Die Katze hatte es auf Matthias abgesehen. Während er geschlafen hatte, schlich sie um ihn herum wie um eine leckere Beute. Dann holte sie mit der Pfote aus und zerkratze ihm den Fuß. Davon war er aufgewacht und hatte sie verjagt. Dann begann das Spiel von neuem.
Gequält zeigte er mir seine Wunden. Nächste Nacht wollten wir die Katze aussperren. Das wollte sie aber nicht.
Doch zunächst brach ein neuer Tag in Helsinki an. Wir verließen das Haus früher als nötig; nur um den Geruch los zu werden. Die Freundin unseres Gastgebers hatte angedeutet, eventuell mit uns gemeinsam in die Stadt zu fahren, doch als ich an ihr Zimmer klopfte, aus dem der Fernseher zu hören war, lagen beide noch nackt im Bett, und sie meinten, dass sie sich nicht so gut fühlten, und wir allein gehen sollten. Was sie natürlich nicht davon abhielt, am Abend auf eine Party zu gehen, sich hemmungslos zu betrinken und erst in den Morgenstunden wieder aufzutauchen und das Bad vollzukotzen. Aber ich eile schon wieder vorraus.
Zunächst gab es Frühstück, frisch aus dem Suppermarkt. Irgendwie kamen wir darauf, dass es eine gute Idee wäre, auf nüchternen Magen einen Liter Vanilleeis mit einem Liter Erdbeersoße zu essen und danach Bahn zu fahren. Nur so viel: War nicht unser bester Einfall.
Das Wohngebiet lag so weit außerhalb von Helsinki, dass es für uns güstiger war, den Zug zu nehmen; Fahrscheinautomaten gab es weit und breit keine, dafür wurden Tickets in speziell gekennzeichneten Wagons verkauft; der Verkäufer kam auf Handzeichen und verkaufte eine Einzelfahrt, kontrollierte aber nicht diejenigen, die sich nicht meldeten, ob sie denn ein Ticket besaßen. Ich hatte den Eindruck - auch im Gespräch - gewonnen, dass wir die einzigen Rucksackreisenden waren, die immer brav ihre Fahrkarten lösten, denn offenbar macht sich kein Verkehrsbetrieb die Mühe, Rechnungen und Mahnungen in ein anderes Land zu schicken.
Der Zug hielt an mehreren Stationen, und an jeder stiegen Personen ein, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Eine Gruppe Punkmädchen mit zerissenen Strumpfhosen, ausgeflippte Teenager und Mädels mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel. An der nächsten Station war es eine Gruppe musmischer Mädchen, die bis zum abgeschürten Kinn zugeknöpft waren, dann kamen die Geschäftsmänner in billigen Anzügen und schlecht sitzenden Kravatten. Erst im Zentrum mischte es sich wieder.
Helsinkis Zentrum war eine kunderbunter Mischung aus Touristen, Einheimischen auf Einkaufsbummel, Straßenmusikern und geschäftstüchtigen Touristenabzockern, zum Beispiel mit Ponys für die verwöhnten Kinder der reichen Touristen, oder mit Eisstand und Preisen für die man in Deutschland den ganzen Eisstand bekommen hätte. Die Straßenmusiker schienen die Straßenkreuzungen stundenweise gebucht haben, und ließen sich durchaus etwas einfallen, um sich gegenüber der Konkurenz durchsetzten zu können - ob nun mit E-Gitarre und Verstärker, Alpenhöernern oder zu einem Musikinstrument umgeformten Metallschrott.
Am Hafen befand sich ein Marktplatz, auf dem hauptsächlich Souveniers verkauft, aber auch in riesigen Pfannen Sprotten und andere Fischsorten gebraten wurden, die man direkt dort auf den Holzbänken und unter Sonnenschirmen essen konnte. Aus Prinzip aßen wir unsere Sandwiches, obwohl der Lachs schon lecker roch...
Unser Ziel war das Hafengebäude um uns nach einer Fähre Richtung Talllin umzusehen, wobei wir am liebsten sofort losfahren wollten, aber wir wollten unser Glück mit dem neu gefundenen Gastgeber nicht auf die Probe stellen. Die Überfahrtspreise waren für diese kurze Strecke von etwa zwei Stunden erstaunlicherweise höher als für die Überfahrt nach Turku. Oder vielleicht nicht erstaunlicherweise, sondern konsequenterweise, denn im Zeitraum von zwei Stunden neigt man weniger dazu, seine gesamte Urlaubskasse zu verspielen, während auf hoher See schon eher ein Titanik-Gefühl aufkommt: Es gibt kein Morgen...
Wir erfuhren, dass Silja-Lines von einem ganz anderem Hafen abfuhr, Viking die teuerste Linie war, und Linda Line auf dem Prospekt die schicksten Boote hatte. So gingen wir unverricheter Dinge zurück in die Innenstadt. Auf dem Weg, oder besser auf einem Berg, lag eine wunderschöne russische Kirche. Als wir keuchend oben ankamen, erfuhren wir, dass sie heute geschlossen war. Der heutige Tag schien sich ohne Besonderheiten dem Ende zuzuneigen - bis wir laute Musik hörten. Dem Geräusch folgend gerieten wir mitten in eine wartende Menschentraube, die sich an einer großen Straßenkreuzung angesammelt hatte. Dann kamen die ersten nummerierten Menschen die Straße angerannt. Es war der Stadtmaraton von Helsinki. Immer mehr Leute rannten hinterher; der Strom riss auch nach 10 Minuten nicht ab. Irgenwann wurde es uns zu langweilig und wir überquerten die Straße schnell zwischen zwei Läufern. Der eine fühlte sich gestört und pöpelte Matthias an. Dann eben nicht. Die nächste Straße, die sie für sich beansoruchten, überquerten wir nicht mehr, sondern ließen uns am Rand nieder, tranken demonstrativ Wasser und machten uns lustig über die Idioten, die bei diesem heißen Wetter mit der Zunge am Boden kilometerweise rannten. Eigentlich gibt es nur einen Grund zu rennen: Wenn jemand oder etwas hinter einem her ist.
Sonst gab es heute keine weiteren Erkenntnisse. Nein, doch noch eine:
Selbst in Helsinki, nicht nur in den Grenzbereichen ist alles zweisprachig: Finnisch und schwedisch. Straßenschilder, Bahnansagen, Ortsnamen,... meine Geschichtskenntnisse im Bereich Skandinavien sind zwar ein wenig lückenhaft, aber was ich mir auf unserer Reise zusammenreimen konnte, war: Es scheint, als wäre Finnland einmal ein Teil von Schweden gewesen, was wiederum mal ein Teil von Dänemark war, wovon sich irgendwie eine norwegische Monarchie abgespalten hat. Das ging alles ganz friedlich und nun leben sie alle glücklich in Zweisprachigkeit, wobei sich Schweden, Dänen und Norweger sowieso mehr oder weniger verständigen können.
Matthias wollte noch nicht in das Katzenhaus zurück. Eigentlich gar nicht mehr. Wir hatten ja auch ein Zelt für Notfälle dabei, und das war einer, behauptete er. Aber wir hatten keinen Schlüssel und unsere Gastgeber wollten auf eine Party. Mühsam bewegte ich Matthias zum Gehen.
Das Biest wartete schon auf ihn. Ihr Blick sagte: Ich warte, bis du eingeschlafen bist,... Unsere Gastgeber verschwanden gleich nach unsere Ankunft, und so blieben wir mit der Katze allein. Matthias begann den Kampf gegen die Katze. Er nahm ihr Lieblingsspielzeug, lockte sie aus unserem Zimmer und schloss die Tür. Sie ging nicht ganz zu, weil ein Fell darüber hing. Matthias stellte etwas vor den Türspalt. Eine Minute später saß die Katze wieder im Raum und schaute spöttisch. Matthias nahm das Fell von der Tür, jagte die Katze nach draußen und schloss die Tür wieder. Schon sprang sie durch die Durchreiche zur Küche wieder hinein ins Zimmer. Es stand 3:1 für die Katze. Geschlagen gab Matthias auf und legte sich eine weitere Decke über die Beine um das Kratzen abzumildern. Er ging schlafen. Nun waren nur noch ich, die Katze und mein Smartphone, auf dem ich Tagebuch schrieb. Plötzlich fand sie dieses Gerät unheimlich faszinierend und schlich um mich herum. Sie schien sich aber nicht so recht zu trauen, bis sie plötzlich mit einem Satz auf meiner Sofalehne landete. Wir starrten uns in die Augen wie erbitterte Gegener. Ich nahm meine Wasserflasche und hielt sie wie ein Schwert vor mich hin. Die Katze schreckte zurück. Ich hielt ihr die Flasche vor die Füße, woraufhin sie zurück rutschte - ein Stück, und noch ein Stückchen, und dann plumpste sie wie ein nasser Sack von der Sofakante. 1:0 für mich.
In dieser Nacht startete sie keinen neuen Angriff.
16.8.
Der Morgen begann wie gestern - mit Ekel. Wir schälten uns aus den Schlafsäcken. Unsere Gastgeber waren gegen 4 Uhr morgens nach Hause gekommen, hatten erbrochen und würden ihr Zimmer heute eh nicht verlassen, also beschlossen wir allein loszuziehen. Ich kam gerade aus dem Bad, als ich einen Mann bemerkte, der aus dem Schlafzimmer kam - es war nicht unser Gastgeber, oder hatte er sich etwas Haare geschnitten? War es gar der Liebhaber seiner Freundin? Der Mann stellte sich als Studienkollege vor. Die Party gestern war zu lang geworden und er hatte allein nicht mehr nach Hause gefunden, also war er mit den beidEn heimgekommen und hatte wie ein Hund zusammengerolt zu Füßen geschlafen. Da dies ein wenig unbequem war, und er jetzt wieder laufen konnte, verließ er mit uns zusammen das Haus. Anders als unsere Gastgeber plauderte er lebthaft mit uns; er sagte, er war immer froh, neue Leute zu treffen. Wir glaubten ihm.
Als erstes fuhren wir wieder zum Hafen um nun endlich Fährtickets zu organisieren. Linda-Line hatte entgegen dem ersten Eindruck doch die billigsten Tickets, da es Studentenrabatt gab. Linda-Line hatte aber nur ein kleines Boot, vielleicht auch gar keins, denn alle Überfahrten waren gestrichen; es hieß, wegen des Sturms. Das Wetter sollte so bleiben, wie es war, hieß es im Wetterbericht. Wir buchten trotzdem, da sie uns kostenlos auf eine andere Gesellschaft umbuchen versprachen. Und tatsächlich am Abend kam die SMS, dass wir uns melden und eine andere Linie aussuchen sollten. Wir waren gerade in einem Stadtteil, der vor allem aus Plattenbausiedlungen zu bestehen schien; wir waren aus purer Langeweile auf eine Kirchturmspitze zugelaufen, die ich zuerst für einen Hotelturm hielt, der eine gute Aussicht versprach. Die Kirche war zugänglich, aber als wir sie betraten, begann Orgelmusik zu spielen und ich fühlte mich plötzlich wie auf einer Beerdigung, zu der niemand kam. Mit Gänsehaut verließ ich diesen Ort.
Draußen war es noch immer warm, aber eine frische Prise zog auf. Wir mussten noch fast eine Stunde laufen bis wir wieder am Hafen waren; die Füße schmerzten nun merklich. Wir ließen uns Tickets für die Viking-Linie geben, die morgen eine Stunde später fahren sollte, und schleppten uns nach Hause. Wir besorgten nicht mehr viele Vorräte, weil in den baltischen Staaten alles viel billiger sein würde. Wir scherzten auch schon wieder, dass wir morgen endlich wieder essen könnten - vielleicht sogar essen gehen. Wir besorgten uns noch einmal finnisches Brot, oder eher die alten, dünnen Schwarzbrotkrusten, die in Finnland als Brot verkauft werden und schon in Turku so lecker mit gesalzener Butter geschmeckt hat...


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