Donnerstag, 23. Dezember 2010

Auf großer Reise, Teil 10: Moskau.

10.8.
Strahlender Sonnenschein begrüßte uns auf der Straße, als wir das Haus verließen. In der Nacht hatten sich die Rußwolken fast vollständig verzogen und Moskau lag ganz in seiner pompösen Pracht vor uns. Konstantin hatte sich einen Tag freigenommen um mir die Stadt zu zeigen; seine Freundin Olga begleitete uns, weil sie erst am Abend auf Arbeit musste, und deren beste Freundin Katja begleitete uns zumindest mit ins Zentrum. Das einzige, was wir davor noch zu erledigen hatten, war eine Angelegenheit in einer Bank zu regeln und mir eine Moskauer SIM-Karte zu kaufen, sodass wir während meines Aufenthalts in Moskau billig telefonieren konnte, denn auf Dauer waren die Roaming-Gebühren mit meiner Izhevsker SIM-Karte einfach zu hoch um die ganze Zeit über in Kontakt zu bleiben. Dafür brauchte ich einen russischen Pass, doch Olga war so nett, die Karte auf sich registrieren zu lassen. Konstantin fragte gründlich nach dem besten Angebot, und am Ende bekam ich doch wieder MTS, der den Markt praktisch beherrschte. Die Verkäuferin versicherte, dass SMS im Service-Umfang enthalten waren, das stellte sich jedoch als unwahr heraus - und dann hatte ich 250 Rubel auf dem Handy und konnte damit nichts anfangen außer zu telefonieren, aber da hatte ich noch einige Woche bleiben müssen um das ganze Geld abzutelefonieren. Fast hätte ich mich schon darüber geärgert, dass sie uns so übers Ohr gehauen hatten, da fiel mir ein, dass ich mit dieser SIM-Karte billig im Internet surfen konnte, also setzte ich sie in mein Smartphone ein und behielt meine Izhevsker Karte im Handy - ich hatte sowieso meine Izhevsker - nicht die Moskauer - Handynummer in der Couchsurfing-Gruppe hinterlassen, in der ich nach Gesellschaft zum Erkunden der Stadt gesucht hatte.

Unsere erste Station war natürlich der Rote Platz mit dem weltberühmten Kreml. Ein Foto brauchte man schon von sich auf dem Roten Platz, sonst war man nicht richtig in Russland gewesen. Bei mir hatte es fast 6 Monate gedauert, aber nun stand ich auch wie ein echter Tourist vor dem Auferstehungstor.



Ich weiß gar nicht mehr, warum mich früher der Gedanke, nach Moskau zu fahren, so abgeschreckt hatte. Moskau war auch nur eine Großstadt wie jeder andere ohne sichtbare Kriminalität, wenn man es vermied, nachts in den falschen Vierteln spazieren zu gehen, meinte Konstantin. Er selbst stammte aus dem Süden von Russland, die beiden Mädels aus Königsberg, aber sie wohnten schon einige Jahre hier und kannten sich aus.

Der Rote Platz war so ziemlich, wie ich ihn mir vorgestellt hatte - gesäumt von Souvenirständen, gefüllt mit Touristen und Leuten in komischer Verkleidung, die darin ihr Geschäft sahen.
Am Eingangstor gab es einen speziellen Ort, einen goldenen Kreis, in den man sich stellen und eine Münze hinter sich werfen sollte. Was genau dieses Ritual bewirkte, außer die lokalen Bettler zu versorgen, konnte mir Konstantin nicht sagen. Es waren eben diese Dinge, die immer da waren, und über die man sich keine Gedanken machte, wenn man nicht als Tourist unterwegs war.
Als wir durch das Tor traten, sahen wir schon die berühmte Basilius-Kirche mit ihren Zuckertürmchen, aber die war gerade zur Renovierung geschlossen. Wir kamen am Lenin-Mausoleum vorbei, den roten Kreml-Mauern, dem Luxus-Kaufhaus GUM... alles wie aus der Broschüre. Auf der anderen Seite des Kremls befand sich eine Parkanlage; viele Jugendliche lagen im Gras oder nahe der Springbrunnen und die Getränkeverkäufer verdienten sich eine goldene Nase bei diesen Temperaturen. Ein besonders schöner Springbrunnen sprühte einen hohen Bogen über einen Fußweg hinweg und erfrischte beim Durchgehen. Einige Mädels gingen sogar im Springbrunnen baden, wodurch ihre weißen Kleider durchsichtig wurden. Konstantin meinte, normalerweise sei es verboten, in den Springbrunnen baden zu gehen, aber durch die Hitze hatte man das Verbot aufgehoben. Öffentliche Freibäder waren nicht sehr verbreitet in Russland und nun völlig überfüllt. In Izhevsk gab es zum Beispiel überhaupt keins; das nächste befand sich im 350 Kilometer entfernten Kasan und nannte sich "Aquapark", und tatsächlich fuhren viele Izhevsker nur zum Baden nach Kazan. Gesünder war es allemal als in den Flüssen baden zu gehen. Ich wollte gar nicht erst wissen, was in der Moskwa herumtrieb.

Hier in Moskau sah ich zum ersten Mal seit sechs Monaten einen Dönerspieß und konnte gar nicht anders als mir einen Döner Kebab zum Mittag zu nehmen. Schön fand ich auch die Anpassungen, die von der türkischen Küche an den russischen Geschmack gemacht wurde: Ein Hauptbestandteil waren Gewürzgurken. Aber auch in Deutschland hatte man den Döner modifiziert und packte wesentlich mehr Kraut darauf als ich es in Istanbul gesehen hatte.

Deutschland hatte auf die brenzlige Situation in Moskau reagiert und in einer humanitären Maßnahme Atemschutzmasken in die Stadt geschickt. Nun standen einige freiwillige Helfer in der Fußgängerzone und gaben an alle Passanten kostenlos Atemschutzmasken aus. Die landeten oft im Müll, aber ich nahm meine als Souvenir mit.

Erst am Abend, als wir alle ausgehungert waren, kehrten wir in die Wohnung zurück und saßen gemütlich beisammen; Konstantin und Olga kochten, Katja suchte gute Musik aus dem Internet heraus. Bei ihr konnte ich punkten als ich zu erkennen gab, dass ich die Gruppe Zemfira kannte - ich zeigte den Daumen nach oben und sie rief ganz begeistert: "Oj, sie kennt Zemfira!"
Wir aßen gemeinsam und gingen bald ins Bett, nachdem Olga auf Arbeit gegangen war. Sie arbeitete als Kellnerin in einer Bar.

11.8.
Eigentlich hatte ich geplant, um 10 Uhr das Haus zu verlassen, aber daraus wurde ein "nach 11", aber zumindest den Einlass in die Waffenkammer des Kremls um 12 Uhr konnte ich noch schaffen, dachte ich mir auf dem Weg ins Zentrum, aber da meldete sich eine Mädchen von Couchsurfing, die mich etwas rumführen wollte. Sie hieß ebenfalls Olga und wollte mich um 12 im Zentrum treffen. Ich wartete auch 12:30 Uhr noch auf sie. Mittlerweile war es sogar zu spät geworden um das Lenin-Mausoleum noch zu besichtigen. Kein guter Start für eine neue Freundschaft, denn ich war recht angefressen.
Als die dann endlich kam, gingen wir eine Runde im GUM spazieren, in dem es vor Touristen wimmelte, aber doch einige reiche Russen gingen in die Boutiquen hinein - nur kaufen sah ich niemanden etwas.

Der Rote Platz war wirklich der touristischste Ort in ganz Russland, und man hörte auf der Straße mehr japanisch als russisch.
Ich wollte eigentlich runter zum Gorki-Park laufen, wie im Lied "Wind of Change" der Moskwa folgen, aber die Sonne brütete derart stark, dass wir es gerade mal bis zur Christ-Erlöser-Kathedrale schafften - auf der Stadtkarte sah alles viel näher aus als es wirklich war, und Moskau war eine Riesenstadt, in der die einzelnen Metrostationen, die uns als Orientierungshilfe dienten, zwei Fußstunden von einander entfernt liegen konnten.
Das Metro-Netz selbst war gar nicht so kompliziert wie es auf den ersten Blick aussah: Man hatte den großen Metro-Ring, über den man in sämtliche Linien umsteigen konnte; man musste nur erstmal durchschauen, dass einige Metro-Bahnhöfe zwei oder drei Namen besaßen, wenn sich dort zwei oder drei Linien kreuzten - so wusste man beim Umsteigen gleich, auf welcher Linie man sich im Moment befand und wohin man gehen musste, und wenn man sich am Ausgang verabredete, konnte man sich nicht verpassen, denn für jede Linie schien es einen eigenen Ausgang zu geben. Natürlich war dies alles Quatsch - man verirrte und verpasste sich dennoch, und wenn man nicht genau schaute, wie der Bahnhof auf der aktuellen Linie hieß, konnte man ewig im Kreis fahren ohne dass der Name durchgesagt wurde.

Mir gefiel am Metrosystem jedoch besonders, dass die Zugänge in der Regel Einkaufspassagen waren, so fand man immer einen kleinen Tante-Emma-Laden, der zum Beispiel Limonade verkaufte. Es sei denn man war wirklich durstig, dann suchte man vergeblich nach einer Metro-Station mit Ladenpassage. Wie hier an der Erlöser-Kathedrale. Die war auch gerade geschlossen, sodass sich nicht einmal der Weg dorthin gelohnt hatte. Aber das war gar nicht so schlimm, denn ich amüsierte mich mittlerweile ganz gut mit Olga. Sie meinte, dass sie auch irgendwann deutsch lernen wollte - diese Sprache übte eine ungebrochene Faszination auf Russen aus. Und irgendwie kannte jeder ein paar deutsche Worte, seien es ganz allgemeine Floskeln wie "Guten Tag" und "danke", oder Schlagworte als alten sowjetischen Kriegsfilmen wie: "Achtung", oder "Hitler kaputt", trugen Olga und ich zusammen.

Olga wollte, dass ich eine Menge Fotos mit ihr schoss, denn wie es sich herausstellte, lebte sie gar nicht in Moskau, sondern kam aus einem mir unbekannten Dorf in Mittelrussland. Sie war nur in Moskau, weil sie sich um ein Visum für einen Urlaub in Italien bewerben wollte.
So zeigten wir uns eher gegenseitig die Stadt, wenn wir zufällig etwas Interessantes entdeckten. Aber wir hatten Glück: Ein echter Moskauer von Couchsurfing wollte uns am späten Nachmittag treffen und uns seine Stadt zeigen.

Wir gingen zurück zum Kreml und setzen uns unter den sprühenden Springbrunnen, der nun mein Lieblingsort geworden war. Olga holte quietschblauen Nagellack aus der Handtasche, der zu ihrem T-Shirt passte und begann sich die Nägel zu lackieren, während wir auf Michail warteten. Gegenüber von uns standen zwei Kerle mit einer fetten Würgeschlange und boten sie Touristen als Fotomotiv an. Gegen Bezahlung, versteht sich. Aber die Touristen schossen lieber von weitem ein Foto und gingen ohne zu bezahlen weiter.
Olga hustete vereinzelt rau, und als ich sie danach fragte, erzählte sie, dass sie schon ein paar Tage vor mir in Moskau angekommen war, als noch dichte Rauchwolken über der Stadt lagen; sie hatte nicht gleich ihren Gastgeber treffen können und hatte den halben Tag draußen verbracht, ohne eine Schutzmaske zu haben.
Ich scherzte, dass es an mir lag, dass nun wieder klares Wetter herrschte und führte als Beweis dann, dass es sowohl in Moskau, als auch in Nischnij am Tag nach meiner Ankunft aufgeklart war.

Nun rief endlich Michail, der Mike genannt werden wollte, an, dass er oberhalb des Kremls geparkt hatte. Wir wussten nicht, wie er aussah, und Olga hatte einige Bedenken, zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen, aber als sich uns ein Teddybär von Mann näherte und freundlich begrüßte, zerstreuten sich ihre Bedenken schnell. Mike fuhr einen Oldtimer, der mir eigentlich nur noch fürs Museum geeignet schien, aber Mike hatte ihn so liebevoll instand gesetzt, dass er sogar dem Moskauer Stadtverkehr trotzte.
Er fuhr uns ein Stück umher und erklärte, woran wir gerade vorbeifuhren, dann begann er mir der Parkplatzsuche in der Nähe des Polytechnischen Museums und parkte am Ende so weit entfernt, dass wir auch vom Roten Platz aus hätten laufen können.

Dieses Museum wollte er uns zeigen, weil es die sowjetische Atombombe ausstellte, aber auch dieses Museum war gerade wegen Renovierung geschlossen, und so gingen wir schließlich in das naturhistorische Museum ganz in der Nähe, in dem er schon bei den Angestellten bekannt war.

Ich fand das Museum mäßig interessant, zumal Mike wie ein Wasserfall redete und alles erklärte, selbst wenn er gar nichts über ein Ausstellungsstück wusste, aber Olga langweilte sich sichtlich und verabschiedete sich nach dem Besuch mit einer fadenscheinigen Ausrede.
Mike und ich spazierten allein weiter. Er packte seine Flöte aus uns begann im Gehen darauf zu spielen. Es war eine liebliche Melodie und ich erwarte im nächsten Moment Ratten auf ihn zulaufen und ihm folgen zu sehen.
Mike führte mich an wenig belebte Orte und durch unbekannte Gassen, in denen sich erstaunliche alte Gebäude aneinander reihten, die oft baufällig waren, aber eine versteckte Schönheit zeigten, wie diese Kirche in einem verwilderten Garten:


Er brachte mich zum Eingang eines unbekannten kleinen Museums, aber auch dort kamen wir nicht herein, weil die Kartenverkäuferin vor einer Stunde mit Hitzeschlag ins Krankenhaus gebracht worden war. Wir beschlossen stattdessen etwas essen zu gehen, und Mike wusste genau wo: In einem historischen Haus in der Nähe war ein kleines Café untergebracht; es hatte dicke Wände und winzige Fenster; die Wände wurden mit Kerzenleuchtern erhellt.
Mike fragte mich, was ich haben wollte - und bestellte etwas ganz anderes. Als Getränk hatte er für sich selbst den hausgemachten Kwas genommen, überlegte es sich dann aber anders, da man den Alkoholgehalt davon nie genau abschätzen könne, und tauschte den für mich bestimmten Tee gegen sein Glas Kwas aus und begann mir die Piroschki wegzuessen, die ich mir bestellt hatte. Er war schon ein seltsamer Kauz. Er redete ununterbrochen; zwar stellte er mir auch Fragen, aber auf meine Antwort reagierte er nie und war in Gedanken schon bei einem ganz anderen Thema.
Ich gab schließlich vor, dass mich mein Gastgeber zu Hause erwartete und schlug vor aufzubrechen. Die SMS, die mich gerettet hatte, war aber gar nicht von Konstantin gewesen, sondern von einem anderen Couchsurfer - mittlerweile konnte ich mich vor Angeboten auf Treffen kaum mehr retten und hatte definitiv keine Zeit für alle Leute, die etwas mit mir unternehmen wollten - und ich hatte gedacht, mein Aufenthalt würde langweilig werden.

Mike begleitete mich zu Fuß zur nächsten Metrostation. Morgen hätte er schon Pläne für den Nachmittag, meinte er, aber vielleicht könnte man am Abend spazieren gehen. Ich versprach, ihm am Abend eine SMS zu schicken, falls ich nicht beschäftigt war.

Meine Gastgeber wohnten in einer sehr günstigen Lage, in der Nähe der Metrostation Rechnoy Vokzal: Der letzten Metrostation in der Nähe des internationalen Flughafens Sheremetyevo, von dem aus in zwei Tagen mein Flug starten würde. Außerdem gab es in dieser Gegend Einkaufszentren, Parks und - was mir ganz besonders gefiel - einer ganze Reihe von Kwas-Ständen auf dem Weg von der Metro bis zum Haus meiner Gastgeber. Daran konnte ich nie vorbeigehen und kaufte mir jedes Mal ein Gläschen Kwas. Das ganze Kwas-Getrinke würde für mich ja bald vorbei sein, denn in Deutschland bekam man so etwas sicher nur in russischen Läden, aber das würde nicht dasselbe sein wie frisches, gekühltes Kwas an einem heißen Sommertag direkt auf der Straße zu trinken.

Auf der Straße zwischen dem Supermarkt und dem Haus meiner Gastgeber gab es eine Kuriosität: Eine Reihe von öffentlichen Bio-Toiletten, die von Toilettenfrauen bewacht wurden, die es sich in jeweils einem der Klohäuschen häuslich eingerichtet hatten: Einen Teppich über die Sitzfläche gelegt, ein paar persönliche Gegenstände, eine Thermoskanne daneben... als würden sie auf diesem Quadratmeter wohnen.

Ich war noch schnell im Supermark gewesen um Abendbrot zu besorgen, hatte mir dafür aber keine Tüte geben lassen, sodass ich es nun offen in den Händen trug. Mit den Pelmeni und dem Smetana sah ich wohl echt einheimisch aus - so einheimisch, dass ich sogar nach dem Weg gefragt wurde. Und das Erstaunliche daran: Ich konnte sogar Auskunft geben. Auf russisch. Wie das nur hatte passieren können... Pfeifend ging ich nach Hause, tippte den geheimen Tür-Code ein, der die Eingangstür ohne Schlüssel öffnete, nickte der Wachtjorka zu und ging das Abendessen zuzubereiten.

Plötzlich stand ein mir unbekannter Kerl im Zimmer. Er sah mich kurz verwirrt an und meinte dann: "Ach, du bist der Couchsurfer!"
Ach ja, das war der Mitbewohner, der verreist gewesen war. Für Tanja war es gar keine Frage, wo ich von nun an schlafen sollte: Auf ihrer Couch in ihrem Zimmer.

12.8.
Heute war mein letzter Tag, und es fühlt sich auch so an. Das letzte bisschen Energie musste ich nun noch aus mir rauskratzen - wie bei den Fernbedienungsbatterien, die man aus unerfindlichen Gründen in der Fernbedienung ein paar Mal herumdreht um den letzten Saft herauszuholen.

Olga wollte sich wieder mit mir treffen, aber diesmal wollte ich mir nicht meine Kreml-Besichtigung verderben lassen und stand relativ früh auf, also um 10, fuhr in die Innenstadt und stellte mich an dem Eintrittskarten-Schalter an, den ich gestern gefunden hatte. Nur leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt die Hinweisschilder nicht durchgelesen: Donnerstags geschlossen.
Ich ärgerte mich kurz und beschloss, dass dies wenigstens ein Grund war, bald mal wieder nach Moskau zurückzukehren. Und es war noch genug Zeit für das Lenin-Mausoleum, das täglich geöffnet hatte.

Doch einfach hinein kam man nicht. Und noch schwieriger war es, den Anfang der Schlage zu finden: Bevor man ins Mausoleum gelassen wurde, musste man seine Taschen in einer Garderobe in einem anderen Gebäude abgeben. Um zu diesem Gebäude gelassen zu werden, musste man sich außerhalb der Kremlmauern an eine abgezäunte Warteschlange anstellen. Das fand ich empirisch heraus, indem ich mich von all den genannten Orten zunächst hatte wegschicken lassen.

Insgesamt wartete ich jedoch nicht lange; ich hatte Glück und wurde am Ende einer großen Gruppe durch die Absperrung noch mit durchgelassen und an der Garderobe wurde so gut wie überhaupt nicht gedrängelt. Ich las die Schilder durch, wie man sich im Mausoleum verhalten musste: Keine Fotos, nicht stehen blieben. Um ersteres zu garantieren, wurden den Besuchern sämtliche Gegenstände abgenommen, sogar Handys mit Fotofunktion. Ich wollte ungern mein Handy abgeben, weil meine Armbanduhr schon seit Sankt Petersburg nicht mehr funktionierte.

Nach der Taschenabgabe musste man durch einen Metalldetektor und wurde zusätzlich noch von einem Uniformieren gefragt, ob man ein Handy dabei hatte. Mir gelang es nicht zu lügen und so sagte ich ja und zeigte ihm das alte, abgeschabte Ding, mit dem ich schon lange keine Fotos mehr machen konnte, auf denen man mehr erkannte als einen verwaschenen Fleck. Ich hatte es ausgeschaltet und sagte zum dem Uniformieren, dass es nicht funktioniere. Er hatte Mitleid mit mir, denn sonst hätte ich mich noch mal an die Garderobe anstellen müssen, und winkte mich durch und wies mich darauf hin, auf keinen Fall zu fotografieren.

Das Lenin-Mausoleum wurde durch einen flachen Turm aus schweren Marmorsteinen gekennzeichnet und verbreitete eine erhabene Atmosphäre. Schon die Garderobenmarke hatte wie ein Grabstein ausgesehen, und als ich nun mehrere dutzend Stufen auf mehreren Treppen hinunter in das eisige Grab ging, fuhr mir ein Schauern durch die Glieder.
In allen Ecken des verwinkelten Bauwerks standen Uniformierte und bewegten sich nicht; ich hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob es nicht vielleicht Wachsfiguren gewesen waren.
Ich kam schließlich in einem stockdunklen Raum an, dessen einzige Lichtquelle das wächserne Gesicht Lenins beleuchtete. Es sah so noch viel künstlicher aus, wie eine Wachspuppe. Stehen bleiben durfte man nicht, so gingen alle Besucher langsam an ihm vorbei. Da lag er, der Revolutionär, fast 90 Jahre alt, die Finger der rechten Hand leicht gekrümmt, und die starren Polizisten rings herum.
Würden echte Polizisten hier unten nicht Depressionen bekommen?
Ich jedenfalls atmete auf, als ich wieder ans Tageslicht kam.

Nun hatte ich es plötzlich sehr eilig, etwas zu erledigen, das ich fast vergessen hätte: Wenn ich in einem Monat zurück nach Russland kam, brauchte ich eine Fahrkarte von Moskau nach Izhevsk. Auf die Möglichkeit einer Online-Bestellung hatte ich mich nicht verlassen wollen, denn ich kannte und fürchtete ja mittlerweile die Webseite der Russischen Eisenbahngesellschaft. Prinzipiell wäre Konstantin dazu bereit gewesen, mir eine Fahrkarte zu kaufen, aber ohne meinen Reisepass hätte er das nicht für mich erledigen können. So hatte ich gestern Abend die Verbindung herausgesucht und herausgeschrieben. Mein Flug kam am 17. September um 22 Uhr an, aber dummerweise war dies genau die Uhrzeit, zu der auch der Zug nach Izhevsk abfuhr. So hatte ich mich entschlossen, eine Nacht in Moskau zu verbringen und am Abend des nächsten Tages erst nach Izhevsk zu fahren. Konstantin meinte, mit ihm ginge das klar.

Also fuhr ich nun zum "Weißrussischen Bahnhof", denn der war am einfachsten mit der Metro zu erreichen und begann das Abenteuer, den richtigen Schalter zu finden. Am Schalter im Erdgeschoss wurde ich weggeschickt, daraufhin irrte ich etwas orientierungslos umher und fand schließlich ein Schild, dass mit etwas Fantasie als "Auslandsverbindungen" zu lesen war und folgte ihm. So landete ich erst einmal in der Bahnhofskirche. Aber am anderen Ende der Halle sah ich diesen Schriftzug erneut und wollte mich schon dort anstellen, als mir einfiel, dass ich eine Inlandsfahrkarte brauchte. Zum meiner Freude gab es daneben einige weitere Schalter, über denen einfach nur "Fahrkarten" stand, und so stellte ich mich dort an, und schon zwei Stunden später war ich an der Reihe. Die lange Wartezeit kam dadurch zustande, dass nur zwei Angestellte dort arbeiteten und eine davon beschlossen hatte, Mittagspause zu machen, woraufhin die andere ihr hinterher rannte und bat, dass sie doch zurück kommen möge - die Warteten wurden schon ungemütlich. In der Warteschlange kam es zu Streitereien um Plätze, die man vor einer Stunde besetzt hatte bevor man kurz weggegangen war um eine zu rauchen; eine wackelige alte Frau mit Krückstock wurde zähneknirschend nach vorn durchgelassen, aber auch Freundschaften wurden geknüpft - ich kam mit einer weißhaarigen, robusten Rentnerin ins Gespräch, die erstaunlich gut englisch sprach. Sie war es auch, die auf die Angestellte einredete, sie möge mir doch bitte einfach ein Zugticket für die herausgeschriebene Zugverbindung ausstellen, und sie möge doch bitte aufhören, die Rückseite des Zettels mit den Flugtickets zu studieren. Die Angestellte zickte noch kurz herum, dann stellte sie mir endlich das Ticket aus.

In der Zwischenzeit war Olga zum Bahnhof gekommen um sich mit mir zu treffen. Es war spät geworden, aber wir wollten es uns nicht nehmen lassen, über die Arbat zu spazieren - die berühmte erste Fußgängerzone Moskaus.
Die war zwar schön anzusehen mit ihren Straßenmalern und Buchbasaren, aber unglaublich teuer. Sogar die Souvenirs auf dem Roten Platz waren billiger als hier. Und dann kamen uns zwei vollkommen zugedröhnte Männer entgegen, die uns unbedingt etwas zeigen wollten und Olga am Arm griffen und versuchten sie wegzuziehen. Olga sah mich hilflos an. Ich schlug dem einen Kerl die Hand weg und fluchte wütend. Ich nahm Olgas Arm und zog sie von den Kerlen weg, auf ein Geschäft zu, aber sie stellten sich uns in den Weg. So drehten wir einfach auf dem Absatz um und gingen in die andere Richtung davon.
Am Ende der Straße angekommen verabschiedete sich Olga; sie hatte Freunden versprochen, sie zu treffen. Ein paar Minuten hätte sie schon noch, dann müsse sie los. Sie bat mich, etwas in ihr Notizbuch zu schreiben. Dann umarmten wir uns und gingen in unterschiedliche Richtungen davon. Ich ging zur Metro und wollte auf dem Roten Platz nach Souvenirs schauen.

In der Metro hing ein Werbeplakat des bekannten Popsängers Dima Bilan, und darunter auf der Bank saß - Dima Bilan. Zumindest war die Ähnlichkeit der beiden Gesichter verblüffend. Er trug sogar die gleichen Klamotten wie sein berühmtes Vorbild. Deswegen glaubte ich auch nicht, dass es wirklich Bilan gewesen ist - der hätte sich besser getarnt. Wahrscheinlich war es ein Perverser, der sich auf diese Weise Bilans 14-Jährige Groupies angelte.

Mit einem ganzen Haufen von Souvenirs kam ich zurück in die Wohnung. Ich wollte eben schnell Pelmeni zum Abendessen kochen und dann zurück in die Stadt fahren, beziehungsweise in einen Park etwas außerhalb der Stadt, wo ich mit einer weiteren Couchsurferin verabredet war.
In der Wohnung erlebte ich jedoch eine Überraschung: Konstantin hatte Besuch bekommen, und die hatten eine selbstgebaute Bong dabei, die sie gerade zu rauchen begannen. Sie boten mir an, mitzurauchen, aber ich winkte ab, denn ich war kein großer Fan von Drogen. Ich fand es einfach eine Zeitverschwendung. Selbst als ich in Holland gelebt hatte, hatte ich es nur einmal probiert, und dabei war gleich ein ganzes Wochenende draufgegangen, und ich erinnerte mich noch gut daran, wie es mir stundenlang einfach nicht gelungen war, nach einer Flasche Wasser zu greifen.
Ich wusste auch noch gut, dass man davon großen Hunger bekam und kochte gleich die ganze Packung Pelmeni für die Jungs und ließ sie auf dem Ofen stehen, nachdem ich meine Portion davon gegessen hatte.

Dann machte ich mich auf den Weg zu den Vorobyovy Gory, den Spatzenbergen. Inna, die Couchsurferin, schrieb, sie seien noch in der Gegend der Metrostation und sie trage ein apricotfarbenes Kleid.
Die Metrostation war ein Brückenbau mit großen Fenstern, sodass man hinunter auf den Fluss schauen konnte. Ich wollte gerade Inna anrufen, da sah ich eine Gruppe von drei Leuten an mir vorbei ziehen, von denen eine ein apricotfarbenes Kleid trug. Sie sahen mich an und gingen vorbei. Ich sprang auf und fragte, ob sie Inna sei. "Ja", lächelte sie und stellte mich den anderen vor: Einer Japanerin - Sakura - und einem Russen - Dima. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich es noch nicht, aber er sollte ein guter Freund von mir werden. Wir entdeckten bald eine Menge Gemeinsamkeiten: Er stammte aus der Nähe von Izhevsk, studierte aber hier in Moskau etwas Informatik-Ähnliches und würde in Kürze zur einem Sommer-Programmierkurs in die Niederlande reisen. Ich begann sofort von den Niederlanden zu schwärmen und zu empfehlen, was er sich unbedingt dort anschauen sollte, und schlug vor, dass wir uns dort treffen könnten, denn ich plante selbst, für ein paar Tage nach Holland zu reisen, wenn ich wieder in Deutschland war. Dieses Land hatte es mir einfach angetan und ich hatte seit Ewigkeiten keinen Jahreszeiten-Vla mehr gegessen. Allein das war schon ein Grund, nach Holland zu fahren. Dimas Kurs fand in Utrecht statt, und diese Stadt hatte schon lange auf meinem Reiseplan gestanden - so kam alles zusammen.


Wir spazierten durch den Wald den Berg hinauf und erreichten eine Straße, von der aus man einen unglaublichen Blick auf die ganze Stadt hatte. Natürlich gab es auch hier Souvenirstände, aber ein bisschen billiger als im Zentrum, und so kam es, dass ich mir doch eine Matroschka kaufte, obwohl ich mir geschworen hatte, nichts so Klischeehaftes mitzubringen.
Aber nicht nur das gab es hier, sondern auch jede Menge Dachbodenschrott und eine ganze Armee von Zinnsoldaten vor einem der Stände. Nur kaufen wollte sie niemand, obwohl sie der Verkäufer mit allen Mitteln der Kunst anpries.

Hier oben waren wir ganz in der Nähe der Staatlichen Moskauer Universität - ein stattlicher Gebäudekomplex, dutzende von Stockwerken hoch und mit allerlei Prunk verziert. Da war mir meine kleine Dorf-Universität lieber - wenn man nicht die ganze Pause braucht um von einem Hörsaal in den nächsten zu kommen.


Wir schossen gemeinsame Fotos, von uns und der Gegend; besonders gefiel mir ein uraltes Wolga, der so verrostet war, dass einer der Scheinwerfer einfach weggerostet und abgefallen war. Ich traute mich kaum, mich für das Foto auf dem Auto aufzustützen.
Für Sakura war es Zeit aufzubrechen; wir gingen gemeinsam bis zur Metro. Dort hatte sie ein Geschenk für jeden von uns: Einen original-japanischen Fächer. Sie reise bald wieder zurück nach Japan und verteile ihre letzten Mitbringsel, meinte sie lächelnd. Es war fast, als wären wir vier seit Ewigkeiten befreundet. Wir stellten nun fest, dass wir alle die gleiche Metro zurück in die Stadt nehmen mussten und machten uns gemeinsam auf den Weg.
Ich war die letzte, die Ausstieg, meine Haltestelle war auch gleichzeitig die Endhaltestelle dieser Linie. Konstantin hatte mir geschrieben, dass er geplant hatte, eine Abschiedsfeier und etwas ganz tolles für mich vorzubereiten, aber nun war er allein und müde. Ich hatte ihm geantwortet, er solle sich nicht so viele Gedanken machen und wir könnten uns eine Tiefkühlpizza holen. Die Idee hatte ihm gefallen, aber als ich nun bei ihm zu Hause ankam, schöpfte er neue Energie. Er hatte seinen Rausch ein Stündchen lang ausgeschlafen und wollte nun zumindest auf Olga warten, die heute um Mitternacht von der Arbeit kam. Und etwas schönes kochen könnten wir auch. Oder zumindest ein frisches gegrilltes Hühnchen vom Imbiss um die Ecke holen gehen.

Ich wollte einen Salat machen und Konstantin wollte mir zeigen, an welcher Bushaltestelle mein Bus zum Flughafen morgen abfuhr. Er hätte mich vielleicht auch selbst dorthin gebracht, aber er hatte ein Vorstellungsgespräch bei einer neuen Firma - sein alter Job bei einer Baufirma hatte ihm nicht mehr gefallen, deshalb sah er sich nach einer neuen Arbeitsgelegenheit um.

So gingen wir eben gemeinsam los, erst zur Haltestelle, die fast am Metro-Eingang lag, dann in den Supermarkt. Konstantin sprach sogar noch mit einem der Fahrer an der Haltestelle und fragte nach dem Preis - 60 Rubel, also 1,50 Euro für eine halbe Stunde Fahrt: Nicht schlecht.
Ich kaufte frisches Gemüse ein, noch etwas Saft und Lawasch-Brot - mehr brauchte man nicht für einen Mitternachtsimbiss. Konstantin meinte, das Huhn sollten wir am besten frisch kaufen, war aber nicht sicher, ob der Imbissstand bis Mitternacht offen hatte, so gingen wir auch noch dorthin und er fragte nach. Der Verkäufer erwiderte mit zombieartigem Blick, dass der Imbiss rund um die Uhr geöffnet hatte. Ich freute mich sehr auf diese Mahlzeit, denn es war das erste Mal seit einem halben Jahr, dass ich echtes Grillhuhn vom Spieß essen konnte - genau wie in Deutschland. In Moskau gab es einfach alles. Nur in Izhevsk hatten wir so etwas exotisches nicht.

Zurück in der Wohnung schnitt ich den Salat zurecht, mischte die Majonäse darunter und dann war es schon Zeit, das Hühnchen zu holen und bei der Gelegenheit Olga von der Bushaltestelle abzuholen. Der Abend wurde gemütlich, aber nicht lang, wir gingen bald ins Bett und ließen etwas für Katja übrig, die wahrscheinlich recht spät nach Hause kommen würde.

13.8.
Dass mein Flug an einem Freitag, dem 13. ging, störte mich wenig, eher im Gegenteil: Da es so viele abergläubische Russen gab, würde nicht so viel Andrang herrschen, überlegte ich mir.
Konstantin hatte Katja gebeten, mich zum Bus zu begleiten und dafür zu sorgen, dass alles in Ordnung ging. So stand sie mit mir zusammen um 10 Uhr schon auf, obwohl sie nicht viel Schlaf bekommen haben konnte. Ich fürchtete aber eher, dass sie mich aufhielt als dass sie mir half, denn sie ging erst duschen, dann Haare föhnen und begann sich dann zu schminken, während ich schon angezogen im Flur stand. Natürlich machte ich mehr Panik als nötig und hatte noch drei Stunden Zeit bis mein Flug ging. Katja sah mir meine Hummeln im Hintern an und beeilte sich auf einmal, und schon waren wir draußen auf der Straße. Wir wechselten uns ab, meinen Koffer zu ziehen, überquerten wie immer unter Lebensgefahr die breite Straße und kamen an meiner Bushaltestelle an. Dort hatte sich schon eine Schlange von Leuten gebildet, die zum Flughafen fahren wollte. Der erste Minibus war schnell voll, aber schon in den nächsten passte ich hinein, weil mich Katja mit sanfter Gewalt hinein schob und gleichzeitig meinen Koffer verstaute. Wir hatten nicht länger als 15 Minuten warten müssen. Der Fahrer ging durch, kassierte die 60 Rubel und scheuchte Tanja hinaus. Doch vorher hatte ich noch eine Frage, die ich unbedingt noch klären musste: Mein Flugzeug startete von Terminal D, aber auf der Reiseroute am Fester stand nur Terminal A, B, E und F. Der Fahrer schüttelte den Kopf und meinte, das sei schon richtig so. Mit einem komischen Gefühl verabschiedete ich mich von Tanja und wir fuhren los. Normalerweise gab es hier viele Stadt-Staus, hatte mich Konstantin gewarnt, sodass man statt in einer halben Stunde erst nach zwei Stunden am Flughafen ankam - aber nichts dergleichen passierte, wir hatten freie Fahrt. Der Fahrer hielt gewissenhaft an jedem Terminal, und an D stiegen fast alle aus. Und da absolut nichts dazwischen gekommen war, konnte ich nun zwei Stunden lang am Flughafen campen - auf meinen Koffer gestützt vor der Anzeigetafel.

Es war ein Glück gewesen, dass ich so früh da war, und dass man von den Deutschen erwartete, dass sie Stunden früher als nötig am Flughafen auftauchten. Alle Reisenden, die nach Dresden wollten, sollten sich nun schon an den Check-in anstellen. Dort wurde festgestellt, dass mein Koffer drei Kilogramm Übergewicht hatte und man schickte mich an einen gesonderten Schalter, an dem man sich berechnen lassen konnte, wie viel man nachzuzahlen hatte, oder die Möglichkeit bekam, einen Teil seines Gepäcks loszuwerden. Ich entschied mich für letzteres und trennte mich von meinem treuen, alten Rucksack, den ich dutzende Male notdürftig mit Sicherheitsnadeln geflickt hatte - doch es half alles nichts, der Rucksack fiel auseinander und hatte Löcher an so vielen Stellen, dass ich nie das fand, wonach ich darin suchte. Ich leerte ihn nun möglichst komplett aus und legte ihn in den Mülleimer neben mir. Es war schade um meinen langjährigen Begleiter, der so viele tausend Kilometer mit mir gereist war, aber wie ich meine Mutter kannte, hätte sie ihn eh weggeschmissen, sobald sie ihn in meinem Gepäck gefunden hätte.

In den folgenden zwanzig Minuten leistete ich eine erstaunliche Umpackarbeit, indem ich alle schweren Gegenstände in mein Handgepäck umlagerte, wie es mir sogar am Schalter empfohlen worden war, und die leichten Sachen aus meinem Handgepäck in den Koffer steckte. Ich war dabei so gründlich vorgegangen, dass mein 23 Kilogramm schwerer Koffer beim zweiten Wiegen noch nur 18 Kilogramm wog, während mein Rucksack unter dem Eigengewicht ächzte und die Träger einzureißen begannen.

Von da an ging alles problemlos, der Flug kam pünktlich, keine Turbolenzen, das Essen schmeckte und ich hatte nicht mal einen Sitznachbarn - bis auf einen extrem arroganten Deutschen, der sich selbst für humorvoll hielt. Ich wollte schon mit ihm das Kriegsbeil ausgraben, da wählte er sich einen anderen Sitzplatz.

Bald schon setzten wir zur Landung in Dresden an, wo Matthias auf mich wartete.

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