden. Man kann nicht mit all seinen Gastgebern die dicksten Freunde werden.
Schönes mittelalterliches Tallinn



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