Mittwoch, 8. Dezember 2010

Auf großer Reise, Teil 6: Baikalsee (II).

29.7.
Es hatte die ganze Nacht geregnet und schiffte immer noch. Die Bettwäsche war klamm, der Holzverschlag unserer Unterkunft war ja kein Stück isoliert gewesen. Dylan und ich hatten keine rechte Lust, auf unsere Inselrundfahrt zu gehen, aber im Voraus bezahlt. Dabei war es vielleicht ein Glück, dass wir uns für den Ausflug entschieden hatten, sonst hätte ich bei dem Mistwetter den ganzen Tag nur im Zimmer gehockt.

Der Ausflug sollte uns zur nördlichsten Spitze der Insel bringen, Kap Chuboj, dem Reißzahnkap. Seinen Namen hatte es von der Steilküste und seinen seltsamen Felsformationen, konnte ich auf meiner Karte nachlesen, als wir schon im Minibus saßen.
Um 10 Uhr los, über schlammige Feldwege, die nur aus wassergefüllten Schlaglöchern bestanden, die von etwas losem Waldboden, Steinen und Ästen umgeben waren - es ruckelte und schüttelte uns in den Sitzen umher; um 11:40 hatte sich der erste übergeben. Der Fahrer raste, als wäre er auf einer Autobahn unterwegs. Schon um 12 Uhr übergab sich der nächste. Der Fahrer hatte angehalten um sie die frische Waldluft einatmen zu lassen, während er die Schlammkrusten aus den Reifen trat.
Ohne Allradantrieb kam man hier nicht weiter, die andere Busse, die uns folgten, hatten wir längst verloren, oder vielleicht nahmen sie einen anderen Weg, denn es gab ja keine Straßen, nur Schneisen im Wald. Das hätte meinem Vater gefallen, im Jeep über die Insel zu raßen.


Unser erster Halt war an einer seltsamen Krater, oder vielleicht auch Erdrutschgebiet von vielleicht 500 Meter Durchmesser, in dem jedoch schon wieder Lärchen wuchsen. Die Erklärungen waren nur auf Russisch, deswegen konnte ich leider nicht herausfinden, was es war:


Andere Fahrzeuge hielten bereits hier. Es war die reinste Briteninvasion, und wahrscheinlich erklärte das auch das schlechte Wetter: Wenn zu viele Briten auf einer Insel zusammen kamen, wurde es kalt, nass und nebelig.

Wir hielten auf dem stundenlangen Weg an verschiedenen Dörfern und Aussichtspunkten, an Klippen und Buchten, doch das Wetter wurde immer unangenehmer; ein kalter Wind blies uns den Sprühregen ins Gesicht, und mit der Zeit war konnte selbst meine treue Jacke die Nässe nicht mehr abhalten und ich war völlig durchgeweicht. Ich hatte mir provisorisch eine Regenmütze aus einer stabilen Einkaufstüte gebastelt, die jedoch festgehalten werden musste um nicht davon zu fliegen. Dazu kam, dass ich nur Sandalen dabei hatte; meine Halbschuhe lagen in meinem Koffer auf dem Irkutsker Bahnhof. Oft stieg ich nur noch kurz aus, schoss mit klammen Fingern ein, zwei Fotos und zog mich wieder ins Auto zurück.
An einem Strand fing es plötzlich wie aus Eimern zu schütten an, und mir blieb nichts anderes übrig in einem Souvenirladen vor dem strömenden Regen Unterschlupf zu suchen. Die Souvenirs bestanden hauptsächlich aus bemaltem Holz oder Filz in Form von traditionellen Stiefeln, wie ich annahm. Wahrscheinlich lebten die Einheimischen mittlerweile schon vom Tourismus, dachte ich beim Anblick der Preise.

Bald darauf waren wir an unserem Ziel-Kap angekommen, sie parkten an einem der Hänge und gaben uns Auslauf. Wir gingen langsam hinter zur Steilküste, auf ausgetretenen, matschigen Wegen. Vereinzelte Bäume krallten sich in die Hänge, Heiden, Wiesen mit Edelweiß und anderen Bergblumen zogen sich dazwischen entlang. Das Wasser war stahlgrau, der Nebel lag wie Rippen auf darauf und schaffte es gar nicht auf die Felsen hinaufzuklettern. An einer Seite des Kaps waren sie flach, an der anderen steil, schroff und abgebrochen. Mit Höhenangst konnte man sich da nicht hoch wagen, schon allein des starken Windes wegen.



Auch dies war wieder eine heilige schamanische Städte; an einigen Bäumen flatterten Tücher im Wind, und am höchsten Punkt des Kaps befand sich wieder einer dieser kahlen Baumstämme, die völlig mit Tüchern zugeknotet waren, und darunter Münzen, Bonbons und Zigaretten, die vom Wind in alle Richtungen verteilt worden waren.

Dylan kletterte weiter nach unten um spektakuläre Fotos zu schießen, aber ich war so durchnässt, dass ich beschloss, es dabei zu belassen und zurück zum Minibus zu gehen. Leichter gesagt als getan. Der Regen klatschte mir ins Gesicht und der Wind wehte mir die nassen Haare um die Ohren, sodass ich vermutlich eine falsche Abzweigung nahm und dann vor dem falschen Minibus stand, an dem eine Reisegruppe grillte. Keine Panik, dachte ich mir, ich würde einfach den gleichen Weg zurück gehen und besser darauf achten, wohin ich ging. Das tat ich, und durch die Bewegung wurde ich wieder etwas wärmer. Da sah ich einen Minibus stehen, den ich für unseren hielt und ging darauf zu, aber er hatte das falsche Kennzeichen. Ich hatte schon damit gerechnet, dass mich mein Orientierungssinn wieder im Stich lassen würde und mir unser Kennzeichen gemerkt, denn die Minibusse sahen alle gleich aus. Ich fragte die am zweiten Bus grillende Gruppe nach dem Kennzeichen; ihr Leiter deutete in eine bestimmte Richtung und beschrieb mir kurz den Weg. Doch auch der hinter diesem bewaldeten Hügel parkende Minibus war nicht meiner. Nun hatte ich langsam doch Bedenken, ob ich zurück finden würde. Ich wollte Dylan anrufen, hatte aber seine Handynummer nicht. So ging ich wieder den gleichen Weg zurück und versuchte noch einmal den korrekten Weg zu finden, da hupte es plötzlich hinter mir; es war mein Minibus - kein Wunder, dass ich ihn nicht gefunden hatte, man hatte mich in der Zwischenzeit vermisst und war umhergefahren um mich zu finden. Der Fahrer und eine ältere Frau im Bus drohten mir mit dem Finger - als hätte ich das mit Absicht gemacht.

Der Fahrer fuhr noch gehetzter weiter; er hätte mehrfach beinahe einige Bäume gerammt; wir wurden in Schlammlöchern herumgeschleudert - trotzdem war es mir ab und an gelungen einzuschlafen, denn mein kleiner ungeplanter Ausflug hatte mich sehr erschöpft. Nur leider wachte ich immer wieder auf, vom Schleudern meines Kopfs gegen Scheibe.

Wir hielten an einem weiteren Kap, das noch erstaunlichere Felsformationen zeigte und teilweise wieder von dieser seltsam leuchtenden, orangefarbenen Flechte bewachsen war. An manchen der Felsen fragte ich mich ernsthaft, wie diese Formation zusammenhielt.


Unser letzter Halt war eine Forschungsstation, in deren Nähe es eine Imbissbude gab, um die herum einige Bänke standen, und es sogar ein kleines Zelt gab, in dem Bänken standen, und aus dem der Klang einer Gitarre kam und völlige schiefer Gesang. Ich dachte an eine Aussagen des Schritstellers Kaminer, dass Deutsche einfach nicht gemeinsam singen konnten, und dass man deutschen Gesang und deutsches Bier nicht mischen sollte. Als ich das hörte, dachte ich, dass es wohl auch in Einzelfällen auf Russen zutraf - bis ich näher kam und die Worte verstand. Es war tatsächlich eine Gruppe Deutscher gewesen, die dort trank und sang.

Bei uns gab es kein Essen inklusive, dafür wurden wir auf der Rückfahrt in unserem Dorf in einer Posnaja abgesetzt - einer Kneipe, die sich auf heiße Posen spezialisiert hatte, also diese traditionellen Riesenpelmeni "Posy”. Auch Dylan und ich kehrten dort ein, bestellten heißen Tee und Posy. Aus irgendeinem seltsamen Grund wurde unsere Bestellung erst ausgeführt, als alle anderen Mitreisenden die Kneipe schon wieder verlassen hatten. Dylan notierte derweil die Erlebnisse von heute in sein Reisetagebuch, allerdings war seins analog, während ich immer mein Smartphone für Notizen dabei hatte. So war es mir auch noch nach Monaten möglich, meine Notizen und Beschreibungen ohne große Umstände zu einem runden Text zu formulieren.

Die Posy sahen etwas seltsam aus, wie ein umgekippter Muffin mit einem Loch in der Unterseite, durch den man das Hackfleisch sah. Auch diese Posy schwammen in Bouillon, obwohl sie doch eigentlich nur im Dampf gegart wurden. Geschmacklich gab es keinen Unterschied - wie bei den meisten russischen Teigtaschen, ob sie nun Pelmeni, Wareniki oder Manti hießen.

Wir hatten uns Zeit gelassen, doch der Minibus wartete immer noch vor der Tür, aber wir waren mittlerweile schon so nah an der Touristeninfo, dass wir eigentlich zu Fuß hätten gehen können.
Da wir nun einmal wieder an der Touristeninfo waren, gingen wir gleich zu Natalja um ihr von unseren Abenteuern zu berichten. Sie war gerade damit beschäftigt, einem verwöhnten deutschen Ehepaar eine Unterkunft zu vermitteln, die ihren Ansprüchen entsprach - keine leichte Aufgabe. Dylan und ich gingen zum Trocknen zurück in unser Zimmer, aber hier war es nicht wesentlich wärmer und trockener als draußen, also wechselten wir nur die Kleidung und gingen zurück zu Natalja und sahen uns die Souvenirs etwas genauer an. Ich fand interessant riechenden Tee, der von den Einheimischen in bemalte Jütesäckchen verpackt worden war. So ein Souvenir war natürlich wesentlich praktischer als die gruseligen Strohpuppen ohne Gesicht, die im Koffer sicher zerbrochen wären. Nicht dass ich sie sonst gekauft hätte. Natalja erklärte, diese Puppen hätten kein Gesicht, weil durch Öffnungen wie Augen und Mund böse Geister eindringen konnten, und davor sollten diese Puppen ja gerade schützen.

Wir verabredeten uns wieder mit Natalja nach ihrem Dienstschluss und gingen in der Zwischenzeit wieder in unser Zimmer. Dylan fand Interesse an meinem kleinen Kauderwelsch-Russischbuch, das sie wichtigsten Sätze in deutscher Umschrift enthielt. Er blieb zwar nur noch eine Woche in Russland, aber es konnte ja nicht schaden, ein paar einfache Sätze zu lernen.

Um 21 Uhr hatte es endlich aufgehört zu regnen und ein großer Regenbogen hing über dem Dorf. Natalja schlüpfte dennoch unter ihr Regencape, denn sie traute dem Frieden nicht ganz. Ich hatte ihr in der Zwischenzeit noch einige Origami-Sterne gebastelt, und sie hatte auch an mich gedacht und mir ein deutsches Buch zum Thema Numerologie geschenkt. Ich wunderte mich, wo sie es aufgetrieben hätte, aber sie meinte nur, es käme aus Deutschland. Sie hatte auch eine Widmung hineingeschrieben, "für meine liebe Freundin...”.


Natalja hatte uns auf einen Tee eingeladen, aber diesmal durften wir als ganz besondere Ehre mit in ihr Zimmer kommen. Es war ein winziger Holzverschlag, der gerade groß genug für ein Bett und einen Kleiderhaken war, und eine festgenagelte und mit Latten befestigte Plane statt eines Dachs hatte. ich stellte fest, dass wir sogar noch recht komfortabel dagegen wohnten.
Natalja bat uns, mit ihr im Bett Platz zu nehmen. Sie zog uns die dicke Decke über die Beine und fragte, ob wir auch etwas essen wollten. Sie wollte uns alles in ihr Zimmer bringen, wir sollten hier warten, denn wir waren ein Geheimnis hier.
Nach einigen Minuten kam sie mit leeren Händen wieder und meinte, dass es doch zu viel zum Tragen sei und nahm uns wieder in die Kantine mit, wo sie uns zwei große, dampfende Teller mit allerlei Speisen vor die Nase stellte: Mit Reis gefüllter Omul-Fisch - die berühmte Spezialität der Insel, dazu gab es Soyastücke, verschiedene Salate und eine große Schale Kartoffeln, die wir unbedingt leeressen sollten. Wir hauten rein als wäre es das erste Essen seit unserer Ankunft, und als wir damit fertig waren, brachte sie uns sogar noch Gebäck zum Nachtisch. Sie arbeitete einmal pro Woche in der Kantine und wusste, wo sie etwas abzweigen konnte, meinte sie zwinkernd. Sie erzählte, dass sie hier kostenlosen wohnen konnte, wenn sie eine bestimmte Zahl von Stunden in Nikitas Homestead arbeitete.
Nun wollte sie uns mit ihrer überschwänglichen Freundlichkeit auch noch ins Banya mitnehmen. Davon gab es eine ganze Reihe in dieser Jugendherberge.
Sie ging mit uns zu unserer Unterkunft, wo wir unsere Badesachen holen wollten. Die Briten hielten sich im Hof auf; sie hatten sich mit den russischen Gästen angefreundet und das bereits mit Wodka begossen und unsere Pläne für den Abend vergessen, was Natalja ausgesprochen ärgerte, obwohl sie Charles ja gesagt hatte, dass er für sie abgeschrieben war.
Auch die Briten wollten mit ihren neuen Freunden nun auch ins Banya gehen - ich riet ihnen davon ab, denn Wodka & Sauna war eine schlechte Kombination und konnte zum Kreislaufkollaps führen, oder zumindest arg unangenehm werden, hatten mir mehrere Bekannte erzählt, und ich hatte es nie ausprobiert.

Auf dem Rückweg zur Jugendherberge hängte sich Natalja wieder bei uns ein und meinte, sie sei lieber mit uns echten freunden unterwegs, die ihre Versprechen halten, als mit diesen Briten. Man sah ihr an der Nasenspitze an, wie gern sie mit Charles ins Banya gegangen wäre. Es war aber nicht mal so sehr Charles, den sich wollte - sie wollte einen Europäer heiraten. Und tatsächlich gab es für sie ein Happyend: Nur zwei Monate später war sie mit einem Österreicher verlobt, den sie wohl nach ihrer Abreise von Olchon in Irkutsk kennengelernt hatte, und der ihr innige Liebesbriefe per E-Mail schrieb, die sie an mich weiterleitete und mich fragte, was ich davon hielt, wie ernst sie seine Versprechungen nehmen konnte. Er klang in seinen Briefen völlig hin und weg und hätte sie am liebsten sofort vom Fleck weg geheiratet, ließ aber die Realität nie aus den Augen und erzählte, was er alles arrangieren musste, bevor sie letztendlich zusammenkommen konnten. Ich schrieb ihr zurück, dass es nicht nach einem Spinner klang, und sie begann deutsch zu lernen. Ich war gespannt, wie es mit den beiden weiterging, aber es sah gut aus; selbst Monate später hatte er das Liebesbriefschreiben nicht aufgegeben.

Aber zurück nach Olchon -
Die Pfützen so groß, dass man ihnen bald Namen geben musste: Kantinensee, Klohäuschensumpf, Pavillontümpel... Man hatte einfache Holzlatten über die größten Schlammlöcher gelegt. Natalja brachte uns wieder bei sich unter und sah derweil nach, ob im Moment ein Banya frei und für uns die Luft rein war, dann schmuggelte sie uns im Dunkeln in das Banya hinein. Es war schon nicht mehr heiß, aber angenehm warm und zum Waschen geeignet.
Wir schickten Dylan als erstes hinein, und als er fertig geduscht hatte, gingen wir zusammen in den warmen Saunaraum während Dylan im angrenzenden Ruheraum auf uns wartete. Es war nicht mehr viel warmes Wasser da, aber genug um zwei Schüsseln damit zu füllen. Natalja schnappte sich wieder ihre Kleidung und ging am Nachbar-Banya um etwas Wasser bitten.
Ich machte es mir derweil in einem großen Metalltrog bequem, in dem das Wasser durch meine Körperverdrängung bis an den Rand stieg. Dylan war draußen etwas kalt geworden und er bat, hineinkommen zu dürfen. Ich sah an mir herunter - man konnte nur meine Schultern und Knie sehen, also stimmte ich zu. Natalja kam zurück und war etwas überrascht uns so zu sehen, dann warf sie ihn sanft raus und wir konnten uns in Ruhe waschen.

Erfrischt und mit Tüchern auf dem Kopf gingen wir erst zu Nataljas Zimmer und warteten, dass sie mit dem Umziehen fertig wurde, dann gingen wir gemeinsam zurück zu unserer Unterkunft, stoppen auf dem Weg noch in einem kleinen Laden, der uns nie aufgefallen war und kauften ein alkoholisches Gesöff, das hauptsächlich grün-grau und billig war.

Die Briten waren schon wieder aus dem Banya zurück als wir ankamen. Sie sahen recht fertig aus, aber am Leben. Wodka hatten sie keinen mehr, aber Bier in winzigen Flaschen. Sie machten Platz für uns.


Aber auch andere Neuankömmlinge saßen mit am Tisch - die Freunde unserer Briten, die mit dem Zelt unterwegs gewesen waren. Sie waren in der letzten Nacht völlig durchgeweicht worden und wollten heute Nacht auf den Holzbänken im Gemeinschaftsraum schlafen. Ich nahm an, dass auch Kristinas und Tanjas Zeltabenteuer und der unglaubliche Sternenhimmel ins Wasser gefallen waren.
Dylan hatte sich auch entschieden, noch eine Nacht in unserem Zimmer zu bleiben statt sich zwei Bäume für seine Hängematte zu suchen. Auch schien es für ihn nichts mehr Interessantes auf der Insel zu geben und er wollte mit mir gemeinsam am nächsten Tag nach Irkutsk abreisen. Es hatte aber nur noch zwei Plätze in unterschiedlichen Minibussen gegeben, weil wir Natalja zu spät darum gebeten hatten, uns Plätze zu reservieren - so nahm ich einen Bus um 10, Dylan um 14 Uhr. Schon allein deswegen erlaubte ich es mir heute nicht, allzu sehr über die Strenge zu schlagen.

Die Briten erzählten wieder von ihrer Reise; sie waren im Großen und Ganzen überhaupt nicht auf Russland vorbereitetet gewesen. Nur einer von ihnen konnte ein wenig russisch, aber die anderen drei kannten kein Wort, und als ein Russe im Zug versuchte ihr Freund zu werden - auf russisch "drug" -, dachten sie, er wollte ihnen Drogen verkaufen - auf englisch "drugs" - und lehnten vehement ab, bis ihr Freund das Missverständnis aufklären konnte und sie sich vielmals bei dem Russen entschuldigten. Daraufhin hatten sie die neue Freundschaft mit Wodka begossen. Sie hatten schon viel trinken müssen, aber sie berichteten stolz, dass sie sogar die Russen unter den Tisch soffen, denn sie hatten viel zu Hause in England geübt.

Je länger der Abend wurde, desto leichter gelang es mir, mich mit den nun fröhlicheren Briten zu unterhalten, und ich bemerkte, dass ich in der Zwischenzeit begonnen hatte, in einem britischen Akzent zu sprechen statt wie sonst in einem holländisch angehauchten Amerikanisch, weil ich eben mein recht gutes Englisch in Holland gelernt hatte, und die Holländer wiederum hatten ihr Englisch aus dem amerikanischen Fernsehen gelernt, denn etwas anderes lief bei ihnen ja nicht.
Nun schwoll mir direkt der Kamm, als mit die Briten sagten, mein Englisch sei genial, und dass sie meinen Akzent liebten - und dass ich fast wie einer von ihnen spräche. Das war ein regelrechter Ritterschlag. Natürlich war mir bewusst, dass dort, wo die Sonne niedrig steht, auch Zwerge lange Schatten werfen...

Natalja hatte am Nachmittag eine alte Freundin aus ihrer Heimat Altai getroffen, und die hatte ihr eine ganze Tüte voller Zedernzapfen mitgemacht. Ich erinnerte mich an Artjoms Aussage, dass dies wahrscheinlich das Gesündeste war, das Russland zu bieten hatte. Nun verteilte Natalja die Zapfen an alle und zeigte, wie man am besten an die Samen heran kam und ihre harten Schalen knacken konnte. Am Ende lag der ganze Tisch voller Schalen und halb gegessener Zapfen. Einen jedoch hatte sie aufbewahrt um ihn mir zu schenken.


Die Briten fanden es lustig, Tannenzapfen zu essen und wollten es zu Haus auch probieren, ich war jedoch nicht überzeugt, ob es eine so gute Idee war, den in England hatte man sicher nicht die gleichen Bäume. Ich erklärte ihnen, dass sie eine Spezialität aßen und so etwas Gutes sicher nicht ein zweites Mal bekommen würden. Sie hörten interessiert zu, waren aber schon relativ hinüber, weshalb ich nicht sicher war, ob meine Botschaft bei ihnen auch ankam. Ich verabschiedete mich bald von der Runde um ins Bett zu gehen, es waren schon die Morgenstunden angebrochen. Ich hoffte, dass es irgendjemand noch schaffte, Natalja nach Hause zu bringen, wir umarmten uns zum Abschied, denn morgen würde ich sie nicht noch einmal sehen, da sie an diesem Tag nicht in der Touristeninfo, sondern in der Kantine arbeitete. Sie gab mir jedoch ihre Handynummer, falls irgendetwas mit der Abfahrt schief ging, denn Dylan und ich hatten zusammen nur ein Ticket, obwohl wir zu unterschiedlichen Zeiten abfuhren, denn es hatte einige Verwirrungen beim Ticketkauf gegeben, weil die Buchungsliste unsauber geführt worden war, sodass wir zunächst im Glauben gewesen waren, dass wir zusammen abreisen konnten... aber das waren die kleinen Schwierigkeiten, die es in Russland immer gab, und die genauso schnell wie sie auftraten wieder vom Tisch waren.

30.7.
Wir hatten bei offener Tür geschlafen, denn es war irgendetwas mit dem Schlüssel passiert: Gestern Abend war er noch da gewesen, er hatte im Schloss gesteckt, und als ich nach vielleicht 10 Minuten wiederkam, war er nicht mehr da. Auf dem Boden lag nichts, aber der bestand aus Holzlatten, zwischen denen es fingerbreite Abstände gab, jedoch fand ich es sehr unwahrscheinlich, dass er quer genau in eine der Ritzen gefallen war.
Heute morgen, als ich meine Sachen zusammen packte, kam unsere Gastgeberin vorbei um von Dylan das Geld für die weitere Nacht aufzutreiben. Bei der Gelegenheit erklärte ihr die Situation und war überrascht, dass sie mich gleich verstand und vermutete als Schuldigen die spielenden Kinder vom Hof. Damit gab ich mich zufrieden, wenn sie sich damit zufrieden gab, ansonsten hätte ich ihr Geld zum Kauf eines neuen Schlosses gegeben - allerdings hatte ich nur noch einen 10-Euro-Schein, denn meine letzten 500 Rubel hatte ich für die Abreise von der Insel gebraucht. Bei Dylan sah es ähnlich mau aus. Es gab keine Geldautomaten auf der Insel, zumindest hatten wir keinen gefunden. Dafür jedoch im Konsum einen Automaten zum Aufladen von Geld auf das Handy - das hätte Gergö gebraucht. Mittlerweile fragte ich mich, ob wir wirklich am gleichen Ort wie er gewesen waren, aber das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Ich verabschiedete mich von Dylan und ging zur Touristeninfo, wo der Bus abfahren sollte. Das Ticket hatte ich bei Dylan gelassen, weil es auf meinen Namen war - so hatte er das Papier und ich den Namen, das sollte in Ordnung gehen; und tatsächlich, von dem sprachlichen Erfolg der Schlüsselsache ermutigt, erklärte ich auf Russisch die Situation; die Frau mit der Liste nickte und meinte, ich könne zum Bus gehen. Nur standen da gleich drei vor der Tür. Ich weiß nicht mehr, wie ich es schaffte, den richtigen zu finden, vielleicht wurde mir auch einfach nur irgendein Platz zugewiesen, aber einen Platz bekam ich - den nur leider niemand freimachen wollte. Erst nach einem Gemurmel wurden dann Taschen von der Rückband geräumt, das Gepäck aufs Dach gehoben und mit einer Plane festgezurrt. Das sah mir zu wackelig und ungeschützt aus, und ich weigerte mich, meinen Rucksack mit dem Notebook darin herzugeben. Stattdessen hob ich den schweren, vollgepackten Rucksack auf meine Beine, die jetzt schon kaum Platz hatten und schon nach einer Viertelstunde einschliefen, weil ich sie so eingeklemmt nur um wenige Millimeter bewegen konnte.

Kurz nach 10 Uhr ging es also los, um 11:15 waren wir am Hafen, die Fähre fuhr eine halbe Stunde und um 17:00 waren wir schon zurück in Irkutsk. Mein verplanter Gastgeber Eduard hatte ganz vergessen, dass er die Stadt verlassen musste und gab mich an seinen Freund und Couchsurfingkumpel Denis weiter, der mir per SMS eine merkwürdige Wegbeschreibung schickte, die ich an Kidnapping und Lösegeldforderungen erinnerten: Zuerst sollte ich zum Bahnhof fahren. Dann links bis zur Brücke gehen, darunter hindurch - nicht darüber, und dann Minibus Nummer 64 bis zur Endhaltestelle nehmen. Dort würde ich weitere Instruktionen erhalten.

Ich sah den Minibus 64 aber schon am Busbahnhof an mir vorbeifahren und beschloss, hier schon einzusteigen - entweder würde ich zu Denis kommen oder zum Bahnhof, oder irgendwo anders landen. Ich fragte vorsichtshalber eine Frau neben mir an der Bushaltestelle, in welche Richtung das Stadtzentrum lag. Eine nette Reisende hörte das und beschloss, mich zugleich zu meinem Ziel zu begleiten, oder mich zumindest persönlich auf den richtigen Weg zu bringen, zum Zentralnij Rynok, dem Zentralbasar; dort könne ich zum Bahnhof umsteigen. Sie meinte, mit der 64 würde ich von hier aus nie dort ankommen, und nahm mich mit in die Straßenbahn, Linie Nummer 1.
Die Frau war auch eben erst aus Olchon gekommen und mit dem Rucksack unterwegs gewesen. Als wir ausstiegen, sah sie schon meine Straßenbahn warten und begann, schneller zu werden. Ich erreichte die Bahn als erste und wartete in der Tür, sodass sie sich nicht schließen konnte, aber die Frau wurde nur langsamer und winkte mir - sie hatte mich auf den richtigen Weg gebracht und würde nun allein weiterreisen.

Der Bahnhof kam in Sicht, und stieg aus und ging meinen Koffer abholen. Das klappte reibungslos, zumal die lange Schlange vor mir eine zusammenhängende Reisegruppe war und sich gemeinschaftlich entschloss, lieber ihre Koffer in automatischen Schließfächern aufbewahren zu wollen.

Um auf die andere Seite der Brücke zu kommen, musste ich meinen Koffer eine ganze Reihe brüchiger Holzstufen hinunterschleifen, sah aber schon von oben, dass sie an einigen Stellen durchgebrochen waren und außerdem sie schmal waren, dass ich bestimmt mitsamt dem Koffer hinuntergefallen wäre. Ich überlegte, dass er Koffer sowieso zu groß für einen Linien-Minibus war, also plante ich um, öffnete den Koffer direkt auf dem Gehweg, tauschte meine schmutzigen Sachen und Sandalen gegen saubere Sachen und Halbschuhe, packte alles wieder zusammen und brachte den Koffer zurück in die Gepäckkammer. Der Angestellte erkannte mich natürlich wieder und wunderte sich, aber ich lächelte nur und bat um zwei weitere Tage.

Nun machte ich mich wieder nur mit meinem Rucksack auf den Weg und fand heraus, dass sich hinter der Brücke nur eine weitere Haltestelle von Minibus 64 befand, und zwar der gleichen Route, die mich zum Busbahnhof gebracht hatte. Dennoch war ich ganz froh, meinen Koffer nicht dabei zu haben. Es war das einfachste, auch für die restliche Reise, wenn ich nicht von meinen Gastgebern abgeholt wurde.

Die Endhaltestelle war die Universität. Ich war die ganze Zeit mit Denis in SMS-Kontakt geblieben und wurde von ihm von der Haltestelle abgeholt - er war sofort aus einer Menge heraus zu erkennen, obwohl ich nie ein Foto von ihm gesehen hatte: Er war ein Anhaltertyp, hatte seine langen, blonden Haare zum Zopf gebunden und wirkte lässig wie ein alter Rockstar. Ich war überrascht festzustellen, dass er ein Administrator war - und er konnte nicht glauben, dass ich Cisco in Russland lernte. Aber so hatten wir schon ein gemeinsames Thema.
Seine Wohnung befand sich in einer Plattenbausiedlung und trug alle Merkmale einer Großmutterwohnung: Vergilbte Fotos, kunstvoll verzierte Silberlöffel,... aber dazwischen hing eine schwarze Anarchieflagge über dem Fenster und der Kühlschrank war leer. Alles wirkte ein wenig chaotisch und ein bisschen schmutzig - es war offensichtlich, dass hier keine russische Frau lebte. Den letzten Beweis für meine Theorie fand ich im Bad: Dort fehlte ein großer Spiegel. Ich hatte viel Zeit mich in der Wohnung umzusehen, denn Denis ließ mich dort allein - er musste eben auf Arbeit gehen und gab mir den Schlüssel. Ich bat ihn, mir auf dem Weg zur Arbeit einen Supermarkt zu zeigen, und so gingen wir zusammen.

In der kurzen Zeit, in der wir uns auf dem Weg von der Haltestelle zu seiner Wohnung und dann von der Wohnung zum Supermarkt unterhielten, erfuhr ich, dass er gerade einen Monat lang per Anhalter nach Moskau und zurück unterwegs gewesen war und nun herausfinden musste, wann er am Montag wieder mit der Arbeit anfangen sollte. Ein Anrufe hätte da zwar genügt, aber heute war der Berufsfeiertag des Systemadministrators und der wurde auf Arbeit mehr oder weniger gefeiert - das wollte er sich nicht entgehen lassen. Er schlug vor, dass wir uns am Abend mit Freunden von ihm verabreden und etwas trinken gehen könnten.

Unsere Wege trennten sich am Supermarkt; Denis verschwand auf Arbeit und kam an diesem Abend nicht wieder. Er schrieb mir Stunden später per SMS, dass alle am Trinken sei, inklusive seines Chefs, und dass die Sekretärin den Support für die ganze Firma mache.

Mir war das Recht - ich machte mir schönen Abend: Zum ersten Mal seit meinem Reiseantritt wusch ich mir die Haare nicht nur beim Baden im Fluss, dann bereitete ich Salat zu und nahm mir von der Nudelhuhnpfanne, wie Denis es mir angeboten hatte. Überhaupt sollte ich mich wie zu Hause fühlen und durfte ich alles nutzen - sogar Gitarre, falls ich sie stimmen konnte. Denis hatte auch noch zwei E-Gitarren herumstehen und ich wunderte mich, dass er sie nicht selbst gestimmt hatte. Er schrieb zurück, er hätte es versucht, aber es sei ihm nicht richtig gelungen. Ich fand, dass sie ganz gut gestimmt klang und ich machte Fingerübungen darauf während ich mir auf Youtube ein Comedy-Programm ansah.

Plötzlich schrieb Denis, seine Mutter würde gleich vorbeikommen um etwas vorbeizubringen. Ich sah mich in der Junggesellenbude um und begann das gröbste Chaos zu beseitigen und den Abwasch zu machen. Doch die Mutter brachte nur schnell zwei Tüten mit frischer Wäsche und verschwand so schnell, dass ich kaum guten Tag sagen konnte.

Ich machte es mir auf dem Sofa vor dem Computer bequem und fühlte mich so faul, dass ich nicht einmal Lust hatte, meine E-Mails zu beantworten oder gar Couchsurfing-Anfragen zu stellen. Es wären die Anstrengungen der letzten Tage und Woche nun plötzlich alle auf einmal auf mich niedergegangen. Gegen Mitternacht schlief ich völlig ausgelaugt vor dem Computer ein.

31.7.
Gegen 10 wollte ich zwar aufstehen um mir die Stadt anzuschauen, bevor ich am Abend Irkutsk schon wieder verlassen musste, aber ich war sooo müde. Denis war in der Nacht nicht heimgekommen und schrieb mir um diese Zeit eine SMS, ob ich schon aufgestanden sei, denn er wartete am Zentralplatz auf mich um spazieren zu gehen.
Ich hatte keine Ahnung wie ich da hinkam - das hatte auch gern der Busfahrer schon nicht verstanden, als ich nach dem "zentralnaja ploschad” fragte. Diesmal fragte ich bei Denis noch mal genau nach, und tatsächlich meine Denis einen großen, zentralen Platz, dessen Bushaltstellenname "Skver” hieß, das ausgesprochen wurde wie das englische Wort für Platz. So konnte man Fremde richtig gut verwirren.

Schrieb schnell ein paar Zeilen in vkontakte um mich aus Irkutsk zu melden, dann machte ich mich auf den Weg ins Zentrum und erinnerte mich an Dylan, der auf meine Empfehlung hin gestern von Irkutsk nach Ulan-Ude hatte weiterfahren wollen. Ich hatte ganz vergessen nachzufragen, ob er gut angekommen war, und ob Vladimir bereit gewesen war, ihn so kurzfristig aufzunehmen, denn Dylan hatte dort noch keinen Gastgeber gefunden, weshalb ich ihm die Handynummer von Vladimir gegeben hatte.
Auf meine SMS antwortete Dylan, er sei noch in Irkutsk, und ob wir uns treffen wollten?

Es war ein schöner Zufall, dass sich Dylan genau dort befand, wo ich Denis treffen sollte - er hatte es sich an der gegenüberliegenden Seite des Springbrunnens auf einer Bank gemütlich gemacht, wo ich ihn sogleich entdeckte ohne dass er mich bemerkte; das gab mir Zeit erstmal ein paar Worte mit Denis zu wechseln. Er sah ziemlich mitgenommen und restalkoholisiert aus, und
verschwand erstmal zum Kaugummikaufen - gegen seinen Kater. Ich ging zu Dylan, der aussah, als hätte er die Nacht auf dieser Bank verbracht, und als Denis zurück kam, stellte ich sie einander vor, dann zogen wir zu dritt los auf eine kleine Stadttour.

Irkutsk war genau so ein Dorf wie Izhevsk - auf dem Weg hinunter zum Flussufer kam uns Denis’ betrunkener Chef entgegen - er war auf der Suche nach Frauen um mit ihnen zum Baikalsee zu fahren, erklärte Denis, der kurz einige Worte mit ihm gewechselt hatte. Auch hier trog der erste Anschein - sein Chef war keineswegs ein arbeitsscheuer Alkoholiker, sondern ein hochintelligenter Geek, der als Hobby am Linux-Kernel mitentwickelte, was so ziemlich die schwierigste Programmierarbeit war, die ich mir vorstellen konnte.

Wir waren zuerst vom Zentralplatz aus die Leninstraße entlang zu den Kirchen am Flussufer gegangen, dort hatten wir eine Weile nachdenklich auf das Wasser und die Braut im wasserfarbenen Kleid geschaut. Denis meinte. in Irkutsk gäbe es nicht viel zu sehen.
Ich glaubte ihm und bat ihn deshalb, schöne orthodoxe Kirche direkt gegenüber näher anzuschauen. Denis verabscheute Kirchen, seit seine Schwester in einer stundenlangen Zeremonie zum orthodoxen Christentum konvertiert war, aber mir zuliebe ging er mit hinein.
Der Geruch in den orthodoxen Kirchen war immer herrlich, stimmte mir auch Dylan zu. Die Kirche wurde seit Ewigkeiten renoviert, meine Denis, und in eine bestimmte Ecke ließen sie uns gar nicht gehen - ein alter Mann machte tstststs-Geräusche als wäre Dylan, der vorangegangen war, eine unartige Katze.

Wir ließen nun auch die Kirche einfach Kirche sein und gingen quer durch die Stadt zu einem anderen Flussufer mit Springbrunnen im Wasser, der kurz nach der Erbauung gesunken sei und mit viel Geld wieder an die Oberfläche geholt wurde, erzählte Denis.
Wir gingen weiter im strahlenden Sonnenschein am Fluss entlang, da sahen wir plötzlich die Polizei mit einem Boot am Wasser stehen, und Denis zog es vor, einen großen Bogen um sie zu machen. Er erklärte, dass er sich vor der Armee versteckte und erzählte, mit welchen Tricks er dies tat. Zum Beispiel arbeitete er komplett schwarz für seine Firma - nicht wie sonst üblich für den Mindestlohn und den Rest steuerfrei auf die Hand - sondern arbeitete überhaupt nicht dort und bekam sein Geld monatlich bar auf die Hand. Dann vermied er es, seinen Ausweis irgendwo zu zeigen - das war schwierig, gerade am Bahnhof beim Ticketkauf musste der Ausweis ja vorlegen, und dort wurden seine Daten mit einer Datenbank verglichen, die speicherte, ob man von der Polizei gesucht wurde, und wenn ja, konnte die Polizei den Flüchtigen gezielt und auch mit Gewalt aus dem Zug holen, denn sie kannten seinen genauen Sitzplatz von der verkauften Fahrkarte. Gleiches galt am Flughafen. Denis erzählt, dass man nicht abfliegen ohne seine Schulden beim Staat - wie beispielsweise Strafzettel - bezahlt zu haben. Denis meinte, anders als durch solche Maßnahmen kam man in Russland nicht an die Leute heran; dafür war das Land einfach zu groß und es den Leuten zu egal, was gesetzlich vorgeschrieben war. Tatsächlich war es Teil der russischen Mentalität, besonders das zu tun, was verboten war. Ein Schild an einem Zaun, das "Betreten verboten" las, würde an einem ausgetretenen Zaun am Boden liegen. In Russland gäbe es nur deshalb so strenge Gesetze, weil sich eh niemand dran hielt, meine Denis. Ein Gesetz sein mehr ein Vorschlag als etwas Vorgeschriebenes. Es gäbe immer einen Weg drum herum, zum Beispiel konnte man am Bahnhof das Ticket von Schwarzhändlern kaufen, oder dem Zugbegleiter seinen Schlafplatz im Begleitercoupé abkaufen, den er in seiner Dienstzeit 12 Stunden lang sowieso nicht nutzen konnte. Frauen kamen sogar in Zügen oft kostenlos per Anhalter mit, meinte Denis. Nur das Land könne er nicht verlassen, denn dafür brauchte er einen Auslandsreisepass, und dafür musste er zu einer Behörde - die er ja vermeiden musste bis er 27 Jahre alt war, denn dann erlosch die Armeepflicht. Aber so stressig wie es sich anhörte, war die Flucht vor der Armee gar nicht, meinte Denis, denn nur zweimal im Jahr werden Listen von aktuell Flüchtigen erstellt und aktiv nach ihnen gesucht - er bezeichnete es als "army calling", also etwa "der Ruf zur Armee”. Auch gab es in Irkutsk bei weitem nicht so viele Polizisten wie in Moskau und Sankt Petersburg. Als er einmal in Moskau von einem Polizist kontrolliert wurde, behauptet er einfach, seinen Pass nicht dabei zu haben und nannte die Daten von einem Freund, der sich erfolgreich vor der Armee gedrückt hatte, indem Doktor bestochen hatte.

Wir dachten nun langsam ans Mittagessen und ich fragte Denis, ob er ein billiges Café kannte. Er führte uns auch gleich zu einem Café, das er als Studentencafé bezeichnete. Es war ein McDonalds, oder zumindest eine recht gute Kopie davon. Dort wollten weder Dylan noch ich essen, aber in anderes Studentencafé kam man als Nichtstudent nicht hinein, weil es sich auf dem Universitätscampus befand.
Dylans Handy klingelte; er meinte, er müsse los, da er um 15 Uhr ein Meeting hatte - nun war es bereits 15:20. Er hatte es wohl vorher erwähnt, aber ich hatte es vergessen und gar nicht bemerkt, wie wir seine Zeit in Anspruch genommen hatten. Denis schlug vor, dass wir allein zum Zirkus gehen sollten. Ich umarmte Denis schnell, dann gingen Dylan und ich allein los. Meinen Rucksack hatte ich schon dabei, sodass ich nicht noch einmal zurück zur Wohnung musste, und den Schlüssel hatte ich Denis bereits am Vormittag zurückgegeben. Nun galt es die Zeit totzuschlagen bis um 18:30 mein Zug abfuhr. Dylans Zugs fuhr erst später am Abend, und so begleitete er mich die ganzen letzten Stunden.

Wir waren mit Denis im Kreis gegangen und kamen nach kurzem tatsächlich am Zirkus heraus.. Dort saßen wir eine Weile, plauderten und sahen den Kindern beim Spielen zu; sie ritten auf Ponys, ließen sich vor Büschen fotografieren, die wie Tiere geschnitten waren, liefen auf dem Rand der Springbrunnen entlang oder fütterten Tauben - es war wie ein kleines Volksfest.
Ich vermutete, dass die Tiere tatsächlich aus dem Zirkus stammten, und dass man sich so ein wenig das Gehalt aufbesserte.

Es war noch ein gutes Stück weiter zurück zum Bahnhof; wir begannen langsam in die Richtung zu laufen, erwischten aber nicht ganz die richtige Richtung und hätten uns fast verlaufen. Einmal schrak ich regelrecht zusammen, als hätte ich einen Geist gesehen - da hing tatsächlich ein Plakat von Thomas Anders, für dessen Auftritt in Irkutsk geworben wurde. Ich schüttelte mich und kam zu der Schlussfolgerung, dass man nirgendwo in der Welt sicher vor den Auswüchsen deutscher "Kultur” war. Später erfuhr ich, dass es einer der deutschen Studenten in Izhevsk gewesen war, der die gesamte Russlandtour von Thomas Anders organisiert hatte.


Irkutsk erschien mir im großen und ganzen nicht als besonders sehenswert - die Stadt war ein Verkehrsknotenpunkt der Transsib und Ausgangsort für Ausflüge zum Baikalsee, aber mehr auch nicht, obwohl sie an einigen Stellen durchaus interessante Fälle von Architektur zeigte: Häuser, die krumm und schief im Erdboden versunken schienen, und deren Fenster direkt an der Straßenkante begannen:


Bei anderen fehlte ein Stück vom Dach, weshalb es als Terrasse verwendet wurde. Aber sauber wirkte die Stadt - sogar die üblichen weggeworfenen Wodkaflaschen waren in Papiertüten eingepackt. Das lag aber eher daran, dass man auf offener Straße nicht trinken durfte, deshalb die Flaschen schon in diesen Tüten verpackt verkauft wurden. Außerdem fiel auf, dass über die Hälfte aller Autos ein zusätzliches Stück Plastik vorn an der Motorhaube trugen - zum Schutz gegen Steinschlag oder ähnliches, spekulierten wir. Weshalb aber ausgerechnet in Irkutsk und irgendwo anders, das konnten wir uns nicht erklären.


Wir kamen zufällig über großen Markt mit Campingzubehör. Dylans wollte sich einen zusätzlichen kleinen Rucksack für etwa 200 Rubel kaufen, aber ich sagte ihm gleich, das würde nichts werden. Er glaubte mir jedoch nicht, als ich übersetzte, dass der Verkäufer 2000 Rubel für den Rucksack wollte und ließ es von Verkäufer auf einen Zettel schreiben. Dylan schüttelte den Kopf, schrieb seine Zahl auf den Zettel und der Verkäufer lachte, ebenfalls kopfschüttelnd.

Es war nun langsam Zeit zum Bahnhof zu finden - die Gegend war einsam geworden, sie bestand nur noch aus einer staubigen Straße und einer Tankstelle, doch wir sahen schon die Brücke, die uns wieder in die Stadt führen sollte - nur sahen wir beim Näherkommen, dass es wohl die falsche Brücke war, denn der Fluss war zu klein um die Angara sein zu können, wahrscheinlich war es nur ein Nebenfluss. Um kein Risiko einzugehen, gingen wir den gleichen Weg zurück, den wir gekommen waren, über den Campingmarkt, vorbei an Thomas Anders, dem zusammengefallenen Reisebüro und dem Busch, der wie eine Kugel geschnitten war und erreichten Punkt 18 Uhr den Bahnhof. Ich bat Dylan noch, mir mit Koffer zu helfen, denn der musste wieder aus dem Gepäckraum nach oben getragen werden. Dylan half mir freundlicherweise und brachte mich zum Bahnsteig. Wir verabschiedeten uns ohne viele Umstände und versprachen uns locker, dass wir uns in Deutschland wiedersehen würden - vielleicht würde ich ihn in München besuchen gehen. Da hatte ich die halbe Welt gesehen, aber noch nicht die Bayrische Landeshauptstadt.

1 Kommentar:

  1. Ich muß schon wiklich sagen,
    toller artikel und super blog!
    Hab ruby gleich mal gebookmarked!
    Viele Grüße
    Travelagent

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