28.7.
Ich musste früh aufstehen nach nur sieben Stunden Schlaf, denn immer schon eine Stunde vor der Ankunft am Zielbahnhof mussten die Bett abgezogen und die Bettlaken zum Zugbegleiter geschafft werden. Bei Kate im letzten Zug hatte ich gesehen, dass sie bei zwischendrin aussteigenden Reisenden genau registriert hat, von welchem Platz die Wäsche gekommen war, und ob das Bündel auch komplett war - nämlich aus zwei Laken, einem Kopfkissenbezug und einem Handtuch bestehend. Doch an einem Endhaltepunkt machte man sich wohl nicht die Mühe, oder vielleicht war das Chaos gar nicht in den Griff zu bekommen, denn der Wäschehaufen wuchs so schnell in einem regelrechten Wäscheberg auf dem Gang, dass der Zugbegleiter kam nachkam, die Wäsche in die dafür vorgesehenen Säcke zu stopfen, in denen sie zur Wäscherei gebracht wurden.
Prinzipiell wurden auch alle Reisenden eine Stunde vorher schon geweckt um ihnen die Chance zu geben, noch einmal in den Waschraum gehen zu können bevor dieser 30 Minuten vor der Einfahrt im Bahnhof abgesperrt wurde.
Dichter Nadelwald zog an meinem Fenster vorbei, und noch dichterer Nebel hing zwischen den Bäumen; ich spürte feuchte Kälte von draußen. Dazwischen standen rundgebogene Birken, deren Kronen den Boden berührten. Hier waren seltsame Kräfte am Werk.
Wahrscheinlich hatte jemand schlechte Laune gehabt, dachte ich mir beim Anblick des Wetters, denn Eva hatte mir eine weitere Legende erzählt: Das Wetter der Insel Olchon wurde durch die Laune seiner Besucher beeinflusst. Sie war fest davon überzeugt, dass man die Insel nur mit guter Laune betreten durfte, sonst gäbe es kaltes Regelwetter - aus diesem Grund hatte sie es selbst einmal vermieden auf die Insel zu fahren. Weiterhin wurde der Irrglauben verbreitet, auf der Insel Olchon gäbe es ansonsten unglaublich viel Sonnenschein, 340 Sonnentage im Jahr. Ich hatte gar nicht daran gedacht, diese Information nachzuprüfen und hatte mir nur das nötigste in meinen Rucksack gepackt, also nur einen leichten Pullover für die kühleren Abendstunden und keine Halbschuhe zum Wechseln, und an den Füßen trug ich nur meine Sandalen.
Später las ich, dass es nur 220 Sonnenstunden und 660mm Niederschlag im Jahr gab, wovon der meiste Regen im Juli fiel, also gerade zu der Zeit, die ich auf der Insel verbringen wollte. Im Moment meiner Ankunft jedoch hielt ich das kühle und nebelige Wetter für eine Erscheinung der frühen Morgenstunden, das sich bald durch die Sonne auflösen würde.
Meine Sitznachbarn wollten auch nach Olchon, hörte ich aus ihren Gesprächen heraus; ein Mädchen half mir den Koffer runterzuheben, verschwand dann jedoch mit ihren Freunden in der Menge. Die große Digitaluhr am Bahnhof zeigte 2:41 Uhr Moskauzeit. Es war kurz vor 1 Uhr nachts in Deutschland. Hier in Irkutsk war es gleich 8 Uhr. Ich fühlte mich wie erschlagen und vollkommen aus der Zeit heraus. Nun musste ich meinen großen Koffer für die nächsten Tage irgendwo einlagern, irgendwie innerhalb der nächsten Stunde zum Busbahnhof kommen und dort den Bus nach Olchon finden, dort eine Unterkunft suchen und herausfinden, was man auf dieser gottverlassenen Insel eigentlich machen konnte.
Es war nicht schwer, den Raum zur Gepäckabgabe zu finden, denn er war sogar englisch ausgeschilderte gewesen, aber koffergeeignet war auch dieser Bahnhof nicht, und der Gepäckraum befand sich im Keller.
Die Abgabe selbst war problemlos, mein Koffer wurde durch einen Angestellten in die Gepäckablage geschafft, nachdem er meinen Reisepass registriert hatte und mir einen Kalender gezeigt hatte um sicher zu gehen, dass wir uns verstanden, wie lang ich meinen Koffer hier aufbewahren wollte. Ich bezahlte 290 Rubel für 3 Tage und bekam ein ausgewaschenes Holzstück mit einer Nummer darauf. Der Angestellte verabschiedete sich auf Englisch von mir. Irkutsk musste eine echte Touristenanlaufstelle sein, und neben Jekaterinburg oft der einzige Zwischenhalt der touristischen Transsib-Reisenden.
Nun stand ich in meinen Sandalen und der dünnen Allzweckjacke vor dem Bahnhof und sah mich zwischen den unzähligen parkenden Autos, Taxis, Bussen und Minibussen um. Schon wieder allein ins Unbekannte unterwegs - was dachte ich mir nur immer dabei? Doch wie immer half mir der Zufall.
Ich wusste, dass ich die Haltestelle von Minibus Nummer 64 finden musste, aber es gab aber keine. Ich sah einige Male einen Minibus Nummer 64 vorbeifahren, der aber keine Anstalten machte, anzuhalten. Wie ich so dort stand und hin und her lief, wurde ich von wartenden Fahrer angesprochen, der mich schlicht "wohin?" fragte. Nein, er fuhr nicht zum Busbahnhof, aber er fragte seinen Kollegen, der meinte, nur 64 fuhr dorthin, aber die 64 fuhr genau hier ab, wo ich gerade stand, sagte er. Ich sah die 64 nun zum wiederholten Male voll an mir vorbei fahren, hielt dennoch die Hand raus, und ich konnte es selbst kaum glauben: Der Bus hielt an. Ich rannte - genau ein Sitz war noch frei, es war der ausklappbare an der Tür. "Avtovokzal?, fragte ich meinen Sitznachbarn. Der Passagier nickte.
Es war ziemlich unbequem; ich musste immer hinausspringen, wenn jemand aussteigen wollte, aber ich konnte mich Stück für Stück zu bequemeren Sitzplatz vorarbeiten und kam schließlich nah genug an den Fahrer herum um ihn nach dem Busbahnhof fragen, denn ich hatte schon mitbekommen, dass er nur an den Haltestellen anhielt, die ihm von den Passagieren beim Einsteigen zugerufen wurden. Er versprach, er würde es mir sagen, wenn wir am Busbahnhof wären.
Ich war sehr dankbar, weil er ausgesprochen nett war und versuchte ihm beim Aussteigen ein Trinkgeld zu geben, aber er hupte so lange bis ich zurück kam und mein Wechselgeld nahm.
Nun stand ich an einem Gebäude, das wie ein Busbahnhof aussah, und drinnen gab es tatsächlich eine Verkaufsstelle. Ich ging zur Kasse und fragte nach einem Bus nach Olchon, aber sie hatte keine Ahnung, oder keine Lust, oder beides, und schickte mich mit einer unwilligen Kopfbewegung nach draußen.
Ich ging zwischen den Minibussen durch und sah mir die Pappschilder mit ihren Ziele an, die in ihren Fenstern hingen. Da bemerkte ich weitere Busse auf der anderen Straßenseite, und noch ein zweites Busbahnhofgebäude, das sogar größer wirkte. Ich überquerte die Straße und ging um das Gebäude herum und sah einige Buchten für Busse mit den entsprechenden Schildern, die ihre Ziele anzeigten. Artjom hatte mir den Namen des Hauptdorfs der Insel aufgeschrieben, "Xuzhir; und das stand an Perron 5 angeschrieben, aber weit und breit war kein Bus zu sehen. Ausgehängte Fahrpläne gabt es in Russland bekanntermaßen nicht.
Ich wollte gerade im zweiten Gebäude nachfragen gehen, aber hinter mir hob jemand die Stimme: "Olchon?". Ich drehte mich automatisch um. Es war ein Mann, und er hatte mich gemeint. "Avtobus?, fragte ich. "Nein, marschrutka. "Wie viel? "500 mit Gepäck.
Ich hatte nach Artjoms Angaben mit 800 gerechnet, beziehungsweise mit 250 für den 8-Uhr-Bus, der jedoch schon abgefahren war, also sagte zu. Es waren immerhin nur 13 Euro für eine mehrstündige Fahrt. Eigentlich erschien es mir irre, für einen Wochendendausflug mal eben 200 Kilometer zu fahren, aber hier waren es eben ganz andere Größenverhältnisse.
Der Mann begleitete mich dorthin, wo ich aus dem Minibus 64 ausgestiegen war, und reichte mich durch eine Reihe von Kollegen.
Am Minibus, in den ich endlich einsteigen sollte, standen schon einige Frauen und ein Hund davor. Als ich einsteigen wollte, verteidigten sie ihren Sitz und ich konnte nur noch rückwärts direkt hinter dem Fahrer Platz nehmen.
Drei Rucksacktouristen kamen dazu. Es schienen alles Russen zu sein - ich hätte eigentlich mehr Ausländer erwartet. Kurz vor 9 waren wir voll, das Gepäck mühsam verstaut, wobei die Sitze hin- und hergeklappt wurden; Rucksäcke wurden zusammengedrückt, Zelte wie Mikado-Stäbchen eingeschlichtet, dann wurden wir zum Zahlen und Anschnallen aufgefordert. Klar, wir verließen die Stadt, und es gab immer Polizeikontrolle am Stadtrand, weshalb man den Schein waren musste, dass man sich in russischen Autos anschnallte.
Wir fuhren scheinbar Ewigkeiten durch immergleiche Landschaften. Die Entfernungen, die Weite macht einen wahnsinnig. Sogar die Berge scheinen flacher zu werden um sich besser auf der Landschaft zu verteilen. Endlos zogen sich die die Straßen hinein in den Horizont. Ab und zu stand im Nirgendwo eine einsames rotes Ziegelhäuschen mit einem Schild, dass es als Bushaltestelle auswies. Niemand wartete dort, kein Bus hielt.
Neben mir saß ein Mädel, das mich etwas auf russisch fragte und überraschend mit "yes antworte, als ich sie fragte, ob sie vielleicht englisch spräche.
Eigentlich hatte sie mich nur gebeten, mit mir den Platz tauschen zu dürfen um etwas schlafen zu können, aber am Ende hatte wir die rechtliche Zeit mit Kennenlernen zugebracht. Sie hieß Kristina und meinte, mit ihnen reiste ein Schweizer, den sie im Zug kennengelernt hatten, der aber kein Wort Russisch sprach, dafür aber Englisch, französisch und deutsch; ich sprach ihn daraufhin am nächsten Zwischenhalt auf Deutsch an und erwartete ein schwitzerdütsches Kauderwelsch zu hören, aber er war aus dem französischen Teil der Schweiz und hatte einen niedlichen französische Akzent. Er hieß Dylan, war ein südländischer Typ, Bäcker, Weltreisender, und hatte in den letzten Jahren in Bayern gelebt.
Kristina und ihre Freundin Tanja kamen zu uns, sie waren neugierig geworden, was wir da auf Deutsch so sprachen. Wir wechselten auf Englisch und stellten uns alle einander vor. So hatte sich unsere kleine Gruppe zusammengefunden, und um das Bündnis zu besiegeln, teilten sie ihr Essen: Selbstgemachte Piroschki von Mutter, die mit Ei gefüllt waren, wie ich sie am liebsten mochte.
Mir war es nicht ganz gelungen, die Geschichte ihres Zusammentreffens zu rekonstruieren; sie hatten wohl Dylan im Zug von kennengelernt, die ganze Nacht geplaudert und deshalb nicht geschlafen, und ihn dann gleich am Morgen zu Verwandten mitgenommen und verpflegt, und die Mutter hatte ihm gleich noch zwei Gläser Marmelade mitgegeben. Sie lebten in Krasnojarsk und luden mich ein, auf meiner Rückreise vorbeizukommen, denn ich hatte ja sowieso einen Zwischenstopp in dieser Stadt geplant - und so begannen wir schon jetzt Pläne zu schmieden, was sie mir alles zeigen wollten: Ganz besonders interessant sei der Staudamm, der auf dem 10-Rubel-Schein abgebildet war. Ich musste ihren Eifer bremsen - ich hatte dort nur zwei Tage Aufenthalt. Wir tauschten trotzdem vorsorglich unsere Handynummern aus.
Wir erreichten bald darauf den Fährhafen am Ufer des Baikalsees, stiegen alle aus und beobachteten Fähre näherkommen und anlegen.
Das Wasser hatte am Baikalsee Trinkwasserqualität, davon hatte mir auch Albert erzählt, der einmal auf Schiff eine Rundreise auf dem See gemacht hatte, auf dem der Kapitän einen Eimer ins Wasser gelassen und wieder ins Boot geholt hatte, und dieses Wasser seinen Passagieren zum Probieren gab.
Wir vier gingen ans Ufer des tiefblau schimmernden Sees und schöpften das Wasser mit bloßen Händen heraus und tranken es aus den flachen Schalen, die wir mit den Händen bildeten. Ich fand keinen großen Unterschied zu Leitungswasser. Wahrscheinlich war das Wasser hier auch nicht so besonders sauber, wenn den ganzen Tag Fähren hier anlegten. Am nördlichen Ende sei der See unglaublich sauber, sagte man - dort, wo er von den Quellflüssen aus dem hohen Norden Sibiriens gespeist wurde.
Wir gingen zu Fuß auf die Fähre, die Minibusse fuhren neben uns her über die Eisenkette, die als Absperrung diente. Ein eisiger Wind wehte auf der Fähre, als wir das Holzpodest verließen, das hier als Anlegehafen diente. Die Wellen kräuselten sich im Wind und brachen sich an den sanft ins Wasser regenden, grün bewachsenen Landzungen und grauen Felsen. Es war der älteste und tiefste See der Welt, genauer gesagt über 1,6 Kilometer tief und 630 Kilometer lang. Die Wolken und etwas Nebel hingen tief über den Bergspitzen, aber der Himmel war aufgerissen und die Sonne beschien uns ohne viel Energie. Ich gab dem frierenden Dylan meinen Ersatz-Pullover, der ihm so klein war, dass er ihn sich um den Hals knotete. Die Mädels waren in unseren Minibus geklettert und verbrachten den Rest der Fahrt dort.
Auf der Insel angekommen, wurden wir erstmal alle in ein kleines Holzhaus geleitet, wo wir eine Art Kurtaxe oder Umweltsteuer bezahlen mussten, 25 Rubel pro Tag. Dafür bekamen eine schöne Quittung und bei Bedarf einen großen, schwarzen Müllsack kostenlos obendrauf. Dylan nahm sich einen mit und meinte, dass er ihn eventuell als Regenschutz gebrauchen konnte. Er wusste noch nicht, wo er die Nacht verbringen sollte, er hatte nur einen Schlafsack und eine Hängematte dabei, kein Zelt. Überhaupt war er wenig vorbereitet gewesen und wusste gar nicht, wie lang er auf der Insel bleiben wollte und bezahlte erstmal für drei Tage. Das einzige, was er wusste, was, dass sein Visum nur einen bestimmte Zeit lang gültig war, und dass er dann in die Mongolei weiterfahren wollte. Er hatte noch nicht mal Zugtickets gekauft, weshalb er nun auch allein unterwegs war statt mit seinem Kumpel: Die beiden hatten am Bahnhof gestanden, aber es hatte für jeden Zug nur noch ein Ticket gegeben, und so war sein Kumpel weiter nach Norden gefahren und Dylan nach Irkutsk, und nun nach Olchon. In der Mongolei wollten sie sich wiedertreffen.
Unser Minibus las uns wieder auf. Wir fuhren eine Ewigkeit über Insel, auf etwas, das keine Straße war, durch steppenartige und bergige Landschaften mit ausgedörrtem, nur in dünnen Büscheln wachsendem Gras, aber kamen dabei immer wieder in Wassernähe, denn Olchon war zwar eine sehr lange, aber auch sehr schmale Insel.
Ab und an sahen wir die einfachen Holzhütten eines Dorfes auftauchen und wieder verschwinden. Dann, nach über einer Stunde, hielten wir in einem größeren Dorf - es war das Hauptdorf Xuzhir, Chuschur ausgesprochen. Es machte schon den Eindruck einer Kleinstadt, an der im Moment eifrig gebaut wurde. Überall lagen Bretter an Grundstücken und halbfertige Holzhäuser erhoben sich aus dem sandigen Grund.
Und da standen wir nun ohne Plan. In Couchsurfing hatte ich nur eine einzige Person auf der Insel gefunden, die aber gerade nicht mehr auf der Insel wohnte; außerdem war die Jugendherberge "Nikita's Homestead" dort vertreten gewesen, aber deren Preise kamen laut der Internetankunft schon fast an ein Hotelzimmer heran.
Die Mädels wollten mit Freunden zelten gehen, denn der Himmel sei so riesig und voller Sterne in der Nacht, hatte sie ihnen vor einigen Tagen begeistert berichtet und sie eingeladen, auch nach Olchon zu kommen. So waren Kristina und Tanja spontan losgereist ohne überhaupt irgendwen zu informieren bis sie schon auf dem Weg waren. Nun warteten die beiden wie bestellt und nicht abgeholt auf ihre Freunde, die versprochen hatten, sie bei ihrer Ankunft abzuholen. Auf dem Handy konnten sie aber niemanden erreichen.
Dylan entschloss sich, mich zu begleiten, während ich auf Quartiersuche ging. Ich bemerkte, dass wir direkt vor der Touristeninformation standen und schlug vor, dort nachzufragen. Ich hatte von Gergö und dem Mädel aus dem Bus nach Datsan von einer Unterkunft für nur 100 Rubel pro Nacht gehört, aber in der Touristeninfo schüttelte das Mädchen mit den strohblond gefärbten Haaren nur den Kopf.
Sie war die einzige die hier Englisch sprach und meinte, 350 Rubel sei das billigste, das sie hier gelistet hatte, und selbst das könnte schwierig zu bekommen sein, weil wir in der Hauptsaison angekommen waren und alles bereits von Rucksacktouristen belegt war. 350 Rubel stand auch ins Dylans Reiseführer - ein paar herausgerissene Seiten aus einem "Lonely Planet" - dem ultimativen englischsprachigen Reiseführer für Rucksacktouristen.
Wir gingen also zu Nikita's Homestead um nach einer preiswerten Unterkunft zu fragen. Es war nicht schwer zu finden gewesen, nur einige Straßenecken von der Touristeninfo entfernt und mit einem großen, freundlichen und selbstgemaltem Holzschild gekennzeichnet. Das ganze Gelände wirkte, als wäre es von ein paar Abenteurern und Idealisten eigenhändig aufgebaut worden, aber das war wohl nur ein Image. Als wir durch das Tor traten, kamen wir an eine Hütte, die als Rezeption diente. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuß, denn es gab überhaupt keine Zimmer mehr in dieser Jugendherberge. Und schon allein ein Stellplatz für ein Zelt hätte 250 Rubel pro Nacht gekostet. Sie boten uns als Alternative ein Zimmer in einer anderen Unterkunft für 800 Rubel Pro Nacht an, aber das Essen hier vor Ort sei inklusive.
Das war Dylan definitiv zu teuer; er hatte auf seiner ganzen Reise noch nichts für eine Unterkunft bezahlt, aber für seine Hängematte standen hier einfach zu wenige Bäume in der Nähe. Und auch ich dachte, es müsse eine Alternative geben - die eigentlich ganz offensichtlich war: Auf unserem Hinweg zu Nikita's Homestead hatten uns zwei Großmütterchen angesprochen, und ich war mir relativ sicher, dass sie uns ein Zimmer angeboten hatten. Man hörte doch immer, wie Reisende in Russland bei Privatleuten für einen geringen Preis unterkamen. Nur leider ließen sich die Großmütterchen auf unserem Rückweg nicht mehr blicken. Sollten wir einfach irgendwo klopfen und nachfragen? Ich hatte eine bessere Idee und ging mit Dylan zurück zur Touristeninfo, wo ich meine Idee dem strohblonden Mädchen unterbreitete. Sie erklärte sich nach etwas freundlichem Geplauder - und nachdem ich ihr eine Landkarte abgekauft hatte - dazu bereit, uns für eine Tafel Schokolade zu helfen, eine Privatunterkunft zu finden.
Ihr Name war Natalja. Sie sah im Licht noch schriller aus als zuvor in dem dunklen Verkaufsraum; sie trug eine leuchtend blaue Stretchhose passend zum Kopftuch, und eine große Brille.
Sie ging uns voraus die Leninstraße entlang, die wie in jeder russischen Stadt eine Hauptstraße darstellte und hier eher ein offener Platz zwischen zwei Reihen aus Höfen war.
Natalja klopfte an einer Hoftür, öffnete und rief nach dem Hausbesitzer, während sie langsam hinein ging. Sie gestand, dass sie unheimliche Angst vor Hunden hatte und hoffte, dass hier keiner frei herum lief. Eine ältere Frau kam aus dem Haus; sie wechselten ein kurz angebundene paar Sätze, dann gab uns Natalja ein Zeichen zum Gehen. Sie erklärte uns, dass sie dieser Frau letzte Woche Gäste vermittelt hatte, die sich jedoch schlecht benommen hatten und jetzt hätte sie die Nase voll von Gästen.
Beim nächsten Hof kamen uns zwei kleine, liebe Hunde entgegen, die Natalja einen riesigen Schreck einjagten aber so harmlos waren, dass sogar ich sie ohne weiteres streichelte um sie von Natalja fern zu halten. Doch auch hier hatten wir keinen Erfolg; diese Unterkunft war bereits belegt. Aber schon am nächsten Hof hatten wir Glück - man war bereit, uns für 350 Rubel pro Person und Nacht eine Unterkunft zu geben. Ich sagte sofort für zwei Nächte zu, nur Dylan war sich noch unschlüssig und bezahlte schließlich für eine Nacht.
Wir stellten bald fest, dass wir nicht etwa in einer großen Privatunterkunft gelandet waren, sondern in einer Art Null-Sterne-Hotel. Das zweistöckige Haus schien in aller Eile aus Holzlatten zusammengebaut worden zu sein und bestand im oberen Stockwerk nur aus spartanischen Kammern mit jeweils zwei Betten, die aus den gleichen Holzlatten gebaut worden waren und noch nicht mal Matratzen enthielten. Es gab keinerlei Isolation, weder im Boden noch im einfachen Fenster, aber es gab frische Bettwäsche auf die dünnen Decken, die das Bett bildeten. Doch wir sollten schon am nächsten Morgen dankbar darüber sein, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben, und billiger als 350 Rubel bekam man hier sicher kein Zimmer, denn bei näherer Betrachtung war dieser Ort ein Touristendorf, das wohl in den letzten Jahren von einer kleinen, unbedeutenden Siedlung zu einer versteckten Hotelanlage gewachsen war. Man gab sich auch wirklich alle Mühe, den Schein aufrecht zu erhalten und baute sämtliche neue Häuser im Stil der alten Dorfhäuser, nur etwas billiger, sodass es genauso aussah, wie sich Touristen Russland vorstellten: Eine Siedlung aus windschiefen Bruchbuden ohne fließend Wasser. Das Wasser wurde tatsächlich aus dem Baikalsee gepumpt und bis vor wenigen Jahren hatte es noch nicht mal einen Anschluss ans Stromnetz gegeben. Warmes Wasser gab es nur, wenn man das eisige Baikalseewasser kochte, oder im Banya, das gegen eine Gebühr von 500 Rubel angefeuert wurde.
Wir stellten unsere Taschen im Zimmer ab und erhielten einen Schlüssel dafür. Nur die Tür ließ sich damit nicht zusperren, weil sich das Holz verzogen hatte. Unsere Gastgeberin warf sich mit der Schulter gegen die Tür und drehte gleichzeitig den Schlüssel. Erst im Laufe des Tages fand ich heraus, dass man die Tür etwas zu sich ziehen musste, sodass sie nicht ganz am Rahmen anlag, und dann funktionierte das Schloss auch ohne Probleme.
Natalja verabschiedete sich; Dylan und ich gingen spazieren. Wir kamen am einzigen Konsum des Dorfs vorbei und holten uns etwas Proviant für den Ausflug, und ich erklärte Dylan beim Anstehen die Grundlagen der russischen Sprache, und wie man mit einem einzigen Wort Russisch einkaufen gehen konnte. Dann kaufte ich, was es in dem Laden gab, und das war nicht sehr viel: Äpfel, Saft und Schokolade für Natalja - aber Dinge wie Brot gab es nicht.
Ich war nun ganz froh, die Karte gekauft zu haben, die die ganze Insel sehr gut im Detail zeigte.
Ein Stück hinter Nikita's Homestead sah es auf der Karte nach einer interessanten Küste aus, und wirklich, wir kamen an einer Bucht mit einem verrosteten Fischerboot heraus, gingen die steilen und sandigen Felsen hinauf - in dem Moment begann es zu regnen und eine Unmenge Touristen kam uns von der Bucht entgegen.
In Sandalen kletterte ich die ausgetreten, sandigen Pfade die Felsen hinauf, arg aufpassend, dass ich nicht ausrutschte. Dieser Felsen im Meer sah schon eigentümlich aus; wie die Rückenflosse eines uralten Fisches. Es war der Schamanenfelsen, erfuhren wir später - einer der heilen Stätten der Insel, die kein Einheimischer betreten würde. Entlang der Felsrücken waren weiße Steinchen zu Mustern gelegt; zuerst hielt ich sie für rituelle Stätten, aber bei genauerer Betrachtung sah man Grußbotschaften in verschiedenen Sprachen und Herzen mit Namen darin.
Dennoch waren hier überall Tücher an die windschiefen Bäumchen geknotet, und an einem Weg zum Felsen hin standen mit Tüchern behängte Baumstämme und eine erklärende Tafel aufgestellt, aber diesmal nur auf russisch, so anglisiert das Dorf auch sonst war. Unter der Tafel lag eine riesige Menge Münzen, ein paar Bonbons und komischerweise auch Zigaretten in auffälligen Mengen. Als ob die heiligen Geister rauchen würden.
Hinter dem Schamanenfelsen erhoben sich weitere Felsen landeinwärts, mit einer leuchtend orangefarbenen Flechte bewachsen, und dahinter befand sich ein langer Sandstrand, der langsam in karg bewachsene Hügel überging. An einem der Waldhänge hatten einige Camper ihre Zelte aufgeschlagen; ich wunderte mich, wie sie nachts nicht aus dem Zelt hinaus rollten. Sogar eine Chemietoilette hatten sie dort an einem Baum festgebunden. Der Zeltplatz schien nicht sehr bekannt zu sein, aber Müll lag trotzdem herum, vor allem Scherben und Grillreste. Dennoch war es hier wesentlich sauberer als die russische Natur an anderen Orten.
Wir versuchten baden zu gehen; ich hatte meinen Badeanzug drunter, aber weiter als bis zu den Knien kam ich nicht ins Wasser, denn es ließ einem sofort die Zehen gefrieren, und es war einfach schon zu spät am Abend und die wieder aufgetauchte Sonne hatte nicht mehr genug Energie mich nach einem Bad wieder aufzuwärmen. Dylan stimmte mir zu, es lieber morgen Mittag noch mal zu probieren.
Wir lagen eine Weile im Sand und ich ließ in durch meine Finger rinnen und begutachtete ihn; es war grobkörniger, kristalliner Sand, klar wie Bergkristall, manchmal rot, grün oder lila.
Dylan überlegte sich, morgen Nacht hier seine Hängematte aufzuhängen, aber jetzt erstmal gingen wir zurück ins Dorf, denn ich wollte Natalja die Schokolade geben bevor die Touristeninfo schloss. Über einen langen, ausladenden Hügel kamen wir auf einem Bogen entlang direkt zurück ins Dorf. Kristina und Tanja waren mittlerweile fort; wir hatten sie vorhin nur noch einmal kurz gesehen, als wir auf Unterkunftssuche gegangen waren. Dylan hatte ihnen sein Handy ausgeliehen, sodass sie ihre Freunde doch noch kontaktieren konnten, denn aus irgendeinem Grund funktionierte Tanjas Handy auf der Insel nicht, und Kristina hatte ihres zu Hause vergessen. Nun sah es so aus, als wären sie abgeholt worden. Wir wollten uns zwar später wieder mit ihnen treffen, aber ich glaubte nicht so recht dran.
Wir schauten schnell bei Natalja rein und ich gab ihr gleich zwei Tafeln Schokolade. Sie sah erfreut und überrascht aus, als hätte sie gar nicht damit gerechnet. Im Moment war sie über zu beschäftigt, mit uns zu reden und wir beschlossen, uns um unser Abendbrot zu kümmern. Dylan hatte noch keine Pelmeni gegessen, weshalb ich es als meine Aufgabe sah, ihm seine erste Schüssel zu kochen.
Im Konsum hatten sie zum Glück tiefgefrorene Pelmeni, aber keine saure Sahne. Ich beschloss, dass auch Mayonnaise ihren Zweck erfüllen würde.
Wir hatten die Erlaubnis erhalten, in dem Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft zu kochen, dort standen zwei Platten eines Elektrokochers. Pfannen, Teller und Besteck gab es auch, einige verstreute Lebensmittel von der letzten Zusammenkunft - aber kein Salz. Ich hörte jemanden nebenan in der richtigen Küche werkeln, klopfte an die Verbindungstür und bat um Salz. Zuerst wirkte unsere Gastgeberin etwas missmutig, denn sie war gerade mit ihrer Familie am Kochen oder Backen; sie hatte die Finger voller Mehl und fragte, ob ich mir Salz nicht selbst leisten konnte.
Dann aber half sie uns sogar beim Kochen und spendierte sie Bouillonpulver, als ich versuchte mich mit ihr zu unterhalten und sie kennenzulernen; mir gelang es sogar irgendwie einen Witz auf Russisch zu machen, oder vielleicht klang ich nur einfach lustig, jedenfalls lachte sie und das Eis war gebrochen. Sie verschwand zwar wieder in ihre Küche, sah aber immer wieder nach uns und dem Essen. Am Ende bestand sie sogar darauf, uns das Essen auf die Teller zu schöpfen.
Beim Essen faltete ich Origami für Natalja, denn ich wollte sie nach dem Essen nach Ausflugsmöglichkeiten für morgen fragen und gleich buchen - entweder das, oder die Strände erkunden. In der Touristeninformation hatten Fotos von verschiedenen Ausflügen ausgehangen, die mich neugierig gemacht hatten.
Ich brachte Natalja also einen bunten Origami-Stern und fragte sie nach Ausflügen; sie nahm sich sehr viel Zeit für uns und empfahl uns eine Rundreise die Küste entlang bis zum nördlichsten Kap der Insel. Mich hätte auch der gelbe See interessiert, der Schwefelschlamm bestand, aber Natalja war dort gewesen und empfahl es nicht. Die andere Reise hingegen sei das beste, was man von der Insel sehen konnte, meinte sie. Dann erzählte sie, dass gerade eine Gruppe Briten angekommen war, denen sie ebenfalls für eine Tafel Schokolade unserer Unterkunft vermittelt hatte, und wir sollen sie auch zu diesem Ausflug überreden und ganz allgemein den Kontakt herstellen. Ich versprach es Natalja und fragte sie noch nach der Höhe, die ich auf einem Foto gesehen hatte. Sie meinte, sie sei ganz in der Nähe, und als ich Dylan daraufhin fragte, ob wir uns die anschauen wollten, bot sich Natalja als Fremdenführerin an - wir sollten nach ihrem Dienstende um 21 Uhr vorbeikommen.
Wie versprochen stellten wir in der Zwischenzeit den Kontakt zu den Briten her, die morgen jedoch ihre zeltenden Freunde auf der Insel besuchen beziehungsweise suchen wollten, und wenig Interesse am Ausflug zeigten. Sie aßen gerade Abendbrot und zeigte noch weniger Interesse an dem Kontakt mit uns. Russen hätten uns wohl eingeladen, dachte ich etwas verstimmt, aber vermutlich waren die Briten genauso verstimmt davon gewesen, dass wir sie beim Abendessen gestört hatten. Ich hatte mich so an die russische Gastfreundschaft und Mentalität gewöhnt, dass es mehr schwer fiel, wieder europäisch zu denken. Aber das war vielleicht das beste an meiner Zeit in Russland: Wenn ich mir diese Offenheit und Menschenfreundlichkeit so verinnerlichte, dass sie mir immer bleiben würde, selbst wenn ich nicht mehr in Russland lebte. Russland würde immer ein Teil von mir bleiben, und irgendwann würde ich mit meinen Enkeln zusammensitzen, ihnen die alten vergilbten Liebesbriefe in unlesbarer, schnörkeliger Handschrift zeigen, die ich lange vorher erhalten hatte, und von meiner Zeit in Russland erzählen.
Dylan und ich gingen zur Touristeninfo; die Fahrer der Minibusse standen vor der Tür und rauchten. Ich fragte nach Natalja, denn ich konnte sie nirgendwo in dem Häuschen entdecken. Sie kam aus einem Hinterzimmer und meinte, sie sei eben noch einen Moment lang beschäftigt. Mich fröstelte etwas, deshalb bat ich Dylan hier zu warten und ging noch mal zum Haus Pullover holen; es war ziemlich frisch geworden.
Das Türschloss aufzuschließen war eine Kunst - ich kam mir vor wie ein Einbrecher mit Dietrich, denn der Schüssel musste präzise und locker sitzen, und bei der zweitem Umdrehung leicht nach draußen gezogen werden. Ich lauschte auf das Klacken, die Tür ging knarrend auf.
Bei Natalja war es wirklich nur ein Momentchen gewesen, denn als ich mit dem Pullover nach unten kam, war sie mit Dylan in der Zwischenzeit zum Haus gekommen und unterhielt sich mit den Briten. Die Jungs wollten unbedingt duschen nachdem sie zwei Tage nur im Zug verbracht hatten, aber das Banya war heute nicht angefeuert worden, und sonst gab es kein warmes Wasser. Sie sprachen davon, im Baikalsee schwimmen zu gehen, wovon ich ihnen abriet, aber Natalja lud sie zu unserem Einflug zur Höhle ein. Wir warteten also noch, bis sie ihre Badesachen geholt hatten und gingen gemeinsam.
Es war eine seltsame Truppe. Charles war ein hoch gewachsener, intelligent aussehender junger Mann, gerade mal 18 wie seine Freunde, obwohl sie viel älter aussahen. Dann war da noch Fergus der genauso aussah, wie man sich einen Jungen dieses Namens vorstellte, ein wenig wie ein Gnom. Dann war da noch ein Beatlesverschnitt im Anzug, aber vermutlich sah etwa die Hälfte aller jungen Briten wie Beatlesmitglieder aus - und dann war da noch der vierte im Bund, von dem ich kein Wort verstand, nicht mal seinen Namen. Überhaupt verstand ich nur 50% von denen, denn praktisch sprach nur Charles klares Oxford-Englisch, der Rest nuschelte mehr oder weniger in einem mir nur schwer zugänglichen Dialekt.
Nach einigen Fragen von Nummer vier, die ich kaum verstand, bat ich ihn, doch bitte englisch zu sprechen. Er lachte und hatte vermutlich mich nicht verstanden. Charles aber hatte verstanden und lachte ebenfalls; er meinte, sie wüssten schon, dass sie kein "Hoch-Britisch sprachen, aber daran konnten sie auch nicht viel ändern. Doch mit der Zeit gewöhnte sich mein Ohr auch an diese Aussprache. Dylan meinte später, er hätte die Fragen der Briten oft nur nach meinen Antworten darauf verstanden, und an Natalja redeten sie oft ganz vorbei. Wahrscheinlich war es nötig, eine Zeit lang in einem britischen Provinzkaff zu leben und die Sprache zu studieren. Meine einzige Begegnung mit diesem Dialekt war in einer alten britischen Fernseh-Soap gewesen, die sogar im Original "Auf Wiedersehen, Pet hieß. Sie spielte im Arbeiter-Milieu und der Dialekt war für mich so unverständlich gewesen, dass ich nicht einmal kurz den Inhalt der Episode hätte zusammenfassen können.
Plötzlich wurde ich von einem uns entgegenkommenden Mann mit meinem Namen angesprochen. Ich sah ihn an wie die Kuh, wenns donnert. Wer war das denn? Dann fiel mein Blick auf einen verbundene Hand, in der er eine Bierbüchse hielt - es war der Physikdoktorand aus dem Zug nach Ulan Ude. Was Russland doch für ein Dorf war! Sascha war in Irkutsk ausgestiegen, seinen Professor losgeworden und hatte sich mit Freunden auf Olchon abgesetzt, vermutete ich. Wir hatten nur wenige Minuten Zeit uns darüber auszutauschen, welch seltsamer Zufall es war, sich hier wieder getroffen zu haben, dann holte ich die anderen rennend wieder auf.
Natalja führte uns zu dem Schamanenfelsen, an dem wir schon heute Nachmittag gestanden hatten ohne eine Höhle entdeckt zu haben.
Briten sind bekanntlich bekloppt, und so sprangen zwei von ihnen tatsächlich in den eisigen Baikalsee, auch wenn sie schon mit den Füßen darin feststellten, dass sie erfrieren würden. Wir machten es uns auf Nataljas Regencape am Ufer bequem und machten uns über sie lustig. Demonstrativ schwammen sie ein paar Runden. Völlig erfroren kamen sie 5 min später raus. Die Sonne ging unter und es nieselte leicht. Andere Besucher hatten sich ein Feuer am Strand gemacht und grillten dort. Sie waren warm in ihre Kleidung gepackt.
Natalja fragte unsere schnaufenden und umher springenden Briten - die so nass wie sie waren versuchten wieder in ihre Kleidung zu kommen - ob sie nun noch mit zur Höhle kommen wollten, und verstand die Antwort nicht als den britischen Humor, der es war, sondern fasste es als Bestätigung auf, dass es ihnen gut ging und sie sich bestimmt keine Erkältung holen würden. Britischer Humor hieß wohl wirklich wie im Leben des Brian pfeifend und singend am Kreuz zu hängen.
Wir kletterten über einzelne, aus dem Wasser ragende Felsen, dann die brüchigen Felsen der Flosse hinauf. Es gab keine Pfade, aber einige leichter zu bekletternde Abhänge bis auf halbe Höhe, fanden die Höhle jedoch nicht, aber es erschien uns zu gefährlich, weiter hinauf oder gar auf die andere Seite zu klettern. Man sah Charles die Erleichterung an, als Natalja uns nun alle zum Tee einlud. Ursprünglich hatte sie nur Dylan und mich dazu eingeladen, weil es eigentlich nicht erlaubt war, Gäste in die Kantine von Nikitas Homestead mitzunehmen, aber nun sie schien ein Auge auf Charles geworfen zu haben.
Charles Nase leuchtete rot vor Kälte, aber hier drin war es endlich angenehm warm. Natalja holte Wasser und Teegläser für uns und ich hatte drei Teebeutel mit Früchtetee aus Deutschland dabei, die wir uns nun auf 7 Tassen verteilten. Tea Sharing war noch relativ üblich in Russland, ich hatte es immer wieder gesehen, wenn Tee nicht aus Blättern aufgebrüht wurde, sondern Teebeutel verwendet wurden.
Mir fiel es relativ schwer, mit den Briten klarzukommen, weil sie sehr zurückhaltend und höflich waren, sodass es schwierig war, auf einen gemeinsamen Nenner mit ihnen zu kommen. Sie erzählten von ihrem Reiseabenteuer in der Transsib: Sie hatten sich zu viert ein Coupe genommen, aber die Betten waren den hochgewachsenen Jungs zu klein und unbequem gewesen, weshalb sie die meiste Zeit im Speisewagen verbracht hatten. Dabei wurde einem von ihnen das Handy und sämtliches Geld aus der Brieftasche geklaut, weil er nicht auf den Gedanken gekommen waren, dass es jemanden klauen würde, wenn er es im Speisewagen auf dem Tisch liegen ließ und dann für 10 Minuten den Wagon verließ.
Ich erzählte ihnen von dem Zugbegleiter, der seinen Handyakku aufladen wollte und zu diesem Zweck das Handy in einer Schublade einschloss und nur das Kabel hinausragen ließ, sodass der Stecker gerade die Steckdose erreichte. Dies und weitere Geschichten gab ich zum besten - wie einem hier alles unter dem Hintern weggeklaut wurde, von meinem Geschirr bis zu dem Baumaterial, das Pascha vor seinem Wohnheim gefunden und mitgenommen hatte.
Die Briten fanden mich höchstamüsant, eine Schmeichelung für mich, da sonst niemand meinen Humor verstand, und stellten mir eine ganze Reihe von Fragen, die ich so gut wie möglich zu verstehen und beantworten versuchte. Vielleicht war ich aber auch die einzige, die sie nicht ständig falsch verstand. Wenn Natalja etwas ganz anderes antwortete, taten sie in ihrer Höflichkeit so, als hätten sie genau das gefragt.
Der Beatle der Gruppe studierte Jazz; Natalja war begeistert und ging zu einem alten Mann, den sie schon länger zu kennen schien, und der brachte eine Gitarre. Nun war der Beatle in der Verlegenheit, ein Lied zu spielen. Er zeigte mit flinken Fingern, dass er spielen konnte, kannte aber kein populäres Lied. Ich neckte ihn, dass er als Brite doch zumindest etwas von den Beatles spielen können musste und überlegte kurz, selbst etwas zu spielen, entschied mich aber dagegen, denn die Beatles konnte ich zum Beispiel auch noch nicht spielen.
Der alte Mann jedoch war schon eher ein Vollblutmusiker - er setzte sich ans Klavier und spielte ein klassisches Stück und sang auf perfektem britischen Englisch dazu. Shakespeare, meinte er lächelnd. Wir waren schon im Gehen begriffen und klatschten. Eine große Touristengruppe war gekommen und Natalja meinte, wir sollten besser Platz machen, wenn wir waren ja nicht ganz legal hier.
Zuerst wollten erst in einem der Pavillons weiter trinken, die sich an die Kantine reihnten, aber nun luden uns die Briten zu einem Tee in ihrer Unterkunft ein. Natalja bestand darauf, dass sie nur mitkommen würde, wenn jemand sie danach wieder nach Hause begleitete. Sie schaute dabei auf Charles.
Im Dunkeln tappten wir die unebene Straße entlang; ich nahm sie beim Arm und sie hängte sich bei Charles ein, und Dylan leuchtete mit der Taschenlampe.
Wir machten Pläne für morgen Abend, denn es sollte schon mein letzter auf der Insel sein. Natalja meinte, wir sollten meine Abreise mit einem Lagerfeuer einleiten, denn es gab einen Platz dafür und gehacktes Holz.
Wir gingen alle in den Gemeinschaftsraum, aber es war kaum Platz für uns alle am Tisch und erstrecht gab es nicht genug Tassen für alle, doch da ich nie etwas wegschmiss, hatte ich noch einen Kwas-Becher aus Ulan-Ude dabei. Nach einem Gutenacht-Karamelltee gingen die ersten müden Briten ins Bett; wir wechselten nach draußen in den Pavillon, Charles kam mit uns und saß noch eine halbe Stunde mit uns dort; er meinte, die anderen machten einen auf langweilig, unterdrückte aber selbst schon ein Gähnen und wollte offensichtlich ins Bett. Natalja wollte aber erst noch von ihm heimgeschafft werde, was unvernünftig war, da er den Weg nicht kannte, nachdem er ihn einmal im Dunkeln gelaufen war und das drückte er auch ganz vorsichtig aus. Wir überzeugten Natalja schließlich mühsam, dass Dylan und ich sie besser nach Hause schafften. Gesagt getan, aber mit Charles wollte sie kein Wort mehr sprechen, sagte sie ihm beim Abschied.
Ich musste früh aufstehen nach nur sieben Stunden Schlaf, denn immer schon eine Stunde vor der Ankunft am Zielbahnhof mussten die Bett abgezogen und die Bettlaken zum Zugbegleiter geschafft werden. Bei Kate im letzten Zug hatte ich gesehen, dass sie bei zwischendrin aussteigenden Reisenden genau registriert hat, von welchem Platz die Wäsche gekommen war, und ob das Bündel auch komplett war - nämlich aus zwei Laken, einem Kopfkissenbezug und einem Handtuch bestehend. Doch an einem Endhaltepunkt machte man sich wohl nicht die Mühe, oder vielleicht war das Chaos gar nicht in den Griff zu bekommen, denn der Wäschehaufen wuchs so schnell in einem regelrechten Wäscheberg auf dem Gang, dass der Zugbegleiter kam nachkam, die Wäsche in die dafür vorgesehenen Säcke zu stopfen, in denen sie zur Wäscherei gebracht wurden.
Prinzipiell wurden auch alle Reisenden eine Stunde vorher schon geweckt um ihnen die Chance zu geben, noch einmal in den Waschraum gehen zu können bevor dieser 30 Minuten vor der Einfahrt im Bahnhof abgesperrt wurde.
Dichter Nadelwald zog an meinem Fenster vorbei, und noch dichterer Nebel hing zwischen den Bäumen; ich spürte feuchte Kälte von draußen. Dazwischen standen rundgebogene Birken, deren Kronen den Boden berührten. Hier waren seltsame Kräfte am Werk.
Wahrscheinlich hatte jemand schlechte Laune gehabt, dachte ich mir beim Anblick des Wetters, denn Eva hatte mir eine weitere Legende erzählt: Das Wetter der Insel Olchon wurde durch die Laune seiner Besucher beeinflusst. Sie war fest davon überzeugt, dass man die Insel nur mit guter Laune betreten durfte, sonst gäbe es kaltes Regelwetter - aus diesem Grund hatte sie es selbst einmal vermieden auf die Insel zu fahren. Weiterhin wurde der Irrglauben verbreitet, auf der Insel Olchon gäbe es ansonsten unglaublich viel Sonnenschein, 340 Sonnentage im Jahr. Ich hatte gar nicht daran gedacht, diese Information nachzuprüfen und hatte mir nur das nötigste in meinen Rucksack gepackt, also nur einen leichten Pullover für die kühleren Abendstunden und keine Halbschuhe zum Wechseln, und an den Füßen trug ich nur meine Sandalen.
Später las ich, dass es nur 220 Sonnenstunden und 660mm Niederschlag im Jahr gab, wovon der meiste Regen im Juli fiel, also gerade zu der Zeit, die ich auf der Insel verbringen wollte. Im Moment meiner Ankunft jedoch hielt ich das kühle und nebelige Wetter für eine Erscheinung der frühen Morgenstunden, das sich bald durch die Sonne auflösen würde.
Meine Sitznachbarn wollten auch nach Olchon, hörte ich aus ihren Gesprächen heraus; ein Mädchen half mir den Koffer runterzuheben, verschwand dann jedoch mit ihren Freunden in der Menge. Die große Digitaluhr am Bahnhof zeigte 2:41 Uhr Moskauzeit. Es war kurz vor 1 Uhr nachts in Deutschland. Hier in Irkutsk war es gleich 8 Uhr. Ich fühlte mich wie erschlagen und vollkommen aus der Zeit heraus. Nun musste ich meinen großen Koffer für die nächsten Tage irgendwo einlagern, irgendwie innerhalb der nächsten Stunde zum Busbahnhof kommen und dort den Bus nach Olchon finden, dort eine Unterkunft suchen und herausfinden, was man auf dieser gottverlassenen Insel eigentlich machen konnte.
Es war nicht schwer, den Raum zur Gepäckabgabe zu finden, denn er war sogar englisch ausgeschilderte gewesen, aber koffergeeignet war auch dieser Bahnhof nicht, und der Gepäckraum befand sich im Keller.
Die Abgabe selbst war problemlos, mein Koffer wurde durch einen Angestellten in die Gepäckablage geschafft, nachdem er meinen Reisepass registriert hatte und mir einen Kalender gezeigt hatte um sicher zu gehen, dass wir uns verstanden, wie lang ich meinen Koffer hier aufbewahren wollte. Ich bezahlte 290 Rubel für 3 Tage und bekam ein ausgewaschenes Holzstück mit einer Nummer darauf. Der Angestellte verabschiedete sich auf Englisch von mir. Irkutsk musste eine echte Touristenanlaufstelle sein, und neben Jekaterinburg oft der einzige Zwischenhalt der touristischen Transsib-Reisenden.
Nun stand ich in meinen Sandalen und der dünnen Allzweckjacke vor dem Bahnhof und sah mich zwischen den unzähligen parkenden Autos, Taxis, Bussen und Minibussen um. Schon wieder allein ins Unbekannte unterwegs - was dachte ich mir nur immer dabei? Doch wie immer half mir der Zufall.
Ich wusste, dass ich die Haltestelle von Minibus Nummer 64 finden musste, aber es gab aber keine. Ich sah einige Male einen Minibus Nummer 64 vorbeifahren, der aber keine Anstalten machte, anzuhalten. Wie ich so dort stand und hin und her lief, wurde ich von wartenden Fahrer angesprochen, der mich schlicht "wohin?" fragte. Nein, er fuhr nicht zum Busbahnhof, aber er fragte seinen Kollegen, der meinte, nur 64 fuhr dorthin, aber die 64 fuhr genau hier ab, wo ich gerade stand, sagte er. Ich sah die 64 nun zum wiederholten Male voll an mir vorbei fahren, hielt dennoch die Hand raus, und ich konnte es selbst kaum glauben: Der Bus hielt an. Ich rannte - genau ein Sitz war noch frei, es war der ausklappbare an der Tür. "Avtovokzal?, fragte ich meinen Sitznachbarn. Der Passagier nickte.
Es war ziemlich unbequem; ich musste immer hinausspringen, wenn jemand aussteigen wollte, aber ich konnte mich Stück für Stück zu bequemeren Sitzplatz vorarbeiten und kam schließlich nah genug an den Fahrer herum um ihn nach dem Busbahnhof fragen, denn ich hatte schon mitbekommen, dass er nur an den Haltestellen anhielt, die ihm von den Passagieren beim Einsteigen zugerufen wurden. Er versprach, er würde es mir sagen, wenn wir am Busbahnhof wären.
Ich war sehr dankbar, weil er ausgesprochen nett war und versuchte ihm beim Aussteigen ein Trinkgeld zu geben, aber er hupte so lange bis ich zurück kam und mein Wechselgeld nahm.
Nun stand ich an einem Gebäude, das wie ein Busbahnhof aussah, und drinnen gab es tatsächlich eine Verkaufsstelle. Ich ging zur Kasse und fragte nach einem Bus nach Olchon, aber sie hatte keine Ahnung, oder keine Lust, oder beides, und schickte mich mit einer unwilligen Kopfbewegung nach draußen.
Ich ging zwischen den Minibussen durch und sah mir die Pappschilder mit ihren Ziele an, die in ihren Fenstern hingen. Da bemerkte ich weitere Busse auf der anderen Straßenseite, und noch ein zweites Busbahnhofgebäude, das sogar größer wirkte. Ich überquerte die Straße und ging um das Gebäude herum und sah einige Buchten für Busse mit den entsprechenden Schildern, die ihre Ziele anzeigten. Artjom hatte mir den Namen des Hauptdorfs der Insel aufgeschrieben, "Xuzhir; und das stand an Perron 5 angeschrieben, aber weit und breit war kein Bus zu sehen. Ausgehängte Fahrpläne gabt es in Russland bekanntermaßen nicht.
Ich wollte gerade im zweiten Gebäude nachfragen gehen, aber hinter mir hob jemand die Stimme: "Olchon?". Ich drehte mich automatisch um. Es war ein Mann, und er hatte mich gemeint. "Avtobus?, fragte ich. "Nein, marschrutka. "Wie viel? "500 mit Gepäck.
Ich hatte nach Artjoms Angaben mit 800 gerechnet, beziehungsweise mit 250 für den 8-Uhr-Bus, der jedoch schon abgefahren war, also sagte zu. Es waren immerhin nur 13 Euro für eine mehrstündige Fahrt. Eigentlich erschien es mir irre, für einen Wochendendausflug mal eben 200 Kilometer zu fahren, aber hier waren es eben ganz andere Größenverhältnisse.
Der Mann begleitete mich dorthin, wo ich aus dem Minibus 64 ausgestiegen war, und reichte mich durch eine Reihe von Kollegen.
Am Minibus, in den ich endlich einsteigen sollte, standen schon einige Frauen und ein Hund davor. Als ich einsteigen wollte, verteidigten sie ihren Sitz und ich konnte nur noch rückwärts direkt hinter dem Fahrer Platz nehmen.
Drei Rucksacktouristen kamen dazu. Es schienen alles Russen zu sein - ich hätte eigentlich mehr Ausländer erwartet. Kurz vor 9 waren wir voll, das Gepäck mühsam verstaut, wobei die Sitze hin- und hergeklappt wurden; Rucksäcke wurden zusammengedrückt, Zelte wie Mikado-Stäbchen eingeschlichtet, dann wurden wir zum Zahlen und Anschnallen aufgefordert. Klar, wir verließen die Stadt, und es gab immer Polizeikontrolle am Stadtrand, weshalb man den Schein waren musste, dass man sich in russischen Autos anschnallte.
Wir fuhren scheinbar Ewigkeiten durch immergleiche Landschaften. Die Entfernungen, die Weite macht einen wahnsinnig. Sogar die Berge scheinen flacher zu werden um sich besser auf der Landschaft zu verteilen. Endlos zogen sich die die Straßen hinein in den Horizont. Ab und zu stand im Nirgendwo eine einsames rotes Ziegelhäuschen mit einem Schild, dass es als Bushaltestelle auswies. Niemand wartete dort, kein Bus hielt.
Neben mir saß ein Mädel, das mich etwas auf russisch fragte und überraschend mit "yes antworte, als ich sie fragte, ob sie vielleicht englisch spräche.
Eigentlich hatte sie mich nur gebeten, mit mir den Platz tauschen zu dürfen um etwas schlafen zu können, aber am Ende hatte wir die rechtliche Zeit mit Kennenlernen zugebracht. Sie hieß Kristina und meinte, mit ihnen reiste ein Schweizer, den sie im Zug kennengelernt hatten, der aber kein Wort Russisch sprach, dafür aber Englisch, französisch und deutsch; ich sprach ihn daraufhin am nächsten Zwischenhalt auf Deutsch an und erwartete ein schwitzerdütsches Kauderwelsch zu hören, aber er war aus dem französischen Teil der Schweiz und hatte einen niedlichen französische Akzent. Er hieß Dylan, war ein südländischer Typ, Bäcker, Weltreisender, und hatte in den letzten Jahren in Bayern gelebt.
Kristina und ihre Freundin Tanja kamen zu uns, sie waren neugierig geworden, was wir da auf Deutsch so sprachen. Wir wechselten auf Englisch und stellten uns alle einander vor. So hatte sich unsere kleine Gruppe zusammengefunden, und um das Bündnis zu besiegeln, teilten sie ihr Essen: Selbstgemachte Piroschki von Mutter, die mit Ei gefüllt waren, wie ich sie am liebsten mochte.
Mir war es nicht ganz gelungen, die Geschichte ihres Zusammentreffens zu rekonstruieren; sie hatten wohl Dylan im Zug von kennengelernt, die ganze Nacht geplaudert und deshalb nicht geschlafen, und ihn dann gleich am Morgen zu Verwandten mitgenommen und verpflegt, und die Mutter hatte ihm gleich noch zwei Gläser Marmelade mitgegeben. Sie lebten in Krasnojarsk und luden mich ein, auf meiner Rückreise vorbeizukommen, denn ich hatte ja sowieso einen Zwischenstopp in dieser Stadt geplant - und so begannen wir schon jetzt Pläne zu schmieden, was sie mir alles zeigen wollten: Ganz besonders interessant sei der Staudamm, der auf dem 10-Rubel-Schein abgebildet war. Ich musste ihren Eifer bremsen - ich hatte dort nur zwei Tage Aufenthalt. Wir tauschten trotzdem vorsorglich unsere Handynummern aus.
Wir erreichten bald darauf den Fährhafen am Ufer des Baikalsees, stiegen alle aus und beobachteten Fähre näherkommen und anlegen.
Das Wasser hatte am Baikalsee Trinkwasserqualität, davon hatte mir auch Albert erzählt, der einmal auf Schiff eine Rundreise auf dem See gemacht hatte, auf dem der Kapitän einen Eimer ins Wasser gelassen und wieder ins Boot geholt hatte, und dieses Wasser seinen Passagieren zum Probieren gab.
Wir vier gingen ans Ufer des tiefblau schimmernden Sees und schöpften das Wasser mit bloßen Händen heraus und tranken es aus den flachen Schalen, die wir mit den Händen bildeten. Ich fand keinen großen Unterschied zu Leitungswasser. Wahrscheinlich war das Wasser hier auch nicht so besonders sauber, wenn den ganzen Tag Fähren hier anlegten. Am nördlichen Ende sei der See unglaublich sauber, sagte man - dort, wo er von den Quellflüssen aus dem hohen Norden Sibiriens gespeist wurde.
Wir gingen zu Fuß auf die Fähre, die Minibusse fuhren neben uns her über die Eisenkette, die als Absperrung diente. Ein eisiger Wind wehte auf der Fähre, als wir das Holzpodest verließen, das hier als Anlegehafen diente. Die Wellen kräuselten sich im Wind und brachen sich an den sanft ins Wasser regenden, grün bewachsenen Landzungen und grauen Felsen. Es war der älteste und tiefste See der Welt, genauer gesagt über 1,6 Kilometer tief und 630 Kilometer lang. Die Wolken und etwas Nebel hingen tief über den Bergspitzen, aber der Himmel war aufgerissen und die Sonne beschien uns ohne viel Energie. Ich gab dem frierenden Dylan meinen Ersatz-Pullover, der ihm so klein war, dass er ihn sich um den Hals knotete. Die Mädels waren in unseren Minibus geklettert und verbrachten den Rest der Fahrt dort.
Auf der Insel angekommen, wurden wir erstmal alle in ein kleines Holzhaus geleitet, wo wir eine Art Kurtaxe oder Umweltsteuer bezahlen mussten, 25 Rubel pro Tag. Dafür bekamen eine schöne Quittung und bei Bedarf einen großen, schwarzen Müllsack kostenlos obendrauf. Dylan nahm sich einen mit und meinte, dass er ihn eventuell als Regenschutz gebrauchen konnte. Er wusste noch nicht, wo er die Nacht verbringen sollte, er hatte nur einen Schlafsack und eine Hängematte dabei, kein Zelt. Überhaupt war er wenig vorbereitet gewesen und wusste gar nicht, wie lang er auf der Insel bleiben wollte und bezahlte erstmal für drei Tage. Das einzige, was er wusste, was, dass sein Visum nur einen bestimmte Zeit lang gültig war, und dass er dann in die Mongolei weiterfahren wollte. Er hatte noch nicht mal Zugtickets gekauft, weshalb er nun auch allein unterwegs war statt mit seinem Kumpel: Die beiden hatten am Bahnhof gestanden, aber es hatte für jeden Zug nur noch ein Ticket gegeben, und so war sein Kumpel weiter nach Norden gefahren und Dylan nach Irkutsk, und nun nach Olchon. In der Mongolei wollten sie sich wiedertreffen.
Unser Minibus las uns wieder auf. Wir fuhren eine Ewigkeit über Insel, auf etwas, das keine Straße war, durch steppenartige und bergige Landschaften mit ausgedörrtem, nur in dünnen Büscheln wachsendem Gras, aber kamen dabei immer wieder in Wassernähe, denn Olchon war zwar eine sehr lange, aber auch sehr schmale Insel.
Ab und an sahen wir die einfachen Holzhütten eines Dorfes auftauchen und wieder verschwinden. Dann, nach über einer Stunde, hielten wir in einem größeren Dorf - es war das Hauptdorf Xuzhir, Chuschur ausgesprochen. Es machte schon den Eindruck einer Kleinstadt, an der im Moment eifrig gebaut wurde. Überall lagen Bretter an Grundstücken und halbfertige Holzhäuser erhoben sich aus dem sandigen Grund.
Und da standen wir nun ohne Plan. In Couchsurfing hatte ich nur eine einzige Person auf der Insel gefunden, die aber gerade nicht mehr auf der Insel wohnte; außerdem war die Jugendherberge "Nikita's Homestead" dort vertreten gewesen, aber deren Preise kamen laut der Internetankunft schon fast an ein Hotelzimmer heran.
Die Mädels wollten mit Freunden zelten gehen, denn der Himmel sei so riesig und voller Sterne in der Nacht, hatte sie ihnen vor einigen Tagen begeistert berichtet und sie eingeladen, auch nach Olchon zu kommen. So waren Kristina und Tanja spontan losgereist ohne überhaupt irgendwen zu informieren bis sie schon auf dem Weg waren. Nun warteten die beiden wie bestellt und nicht abgeholt auf ihre Freunde, die versprochen hatten, sie bei ihrer Ankunft abzuholen. Auf dem Handy konnten sie aber niemanden erreichen.
Dylan entschloss sich, mich zu begleiten, während ich auf Quartiersuche ging. Ich bemerkte, dass wir direkt vor der Touristeninformation standen und schlug vor, dort nachzufragen. Ich hatte von Gergö und dem Mädel aus dem Bus nach Datsan von einer Unterkunft für nur 100 Rubel pro Nacht gehört, aber in der Touristeninfo schüttelte das Mädchen mit den strohblond gefärbten Haaren nur den Kopf.
Sie war die einzige die hier Englisch sprach und meinte, 350 Rubel sei das billigste, das sie hier gelistet hatte, und selbst das könnte schwierig zu bekommen sein, weil wir in der Hauptsaison angekommen waren und alles bereits von Rucksacktouristen belegt war. 350 Rubel stand auch ins Dylans Reiseführer - ein paar herausgerissene Seiten aus einem "Lonely Planet" - dem ultimativen englischsprachigen Reiseführer für Rucksacktouristen.
Wir gingen also zu Nikita's Homestead um nach einer preiswerten Unterkunft zu fragen. Es war nicht schwer zu finden gewesen, nur einige Straßenecken von der Touristeninfo entfernt und mit einem großen, freundlichen und selbstgemaltem Holzschild gekennzeichnet. Das ganze Gelände wirkte, als wäre es von ein paar Abenteurern und Idealisten eigenhändig aufgebaut worden, aber das war wohl nur ein Image. Als wir durch das Tor traten, kamen wir an eine Hütte, die als Rezeption diente. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuß, denn es gab überhaupt keine Zimmer mehr in dieser Jugendherberge. Und schon allein ein Stellplatz für ein Zelt hätte 250 Rubel pro Nacht gekostet. Sie boten uns als Alternative ein Zimmer in einer anderen Unterkunft für 800 Rubel Pro Nacht an, aber das Essen hier vor Ort sei inklusive.
Das war Dylan definitiv zu teuer; er hatte auf seiner ganzen Reise noch nichts für eine Unterkunft bezahlt, aber für seine Hängematte standen hier einfach zu wenige Bäume in der Nähe. Und auch ich dachte, es müsse eine Alternative geben - die eigentlich ganz offensichtlich war: Auf unserem Hinweg zu Nikita's Homestead hatten uns zwei Großmütterchen angesprochen, und ich war mir relativ sicher, dass sie uns ein Zimmer angeboten hatten. Man hörte doch immer, wie Reisende in Russland bei Privatleuten für einen geringen Preis unterkamen. Nur leider ließen sich die Großmütterchen auf unserem Rückweg nicht mehr blicken. Sollten wir einfach irgendwo klopfen und nachfragen? Ich hatte eine bessere Idee und ging mit Dylan zurück zur Touristeninfo, wo ich meine Idee dem strohblonden Mädchen unterbreitete. Sie erklärte sich nach etwas freundlichem Geplauder - und nachdem ich ihr eine Landkarte abgekauft hatte - dazu bereit, uns für eine Tafel Schokolade zu helfen, eine Privatunterkunft zu finden.
Ihr Name war Natalja. Sie sah im Licht noch schriller aus als zuvor in dem dunklen Verkaufsraum; sie trug eine leuchtend blaue Stretchhose passend zum Kopftuch, und eine große Brille.
Sie ging uns voraus die Leninstraße entlang, die wie in jeder russischen Stadt eine Hauptstraße darstellte und hier eher ein offener Platz zwischen zwei Reihen aus Höfen war.
Natalja klopfte an einer Hoftür, öffnete und rief nach dem Hausbesitzer, während sie langsam hinein ging. Sie gestand, dass sie unheimliche Angst vor Hunden hatte und hoffte, dass hier keiner frei herum lief. Eine ältere Frau kam aus dem Haus; sie wechselten ein kurz angebundene paar Sätze, dann gab uns Natalja ein Zeichen zum Gehen. Sie erklärte uns, dass sie dieser Frau letzte Woche Gäste vermittelt hatte, die sich jedoch schlecht benommen hatten und jetzt hätte sie die Nase voll von Gästen.
Beim nächsten Hof kamen uns zwei kleine, liebe Hunde entgegen, die Natalja einen riesigen Schreck einjagten aber so harmlos waren, dass sogar ich sie ohne weiteres streichelte um sie von Natalja fern zu halten. Doch auch hier hatten wir keinen Erfolg; diese Unterkunft war bereits belegt. Aber schon am nächsten Hof hatten wir Glück - man war bereit, uns für 350 Rubel pro Person und Nacht eine Unterkunft zu geben. Ich sagte sofort für zwei Nächte zu, nur Dylan war sich noch unschlüssig und bezahlte schließlich für eine Nacht.
Wir stellten bald fest, dass wir nicht etwa in einer großen Privatunterkunft gelandet waren, sondern in einer Art Null-Sterne-Hotel. Das zweistöckige Haus schien in aller Eile aus Holzlatten zusammengebaut worden zu sein und bestand im oberen Stockwerk nur aus spartanischen Kammern mit jeweils zwei Betten, die aus den gleichen Holzlatten gebaut worden waren und noch nicht mal Matratzen enthielten. Es gab keinerlei Isolation, weder im Boden noch im einfachen Fenster, aber es gab frische Bettwäsche auf die dünnen Decken, die das Bett bildeten. Doch wir sollten schon am nächsten Morgen dankbar darüber sein, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben, und billiger als 350 Rubel bekam man hier sicher kein Zimmer, denn bei näherer Betrachtung war dieser Ort ein Touristendorf, das wohl in den letzten Jahren von einer kleinen, unbedeutenden Siedlung zu einer versteckten Hotelanlage gewachsen war. Man gab sich auch wirklich alle Mühe, den Schein aufrecht zu erhalten und baute sämtliche neue Häuser im Stil der alten Dorfhäuser, nur etwas billiger, sodass es genauso aussah, wie sich Touristen Russland vorstellten: Eine Siedlung aus windschiefen Bruchbuden ohne fließend Wasser. Das Wasser wurde tatsächlich aus dem Baikalsee gepumpt und bis vor wenigen Jahren hatte es noch nicht mal einen Anschluss ans Stromnetz gegeben. Warmes Wasser gab es nur, wenn man das eisige Baikalseewasser kochte, oder im Banya, das gegen eine Gebühr von 500 Rubel angefeuert wurde.
Wir stellten unsere Taschen im Zimmer ab und erhielten einen Schlüssel dafür. Nur die Tür ließ sich damit nicht zusperren, weil sich das Holz verzogen hatte. Unsere Gastgeberin warf sich mit der Schulter gegen die Tür und drehte gleichzeitig den Schlüssel. Erst im Laufe des Tages fand ich heraus, dass man die Tür etwas zu sich ziehen musste, sodass sie nicht ganz am Rahmen anlag, und dann funktionierte das Schloss auch ohne Probleme.
Natalja verabschiedete sich; Dylan und ich gingen spazieren. Wir kamen am einzigen Konsum des Dorfs vorbei und holten uns etwas Proviant für den Ausflug, und ich erklärte Dylan beim Anstehen die Grundlagen der russischen Sprache, und wie man mit einem einzigen Wort Russisch einkaufen gehen konnte. Dann kaufte ich, was es in dem Laden gab, und das war nicht sehr viel: Äpfel, Saft und Schokolade für Natalja - aber Dinge wie Brot gab es nicht.
Ich war nun ganz froh, die Karte gekauft zu haben, die die ganze Insel sehr gut im Detail zeigte.
Ein Stück hinter Nikita's Homestead sah es auf der Karte nach einer interessanten Küste aus, und wirklich, wir kamen an einer Bucht mit einem verrosteten Fischerboot heraus, gingen die steilen und sandigen Felsen hinauf - in dem Moment begann es zu regnen und eine Unmenge Touristen kam uns von der Bucht entgegen.
In Sandalen kletterte ich die ausgetreten, sandigen Pfade die Felsen hinauf, arg aufpassend, dass ich nicht ausrutschte. Dieser Felsen im Meer sah schon eigentümlich aus; wie die Rückenflosse eines uralten Fisches. Es war der Schamanenfelsen, erfuhren wir später - einer der heilen Stätten der Insel, die kein Einheimischer betreten würde. Entlang der Felsrücken waren weiße Steinchen zu Mustern gelegt; zuerst hielt ich sie für rituelle Stätten, aber bei genauerer Betrachtung sah man Grußbotschaften in verschiedenen Sprachen und Herzen mit Namen darin.
Dennoch waren hier überall Tücher an die windschiefen Bäumchen geknotet, und an einem Weg zum Felsen hin standen mit Tüchern behängte Baumstämme und eine erklärende Tafel aufgestellt, aber diesmal nur auf russisch, so anglisiert das Dorf auch sonst war. Unter der Tafel lag eine riesige Menge Münzen, ein paar Bonbons und komischerweise auch Zigaretten in auffälligen Mengen. Als ob die heiligen Geister rauchen würden.
Hinter dem Schamanenfelsen erhoben sich weitere Felsen landeinwärts, mit einer leuchtend orangefarbenen Flechte bewachsen, und dahinter befand sich ein langer Sandstrand, der langsam in karg bewachsene Hügel überging. An einem der Waldhänge hatten einige Camper ihre Zelte aufgeschlagen; ich wunderte mich, wie sie nachts nicht aus dem Zelt hinaus rollten. Sogar eine Chemietoilette hatten sie dort an einem Baum festgebunden. Der Zeltplatz schien nicht sehr bekannt zu sein, aber Müll lag trotzdem herum, vor allem Scherben und Grillreste. Dennoch war es hier wesentlich sauberer als die russische Natur an anderen Orten.
Wir versuchten baden zu gehen; ich hatte meinen Badeanzug drunter, aber weiter als bis zu den Knien kam ich nicht ins Wasser, denn es ließ einem sofort die Zehen gefrieren, und es war einfach schon zu spät am Abend und die wieder aufgetauchte Sonne hatte nicht mehr genug Energie mich nach einem Bad wieder aufzuwärmen. Dylan stimmte mir zu, es lieber morgen Mittag noch mal zu probieren.
Wir lagen eine Weile im Sand und ich ließ in durch meine Finger rinnen und begutachtete ihn; es war grobkörniger, kristalliner Sand, klar wie Bergkristall, manchmal rot, grün oder lila.
Dylan überlegte sich, morgen Nacht hier seine Hängematte aufzuhängen, aber jetzt erstmal gingen wir zurück ins Dorf, denn ich wollte Natalja die Schokolade geben bevor die Touristeninfo schloss. Über einen langen, ausladenden Hügel kamen wir auf einem Bogen entlang direkt zurück ins Dorf. Kristina und Tanja waren mittlerweile fort; wir hatten sie vorhin nur noch einmal kurz gesehen, als wir auf Unterkunftssuche gegangen waren. Dylan hatte ihnen sein Handy ausgeliehen, sodass sie ihre Freunde doch noch kontaktieren konnten, denn aus irgendeinem Grund funktionierte Tanjas Handy auf der Insel nicht, und Kristina hatte ihres zu Hause vergessen. Nun sah es so aus, als wären sie abgeholt worden. Wir wollten uns zwar später wieder mit ihnen treffen, aber ich glaubte nicht so recht dran.
Wir schauten schnell bei Natalja rein und ich gab ihr gleich zwei Tafeln Schokolade. Sie sah erfreut und überrascht aus, als hätte sie gar nicht damit gerechnet. Im Moment war sie über zu beschäftigt, mit uns zu reden und wir beschlossen, uns um unser Abendbrot zu kümmern. Dylan hatte noch keine Pelmeni gegessen, weshalb ich es als meine Aufgabe sah, ihm seine erste Schüssel zu kochen.
Im Konsum hatten sie zum Glück tiefgefrorene Pelmeni, aber keine saure Sahne. Ich beschloss, dass auch Mayonnaise ihren Zweck erfüllen würde.
Wir hatten die Erlaubnis erhalten, in dem Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft zu kochen, dort standen zwei Platten eines Elektrokochers. Pfannen, Teller und Besteck gab es auch, einige verstreute Lebensmittel von der letzten Zusammenkunft - aber kein Salz. Ich hörte jemanden nebenan in der richtigen Küche werkeln, klopfte an die Verbindungstür und bat um Salz. Zuerst wirkte unsere Gastgeberin etwas missmutig, denn sie war gerade mit ihrer Familie am Kochen oder Backen; sie hatte die Finger voller Mehl und fragte, ob ich mir Salz nicht selbst leisten konnte.
Dann aber half sie uns sogar beim Kochen und spendierte sie Bouillonpulver, als ich versuchte mich mit ihr zu unterhalten und sie kennenzulernen; mir gelang es sogar irgendwie einen Witz auf Russisch zu machen, oder vielleicht klang ich nur einfach lustig, jedenfalls lachte sie und das Eis war gebrochen. Sie verschwand zwar wieder in ihre Küche, sah aber immer wieder nach uns und dem Essen. Am Ende bestand sie sogar darauf, uns das Essen auf die Teller zu schöpfen.
Beim Essen faltete ich Origami für Natalja, denn ich wollte sie nach dem Essen nach Ausflugsmöglichkeiten für morgen fragen und gleich buchen - entweder das, oder die Strände erkunden. In der Touristeninformation hatten Fotos von verschiedenen Ausflügen ausgehangen, die mich neugierig gemacht hatten.
Ich brachte Natalja also einen bunten Origami-Stern und fragte sie nach Ausflügen; sie nahm sich sehr viel Zeit für uns und empfahl uns eine Rundreise die Küste entlang bis zum nördlichsten Kap der Insel. Mich hätte auch der gelbe See interessiert, der Schwefelschlamm bestand, aber Natalja war dort gewesen und empfahl es nicht. Die andere Reise hingegen sei das beste, was man von der Insel sehen konnte, meinte sie. Dann erzählte sie, dass gerade eine Gruppe Briten angekommen war, denen sie ebenfalls für eine Tafel Schokolade unserer Unterkunft vermittelt hatte, und wir sollen sie auch zu diesem Ausflug überreden und ganz allgemein den Kontakt herstellen. Ich versprach es Natalja und fragte sie noch nach der Höhe, die ich auf einem Foto gesehen hatte. Sie meinte, sie sei ganz in der Nähe, und als ich Dylan daraufhin fragte, ob wir uns die anschauen wollten, bot sich Natalja als Fremdenführerin an - wir sollten nach ihrem Dienstende um 21 Uhr vorbeikommen.
Wie versprochen stellten wir in der Zwischenzeit den Kontakt zu den Briten her, die morgen jedoch ihre zeltenden Freunde auf der Insel besuchen beziehungsweise suchen wollten, und wenig Interesse am Ausflug zeigten. Sie aßen gerade Abendbrot und zeigte noch weniger Interesse an dem Kontakt mit uns. Russen hätten uns wohl eingeladen, dachte ich etwas verstimmt, aber vermutlich waren die Briten genauso verstimmt davon gewesen, dass wir sie beim Abendessen gestört hatten. Ich hatte mich so an die russische Gastfreundschaft und Mentalität gewöhnt, dass es mehr schwer fiel, wieder europäisch zu denken. Aber das war vielleicht das beste an meiner Zeit in Russland: Wenn ich mir diese Offenheit und Menschenfreundlichkeit so verinnerlichte, dass sie mir immer bleiben würde, selbst wenn ich nicht mehr in Russland lebte. Russland würde immer ein Teil von mir bleiben, und irgendwann würde ich mit meinen Enkeln zusammensitzen, ihnen die alten vergilbten Liebesbriefe in unlesbarer, schnörkeliger Handschrift zeigen, die ich lange vorher erhalten hatte, und von meiner Zeit in Russland erzählen.
Dylan und ich gingen zur Touristeninfo; die Fahrer der Minibusse standen vor der Tür und rauchten. Ich fragte nach Natalja, denn ich konnte sie nirgendwo in dem Häuschen entdecken. Sie kam aus einem Hinterzimmer und meinte, sie sei eben noch einen Moment lang beschäftigt. Mich fröstelte etwas, deshalb bat ich Dylan hier zu warten und ging noch mal zum Haus Pullover holen; es war ziemlich frisch geworden.
Das Türschloss aufzuschließen war eine Kunst - ich kam mir vor wie ein Einbrecher mit Dietrich, denn der Schüssel musste präzise und locker sitzen, und bei der zweitem Umdrehung leicht nach draußen gezogen werden. Ich lauschte auf das Klacken, die Tür ging knarrend auf.
Bei Natalja war es wirklich nur ein Momentchen gewesen, denn als ich mit dem Pullover nach unten kam, war sie mit Dylan in der Zwischenzeit zum Haus gekommen und unterhielt sich mit den Briten. Die Jungs wollten unbedingt duschen nachdem sie zwei Tage nur im Zug verbracht hatten, aber das Banya war heute nicht angefeuert worden, und sonst gab es kein warmes Wasser. Sie sprachen davon, im Baikalsee schwimmen zu gehen, wovon ich ihnen abriet, aber Natalja lud sie zu unserem Einflug zur Höhle ein. Wir warteten also noch, bis sie ihre Badesachen geholt hatten und gingen gemeinsam.
Es war eine seltsame Truppe. Charles war ein hoch gewachsener, intelligent aussehender junger Mann, gerade mal 18 wie seine Freunde, obwohl sie viel älter aussahen. Dann war da noch Fergus der genauso aussah, wie man sich einen Jungen dieses Namens vorstellte, ein wenig wie ein Gnom. Dann war da noch ein Beatlesverschnitt im Anzug, aber vermutlich sah etwa die Hälfte aller jungen Briten wie Beatlesmitglieder aus - und dann war da noch der vierte im Bund, von dem ich kein Wort verstand, nicht mal seinen Namen. Überhaupt verstand ich nur 50% von denen, denn praktisch sprach nur Charles klares Oxford-Englisch, der Rest nuschelte mehr oder weniger in einem mir nur schwer zugänglichen Dialekt.
Nach einigen Fragen von Nummer vier, die ich kaum verstand, bat ich ihn, doch bitte englisch zu sprechen. Er lachte und hatte vermutlich mich nicht verstanden. Charles aber hatte verstanden und lachte ebenfalls; er meinte, sie wüssten schon, dass sie kein "Hoch-Britisch sprachen, aber daran konnten sie auch nicht viel ändern. Doch mit der Zeit gewöhnte sich mein Ohr auch an diese Aussprache. Dylan meinte später, er hätte die Fragen der Briten oft nur nach meinen Antworten darauf verstanden, und an Natalja redeten sie oft ganz vorbei. Wahrscheinlich war es nötig, eine Zeit lang in einem britischen Provinzkaff zu leben und die Sprache zu studieren. Meine einzige Begegnung mit diesem Dialekt war in einer alten britischen Fernseh-Soap gewesen, die sogar im Original "Auf Wiedersehen, Pet hieß. Sie spielte im Arbeiter-Milieu und der Dialekt war für mich so unverständlich gewesen, dass ich nicht einmal kurz den Inhalt der Episode hätte zusammenfassen können.
Plötzlich wurde ich von einem uns entgegenkommenden Mann mit meinem Namen angesprochen. Ich sah ihn an wie die Kuh, wenns donnert. Wer war das denn? Dann fiel mein Blick auf einen verbundene Hand, in der er eine Bierbüchse hielt - es war der Physikdoktorand aus dem Zug nach Ulan Ude. Was Russland doch für ein Dorf war! Sascha war in Irkutsk ausgestiegen, seinen Professor losgeworden und hatte sich mit Freunden auf Olchon abgesetzt, vermutete ich. Wir hatten nur wenige Minuten Zeit uns darüber auszutauschen, welch seltsamer Zufall es war, sich hier wieder getroffen zu haben, dann holte ich die anderen rennend wieder auf.
Natalja führte uns zu dem Schamanenfelsen, an dem wir schon heute Nachmittag gestanden hatten ohne eine Höhle entdeckt zu haben.
Briten sind bekanntlich bekloppt, und so sprangen zwei von ihnen tatsächlich in den eisigen Baikalsee, auch wenn sie schon mit den Füßen darin feststellten, dass sie erfrieren würden. Wir machten es uns auf Nataljas Regencape am Ufer bequem und machten uns über sie lustig. Demonstrativ schwammen sie ein paar Runden. Völlig erfroren kamen sie 5 min später raus. Die Sonne ging unter und es nieselte leicht. Andere Besucher hatten sich ein Feuer am Strand gemacht und grillten dort. Sie waren warm in ihre Kleidung gepackt.
Natalja fragte unsere schnaufenden und umher springenden Briten - die so nass wie sie waren versuchten wieder in ihre Kleidung zu kommen - ob sie nun noch mit zur Höhle kommen wollten, und verstand die Antwort nicht als den britischen Humor, der es war, sondern fasste es als Bestätigung auf, dass es ihnen gut ging und sie sich bestimmt keine Erkältung holen würden. Britischer Humor hieß wohl wirklich wie im Leben des Brian pfeifend und singend am Kreuz zu hängen.
Wir kletterten über einzelne, aus dem Wasser ragende Felsen, dann die brüchigen Felsen der Flosse hinauf. Es gab keine Pfade, aber einige leichter zu bekletternde Abhänge bis auf halbe Höhe, fanden die Höhle jedoch nicht, aber es erschien uns zu gefährlich, weiter hinauf oder gar auf die andere Seite zu klettern. Man sah Charles die Erleichterung an, als Natalja uns nun alle zum Tee einlud. Ursprünglich hatte sie nur Dylan und mich dazu eingeladen, weil es eigentlich nicht erlaubt war, Gäste in die Kantine von Nikitas Homestead mitzunehmen, aber nun sie schien ein Auge auf Charles geworfen zu haben.
Charles Nase leuchtete rot vor Kälte, aber hier drin war es endlich angenehm warm. Natalja holte Wasser und Teegläser für uns und ich hatte drei Teebeutel mit Früchtetee aus Deutschland dabei, die wir uns nun auf 7 Tassen verteilten. Tea Sharing war noch relativ üblich in Russland, ich hatte es immer wieder gesehen, wenn Tee nicht aus Blättern aufgebrüht wurde, sondern Teebeutel verwendet wurden.
Mir fiel es relativ schwer, mit den Briten klarzukommen, weil sie sehr zurückhaltend und höflich waren, sodass es schwierig war, auf einen gemeinsamen Nenner mit ihnen zu kommen. Sie erzählten von ihrem Reiseabenteuer in der Transsib: Sie hatten sich zu viert ein Coupe genommen, aber die Betten waren den hochgewachsenen Jungs zu klein und unbequem gewesen, weshalb sie die meiste Zeit im Speisewagen verbracht hatten. Dabei wurde einem von ihnen das Handy und sämtliches Geld aus der Brieftasche geklaut, weil er nicht auf den Gedanken gekommen waren, dass es jemanden klauen würde, wenn er es im Speisewagen auf dem Tisch liegen ließ und dann für 10 Minuten den Wagon verließ.
Ich erzählte ihnen von dem Zugbegleiter, der seinen Handyakku aufladen wollte und zu diesem Zweck das Handy in einer Schublade einschloss und nur das Kabel hinausragen ließ, sodass der Stecker gerade die Steckdose erreichte. Dies und weitere Geschichten gab ich zum besten - wie einem hier alles unter dem Hintern weggeklaut wurde, von meinem Geschirr bis zu dem Baumaterial, das Pascha vor seinem Wohnheim gefunden und mitgenommen hatte.
Die Briten fanden mich höchstamüsant, eine Schmeichelung für mich, da sonst niemand meinen Humor verstand, und stellten mir eine ganze Reihe von Fragen, die ich so gut wie möglich zu verstehen und beantworten versuchte. Vielleicht war ich aber auch die einzige, die sie nicht ständig falsch verstand. Wenn Natalja etwas ganz anderes antwortete, taten sie in ihrer Höflichkeit so, als hätten sie genau das gefragt.
Der Beatle der Gruppe studierte Jazz; Natalja war begeistert und ging zu einem alten Mann, den sie schon länger zu kennen schien, und der brachte eine Gitarre. Nun war der Beatle in der Verlegenheit, ein Lied zu spielen. Er zeigte mit flinken Fingern, dass er spielen konnte, kannte aber kein populäres Lied. Ich neckte ihn, dass er als Brite doch zumindest etwas von den Beatles spielen können musste und überlegte kurz, selbst etwas zu spielen, entschied mich aber dagegen, denn die Beatles konnte ich zum Beispiel auch noch nicht spielen.
Der alte Mann jedoch war schon eher ein Vollblutmusiker - er setzte sich ans Klavier und spielte ein klassisches Stück und sang auf perfektem britischen Englisch dazu. Shakespeare, meinte er lächelnd. Wir waren schon im Gehen begriffen und klatschten. Eine große Touristengruppe war gekommen und Natalja meinte, wir sollten besser Platz machen, wenn wir waren ja nicht ganz legal hier.
Zuerst wollten erst in einem der Pavillons weiter trinken, die sich an die Kantine reihnten, aber nun luden uns die Briten zu einem Tee in ihrer Unterkunft ein. Natalja bestand darauf, dass sie nur mitkommen würde, wenn jemand sie danach wieder nach Hause begleitete. Sie schaute dabei auf Charles.
Im Dunkeln tappten wir die unebene Straße entlang; ich nahm sie beim Arm und sie hängte sich bei Charles ein, und Dylan leuchtete mit der Taschenlampe.
Wir machten Pläne für morgen Abend, denn es sollte schon mein letzter auf der Insel sein. Natalja meinte, wir sollten meine Abreise mit einem Lagerfeuer einleiten, denn es gab einen Platz dafür und gehacktes Holz.
Wir gingen alle in den Gemeinschaftsraum, aber es war kaum Platz für uns alle am Tisch und erstrecht gab es nicht genug Tassen für alle, doch da ich nie etwas wegschmiss, hatte ich noch einen Kwas-Becher aus Ulan-Ude dabei. Nach einem Gutenacht-Karamelltee gingen die ersten müden Briten ins Bett; wir wechselten nach draußen in den Pavillon, Charles kam mit uns und saß noch eine halbe Stunde mit uns dort; er meinte, die anderen machten einen auf langweilig, unterdrückte aber selbst schon ein Gähnen und wollte offensichtlich ins Bett. Natalja wollte aber erst noch von ihm heimgeschafft werde, was unvernünftig war, da er den Weg nicht kannte, nachdem er ihn einmal im Dunkeln gelaufen war und das drückte er auch ganz vorsichtig aus. Wir überzeugten Natalja schließlich mühsam, dass Dylan und ich sie besser nach Hause schafften. Gesagt getan, aber mit Charles wollte sie kein Wort mehr sprechen, sagte sie ihm beim Abschied.






Da fragt man sich beim groben Lesen von ruby042.blog.de ja schon, ob man nicht komplett bescheuert ist. Dankeschön für Ihre Erläuterungen
AntwortenLöschenDas ist etwas, das ich mich schon lange frage: Wer sind eigentlich die vielen dutzend Leute, die meinen Blog lesen, obwohl sie mich gar nicht kennen? Und ich meine - warum um alles in der Welt tun sie das?! Lol ;)
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