Ferienzeit - in Kürze (13. August bis 16. September)
Kaum war ich in Deutschland gelandet, drehte in Russland wieder der Wind und Moskau wurde wieder vom Ruß heimgesucht. Matthias hatte mich vom Flughafen abgeholt und ich hatte ihn so lange genervt bis er einen Umweg über die nächste Stadt fuhr um einen Musikladen zu finden, sodass ich mir eine Gitarre kaufen konnte. Nun konnte ich auch meine Nachbarn zu Hause nerven - und Matthias auf der Autofahrt.
Matthias und ich fuhren zu meinen Eltern, denn meine Oma und meine Tante hatten Karten für einen Kaffeefahrt in ihre alte Heimat gekauft und uns beide mehr oder weniger spontan eingeladen. So fuhren wir schon am nächsten Tag mit dem Bus zur Seebühne Kriebstein um dort ein klassisches Konzert mit Lasershow anzusehen. Noch zwei Karten für den Bus zu bekommen, war kein Problem gewesen, aber die Karten für das Konzert selbst waren längst ausverkauft, obwohl man meiner Oma am Telefon gesagt hatte, dass sie an der Abendkasse noch welche bekommen könne.
An der Talsperre angekommen, gingen wir mit der ganzen Gruppe essen und es gab die größten Schnitzel, die ich je im Leben gesehen hatte - oder vielleicht kamen sie mir nur so groß vor, weil ich nun an die kleinen Portionen aus Russland gewöhnt war.
Wir gingen danach spazieren und schauten, was sich alles verändert hatte in den letzten Jahren; meine Oma spielte Reiseführer für Matthias.
Beim Einlass auf das Gelände der Seebühne wurde Matthias und mir gesagt, dass wir noch Karten für Stehplätze kaufen konnten, aber erstmal abwarten müssten, wie viele Leute mit Eintrittskarte noch kamen. Meine Oma versuchte noch mit den "Türstehern" zu diskutieren, aber wir versicherten ihr, dass wir eine Möglichkeit finden würden, die Lasershow anzusehen. Zur Sicherheit folgten die Türsteher meiner Oma und rissen ihre Karte gut sichtbar ein, sodass sie uns diese nicht über die Absperrung reichen konnte. Aber wir hatten etwas ganz anderes im Sinn: Wir wollten abwarten bis es dunkel wurde und dann auf eines der Boote klettern, die in der ganz Nähe ohne sichtbare Absperrung vor Anker lagen. Wir machten es uns auf einer Bank gemütlich und ich besorgte Bier, Kekse und Zuckerwatte, die sich in der feuchten Luft zu pinkfarbenen Klümpchen auflöste. Wir kamen ins Gespräch mit einem älteren Ehepaar, das beschloss, es uns gleich zu tun und auch am Abend auf eines der Boote zu klettern. Es wurde spät dunkel dämmerte gerade mal, als begonnen wurde und wir gut sichtbar auf das Boot stiegen. Es war ein Ausflugsschiff mit Bänken auf dem Dach, so saßen wir besser als die Leute zusammengepfercht auf dem Konzert, außer dass wir die Laser-Schriftzüge von unserem Blickwinkel aus nicht lesen konnten. Es war trotzdem ein schönes Spektakel, das nur von einem verfrühten Feuerwerk einer davon unabhängigen Hochzeit in der Nähe gestört wurde, und später noch von einem Betrunkenen auf einem Motorboot, der ununterbrochen hupte und später laut Zeitungsbericht ins Wasser fiel und von der freiwilligen Feuerwehr gerettet wurde.
Matthias und ich sahen derweil - UFOs. Sie bewegten sich in einem seltsam schwankenden Muster mit mittlerer Geschwindigkeit über den dunklen Himmel. Erst meine Tante konnte uns eine Erklärung dafür liefern: Es war wohl ein Vogelschwarm gewesen, den die Laser von unten angestrahlt hatten.
Erst sehr spät abends kamen wir wieder zu Hause an.
Mein Notebook hatte endgültig den Geist aufgegeben; wie sich herausstellte, war es das Motherboard, aber die Festplatte war noch in Ordnung, sodass ich all meine Fotos noch retten konnte. Das Notebook reparieren zu lassen wäre zeitaufwendig und teuer geworden, sodass ich gleich am nächsten Tag nach Zwickau fuhr um mir ein neues Notebook zu kaufen - ein billiges diesmal, denn es war sowieso keine moderne Westtechnik Russland gewachsen. Ich nahm ein Ausstellungsstück, weil es das letzte kleine VAIO mit CD-Laufwerk war. Weil es weiß war, taufte ich es Snegurotschka - Schneeflöckchen. Es würde bald sicher auch die Farbe von russischem Schnee annehmen.
Da ich nun einmal in Zwickau war, ging ich in einen russischen Lebensmittelladen, denn ich hatte Matthias versprochen, für ihn russisch zu kochen. Dann wollte ich eigentlich nur schnell den Semesteraufdruck auf meinem Studentenausweis aktualisieren lassen und traf prompt auf einen Bekannten, der aus Russland stammte. Er gab mir eine heiße Schokolade aus um mich nun über meine Auslandssemester auszufragen. Auf dem Weg nach draußen begegnete ich einem anderen Freund, der es jedoch eilig hatte, sodass ich ihn ein Stück auf seinen Besorgungen durch Zwickau begleitete. Die Stadt erschien mir nun so winzig, dass es kein Aufwand war, sich auf diese Weise auszutauschen. Mir erschien es fast, dass ich in Izhevsk von meinem Wohnheim bis zur Straßenbahnhaltestelle genauso lang lief wie einmal durch die Zwickauer Innenstadt.
Und da ich schon einmal in Zwickau war, schaute ich im Auslandsamt vorbei um mit Frau Kunze zu plaudern. Sie hatte gerade einen äußerst beleibten Studenten als Ägypten bei sich, mit dem sie sich auf Englisch und mit Händen und Füßen verständigte. Ich bot an zu helfen, und wie sich herausstellte, wollte er ein paar Besonderungen machen, wusste aber nicht, wo. Ich nahm ihn unter meine Fittiche und Frau Kunze lud mich zur Willkommensfeier der ausländischen Studenten ein.
Er schnaufte ganz schön, denn es war Ramadan, die Sonne brannte heiß vom Himmel und er hatte den ganzen Tag weder gegessen noch getrunken. Nachdem wir ihm den Teekessel besorgt hatten, ging er zurück ins Wohnheim um sich auszuruhen.
Bevor mein Zug abfuhr, ging ich mein Notebook im Elektromarkt abholen, wo man in der Zwischenzeit das Windows zurückgesetzt und das Notebook verpackt hatte. An der Kasse sprach mich der Kassierer mit Namen an und ich starrte ihn an wie eine Kuh vor dem neuen Tor steht. Er gab mir einen Hinweis - ich hätte schon mal bei ihm übernachtet. Ich kramte tief in meinem Gedächtnis - übernachtet in Zwickau, das konnte nur mit Matthias gewesen sein - ein Freund von Matthias, ach ja, richtig, Marcel. Erst jetzt kam ich auf die Idee, aufs Namensschild zu schauen. Es stimmte überein. Wir lachten und sprachen kurz bevor die nächsten Kunden hinter mir drängten. Zwickau war ein Dorf wie Izhevsk, aber erst seitdem ich in Izhevsk gewesen bin. Vorher bin ich nie so vielen Bekannten zufällig begegnet.
Von nun an war mein Terminplan eng angesetzt und jedes Wochenende war verplant:
Das fing schon am 21.8. an: Matthias Schwester heiratete, und ich war Matthias' "Date" auf der Hochzeit und hatte den Auftrag bekommen, Origamiblumen als Tischdekoration herzustellen. Schon bei meiner Ankunft bei meinen Eltern hatten Matthias und ich das Falten begonnen, dann aber etwas anderes unternommen - und prompt entdeckte mein Vater hatte seine heimliche Liebe zu Origami, und als wir wiederkam, hatte er sämtliche Blumen fertig gestellt.
Auf der Hochzeit dann war alles sehr schick, wir aßen ausgezeichnet und ausgesprochen viel den ganzen Tag lang bis in die Nachtstunden. Matthias' Verwandtschaft war groß und es war mir unmöglich, mir all die Namen zu merken, und ich glaube auch, dass er nicht alle kannte. Wir saßen mit seinem seltsamen Cousin und einem Trinker-Onkel am Katzentisch und amüsierten uns prächtig. Das Brautpaar hatte viele Spiele und Aufgaben zu überstehen, zum Beispiel Nägel in einen abgesägten Baumstamm schlagen und vernagelten dabei gleichzeitig ihr Hochzeitsgeschenk. Aber auch die Gäste kamen zum Spielen. Einmal sollten wir die originalen Worte aus Anagrammen herausfinden und nutzen heimlich das Internet über Handy - und gewannen trotzdem nicht den ersten Preis, noch nicht mal den zweiten oder dritten...
Und zu Matthias "Freude" fing ich dann auch noch den Brautstrauß, woraufhin seine Verwandten gar nicht mehr aufhörten, ihn zu necken, wann es denn bei uns so weit sei.
Am 23. fuhr ich nach Leipzig um mein neues Visum für Russland zu beantragen. Nun war die Behandlung dort schon gewohnt und ließ meinen Rucksack draußen stehen, in einer Fensternische, wo ihn niemand entdecken konnte, der nur flüchtig hinsah.
In Leipzig kam ich über Couchsurfing bei einem netten Pärchen unter, das in einer riesigen Altbauwohnung lebte und dort vier fette Katzen und einen riesigen Hund hielt. Bei ihnen fühlte ich mich richtig wohl und war etwas wehmütig, dass ich schon am nächsten Tag wieder aufbrechen musste - doch ich wollte meine Großeltern besuchen, die ich auf ihrem Dorf von Leipzig aus noch besser erreichen konnte als von meinen Eltern aus. Vorher graste ich noch die Stadt Leipzig nach russischen Lebensmittelläden ab und fand einen neuen Freund im Laden Aljonka, dem ich aus Mitleid einige Kilogramm Süßigkeiten und Obst abkaufte, weil ihm einige fremdenfeindliche Idioten ihm draußen das Obst teilweise zermatscht hatten während wir sprachen.
Nun schleppte ich meine schwere Tasche mit zwei Flaschen Kwas und einem ganzen Haufen anderer russischer Lebensmittel über einen Zug und zwei Busse zu meinen Großeltern. Ich hatte auch nicht widerstehen können und mir Smetana gekauft, nachdem ich in deutschen Supermärkten festgestellt hatte, dass man keine saure Sahne mit 20% Fettgehalt bekam. Die köstliche russische saure Sahne aß ich nun als Snack zu frischem Brot, das ich mir auf dem Leipziger Bahnhof gekauft hatte. Ich hätte dort beinahe den ganzen Bäckerladen leer gekauft, weil ich Dinge wie freundliche Verkäufer und Beratung gar nicht mehr gewohnt war.
Bei meiner Oma hatte sich nichts verändert; ich schlief wie in meinen früheren Sommern in der Dachkammer, dem alten Zimmer meiner Mutter. Während meine Großeltern Mittagsschlaf hielten, spazierte ich in die Nachbarstadt um einkaufen zu gehen. Man merkte, dass die Gegend langsam ausstarb. Der Supermarkt dort war voller Lebensmittel über dem Haltbarkeitsdatum, und eine Verkäuferin ließ sich erst nach einer ganzen Weile blicken.
Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Oma im Bus in die nächst größere Stadt um auf dem Markt Besorgungen zu machen. Wir kauften Obst und dutzende von Erdbeerpflanzen für den Garten, die wir dann nur mit dem Taxi nach Hause transportieren konnten. Dann am Nachmittag war es schon wieder Zeit, den letzten Bus aus dem Dorf heraus zu nehmen.
Am 27. kam ich mit meiner ehemaligen Lerngruppe zusammen um meine Rückkehr nach Deutschland zu begießen, obwohl diese ja auch nur temporär war. Schon lange vorher wurde alles über unseren alten Mailverteiler geplant, Umfragebögen zu Esswünschen erstellt und ausgerechnet, wie viel wer mitbringen sollte. Dazu muss man wissen, dass die Lerngruppe nur aus fünf Leuten bestand - aber eben aus Informatikern.
Wir trafen uns am Ende nur zu viert, weil Marcel anderwärtig feiern musste, aber hatten einen gemütlichen Grillabend, bei dem natürlich meine Gitarre nicht fehlen durfte, obwohl nur Akkorde klimpern konnte, aber das fiel gar nicht auf, weil wir recht früh mit Wodka anfingen. Ich hatte neben der Flasche Kalaschnikow aus Izhevsk eine weitere Literflasche billigen Wodkas gekauft, aber überraschenderweise schmeckte der Kalaschnikow-Wodka noch wesentlich berziger; wir schüttelten uns und kippten irgendwas Anderes hinterher.
In dem Garten gab es eine ganze Menge Nacktschnecken, die mir das Bein hochkletterten, ohne dass ich es anfangs bemerkte. Irgendwann hielt ich es für eine gute Idee, in Matthias' Gartenhaus eine Höhle zu bauen und dort zu schlafen, aber irgendwie schaffte er es, mich zu ihm nach Hause zu bringen.
Am 30. war es dann schon wieder an der Zeit, nach Leipzig zu fahren um mein fertiges Visum abzuholen. Ich kam wieder bei Charlie und Markus und ihrer großen Tierfamilie unter.
Bei ihnen gingen immer Freunde ein und aus, die abends meist zum gemeinsamen Filmeabend kamen, denn Markus hatte ein halbes Kino bei sich im Wohnzimmer installiert und besaß eine riesige Filmsammlung in dutzenden Regalen - teilweise noch originalverpackt. Nur konnte man sich nie entscheiden, welchen Film man anschauen sollte; Charlie meinte, deshalb sei sie froh, dass ich da war, denn so musste jemand anderes (also ich) die Entscheidung treffen. Wir sahen "Brügge sehen und sterben" und sie nahm sich diese belgische Stadt als zusätzliches Reiseziel vor, wenn sie demnächst nach Holland fuhr.
Ich selbst war schon zwei Tage später in Amsterdam. Über Couchsurfing hatte ich einen erstaunlichen Gastgeber gefunden, einen Rentner - ehemaliger Fotograf - der in einem der vornehmsten Viertel von Amsterdam wohnte, direkt am Vondelpark, und ich bekam die ganze Keller-Etage für die kurze Zeit, in der ich mich hier aufhalten würde. Er gab mir alle Freiheiten, beziehungsweise wollte mich aus dem Haus haben, wenn er Frauenbesuch bekam, und so machte ich lange Spaziergänge im Vondelpark und durch die Stadt um die Gegend mit den preiswertesten Souvenirs zu finden, denn in meiner Gegend gab es nicht sehr viel Interessantes, von dem ich ein Souvenir meinen Freunden in Russland hätte mitbringen können.
Über Couchsurfing fand ich nette Leute, die mit mir am Abend etwas unternahmen - zwei Polinnen auf der Durchreise nach Frankreich und ihr italienischer Gastgeber, der in Amsterdam für Shell arbeitete. Die Mädels hatten ihr Auto ein Stück außerhalb abgestellt, waren aber nicht sicher, ob es dort ein Parkverbot gab - das ließ ihnen keine Ruhe, sodass wir dorthin spazierten und prompt den Strafzettel fanden. Sie waren darüber bestürzt und ärgerten sich, so versicherte ich ihnen, dass sie es ignorieren konnten und dass niemand sie wegen des Tickets bis nach Polen verfolgen würde.
Das Auto war auf der Rückbank bis zur Kopflehnenhöhe mit Gepäck vollgestopft, aber trotzdem passten wir alle vier dort mit eingezogenem Kopf und den Körper wie ein Messer zusammengeklappt hinein und fuhren zu ihrer Unterkunft, wo sie nachts kostenlos parken konnten - was sie vorher nicht gewusst hatten.
Am Abend gingen wir in ein feines Restaurant, beziehungsweise auf die Terrasse, die direkt an einer beleuchteten Gracht lag. Die Mädels wollten Glühwein, aber das überforderte den Kellner. Sie erklärten ihm, dass es reichen würde, wenn er den Wein in der Mikrowelle aufwärmte, aber er bestand darauf, dass sie so etwas nicht im Angebot hatten.
Die nächsten Tage aß ich Vla bis er mir zu den Ohren herauskam und reiste bald nach Utrecht weiter zu Joris und seiner Freundin, die ich natürlich wieder über Couchsurfing gefunden hatte. Ich hatte jedem meiner Gastgeber ein kleines Päckchen mit russischen Süßigkeiten geschnürt und in Amsterdam hatte ich den russischen Lebensmittelladen "???? Amsterdam" gefunden, wovon ich meinen Gastgebern Pelmeni kochte. Rien, mein Amsterdamer Gastgeber, war von beidem nicht so begeistert gewesen, aber Joris fand Russland und meine Geschichten faszinierend, und das russische Essen schmackhaft.
Ich war begeistert von Utrecht; ich wunderte mich, dass ich bisher immer einen so großen Bogen um die Stadt gemacht hatte - es war eine gemütliche Stadt, aber größer als der Rest der niederländischen Städte, die man nur als gemütlich bezeichnen kann. Eine Besonderheit waren die Grachten, die sozusagen eine Etage unter den Stadt verliefen und dort von Terrassen begrenzt wurden, auf denen es oft Läden oder Bootsverleihe gab.
Ich schlenderte durch die Stadt und über einen Markt und kaufte mir dort frische, noch warme Stroopwaffeln. Doch auch etwas Kultur wollte ich mitnehmen und sah mir die für Touristen speziell ausgewiesenen Kirchen an. Der Pfarrer der ersten Kirche wollte sofort deutsch mit mir sprechen und ich packte mein eingerostete Holländisch aus. Prinzipiell konnte ich es schon noch sprechen, außer wenn ich nach einem bestimmten Wort suchte - dann kam es mir zuerst auf Russisch in den Sinn.
Zur Krönung des Tages stieg ich auf den Turm der höchsten Kirche und zeigte aus Spaß meinen russischen Studentenausweis um eine Ermäßigung zu bekommen. Ich hatte nicht damit rechnen können, dass auch eine russische Reisegruppe mit uns unterwegs war... für uns Ausländer erklärte man alles ein zweites Mal auf Englisch, aber keiner der Russen verstand ein Wort von dem, was sie sagte. Ich hatte auch nur ein paar Worte mit den Russen gewechselt; zum Übersetzen reichten meine Russischkenntnisse definitiv noch nicht.
Am Abend, als Joris von Arbeit zurück war, fuhren wir mit dem Fahrrad zu einem Albert Heijn XXL-Supermarkt - ich auf dem Gepäckträger mich festkrallend. Joris machte einen Umweg zum Flussufer hinunter um mir das Rotlichtviertel von Utrecht zu zeigen, das sich auf Hausbooten befand, und wie nicht anders zu erwarten, parkten dort jede Menge Autos mit deutschen Nummernschildern.
Joris spielte in einer Band und zeigte mir die Aufnahmen von seinen letzten Konzerten und aus dem Studio - es erinnerte mich an die Art von Musik, die Sina machte. Ich war begeistert und er spielte erst auf seiner Gitarre und dann auf einem winzigen Saiteninstrument, das er aus dem Urlaub mitgebracht hatte.
Am Abend kam seine Freundin und wir gingen zu dritt aus, und Joris meinte, uns beide auf dem Gepäckträger transportieren zu können, aber dagegen waren wir beide, besonders da wir schon ein wenig angetrunken waren.
Erst gingen wir auf ein Konzert einer seltsamen Frau, die alternative, aber rockige Musik machte und dabei in einem hautengen, pinkfarbenen Bonbonpapier-Anzug wilde Verrenkungen auf der Bühne machte.
Ich erfuhr, dass dieses alternative Café ein besetztes Haus war. Noch war Hausbesetzung in den Niederlanden legal, aber das sollte nun durch ein Gesetz durch die konservative neue Regierung abgeschafft werden, wodurch es zu heftigen Protesten vor allem durch junge Leuten kam.
Ich fand es auch bedauerlich, dass sich die Niederlande Stück für Stück ihre Freiheiten beschnitten. Bald würde das Land nicht wiederzuerkennen sein. Zum Protest-Termin, der auf den ausliegenden Flyern stand, würde ich leider schon nicht mehr in der Stadt sein.
Nach dem Konzert gingen wir in überfüllte Bars zum Weitertrinken und ich zeigte Joris, wie man ordentlich auf Russisch trank, als er am Wodka nippen wollte und nicht mal einen Trinkspruch auf den Lippen hatte. Nach dem zweiten Wodka gab er lieber auf, der Alkohol war auch extrem teuer in niederländischen Bars.
Am nächsten Tag war es schon wieder Zeit zum Abreisen. Zunächst fuhr ich mit meiner Mitfahrgelegenheit nach Bielefeld und blieb dort einen Tag, weil ich diese Stadt schon eine ganze Weile hatte besuchen wollen - seit ich von der Bielefeldverschwörung gehört hatte. Wer mutig genug ist, kann jetzt googeln, was es damit auf sich hat. Nur so viel: Bielefeld existiert - und ist ziemlich langweilig. Am nächsten Tag fuhr ich nach Chemnitz, fotografierte mich vor dem riesigen Marx-Kopf in der gleichen Pose wie vor dem Lenin-Kopf in Ulan-Ude, dann nahm ich den Zug nach Zwickau, denn dort war ich zur Begrüßungsfeier der ausländischen Studenten eingeladen und musste davon abgesehen einige meiner Professoren treffen um meine Pläne, die Masterarbeit in Russland zu schreiben, offiziell absegnen zu lassen.
Zur Begrüßungsfeier hätte auch ein Student aus Izhevsk anwesend sein sollen - ein Freund von Wowa - aber er hatte noch Probleme mit dem Visum und konnte noch nicht anreisen. Ich gesellte mich zu dem fülligen Ägypter, den ich bei meinem ersten Besuch in Zwickau kennengelernt hatte, doch dann wurde ich von meiner Englisch-Professorin abgefangen, die selbst einige Zeit lang in Russland studiert hatte. Sie schenkte mir ein Exemplar des Sammelbands, für den ich eine Erzählung über moderne Weltenbummler beigesteuert hatte und meinte lächelnd, dass sie für den nächsten Band eine Erzählung über Russland erwartete. Ich half ihr aus Spaß wie früher, als ich noch ihr HiWi war, einige Dinge für den weiteren Verlauf des Programms zu organisieren, und als sie eine Verschnaufpause hatte, lud sie mich in ein Café ein und wir redeten über Russland.
Am Abend würden sich alle Studenten in der Kneipe nahe der Hochschule treffen. Ich war etwas früher da und begann schon mal mit dem Trinken. Ich musste mir keine Sorgen machen, wo ich übernachten könnte - zwar war in Zwickau mit Couchsurfing nicht viel losgewesen, und mein alter Lerngruppenfreund Peter war gerade in Kirgisien, aber Matthias hatte Marcel gefragt, ob ich bei ihm und Nancy übernachten könne. Der hatte mir verziehen, dass ich ihm beim Notebookkauf nicht gleich erkannt hatte, und so blieb ich bei ihnen.
Der Abend mit den ausländischen Studenten wurde recht amüsant, aber hauptsächlich, weil ich angetrunken ein angeregtes Fast-Streitgespräch mit der Leiterin des Auslandsamt über ihre interne Politik führte, an dessen Ende sie mir Anbot, mich in der Öffentlichkeitsarbeit für meine Uni in Izhevsk zu unterstützen.
Am nächsten Tag reiste ich nun schon wieder ab. Meine Pläne hatten sich etwas geändert, weil mir Albert geschrieben hatte, dass er sich wegen einer Konferenz in Dresden aufhalten würde, und ich hatte beschlossen, dass es die perfekte Gelegenheit war, wenn man sich dort schon traf, die berühmten Dresdener Museen zu sehen, denn das hatte ich seit meiner Kindheit nicht getan. Ich konnte nicht mal mit Bestimmtheit sagen, ob ich je im Grünen Gewölbe gewesen bin. So hatte ich mir Last Minute eine Platz bei Couchsurfing organisiert und wurde dort mit Wein begrüßt - ganz nach meinem Geschmack. Meine Gastgeberin war ausgesprochen quirlig und redsam, und bereitete sich auf einen langen Aufenthalt in Neuseeland vor, weshalb sie den ganzen Tag in allen möglichen Jobs Geld verdiente - um sich ein Startkapital zu schaffen.
Ich besorgte mir gleich am nächsten Morgen eine DresdenCard, mit der man 48 Stunden lang kostenlos in sämtliche Museen der Dresdner Kunstsammlungen gehen konnte - außer ins Historische Grüne Gewölbe. Aber schon alle anderen Museen erforderten einen längeren Aufenthalt als ich geplant hatte, denn in zwei Tagen hatte ich schon wieder wie nächste Verabredung. Mittlerweile war der 9. September. Ich schaffte es, innerhalb von zwei Tagen 14 verschiedene Museen zu besichtigen, unter anderem die riesigen Sammlungen der Alten und Neuen Meister, das neu Grüne Gewölbe und die Kasematten - ein persönlicher Rekord. Albert hatte mir abgesagt, als er festgestellt hatte, dass er gar nicht wirklich in Dresden war, sondern eher ein Stück hinter Meisen. Nichtsdestotrotz hatte ich einen interessanten Aufenthalt, und im Münzturm hatte ich eine Inspiration für einen Roman, den ich vor Russland angefangen und dann auf Eis gelegt hatte, als mir in Russland einfach nicht langweilig werden wollte.
Am Abend meines zweiten Tags traf ich mich mit Matthias, der im Moment in Dresden seine Masterarbeit schrieb. Wir hasteten in der letzten halben Stunden vor der Schließung durch das Hygienemuseum, das gerade eine interaktive Ausstellung zum Thema Schönheit hatte und am Freitag Nachmittag sogar kostenlos war. Anschließend schlenderten wir über den Herbstmarkt im Zentrum, auf dem man schon Weihnachtskalender kaufen konnte.
Übermorgen, am 12. feierte meine Oma ihren 80. Geburtstag, zu dem Matthias eingeladen war - zur Vergeltung meiner Einladung zur Hochzeit seiner Schwester.
Am Abend zuvor gingen Matthias und ich im Hallenbad schwimmen - wie früher. Nun war es unverkennbar, dass er eine ziemliche Plauze angesetzt hatte, und endlich konnte er nicht mehr mich beschuldigen, dass ich ihn dick fütterte...
Die Geburtstagsfeier war von meinen Eltern geplant worden, weil sich meine Oma vom Programm des Tages hatte überraschen lassen wollen. Auch ich hatte nichts wissen wollen; ich fand die Idee schön, eine Überraschung nach der anderen zu erleben.
Zuerst traf meine Verwandtschaft in der Wohnung meiner Oma zusammen und übergab die Geschenke. Mein Vater veralberte sie, indem er behauptete, ihr einen neuen Fernseher gekauft zu haben, aber es stellte sich als altmodisches elektronisches Aquarium heraus, das er für einen Euro bei Ebay erstanden hatte. Für meine Oma jedoch war es jedoch fast das schönste Geschenk.
Nun stießen wir alle mit Sekt an und gingen hinunter zu den warteten Taxis, die uns den ganzen Tag im Vogtland umherfahren sollten. Zuerst landeten wir in Klingenthal an der Vogtlandschanze, die im Sommer für Touristen geöffnet war und fuhren mit dem Lift nach oben. Wir genossen die Aussicht und mein Cousin zeigte seine Diplomarbeit: Ein Stück goldenen Waldes - er hatte Forstwirtschaft studiert.
Der Lift war wie eine Achterbahn für Kinder, und den Weg nach unten fuhr ich im Stehen.
Als nächstes fuhren wir fein zu Mittag essen, und dann schon wieder Kaffeetrinken in Bad Elster - und einige schafften es sogar, die für sie eingeplanten Kuchenstücke aufzuessen.
Wir gingen in Bad Elster spazieren und probierten das Wasser der Marienquelle, die wie ein kleiner Palast wirkte. Doch auch hier blieben wir nicht lange - eine Pferdekutschfahrt war für uns gebucht wurden, und kaum waren wir alle in der Kutsche unterwegs durch die Wälder, wurden kistencheweise Kümmerlinge und Feiglinge ausgepackt. Meine Oma strahlte förmlich vor Freude über diesen gelungenen Tag. Nach dem Ausflug kehrten wir im Ferienpark ein. Wir hatten noch etwas Zeit bis zum Abendbrot, so gingen Matthias und ich noch einen Glühwein trinken, während meine Tante zufällig eine alte Schulfreundin getroffen hatte, die sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte.
An diesem Tag aßen wir genug um am nächsten noch satt zu sein. Zum Abendbrot teilten sich Matthias und ich nur eine Käseplatte und ich setzte all meine Überredungskunst daran, ihn zu überzeugen, statt morgen auf Arbeit zu gehen, mit mir einen Ausflug ins Raumfahrtmuseum von Morgenröthe-Rautenkranz zu machen, in dem es im Moment eine Star Trek-Ausstellung gab, und danach einen Ausflug zu den Mineralquellen des von Soos zu machen. Er gab schließlich nach und schrieb seinem Chef eine E-Mail, in der er bat, morgen von zu Hause aus arbeiten zu dürfen, wie er es manchmal tat.
Es goss in Strömen als wir uns am nächsten Tag auf den Weg nach Morgenröthe-Rautenkranz machten. Ich hatte Pelmeni gekocht, die wir als Reiseproviant mitgenommen hatten, und dazu becherweise saure Sahne, die ich mittlerweile wie ein Erfrischungsgetränk zu mir nahm. Meine Eltern hießen das nur gut, weil sie versuchten, mich aufzupäppeln, also mir wieder ein wenig Gewicht auf die Knochen zu bringen. Das hatte jedoch nur wenig Erfolg gezeigt, weil ich so viel unterwegs gewesen war und kaum zur Ruhe gekommen war.
Nun liefen Matthias und ich also im Außenbereich der Raumfahrtausstellung und spielten im Regen mit den riesigen Planeten-Modellen im originalgetreuen Maßstab bevor wir hineingingen und mit dem Rest der Ausstellungstücke spielten - zumindest mit denen, die sie uns zum Spielen bereitgestellt hatten. Mir gefiel besonders das Modell des MIR-Moduls mit der coolen, robusten Sowjet-Technologie. Dazu gab es die Anekdote, dass die Amerikaner monatelang an einem weltraumtauglichen Kugelschreiber entwickelt hatten - während die Russen einfach einen Bleistift verwendet hatten.
Die Star Trek-Ausstellung war überraschend umfangreich, dafür dass sie nur von einem einzigen verrückten Fan stammte. Ich ließ mich mit einem Borg fotografieren und Matthias posierte als Klingone. Ich war hin und weg - Star Trek und Science Fiction im Allgemeinen waren immer ein großer Teil meiner Jugend gewesen. Ich hatte selbst jeden Artikel zu diesem Thema aus Zeitschriften gesammelt und meine Wände, Türen und Schränke mit Fotos beklebt, und natürlich war ich zu Fasching immer in Star Trek-Uniform gegangen.
Ich kaufte mir einen Meteoritenbröckchen als Souvenir und schon ging es weiter nach Tschechien.
Ich hatte mir überlegt, dort ein billiges Handy zu kaufen, weil mein mittlerweile 4 Jahre altes Handy langsam den Geist aufgab, und mit einem tschechischen würde ich wahrscheinlich auch russische Buchstaben tippen konnten, weil das im osteuropäischen Sprachpaket dabei sein sollte, also fuhren wir unterwegs ein paar Städtchen an, suchten aber vergeblich danach.
Dann fuhren wir einfach wie geplant Franzensbad an und aßen dort warme Oblaten von einem Straßenstand, stellten aber schnell fest, dass sie nur warm und nicht frisch waren, weil nur fertige Oblaten aus der Fabrikherstellung aufgewärmt wurden. Wir spazierten durch das Städtchen, das noch weniger touristisch war als beispielsweise Karlsbad, das wahrscheinlich schon zur Hälfte neureichen Russen gehörte.
Als letzte Station fuhren wir in das Moor von Soos, dessen Museum zu dieser späten Stunde schon geschlossen war, aber auf dem Naturlehrpfad konnten wir trotzdem gehen. Durch die Nässe sah das Moor noch faszinierender aus als ich es in Erinnerung hatte, denn durch viele Erdspalten entwichen hier vulkanische Gase, und wenn Wasser im Moor stand, begann es an diesen Stellen wie kochendes Wasser zu blubbern. An einigen Stellen konnte man das Wasser trinken - das probieren wir natürlich und spuckten es sofort wieder aus. Mein Cousin war eher für exotische Wässer zu haben - aber die Stelle, an der er beim letzten Mal unter Protest seiner Mutter das als verunreinigt gekennzeichnete Wasser probiert hatte, war heute nur ein undurchdringlicher Schaumberg.
Nun wurde es Zeit für den Rückweg, denn Matthias musste heute noch nach Meisen zu seiner Schwester fahren, bei der er im Moment wohnte. Ich nutze mein Smartphone als Navigationssystem, das uns jedoch ständig sagte, wir sollte umkehren und die ganze Strecke über Franzensbad zurückfahren. Ich ignorierte es und lotste Matthias über einen als nicht befahrbar gekennzeichneten weg, und innerhalb weniger Kilometer waren wir schon wieder in Deutschland.
Er brachte mich nach Hause, dann mussten wir uns verabschieden - bis zum nächsten halben Jahr. Mein Flug ging am Freitag.
Wie ich es geschafft hatte, in der Zwischenzeit doch noch ein Handy zu kaufen, eine alte Schulfreundin zu treffen - was mittlerweile eine Art Tradition war wenn ich von einer großen Reise zurück kam - und auch Marcel und Nancy noch einmal ohne Matthias zu treffen, sodass er sich im Scherz beschwerte, dass ich ihm die Freunde klaute - das war mir immer noch ein Rätsel.
Ich hatte trotz allem noch Zeit gehabt nachzudenken und hatte mich entschieden, wer in Izhevsk für mich wirklich wichtig war. Olga hatte mir zwar noch ein paar Mal geschrieben, aber sie war für mich keine Person mehr, mit der ich meine Zeit verbringen wollte. Wenn man es objektiv betrachtete, war sie langweilig und kannte nichts außerhalb des Studiums. Stattdessen wollte ich meine Verbindungen zu Stasya und Sina wieder neu aufwärmen. Mir war es nie gelungen, Sina wirklich einzuschätzen, aber wir waren uns lange alle sicher gewesen, dass sie durchgeknallt war. Und ich wollte sehen, wohin Farins Interesse an mir noch führte. Und natürlich Dima und Nastya, die ich als meine besten Freunde in Izhevsk betrachtete, würden für mich wieder eine große Rolle spielen. Schon bald war es Zeit für mich, zurück nach Izhevsk zu kehren...
Kaum war ich in Deutschland gelandet, drehte in Russland wieder der Wind und Moskau wurde wieder vom Ruß heimgesucht. Matthias hatte mich vom Flughafen abgeholt und ich hatte ihn so lange genervt bis er einen Umweg über die nächste Stadt fuhr um einen Musikladen zu finden, sodass ich mir eine Gitarre kaufen konnte. Nun konnte ich auch meine Nachbarn zu Hause nerven - und Matthias auf der Autofahrt.
Matthias und ich fuhren zu meinen Eltern, denn meine Oma und meine Tante hatten Karten für einen Kaffeefahrt in ihre alte Heimat gekauft und uns beide mehr oder weniger spontan eingeladen. So fuhren wir schon am nächsten Tag mit dem Bus zur Seebühne Kriebstein um dort ein klassisches Konzert mit Lasershow anzusehen. Noch zwei Karten für den Bus zu bekommen, war kein Problem gewesen, aber die Karten für das Konzert selbst waren längst ausverkauft, obwohl man meiner Oma am Telefon gesagt hatte, dass sie an der Abendkasse noch welche bekommen könne.
An der Talsperre angekommen, gingen wir mit der ganzen Gruppe essen und es gab die größten Schnitzel, die ich je im Leben gesehen hatte - oder vielleicht kamen sie mir nur so groß vor, weil ich nun an die kleinen Portionen aus Russland gewöhnt war.
Wir gingen danach spazieren und schauten, was sich alles verändert hatte in den letzten Jahren; meine Oma spielte Reiseführer für Matthias.
Beim Einlass auf das Gelände der Seebühne wurde Matthias und mir gesagt, dass wir noch Karten für Stehplätze kaufen konnten, aber erstmal abwarten müssten, wie viele Leute mit Eintrittskarte noch kamen. Meine Oma versuchte noch mit den "Türstehern" zu diskutieren, aber wir versicherten ihr, dass wir eine Möglichkeit finden würden, die Lasershow anzusehen. Zur Sicherheit folgten die Türsteher meiner Oma und rissen ihre Karte gut sichtbar ein, sodass sie uns diese nicht über die Absperrung reichen konnte. Aber wir hatten etwas ganz anderes im Sinn: Wir wollten abwarten bis es dunkel wurde und dann auf eines der Boote klettern, die in der ganz Nähe ohne sichtbare Absperrung vor Anker lagen. Wir machten es uns auf einer Bank gemütlich und ich besorgte Bier, Kekse und Zuckerwatte, die sich in der feuchten Luft zu pinkfarbenen Klümpchen auflöste. Wir kamen ins Gespräch mit einem älteren Ehepaar, das beschloss, es uns gleich zu tun und auch am Abend auf eines der Boote zu klettern. Es wurde spät dunkel dämmerte gerade mal, als begonnen wurde und wir gut sichtbar auf das Boot stiegen. Es war ein Ausflugsschiff mit Bänken auf dem Dach, so saßen wir besser als die Leute zusammengepfercht auf dem Konzert, außer dass wir die Laser-Schriftzüge von unserem Blickwinkel aus nicht lesen konnten. Es war trotzdem ein schönes Spektakel, das nur von einem verfrühten Feuerwerk einer davon unabhängigen Hochzeit in der Nähe gestört wurde, und später noch von einem Betrunkenen auf einem Motorboot, der ununterbrochen hupte und später laut Zeitungsbericht ins Wasser fiel und von der freiwilligen Feuerwehr gerettet wurde.
Matthias und ich sahen derweil - UFOs. Sie bewegten sich in einem seltsam schwankenden Muster mit mittlerer Geschwindigkeit über den dunklen Himmel. Erst meine Tante konnte uns eine Erklärung dafür liefern: Es war wohl ein Vogelschwarm gewesen, den die Laser von unten angestrahlt hatten.
Erst sehr spät abends kamen wir wieder zu Hause an.
Mein Notebook hatte endgültig den Geist aufgegeben; wie sich herausstellte, war es das Motherboard, aber die Festplatte war noch in Ordnung, sodass ich all meine Fotos noch retten konnte. Das Notebook reparieren zu lassen wäre zeitaufwendig und teuer geworden, sodass ich gleich am nächsten Tag nach Zwickau fuhr um mir ein neues Notebook zu kaufen - ein billiges diesmal, denn es war sowieso keine moderne Westtechnik Russland gewachsen. Ich nahm ein Ausstellungsstück, weil es das letzte kleine VAIO mit CD-Laufwerk war. Weil es weiß war, taufte ich es Snegurotschka - Schneeflöckchen. Es würde bald sicher auch die Farbe von russischem Schnee annehmen.
Da ich nun einmal in Zwickau war, ging ich in einen russischen Lebensmittelladen, denn ich hatte Matthias versprochen, für ihn russisch zu kochen. Dann wollte ich eigentlich nur schnell den Semesteraufdruck auf meinem Studentenausweis aktualisieren lassen und traf prompt auf einen Bekannten, der aus Russland stammte. Er gab mir eine heiße Schokolade aus um mich nun über meine Auslandssemester auszufragen. Auf dem Weg nach draußen begegnete ich einem anderen Freund, der es jedoch eilig hatte, sodass ich ihn ein Stück auf seinen Besorgungen durch Zwickau begleitete. Die Stadt erschien mir nun so winzig, dass es kein Aufwand war, sich auf diese Weise auszutauschen. Mir erschien es fast, dass ich in Izhevsk von meinem Wohnheim bis zur Straßenbahnhaltestelle genauso lang lief wie einmal durch die Zwickauer Innenstadt.
Und da ich schon einmal in Zwickau war, schaute ich im Auslandsamt vorbei um mit Frau Kunze zu plaudern. Sie hatte gerade einen äußerst beleibten Studenten als Ägypten bei sich, mit dem sie sich auf Englisch und mit Händen und Füßen verständigte. Ich bot an zu helfen, und wie sich herausstellte, wollte er ein paar Besonderungen machen, wusste aber nicht, wo. Ich nahm ihn unter meine Fittiche und Frau Kunze lud mich zur Willkommensfeier der ausländischen Studenten ein.
Er schnaufte ganz schön, denn es war Ramadan, die Sonne brannte heiß vom Himmel und er hatte den ganzen Tag weder gegessen noch getrunken. Nachdem wir ihm den Teekessel besorgt hatten, ging er zurück ins Wohnheim um sich auszuruhen.
Bevor mein Zug abfuhr, ging ich mein Notebook im Elektromarkt abholen, wo man in der Zwischenzeit das Windows zurückgesetzt und das Notebook verpackt hatte. An der Kasse sprach mich der Kassierer mit Namen an und ich starrte ihn an wie eine Kuh vor dem neuen Tor steht. Er gab mir einen Hinweis - ich hätte schon mal bei ihm übernachtet. Ich kramte tief in meinem Gedächtnis - übernachtet in Zwickau, das konnte nur mit Matthias gewesen sein - ein Freund von Matthias, ach ja, richtig, Marcel. Erst jetzt kam ich auf die Idee, aufs Namensschild zu schauen. Es stimmte überein. Wir lachten und sprachen kurz bevor die nächsten Kunden hinter mir drängten. Zwickau war ein Dorf wie Izhevsk, aber erst seitdem ich in Izhevsk gewesen bin. Vorher bin ich nie so vielen Bekannten zufällig begegnet.
Von nun an war mein Terminplan eng angesetzt und jedes Wochenende war verplant:
Das fing schon am 21.8. an: Matthias Schwester heiratete, und ich war Matthias' "Date" auf der Hochzeit und hatte den Auftrag bekommen, Origamiblumen als Tischdekoration herzustellen. Schon bei meiner Ankunft bei meinen Eltern hatten Matthias und ich das Falten begonnen, dann aber etwas anderes unternommen - und prompt entdeckte mein Vater hatte seine heimliche Liebe zu Origami, und als wir wiederkam, hatte er sämtliche Blumen fertig gestellt.
Auf der Hochzeit dann war alles sehr schick, wir aßen ausgezeichnet und ausgesprochen viel den ganzen Tag lang bis in die Nachtstunden. Matthias' Verwandtschaft war groß und es war mir unmöglich, mir all die Namen zu merken, und ich glaube auch, dass er nicht alle kannte. Wir saßen mit seinem seltsamen Cousin und einem Trinker-Onkel am Katzentisch und amüsierten uns prächtig. Das Brautpaar hatte viele Spiele und Aufgaben zu überstehen, zum Beispiel Nägel in einen abgesägten Baumstamm schlagen und vernagelten dabei gleichzeitig ihr Hochzeitsgeschenk. Aber auch die Gäste kamen zum Spielen. Einmal sollten wir die originalen Worte aus Anagrammen herausfinden und nutzen heimlich das Internet über Handy - und gewannen trotzdem nicht den ersten Preis, noch nicht mal den zweiten oder dritten...
Und zu Matthias "Freude" fing ich dann auch noch den Brautstrauß, woraufhin seine Verwandten gar nicht mehr aufhörten, ihn zu necken, wann es denn bei uns so weit sei.
Am 23. fuhr ich nach Leipzig um mein neues Visum für Russland zu beantragen. Nun war die Behandlung dort schon gewohnt und ließ meinen Rucksack draußen stehen, in einer Fensternische, wo ihn niemand entdecken konnte, der nur flüchtig hinsah.
In Leipzig kam ich über Couchsurfing bei einem netten Pärchen unter, das in einer riesigen Altbauwohnung lebte und dort vier fette Katzen und einen riesigen Hund hielt. Bei ihnen fühlte ich mich richtig wohl und war etwas wehmütig, dass ich schon am nächsten Tag wieder aufbrechen musste - doch ich wollte meine Großeltern besuchen, die ich auf ihrem Dorf von Leipzig aus noch besser erreichen konnte als von meinen Eltern aus. Vorher graste ich noch die Stadt Leipzig nach russischen Lebensmittelläden ab und fand einen neuen Freund im Laden Aljonka, dem ich aus Mitleid einige Kilogramm Süßigkeiten und Obst abkaufte, weil ihm einige fremdenfeindliche Idioten ihm draußen das Obst teilweise zermatscht hatten während wir sprachen.
Nun schleppte ich meine schwere Tasche mit zwei Flaschen Kwas und einem ganzen Haufen anderer russischer Lebensmittel über einen Zug und zwei Busse zu meinen Großeltern. Ich hatte auch nicht widerstehen können und mir Smetana gekauft, nachdem ich in deutschen Supermärkten festgestellt hatte, dass man keine saure Sahne mit 20% Fettgehalt bekam. Die köstliche russische saure Sahne aß ich nun als Snack zu frischem Brot, das ich mir auf dem Leipziger Bahnhof gekauft hatte. Ich hätte dort beinahe den ganzen Bäckerladen leer gekauft, weil ich Dinge wie freundliche Verkäufer und Beratung gar nicht mehr gewohnt war.
Bei meiner Oma hatte sich nichts verändert; ich schlief wie in meinen früheren Sommern in der Dachkammer, dem alten Zimmer meiner Mutter. Während meine Großeltern Mittagsschlaf hielten, spazierte ich in die Nachbarstadt um einkaufen zu gehen. Man merkte, dass die Gegend langsam ausstarb. Der Supermarkt dort war voller Lebensmittel über dem Haltbarkeitsdatum, und eine Verkäuferin ließ sich erst nach einer ganzen Weile blicken.
Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Oma im Bus in die nächst größere Stadt um auf dem Markt Besorgungen zu machen. Wir kauften Obst und dutzende von Erdbeerpflanzen für den Garten, die wir dann nur mit dem Taxi nach Hause transportieren konnten. Dann am Nachmittag war es schon wieder Zeit, den letzten Bus aus dem Dorf heraus zu nehmen.
Am 27. kam ich mit meiner ehemaligen Lerngruppe zusammen um meine Rückkehr nach Deutschland zu begießen, obwohl diese ja auch nur temporär war. Schon lange vorher wurde alles über unseren alten Mailverteiler geplant, Umfragebögen zu Esswünschen erstellt und ausgerechnet, wie viel wer mitbringen sollte. Dazu muss man wissen, dass die Lerngruppe nur aus fünf Leuten bestand - aber eben aus Informatikern.
Wir trafen uns am Ende nur zu viert, weil Marcel anderwärtig feiern musste, aber hatten einen gemütlichen Grillabend, bei dem natürlich meine Gitarre nicht fehlen durfte, obwohl nur Akkorde klimpern konnte, aber das fiel gar nicht auf, weil wir recht früh mit Wodka anfingen. Ich hatte neben der Flasche Kalaschnikow aus Izhevsk eine weitere Literflasche billigen Wodkas gekauft, aber überraschenderweise schmeckte der Kalaschnikow-Wodka noch wesentlich berziger; wir schüttelten uns und kippten irgendwas Anderes hinterher.
In dem Garten gab es eine ganze Menge Nacktschnecken, die mir das Bein hochkletterten, ohne dass ich es anfangs bemerkte. Irgendwann hielt ich es für eine gute Idee, in Matthias' Gartenhaus eine Höhle zu bauen und dort zu schlafen, aber irgendwie schaffte er es, mich zu ihm nach Hause zu bringen.
Am 30. war es dann schon wieder an der Zeit, nach Leipzig zu fahren um mein fertiges Visum abzuholen. Ich kam wieder bei Charlie und Markus und ihrer großen Tierfamilie unter.
Bei ihnen gingen immer Freunde ein und aus, die abends meist zum gemeinsamen Filmeabend kamen, denn Markus hatte ein halbes Kino bei sich im Wohnzimmer installiert und besaß eine riesige Filmsammlung in dutzenden Regalen - teilweise noch originalverpackt. Nur konnte man sich nie entscheiden, welchen Film man anschauen sollte; Charlie meinte, deshalb sei sie froh, dass ich da war, denn so musste jemand anderes (also ich) die Entscheidung treffen. Wir sahen "Brügge sehen und sterben" und sie nahm sich diese belgische Stadt als zusätzliches Reiseziel vor, wenn sie demnächst nach Holland fuhr.
Ich selbst war schon zwei Tage später in Amsterdam. Über Couchsurfing hatte ich einen erstaunlichen Gastgeber gefunden, einen Rentner - ehemaliger Fotograf - der in einem der vornehmsten Viertel von Amsterdam wohnte, direkt am Vondelpark, und ich bekam die ganze Keller-Etage für die kurze Zeit, in der ich mich hier aufhalten würde. Er gab mir alle Freiheiten, beziehungsweise wollte mich aus dem Haus haben, wenn er Frauenbesuch bekam, und so machte ich lange Spaziergänge im Vondelpark und durch die Stadt um die Gegend mit den preiswertesten Souvenirs zu finden, denn in meiner Gegend gab es nicht sehr viel Interessantes, von dem ich ein Souvenir meinen Freunden in Russland hätte mitbringen können.
Über Couchsurfing fand ich nette Leute, die mit mir am Abend etwas unternahmen - zwei Polinnen auf der Durchreise nach Frankreich und ihr italienischer Gastgeber, der in Amsterdam für Shell arbeitete. Die Mädels hatten ihr Auto ein Stück außerhalb abgestellt, waren aber nicht sicher, ob es dort ein Parkverbot gab - das ließ ihnen keine Ruhe, sodass wir dorthin spazierten und prompt den Strafzettel fanden. Sie waren darüber bestürzt und ärgerten sich, so versicherte ich ihnen, dass sie es ignorieren konnten und dass niemand sie wegen des Tickets bis nach Polen verfolgen würde.
Das Auto war auf der Rückbank bis zur Kopflehnenhöhe mit Gepäck vollgestopft, aber trotzdem passten wir alle vier dort mit eingezogenem Kopf und den Körper wie ein Messer zusammengeklappt hinein und fuhren zu ihrer Unterkunft, wo sie nachts kostenlos parken konnten - was sie vorher nicht gewusst hatten.
Am Abend gingen wir in ein feines Restaurant, beziehungsweise auf die Terrasse, die direkt an einer beleuchteten Gracht lag. Die Mädels wollten Glühwein, aber das überforderte den Kellner. Sie erklärten ihm, dass es reichen würde, wenn er den Wein in der Mikrowelle aufwärmte, aber er bestand darauf, dass sie so etwas nicht im Angebot hatten.
Die nächsten Tage aß ich Vla bis er mir zu den Ohren herauskam und reiste bald nach Utrecht weiter zu Joris und seiner Freundin, die ich natürlich wieder über Couchsurfing gefunden hatte. Ich hatte jedem meiner Gastgeber ein kleines Päckchen mit russischen Süßigkeiten geschnürt und in Amsterdam hatte ich den russischen Lebensmittelladen "???? Amsterdam" gefunden, wovon ich meinen Gastgebern Pelmeni kochte. Rien, mein Amsterdamer Gastgeber, war von beidem nicht so begeistert gewesen, aber Joris fand Russland und meine Geschichten faszinierend, und das russische Essen schmackhaft.
Ich war begeistert von Utrecht; ich wunderte mich, dass ich bisher immer einen so großen Bogen um die Stadt gemacht hatte - es war eine gemütliche Stadt, aber größer als der Rest der niederländischen Städte, die man nur als gemütlich bezeichnen kann. Eine Besonderheit waren die Grachten, die sozusagen eine Etage unter den Stadt verliefen und dort von Terrassen begrenzt wurden, auf denen es oft Läden oder Bootsverleihe gab.
Ich schlenderte durch die Stadt und über einen Markt und kaufte mir dort frische, noch warme Stroopwaffeln. Doch auch etwas Kultur wollte ich mitnehmen und sah mir die für Touristen speziell ausgewiesenen Kirchen an. Der Pfarrer der ersten Kirche wollte sofort deutsch mit mir sprechen und ich packte mein eingerostete Holländisch aus. Prinzipiell konnte ich es schon noch sprechen, außer wenn ich nach einem bestimmten Wort suchte - dann kam es mir zuerst auf Russisch in den Sinn.
Zur Krönung des Tages stieg ich auf den Turm der höchsten Kirche und zeigte aus Spaß meinen russischen Studentenausweis um eine Ermäßigung zu bekommen. Ich hatte nicht damit rechnen können, dass auch eine russische Reisegruppe mit uns unterwegs war... für uns Ausländer erklärte man alles ein zweites Mal auf Englisch, aber keiner der Russen verstand ein Wort von dem, was sie sagte. Ich hatte auch nur ein paar Worte mit den Russen gewechselt; zum Übersetzen reichten meine Russischkenntnisse definitiv noch nicht.
Am Abend, als Joris von Arbeit zurück war, fuhren wir mit dem Fahrrad zu einem Albert Heijn XXL-Supermarkt - ich auf dem Gepäckträger mich festkrallend. Joris machte einen Umweg zum Flussufer hinunter um mir das Rotlichtviertel von Utrecht zu zeigen, das sich auf Hausbooten befand, und wie nicht anders zu erwarten, parkten dort jede Menge Autos mit deutschen Nummernschildern.
Joris spielte in einer Band und zeigte mir die Aufnahmen von seinen letzten Konzerten und aus dem Studio - es erinnerte mich an die Art von Musik, die Sina machte. Ich war begeistert und er spielte erst auf seiner Gitarre und dann auf einem winzigen Saiteninstrument, das er aus dem Urlaub mitgebracht hatte.
Am Abend kam seine Freundin und wir gingen zu dritt aus, und Joris meinte, uns beide auf dem Gepäckträger transportieren zu können, aber dagegen waren wir beide, besonders da wir schon ein wenig angetrunken waren.
Erst gingen wir auf ein Konzert einer seltsamen Frau, die alternative, aber rockige Musik machte und dabei in einem hautengen, pinkfarbenen Bonbonpapier-Anzug wilde Verrenkungen auf der Bühne machte.
Ich erfuhr, dass dieses alternative Café ein besetztes Haus war. Noch war Hausbesetzung in den Niederlanden legal, aber das sollte nun durch ein Gesetz durch die konservative neue Regierung abgeschafft werden, wodurch es zu heftigen Protesten vor allem durch junge Leuten kam.
Ich fand es auch bedauerlich, dass sich die Niederlande Stück für Stück ihre Freiheiten beschnitten. Bald würde das Land nicht wiederzuerkennen sein. Zum Protest-Termin, der auf den ausliegenden Flyern stand, würde ich leider schon nicht mehr in der Stadt sein.
Nach dem Konzert gingen wir in überfüllte Bars zum Weitertrinken und ich zeigte Joris, wie man ordentlich auf Russisch trank, als er am Wodka nippen wollte und nicht mal einen Trinkspruch auf den Lippen hatte. Nach dem zweiten Wodka gab er lieber auf, der Alkohol war auch extrem teuer in niederländischen Bars.
Am nächsten Tag war es schon wieder Zeit zum Abreisen. Zunächst fuhr ich mit meiner Mitfahrgelegenheit nach Bielefeld und blieb dort einen Tag, weil ich diese Stadt schon eine ganze Weile hatte besuchen wollen - seit ich von der Bielefeldverschwörung gehört hatte. Wer mutig genug ist, kann jetzt googeln, was es damit auf sich hat. Nur so viel: Bielefeld existiert - und ist ziemlich langweilig. Am nächsten Tag fuhr ich nach Chemnitz, fotografierte mich vor dem riesigen Marx-Kopf in der gleichen Pose wie vor dem Lenin-Kopf in Ulan-Ude, dann nahm ich den Zug nach Zwickau, denn dort war ich zur Begrüßungsfeier der ausländischen Studenten eingeladen und musste davon abgesehen einige meiner Professoren treffen um meine Pläne, die Masterarbeit in Russland zu schreiben, offiziell absegnen zu lassen.
Zur Begrüßungsfeier hätte auch ein Student aus Izhevsk anwesend sein sollen - ein Freund von Wowa - aber er hatte noch Probleme mit dem Visum und konnte noch nicht anreisen. Ich gesellte mich zu dem fülligen Ägypter, den ich bei meinem ersten Besuch in Zwickau kennengelernt hatte, doch dann wurde ich von meiner Englisch-Professorin abgefangen, die selbst einige Zeit lang in Russland studiert hatte. Sie schenkte mir ein Exemplar des Sammelbands, für den ich eine Erzählung über moderne Weltenbummler beigesteuert hatte und meinte lächelnd, dass sie für den nächsten Band eine Erzählung über Russland erwartete. Ich half ihr aus Spaß wie früher, als ich noch ihr HiWi war, einige Dinge für den weiteren Verlauf des Programms zu organisieren, und als sie eine Verschnaufpause hatte, lud sie mich in ein Café ein und wir redeten über Russland.
Am Abend würden sich alle Studenten in der Kneipe nahe der Hochschule treffen. Ich war etwas früher da und begann schon mal mit dem Trinken. Ich musste mir keine Sorgen machen, wo ich übernachten könnte - zwar war in Zwickau mit Couchsurfing nicht viel losgewesen, und mein alter Lerngruppenfreund Peter war gerade in Kirgisien, aber Matthias hatte Marcel gefragt, ob ich bei ihm und Nancy übernachten könne. Der hatte mir verziehen, dass ich ihm beim Notebookkauf nicht gleich erkannt hatte, und so blieb ich bei ihnen.
Der Abend mit den ausländischen Studenten wurde recht amüsant, aber hauptsächlich, weil ich angetrunken ein angeregtes Fast-Streitgespräch mit der Leiterin des Auslandsamt über ihre interne Politik führte, an dessen Ende sie mir Anbot, mich in der Öffentlichkeitsarbeit für meine Uni in Izhevsk zu unterstützen.
Am nächsten Tag reiste ich nun schon wieder ab. Meine Pläne hatten sich etwas geändert, weil mir Albert geschrieben hatte, dass er sich wegen einer Konferenz in Dresden aufhalten würde, und ich hatte beschlossen, dass es die perfekte Gelegenheit war, wenn man sich dort schon traf, die berühmten Dresdener Museen zu sehen, denn das hatte ich seit meiner Kindheit nicht getan. Ich konnte nicht mal mit Bestimmtheit sagen, ob ich je im Grünen Gewölbe gewesen bin. So hatte ich mir Last Minute eine Platz bei Couchsurfing organisiert und wurde dort mit Wein begrüßt - ganz nach meinem Geschmack. Meine Gastgeberin war ausgesprochen quirlig und redsam, und bereitete sich auf einen langen Aufenthalt in Neuseeland vor, weshalb sie den ganzen Tag in allen möglichen Jobs Geld verdiente - um sich ein Startkapital zu schaffen.
Ich besorgte mir gleich am nächsten Morgen eine DresdenCard, mit der man 48 Stunden lang kostenlos in sämtliche Museen der Dresdner Kunstsammlungen gehen konnte - außer ins Historische Grüne Gewölbe. Aber schon alle anderen Museen erforderten einen längeren Aufenthalt als ich geplant hatte, denn in zwei Tagen hatte ich schon wieder wie nächste Verabredung. Mittlerweile war der 9. September. Ich schaffte es, innerhalb von zwei Tagen 14 verschiedene Museen zu besichtigen, unter anderem die riesigen Sammlungen der Alten und Neuen Meister, das neu Grüne Gewölbe und die Kasematten - ein persönlicher Rekord. Albert hatte mir abgesagt, als er festgestellt hatte, dass er gar nicht wirklich in Dresden war, sondern eher ein Stück hinter Meisen. Nichtsdestotrotz hatte ich einen interessanten Aufenthalt, und im Münzturm hatte ich eine Inspiration für einen Roman, den ich vor Russland angefangen und dann auf Eis gelegt hatte, als mir in Russland einfach nicht langweilig werden wollte.
Am Abend meines zweiten Tags traf ich mich mit Matthias, der im Moment in Dresden seine Masterarbeit schrieb. Wir hasteten in der letzten halben Stunden vor der Schließung durch das Hygienemuseum, das gerade eine interaktive Ausstellung zum Thema Schönheit hatte und am Freitag Nachmittag sogar kostenlos war. Anschließend schlenderten wir über den Herbstmarkt im Zentrum, auf dem man schon Weihnachtskalender kaufen konnte.
Übermorgen, am 12. feierte meine Oma ihren 80. Geburtstag, zu dem Matthias eingeladen war - zur Vergeltung meiner Einladung zur Hochzeit seiner Schwester.
Am Abend zuvor gingen Matthias und ich im Hallenbad schwimmen - wie früher. Nun war es unverkennbar, dass er eine ziemliche Plauze angesetzt hatte, und endlich konnte er nicht mehr mich beschuldigen, dass ich ihn dick fütterte...
Die Geburtstagsfeier war von meinen Eltern geplant worden, weil sich meine Oma vom Programm des Tages hatte überraschen lassen wollen. Auch ich hatte nichts wissen wollen; ich fand die Idee schön, eine Überraschung nach der anderen zu erleben.
Zuerst traf meine Verwandtschaft in der Wohnung meiner Oma zusammen und übergab die Geschenke. Mein Vater veralberte sie, indem er behauptete, ihr einen neuen Fernseher gekauft zu haben, aber es stellte sich als altmodisches elektronisches Aquarium heraus, das er für einen Euro bei Ebay erstanden hatte. Für meine Oma jedoch war es jedoch fast das schönste Geschenk.
Nun stießen wir alle mit Sekt an und gingen hinunter zu den warteten Taxis, die uns den ganzen Tag im Vogtland umherfahren sollten. Zuerst landeten wir in Klingenthal an der Vogtlandschanze, die im Sommer für Touristen geöffnet war und fuhren mit dem Lift nach oben. Wir genossen die Aussicht und mein Cousin zeigte seine Diplomarbeit: Ein Stück goldenen Waldes - er hatte Forstwirtschaft studiert.
Der Lift war wie eine Achterbahn für Kinder, und den Weg nach unten fuhr ich im Stehen.
Als nächstes fuhren wir fein zu Mittag essen, und dann schon wieder Kaffeetrinken in Bad Elster - und einige schafften es sogar, die für sie eingeplanten Kuchenstücke aufzuessen.
Wir gingen in Bad Elster spazieren und probierten das Wasser der Marienquelle, die wie ein kleiner Palast wirkte. Doch auch hier blieben wir nicht lange - eine Pferdekutschfahrt war für uns gebucht wurden, und kaum waren wir alle in der Kutsche unterwegs durch die Wälder, wurden kistencheweise Kümmerlinge und Feiglinge ausgepackt. Meine Oma strahlte förmlich vor Freude über diesen gelungenen Tag. Nach dem Ausflug kehrten wir im Ferienpark ein. Wir hatten noch etwas Zeit bis zum Abendbrot, so gingen Matthias und ich noch einen Glühwein trinken, während meine Tante zufällig eine alte Schulfreundin getroffen hatte, die sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte.
An diesem Tag aßen wir genug um am nächsten noch satt zu sein. Zum Abendbrot teilten sich Matthias und ich nur eine Käseplatte und ich setzte all meine Überredungskunst daran, ihn zu überzeugen, statt morgen auf Arbeit zu gehen, mit mir einen Ausflug ins Raumfahrtmuseum von Morgenröthe-Rautenkranz zu machen, in dem es im Moment eine Star Trek-Ausstellung gab, und danach einen Ausflug zu den Mineralquellen des von Soos zu machen. Er gab schließlich nach und schrieb seinem Chef eine E-Mail, in der er bat, morgen von zu Hause aus arbeiten zu dürfen, wie er es manchmal tat.
Es goss in Strömen als wir uns am nächsten Tag auf den Weg nach Morgenröthe-Rautenkranz machten. Ich hatte Pelmeni gekocht, die wir als Reiseproviant mitgenommen hatten, und dazu becherweise saure Sahne, die ich mittlerweile wie ein Erfrischungsgetränk zu mir nahm. Meine Eltern hießen das nur gut, weil sie versuchten, mich aufzupäppeln, also mir wieder ein wenig Gewicht auf die Knochen zu bringen. Das hatte jedoch nur wenig Erfolg gezeigt, weil ich so viel unterwegs gewesen war und kaum zur Ruhe gekommen war.
Nun liefen Matthias und ich also im Außenbereich der Raumfahrtausstellung und spielten im Regen mit den riesigen Planeten-Modellen im originalgetreuen Maßstab bevor wir hineingingen und mit dem Rest der Ausstellungstücke spielten - zumindest mit denen, die sie uns zum Spielen bereitgestellt hatten. Mir gefiel besonders das Modell des MIR-Moduls mit der coolen, robusten Sowjet-Technologie. Dazu gab es die Anekdote, dass die Amerikaner monatelang an einem weltraumtauglichen Kugelschreiber entwickelt hatten - während die Russen einfach einen Bleistift verwendet hatten.
Die Star Trek-Ausstellung war überraschend umfangreich, dafür dass sie nur von einem einzigen verrückten Fan stammte. Ich ließ mich mit einem Borg fotografieren und Matthias posierte als Klingone. Ich war hin und weg - Star Trek und Science Fiction im Allgemeinen waren immer ein großer Teil meiner Jugend gewesen. Ich hatte selbst jeden Artikel zu diesem Thema aus Zeitschriften gesammelt und meine Wände, Türen und Schränke mit Fotos beklebt, und natürlich war ich zu Fasching immer in Star Trek-Uniform gegangen.
Ich kaufte mir einen Meteoritenbröckchen als Souvenir und schon ging es weiter nach Tschechien.
Ich hatte mir überlegt, dort ein billiges Handy zu kaufen, weil mein mittlerweile 4 Jahre altes Handy langsam den Geist aufgab, und mit einem tschechischen würde ich wahrscheinlich auch russische Buchstaben tippen konnten, weil das im osteuropäischen Sprachpaket dabei sein sollte, also fuhren wir unterwegs ein paar Städtchen an, suchten aber vergeblich danach.
Dann fuhren wir einfach wie geplant Franzensbad an und aßen dort warme Oblaten von einem Straßenstand, stellten aber schnell fest, dass sie nur warm und nicht frisch waren, weil nur fertige Oblaten aus der Fabrikherstellung aufgewärmt wurden. Wir spazierten durch das Städtchen, das noch weniger touristisch war als beispielsweise Karlsbad, das wahrscheinlich schon zur Hälfte neureichen Russen gehörte.
Als letzte Station fuhren wir in das Moor von Soos, dessen Museum zu dieser späten Stunde schon geschlossen war, aber auf dem Naturlehrpfad konnten wir trotzdem gehen. Durch die Nässe sah das Moor noch faszinierender aus als ich es in Erinnerung hatte, denn durch viele Erdspalten entwichen hier vulkanische Gase, und wenn Wasser im Moor stand, begann es an diesen Stellen wie kochendes Wasser zu blubbern. An einigen Stellen konnte man das Wasser trinken - das probieren wir natürlich und spuckten es sofort wieder aus. Mein Cousin war eher für exotische Wässer zu haben - aber die Stelle, an der er beim letzten Mal unter Protest seiner Mutter das als verunreinigt gekennzeichnete Wasser probiert hatte, war heute nur ein undurchdringlicher Schaumberg.
Nun wurde es Zeit für den Rückweg, denn Matthias musste heute noch nach Meisen zu seiner Schwester fahren, bei der er im Moment wohnte. Ich nutze mein Smartphone als Navigationssystem, das uns jedoch ständig sagte, wir sollte umkehren und die ganze Strecke über Franzensbad zurückfahren. Ich ignorierte es und lotste Matthias über einen als nicht befahrbar gekennzeichneten weg, und innerhalb weniger Kilometer waren wir schon wieder in Deutschland.
Er brachte mich nach Hause, dann mussten wir uns verabschieden - bis zum nächsten halben Jahr. Mein Flug ging am Freitag.
Wie ich es geschafft hatte, in der Zwischenzeit doch noch ein Handy zu kaufen, eine alte Schulfreundin zu treffen - was mittlerweile eine Art Tradition war wenn ich von einer großen Reise zurück kam - und auch Marcel und Nancy noch einmal ohne Matthias zu treffen, sodass er sich im Scherz beschwerte, dass ich ihm die Freunde klaute - das war mir immer noch ein Rätsel.
Ich hatte trotz allem noch Zeit gehabt nachzudenken und hatte mich entschieden, wer in Izhevsk für mich wirklich wichtig war. Olga hatte mir zwar noch ein paar Mal geschrieben, aber sie war für mich keine Person mehr, mit der ich meine Zeit verbringen wollte. Wenn man es objektiv betrachtete, war sie langweilig und kannte nichts außerhalb des Studiums. Stattdessen wollte ich meine Verbindungen zu Stasya und Sina wieder neu aufwärmen. Mir war es nie gelungen, Sina wirklich einzuschätzen, aber wir waren uns lange alle sicher gewesen, dass sie durchgeknallt war. Und ich wollte sehen, wohin Farins Interesse an mir noch führte. Und natürlich Dima und Nastya, die ich als meine besten Freunde in Izhevsk betrachtete, würden für mich wieder eine große Rolle spielen. Schon bald war es Zeit für mich, zurück nach Izhevsk zu kehren...








Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen