Dienstag, 21. Dezember 2010

Auf großer Reise, Teil 8: Perm.

4.8.
Die weitere Fahrt in der Transsib war ereignislos verlaufen, und die meiste Zeit hatte ich geschlafen, so wunderte es mich wenig, dass ich gegen 5 Uhr Moskauzeit aufwachte und mich schon recht wach fühlte. Laut Digitalanzeige waren es schon 27 Grad - aber in welchem Ort? Ich fühlte mich recht orientierungslos und das sollte noch den ganzen Tag so bleiben. Die Zug hielt nur noch etwa alle paar Stunden an, um 7 in Ischim, 10:30 in Tumen, 15 Uhr in Jekaterinburg und 21 Uhr in Perm.
Es war ruhig im Zug geworden, daher kam endlich zum Blogschreiben. Nur mein Smartphone hielt nicht so lange durch; ich musste die Batterie aufladen. Das ging aber nur auf dem Gang vor den Toiletten, weil sämtliche andere Steckdosen von Notebooks und Handys belegt waren.
Die einzige Sitzgelegenheit dort in dem engen Gang waren die Müllkästen, und so musste ich immer aufspringen, wenn Leute Müll wegbringen, aufs Klo gehen, oder einfach nur durch wollten. Dazu kam, dass die Stromversorgung nicht besonders stabil war und nur von Zeit zu Zeit mein Smartphone überhaupt geladen wurde.

Dann kam auch noch ein Bär von Mann zu mir und meinte, ich hätte Interesse daran, mich mit ihm zu unterhalten. Er fragte mich das Übliche, wollte dann meine Mailadresse und so weiter. Er war mir eher unsympathisch und setzte recht bald seine Wanderung durch den Zug fort, aber ich war ihm dann doch für das Gespräch dankbar, weil er mich bei einer späteren Gelegenheit, als wir alle auf dem Bahnsteig standen um uns die Beine zu vertreten, darauf hinwies, dass eine Gruppe von Leuten, die nahe bei uns standen, auch Ausländer seien.
Ich war erst unentschlossen, ob ich sie ansprechen sollte und versuchte die Sprache rauszuhören, in der sie sprachen, aber da sprachen sie schon nicht mehr miteinander. Ich sprach den älteren Mann in meiner Nähe dann einfach auf Englisch an, aber bei seiner Antwort wurde mir sofort klar, dass er aus Deutschland kam und wechselte die Sprache.
Sein Englisch war langsam und mit Akzent gewesen, aber nun sprach er in unglaublichem Tempo einen norddeutschen Dialekt, sodass ich mir wie ein Ausländer vorkam. Er stellte mir Fragen und wartete nicht auf meine Antwort, sondern sprach sofort weiter, und erzählte, und erzählte. Ich vergaß sofort wieder, was er gerade gesagt hatte, und im gleichen Atemzug meine Antwort. Eigentlich erinnere ich mich nur noch daran, dass er mit seiner Familie die typische deutsche Transsib-Tour über ein Reisebüro gebucht hatte - mit dem Flugzeug nach Wladiwostok und dann bis Irkutsk durchfahren, der zweite Halt in Jekaterinburg, der dritte in Moskau. Sie waren im Coupe unterwegs - er, seine Frau und sein Neffe, zusammen mit einem Russen, mit dem sie schnell Freundschaft geschlossen und die ganze Zeit Wodka getrunken hatten. Fast als hätten sie den Russen auch im Reisebüro gebucht. Mich erstaunte nur, dass ihre Reise zweiter Klasse nur wenig teurer war als meine Reise dritter Klasse, obwohl die Tickets im Coupe meistens doppelt so teuer sind. Wahrscheinlich machte es doch eine Menge Geld aus, wenn man jedes Mal seinen Schlafplatz für jeden Zug neu reservieren musste. Ich hatte ja insgesamt 8 Züge reserviert, meine neuen Bekannten nur drei.

Nach dieser Haltestelle ging er wieder in seinen Wagon, aber sein Neffe stattete mir einen Besuch ab; er war auch ein Masterstudent und eher ein Herumtreiber, er konnte Volker Pispers zitieren und tat dies gern und oft. Wir plauderten bis eine Stunde vor Jekaterinburg über alles mögliche, dann musste er zurück in seinen Wagon und seine Sachen zusammenpacken.

In Jekaterinburg unglaublich heiß im Gegensatz zu den 13 Grad in Sibirien; es waren vielleicht wirklich die 28 Grad, wie auf der Digitalanzeige zu lesen war. Mittlerweile passte dort sogar die Zeitangabe.

Bald waren es nur noch vier Stunden bis Perm - das war meine längste Strecke ohne Unterbrechungen gewesen, 37 Stunden im Zug. Langsam war ich liege- und sitzmüde geworden und hatte die Lust verloren, irgendetwas zu machen, und ganz bestimmt wollte ich nicht mehr mit der Transsib nach Wladiwostok fahren. Ein Ausflug zum Baikalsee war weit genug.

Schließlich ging die Sonne als milchiger, roter Ball unter und ich fragte mich, wie warm oder kalt es draußen war. Die Transsib war gut klimaanlagengekühlt und Temperaturanzeige stand ständig auf 28 Grad, wie mir jetzt auffiel - Tag und Nacht in jeder Region. Er war Moskauzeit, überlegte ich, also wahrscheinlich auch Moskautemperatur.
In der Ferne sah ich Rauch aufsteigen, aber nur bis in wenige Meter Höhe und dann fast horizontal abziehen. Ich erinnerte mich dunkel darin, in Geografie etwas zum Thema Temperaturinversion gehört zu haben, aber nicht mehr daran, unter welchen Bedingungen sie entstand. Es sah nebelig aus. Oder lag Rauch in der Luft? Wie weit hatten sich die Feuer wohl schon ausgebreitet?

Um 21 Uhr konnte ich meine müden Beine endlich wieder strecken als ich auf den Bahnhof "Perm 2” trat. Mein Gastgeber Fedor hatte mir geschrieben, dass er mit seiner Freundin neben dem "roten Coca Cola Café” auf mich wartete. Eine sonderbare, aber sehr treffende Beschreibung. Nur sah ich die beiden nicht, was zum Teil auch daran lag, weil ich mich einfach nicht mehr als Fedors Foto im Internet erinnerte.
Ein großer, kräftiger Junge trat auf mich zu - das musste er wohl sein. Er stellte mich seiner Freundin Julia vor, und zusammen gingen wir zu seinem Auto, er meinen Koffer ziehend.
Er meinte, er würde mich in der Datscha unterbringen, und dass wir noch Vorräte bräuchten.
Fedor war ein Wald- und Wiesentyp, und ich dachte schon, wir würden in der Wildnis campen. Nun erinnerte ich mich auch wieder an sein Profil in Couchsurfing; er hatte geschrieben, dass er und seine Freundin Abenteuertouristen waren und gerne ins Uralgebirge nahe Perm fuhren. Deswegen hatte ich ihn ursprünglich angeschrieben, denn mich interessierten die Höhlen in dieser Gegend. Sonst vermied ich es, Programmierer in Couchsurfing anzuschreiben, da die Erfahrung zeigte, dass es schwer war, mit diesen Nerds auf einen gemeinsamen Nenner zu finden. Admins waren in der Hinsicht entspannter. Aber vielleicht war er kein typischer Programmierer, hatte ich mir dann gedacht.

Wir fuhren ein ganzes Stück aus Perm heraus und kamen in ein Dorf ohne befestigte Straßen. Hier befand sich ihre Datscha, direkt an einem der drei Flüsse, die Perm umfließen. Als ich das erfuhr, wollte ich sofort dort baden gehen, denn nach 37 Stunden im Zug ist dies das erste, was man machen möchte. Fedor meinte zwar, ich könnte mich im Banya waschen, aber da hatte sich schon die Idee in meinem Hirn verfestigt.
Die beiden begleiteten mir hinunter an den Fluss; ich stakste in geliehenen Badelatschen die Feldstraßen entlang zum steinigen Strand und hielt einen Zeh ins Wasser, woraufhin mir der Schuh davon schwamm und ich hinter ihm her ins Wasser sprang um ihn herauszufischen.
Das Wasser war angenehm kühl, aber ich wollte die beiden nicht so lang warten lassen und kam nach kurzem wieder heraus.
Lang wurde der Abend danach nicht mehr; beide mussten morgen arbeiten, und auch ich musste mir ihnen aufstehen. Wir hatten uns darauf verständigt, dass sie mich in der Stadt absetzten und wir uns am Abend wieder trafen.

5.8.
Ich hatte Fedor gebeten, mir zu sagen, wo ich ein Internetcafé in der Stadt finden konnte, aber da er es nicht wusste, nahm er mich kurzerhand in die Wohnung seiner Familie in der Innenstadt mit, wo ich meine Nachrichten bei Couchsurfing durchschauen konnte. Nischnij war mir nun sicher, aber Moskau bereitete mir Kopfzerbrechen. Es war wie in jeder Hauptstadt schwierig, in der Sommerzeit dort einen Unterkunft zu bekommen, und erschwerend kam dazu, dass nun alle, die es sich leisten konnten, die Stadt wegen den Bränden verließen.
Ich schickte noch eine Anfrage bei Couchsurfing ab und ließ mich wenig später von Fedor an einer Bushaltestelle absetzen. Mit der 68 käme ich ins Zentrum, meinte er.

Perm war eine Industriestadt wie Izhevsk, aber größer und streckenweise ziemlich deprimierend. Ich beschloss, zu allererst eine Tour durch die Einkaufspassagen zu unternehmen, denn ich brauchte dringend eine neue Speicherkarte für meine Digicam. Zum Einkaufen war Perm wunderbar geeignet - es war groß genug um alles zu finden, aber nicht so teuer wie beispielsweise in Moskau.
Im zentralen Kaufhaus, das es in jeder Stadt gab, wurde ich auch gleich fündig - eine preiswerte Speichekarte, dann fand ich schönes Origami-Papier, das sogar die Farbe Lila enthielt, und so langsam dem Kaufrausch verfallend, zog ich durch sämtliche Musikläden, die ich dort finden konnte. Ich hatte mir vorgenommen, mich in russischer Rockmusik weiterzubilden und Fedor auf im Auto nach den Namen der Bands gefragt, die gerade im Radio liefen. Der Radiosender hieß "Nasche Radio" - "Unser Radio" und spielte nur russischen Rock. Im ersten Laden gab es ein eigenes kleines Regal dafür, aber längst nicht so viel, wie ich erwartet hatte. Doch es war gar nicht nötig, so viele Alben von einem einzigen Künstler im Angebot zu haben, hatten sich die Verkäufer wahrscheinlich gedacht und sämtliche Alben eines Künstlers als mp3s auf eine CD gepresst. Diese Art Bootleg schienen der Standard für russische Musikgeschäfte zu sein und kostete überall 150 Rubel, also etwa 4 Euro. In Zeiten, in denen sowieso nur noch mp3s illegal aus dem Internet heruntergeladen, erschien mir dies eine gute Kompromisslösung, obwohl ich bezweifelte, dass die Künstler etwas von dem Gewinn daran abbekamen.
Ich fragte die Verkäufer nach der Band Kino - einem der Begründer des russischen Rocks und eine Legende, die immer noch von jungen Leuten geliebt wird. Der Verkäufer kramte einen Haufen CDs aus dem Lager durch und gab mir die einzige CD, die sie noch hatten - sämtliche Alben als mp3. Ich kaufte die CD und hoffte, dass der deutsche Zoll sie nicht einziehen würde.
Im nächsten Musikgeschäft ließ ich mich regelrecht beraten als ich herausfand, dass der Verkäufer Englisch sprach. Er empfahl mir einige Bands und gab mir die noch vom Bootleg-Hersteller originalverpackten CDs zum Hineinhören. Ich entschied mich für Bi-2, Aquarium, Lumen und eine sibirische Band namens Kalinov Most. In Russland waren dies große Namen.

Nun war es doch einmal Zeit, die Stadt als Tourist zu besichtigen; man hatte sich sehr viel Mühe gegeben und eine grüne Linie quer durch die ganze Stadt auf die Bürgersteige gemalt, und an sehenswerten Orten Informationstafeln mit russischem und englischem Text aufgestellt.
Zunächst aber ging ich auf dem Hauptplatz der Stadt zwischen monströsen Sowjetgebäuden und ebenso monströsen Denkmälern umher und kam an einen Springbrunnen, der zu Sowjetzeiten zu moderner Architektur gezählt werden konnte. Hier drin gingen einige Leute sogar baden, obwohl die Wasserqualität mehr aus fraglich aussah. Überhaupt war Perm stellenweise eine halbe Müllkippe, besonders an der Anlegestelle eines Rundfahrtschiffs in der Nähe des historischen Bahnhofs - dort, wo die grüne Linie plötzlich aufhörte und 100 Meter weiter wieder in die Gegenrichtung zurückführte - erinnerte mich die Stadt eher an Neapel.
Schöner war die Innenstadt mit einigen schönen Kirchen, historischen Kaufmannshäusern, einem eigenen Spukhaus und neueren Denkmälern, wie das des Bären, der das Stadtsymbol war und schon eine ganz golden glänzende Nase hatte - von den vielen Besuchern, die sie als Glückbringer rieben. Der Bär war auch anderswo in der Stadt zu finden, zum Beispiel als Leuchtdekoration über einer Straße - der Art, wie man sie in Deutschland zu Weihnachten aufhängt.

Der Gorki-Park war gemütlicher als die meisten Parks dieser Art in anderen Städten, und ich ruhte mich dort eine Weile auf einer Bank aus, die Füße in die Luft hängend. So richtig Lust hatte ich nicht mehr, die Stadt weiter anzuschauen und beschloss, lieber nach einem Internetcafé zu suchen. Oder noch viel einfacher: Für mich danach suchen zu lassen. Ich schrieb Matthias eine SMS, er solle mal versuchen, eine Adresse bei Google Maps zu finden. Er schrieb zurück, in Perm wären überhaupt keine Internetcafés verzeichnet, aber sendete mir schon wenigen Minuten später einige Adressen. Auf ihn konnte man sich eben verlassen.
Leninstraße 58, schrieb er mir, im Best Western Hotel. Das war ganz in der Nähe der sowjetischen Architekturmonster, und mich hätte es nicht gewundert, wenn das Best Western Hotel in dem alten sowjetischen Ural-Hotel-Gebäude untergebracht gewesen wäre.
Doch es war nicht so einfach wie es sich anhörte, das Haus mit der Nummer 58 zu finden, da jede Hausnummer einen ganzen Straßenblock bezeichnete. So fand ich durch Zufall die Touristeninformation der Stadt, die angenehm klimaanlagengekühlt war und von zwei netten Mädels betrieben wurde. Wir kamen ins Gespräch und so kam es, dass ich dort bis zum Ladenschluss blieb und wir uns für morgen wieder verabredeten. Ich fand es wunderbar, wie schnell man in Russland Freunde finden konnte, und sonst wäre es mir in Perm recht langweilig geworden. Dima aus Izhevsk hatte gemeint, er wäre mich mit Nastya in Perm besuchen gekommen, wenn es nur ein Wochenende gewesen wäre, aber das Wochenende würde ich schon in Nischnij verbringen. Das hatte ich deshalb so geplant, weil ich noch angenommen hatte, mich mit Ilya treffen zu können, und der arbeitete ja den ganzen Tag. Nun aber war Ilya auf Dienstreise und ich wusste nicht, was mich in Nischnij erwartete, außer vermutlich eine ganze Menge Rauch.

Fedor schrieb mir eine SMS, dass wir uns um 19:30 treffen konnten, aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon auf dem Weg aus der Touristeninfo Richtung Supermarkt - da traf ich sie überraschend auf einem Parkplatz. Er hatte sein Auto in die Garage geschafft und gegen ihren Jeep ausgetauscht, denn morgen Abend wollten sie in einem seltsamen Wettbewerb darin quer durch die Wälder fahren. Nur war noch etwas an dem Geländewagen vom letzten Ausflug dieser Art kaputt, weshalb er nun morgen in der Datscha daran herumbasteln wollte.


Hinten in so einem Geländewagen zu sitzen, war reinste Folter. Schon auf den gut befahrbaren Straßen der Innenstadt wurde ich wie ein Milch-Shake durchgeschleudert, und das wurde auf den Feldstraße nicht besser.
Unterwegs besorgten wir uns Schaschlik und alles, was man sonst noch für eine kleine Grillfeier brauchte.
So lange es noch warm war, wollten wir im Fluss baden gehen.
Die Sonne war im Untergang begriffen, als wir alle gemeinsam darin schwimmen gingen. Die letzte Abendsonne wirkte romantisch - man durfte nur nicht so genau hinschauen, was ans Ufer geschwemmt wurde.



Einige Leute grillten direkt am Ufer, aber wir gingen zurück in die Datscha, wo Fedor gleich Holz zu hacken begann. Ein Teil davon sollte für den Grill verwendet werden, aber der größte Teil davon fürs Banya, das bald kräftig weiß aus der Esse qualmte.
Ich begann den Salat zu schneiden, und schließlich kam ein Freund von Fedor mit Bier vorbei.
So wurde es ein gemütlicher Abend, an dem wir nacheinander ins Banya gingen, draußen grillten, und als die Mücken zu übermütig wurden, die Party nach drinnen verlegten. Erst in den Morgenstunden gingen wir schlafen.

6.8.
Ich wurde viel früher als die anderen wach, da mein Körper immer noch nicht wusste, in welcher Zeitzone er sich eigentlich befand. Das gab mir die Gelegenheit, den Garten genauer zu inspizieren. Es war ein wilder Urwald aus Sträuchern, Blumen und Nutzpflanzen. Aus dem halbmeterhohen Salat sprossen Blüten, dicke Möhren und andere Gemüse wuchsen in den Beeten daneben, und das winzige Klohäuschen dahinter war von Unkraut zugewuchert. Darin saß eine fette Spinne, die aussah, als müsste man sie erst um Erlaubnis bitte, ihr Reich betreten zu dürfen.




Neben dem Banya fand ich ein ganzes Feld von vier- und fünfblättrigem Klee und fragte mich ernsthaft, welche Flüssigkeiten hier verkippt wurden. Ich begann mein Lieblingsorigami für die Mädels im Reisebüro zu falten. Julia hatte ich bereits eins davon geschenkt. Wahrscheinlich gab es sie bald in ganz Russland.

Die drei standen etwa eine Stunde später auf. Ich packte meinen Koffer. Fedor hatte versprochen, mich zum Bahnhof zu bringen. Dort wollte ich meinen Koffer für den heutigen Tag in der Gepäckkammer abgeben und dann am Abend abholen, bevor mein Zug abfuhr.
Der Koffer wurde im Geländewagen stark durchgeschüttelt und herumgeworfen; ich fürchtete schon um meine Mitbringel-Wodkaflaschen, aber wir kamen doch heil damit an.
Es war schon 11 Uhr als wir am Bahnhof ankamen. Sie hatten alle schon eine ganze Weile auf Arbeit sein müssen - bis auf Fedor, der in Gleitzeit arbeiten konnte.
Er trug mir Koffer freundlicherweise noch in den Bahnhof hinein, während sich Julia schon verabschiedete, und dann wartete er mit mir an der Gepäckkammer, doch ich sah seinen verstohlenen Blick auf die Uhr und schickte ich ihn unter vielen Dankesworten weg.

Hier dauerte es noch ein wenig länger; der Angestellte war ein wenig älter und wollte mir den Tausender-Rubelschein erst gar nicht wechseln, aber ich hatte es nicht kleiner, und Euro wollte er noch weniger, weshalb er schließlich grummelnd das Wechselgeld heraussuchte.

Es war schon wieder irre heiß und ich suchte angestrengt nach einem Kwas-Stand wie in Ulan Ude, und nach 10 Minuten herumirren wurde ich schließlich fündig. Ich ließ mich damit auf einer Bank nieder, wurde aber schon wieder von einer besessenen Wespe verjagt. Das letzte Mal war erst gestern gewesen. Ob sie aufgrund der Hitze durchdrehten?

Ich nahm irgendeine Straßenbahn, denn ich hielt Perm für übersichtlich. Ich hatte gestern in der Touristeninfo lange eine Stadtkarte studiert und ein Waffenmuseum entdeckt, das ich mir nun anschauen wollte. Ich erinnerte mich, dass die Nummer 4 daran vorbei fuhr, wechselte am Zentralplatz in diese Bahn, und schon nach 20 Minuten sah ich schon zwei riesige Raketen hinter Häuserdächern auftauchen und stieg aus.

Das Gartentor, das zur Ausstellung im Freien führte, stand offen, Kinder spielten auf Panzern und Raketenwerfern, und ich tat es ihnen gleich, wobei es sich als schwierig herausstellte, sich gleichzeitig selbst zu fotografieren. Ich war bald allein auf diesem seltsamen Abenteuerspielplatz, der eigentlich Teil eines historischen Museums war. Ich wartete auf das Ende ihrer Mittagspause. Zumindest laut Aushang sollte sie um 13 Uhr beendet sein. 13:15 gab ich die Warterei auf und spazierte die Straße hinunter Richtung Kloster.
Goldene Zwiebeltürmchen glänzen auf den grau-blauen Dächern einer weiß getünchten Klosteranlage. Eine große Bettlerfamilie saß davor - von Frauen mit kleinen Kindern und einem Baby bis hin zu ihren Männern. Die Männer gingen zu den Spaziergängern hin und baten sie um Geld, und wenn sie es bekommen hatten, gingen sie und freuten sich mit ihren Frauen und den Kindern. Man hätte das Bild beinahe als malerisch nennen können.

Innerhalb des Klosters gab es einen Souvenirladen, der auch die Produkte für das tägliche Leben verkaufte, und im Innenhof standen einige Plastiktische und -stühle unter einem weißen Bierzelt aufgebaut. Alles war liebevoll in Ordnung gehalten, verziert und mit Blumenstöcken geschmückt. Hinter dem Kloster hingen alte Kleiderfetzen auf einer Leine und Teppiche auf einem hölzernen Geländer.

Ganz in der Nähe befand sich ein neu hergerichteter Park, und davor stand - wie nicht anders zu erwarten - eine mit Hochzeitssträußen behängte Limousine. Die Hochzeitsgesellschaft ließ sich gerade vor einem weißen Pavillon ablichten. Ein Fluss führte in einer künstlichen Kaskade daran vorbei. An seinem oberen Ende entdecke ich einige Kinder in Badehosen auf dem Dach eines undefinierbaren, kleinen Hauses. Neugierig ging ich nach oben und fand einen Stausee samt Strand vor, auf dem sogar eine Wasserski-Anlage betrieben wurde.
Es erschien mir verlockend, in das kalte Wasser hineinzuspringen, doch ein Blick hinein ließ mich mein Bedürfnis überdenken. Dagegen war der Fluss bei Fedors Datscha das reinste Gebirgsquellwasser gewesen.

Ich machte mich also langsam auf den Ruckweg und kehrte schon am Nachmittag in der Touristeninformation ein.
Dort wurde ich fröhlich empfangen; ich übergab das Origami-Gebilde, das ich heute morgen gefaltet hatte, und wie erwartet wollten sie nun auch lernen, wie man so etwas faltete. Ich zeigte es den beiden und sie dokumentierten es für die Webseite der Touristeninformation. Sie mussten neben der Webseite auch einen Blog und Twitter aktuell halten, und hatten sogar eine eigene Seite in vkontakte. Die Stadt Perm bemühte sich stark um den Tourismus, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass überhaupt genug Touristen kamen, dass es sich lohnte. Das verneinten beide vehement - es gab einen ganzen Strom junger Abenteurer, die nach Perm fanden, und da die Stadt so günstig am Uralgebirge lag, konnte man auch für den Winter viele Touristen gewinnen.
Die beiden hatten durchaus mit vielen Reisenden zu tun in den Stunden, die ich mit ihnen verbrachte. Viele kannten sie bereits und begrüßten sie mit ihrem Namen, zum Beispiel die beiden älteren italienischen Damen, die wissen wollten, welches Essen ganz besonders russisch war, das sie unbedingt im Restaurant probieren sollten. Ich war der Meinung, dass sich dies ausschloss. Im Restaurant gab es alles, nur nicht das typische russische Essen, dazu musste man schon in eine Kantine gehen, oder zu jemandem nach Hause, oder es sich selbst aus der Tiefkühltruhe eines Supermarkts holen. Sie entschieden sich schließlich für ein usbekisches Restaurant.

Mir wurde derweil die große Ehre zuteil, zum Tee in der Touristeninfo eingeladen zu werden. Ich freute mich so, dass ich beschloss, schnell im Supermarkt nebenan ein paar Süßigkeiten kaufen zu gehen, denn wo man in Perm einkaufen konnte, wusste ich nun mittlerweile aus dem Effeff. Ich ließ mir von beiden die Marke ihrer Lieblingsschokolade sagen und ruhte nicht eher, bis ich sie gefunden hatte; dazu holte ich frisches Marmeladengebäck und Eis am Stil.
So schlemmten wir die nächste Stunde, und mir gefielt es hier richtig gut. Solche kleinen Erlebnisse und Zufallsbekanntschaften waren immer die Sahnehaube auf der Reisetorte.


Um 19 Uhr war es für sie Zeit zu schließen. Ich blieb noch bis sie alles verriegelt hatten und ging ein Stück des Weges mit ihnen Richtung Zentrum. Mir blieben noch knapp zwei Stunden. Es lohnte sich nicht mehr, ins Kino zu gehen, und die Kantine, die mir empfohlen worden war, hatte nun auch schon geschlossen. Ich spazierte noch etwas um her und fuhr schließlich zum Bahnhof, holte meinen Koffer und setzte mich vor die große Anzeigetafel. Eine Reihe kleinerer Gruppen Uniformierter zog schwatzend an mir vorbei ohne Notiz zu nehmen; sie sahen aus als würden sie in den Urlaub oder nach Hause fahren.

Auch die Transsib fuhr um diese Uhrzeit vom Perm aus weiter nach Moskau, aber ich hatte mir wieder einen der billigeren Züge gebucht, und irgendwie gefiel mir dieses rustikale Reisen sogar besser. Doch gerade auf den nächsten beiden Reiseabschnitten wäre eine Fahrt mit der Transsib angenehmer und nicht zuletzt gesünder gewesen.

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