24.09.
Es wurde nun langsam verregneter, nebeliger - Herbst eben. Immer öfter verschwand die Spitze des Fernsehturms, den ich aus meinem Fenster sah, in Nebelschwaden. Ich fror. Nur ungern mochte ich das Haus verlassen, aber da die Heizungen immer noch nicht funktionieren und das heiße Wasser nur kalt in Stößen aus dem Wasserhahn geschossen kam, war es eigentlich egal, wo ich mich aufhielt. Ich wunderte mich nur, dass ich mir nicht den Stasyas Erkältung geholt hatte. Arbeiten konnte ich noch nicht wirklich, und ich fühlte mich matt. Ohne rechten Grund begann ich Wäsche zu Waschen.
Ich merkte, dass ich nicht so richtig über das Konzept hinaus weiterkam und bastelte stattdessen an einer hübschen Oberfläche und dachte mir einen Marketingnamen für das Projekt aus - auch eine Form der Prokrastination.
Schließlich ging ich hinüber ins den Computerraum mit der Absicht, mir technische Informationen zu holen, aber da ich schon einmal im Internet war, konnte ich auch gleich nach meine E-Mails schauen, falls etwas wichtiges dabei war, und wenn ich einmal dabei war, auch meine Nachrichten vkontakte abzurufen... da war Stasya online, wir diskutierten eine Weile, dann fiel ihr etwas ein: In einer Stunde spielte ein französischer Künstler in einer Bar, sie lud mich ein. Zur gleichen Zeit hatte sie auch Dima und Nastya bescheid gegeben - ich sollte mir von ihnen sagen lassen, wo es ist. Ich rief Dima an, der meinte, ich sollte lieber erst zu ihnen kommen, und wenn es spät werden würde, gäbe es immer noch genug Platz für mich zum Übernachten in ihrer Wohnung, obwohl sie Besuch hatten; er meinte, bei früheren Gelegenheiten hatten schon fünf Leute in ihrer Wohnung geschlafen.
Er wies mich darauf hin, dass ich nicht bei ihm klingeln sollte, sondern auf dem Handy, denn die Klingel sei kaputt. So konnte er mir die Tür auch nicht mit dem Summer öffnen und es dauerte Ewigkeiten bis Dima unten angekommen war um mir zu öffnen. Ich spähte angestrengt nach oben - ihre neuen Regenbogen-Jalousien sollten dort irgendwo sein, aber es war zu dunkel um etwas zu erkennen. Ich studierte die Wände genauer; die Drähte waren fachgerecht rechtwinkelig an der Außenwand nach unten hängend verlegt worden.
Wir machten uns auch gleich auf den Weg; sie ließen mir kaum Zeit, mein Rucksack mit den Geschenken und dem Nachtzeug in die Wohnung werfen.
Ihr Gast hieß Max, war nach Moskau gezogen und nur für eine Hochzeit von Freunden zurückgekommen.
Wir nahmen einen Trolleybus zum Zentrum. Stasya rief schon ungeduldig an, wo wir denn blieben; sie stand vor dem Eingang des Clubs, neben ihr das Vampirmädchen, das nie etwas sagte und auch jetzt bei unserer Bekanntmachung nur kurz hoch und dann wieder zur Seite schaute. Sie hieß Ludmilla und hatte blutunterlaufene Augen - ich gruselte mich ein wenig vor ihr.
Wir gingen in den Club durch eine schwere, mittelalterliche Tür, ohne Beachtung des Türstehers direkt an ihm vorbei nach oben und erfuhren, dass der Auftritt bereits vor einer Stunde gewesen war, und wenn man hier einen Tisch haben wollte, kostete das 1000 Rubel kostete - 25 Euro. Das war uns selbst durch sechs geteilt zu viel und wir gingen in einen Pub, der sich Readers Pub nannte, eine auf britisch gemachte Kneipe, aber heute war sie ganz deutsch: Überall hingen Wimpel von der Decke mit Spaten-Bier-Reklame, eine Bayernflagge hing in einer Ecke und aus den Lautsprechern drangen mit Techno aufgepeppte deutsche Schlager. Ich meldete mich zu Wort, dass ich leide und übersetze den Schwachsinn, der da gesungen wurde.
In Russland war man auch zu schlechter Musik aufgewachsen, behaupteten alle, aber ich meinte, das war bestimmt nicht ganz so schlimm wie deutsche Gute-Laune-Musik. Dorf-Feste, wie wir sie hatten, kannte man hier schließlich auch nicht. Die Glücklichen. Ich hatte jetzt auch Glück, ich wurde angerufen und ging zum Reden nach draußen; es war Eva aus Novosibirsk; ich hatte immer mal mit ihr geschrieben und war erstaunt, dass sie gerade jetzt anrief; hatte es sich schon vorher ein paar mal vorgenommen, woraus jedoch nie etwas geworden war. Sie interessierte sich vor allem für Details der lustigen Nacht vorgestern, von der ich ihr schon im Internet kurz berichtet hatte, aber ich verstand sie nur schwer über die Mobilverbindung. Wir entschieden uns letztendlich, die Neuigkeiten wieder auf dem schriftlichen Wege auszutauschen.
Mein bestelltes Eis war in der Zwischenzeit gekommen und zerlaufen, und der Kartoffelbrei mit dem Speck hatte eine harte Kruste bekommen. Trinken wollte ich heute nicht - ich hatte es mir ja selbst geschworen, nie wieder zu trinken, obwohl ich selbst nicht dran glaubte. Die anderen tranken auch nur Bier, was für mich normalerweise nicht mal als Getränk durchgehen würde. Vampirella verabschiedete sich früh, aber wie saßen noch bis 1 Uhr morgens, dann standen wir draußen vor dem Pub und konnten uns nicht so richtig vorstellen, was wir zu dieser Uhrzeit noch unternehmen sollte. Spazieren gehen? OK. Es fuhren sowieso keine Busse mehr.
Wir fröstelten ein bisschen; einige von uns trugen schon Winterjacken, nur Stasya hatte einen Minirock und eine Sommerjacke an.
Es begann zu regnen. Stasya hatte den falschen Schirm aus der Garderobe zurückbekommen, fand den neuen aber schöner. Dumm war nur, dass Dima leicht angetrunken schon nach einer halbe Stunde den Griff abgebrochen hatte. Stasya und ich gingen zusammen unter diesen Schirm, als es heftiger zu regnen begann.
Wir brachten Stasya zu ihrem Haus, und sie schenkte mir den Schirm - zum Wegschmeißen wenn ich nach Deutschland zurück fuhr - und warf mit lautem Knall den Griff in den blechernen Mülleimer.
Bis auch wir zu Hause bei Dima und Nastya waren, war es bereits 3:30 Uhr, aber ich fühlte mich munter, weil ich nichts getrunken hatte. Und hungrig. Wir gingen schnell noch in den Supermarkt vor ihrem Haus, der 24 Stunden lang geöffnet hatte. Sie kauften Pelmeni, waren aber zu müde sie zu kochen. Nastya wärmte für mich Nudeln vom Abendbrot in der Mikrowelle auf und wartete tapfer bis ich sie reingespachtelt hatte.
Auf dem Boden lag schon die Decke, auf der Max schlief; Dima war nicht mehr so recht in der Lage, die richtige Position für meine Decke zu finden. Ein zerschlissenes Schlafsackstück diente mir als Matratze, dazu kam eine große Decke, und dass ich es schön warm hatte, gab er mir einen großen Plüschhasen, der tatsächlich eine ziemliche Wärme entwickelte, wenn man ihn an sich drückte.
25.09.
Nastya war nach nur vier Stunden Schlaf zur Arbeit gegangen, und auch Max war irgendwann gegangen; ich war nur für Sekunden wach gewesen und war sofort wieder an den riesigen Plüschhasen gekuschelt eingeschlafen.
So stand ich erst gegen 13 Uhr gemeinsam mit Dima auf, der als erstes Tee für uns ansetzte. Dann sortierten wir leere Einmachgläser für seine Großmutter, die sie zum Einkochen brauchte, aber wir konnten uns nicht so recht einig werden, welche Größe davon einem Liter entsprach. Er rollte sie in Zeitungspapier und stapelte sie wackelig in großen Tüten, die er später bei seiner Großmutter vorbeibringen wollte, sobald Nastya von der Arbeit zurück kam. Als wäre ich nie weg gewesen, nahmen wir unserer alten Gespräche vom Sommer wieder auf und tranken Tee dabei.
Nastya kam, Dima verschwand und brachte eine halbe Stunde später Essen von den Eltern mit, das vermischt mit den Resten der Nudeln uns als Mittagessen diente.
Gegen 15 Uhr musste ich dann noch mal los, denn ich hatte Farin versprochen, ihm beim Bau seines Banyas zu assistieren. Ich war sehr gespannt, mehr darüber zu erfahren und spann sogar den verrückten Plan, in Deutschland selbst eine Sauna in den Garten zu bauen.
Ich nahm den Trolleybus bis Zentrum bis zur gelben Kirche, wie Farin es mir beschrieben hatte, dann begann ich die Haltestelle von Bus 7 suchen. Die gelbe Kirche war ein Verkehrsknotenpunkt und hatte an allen vier Seiten Haltestellen verteilt; fand sogar die Haltestelle für den Bus nach Glazov, die ich brauchen würde, wenn ich der Einladung von Dasha doch irgendwann einmal folgen sollte. Bus 7 taucht auf, hielt aber nicht an der Haltestelle dieser Seite, an der nächsten auch nicht... am Ende war ich einmal um die Kirche gerannt, erwischte den Bus aber noch.
Farin war völlig mit Staub bedeckt als er mich von der Haltestelle holte; beim Umarmen staubte er meine Jacke mit ein und meinte, er würde schon Sachen für mich zum Umziehen haben.
Bevor wir seine Arbeit wieder aufnahmen, bat er mich ins Haus hinein, schleppte eine riesige Melone heran und schnitt sie auf. Sei hatten eine warme Stube, weil sie selbst heizten. In meinem Wohnheim war es weiter kalt und ich war froh, die Decke von meiner Oma aus Deutschland mitgenommen zu haben.
Farin setzte Tee auf und wie aßen, während es in den Wänden kratzte. Sie hatten Mäuse, meinte er und legte die Melone, als wir fertig waren, hoch auf eine Schüssel und deckte sie mit einem Teller ab. Melone fraßen sie nicht, meinte er, aber die Kerne.
Er gab mir eine weite Hose mit Gürtel, der nicht genug Löcher für meine Figur hatte, dazu eine schmutzige Jacke von Wolgatelecom, und eine Großvatermütze - so war ich gut gerüstet für die Arbeit.
Vor dem Haus befand sich ein großer Sandhaufen, der mit Wellblech abgedeckt war. Ich nahm die Platten ab, während Farin die Schubkarre holte. Dann drückte er mir eine Schaufel in die Hand und ich schaufelte den Sand hinein und er machte lustige Fotos davon.
Mit dem Sand rührten wir Zement auf einem alten Blech an; es stiebte und das Wasser lief davon runter; es musste doch da bessere Möglichkeiten geben - und wirklich, seine Mutter brachte einen Eimer vorbei, in dem sogar schon Zementreste waren. Das Betonfundament war eigentlich schon fertig gewesen, als ich zur Arbeit dazu kam, aber Farin musste etwas daran ausbessern, weil er gemerkt hatte, dass seine Isolationsplatten auf dem Fundament wackelten.
Es war schon ziemlich beeindruckendes Banya - größer als manche Gartenhütte, und es sollte drei Räume erhalten: neben dem eigentlichen Sauna-Raum einer noch zum Ausruhen, der kälter sein sollte, und einer nur zum Waschen.
Farin wies mich an, das Wasser auf dem Betonboden verteilen, denn der musste nass sein, bevor eine weitere Schicht Beton aufgetragen werden konnte. Es zischte leise.
Farin trug den Beton auf und nahm auf meinen Vorschlag hin eine Wasserwaage hinzu; dann zeigte mir seine alte sowjetische Gasmaske, mit der er wirklich gearbeitet hatte, als er vor einen Tagen Teile des Betons wieder zersägt und gebrochen hatte und es dabei unheimlich gestiebt hatte. In Farins Haus gab es wirklich alles; es war eine riesige Rumpelkammer.
Es wurde schon dunkel, als wir begannen, die Isolationsplatten umzuräumen und in ihrer endgültigen Position festzuschrauben; dafür musste Farin wieder in den Beton bohren. Er hatte ein Flutlicht im Banya installiert, sodass er auch nachts arbeiten konnte. Die Nachbarn störte es offenbar nicht, bis auf den Nachbarshund.
Ich bereitete die speziellen Kunststoffnägel vor, schnitze mit dem Taschenmesser die überstehenden Reste ab, die beim Hineinschlagen störten. Gegen 21 Uhr meldete ich bei Farin an, dass ich langsam zurück ins Wohnheim musste, sonst hieß es wieder, man hätte sich Sorgen gemacht; ich beim Verlassen hatte nur gemeint, bis zum nächsten Tag fortbleiben zu wollen, nicht zum übernächsten Tag. Und Es lohnte sich ja kaum für die Etagenomas wach zu bleiben, weil nur noch so wenige Studenten im Wohnheim waren, und kaum einer von ihnen kam nachts zurück. Früher hatte ich sie nachts vor dem Fernseher schlafen sehen, aber nun schienen sie abends irgendwo anders hinzugehen, vielleicht sogar nach Hause.
Farins Mutter bestand jedoch darauf, dass ich noch mit Abendbrot aß; sie hatte eine Suppe aus Tomaten, Möhren, Reis und Hackbällchen gemacht und wollte immer mehr nachgießen bis ich mir den Bauch hielt und nicht mehr konnte. Danach wurde ich noch zu Tee und Melonen genötigt - das war wirklich die traditionelle russische Gastfreundschaft. Farin versuchte mich noch zum Bleiben zu überreden - wir seien bei seinen Nachbarn ins Banya eingeladen worden, aber ich wusste, dann würde ich definitiv nicht mehr nach Hause kommen. Und ich hatte nicht mal meinen Bikini dabei, lehnte ich dankend ab. Er fuhr mich, gut wie er war, nach Hause; es waren auch nur 20 Minuten mit dem Auto, sonst hätte es über eine Stunde mit zwei verschiedenen Straßenbahnen oder Bussen gedauert.
Bis zum Schlafengehen surfte ich noch im Internet und chattete mit meinen Bekannten; es sah aus, als wären mittlerweile alle krank, auch Roman, der vorgestern noch kerngesund die Theorie gehabt hatte, dass die Heizwerke mit den Pharmakonzernen zusammenarbeiteten und allein deshalb nicht zu heizen begannen, weil die den Absatz an Grippemitteln erhöhen wollten. Roman schwor, er habe keine Ahnung, wo er sich angesteckt haben könnte. Ich fügte die Lebensmittelhersteller zur Liste der Verschwörer hinzu. Aber wann würde endlich mit dem Heizen begonnen werden, fragte ich ihn. Er schrieb, dass es einen bestimmten Schwellwert für die Bürokraten in den Heizwerken gab, und zwar 5 Tage unter 12 Grad. 3 Tage unter 8 Grad zählte offenbar nicht.
Als ich später noch einmal kurz in den Computerraum kam, sah ich Miguel dort im Halbdunkel mit seiner Gitarre sitzen. Ich bat ihn, etwas für mich zu spielen, und er spielte wunderbar mit einer erstaunlichen Fingerfertigkeit. Es war das gleiche Lied, das jeder hier im Wohnheim spielte: "Nothing else matters", aber bei ihm klang es wirklich nach diesem Lied. Er lernte seit 10 Jahren, erzählte er, und hatte in Venezuela sogar in einer Band gespielt. Ich versprach, ihn mit meinen Musikerbekannten bekannt zu machen und auf das nächste Konzert mitzunehmen. Stasya würde ein besonderes Interesse daran haben, ihn kennenzulernen, denn sie hatte gerade einen Spanisch-Faible.
26.09.
Von komischen Träumen gequält stand ich wieder wie schon gewöhnt gegen 11 Uhr auf und kam wieder zu nichts wirklich Produktivem, außer halb erfroren am Computer zu sitzen und die Maus hin und her zu scrollen. 15:30 Uhr wurde ich schließlich von Dima erlöst, der mich anrief und zu einem Spaziergang mit ihm und Nastya einlud. Die Sonne schien, und am Nachmittag war das Thermometer wieder über die magische 12-Grad-Marke geklettert, sodass wir mindestens weitere 5 Tage in der Kälte sitzen würden.
Ich suchte nach etwas Essbarem, aber der Kühlschrank sah nach Einkaufen aus. Ich fragte Dima bei der Gelegenheit, ob sie was Essbares hätten, das sie mitbringen konnten - das verzögerte ihre Ankunft um eine Stunde und sie brachten - Bananen. Diese Früchte schmeckten mir überhaupt nichts, aber wenn er Hunger hat, frisst der Teufel Fliegen.
Ich gab ihnen im Gegenzug eine Packung holländischer Dropjes und schlug vor, dass sie es verhassten Kollegen zum Probierten gaben, nur um ihr Gesicht dabei zu beobachten. Ich glaube, Lakritze wurden überhaupt nicht zum Essen erfunden wurde, sondern um Bekannte zu ärgern.
Ich erzählte, wie meine Willkommensparty in Deutschland geplant worden war, wie wir penibel einen einfachen Grillabend von 5 Leuten per Email planten, wie viel jeder essen wollte, und wie wir sogar die Brotstücken abzählten. Dima erzählte, dass es in Russland anders gehandhabt wurde; sie hätten einmal einen Sack mit 20 Kilo Kartoffeln zu einer Grillparty geschleppt, die dann doch niemand gegessen hat, weil jemand anderes was Fertiges mitgebracht hatte, das für alle 10 Leute gereicht hatte. In Russland kleckert man nicht, man klotzt.
Wir bogen in den Wald hinter meinem Wohnheim ein und folgten dem gleichen Weg wie damals zum Waldwettbewerb. Jemand hatte eine Rampe auf dem Weg installiert und Reifenspuren waren im feuchten Laub zu sehen. Einige Wahnsinnige gab es immer, die sich gerne um Bäume wickelten.
Wir spazierten weiter hinunter zum See und erlebten einen wunderschönen Sonnenuntergang - man glaubt kaum, dass das noch Izhevsk war.
Ein Angler stand bis zu den Hüften im Wasser; ich glaube, auch er glaubte nicht, dass er noch in Izhevsk war, sonst hätte er nicht versucht in diesem verseuchten Wasser zu angeln.
Wir machten uns langsam auf den Heimweg. Dima fiel ein, dass er mit seinem Alkoholiker-Freund verabredet gewesen war, der nun schon auf ihn wartete. Wir nahmen einen seltsamen Weg zurück, der wahrscheinlich eine Abkürzung war, vorbei an Stacheldrahtzäunen und Schlagbäumen und halb eingestürzten Häusern - doch wir kamen genau an meinem Wohnheim heraus.
27.09.
Es kann vorkommen, dass ein Tag vergeht und man am Ende des Tages nicht traurig gewesen wäre, wenn sich dieser Tag nicht ereignet hätte.
So passierte heute nichts von Bedeutung. Es grenzt sogar an Zeitverschwendung, diesen Tageseintrag durchzulesen. So saß ich erst im Korridor vor der verschlossenen Tür des Computerraums, aus der ein Internet-Kabel hing; zu Miguel hinübergehen wollte nicht erst, weil ich nur schnell etwas nachschauen wollte statt Stunden im Internet zu verschwenden - der Surfzeit waren auf dem Gang durch die Kälte und den Akku in meinem Notebook natürliche Grenzen gesetzt.
Es war immer noch recht still im Wohnheim; Tofik war noch nicht wieder aufgetaucht, dafür aber die Frettchenbrüder schon. So hatte ich die Zwillinge aus Turkmenistan getauft, die immer so schrecklich-laut Musik hörten ohne dabei Geschmack zu beweisen. Wie ich da saß, kam plötzlich kam die Etagenomi und bestand darauf, mir den Computerraum aufzusperren, der jedoch noch kälter war, weil jemand vergessen hatte, die Balkontür nach dem Lüften zu schließen. Sie schaute kurz in den Raum und forderte mich auf, mir eine Jacke anzuziehen.
Es war eine seltsame Frau; die gleiche, die ihr Deutsch über die Ferien verbessert hatte. Am Abend beim Kochen meinte sie zum Beispiel: "Ich liebe dich, du bist ein schönes Mädchen." Aber irgendwie glaube ich nicht, dass ihr völlig bewusst war, das sie da sagte. Auch die Frettchenbrüder waren in der Küche und probierten bei der Gelegenheit ihr Deutsch aus: "Schneller, schneller!"
Ich kochte nicht wirklich in der Küche, sondern briet mir irgendwelche Essensreste aus dem Kühlschrank mit noch älterem Käse an: Die Innereien der zerkochten Pelmeni, die ich nicht hatte essen wollen, ein halb schwimmendes Ei drauf gehauen, viele Gewürze. Je älter die Pelmeni waren, desto mehr Gewürze mussten drauf. Das war meine Weisheit für den heutigen Tag.
Von Roman hörte ich an diesem Abend eine andere, sehr russische Weisheit:
"Der russische Pessimist lernt chinesisch zu sprechen.
Der Optimist lernt englisch zu sprechen.
Der Realist lernt mit dem Kalaschnikow-Maschinengewehr zu sprechen."
Von Albert hörte ich, dass er hoffte, dass es diese Woche noch etwas mit der Erlaubnis werden würde. Übersetzt in die Sprache der Menschen hieß das, dass er es vorher vergessen hatte und diese Woche mit der Beantragung beginnen wollte, wenn er es nicht wieder vergaß. Ich war mittlerweile etwas rastlos geworden, weil ich mein Projekt nicht so recht beginnen konnte, aber sonst den ganzen Tag eigentlich nichts zu tun hatte.
Und ich musste wieder im Dunkeln aufs Klo, weil die Glühbirne mal wieder durchgebrannt war, doch mein neues Handy hat praktischerweise eine Taschenlampenfunktion anstalle einer Kamera - ich fragte mich, wer diese Kameras mit der Auslösung eines Kofferfernsehers überhaupt verwendete, außer Spanner in der Damentoilette.
Das Häschen sprang wieder draußen herum, und diesmal lud ich ihn zu mir ein, nachdem ich mein Zimmer nagetiersicher gemacht hatte, indem ich sämtliche Kabel oberhalb seiner Reichweite verlegte - stellte aber im direkten Tierversuch immer wieder Lücken fest, die ich noch schließen musste, zum Beispiel als er plötzlich hinterm Kühlschrank saß. Und nicht nur das, er wurde auch immer frecher und sprang auf Betten und Tischchen. Eh ich mich versah, kaute er plötzlich an einer Tafel Schokolade, dann rannte er in einem Affenzahn zum nächsten Ort und kaute dort an einer Apfelsine, und dann hatte er einen Teebeutel im Maul. Ich glaube, meine Nachbarin füttert ihn nicht genug. Er steckte auch seine Nase in die Tüte Trockennudeln, die ich gerade knabberte. Jetzt klebte ich überall Hasensabber, aber das verzeih ich meinem neuen, kleinen, immerhungrigen Freund. Am Ende fand er etwas Schmackhaftes an meiner Hose. Es war ein sehr reinliches Häschen, er entleerte sich auch immer nur brav an eine einzige Stelle der ganzen Wohnung; nämlich in den Schuhen meiner Nachbarin.
Überhaupt reinigte er meine Wohnung besser als jeder Staubsauger, indem er in sämtliche Ecken kroch und sich unter die Schränke quetschte. Von seinen Entdeckungstouren musste ich ihm dann die Spinnweben und Staubfussel aus den Haaren ziehen.
Und er brachte mir sogar einen Origamiwürfel wieder, der im Sommer hinter den Schrank gefallen sein musste.
28.09.
Draußen waren nun nur noch 4 Grad und immer noch hatte keine Heizung zugeschaltet. Ich begann mich nun wirklich zu ärgern und mich irgendwie warm zu halten, hauptsächlich mit der Decke meiner Oma über den Schultern und dem Notebook auf dem Schoß, dessen Lüfter ein wenig wärmte. Ich begann meinen Blog nachtragen; ich lag seit geraumer Zeit einige Monate zurück, hatte aber noch jede Menge Notizen und Fotos, die ich darin verarbeiten wollte. Ab und an wärmte ich mir die kalten Füße mit dem Föhn, aber insgesamt heizte das mein großes Zimmer nur wenig auf.
Ich ging schließlich Miguel im Computerraum besuchen; der hatte aus irgendeinem Grund Räucherkerzchen angezündet, sodass es nun wie in einem indischen Tempel roch. Oder zumindest stellte ich mir vor, dass es dort so roch; bis Indien war ich bisher nicht gekommen.
Ich begann auch wieder mehr auf meiner Gitarre zu spielen, doch die Hornhaut auf den Fingerkuppen begann sich nur langsam aufzubauen; diese Gitarre war wesentlich schmerzhafter als meine neue in Deutschland. Aber das war zu erwarten gewesen - in praktisch allen Izhevsker Fabriken wurden - neben anderen Erzeugnissen - Waffen produziert, und diese Gitarre konnte man getrost unter die Kategorie "Waffen" zählen.
Kurz nach 16 Uhr raffte ich mich auf, noch ins Auslandsamt zu gehen, denn Alisa hatte bei unserem letzten Treffen gemeint, mein Studentenausweis wäre an diesem Tag sicher abholbereit. Ich hatte vor einer Woche meinen Studentenausweis abgegeben, dass man ihn um das neue Studienjahr verlängern konnte - hauptsächlich dafür, dass ich auch 2011 ermäßigt in Museen kam. Außerdem wollte ich mich bei der Gelegenheit erkundigen, ob sie neue Informationen bezüglich eines Sprachkurses hatten, denn ich meinte, wenn ich dieses Semester keinen Kurs besuchte, würde ich nie russisch lernen. Doch als ich zum Auslandsamt kam, war keiner mehr da, obwohl die Tür nicht abgesperrt war. Unverrichteter Dinge ging ich zurück zum Wohnheim. Wieder ging ein verschwendeter Tag zu Ende, an dem ich irgendwie zu nichts gekommen war und auf nichts Lust hatte.
Es wurde nun langsam verregneter, nebeliger - Herbst eben. Immer öfter verschwand die Spitze des Fernsehturms, den ich aus meinem Fenster sah, in Nebelschwaden. Ich fror. Nur ungern mochte ich das Haus verlassen, aber da die Heizungen immer noch nicht funktionieren und das heiße Wasser nur kalt in Stößen aus dem Wasserhahn geschossen kam, war es eigentlich egal, wo ich mich aufhielt. Ich wunderte mich nur, dass ich mir nicht den Stasyas Erkältung geholt hatte. Arbeiten konnte ich noch nicht wirklich, und ich fühlte mich matt. Ohne rechten Grund begann ich Wäsche zu Waschen.
Ich merkte, dass ich nicht so richtig über das Konzept hinaus weiterkam und bastelte stattdessen an einer hübschen Oberfläche und dachte mir einen Marketingnamen für das Projekt aus - auch eine Form der Prokrastination.
Schließlich ging ich hinüber ins den Computerraum mit der Absicht, mir technische Informationen zu holen, aber da ich schon einmal im Internet war, konnte ich auch gleich nach meine E-Mails schauen, falls etwas wichtiges dabei war, und wenn ich einmal dabei war, auch meine Nachrichten vkontakte abzurufen... da war Stasya online, wir diskutierten eine Weile, dann fiel ihr etwas ein: In einer Stunde spielte ein französischer Künstler in einer Bar, sie lud mich ein. Zur gleichen Zeit hatte sie auch Dima und Nastya bescheid gegeben - ich sollte mir von ihnen sagen lassen, wo es ist. Ich rief Dima an, der meinte, ich sollte lieber erst zu ihnen kommen, und wenn es spät werden würde, gäbe es immer noch genug Platz für mich zum Übernachten in ihrer Wohnung, obwohl sie Besuch hatten; er meinte, bei früheren Gelegenheiten hatten schon fünf Leute in ihrer Wohnung geschlafen.
Er wies mich darauf hin, dass ich nicht bei ihm klingeln sollte, sondern auf dem Handy, denn die Klingel sei kaputt. So konnte er mir die Tür auch nicht mit dem Summer öffnen und es dauerte Ewigkeiten bis Dima unten angekommen war um mir zu öffnen. Ich spähte angestrengt nach oben - ihre neuen Regenbogen-Jalousien sollten dort irgendwo sein, aber es war zu dunkel um etwas zu erkennen. Ich studierte die Wände genauer; die Drähte waren fachgerecht rechtwinkelig an der Außenwand nach unten hängend verlegt worden.
Wir machten uns auch gleich auf den Weg; sie ließen mir kaum Zeit, mein Rucksack mit den Geschenken und dem Nachtzeug in die Wohnung werfen.
Ihr Gast hieß Max, war nach Moskau gezogen und nur für eine Hochzeit von Freunden zurückgekommen.
Wir nahmen einen Trolleybus zum Zentrum. Stasya rief schon ungeduldig an, wo wir denn blieben; sie stand vor dem Eingang des Clubs, neben ihr das Vampirmädchen, das nie etwas sagte und auch jetzt bei unserer Bekanntmachung nur kurz hoch und dann wieder zur Seite schaute. Sie hieß Ludmilla und hatte blutunterlaufene Augen - ich gruselte mich ein wenig vor ihr.
Wir gingen in den Club durch eine schwere, mittelalterliche Tür, ohne Beachtung des Türstehers direkt an ihm vorbei nach oben und erfuhren, dass der Auftritt bereits vor einer Stunde gewesen war, und wenn man hier einen Tisch haben wollte, kostete das 1000 Rubel kostete - 25 Euro. Das war uns selbst durch sechs geteilt zu viel und wir gingen in einen Pub, der sich Readers Pub nannte, eine auf britisch gemachte Kneipe, aber heute war sie ganz deutsch: Überall hingen Wimpel von der Decke mit Spaten-Bier-Reklame, eine Bayernflagge hing in einer Ecke und aus den Lautsprechern drangen mit Techno aufgepeppte deutsche Schlager. Ich meldete mich zu Wort, dass ich leide und übersetze den Schwachsinn, der da gesungen wurde.
In Russland war man auch zu schlechter Musik aufgewachsen, behaupteten alle, aber ich meinte, das war bestimmt nicht ganz so schlimm wie deutsche Gute-Laune-Musik. Dorf-Feste, wie wir sie hatten, kannte man hier schließlich auch nicht. Die Glücklichen. Ich hatte jetzt auch Glück, ich wurde angerufen und ging zum Reden nach draußen; es war Eva aus Novosibirsk; ich hatte immer mal mit ihr geschrieben und war erstaunt, dass sie gerade jetzt anrief; hatte es sich schon vorher ein paar mal vorgenommen, woraus jedoch nie etwas geworden war. Sie interessierte sich vor allem für Details der lustigen Nacht vorgestern, von der ich ihr schon im Internet kurz berichtet hatte, aber ich verstand sie nur schwer über die Mobilverbindung. Wir entschieden uns letztendlich, die Neuigkeiten wieder auf dem schriftlichen Wege auszutauschen.
Mein bestelltes Eis war in der Zwischenzeit gekommen und zerlaufen, und der Kartoffelbrei mit dem Speck hatte eine harte Kruste bekommen. Trinken wollte ich heute nicht - ich hatte es mir ja selbst geschworen, nie wieder zu trinken, obwohl ich selbst nicht dran glaubte. Die anderen tranken auch nur Bier, was für mich normalerweise nicht mal als Getränk durchgehen würde. Vampirella verabschiedete sich früh, aber wie saßen noch bis 1 Uhr morgens, dann standen wir draußen vor dem Pub und konnten uns nicht so richtig vorstellen, was wir zu dieser Uhrzeit noch unternehmen sollte. Spazieren gehen? OK. Es fuhren sowieso keine Busse mehr.
Wir fröstelten ein bisschen; einige von uns trugen schon Winterjacken, nur Stasya hatte einen Minirock und eine Sommerjacke an.
Es begann zu regnen. Stasya hatte den falschen Schirm aus der Garderobe zurückbekommen, fand den neuen aber schöner. Dumm war nur, dass Dima leicht angetrunken schon nach einer halbe Stunde den Griff abgebrochen hatte. Stasya und ich gingen zusammen unter diesen Schirm, als es heftiger zu regnen begann.
Wir brachten Stasya zu ihrem Haus, und sie schenkte mir den Schirm - zum Wegschmeißen wenn ich nach Deutschland zurück fuhr - und warf mit lautem Knall den Griff in den blechernen Mülleimer.
Bis auch wir zu Hause bei Dima und Nastya waren, war es bereits 3:30 Uhr, aber ich fühlte mich munter, weil ich nichts getrunken hatte. Und hungrig. Wir gingen schnell noch in den Supermarkt vor ihrem Haus, der 24 Stunden lang geöffnet hatte. Sie kauften Pelmeni, waren aber zu müde sie zu kochen. Nastya wärmte für mich Nudeln vom Abendbrot in der Mikrowelle auf und wartete tapfer bis ich sie reingespachtelt hatte.
Auf dem Boden lag schon die Decke, auf der Max schlief; Dima war nicht mehr so recht in der Lage, die richtige Position für meine Decke zu finden. Ein zerschlissenes Schlafsackstück diente mir als Matratze, dazu kam eine große Decke, und dass ich es schön warm hatte, gab er mir einen großen Plüschhasen, der tatsächlich eine ziemliche Wärme entwickelte, wenn man ihn an sich drückte.
25.09.
Nastya war nach nur vier Stunden Schlaf zur Arbeit gegangen, und auch Max war irgendwann gegangen; ich war nur für Sekunden wach gewesen und war sofort wieder an den riesigen Plüschhasen gekuschelt eingeschlafen.
So stand ich erst gegen 13 Uhr gemeinsam mit Dima auf, der als erstes Tee für uns ansetzte. Dann sortierten wir leere Einmachgläser für seine Großmutter, die sie zum Einkochen brauchte, aber wir konnten uns nicht so recht einig werden, welche Größe davon einem Liter entsprach. Er rollte sie in Zeitungspapier und stapelte sie wackelig in großen Tüten, die er später bei seiner Großmutter vorbeibringen wollte, sobald Nastya von der Arbeit zurück kam. Als wäre ich nie weg gewesen, nahmen wir unserer alten Gespräche vom Sommer wieder auf und tranken Tee dabei.
Nastya kam, Dima verschwand und brachte eine halbe Stunde später Essen von den Eltern mit, das vermischt mit den Resten der Nudeln uns als Mittagessen diente.
Gegen 15 Uhr musste ich dann noch mal los, denn ich hatte Farin versprochen, ihm beim Bau seines Banyas zu assistieren. Ich war sehr gespannt, mehr darüber zu erfahren und spann sogar den verrückten Plan, in Deutschland selbst eine Sauna in den Garten zu bauen.
Ich nahm den Trolleybus bis Zentrum bis zur gelben Kirche, wie Farin es mir beschrieben hatte, dann begann ich die Haltestelle von Bus 7 suchen. Die gelbe Kirche war ein Verkehrsknotenpunkt und hatte an allen vier Seiten Haltestellen verteilt; fand sogar die Haltestelle für den Bus nach Glazov, die ich brauchen würde, wenn ich der Einladung von Dasha doch irgendwann einmal folgen sollte. Bus 7 taucht auf, hielt aber nicht an der Haltestelle dieser Seite, an der nächsten auch nicht... am Ende war ich einmal um die Kirche gerannt, erwischte den Bus aber noch.
Farin war völlig mit Staub bedeckt als er mich von der Haltestelle holte; beim Umarmen staubte er meine Jacke mit ein und meinte, er würde schon Sachen für mich zum Umziehen haben.
Bevor wir seine Arbeit wieder aufnahmen, bat er mich ins Haus hinein, schleppte eine riesige Melone heran und schnitt sie auf. Sei hatten eine warme Stube, weil sie selbst heizten. In meinem Wohnheim war es weiter kalt und ich war froh, die Decke von meiner Oma aus Deutschland mitgenommen zu haben.
Farin setzte Tee auf und wie aßen, während es in den Wänden kratzte. Sie hatten Mäuse, meinte er und legte die Melone, als wir fertig waren, hoch auf eine Schüssel und deckte sie mit einem Teller ab. Melone fraßen sie nicht, meinte er, aber die Kerne.
Er gab mir eine weite Hose mit Gürtel, der nicht genug Löcher für meine Figur hatte, dazu eine schmutzige Jacke von Wolgatelecom, und eine Großvatermütze - so war ich gut gerüstet für die Arbeit.
Vor dem Haus befand sich ein großer Sandhaufen, der mit Wellblech abgedeckt war. Ich nahm die Platten ab, während Farin die Schubkarre holte. Dann drückte er mir eine Schaufel in die Hand und ich schaufelte den Sand hinein und er machte lustige Fotos davon.
Mit dem Sand rührten wir Zement auf einem alten Blech an; es stiebte und das Wasser lief davon runter; es musste doch da bessere Möglichkeiten geben - und wirklich, seine Mutter brachte einen Eimer vorbei, in dem sogar schon Zementreste waren. Das Betonfundament war eigentlich schon fertig gewesen, als ich zur Arbeit dazu kam, aber Farin musste etwas daran ausbessern, weil er gemerkt hatte, dass seine Isolationsplatten auf dem Fundament wackelten.
Es war schon ziemlich beeindruckendes Banya - größer als manche Gartenhütte, und es sollte drei Räume erhalten: neben dem eigentlichen Sauna-Raum einer noch zum Ausruhen, der kälter sein sollte, und einer nur zum Waschen.
Farin wies mich an, das Wasser auf dem Betonboden verteilen, denn der musste nass sein, bevor eine weitere Schicht Beton aufgetragen werden konnte. Es zischte leise.
Farin trug den Beton auf und nahm auf meinen Vorschlag hin eine Wasserwaage hinzu; dann zeigte mir seine alte sowjetische Gasmaske, mit der er wirklich gearbeitet hatte, als er vor einen Tagen Teile des Betons wieder zersägt und gebrochen hatte und es dabei unheimlich gestiebt hatte. In Farins Haus gab es wirklich alles; es war eine riesige Rumpelkammer.
Es wurde schon dunkel, als wir begannen, die Isolationsplatten umzuräumen und in ihrer endgültigen Position festzuschrauben; dafür musste Farin wieder in den Beton bohren. Er hatte ein Flutlicht im Banya installiert, sodass er auch nachts arbeiten konnte. Die Nachbarn störte es offenbar nicht, bis auf den Nachbarshund.
Ich bereitete die speziellen Kunststoffnägel vor, schnitze mit dem Taschenmesser die überstehenden Reste ab, die beim Hineinschlagen störten. Gegen 21 Uhr meldete ich bei Farin an, dass ich langsam zurück ins Wohnheim musste, sonst hieß es wieder, man hätte sich Sorgen gemacht; ich beim Verlassen hatte nur gemeint, bis zum nächsten Tag fortbleiben zu wollen, nicht zum übernächsten Tag. Und Es lohnte sich ja kaum für die Etagenomas wach zu bleiben, weil nur noch so wenige Studenten im Wohnheim waren, und kaum einer von ihnen kam nachts zurück. Früher hatte ich sie nachts vor dem Fernseher schlafen sehen, aber nun schienen sie abends irgendwo anders hinzugehen, vielleicht sogar nach Hause.
Farins Mutter bestand jedoch darauf, dass ich noch mit Abendbrot aß; sie hatte eine Suppe aus Tomaten, Möhren, Reis und Hackbällchen gemacht und wollte immer mehr nachgießen bis ich mir den Bauch hielt und nicht mehr konnte. Danach wurde ich noch zu Tee und Melonen genötigt - das war wirklich die traditionelle russische Gastfreundschaft. Farin versuchte mich noch zum Bleiben zu überreden - wir seien bei seinen Nachbarn ins Banya eingeladen worden, aber ich wusste, dann würde ich definitiv nicht mehr nach Hause kommen. Und ich hatte nicht mal meinen Bikini dabei, lehnte ich dankend ab. Er fuhr mich, gut wie er war, nach Hause; es waren auch nur 20 Minuten mit dem Auto, sonst hätte es über eine Stunde mit zwei verschiedenen Straßenbahnen oder Bussen gedauert.
Bis zum Schlafengehen surfte ich noch im Internet und chattete mit meinen Bekannten; es sah aus, als wären mittlerweile alle krank, auch Roman, der vorgestern noch kerngesund die Theorie gehabt hatte, dass die Heizwerke mit den Pharmakonzernen zusammenarbeiteten und allein deshalb nicht zu heizen begannen, weil die den Absatz an Grippemitteln erhöhen wollten. Roman schwor, er habe keine Ahnung, wo er sich angesteckt haben könnte. Ich fügte die Lebensmittelhersteller zur Liste der Verschwörer hinzu. Aber wann würde endlich mit dem Heizen begonnen werden, fragte ich ihn. Er schrieb, dass es einen bestimmten Schwellwert für die Bürokraten in den Heizwerken gab, und zwar 5 Tage unter 12 Grad. 3 Tage unter 8 Grad zählte offenbar nicht.
Als ich später noch einmal kurz in den Computerraum kam, sah ich Miguel dort im Halbdunkel mit seiner Gitarre sitzen. Ich bat ihn, etwas für mich zu spielen, und er spielte wunderbar mit einer erstaunlichen Fingerfertigkeit. Es war das gleiche Lied, das jeder hier im Wohnheim spielte: "Nothing else matters", aber bei ihm klang es wirklich nach diesem Lied. Er lernte seit 10 Jahren, erzählte er, und hatte in Venezuela sogar in einer Band gespielt. Ich versprach, ihn mit meinen Musikerbekannten bekannt zu machen und auf das nächste Konzert mitzunehmen. Stasya würde ein besonderes Interesse daran haben, ihn kennenzulernen, denn sie hatte gerade einen Spanisch-Faible.
26.09.
Von komischen Träumen gequält stand ich wieder wie schon gewöhnt gegen 11 Uhr auf und kam wieder zu nichts wirklich Produktivem, außer halb erfroren am Computer zu sitzen und die Maus hin und her zu scrollen. 15:30 Uhr wurde ich schließlich von Dima erlöst, der mich anrief und zu einem Spaziergang mit ihm und Nastya einlud. Die Sonne schien, und am Nachmittag war das Thermometer wieder über die magische 12-Grad-Marke geklettert, sodass wir mindestens weitere 5 Tage in der Kälte sitzen würden.
Ich suchte nach etwas Essbarem, aber der Kühlschrank sah nach Einkaufen aus. Ich fragte Dima bei der Gelegenheit, ob sie was Essbares hätten, das sie mitbringen konnten - das verzögerte ihre Ankunft um eine Stunde und sie brachten - Bananen. Diese Früchte schmeckten mir überhaupt nichts, aber wenn er Hunger hat, frisst der Teufel Fliegen.
Ich gab ihnen im Gegenzug eine Packung holländischer Dropjes und schlug vor, dass sie es verhassten Kollegen zum Probierten gaben, nur um ihr Gesicht dabei zu beobachten. Ich glaube, Lakritze wurden überhaupt nicht zum Essen erfunden wurde, sondern um Bekannte zu ärgern.
Ich erzählte, wie meine Willkommensparty in Deutschland geplant worden war, wie wir penibel einen einfachen Grillabend von 5 Leuten per Email planten, wie viel jeder essen wollte, und wie wir sogar die Brotstücken abzählten. Dima erzählte, dass es in Russland anders gehandhabt wurde; sie hätten einmal einen Sack mit 20 Kilo Kartoffeln zu einer Grillparty geschleppt, die dann doch niemand gegessen hat, weil jemand anderes was Fertiges mitgebracht hatte, das für alle 10 Leute gereicht hatte. In Russland kleckert man nicht, man klotzt.
Wir bogen in den Wald hinter meinem Wohnheim ein und folgten dem gleichen Weg wie damals zum Waldwettbewerb. Jemand hatte eine Rampe auf dem Weg installiert und Reifenspuren waren im feuchten Laub zu sehen. Einige Wahnsinnige gab es immer, die sich gerne um Bäume wickelten.
Wir spazierten weiter hinunter zum See und erlebten einen wunderschönen Sonnenuntergang - man glaubt kaum, dass das noch Izhevsk war.
Ein Angler stand bis zu den Hüften im Wasser; ich glaube, auch er glaubte nicht, dass er noch in Izhevsk war, sonst hätte er nicht versucht in diesem verseuchten Wasser zu angeln.
Wir machten uns langsam auf den Heimweg. Dima fiel ein, dass er mit seinem Alkoholiker-Freund verabredet gewesen war, der nun schon auf ihn wartete. Wir nahmen einen seltsamen Weg zurück, der wahrscheinlich eine Abkürzung war, vorbei an Stacheldrahtzäunen und Schlagbäumen und halb eingestürzten Häusern - doch wir kamen genau an meinem Wohnheim heraus.
27.09.
Es kann vorkommen, dass ein Tag vergeht und man am Ende des Tages nicht traurig gewesen wäre, wenn sich dieser Tag nicht ereignet hätte.
So passierte heute nichts von Bedeutung. Es grenzt sogar an Zeitverschwendung, diesen Tageseintrag durchzulesen. So saß ich erst im Korridor vor der verschlossenen Tür des Computerraums, aus der ein Internet-Kabel hing; zu Miguel hinübergehen wollte nicht erst, weil ich nur schnell etwas nachschauen wollte statt Stunden im Internet zu verschwenden - der Surfzeit waren auf dem Gang durch die Kälte und den Akku in meinem Notebook natürliche Grenzen gesetzt.
Es war immer noch recht still im Wohnheim; Tofik war noch nicht wieder aufgetaucht, dafür aber die Frettchenbrüder schon. So hatte ich die Zwillinge aus Turkmenistan getauft, die immer so schrecklich-laut Musik hörten ohne dabei Geschmack zu beweisen. Wie ich da saß, kam plötzlich kam die Etagenomi und bestand darauf, mir den Computerraum aufzusperren, der jedoch noch kälter war, weil jemand vergessen hatte, die Balkontür nach dem Lüften zu schließen. Sie schaute kurz in den Raum und forderte mich auf, mir eine Jacke anzuziehen.
Es war eine seltsame Frau; die gleiche, die ihr Deutsch über die Ferien verbessert hatte. Am Abend beim Kochen meinte sie zum Beispiel: "Ich liebe dich, du bist ein schönes Mädchen." Aber irgendwie glaube ich nicht, dass ihr völlig bewusst war, das sie da sagte. Auch die Frettchenbrüder waren in der Küche und probierten bei der Gelegenheit ihr Deutsch aus: "Schneller, schneller!"
Ich kochte nicht wirklich in der Küche, sondern briet mir irgendwelche Essensreste aus dem Kühlschrank mit noch älterem Käse an: Die Innereien der zerkochten Pelmeni, die ich nicht hatte essen wollen, ein halb schwimmendes Ei drauf gehauen, viele Gewürze. Je älter die Pelmeni waren, desto mehr Gewürze mussten drauf. Das war meine Weisheit für den heutigen Tag.
Von Roman hörte ich an diesem Abend eine andere, sehr russische Weisheit:
"Der russische Pessimist lernt chinesisch zu sprechen.
Der Optimist lernt englisch zu sprechen.
Der Realist lernt mit dem Kalaschnikow-Maschinengewehr zu sprechen."
Von Albert hörte ich, dass er hoffte, dass es diese Woche noch etwas mit der Erlaubnis werden würde. Übersetzt in die Sprache der Menschen hieß das, dass er es vorher vergessen hatte und diese Woche mit der Beantragung beginnen wollte, wenn er es nicht wieder vergaß. Ich war mittlerweile etwas rastlos geworden, weil ich mein Projekt nicht so recht beginnen konnte, aber sonst den ganzen Tag eigentlich nichts zu tun hatte.
Und ich musste wieder im Dunkeln aufs Klo, weil die Glühbirne mal wieder durchgebrannt war, doch mein neues Handy hat praktischerweise eine Taschenlampenfunktion anstalle einer Kamera - ich fragte mich, wer diese Kameras mit der Auslösung eines Kofferfernsehers überhaupt verwendete, außer Spanner in der Damentoilette.
Das Häschen sprang wieder draußen herum, und diesmal lud ich ihn zu mir ein, nachdem ich mein Zimmer nagetiersicher gemacht hatte, indem ich sämtliche Kabel oberhalb seiner Reichweite verlegte - stellte aber im direkten Tierversuch immer wieder Lücken fest, die ich noch schließen musste, zum Beispiel als er plötzlich hinterm Kühlschrank saß. Und nicht nur das, er wurde auch immer frecher und sprang auf Betten und Tischchen. Eh ich mich versah, kaute er plötzlich an einer Tafel Schokolade, dann rannte er in einem Affenzahn zum nächsten Ort und kaute dort an einer Apfelsine, und dann hatte er einen Teebeutel im Maul. Ich glaube, meine Nachbarin füttert ihn nicht genug. Er steckte auch seine Nase in die Tüte Trockennudeln, die ich gerade knabberte. Jetzt klebte ich überall Hasensabber, aber das verzeih ich meinem neuen, kleinen, immerhungrigen Freund. Am Ende fand er etwas Schmackhaftes an meiner Hose. Es war ein sehr reinliches Häschen, er entleerte sich auch immer nur brav an eine einzige Stelle der ganzen Wohnung; nämlich in den Schuhen meiner Nachbarin.
Überhaupt reinigte er meine Wohnung besser als jeder Staubsauger, indem er in sämtliche Ecken kroch und sich unter die Schränke quetschte. Von seinen Entdeckungstouren musste ich ihm dann die Spinnweben und Staubfussel aus den Haaren ziehen.
Und er brachte mir sogar einen Origamiwürfel wieder, der im Sommer hinter den Schrank gefallen sein musste.
28.09.
Draußen waren nun nur noch 4 Grad und immer noch hatte keine Heizung zugeschaltet. Ich begann mich nun wirklich zu ärgern und mich irgendwie warm zu halten, hauptsächlich mit der Decke meiner Oma über den Schultern und dem Notebook auf dem Schoß, dessen Lüfter ein wenig wärmte. Ich begann meinen Blog nachtragen; ich lag seit geraumer Zeit einige Monate zurück, hatte aber noch jede Menge Notizen und Fotos, die ich darin verarbeiten wollte. Ab und an wärmte ich mir die kalten Füße mit dem Föhn, aber insgesamt heizte das mein großes Zimmer nur wenig auf.
Ich ging schließlich Miguel im Computerraum besuchen; der hatte aus irgendeinem Grund Räucherkerzchen angezündet, sodass es nun wie in einem indischen Tempel roch. Oder zumindest stellte ich mir vor, dass es dort so roch; bis Indien war ich bisher nicht gekommen.
Ich begann auch wieder mehr auf meiner Gitarre zu spielen, doch die Hornhaut auf den Fingerkuppen begann sich nur langsam aufzubauen; diese Gitarre war wesentlich schmerzhafter als meine neue in Deutschland. Aber das war zu erwarten gewesen - in praktisch allen Izhevsker Fabriken wurden - neben anderen Erzeugnissen - Waffen produziert, und diese Gitarre konnte man getrost unter die Kategorie "Waffen" zählen.
Kurz nach 16 Uhr raffte ich mich auf, noch ins Auslandsamt zu gehen, denn Alisa hatte bei unserem letzten Treffen gemeint, mein Studentenausweis wäre an diesem Tag sicher abholbereit. Ich hatte vor einer Woche meinen Studentenausweis abgegeben, dass man ihn um das neue Studienjahr verlängern konnte - hauptsächlich dafür, dass ich auch 2011 ermäßigt in Museen kam. Außerdem wollte ich mich bei der Gelegenheit erkundigen, ob sie neue Informationen bezüglich eines Sprachkurses hatten, denn ich meinte, wenn ich dieses Semester keinen Kurs besuchte, würde ich nie russisch lernen. Doch als ich zum Auslandsamt kam, war keiner mehr da, obwohl die Tür nicht abgesperrt war. Unverrichteter Dinge ging ich zurück zum Wohnheim. Wieder ging ein verschwendeter Tag zu Ende, an dem ich irgendwie zu nichts gekommen war und auf nichts Lust hatte.





Cool Selig zu hören und den ersten Absatz zu lesen, passt gut zusammen, und zu meiner Stimmung, aktuell :)
AntwortenLöschen Wohnt Dima in der obersten Etage eines riesigen Hochhauses ohne Fahrstuhl?
hat dir dein Paps gelernt wie man Kabel verlegt? ^^
Gibt es in Russland eigentlich sowas wie Apres-Ski mit solchen tollen Parties und deutscher "Partymusik"?
Ward ihr "spazieren" oder spazieren? ^^
Oh das ist ja süß, ein Kuschelplüschhase :)
Den Saunaplan im eigenen Garten hattest doch schon vor deiner Rückreise gehabt.
Stell ich mir witzig vor, wie du dem Bus um die Kirche folgst. War das ein und der selbe Bus und biste dem Nachgerannt oder kamen da mehrere Busse?
Ahh, die Arbeitssachen waren also zu groß und Farin füttert dich jetzt fleißig ich habe das Gefühl da steckt eine tiefere Absicht dahinter... ^^
Habt ihr oder die Nachbarn keinen Zementmischer ?
Ich find die Etagenomis merkwürdig aufpassen wer kommt und alle registrieren, rund um die Uhr.
War Farins Mutter dir gegenüber zu diesem Zeitpunkt noch freundlich gestimmt? ^^
Die Heizung, erinnert mich an die Hochwasserschaltung in Rotterdam, aus der Doku die wir mal sahen. "Nach genau 5 Metern Wasserhöhe schließt die Flutbarriere automatisch. Menschen wären nervös geworden und hätten es früher geschlossen. Der Computer aber lässt sich nicht irritieren" ^^
Uhh du Hast Bananen gegessen? ^^
In Russland wird ja auch durchgängig geheizt, wenn geheizt wird. In Dtl. gehen wir eben sparsamer mit Ressourcen um, so auch mit dem Essen beim Grillabend :)
Vielleicht sollte ich mir auch mal einen Reinigungshase zulegen ^^
und da wurdeste in Dtl. schon gewarnt dass diese Gitarre hart sein ^^
Gibt es in Izhevsk so viele Museen und hast du so viele schon besucht? Bzw. gilt der Ausweis auch Russlandweit?
Find es toll, wie viel Blogeintrag du doch zu einem "verschwendeten" Tag schreiben kannst :)