Auf diesen Reiseabschnitt war ich besonders gespannt gewesen, denn endlich war ich mit der legendären Transsib unterwegs.
Die echte Transsibirische Eisenbahn war glanzvoll luxuriös im Gegensatz zu den anderen Zügen, die auf dieser Strecke verkehrten, und mit denen ich bisher gereist war. Ich reiste zwar immer noch in der dritten Klasse, aber selbst die war mit einem langen Teppich ausgestattet, und am Ende des Wagons gab es eine Digitalanzeige, welche die Wagennummer anzeigte, die aktuelle Uhrzeit und Temperatur, und ob die Toilette belegt oder frei war. Zwar passte weder Uhrzeit, noch Wagonnummer, aber der Gedanke zählt. Und ganz bestimmte war die Uhrzeit in irgendeinem Reiseabschnitt korrekt, wobei ich auf Wladiwostok tippte.
Der größte Luxus jedoch, der allein schon die höheren Kosten für das Ticket rechtfertigte, war, dass selbst an Bahnhöfen das Klo nicht abgesperrt wurde, und gleich zwei nebeneinander gab, und dazu ja auch noch die Digitalanzeige, ob beide besetzt waren - und: Es gab Klopapier. So einen Luxus hatte ich nur selten in einem russischen Zug erlebt. Und man konnte sich sogar hinsetzten und musste nicht mit den Füßen auf die Klobrille hinaufsteigen - das war sogar auf einem Hinweisschild erklärt. Theoretisch gab es sogar Papier zum Auflegen auf die Klobrille - also der Behälter dafür war zumindest vorhanden. Sogar eine sofort auffindbare Druckknopf-Klospülung gab es; sonst hatte ich immer eine Weile gebraucht bis ich das entsprechende Fußpedal dafür gefunden hatte. Es war ein Traum.
Und sogar internationalisiert was dieser Zug: An der Tür stand schönem Englisch: "!The request, in a toilet bowl to throw! !nothing!, das konnte man etwa so übersetzen: "!Die Aufforderung, in die Toilettenschüssel zu schmeißen !nichts!
Nur suchte ich vergeblich nach dem Streckenplan, der normalerweise an einer der Türen in jedem Wagon hing und auflistete, in welcher Stadt wie lang angehalten wurde. Da ich schon eine ganze Weile neben dem Zugbegleiter stand, weil ich mit eine Teeglas ausleihen wollte, aber er noch zu beschäftigt war, Wäsche einzusammeln, fragte ich ihn gleich nach dem Streckenplan. "Wurde geklaut, antwortete er kurz, "als Souvenir. Das einzige, was noch an den Türen hing, waren Hinweisschilder, dass man auf Terroristen und auffälliges Gepäck achten sollte.
Der Zugbegleiter gab mir ein Teeglas im blechernem Halter, und es sah ganz ähnlich aus wie die, die meine Oma vor Jahrzehnten aus Russland mitgebracht hatte - nur noch übertriebener verziert, dafür dass es nur Blech war und kein Silber.
In meinem Abteil saß ich einer strengen Mutter, ihrem dicklichen Sohn, und einem unsympathischen Mann gegenüber. Irgendwas stimmte nicht mit dem erwachsenen Sohn meiner Sitznachbarin, aber ich konnte nicht bestimmt sagen, was es war. Er sprach sehr laut, wurde von den anderen Erwachsenen ignoriert als wäre er ein quengelndes Kind.
Ich beschloss, dass ich mit ihnen nicht auf einen grünen Zweig kommen würde und widmete mich dem Falten von Origami.
Die Frau war zuerst kühl gewesen, aber nachdem sie den Stern gesehen und bewundert hatte, und ich ihn ihr dann geschenkt hatte, kamen wir annähernd ins Gespräch. An einem abendlichen Haltepunkt namens Sima, "Winter, gingen gemeinsam nach draußen, und der junge, blonde Mann gesellte sich zu uns, der mir beim Einsteigen freundlicherweise den Koffer in den Zug hineingetragen hatte. Aber keiner von denen sprach Englisch, und so musste ich mein Russisch auspacken. Zumindest auf die Fragen, die mir immer wieder stellte wurden, konnte ich schon perfekt und flüssig antworten, und so wurde bei Maxim - so hieß der junge Mann - der Eindruck erweckt, ich spräche russisch, und er belegte mich von da an vollständig. Er lud mich ein, mich zu ihm ins Abteil zu setzen, und ich brachte mein Origamipapier mit, weil er draußen danach gefragt hatte. Ich bastelte ihm einen kleinen, gedrehten Kreisel in zwei Minuten, und er staunte nicht schlecht. Das einzige, was er konnte, war ein Boot, aber das hatte ich nie gelernt und ließ es mir von ihm lehren. Er wollte daraufhin unbedingt meine Kontaktdaten haben und lud mich nach Moskau ein, wo er lebte - ich könne so lange bleiben, wie ich wollte, einen Monat, länger... Und dann holte er die Wodkaflasche hervor. Es musste wohl daran liegen, dass ich nun in der echten Transsib fuhr, dachte ich mir, denn sie war für ihre Trinkgelage schon zur westlichen Legende geworden. In den anderen Zügen reiste man - in der Transsib war man zum Spaß und gab sich die Kante.
Ich war nicht so begeistert von der Idee im Zug zu trinken und am Ende über der wackelnden Toilette zu hängen, deshalb lehnte ich dankend ab. Max gab aber nicht auf: "Ein kleines Schlückchen, ja? Ich schüttelte den Kopf: "Ich kenne euch Russen: Zwischen erstem und zweiten keine lange Pause... - "Aber nein, wir werden nur ein Glas trinken, auf unser Treffen, auf die Freundschaft.
Das konnte ich nun nicht mehr ablehnen und er goss mir ein. Wir stießen an und tranken, dann goss er gegen meine Proteste den nächsten ein. Mich rettete nur, dass wir von seinen Sitznachbarn zur Ruhe aufgefordert wurden, denn es war schon nach Mitternacht. Ich schlug vor, stattdessen in mein Abteil zu wechseln, denn mit meinen Nachbarn verstand er sich ja - aber nicht gut genug um auch den Wodka mitzubringen. Wir unterhielten uns also bei mir noch ein wenig und gingen auch bald schlafen.
Ich bemerkte, dass ich eine SMS bekommen hatte - es musste wohl irgendwo auf der Strecke einmal Empfang gegeben haben. Xenia, meine nächste Gastgeberin, hatte Probleme mit ihrer Mutter und schrieb mir, sie würde versuchen einen anderen Gastgeber für mich zu finden. Es war zu spät ihr noch zu antworten.
1.8.
Als ich aufstand, saßen in meinem Abteil zwei Männer meinen Nachbarn gegenüber. Physikalisch wäre schon noch Platz gewesen, aber diese Gesellschaft war mir noch unsympathischer als meine Nachbarn mit sowieso schon waren, also ging ich ins Abteil von Max, der auch schon wach war.
Seine Sitznachbarn waren eine Großmutter mit ihren beiden Enkeln, und auf der anderen Seite gegenüber saß eine andere alte Frau, die gebrochen deutsch sprechen konnte. Sie waren alle neugierig auf mich, und ich erweckte wohl wieder eine Art Beschützerinstinkt bei den Großmütterchen, denn die von gegenüber packte Gebäck aus einer großen Tüte aus und forderte mich auf, mich davon zu bedienten. Max bot sie nichts an, aber der schnurrte et was. Er hatte sich schon gestern Nacht nach Kostenlosem und Studententarifen bei der Zugbegleiterin mit dem Essenswagen erkundigt. Er war wohl ein typischer Moskauer Student. Er sprach gern - und viel, und aus unerfindlichen Gründen ständig von Bären. Er war ein Regisseur oder Filmstudent, und zeigte mir seine Skizzen von Filmszenen in seinem Notizbuch. Das konnten durchaus Bären auf den Bildern sein... vielleicht auch Menschen. Aber ich sah, dass er mit Leidenschaft daran gearbeitet hatte - Kino war sein Leben, deshalb hatte er sich selbst den Spitznamen "Cinemax" gegeben.
Ich konnte ihm aber nicht die ganze Zeit zuhören, ich musste meine Unterkunft in Krasnojarsk umplanen. Xenia hatte ihre Freundin Oksana gebeten, mich aufzunehmen. Sie hatte auch wirklich zugesagt und mir sofort eine SMS geschrieben, aber zu meinem Frust sprach sie nur Russisch.
So saß ich wieder mal mit Wörterbuch und Handy da und versuchte auf die SMS zu antworten. Max versuchte zu helfen ohne wesentlich mehr Englisch zu sprechen. Einer der Enkel warf ein, dass seine Schwester Englisch könne, aber ihr war das peinlich, dennoch schrieb sie mir schließlich auf Anweisung Maxims die SMS, die ich dann jedoch noch bearbeitete, sodass sie ausdrückte, was ich wirklich schreiben wollte. Russisch zu schreiben bereitete mir bei weitem nicht so viele Probleme wie es zu sprechen.
Wenige Stunden später trafen wir schon in Krasnojarsk ein. Max wurde wieder zum Gentleman und trug mir in seinen rutschigen Flip-Flops meinen schweren Koffer die ganzen drei langen Treppenabsätze nach oben und umarmte mich dort zweimal. Entweder war er sehr freundlich, oder suchte sehr verzweifelt eine Freundin. Er hatte schon im Zug schon versucht meine Hand zu halten, aber er roch wie ein Männerumkleidekabine nach einem Fußballspiel, und das gehörte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgerüchen. Er war wohl recht lange im Zug ohne gewesen ohne die Möglichkeit zum Duschen zu haben, obwohl es gerade in der Transsib in irgendeinem Wagon auch Duschen geben sollte. Im großen und ganzen war mir Maxim etwas suspekt, und ich beschloss, mir lieber über Couchsurfing einen echten Gastgeber in Moskau suchen - obwohl man schon Einladungen von Russen generell beim Wort nehmen konnte.
Am Bahnhof schloss wieder Gepäck ein, weil mich Oksana nicht abholen konnte - diesmal aber in automatischen Gepäckkammer, weil die Fünfminutenpause des Verantwortlichen, auf die mit einem Schild hingewiesen war, immer länger wurde. Was jedoch der Unterschied zwischen automatischer und nichtautomatischer Gepäckkammer war, konnte ich nicht feststellen, denn beide wurden von jemandem bewacht, der Buch darüber führte, wer sein Gepäck hier abgab: Nun gut, das Gepäck musste in der automatischen Gepäckkammer selbst in einem Schließschrank verstaut werden, während in der bewachten, nichtautomatischen Gepäcknummer das ganze Gepäck offen auf Regalen lag, wo man es sich holen konnte, wenn die Kammer gerade nicht bewacht war - jedenfalls sah ich einige Leute hinter die Absperrung gehen und ihr Gepäck suchen.
Oksana hatte mir eine ganze Liste von Bussen per SMS geschickt, die ich zu ihr nehmen konnte. Aber keiner der Liste kam. Stattdessen baute plötzlich eine Frau in buntem Zigeunerkleid vor mir auf und bat mich um Kleingeld. Ich gab ihr ein paar Münzen und fragte, wo Bus Nummer 2 abfuhr, aber sie machte keine Anstalten zu helfen, sondern wollte mehr Geld - oder hatte sie es verhext und wollte sie es mir wiedergeben? Was ich verstand, als sie es mir versuchte, es mir wieder in die Hand zu drücken, waren Wortfetzen wie "für die Liebe" und "Talisman". Ich war mir sicher, sie versuchte herauszufinden, aus welcher Tasche ich das Geld geholt hatte, aber das war nur meine Hosentasche gewesen, in der ich eh nur Kleingeld aufbewahrte.
Es wurden immer mehr Zigeunerfrauen um mich, eine ganze Schar. Ich sagte, ich habe nichts mehr und suchte nur einen Bus. Ich hatte einen Zettel und Stift aus meinem Brustbeutel geholt, weshalb er mir nun vom Hals baumelte statt unter meiner Jacke zu stecken; nun wollte eine der Frauen in meinen Brustbeutel greifen - in dem Fach bewahrte ich zwar kein Geld auf, aber ich schob ihre Finger dennoch weg und sagte grob, sie solle mich in Ruhe lassen, doch es wurden eher noch mehr Frauen, die auf mich einredeten und grabschten; ich behielt meinen Rucksack nah bei mir und achtete darauf, dass sie nichts an das Fach mit meiner Kamera kamen. Sie waren eine echte Plage - ich hatte solche Leute noch nie so aggressiv gesehen.
Gerettet von einem Mann mittlerem Alters, der in seinem Jogginganzug ganz schön runtergekommen aussah, aber immer noch vertrauenswürdiger als dieser Schwarm von Langfingern um mich herum. Er forderte mich auf, mit ihm zu kommen, und er wollte sogar meinen Rucksack für mich tragen. Ich wurde misstrauisch - war es am Ende ein Gauner, der mit den Zigeunern zusammenarbeitete? Ich gab ihm den Rucksack nicht und wollte ihm auch nur so lange folgen, wie er nicht in dunkle Gassen ging. Er stellte sich als Nikolai vor, sprach sogar englisch und meinte zu wissen, wo sich die Haltestelle befand, an der die Busse abfuhren, die ich brauchte. Wir gingen etwa einen Kilometer die Straße entlang, über eine Brücke und schließlich wirklich zu einer Haltestelle, an der ich schon von weitem die Busnummern entdecken konnte, die ich brauchte. Erleichtert begann ich mit Nikolai etwas entspannter zu plaudern. Er erzählte, dass er geschieden war und in der Stadt sein um seine Tochter zu besuchen. Er zeigte mir Fotos seiner Tochter auf seinem Smartphone. Er schien sonst nichts zu tun zu haben außer darauf zu warten, dass seine Tochter Zeit für ihn fand, und bot mir an, mich im Bus bis zu meiner Haltestelle zu begleiten. Er tat mir leid - ich konnte seine Einsamkeit regelrecht spüren. Er sehnte sich nach einer neuen Freundin und griff nach jedem Strohhalm. Ich gab ihm meine E-Mail-Adresse und meinte, wir könnten uns gern schreiben. Daraufhin meinte er, dass er in einem Dorf einige Stunden von hier entfernt wohnte, wie schön es dort sei, und dass ich jederzeit mit meinen Freunden zu ihm auf Besuch kommen sollte.
Wir stiegen mitten im Wald aus, weil der Schaffner, den Nikolai gefragt hatte, wann die Haltestelle "physikalisches Institut kam, uns informierte, dass die sich genau hier befand. Es gab nicht einmal eine Haltestelle hier, nur ein Pfosten, auf dem bei genauerer Betrachtung "physikalisches Institut stand.
Ich schrieb Oksana eine SMS, dass ich nun an der Haltestelle war, und wurde nach einigen Minuten von ihr abgeholt - erst dann war ich endlich wirklich erleichtert. Wir fielen uns um den Hals. Nikolai wollte sich noch nicht verabschieden; er erzählte, wie wir uns begegnet waren, Oksana hörte höflich und freundlich zu. Er lud sie ebenfalls zu sich ins Dorf ein - mit all ihren Freunden. Er warf ein, dass er gang gerne sang, und dann sang er für uns "Yesterday", und wir applaudierten. Dann dankte Oksana ihm freundlich, dass er mich hergebracht hatte und verabschiedete sich von ihm, nahm seine Handynummer an und gab ihm ihre. Damit war Nikolai zufrieden, er verabschiedete sich nun auch und ging spazieren.
Oksana hatte mich wirklich nicht vom Bahnhof abholen können, sie hatte nicht einmal genug Geld für den Bus, stellte ich bald fest. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass jemand so pleite sein konnte; sie ließ sich sogar die Zigaretten für 50 Cent pro Packung in einem kleinen Laden nahe ihres Hauses anschreiben. Sie sprach entgegen meiner Erwartungen doch etwas englisch, und den Rest verstand ich auf Russisch.
Oksana machte gerade eine Art Ausbildung bei der Post, die nicht oder kaum vergütet wurde, während ihr Freund Denis gerade auf Arbeitssuche war. Das einzige, womit sie derzeit Geld verdiente, war ihr Nebenjob als Reitlehrerin. Sie schienen kaum genug Geld für Essen zu haben; im Kühlschrank standen nur zwei große Töpfe; einer mit Borschtsch, der andere mit Schtschi, einer Art Kohlsuppe-Hühner-Eintopf, wobei sich vom Huhn nur die Haut und ein Knochen darin befanden. Sie gab mir großzügig davon, aber es war zu sehen, dass diese beiden Töpfe noch die ganze Woche reichen mussten. Ich bat sie, mit mir in den Supermarkt um die Ecke zu gehen. Dort kaufte ich erstmal allerlei Lebensmittel ein, verschiedene Brotsorten, Pelmeni, Obst, Gemüse und natürlich Schokolade. Und noch etwas zum Anstoßen - Oksana hatte nichts gegen Wodka, allerdings nur, wenn wir den schon am Nachmittag tranken, denn morgen musste sie arbeiten. Ihr Freund, der besser englisch sprach als sie, erklärte, dass es ein russisches Geheimrezept war, den Wodka vor 17 Uhr zu trinken und danach genauso viel Wasser hinterher zu trinken - denn Wasser am Abend macht klaren Kopf am Morgen. Und wenn das nicht geholfen hatte, konnte man den Kater noch mit "Pilztee bekämpfen, erklärte mir Oksana und goss mir etwas davon in eine Teetasse zum Probieren. Es hatte schon in dem Einmachglas sehr merkwürdig ausgesehen - eine durchsichtige Flüssigkeit mit einer dicken Schaumdecke darauf - das sei der Pilz, erklärte Oksana. Es roch scharf. Höflich probierte ich einen Schluck und verzogen das Gesicht - es hatte auch gar nichts mit Tee zu tun, es war purer Essig. Aber gegen einen Kater half es bestimmt.
Nachdem wir die halbe Flasche geleert hatten, gingen wir spazieren. Ein Stück hinter der im Wald versteckten Plattenbausiedlung verlief der Fluss Jenissei zwischen steilen Hängen. Es ist etwas faszinierend Eigentümliches, das trockene Wissen aus dem Geografieunterricht an einem vorbeifließen zu sehen.

Wir spazierten zur Bauruine einer armenischen Kirche, die hoch auf einem Hügel thronte, das Kreuz schon davor in Beton eingelassen. Man konnte sie nicht betreten, aber wir kletterten aus Spaß an der Absperrung hoch und schossen Fotos davon.
Wir ließen uns auf der blühenden Wiese nieder, genossen die reizvolle Landschaft, die Aussicht, den frischen Sommer. Es führte ein steiniger Weg an der Kante der steilen Felsen entlang, die sich im Fluss verloren. Andere Spaziergänger kamen uns mit Hunden entgegen. Ich ließ mir typische Steine der Gegend für Weltkarte meines Cousins zeigen und sammelte einige ein.
Der Geruch von gegrilltem Fleisch stieg uns in die Nase und ich schlug vor, ebenfalls am Abend zu grillen. Die beiden waren sofort einverstanden und Denis meinte, dass wir am besten im Wald ein Lagerfeuer machen sollten.
Oksana und ich gingen auf dem Ruckweg in den Supermarkt und besorgten Würste, Brot und Bier. Ein bierbäuchiger Alkoholiker kam uns entgegen; Oksana wechselte ein paar Worte mit ihm und erklärte mir, das sei ein Nachbar von ihnen. Sie bat mich, ihm ein paar Münzen zu geben, denn man half sich hier in der Nachbarschaft, und wenn es nur zum Alkoholismus war.
Wir warteten auf Denis, der Decken für uns und alte Zeitungen zum Anfachen des Feuers besorgt hatte. Gemeinsam gingen wir dann die Straße entlang und zweigten an einer bestimmten Stelle in den Wald ab, von der sie beide meinten, dass es dort einen prima Grillplatz gäbe, den niemand kannte. Es war tatsächlich ein schöner Ort: Nicht weit von der Straße entfernt, aber doch mitten im Wald und einsam.
Es war kühl und feucht hier draußen im Wald, es hatte immer wieder in den letzten Tagen geregnet, und die Temperatur lag höchstens noch bei 10 Grad. Jemand hatte mal gesagt, in Sibirien gäbe es keinen Sommer - nur Winter, einen weißen und einen grünen.
Nun mussten wir trockenes Holz finden, denn vom Zeitungspapier allein bekam man kein schönes Lagerfeuer, auch wenn es am Anfang mit ein paar trockenen Ästchen ganz hübsch brannte. Das kleine Feuer musste die größeren, nasseren Holzstücke so aufheizen, dass sie auch bald zu brennen begannen, aber das war schwieriger als wir dachten. Der ganze Boden war nass, sodass alles Holz dort unten so durchgeweicht war, dass man es erstmal eine Woche lang trocknen müssen bevor man es verbrennen konnte. Oft wuchs Moos auf den morschen Ästen.
Da es also auf dem Boden kein Brennmaterial für uns gab, beschloss Denis auf die Bäume hinaufzuklettern um dünne Zweige direkt von ihnen abzubrechen; sie waren etwas weniger feucht als am Boden.
Währenddessen suchten Oksana und ich noch weiter in einer ungefährlichen Höhe; ich fand zufällig einen zwischen Zweigen festhängenden, abgebrochenen Ast - der war ideal für unser Feuer. Nun, ein richtiges Lagerfeuer wurde es nicht, aber wir erzeugten genug Glut um unsere Würstchen und das Toastbrot grillen zu können, und wir hielten auch den Käse aus einem geräucherten Käsezopf in Flammen. Das weitaus abenteuerlichste Essen brachte uns Oksana - sie hatte beim Ästesuchen einen kleinen, roten Pilz gefunden, von dem sie uns je ein Stück abgab und ihr Stück roh aß. Ich sah sie erst skeptisch an, dann biss ich in den Pilz hinein - er schmeckte fürchterlich, als würde man puren Pfeffer essen. Oksana lächelte und spießte einen weiteren Pilz an einen Stock und hielt ihn ins Feuer. Und als wäre das nicht exotisch genug gewesen, kam Denis ein Stück später mit zwei Grashalmen zurück. Einen gab er mir, einen Oksana. Er forderte uns auf, daran zu lecken - er hätte einen Ameisenhaufen gefunden und die Halme dort hineingesteckt um die Ameisen zu reizen - die daraufhin die Halme angriffen und mit Ameisensäure benetzten; und das schmeckte angenehm sauer, erklärte Denis. Etwas skeptisch ließ ich die Zungenspitze am Halm entlang gleiten; es war tatsächlich sauer, aber viel eher nach meinem Geschmack als rohe Pilze. Wir lutschten also an Grashalmen während wir warteten, dass die Würstchen an den Schampur-Spießen gar wurden.
Das kleine Feuer spendete nur wenig Wärme und die feuchte Kälte kroch uns bald wieder in die Glieder. Am Ende mussten wir es nicht einmal löschen, weil es von selbst verglüht war. Ironischerweise war es genau zu dieser Zeit, dass sich die Waldbrände um Moskau herum nachrichtenwürdig ausweiteten. In den Meldungen hieß es, dass der europäische Teil Russlands in Flammen stand, dicke Rauchschwaden über den Städten Moskau und Nischnij Nowgorod lagen, und man befürchtete, dass die Brände bald Anlagen mit radioaktiven Materialen erreichen würden. Hier im kalten Sibirien erschienen mir diese Nachrichten als absolut unglaubwürdig, und so hatte ich Matthias Nachricht mit einem Schulternzucken abgetan, und auch die E-Mail meines Vaters vom Nachmittag nicht ernst genommen, in der er meinte, ich solle versuchen, früher aus Russland abzufliegen - denn wenn erstmal Moskau und dessen Flughäfen in Flammen stünden, wäre es zu spät.
Allerdings war mein Vater ein Schwarzmaler aus Leidenschaft, weshalb ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen und meine Pläne nicht zu ändern. In einigen Tagen würde ich es ja mit eigenen Augen sehen, und dann konnte ich mich immer noch entscheiden, das Land früher zu verlassen - falls überhaupt Flugzeuge flogen. Man hatte es beim Ausbruch des Vulkans auf Island doch gesehen, dass bei Asche in der Luft der Flugverkehr lahmgelegt wurde. Aber selbst dann hatte ich immer noch die Möglichkeit, mit dem Zug nach Sankt Petersburg zu fahren und dann über die baltischen Staaten und Polen nach Deutschland zu reisen. Die Strecke kannte ich ja noch vom letzten Sommer, und damit würde ich auch das Problem umgehen, dass ich kein Visum für Weißrussland hatte - das wäre ja der direkte Weg nach Deutschland, über Moskau nach Weißrussland und Polen nach Deutschland. Der dritte Weg über die Ukraine wäre zwar auch ohne Visum möglich, aber war wesentlich weiter. Bei diesen Gedanken war ich regelrecht begeistert von meinen eigenen Geografiekenntnissen; noch in meiner Abiturzeit hätte ich das nicht aus dem Stehgreif gewusst - und das obwohl ich eine Prüfung in Geografie abgelegt hatte. Wahrscheinlich lag es daran, dass man in der Schule nie mit praktischen Szenarien konfrontiert war wie: "Du musst aus dem brennenden Moskau entkommen. Finde den kürzesten Weg nach Deutschland, aber nur auf dem Gebiet der Europäischen Union oder durch Länder, die das Schengener Abkommen unterschrieben haben, oder zumindest Bürger jener Länder ohne Visum hineinlassen.
Mittlerweile war es Mitternacht geworden, und als wir aufbrachen, boten Denis und Oksana mir an, noch eine Nacht länger zu bleiben. Ursprünglich hatte Xenia sie nur um eine Nacht für mich gebeten und für den nächsten Tag eine andere Gastgeberin organisiert. Ich fand es auch nicht so schlecht mit den beiden und stimmte zu. Die andere Gastgeberin wollte ich morgen früh kontaktieren, ihr für die Nacht absagen und sie stattdessen zum Plaudern für ein Stündchen in ein Café einladen.
Zu Hause zogen wir uns nach nur wenigen Minuten in unsere Schlafzimmer zurück; Oksana und Denis in ihres, und ich mich in das gemütliche Gästezimmer, das nur etwas kühl war. Oksana brachte mir eine weitere Decke und zog die Tür von außen kräftig ins Schloss, sodass ihre Katze die Tür nachts nicht unbemerkt öffnen konnte, denn das Tier war noch nicht stubenrein und sollte lieber nur den Flur verwüsten - dort standen unsere Schuhe schräg an der Wand, sodass die Katze keine unerwünschten Geschenke darin hinterließ.
2.8.
Ein neuer Vormittag brach im herbstlichen Sibirien an. Ich war allein in der Wohnung und verspürte keine rechte Lust, die Stadt zu besichtigen oder meine Bekannte Kristin vom Baikalsee zu kontaktieren, die mir die Stadt hatte zeigen wollen. Es war kalt, sowohl drinnen als auch draußen; die Heizungen schalteten im Sommer nicht zu. Draußen fiel dazu noch Regen. So saß ich in eine Decke gewickelt und mit Katze auf dem Schoß am Computer und versuchte mir über Couchsurfing einen Gastgeber in Nischnij Nowgorod zu organisieren, denn mein alter Freund Ilya - den ich dort hatte besuchen wollen - hatte mir abgesagt; seine Firma schickte ihn gerade jetzt kurzfristig auf eine Dienstreise nach Sankt Petersburg.
Mir war bewusst, dass es schwierig werden würde, auf die Schnelle einen Gastgeber zu finden, und dann auch noch in einer Stadt, aus der gerade alle Bewohner flohen, die es sich leisten konnten - um dem Rauch der Waldbrände zu entkommen. In den Nachrichten hieß es, Nischnij wäre sogar noch stärker betroffen als Moskau. Doch ich hatte Glück und erhielt innerhalb weniger Stunden eine Zusage von einem Tschechen, der in Nischnij eine Art freiwilliges soziales Jahr machte. Er schrieb, dass es im Moment in Nischnij gar nicht so schlimm sei, wie es sich in den Nachrichten anhörte, und dass man je nach Windrichtung noch atmen könne. Aber er meinte auch, dass es wohl nichts mit einer Stadtbesichtigung werden würde.
Ich schrieb auch Anna, meiner ursprünglich geplanten zweiten Gastgeberin und erklärte ihr die Planänderung. Treffen wollte sie mich dann nicht mehr, auch wenn sie es eleganter ausdrückte. Nun gut. Ich wartete auf Oksana, die in einer SMS vor einer Stunde vorgeschlagen hatte gemeinsam zu essen. Um ein Uhr kam sie in der Mittagspause von der Arbeit und wärmte etwas Essen aus den beiden großen Töpfen auf.
Sie war enttäuscht, dass ihre Schülerin diese Woche nicht zum Reitunterricht kommen konnte, denn auch die hatte diese Woche kein Geld. Das bedeutete für Oksana eine weitere Woche ohne Geld. Ich konnte ihr ansehen, wie unangenehm es für sie war, auf andere angewiesen zu sein. Sie war eine starke, unabhängige Frau, die nur im Moment den Gürtel sehr eng schnallen musste. Kurzerhand erklärte ich mich bereit, anstelle ihrer Schülerin den Reitunterricht heute Abend zu nehmen. Mir schmerzten zwar immer noch die Knie von meiner ersten Reiterfahrung - besonders wenn ich mich hockte oder niederkniete, fühlte ich mich wie eine alte Frau - aber was einen nicht umbringt, macht einen hart.
Oksana nahm 350 Rubel pro Stunde - das konnte nicht einmal für eine Woche reichen, dachte ich mir so, als ich auf der Toilette saß und nachdenklich den die Wand betrachtete, an der ein großes Stück Tapete fehlte. Konnte es sein, dass sie nicht mal mehr Geld für Klopapier hatten?
15 Uhr hab ich mich dann doch mal langsam auf den Weg gemacht und war überrascht, im ersten Bus mit einem Stoppknopf unterwegs zu sein, seit ich in Russland bin, aber der war nicht russischer Bauart, sondern aus Schweden, mit schwedischen Aufschriften und Hinweisen.
Ich stieg an irgendeiner Stelle aus, die nach einem Stadtzentrum aussah; auf der einen Seite lag ein Theater, auf der anderen große rote Säule, und darunter sollte eigentlich ein Ewiges Feuer brennen, aber das war gerade zur Wartung.
Etwas kam mir merkwürdig vor, als ich so die Straßen entlang ging - jeder vierte Baum Krasnojarsks war nicht echt, sondern bestand aus weißen Plastikblättern oder Blühten, in denen Glühbirnen steckten. Das sah man aber nur, wenn man nah dran stand, sonst fiel nur die helle Farbe und der außerordentlich gerade Wuchs der Bäume auf.
Ich spazierte ein wenig die Friedensstraße entlang und traf mal wieder auf Lenin, diesmal trug er jedoch eine Schaffnermütze und stand vor einem Bahnhofsmuseum. Ringsrum standen eine Menge stolzer Gebäude in Stalinbauweise: Hauptsache gigantisch. Von hier unten war es unmöglich, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen, aber praktischerweise stand ich in der Nähe des Gorkiparks, der immer ein Vergnügungspark hatte und immer ein Riesenrad enthielt.
Nur heute war der ganze Park voller betrunkener, halbnackter Matrosen, oder eher von der Luftwaffe, denn die Hauptbühne war mit Düsenjets aus Pappe dekoriert worden - dennoch, Zsolt hätte es gefallen.
Viele der Jungs hatten ihre Freundinnen dabei - klischeehaft in Miniröckchen und der blauen Mütze des Freunds auf dem Kopf. Einige schwenken Flaggen und zogen jubelnd durch den Park. Ein Aufgebot aus Polizisten stand im Park verteilt, und ich ging der Masse lieber aus dem Weg. Aber nicht nur junge Burschen standen in der Gegend herum, sondern auch Veteranen, mit denen jeder fotografiert werden wollte, besonders Familien mit Kindern, die auch schon wie spätere Soldaten aussahen.
Durch die Lautsprecher schallte die fröhliche Ansage einer Moderatorin, einige alte Männer standen auf der Bühne und wurden geehrt. Später begann ein mir unbekannter Sänger populäre Melodien zu singen.
Ich entdeckte schließlich das gesuchte Riesenrad - des war der beste Überblick über Stadt ohne Karte. Eine träge Hummel saß in meiner Gondel. Vor mir sah ich jede Menge Wald, links den Bahnhof, hinter mir floss der Fluss im Grünen entlang, auf dem sich eine Aussichtsplattform befand, die aus dem Park herausführte, und ein Stück weiter führte eine Bogenbrücke über den Fluss, die gut und gern die auf dem 10-Rubel-Schein abgebildete Brücke sein konnte. Das sah nach einem interessanten Ausflugsziel aus.
Ich drehte eine Runde zwischen den betrunkenen Jungs und verließ dann den Park bei der Aussichtsplattform. Genau in dem Moment begann ein Wolkenbruch. Ich rettete mich unter die Brücke, die den Park mit der Plattform verband. Hier unten führte auch eine Straße vorbei, und während ich unter der Brücke ausharrte, rasten die betrunkenen Jungs mit gut 100 Stundenkilometern in ihren Autos dort entlang, im strömenden Regen jubelnd aus dem offenen Dach eines Autos heraushängend und ihre Fahne schwenkend.
Als es nur noch nieselte, ging ich am Flussufer entlang; es gab Ufer-Bars, in denen niemand saß, mit lauter Techno-Musik und nur einem Schaschlikspieß auf dem Grill, für den Fall, dass doch jemand mal vorbei kam.
Ich kam bald an der mit grauen Nebelfetzen verhangenen Brücke an, aber um sie zu betreten, hätte ich noch ein ganzes Stück gehen müssen. Es war nun schon 18 Uhr geworden und die Wolken zogen plötzlich davon. Ich fand aber, dass ich genug Zeit vertrieben hatte und suchte nach der nächsten Bushaltestelle. Ich hatte Glück, denn ich stand vor dem Hotel Krasnojarsk, und dahinter befand sich bereits ein großer Knotenpunkt öffentlicher Verkehrsmittel.
Ich hatte aus meinen Fehlern gelernt und fragte diesmal gleich an der Haltestelle nach der Richtung. Zu früh würde ich dennoch nicht ankommen, denn es war Rush-Hour wie in Großstadt um diese Zeit.
Der Bus wieder einer der russischen Bauweise mit nur einem Not-Stoppkopf über der Tür, und auch Stopps wurden keine durchgesagt, wie man es erwartete. Aber ich würde da Bushäuschen erkennen, beruhigte ich mich - aber ob groß genug zum Stoppknopf drücken? Es schien nötig zu sein, denn der Fahrer hielt nicht überall. Ich hätte wohl den Schaffner fragen können, aber der war beim Fahrer in Kabine, und die konnte man nur durch Aussteigen erreichen. Aber ich hatte wieder Glück - viele Studenten waren zum Physikalischen Institut unterwegs - ich erkannte sie an ihren Anzügen, denn in Russland kleidete man sich als Student etwas gehobener. Einer von denen drückte den Not-Stoppknopf. Warum ist man in Russland viel mehr auf Glück und kleine Zufällen angewiesen als in Deutschland?
Ich ging noch schnell in den Supermarkt um Reiseproviant, Abendbrot und etwas zu Essen für meine Gastgeber einkaufen - und Klopapier. Auf meiner Reise durch Russland hatte ich es mir angewöhnt, neben Taschentüchern und einigen 10-Rubel-Scheinen auch immer ein paar Blatt Klopapier in der Hosentasche zu haben, wobei die Rubel mehr für den Bus gedacht waren und nur für den äußersten Notfall als Toilettenpapier. Nun hatte ich aber meine letzten Hosentaschenvorräte Oksanas Badezimmer gespendet, bevor noch mehr von der Tapete daran glauben musste.
Oksana machte sich Sorgen, wo ich abgeblieben war und schickte mir eine SMS. Ich schrieb, ich sei noch im Supermarkt und fragte, ob ich etwas mitbringen sollte. Ihr Antwort war: "Was du willst - oder Bier mit Zigaretten".
Ich brachte ihnen zwei Flaschen Bier, aber Zigaretten konnten sie sich im Tante-Emma-Laden um die Ecke anschreiben lassen, beschloss ich.
Oksana war ganz aufgekratzt als ich zurück kam und konnte es gar nicht abwarten, mit mir reiten zu gehen. Bei dem strömenden Regen des Nachmittags hatte es eine Weile so ausgesehen, als wäre es überhaupt nicht möglich gewesen, auf die Koppel zu gehen, aber nun war der Himmel regelrecht blau.
Einzig die Waldwege zum Reithof waren schlammig und kaum begehbar. Es war gut gewesen, dass ich dran gedacht hatte meine Sandalen gegen Halbschuhe zu tauschen bevor ich den Koffer am Bahnhof abgab.
Bald gelangten wir an das Gehöft; es entsprach absolut dem, was ich mir darunter vorgestellt hatte, und dabei war meine Vorstellung aus einem Zeichentrickfilm gekommen; aber alles passte ins Bild, und abgerundet wurde es mit einer fetten Katze und einem gemütlichen Stuhl vor der Tür eines hölzernen Wohnhauses.
Das Gehöft stellte sich als richtige Reitschule heraus, die Reitbahn war mit Sägespänen ausgelegt und überhaupt nicht schlammig; viele Kinder standen in Reitstiefeln und Helm daneben, oder wurden bereits kerzengerade auf ihrem Pferd sitzen über die Koppel geführt.
Oksana sprach mit dem Besitzer und dann mit einer Reitlehrerin. Oksana war keine offizielle Reitlehrerin, hatte aber vor einigen Jahren in den Hof investiert, als es ihnen finanziell schlecht ging, weshalb sie nun immer noch eine ganze Menge Stunden gutgeschrieben hatte, in denen sie sich ein Pferd ausleihen konnte.
Sie half mir hoch in den Sattel, zeigte mir aber auch, wie ich das allein richtig anstellen konnte: Eine Hand an die Mähne und einem am Sattel.
Sie packte die Zügel und zog die Stute auf die Reitbahn. Oksana wies mich an: Ich sollte mich nicht so krampfhaft festhalten, sondern die Hände auf die Oberschenkel legen, kerzengerade sitzen, aber mit dem Hintern fest im Sattel. Sie führte das Pferd im Kreis, erst langsam, dann schneller und fragte immer wieder, ob ich OK sei.
Es war wirklich OK, nicht wie bei meinem Reitausflug in Izhevsk nach dem Motto "steig auf und mach mal.
Da dies so gut klappte, brachte mir Oksana eine zweite Sitzweise bei: Die Beine schräger nach hinten, Knie fester andrücken - es sei nötig mit dem Pferd verschmelzen wie ein Zentaur, erklärte sie. Ich strenge mich an, ihren Anweisungen zu folgen und sie lobte meine Haltung, und auf einmal dachte ich: Aus welchem Grund lern ich jetzt eigentlich reiten?!
Russland hatte diesen seltsamen Einfluss auf mich und leiß mich ständig neue Dinge probieren, lernen, und den Horizont erweitern. Ich verstand nun auch den Ausdruck "fest im Sattel sitzen" und überlegte schon, in Izhevsk mit Nastya in diesem Herbst Reitunterricht zu nehmen, denn das wollte sie auch schon eine ganze Weile lang in Angriff nehmen.
Mittlerweile waren wir allein auf der Koppel - nun, nicht ganz. Die Stute war vor kurzem Mutter geworden und ihr Fohlen rannte ihr die ganze Stunden lang hinterher und wollte spielen. So hatten wir richtig Spaß in dieser Reitstunde, und das beste daran war, dass ich ohne Schmerzen auch wieder vom Pferd abstieg. Wahrscheinlich lag es an der richtigen Haltung, und dass ich mich nicht krampfhaft festhalten und um mein Leben hatte bangen müssen.
Statt der 350 Rubel gab ich Oksana 500, also etwa 13 Euro und bestand darauf, dass ich es nicht kleiner bei mir hatte. Und hätte ich es nicht ihr gegeben, hätte ich es sinnlos für Süßigkeiten ausgegeben, versicherte ich ihr.
Auf dem Rückweg kam uns ein streunender Hund entgegen und Oksana bestätigte, dass in Russland wirklich Hunde gegessen wurden - und das nicht nur mehr oder weniger aus Versehen wie die Ratten in der Wurst, sondern wie in Kriegszeiten, wenn man wirklich nichts zu Essen hatte...
Nun war es schon 22 Uhr geworden und ich fragte mich, wohin die Zeit in Russland immer verschwand. Wir tranken Tee und kochten Pelmeni, während wir hundemüde auf das Durchlaufen des Waschmaschinenprogramms warteten, und dabei vor Müdigkeit fast vom Stuhl kippten. Oksana meinte weise, es müsse wohl wirklich Liebe sein, dass sie für Denis zur Hausfrau wurde. Er sei der erste, mit dem sie es länger aushielt, schon 3 Jahre. Für jeden Topf gibt es...
3.8.
Mein Zug fuhr um 11:37 Uhr, weshalb ich mir den Wecker auf 9 Uhr gestellt hatten, aber das wäre gar nicht nötig gewesen, denn ich hatte schlecht geschlafen und war zur rechten Zeit erwacht - wie immer wenn mein Unterbewusstsein fürchtete zu verschlafen. Während ich mich von Denis verabschiedete, ging Oksana Zigaretten holen, kam aber wieder; sie musste erst um 1 Uhr zur Arbeit und wollte mich zum Bahnhof begleiten - ohne selbst recht zu wissen, wie man da hinkam. Doch wieder wollte mich die Katze nicht gehen lassen und sprang immer wieder auf meinen Schoß.
Das Wetter wurde schön an diesem Vormittag - wie immer, wenn ich einen Ort verließ. Trotzdem waren es nur 11 Grad draußen; wie September oder Oktober fühlte es sich an.
Oksana frage uns zum Bahnhof durch, ein paar alte Frauen an unserer Bushaltestelle halfen bereitwillig. Ein ganzer Haufen Trinker veranstaltete schon am Morgen eine Volksversammlung auf den Gehwegen, und auch die Zigeuner waren schon wach, aber sie hielten sich von uns fern.
Wir waren eine Stunde zu früh dran und nahmen auf einer Bank vor dem Bahnhof Platz; ein paar Tauben pickten um uns herum irgendwas von der Straße auf. "Semitschki", meinte Oksana. Sonnenblumenkerne. Ich hatte welche dabei, noch aus Izhevsk. Ich kramte sie hervor und streute aus, und plötzlich kam alles auf uns zugeflattert, wie die Vögel Hitchcocks gleichnamigem Film; unzählige Spatzen und Tauben vereint. Oksana nahm etwas Futter auf die geöffnete Hand und die Tauben landeten darauf wie Zirkustiere.
Aber bald fröstelten wir und gingen einen Tee im Bierzelt nebenan trinken. Oksana bedankte sich, dass ich ihr Englisch beigebracht hatte, denn nun - nach nur zwei Tagen - konnte sie sich schon relativ gut darin ausdrücken. Aber nein, winkte ich ab, ich hatte schon öfters erlebt, dass Russen ihr Schulenglisch relativ schnell reaktivieren konnten, wenn sie nur etwas Sprachpraxis bekamen. Das beste Beispiel dafür war Farin, der mich am Anfang nur verstanden hatte, wenn ich ihm den Satz aufschrieb statt ihn auszusprechen.
Es wurde lang nicht durchgegeben, an welchem Gleis mein Zug abfuhr; wir holten trotzdem schon meinen Koffer aus der automatischen Gepäckkammer. Das ging alles problemlos, mein Gepäck war noch da... ich weiß nicht, weswegen der automatischen Gepäcklagerung nicht vertraut wird, zumal dort wieder ein Mann saß, der alles bewachte und erledigte. Ich musste nur noch mal 79 Rubel für den zweiten Tag bezahlen, das war's.
Als endlich das Gleis durchgesagt wurde, trug mir Oksana den Koffer hinauf und hinunter aufs Gleis, denn sie war stärker als ich und ich gab den Widerstand schnell auf. Der Zug kam zu spät, Kinder rannten wild um uns herum, und die Eisverkäufer waren auch hier in der Kälte erfolgreich.
Dann ging alles ganz schnell: Umarmungen, gute Wünsche, dann war ich wieder allein.
Ich wartete bis dieser Sportler-Typ fertig war mit telefonieren und bat ihn um Hilfe mit meinem Koffer. Er hob ihn in die Gepäckablage und der Zug setzte sich in Bewegung.
Lange begleitete mich nur das rhythmische Rattern des Zugs über lila blühende Wiesen hinweg, und vorbei an den weiß daraus hervorleuchtenden Stämmen der Birken. Für unendliche Weiten brauchte man kein Star Trek, dachte ich mir angesichts der immer gleichen Landschaft für Stunden und Stunden. Fast als würde man zu einem anderen Planeten unterwegs sein, so weit weg von zu Hause.
Ich dachte wieder an mein Leben in Izhevsk, meine Freunde dort - das kam mir nun alles vor wie ein dicker Roman, den ich verschlungen habe, voller Figuren, die ich liebgewonnen hatte. Aber alles war so irreal und weit weg, als hätte ich das Ende des Buchs erreicht und den Deckel zugeschlagen, und nur langsam wurde mir wieder bewusst, was Realität war.
Ich schüttelte den Kopf - es war doch real, und ich war froh, dass ich in etwas mehr als einem Monat wieder dorthin zurück kehren würde - zur Fortsetzung des Romans, dem zweiten Teil meiner Abenteuer.
Die Transsib legte Kilometer um Kilometer zurück, und bald würden wir das Ural-Gebirge wieder überqueren und in Europa sein.
Ich sah mir meine Mitreisenden an. Ein Mädchen hatte eine Katze ohne Schwanz an der Leine dabei; wahrscheinlich hatte sie frühere Abenteuer nicht so gut überstanden. Neben mir saß ein junger Kerl; ich verwirrte ihn mit Englisch, als ich fragte, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich mich hinlegte. Ich war müde, hatte Nackenschmerzen und keine Lust russisch zu sprechen - aber mein Gesicht hatte wahrscheinlich Bände gesprochen und ich bekam meine Liege für mich allein um ein Nickerchen zu machen. Das einzige, das mich jetzt noch störte, war eine besonders laute Familie mit drei Kindern. Sie stiegen glücklicherweise bald in Novosibirsk aus. Ich hatte die Stadt sofort am Dauerregen wiedererkannt. Ich schickte Eva einen Gruß.
Die echte Transsibirische Eisenbahn war glanzvoll luxuriös im Gegensatz zu den anderen Zügen, die auf dieser Strecke verkehrten, und mit denen ich bisher gereist war. Ich reiste zwar immer noch in der dritten Klasse, aber selbst die war mit einem langen Teppich ausgestattet, und am Ende des Wagons gab es eine Digitalanzeige, welche die Wagennummer anzeigte, die aktuelle Uhrzeit und Temperatur, und ob die Toilette belegt oder frei war. Zwar passte weder Uhrzeit, noch Wagonnummer, aber der Gedanke zählt. Und ganz bestimmte war die Uhrzeit in irgendeinem Reiseabschnitt korrekt, wobei ich auf Wladiwostok tippte.
Der größte Luxus jedoch, der allein schon die höheren Kosten für das Ticket rechtfertigte, war, dass selbst an Bahnhöfen das Klo nicht abgesperrt wurde, und gleich zwei nebeneinander gab, und dazu ja auch noch die Digitalanzeige, ob beide besetzt waren - und: Es gab Klopapier. So einen Luxus hatte ich nur selten in einem russischen Zug erlebt. Und man konnte sich sogar hinsetzten und musste nicht mit den Füßen auf die Klobrille hinaufsteigen - das war sogar auf einem Hinweisschild erklärt. Theoretisch gab es sogar Papier zum Auflegen auf die Klobrille - also der Behälter dafür war zumindest vorhanden. Sogar eine sofort auffindbare Druckknopf-Klospülung gab es; sonst hatte ich immer eine Weile gebraucht bis ich das entsprechende Fußpedal dafür gefunden hatte. Es war ein Traum.
Und sogar internationalisiert was dieser Zug: An der Tür stand schönem Englisch: "!The request, in a toilet bowl to throw! !nothing!, das konnte man etwa so übersetzen: "!Die Aufforderung, in die Toilettenschüssel zu schmeißen !nichts!
Nur suchte ich vergeblich nach dem Streckenplan, der normalerweise an einer der Türen in jedem Wagon hing und auflistete, in welcher Stadt wie lang angehalten wurde. Da ich schon eine ganze Weile neben dem Zugbegleiter stand, weil ich mit eine Teeglas ausleihen wollte, aber er noch zu beschäftigt war, Wäsche einzusammeln, fragte ich ihn gleich nach dem Streckenplan. "Wurde geklaut, antwortete er kurz, "als Souvenir. Das einzige, was noch an den Türen hing, waren Hinweisschilder, dass man auf Terroristen und auffälliges Gepäck achten sollte.
Der Zugbegleiter gab mir ein Teeglas im blechernem Halter, und es sah ganz ähnlich aus wie die, die meine Oma vor Jahrzehnten aus Russland mitgebracht hatte - nur noch übertriebener verziert, dafür dass es nur Blech war und kein Silber.
In meinem Abteil saß ich einer strengen Mutter, ihrem dicklichen Sohn, und einem unsympathischen Mann gegenüber. Irgendwas stimmte nicht mit dem erwachsenen Sohn meiner Sitznachbarin, aber ich konnte nicht bestimmt sagen, was es war. Er sprach sehr laut, wurde von den anderen Erwachsenen ignoriert als wäre er ein quengelndes Kind.
Ich beschloss, dass ich mit ihnen nicht auf einen grünen Zweig kommen würde und widmete mich dem Falten von Origami.
Die Frau war zuerst kühl gewesen, aber nachdem sie den Stern gesehen und bewundert hatte, und ich ihn ihr dann geschenkt hatte, kamen wir annähernd ins Gespräch. An einem abendlichen Haltepunkt namens Sima, "Winter, gingen gemeinsam nach draußen, und der junge, blonde Mann gesellte sich zu uns, der mir beim Einsteigen freundlicherweise den Koffer in den Zug hineingetragen hatte. Aber keiner von denen sprach Englisch, und so musste ich mein Russisch auspacken. Zumindest auf die Fragen, die mir immer wieder stellte wurden, konnte ich schon perfekt und flüssig antworten, und so wurde bei Maxim - so hieß der junge Mann - der Eindruck erweckt, ich spräche russisch, und er belegte mich von da an vollständig. Er lud mich ein, mich zu ihm ins Abteil zu setzen, und ich brachte mein Origamipapier mit, weil er draußen danach gefragt hatte. Ich bastelte ihm einen kleinen, gedrehten Kreisel in zwei Minuten, und er staunte nicht schlecht. Das einzige, was er konnte, war ein Boot, aber das hatte ich nie gelernt und ließ es mir von ihm lehren. Er wollte daraufhin unbedingt meine Kontaktdaten haben und lud mich nach Moskau ein, wo er lebte - ich könne so lange bleiben, wie ich wollte, einen Monat, länger... Und dann holte er die Wodkaflasche hervor. Es musste wohl daran liegen, dass ich nun in der echten Transsib fuhr, dachte ich mir, denn sie war für ihre Trinkgelage schon zur westlichen Legende geworden. In den anderen Zügen reiste man - in der Transsib war man zum Spaß und gab sich die Kante.
Ich war nicht so begeistert von der Idee im Zug zu trinken und am Ende über der wackelnden Toilette zu hängen, deshalb lehnte ich dankend ab. Max gab aber nicht auf: "Ein kleines Schlückchen, ja? Ich schüttelte den Kopf: "Ich kenne euch Russen: Zwischen erstem und zweiten keine lange Pause... - "Aber nein, wir werden nur ein Glas trinken, auf unser Treffen, auf die Freundschaft.
Das konnte ich nun nicht mehr ablehnen und er goss mir ein. Wir stießen an und tranken, dann goss er gegen meine Proteste den nächsten ein. Mich rettete nur, dass wir von seinen Sitznachbarn zur Ruhe aufgefordert wurden, denn es war schon nach Mitternacht. Ich schlug vor, stattdessen in mein Abteil zu wechseln, denn mit meinen Nachbarn verstand er sich ja - aber nicht gut genug um auch den Wodka mitzubringen. Wir unterhielten uns also bei mir noch ein wenig und gingen auch bald schlafen.
Ich bemerkte, dass ich eine SMS bekommen hatte - es musste wohl irgendwo auf der Strecke einmal Empfang gegeben haben. Xenia, meine nächste Gastgeberin, hatte Probleme mit ihrer Mutter und schrieb mir, sie würde versuchen einen anderen Gastgeber für mich zu finden. Es war zu spät ihr noch zu antworten.
1.8.
Als ich aufstand, saßen in meinem Abteil zwei Männer meinen Nachbarn gegenüber. Physikalisch wäre schon noch Platz gewesen, aber diese Gesellschaft war mir noch unsympathischer als meine Nachbarn mit sowieso schon waren, also ging ich ins Abteil von Max, der auch schon wach war.
Seine Sitznachbarn waren eine Großmutter mit ihren beiden Enkeln, und auf der anderen Seite gegenüber saß eine andere alte Frau, die gebrochen deutsch sprechen konnte. Sie waren alle neugierig auf mich, und ich erweckte wohl wieder eine Art Beschützerinstinkt bei den Großmütterchen, denn die von gegenüber packte Gebäck aus einer großen Tüte aus und forderte mich auf, mich davon zu bedienten. Max bot sie nichts an, aber der schnurrte et was. Er hatte sich schon gestern Nacht nach Kostenlosem und Studententarifen bei der Zugbegleiterin mit dem Essenswagen erkundigt. Er war wohl ein typischer Moskauer Student. Er sprach gern - und viel, und aus unerfindlichen Gründen ständig von Bären. Er war ein Regisseur oder Filmstudent, und zeigte mir seine Skizzen von Filmszenen in seinem Notizbuch. Das konnten durchaus Bären auf den Bildern sein... vielleicht auch Menschen. Aber ich sah, dass er mit Leidenschaft daran gearbeitet hatte - Kino war sein Leben, deshalb hatte er sich selbst den Spitznamen "Cinemax" gegeben.
Ich konnte ihm aber nicht die ganze Zeit zuhören, ich musste meine Unterkunft in Krasnojarsk umplanen. Xenia hatte ihre Freundin Oksana gebeten, mich aufzunehmen. Sie hatte auch wirklich zugesagt und mir sofort eine SMS geschrieben, aber zu meinem Frust sprach sie nur Russisch.
So saß ich wieder mal mit Wörterbuch und Handy da und versuchte auf die SMS zu antworten. Max versuchte zu helfen ohne wesentlich mehr Englisch zu sprechen. Einer der Enkel warf ein, dass seine Schwester Englisch könne, aber ihr war das peinlich, dennoch schrieb sie mir schließlich auf Anweisung Maxims die SMS, die ich dann jedoch noch bearbeitete, sodass sie ausdrückte, was ich wirklich schreiben wollte. Russisch zu schreiben bereitete mir bei weitem nicht so viele Probleme wie es zu sprechen.
Wenige Stunden später trafen wir schon in Krasnojarsk ein. Max wurde wieder zum Gentleman und trug mir in seinen rutschigen Flip-Flops meinen schweren Koffer die ganzen drei langen Treppenabsätze nach oben und umarmte mich dort zweimal. Entweder war er sehr freundlich, oder suchte sehr verzweifelt eine Freundin. Er hatte schon im Zug schon versucht meine Hand zu halten, aber er roch wie ein Männerumkleidekabine nach einem Fußballspiel, und das gehörte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgerüchen. Er war wohl recht lange im Zug ohne gewesen ohne die Möglichkeit zum Duschen zu haben, obwohl es gerade in der Transsib in irgendeinem Wagon auch Duschen geben sollte. Im großen und ganzen war mir Maxim etwas suspekt, und ich beschloss, mir lieber über Couchsurfing einen echten Gastgeber in Moskau suchen - obwohl man schon Einladungen von Russen generell beim Wort nehmen konnte.
Am Bahnhof schloss wieder Gepäck ein, weil mich Oksana nicht abholen konnte - diesmal aber in automatischen Gepäckkammer, weil die Fünfminutenpause des Verantwortlichen, auf die mit einem Schild hingewiesen war, immer länger wurde. Was jedoch der Unterschied zwischen automatischer und nichtautomatischer Gepäckkammer war, konnte ich nicht feststellen, denn beide wurden von jemandem bewacht, der Buch darüber führte, wer sein Gepäck hier abgab: Nun gut, das Gepäck musste in der automatischen Gepäckkammer selbst in einem Schließschrank verstaut werden, während in der bewachten, nichtautomatischen Gepäcknummer das ganze Gepäck offen auf Regalen lag, wo man es sich holen konnte, wenn die Kammer gerade nicht bewacht war - jedenfalls sah ich einige Leute hinter die Absperrung gehen und ihr Gepäck suchen.
Oksana hatte mir eine ganze Liste von Bussen per SMS geschickt, die ich zu ihr nehmen konnte. Aber keiner der Liste kam. Stattdessen baute plötzlich eine Frau in buntem Zigeunerkleid vor mir auf und bat mich um Kleingeld. Ich gab ihr ein paar Münzen und fragte, wo Bus Nummer 2 abfuhr, aber sie machte keine Anstalten zu helfen, sondern wollte mehr Geld - oder hatte sie es verhext und wollte sie es mir wiedergeben? Was ich verstand, als sie es mir versuchte, es mir wieder in die Hand zu drücken, waren Wortfetzen wie "für die Liebe" und "Talisman". Ich war mir sicher, sie versuchte herauszufinden, aus welcher Tasche ich das Geld geholt hatte, aber das war nur meine Hosentasche gewesen, in der ich eh nur Kleingeld aufbewahrte.
Es wurden immer mehr Zigeunerfrauen um mich, eine ganze Schar. Ich sagte, ich habe nichts mehr und suchte nur einen Bus. Ich hatte einen Zettel und Stift aus meinem Brustbeutel geholt, weshalb er mir nun vom Hals baumelte statt unter meiner Jacke zu stecken; nun wollte eine der Frauen in meinen Brustbeutel greifen - in dem Fach bewahrte ich zwar kein Geld auf, aber ich schob ihre Finger dennoch weg und sagte grob, sie solle mich in Ruhe lassen, doch es wurden eher noch mehr Frauen, die auf mich einredeten und grabschten; ich behielt meinen Rucksack nah bei mir und achtete darauf, dass sie nichts an das Fach mit meiner Kamera kamen. Sie waren eine echte Plage - ich hatte solche Leute noch nie so aggressiv gesehen.
Gerettet von einem Mann mittlerem Alters, der in seinem Jogginganzug ganz schön runtergekommen aussah, aber immer noch vertrauenswürdiger als dieser Schwarm von Langfingern um mich herum. Er forderte mich auf, mit ihm zu kommen, und er wollte sogar meinen Rucksack für mich tragen. Ich wurde misstrauisch - war es am Ende ein Gauner, der mit den Zigeunern zusammenarbeitete? Ich gab ihm den Rucksack nicht und wollte ihm auch nur so lange folgen, wie er nicht in dunkle Gassen ging. Er stellte sich als Nikolai vor, sprach sogar englisch und meinte zu wissen, wo sich die Haltestelle befand, an der die Busse abfuhren, die ich brauchte. Wir gingen etwa einen Kilometer die Straße entlang, über eine Brücke und schließlich wirklich zu einer Haltestelle, an der ich schon von weitem die Busnummern entdecken konnte, die ich brauchte. Erleichtert begann ich mit Nikolai etwas entspannter zu plaudern. Er erzählte, dass er geschieden war und in der Stadt sein um seine Tochter zu besuchen. Er zeigte mir Fotos seiner Tochter auf seinem Smartphone. Er schien sonst nichts zu tun zu haben außer darauf zu warten, dass seine Tochter Zeit für ihn fand, und bot mir an, mich im Bus bis zu meiner Haltestelle zu begleiten. Er tat mir leid - ich konnte seine Einsamkeit regelrecht spüren. Er sehnte sich nach einer neuen Freundin und griff nach jedem Strohhalm. Ich gab ihm meine E-Mail-Adresse und meinte, wir könnten uns gern schreiben. Daraufhin meinte er, dass er in einem Dorf einige Stunden von hier entfernt wohnte, wie schön es dort sei, und dass ich jederzeit mit meinen Freunden zu ihm auf Besuch kommen sollte.
Wir stiegen mitten im Wald aus, weil der Schaffner, den Nikolai gefragt hatte, wann die Haltestelle "physikalisches Institut kam, uns informierte, dass die sich genau hier befand. Es gab nicht einmal eine Haltestelle hier, nur ein Pfosten, auf dem bei genauerer Betrachtung "physikalisches Institut stand.
Ich schrieb Oksana eine SMS, dass ich nun an der Haltestelle war, und wurde nach einigen Minuten von ihr abgeholt - erst dann war ich endlich wirklich erleichtert. Wir fielen uns um den Hals. Nikolai wollte sich noch nicht verabschieden; er erzählte, wie wir uns begegnet waren, Oksana hörte höflich und freundlich zu. Er lud sie ebenfalls zu sich ins Dorf ein - mit all ihren Freunden. Er warf ein, dass er gang gerne sang, und dann sang er für uns "Yesterday", und wir applaudierten. Dann dankte Oksana ihm freundlich, dass er mich hergebracht hatte und verabschiedete sich von ihm, nahm seine Handynummer an und gab ihm ihre. Damit war Nikolai zufrieden, er verabschiedete sich nun auch und ging spazieren.
Oksana hatte mich wirklich nicht vom Bahnhof abholen können, sie hatte nicht einmal genug Geld für den Bus, stellte ich bald fest. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass jemand so pleite sein konnte; sie ließ sich sogar die Zigaretten für 50 Cent pro Packung in einem kleinen Laden nahe ihres Hauses anschreiben. Sie sprach entgegen meiner Erwartungen doch etwas englisch, und den Rest verstand ich auf Russisch.
Oksana machte gerade eine Art Ausbildung bei der Post, die nicht oder kaum vergütet wurde, während ihr Freund Denis gerade auf Arbeitssuche war. Das einzige, womit sie derzeit Geld verdiente, war ihr Nebenjob als Reitlehrerin. Sie schienen kaum genug Geld für Essen zu haben; im Kühlschrank standen nur zwei große Töpfe; einer mit Borschtsch, der andere mit Schtschi, einer Art Kohlsuppe-Hühner-Eintopf, wobei sich vom Huhn nur die Haut und ein Knochen darin befanden. Sie gab mir großzügig davon, aber es war zu sehen, dass diese beiden Töpfe noch die ganze Woche reichen mussten. Ich bat sie, mit mir in den Supermarkt um die Ecke zu gehen. Dort kaufte ich erstmal allerlei Lebensmittel ein, verschiedene Brotsorten, Pelmeni, Obst, Gemüse und natürlich Schokolade. Und noch etwas zum Anstoßen - Oksana hatte nichts gegen Wodka, allerdings nur, wenn wir den schon am Nachmittag tranken, denn morgen musste sie arbeiten. Ihr Freund, der besser englisch sprach als sie, erklärte, dass es ein russisches Geheimrezept war, den Wodka vor 17 Uhr zu trinken und danach genauso viel Wasser hinterher zu trinken - denn Wasser am Abend macht klaren Kopf am Morgen. Und wenn das nicht geholfen hatte, konnte man den Kater noch mit "Pilztee bekämpfen, erklärte mir Oksana und goss mir etwas davon in eine Teetasse zum Probieren. Es hatte schon in dem Einmachglas sehr merkwürdig ausgesehen - eine durchsichtige Flüssigkeit mit einer dicken Schaumdecke darauf - das sei der Pilz, erklärte Oksana. Es roch scharf. Höflich probierte ich einen Schluck und verzogen das Gesicht - es hatte auch gar nichts mit Tee zu tun, es war purer Essig. Aber gegen einen Kater half es bestimmt.
Nachdem wir die halbe Flasche geleert hatten, gingen wir spazieren. Ein Stück hinter der im Wald versteckten Plattenbausiedlung verlief der Fluss Jenissei zwischen steilen Hängen. Es ist etwas faszinierend Eigentümliches, das trockene Wissen aus dem Geografieunterricht an einem vorbeifließen zu sehen.

Wir spazierten zur Bauruine einer armenischen Kirche, die hoch auf einem Hügel thronte, das Kreuz schon davor in Beton eingelassen. Man konnte sie nicht betreten, aber wir kletterten aus Spaß an der Absperrung hoch und schossen Fotos davon.
Wir ließen uns auf der blühenden Wiese nieder, genossen die reizvolle Landschaft, die Aussicht, den frischen Sommer. Es führte ein steiniger Weg an der Kante der steilen Felsen entlang, die sich im Fluss verloren. Andere Spaziergänger kamen uns mit Hunden entgegen. Ich ließ mir typische Steine der Gegend für Weltkarte meines Cousins zeigen und sammelte einige ein.
Der Geruch von gegrilltem Fleisch stieg uns in die Nase und ich schlug vor, ebenfalls am Abend zu grillen. Die beiden waren sofort einverstanden und Denis meinte, dass wir am besten im Wald ein Lagerfeuer machen sollten.
Oksana und ich gingen auf dem Ruckweg in den Supermarkt und besorgten Würste, Brot und Bier. Ein bierbäuchiger Alkoholiker kam uns entgegen; Oksana wechselte ein paar Worte mit ihm und erklärte mir, das sei ein Nachbar von ihnen. Sie bat mich, ihm ein paar Münzen zu geben, denn man half sich hier in der Nachbarschaft, und wenn es nur zum Alkoholismus war.
Wir warteten auf Denis, der Decken für uns und alte Zeitungen zum Anfachen des Feuers besorgt hatte. Gemeinsam gingen wir dann die Straße entlang und zweigten an einer bestimmten Stelle in den Wald ab, von der sie beide meinten, dass es dort einen prima Grillplatz gäbe, den niemand kannte. Es war tatsächlich ein schöner Ort: Nicht weit von der Straße entfernt, aber doch mitten im Wald und einsam.
Es war kühl und feucht hier draußen im Wald, es hatte immer wieder in den letzten Tagen geregnet, und die Temperatur lag höchstens noch bei 10 Grad. Jemand hatte mal gesagt, in Sibirien gäbe es keinen Sommer - nur Winter, einen weißen und einen grünen.
Nun mussten wir trockenes Holz finden, denn vom Zeitungspapier allein bekam man kein schönes Lagerfeuer, auch wenn es am Anfang mit ein paar trockenen Ästchen ganz hübsch brannte. Das kleine Feuer musste die größeren, nasseren Holzstücke so aufheizen, dass sie auch bald zu brennen begannen, aber das war schwieriger als wir dachten. Der ganze Boden war nass, sodass alles Holz dort unten so durchgeweicht war, dass man es erstmal eine Woche lang trocknen müssen bevor man es verbrennen konnte. Oft wuchs Moos auf den morschen Ästen.
Da es also auf dem Boden kein Brennmaterial für uns gab, beschloss Denis auf die Bäume hinaufzuklettern um dünne Zweige direkt von ihnen abzubrechen; sie waren etwas weniger feucht als am Boden.
Währenddessen suchten Oksana und ich noch weiter in einer ungefährlichen Höhe; ich fand zufällig einen zwischen Zweigen festhängenden, abgebrochenen Ast - der war ideal für unser Feuer. Nun, ein richtiges Lagerfeuer wurde es nicht, aber wir erzeugten genug Glut um unsere Würstchen und das Toastbrot grillen zu können, und wir hielten auch den Käse aus einem geräucherten Käsezopf in Flammen. Das weitaus abenteuerlichste Essen brachte uns Oksana - sie hatte beim Ästesuchen einen kleinen, roten Pilz gefunden, von dem sie uns je ein Stück abgab und ihr Stück roh aß. Ich sah sie erst skeptisch an, dann biss ich in den Pilz hinein - er schmeckte fürchterlich, als würde man puren Pfeffer essen. Oksana lächelte und spießte einen weiteren Pilz an einen Stock und hielt ihn ins Feuer. Und als wäre das nicht exotisch genug gewesen, kam Denis ein Stück später mit zwei Grashalmen zurück. Einen gab er mir, einen Oksana. Er forderte uns auf, daran zu lecken - er hätte einen Ameisenhaufen gefunden und die Halme dort hineingesteckt um die Ameisen zu reizen - die daraufhin die Halme angriffen und mit Ameisensäure benetzten; und das schmeckte angenehm sauer, erklärte Denis. Etwas skeptisch ließ ich die Zungenspitze am Halm entlang gleiten; es war tatsächlich sauer, aber viel eher nach meinem Geschmack als rohe Pilze. Wir lutschten also an Grashalmen während wir warteten, dass die Würstchen an den Schampur-Spießen gar wurden.
Das kleine Feuer spendete nur wenig Wärme und die feuchte Kälte kroch uns bald wieder in die Glieder. Am Ende mussten wir es nicht einmal löschen, weil es von selbst verglüht war. Ironischerweise war es genau zu dieser Zeit, dass sich die Waldbrände um Moskau herum nachrichtenwürdig ausweiteten. In den Meldungen hieß es, dass der europäische Teil Russlands in Flammen stand, dicke Rauchschwaden über den Städten Moskau und Nischnij Nowgorod lagen, und man befürchtete, dass die Brände bald Anlagen mit radioaktiven Materialen erreichen würden. Hier im kalten Sibirien erschienen mir diese Nachrichten als absolut unglaubwürdig, und so hatte ich Matthias Nachricht mit einem Schulternzucken abgetan, und auch die E-Mail meines Vaters vom Nachmittag nicht ernst genommen, in der er meinte, ich solle versuchen, früher aus Russland abzufliegen - denn wenn erstmal Moskau und dessen Flughäfen in Flammen stünden, wäre es zu spät.
Allerdings war mein Vater ein Schwarzmaler aus Leidenschaft, weshalb ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen und meine Pläne nicht zu ändern. In einigen Tagen würde ich es ja mit eigenen Augen sehen, und dann konnte ich mich immer noch entscheiden, das Land früher zu verlassen - falls überhaupt Flugzeuge flogen. Man hatte es beim Ausbruch des Vulkans auf Island doch gesehen, dass bei Asche in der Luft der Flugverkehr lahmgelegt wurde. Aber selbst dann hatte ich immer noch die Möglichkeit, mit dem Zug nach Sankt Petersburg zu fahren und dann über die baltischen Staaten und Polen nach Deutschland zu reisen. Die Strecke kannte ich ja noch vom letzten Sommer, und damit würde ich auch das Problem umgehen, dass ich kein Visum für Weißrussland hatte - das wäre ja der direkte Weg nach Deutschland, über Moskau nach Weißrussland und Polen nach Deutschland. Der dritte Weg über die Ukraine wäre zwar auch ohne Visum möglich, aber war wesentlich weiter. Bei diesen Gedanken war ich regelrecht begeistert von meinen eigenen Geografiekenntnissen; noch in meiner Abiturzeit hätte ich das nicht aus dem Stehgreif gewusst - und das obwohl ich eine Prüfung in Geografie abgelegt hatte. Wahrscheinlich lag es daran, dass man in der Schule nie mit praktischen Szenarien konfrontiert war wie: "Du musst aus dem brennenden Moskau entkommen. Finde den kürzesten Weg nach Deutschland, aber nur auf dem Gebiet der Europäischen Union oder durch Länder, die das Schengener Abkommen unterschrieben haben, oder zumindest Bürger jener Länder ohne Visum hineinlassen.
Mittlerweile war es Mitternacht geworden, und als wir aufbrachen, boten Denis und Oksana mir an, noch eine Nacht länger zu bleiben. Ursprünglich hatte Xenia sie nur um eine Nacht für mich gebeten und für den nächsten Tag eine andere Gastgeberin organisiert. Ich fand es auch nicht so schlecht mit den beiden und stimmte zu. Die andere Gastgeberin wollte ich morgen früh kontaktieren, ihr für die Nacht absagen und sie stattdessen zum Plaudern für ein Stündchen in ein Café einladen.
Zu Hause zogen wir uns nach nur wenigen Minuten in unsere Schlafzimmer zurück; Oksana und Denis in ihres, und ich mich in das gemütliche Gästezimmer, das nur etwas kühl war. Oksana brachte mir eine weitere Decke und zog die Tür von außen kräftig ins Schloss, sodass ihre Katze die Tür nachts nicht unbemerkt öffnen konnte, denn das Tier war noch nicht stubenrein und sollte lieber nur den Flur verwüsten - dort standen unsere Schuhe schräg an der Wand, sodass die Katze keine unerwünschten Geschenke darin hinterließ.
2.8.
Ein neuer Vormittag brach im herbstlichen Sibirien an. Ich war allein in der Wohnung und verspürte keine rechte Lust, die Stadt zu besichtigen oder meine Bekannte Kristin vom Baikalsee zu kontaktieren, die mir die Stadt hatte zeigen wollen. Es war kalt, sowohl drinnen als auch draußen; die Heizungen schalteten im Sommer nicht zu. Draußen fiel dazu noch Regen. So saß ich in eine Decke gewickelt und mit Katze auf dem Schoß am Computer und versuchte mir über Couchsurfing einen Gastgeber in Nischnij Nowgorod zu organisieren, denn mein alter Freund Ilya - den ich dort hatte besuchen wollen - hatte mir abgesagt; seine Firma schickte ihn gerade jetzt kurzfristig auf eine Dienstreise nach Sankt Petersburg.
Mir war bewusst, dass es schwierig werden würde, auf die Schnelle einen Gastgeber zu finden, und dann auch noch in einer Stadt, aus der gerade alle Bewohner flohen, die es sich leisten konnten - um dem Rauch der Waldbrände zu entkommen. In den Nachrichten hieß es, Nischnij wäre sogar noch stärker betroffen als Moskau. Doch ich hatte Glück und erhielt innerhalb weniger Stunden eine Zusage von einem Tschechen, der in Nischnij eine Art freiwilliges soziales Jahr machte. Er schrieb, dass es im Moment in Nischnij gar nicht so schlimm sei, wie es sich in den Nachrichten anhörte, und dass man je nach Windrichtung noch atmen könne. Aber er meinte auch, dass es wohl nichts mit einer Stadtbesichtigung werden würde.
Ich schrieb auch Anna, meiner ursprünglich geplanten zweiten Gastgeberin und erklärte ihr die Planänderung. Treffen wollte sie mich dann nicht mehr, auch wenn sie es eleganter ausdrückte. Nun gut. Ich wartete auf Oksana, die in einer SMS vor einer Stunde vorgeschlagen hatte gemeinsam zu essen. Um ein Uhr kam sie in der Mittagspause von der Arbeit und wärmte etwas Essen aus den beiden großen Töpfen auf.
Sie war enttäuscht, dass ihre Schülerin diese Woche nicht zum Reitunterricht kommen konnte, denn auch die hatte diese Woche kein Geld. Das bedeutete für Oksana eine weitere Woche ohne Geld. Ich konnte ihr ansehen, wie unangenehm es für sie war, auf andere angewiesen zu sein. Sie war eine starke, unabhängige Frau, die nur im Moment den Gürtel sehr eng schnallen musste. Kurzerhand erklärte ich mich bereit, anstelle ihrer Schülerin den Reitunterricht heute Abend zu nehmen. Mir schmerzten zwar immer noch die Knie von meiner ersten Reiterfahrung - besonders wenn ich mich hockte oder niederkniete, fühlte ich mich wie eine alte Frau - aber was einen nicht umbringt, macht einen hart.
Oksana nahm 350 Rubel pro Stunde - das konnte nicht einmal für eine Woche reichen, dachte ich mir so, als ich auf der Toilette saß und nachdenklich den die Wand betrachtete, an der ein großes Stück Tapete fehlte. Konnte es sein, dass sie nicht mal mehr Geld für Klopapier hatten?
15 Uhr hab ich mich dann doch mal langsam auf den Weg gemacht und war überrascht, im ersten Bus mit einem Stoppknopf unterwegs zu sein, seit ich in Russland bin, aber der war nicht russischer Bauart, sondern aus Schweden, mit schwedischen Aufschriften und Hinweisen.
Ich stieg an irgendeiner Stelle aus, die nach einem Stadtzentrum aussah; auf der einen Seite lag ein Theater, auf der anderen große rote Säule, und darunter sollte eigentlich ein Ewiges Feuer brennen, aber das war gerade zur Wartung.
Etwas kam mir merkwürdig vor, als ich so die Straßen entlang ging - jeder vierte Baum Krasnojarsks war nicht echt, sondern bestand aus weißen Plastikblättern oder Blühten, in denen Glühbirnen steckten. Das sah man aber nur, wenn man nah dran stand, sonst fiel nur die helle Farbe und der außerordentlich gerade Wuchs der Bäume auf.
Ich spazierte ein wenig die Friedensstraße entlang und traf mal wieder auf Lenin, diesmal trug er jedoch eine Schaffnermütze und stand vor einem Bahnhofsmuseum. Ringsrum standen eine Menge stolzer Gebäude in Stalinbauweise: Hauptsache gigantisch. Von hier unten war es unmöglich, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen, aber praktischerweise stand ich in der Nähe des Gorkiparks, der immer ein Vergnügungspark hatte und immer ein Riesenrad enthielt.
Nur heute war der ganze Park voller betrunkener, halbnackter Matrosen, oder eher von der Luftwaffe, denn die Hauptbühne war mit Düsenjets aus Pappe dekoriert worden - dennoch, Zsolt hätte es gefallen.
Viele der Jungs hatten ihre Freundinnen dabei - klischeehaft in Miniröckchen und der blauen Mütze des Freunds auf dem Kopf. Einige schwenken Flaggen und zogen jubelnd durch den Park. Ein Aufgebot aus Polizisten stand im Park verteilt, und ich ging der Masse lieber aus dem Weg. Aber nicht nur junge Burschen standen in der Gegend herum, sondern auch Veteranen, mit denen jeder fotografiert werden wollte, besonders Familien mit Kindern, die auch schon wie spätere Soldaten aussahen.
Durch die Lautsprecher schallte die fröhliche Ansage einer Moderatorin, einige alte Männer standen auf der Bühne und wurden geehrt. Später begann ein mir unbekannter Sänger populäre Melodien zu singen.
Ich entdeckte schließlich das gesuchte Riesenrad - des war der beste Überblick über Stadt ohne Karte. Eine träge Hummel saß in meiner Gondel. Vor mir sah ich jede Menge Wald, links den Bahnhof, hinter mir floss der Fluss im Grünen entlang, auf dem sich eine Aussichtsplattform befand, die aus dem Park herausführte, und ein Stück weiter führte eine Bogenbrücke über den Fluss, die gut und gern die auf dem 10-Rubel-Schein abgebildete Brücke sein konnte. Das sah nach einem interessanten Ausflugsziel aus.
Ich drehte eine Runde zwischen den betrunkenen Jungs und verließ dann den Park bei der Aussichtsplattform. Genau in dem Moment begann ein Wolkenbruch. Ich rettete mich unter die Brücke, die den Park mit der Plattform verband. Hier unten führte auch eine Straße vorbei, und während ich unter der Brücke ausharrte, rasten die betrunkenen Jungs mit gut 100 Stundenkilometern in ihren Autos dort entlang, im strömenden Regen jubelnd aus dem offenen Dach eines Autos heraushängend und ihre Fahne schwenkend.
Als es nur noch nieselte, ging ich am Flussufer entlang; es gab Ufer-Bars, in denen niemand saß, mit lauter Techno-Musik und nur einem Schaschlikspieß auf dem Grill, für den Fall, dass doch jemand mal vorbei kam.
Ich kam bald an der mit grauen Nebelfetzen verhangenen Brücke an, aber um sie zu betreten, hätte ich noch ein ganzes Stück gehen müssen. Es war nun schon 18 Uhr geworden und die Wolken zogen plötzlich davon. Ich fand aber, dass ich genug Zeit vertrieben hatte und suchte nach der nächsten Bushaltestelle. Ich hatte Glück, denn ich stand vor dem Hotel Krasnojarsk, und dahinter befand sich bereits ein großer Knotenpunkt öffentlicher Verkehrsmittel.
Ich hatte aus meinen Fehlern gelernt und fragte diesmal gleich an der Haltestelle nach der Richtung. Zu früh würde ich dennoch nicht ankommen, denn es war Rush-Hour wie in Großstadt um diese Zeit.
Der Bus wieder einer der russischen Bauweise mit nur einem Not-Stoppkopf über der Tür, und auch Stopps wurden keine durchgesagt, wie man es erwartete. Aber ich würde da Bushäuschen erkennen, beruhigte ich mich - aber ob groß genug zum Stoppknopf drücken? Es schien nötig zu sein, denn der Fahrer hielt nicht überall. Ich hätte wohl den Schaffner fragen können, aber der war beim Fahrer in Kabine, und die konnte man nur durch Aussteigen erreichen. Aber ich hatte wieder Glück - viele Studenten waren zum Physikalischen Institut unterwegs - ich erkannte sie an ihren Anzügen, denn in Russland kleidete man sich als Student etwas gehobener. Einer von denen drückte den Not-Stoppknopf. Warum ist man in Russland viel mehr auf Glück und kleine Zufällen angewiesen als in Deutschland?
Ich ging noch schnell in den Supermarkt um Reiseproviant, Abendbrot und etwas zu Essen für meine Gastgeber einkaufen - und Klopapier. Auf meiner Reise durch Russland hatte ich es mir angewöhnt, neben Taschentüchern und einigen 10-Rubel-Scheinen auch immer ein paar Blatt Klopapier in der Hosentasche zu haben, wobei die Rubel mehr für den Bus gedacht waren und nur für den äußersten Notfall als Toilettenpapier. Nun hatte ich aber meine letzten Hosentaschenvorräte Oksanas Badezimmer gespendet, bevor noch mehr von der Tapete daran glauben musste.
Oksana machte sich Sorgen, wo ich abgeblieben war und schickte mir eine SMS. Ich schrieb, ich sei noch im Supermarkt und fragte, ob ich etwas mitbringen sollte. Ihr Antwort war: "Was du willst - oder Bier mit Zigaretten".
Ich brachte ihnen zwei Flaschen Bier, aber Zigaretten konnten sie sich im Tante-Emma-Laden um die Ecke anschreiben lassen, beschloss ich.
Oksana war ganz aufgekratzt als ich zurück kam und konnte es gar nicht abwarten, mit mir reiten zu gehen. Bei dem strömenden Regen des Nachmittags hatte es eine Weile so ausgesehen, als wäre es überhaupt nicht möglich gewesen, auf die Koppel zu gehen, aber nun war der Himmel regelrecht blau.
Einzig die Waldwege zum Reithof waren schlammig und kaum begehbar. Es war gut gewesen, dass ich dran gedacht hatte meine Sandalen gegen Halbschuhe zu tauschen bevor ich den Koffer am Bahnhof abgab.
Bald gelangten wir an das Gehöft; es entsprach absolut dem, was ich mir darunter vorgestellt hatte, und dabei war meine Vorstellung aus einem Zeichentrickfilm gekommen; aber alles passte ins Bild, und abgerundet wurde es mit einer fetten Katze und einem gemütlichen Stuhl vor der Tür eines hölzernen Wohnhauses.
Das Gehöft stellte sich als richtige Reitschule heraus, die Reitbahn war mit Sägespänen ausgelegt und überhaupt nicht schlammig; viele Kinder standen in Reitstiefeln und Helm daneben, oder wurden bereits kerzengerade auf ihrem Pferd sitzen über die Koppel geführt.
Oksana sprach mit dem Besitzer und dann mit einer Reitlehrerin. Oksana war keine offizielle Reitlehrerin, hatte aber vor einigen Jahren in den Hof investiert, als es ihnen finanziell schlecht ging, weshalb sie nun immer noch eine ganze Menge Stunden gutgeschrieben hatte, in denen sie sich ein Pferd ausleihen konnte.
Sie half mir hoch in den Sattel, zeigte mir aber auch, wie ich das allein richtig anstellen konnte: Eine Hand an die Mähne und einem am Sattel.
Sie packte die Zügel und zog die Stute auf die Reitbahn. Oksana wies mich an: Ich sollte mich nicht so krampfhaft festhalten, sondern die Hände auf die Oberschenkel legen, kerzengerade sitzen, aber mit dem Hintern fest im Sattel. Sie führte das Pferd im Kreis, erst langsam, dann schneller und fragte immer wieder, ob ich OK sei.
Es war wirklich OK, nicht wie bei meinem Reitausflug in Izhevsk nach dem Motto "steig auf und mach mal.
Da dies so gut klappte, brachte mir Oksana eine zweite Sitzweise bei: Die Beine schräger nach hinten, Knie fester andrücken - es sei nötig mit dem Pferd verschmelzen wie ein Zentaur, erklärte sie. Ich strenge mich an, ihren Anweisungen zu folgen und sie lobte meine Haltung, und auf einmal dachte ich: Aus welchem Grund lern ich jetzt eigentlich reiten?!
Russland hatte diesen seltsamen Einfluss auf mich und leiß mich ständig neue Dinge probieren, lernen, und den Horizont erweitern. Ich verstand nun auch den Ausdruck "fest im Sattel sitzen" und überlegte schon, in Izhevsk mit Nastya in diesem Herbst Reitunterricht zu nehmen, denn das wollte sie auch schon eine ganze Weile lang in Angriff nehmen.
Mittlerweile waren wir allein auf der Koppel - nun, nicht ganz. Die Stute war vor kurzem Mutter geworden und ihr Fohlen rannte ihr die ganze Stunden lang hinterher und wollte spielen. So hatten wir richtig Spaß in dieser Reitstunde, und das beste daran war, dass ich ohne Schmerzen auch wieder vom Pferd abstieg. Wahrscheinlich lag es an der richtigen Haltung, und dass ich mich nicht krampfhaft festhalten und um mein Leben hatte bangen müssen.
Statt der 350 Rubel gab ich Oksana 500, also etwa 13 Euro und bestand darauf, dass ich es nicht kleiner bei mir hatte. Und hätte ich es nicht ihr gegeben, hätte ich es sinnlos für Süßigkeiten ausgegeben, versicherte ich ihr.
Auf dem Rückweg kam uns ein streunender Hund entgegen und Oksana bestätigte, dass in Russland wirklich Hunde gegessen wurden - und das nicht nur mehr oder weniger aus Versehen wie die Ratten in der Wurst, sondern wie in Kriegszeiten, wenn man wirklich nichts zu Essen hatte...
Nun war es schon 22 Uhr geworden und ich fragte mich, wohin die Zeit in Russland immer verschwand. Wir tranken Tee und kochten Pelmeni, während wir hundemüde auf das Durchlaufen des Waschmaschinenprogramms warteten, und dabei vor Müdigkeit fast vom Stuhl kippten. Oksana meinte weise, es müsse wohl wirklich Liebe sein, dass sie für Denis zur Hausfrau wurde. Er sei der erste, mit dem sie es länger aushielt, schon 3 Jahre. Für jeden Topf gibt es...
3.8.
Mein Zug fuhr um 11:37 Uhr, weshalb ich mir den Wecker auf 9 Uhr gestellt hatten, aber das wäre gar nicht nötig gewesen, denn ich hatte schlecht geschlafen und war zur rechten Zeit erwacht - wie immer wenn mein Unterbewusstsein fürchtete zu verschlafen. Während ich mich von Denis verabschiedete, ging Oksana Zigaretten holen, kam aber wieder; sie musste erst um 1 Uhr zur Arbeit und wollte mich zum Bahnhof begleiten - ohne selbst recht zu wissen, wie man da hinkam. Doch wieder wollte mich die Katze nicht gehen lassen und sprang immer wieder auf meinen Schoß.
Das Wetter wurde schön an diesem Vormittag - wie immer, wenn ich einen Ort verließ. Trotzdem waren es nur 11 Grad draußen; wie September oder Oktober fühlte es sich an.
Oksana frage uns zum Bahnhof durch, ein paar alte Frauen an unserer Bushaltestelle halfen bereitwillig. Ein ganzer Haufen Trinker veranstaltete schon am Morgen eine Volksversammlung auf den Gehwegen, und auch die Zigeuner waren schon wach, aber sie hielten sich von uns fern.
Wir waren eine Stunde zu früh dran und nahmen auf einer Bank vor dem Bahnhof Platz; ein paar Tauben pickten um uns herum irgendwas von der Straße auf. "Semitschki", meinte Oksana. Sonnenblumenkerne. Ich hatte welche dabei, noch aus Izhevsk. Ich kramte sie hervor und streute aus, und plötzlich kam alles auf uns zugeflattert, wie die Vögel Hitchcocks gleichnamigem Film; unzählige Spatzen und Tauben vereint. Oksana nahm etwas Futter auf die geöffnete Hand und die Tauben landeten darauf wie Zirkustiere.
Aber bald fröstelten wir und gingen einen Tee im Bierzelt nebenan trinken. Oksana bedankte sich, dass ich ihr Englisch beigebracht hatte, denn nun - nach nur zwei Tagen - konnte sie sich schon relativ gut darin ausdrücken. Aber nein, winkte ich ab, ich hatte schon öfters erlebt, dass Russen ihr Schulenglisch relativ schnell reaktivieren konnten, wenn sie nur etwas Sprachpraxis bekamen. Das beste Beispiel dafür war Farin, der mich am Anfang nur verstanden hatte, wenn ich ihm den Satz aufschrieb statt ihn auszusprechen.
Es wurde lang nicht durchgegeben, an welchem Gleis mein Zug abfuhr; wir holten trotzdem schon meinen Koffer aus der automatischen Gepäckkammer. Das ging alles problemlos, mein Gepäck war noch da... ich weiß nicht, weswegen der automatischen Gepäcklagerung nicht vertraut wird, zumal dort wieder ein Mann saß, der alles bewachte und erledigte. Ich musste nur noch mal 79 Rubel für den zweiten Tag bezahlen, das war's.
Als endlich das Gleis durchgesagt wurde, trug mir Oksana den Koffer hinauf und hinunter aufs Gleis, denn sie war stärker als ich und ich gab den Widerstand schnell auf. Der Zug kam zu spät, Kinder rannten wild um uns herum, und die Eisverkäufer waren auch hier in der Kälte erfolgreich.
Dann ging alles ganz schnell: Umarmungen, gute Wünsche, dann war ich wieder allein.
Ich wartete bis dieser Sportler-Typ fertig war mit telefonieren und bat ihn um Hilfe mit meinem Koffer. Er hob ihn in die Gepäckablage und der Zug setzte sich in Bewegung.
Lange begleitete mich nur das rhythmische Rattern des Zugs über lila blühende Wiesen hinweg, und vorbei an den weiß daraus hervorleuchtenden Stämmen der Birken. Für unendliche Weiten brauchte man kein Star Trek, dachte ich mir angesichts der immer gleichen Landschaft für Stunden und Stunden. Fast als würde man zu einem anderen Planeten unterwegs sein, so weit weg von zu Hause.
Ich dachte wieder an mein Leben in Izhevsk, meine Freunde dort - das kam mir nun alles vor wie ein dicker Roman, den ich verschlungen habe, voller Figuren, die ich liebgewonnen hatte. Aber alles war so irreal und weit weg, als hätte ich das Ende des Buchs erreicht und den Deckel zugeschlagen, und nur langsam wurde mir wieder bewusst, was Realität war.
Ich schüttelte den Kopf - es war doch real, und ich war froh, dass ich in etwas mehr als einem Monat wieder dorthin zurück kehren würde - zur Fortsetzung des Romans, dem zweiten Teil meiner Abenteuer.
Die Transsib legte Kilometer um Kilometer zurück, und bald würden wir das Ural-Gebirge wieder überqueren und in Europa sein.
Ich sah mir meine Mitreisenden an. Ein Mädchen hatte eine Katze ohne Schwanz an der Leine dabei; wahrscheinlich hatte sie frühere Abenteuer nicht so gut überstanden. Neben mir saß ein junger Kerl; ich verwirrte ihn mit Englisch, als ich fragte, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich mich hinlegte. Ich war müde, hatte Nackenschmerzen und keine Lust russisch zu sprechen - aber mein Gesicht hatte wahrscheinlich Bände gesprochen und ich bekam meine Liege für mich allein um ein Nickerchen zu machen. Das einzige, das mich jetzt noch störte, war eine besonders laute Familie mit drei Kindern. Sie stiegen glücklicherweise bald in Novosibirsk aus. Ich hatte die Stadt sofort am Dauerregen wiedererkannt. Ich schickte Eva einen Gruß.



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