Auf zu neuen Abenteuern! Anreise. (17.-19. September)
Meine Eltern waren auf Arbeit, aber meine Oma kam um mich zu verabschieden und zum Zug zu begleiten. Sie und meine Mutter hatten mir um die Wette Proviant zubereitet, und so hatte ich nun eine Extra-Tüte mit Proviant - mit Spiegelei belegte Schnitten und Nudelsalat.
Wir saßen noch einige Minuten in der Küche zusammen und ich spielte ein russisches Lied auf der Gitarre, das ich in der Zwischenzeit gelernt hatte. Sie behauptete, es klänge gut, aber das war schließlich die Aufgabe von Omas: Liebe Dinge zu sagen und ihre Enkel zu verwöhnen.
Im Zug kam mir plötzlich eine Idee, die meine Masterarbeit in ein ganz anderes Licht stellte und ich begann sofort das Konzept zu notieren und war so begeistert davon, dass ich am liebsten sofort damit beginnen wollte. Doch allein bis ich in Izhevsk war, sollten noch zwei Tage vergehen.
In Dresden hörte ich schon auf dem Bahnsteig der Flughafen-S-Bahn eine vertraute Sprache - Russisch. Sie verschwanden aber im oberen Stockwerk des Zugs, und ich mit meinem schweren Koffer im unteren Teil, wo ich zwei deutsche Rucksacktouristen ins Gespräch zu verwickeln versuchte, die auf dem Weg nach Irland waren, aber als ich meinte, dass ich nach Moskau flog, sagten sie nur "ah" und schwiegen wieder. Ein Trinker mischte sich dafür ins Gespräch, der nicht merkte, dass niemand mit ihm diskutieren wollte, selbst als er der einzige war, der die ganze Zeit sprach. Ich hoffte, dass ich selbst nicht irgendwann diese dünne Linie zwischen "offenherziger Weltenreisender" und "die Verrückte in der Bahn, neben der niemand sitzen will" überschreiten würde.
Die Abfertigung am Flughafen ging überraschend schnell, weil zu diesem Zeitpunkt kaum Fluggäste bei Aeroflot anstanden und auch an den Business Class-Schalter verteilt wurden. Mein Gepäck wog auf das Gramm genau 20 Kilogramm. Ich hatte den Koffer hauptsächlich mit Souvenirs für meine Freunde gefüllt; für Sina hatte ich zum Beispiel Schokolade aus 5 oder 6 verschiedenen Ländern, weil ich wusste, dass sie die schwedische Ikea-Schokolade so gern mochte. Ich hatte verschiedene Hanf-Produkte dabei, die ich jedoch nicht in Holland, sondern in dem Zwickauer Antiquitäten- und Trödelladen auf der Bahnhofsstraße gekauft hatte, in dem der Verkäufer mich mit glasigem Blick angestarrt hatte und meinte, dass er mich doch kenne. Ja, das war richtig, vor einem Jahr hatte ich entdeckt, dass es in dem Laden auch legale Hanfprodukte wie Tee und Schokolade zu kaufen gab - und auch die grünen Lutscher, die so herrlich nach Wiese schmeckten, sodass ich ein paar Mal dort gewesen war. Wir hatten immer ein Stück lang geplaudert, weil er recht selten Kunden hatte und ich hatte von meinen Plänen erzählt, per Anhalter durch Europa zu fahren. Daran erinnerte er sich nun noch - und da sage noch einer, Gras ist schlecht für das Gedächtnis.
Ansonsten hatte ich nur wenige Kleidungsstücke dabei, weil ich das meiste noch in Izhevsk gelassen hatte - stattdessen füllte eine besonders warme Decke den Rest meines Koffers. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, wie dankbar ich dafür noch sein würde.
Auch am Gate warteten noch nicht viele Passagiere; wahrscheinlich lag es daran, dass Aeroflot nun öfters als zweimal pro Woche von Dresden nach Moskau flog - aber so viele Russen auch in Sachsen wohnten, so konnten sie nicht alle ständige zwischen Dresden und Moskau hin und her pendeln. Bei Deutschen war diese Verbindung noch weniger bekannt; ich wäre sonst auch über Berlin geflogen, und das doppelt so teuer, wenn ich nicht von meinen russischen Bekannten diesen Tipp bekommen hätte.
Wir hoben ab und die Frauenkirche war bald nur noch ein kleiner Knubbel, dann traten wir in die Wolken ein. Der Service war hervorragend wie immer, und mittlerweile gab es sogar schon Durchsagen auf Deutsch - Aeroflot mauserte sich.
Ich hatte mein Ticket sehr früh gebucht und saß in einer der ersten Reihen, wodurch ich sehr schnell mein Essen bekam, dazu den teuersten Orangensaft, den ich normalerweise nicht mal kaufte, wenn man wollte, sogar ein zweites Glas davon, und da es eine russische Airline war, bekam man nach dem Essen einen Becher schwarzen Tee.
Schnell ging die Sonne unter, denn wir flogen nach Osten und mit einem Mal war es dunkel. Wir erreichten das märchenhaft glitzernde Moskau, durch das sich leuchtende Girlanden aus zäh fließendem Stadtverkehr zogen. Wir landeten sanft und nur vereinzelt wurde geklatscht.
Bevor wir unser Gepäck holen konnten, stand ich mit einer kleinen Gruppe von Deutschen erst einmal vor einem Rätsel: An den Durchgängen stand entweder "für russische Staatsbürger", "für Diplomaten", oder "für Freundesländer (Weißrussland)" - fielen wir darunter? Man erwartete hier keine Europäer, wir wählten den nächst freien Schalter aus ("für Diplomaten") und wurden ohne weiteres abgefertigt.
Am Gepäckband standen nur wenige Leute; der ganze Flughafen wirkte wie leergefegt. Ich bekam mein Gepäck sofort und kontaktierte nicht etwa Konstantin, sondern Dima, den ich am letzten Tag vor meiner Abreise aus Moskau kennengelernt hatte.
Konstantin war im Süden von Russland seine Eltern besuchen, hatte aber vergessen, mir rechtzeitig bescheid zu geben, dass ich wenige Tage vor meiner Abreise ohne Gastgeber dastand. Ich hatte mich zwar mit Dima in Utrecht verpasst, weil er aus finanziellen Gründen schon einige Tage vor meiner Ankunft abreisen musste, aber wir waren weiter über Internet in Kontakt geblieben, denn er war nun auch Holland-Fan geworden. So hatte ich also Dima gefragt, ob er nicht jemanden kannte, der mich aufnehmen konnte, weil ich wusste, dass er selbst im Studentenwohnheim niemanden unterbringen durfte. Er hatte daraufhin jedoch gemeint, dass ein Mitbewohner von ihm zu dieser Zeit verreist sein würde und dass er mich einfach in sein Wohnheim hineinschmuggeln wollte.
So kam es, dass er nun am Flughafen auf mich wartete, da es zu kompliziert sei, mitten in der Nacht zu seinem Wohnheim zu kommen, das sich aber auch relativ nahe am Flughafen befände. Nun, nah ist für Moskauer Verhältnisse unter einer Stunde Reisezeit.
Ich hatte Dima die Ankunftszeit durchgegeben, aber gemeint, dass er nicht so früh kommen müsste, da die Abfertigung so lange dauern würde, aber nun stellte ich fest, dass um diese Uhrzeit schon niemand mehr arbeiten wollte - es saßen zwar zwei Angestellte am Sicherheitscheck, an dem das Gepäck normalerweise durchleuchtete wurde, aber sie waren in ein Gespräch vertieft, und so gingen wir einfach an ihnen vorbei, bevor sie es sich anders überlegten.
Insgesamt brauchte ich nur 15 Minuten von der Landung bis zum Ausgang, und die meiste Zeit ging dafür drauf, dass der Flughafen so riesig war, dass man einige Kilometer zurücklegte, wenn man ihn einmal durchquerte. Ich hatte Glück, denn Dima hatte meinen Hinweis ignoriert und war pünktlich zur Landung angekommen. Wir umarmten uns wie alte Freunde. Er hatte mich nur um eins gebeten, dafür dass er mich bei sich aufnahm: Ihm deutsches Bier mitzubringen. So hatte ich am letzten Tag vor meinem Abflug sämtliche Laden unseres Städtchens nach Dosenbier abgesucht, denn Flaschen wären zu schwer geworden - bei uns hatte Dosenbier einen schlechten Ruf, aber in Russland war man begeistert, weil es aus Deutschland stammte. Lustigerweise erhielt ich innerhalb der nächsten Tage mehrere Anfragen von Freunden, deutsches Bier nach Izhevsk mitzubringen, aber ich konnte nur antworten, dass es ihnen ein bisschen früher hätte einfallen müssen, da ich nun schon wieder in Russland war.
Dima schlug vor, ein Taxi zu nehmen, aber ich wusste, dass man für unter 40 Euro kein Taxi in Moskau bekam. So viel Geld in Rubel hatte ich gar nicht dabei, und auch Dima war blank.
Die Alternative war, zwei Busse und einen Vorstadtzug zu nehmen. Ich bestand darauf, sein Ticket mit zu bezahlen und er wehrte sich nicht wie es nach russischer Manier üblich war. Für den Vorstadtzug, die Elektrischka, lösten wir überhaupt kein Ticket, weil Dima meinte, dass um diese Uhrzeit sowieso niemand mehr Tickets kontrollierte und wir eh nicht genug Zeit dafür hatten, denn sie fuhr in wenigen Minuten ab, und die nächste erst in einer Stunde. Er rannte regelrecht mit meinem Koffer die Stufen hinauf und ich merkte, dass es nicht genug Bier in Deutschland gab, um so einen Freund angemessen entlohnen zu können.
Dima meinte, der Koffer würde sogar helfen, den Portier zu überreden, mich für diese Nacht ins Wohnheim zu lassen, uns dass wir einfach sagen würden, dass ich seine Freundin sei - das würde er als Mann verstehen. Doch im Wohnheim stellten wir fest, dass wir gar keine Ausrede brauchten, denn der Portier hatte keine Lust gehabt zu arbeiten und saß nicht an seinem Tisch.
Ich war erstaunt, wie modern das Wohnheim eingerichtet war, obwohl außen dran noch das also Sowjetsymbol von Hammer und Sichel gepinselt war.
Dima stellte mich seinen drei anwesenden Mitbewohnern vor, von denen einer ein schüchterner Computer-Nerd war, den ich immer nur für wenige Sekunden sah; aber mit den anderen beiden saßen wir lange an dem Abend zusammen, tranken Tee und später selbstgemachten Wein. Die Jungs inspizierten das Bier, das ich mitgebracht hatte: Sternquell war exotisch, aber Holsten gab es auch in Russland zu kaufen, allerdings von Baltica hergestellt, sodass sie beschlossen, sich eine Büchse des russischen Holsten zu kaufen um zu probieren, ob es einen geschmacklichen Unterschied gab. Dima schrieb mir später, dass das deutsche Holsten definitiv besser geschmeckt hatte.
In dieser lustigen Runde saßen wir bis zwei Uhr morgens und diskutierten über alles Mögliche, besonders gern über Weltpolitik. Mich erstaunte, wie sehr Putins Politik hier kritisiert wurde, denn in Izhevsk hatte ich immer nur Gutes darüber gehört. Sie meinten, in Moskau sei man im Allgemeinen weltoffener und kritischer als im Rest Russlands.
18.09.
Die Jungs schliefen so lange, dass ich als erste aufstand - sehr ungewöhnlich für mich. Wir machten langsam etwas Frühstück und gingen um 12:20 Uhr gemeinsam zum Deutschunterricht in die Uni - dort wollten sie mich als Jagdtrophäe vorstellen, wie immer, wenn ich in den Deutschunterricht mitgenommen wurde. Nur wie sollte ich in die Uni hineinkommen? Wir verglichen unsere Studentenausweise, sie sahen sich auf einen schnellen Blick recht ähnlich, so folgte ich Dima und German, beiläufig mit dem Studentenausweis wedelnd, und die Großmütterchen, die Wache hielten, ließen mich nickend durch.
Im Klassenzimmer holten die Jungs schnell ihre Hausaufgaben hervor und baten mich, ihnen zu helfen, so erledigte ich eilig die Aufgabe, Sätze zusammenzubasteln. Dann begann schon die Stunde.
Die Lehrerin baute mich nicht kreativ in den Unterricht ein, sondern behandelte mich wie eine Schülerin, ließ mich auch Sätze übersetzten und verbot mir, Dima zu helfen. Amüsanterweise lud sie mich ein, mal wieder in den Unterricht zu kommen. Bevor ich jedoch das nächste Mal nach Moskau kam, hatte Dima den Deutschkurs schon aufgegeben.
Nach dem Unterricht wollten wir etwas essen gehen. Jede Etage hatte seine eigene Cafeteria, und so gab es ein Hin und Her, wo wir am besten essen sollten, wo die wenigstens Leute standen, und wo das Essen essbar war. Vom meisten war abzuraten, zum Beispiel von dem Salat, aus dem Tentakel heraushingen. Darauf sind schon viele Studenten und vor allem Ausländer reingefallen, weil dieser Salat normalerweise ganz harmlos aussah, und die meisten Ausländer nicht die Aufschrift "Tintenfisch lasen.
Dima und German hatten nun eigentlich eine Vorlesung in Philosophie, denn ohne dieses Fach belegt zu haben, konnte man hier seinen Doktor nicht machen. Ich hatte jedoch nicht die Zeit für eine weitere Vorlesung, denn mein Zug fuhr am späten Nachmittag. Dima schwänzte bereitwillig seine Vorlesung, German nur mit schlechtem Gewissen. Wir gingen in einem Park spazieren, von dem Dima meinte, im Dunkeln sei es hier ausgesprochen gefährlich - dabei befanden wir uns nicht mal in Moskau, sondern in einem Vorort. Das schlimmste, was ihm in diesem Park je passiert war, war jedoch nur, dass er sich auf eine frisch gestrichene Bank gesetzt hatte und davon grüne Hosen bekommen hatte.
Ich bat, schnell noch in einen Supermarkt zu gehen um Proviant für die Zugfahrt kaufen zu können.
Die Kassiererin dort war ärgerlich, weil sie kein Wechselgeld hatte, und schnauzte mich an, als wäre es meine schuld, so konnte ich nur mit Karte zahlen.
Germans schlechtes Gewissen übernahm nun die Oberhand und er ging doch noch zur Vorlesung, und wir beide zurück ins Wohnheim, wo schon zum dritten Mal keine Portier anwesend war.
Ich hatte kein Gefühl für die Größe Moskaus und verließ mich auf Dima, der nun begann, die Zugverbindungen herauszusuchen und meinte, dass der nächste Zug erst in 28 Minuten fuhr, aber er versicherte mir, dass wir es rechtzeitig zum Bahnhof schaffen würden.
Als wir in den Fahrstuhl stiegen, stand darin nur ein Paar Schuhe. Das forderte einige Witze heraus; ich meinte nur, mir mache das Angst.
Draußen sahen wir zum ersten mal den Portier, rauchend vor der Tür stehend und uns nicht weiter beachtend. Dima zog mir den Koffer den Trampelpfad zur Haltestelle hinunter und sagte, diesmal müssten wir ein Ticket lösen. Eine Verkaufsstelle dafür konnte ich jedoch nicht entdecken, aber Dima deutete auf das Loch in der Wand. Es war in etwas einem Meter Höhe angebracht, maß etwa 20x20 Zentimeter und war 50 Zentimeter tief, und hinter einer dicken Glasscheibe saß dort in einem Raum hinter der Wand die Fahrkartenverkäuferin. Es war eine Hochsicherheitseinrichtung aus Sowjetzeiten, und gleichzeitig mussten die Käufer Demut zeigen und sich verbeugen um mit der Verkäuferin kommunizieren zu können.
Vom Zug wechselten wir ins die Metro; auf der langen Rolltreppe rannten Polizisten neben uns herunter, Glas schepperte, die Rolltreppe hielt an und eine unverständliche Durchsage folgte. Dima schleppte den Koffer eigenhändig herunter an den wartenden Leuten vorbei, die sich nun auch langsam in Bewegung setzten, aber diese steilen Rolltreffen hinunterzulaufen fühlte sich wie an wie zu fallen - entweder war es eine optische Täuschung, oder es gab wirklich ein Gefälle auf den Treppen; jedenfalls war sehr schwer, auf dem Weg nach unten die Balance zu halten, wenn man es eilig hatte.
Wir waren gerade auf den letzten zehn Stufen angelangt, da setzte sich die Treppe sie wieder in Bewegung und vor uns wurden die Scherben einer der Lampen weggekehrt, die seitlich der Rolltreppe angebracht gewesen war. Ich nahm mir eine Scherbe als Erinnerung mit.
Nun hatten wir es aber wirklich eilig; die Metro kam zu Glück gleich, nur noch einmal umsteigen und dann seien wir am Bahnhof, versicherte mir Dima. Zu diesem Zeitpunkt war es schon 17:20 Uhr, und irgendwo in meinem Hinterkopf hatte sich eingebrannt, dass dies die Abfahrtzeit meines Zuges war, aber dann studierte ich das Ticket noch einmal - nein, ich hatte noch 18 Minuten. Wahrscheinlich war es genau dieser Fehler, der mich gerettet hatte, denn sonst wären wir vielleicht noch später losgefahren.
Eilig stürmten wir aus der überfüllten Metro hinaus und versuchten den Übergang zum Bahnhof zu finden; Dima fragte sogar Polizist, wohin - und kamen ganze 10 Minuten vor Abfahrt am Zug an, aber mussten dort noch mehrere 100 Meter bis zum richtigen Wagon sprinten.
Dima trug mir den Koffer noch mit hinein, dickte Schweißperlen auf der Stirn. Ich fragte ihn, wie ich seine unglaubliche Nettigkeit je aufwiegen könne, und er meinte nur, es sei schön zu wissen, dass er nun einen Freund in Deutschland hatte.
Mein Zug vom Typ der Transsib-Züge - mit Teppich und Klimaanlage, und war als Expresszug ausgeschrieben gewesen; das hieß, dass er statt der üblichen 20 bis 24 Stunden nur 16 Stunden lang bis Izhevsk unterwegs sein würde. Diese Schnelligkeit wurde durch eine Routenverkürzung erreicht, da wir nicht den Umweg über Kirow fuhren.
Ich ließ mich erschöpft in mein Bett fallen und schlief bis zur Ankunft des Zuges am nächsten Vormittag.
19.09.
In Izhevsk herrschte das schöne Spätsommerwetter mit Sonnenschein und 22 Grad - zeigte es an der Bahnhofsuhr an. In Deutschland war es fast die ganze Zeit über kalt und regnerisch gewesen, sodass ich dieses Wetter auch für Izhevsk erwartet hatte - ich trug zwei Pullover, eine Jacke darüber, zwei Hosen übereinander und Herbstschuhe. Und begann sofort in der Sonne zu schmelzen.
Ich überlegte mir, dass ich eigentlich kein Taxi brauchte, weil ich so früh am Tag angekommen war, und es sah aus, als wäre die Straßenbahn-Strecke am Bahnhof fertig repariert worden. Am Ende sollte ich diese Entscheidung bereuen - aber das, was in der folgenden Stunde passierte, ließ mich wieder spüren, dass ich in Russland war:
Die Haltestelle befand sich ein Stück vom Bahnhof entfernt mitten auf der stark befahren Straße, sodass man auf seinen Hintern aufpassen musste, wenn man direkt an den Gleisen auf die Straßenbahn wartete.
In der Straßenbahn erhielt ich erstmal ein Lob, weil ich sofort und freiwillig für meinen Koffer bezahlte bzw. dass ich wusste, dass es so eine Regel gibt - Molodets!
Dann aber wurde ich drauf hingewiesen, dass die Bahn nicht nach Metallurg fuhr, also nicht zum Wohnheim, aber sie mir sagen würde, wo ich umsteigen musste. Das lag wohl am Glücksticket, das ich bekommen hatte.
Die Schaffnerin malte mir eine kleine Landkarte auf, und erklärte, dass ich den Bus Nummer 36 an der Haltestelle Magazin Podarki nehmen musste, denn Trolleybusse fuhren erst abends wieder. Ich kannte die Gegend und schleppte meinen Koffer an die entsprechende Haltestelle.
Der erste Bus war übervoll, wie es zu erwarten gewesen war, wenn weder Straßenbahnen noch Trolleys in diesem Stadtteil fuhren, und man darauf verzichtet hatte, mehr Busse als üblich auf den Weg zu schicken.
In den zweiten Bus drängte ich mich rein trotz der völligen Überfüllung hinein und hing mit dem Koffer in der Tür; eine ältere Frau griff danach und half beim Hineinziehen.
Es war ein Hin- und Hergedränge, und nach nur einer Haltestelle gab es plötzlich einen lauten Knall - der Bus hielt an, ein war Reifen geplatzt. Die wütende Fahrkartenverkäuferin warf alle Passagiere unter lautem Gezeter aus dem Bus, da sie uns alle die Schuld dafür zu geben schien.
Zum Glück waren wir nur noch ein paar Hundert Meter von der Haltestelle entfernt, an der ich hatte aussteigen wolle, und 500 Meter weiter befand sich schon das Wohnheim - ich musste nur irgendwie meinen Koffer über den Sand und die Wiesen schleifen.
Von der Wachtjorka am Eingang wurde ich sofort nach meiner Reise zum Baikalsee gefragt - die hatte ein gutes Gedächtnis.
Oben saß die Grimmige, mit der ich mich bei der Abreise um das Bettzeug gestritten hatte. Jetzt wollte sie mir kein Bettzeug geben. Ich beschloss, morgen im Auslandsamt danach fragen.
Wichtiger war nun zuerst - zu duschen, Haare zu waschen, die Reise-Klamotten zu verbrennen oder zumindest zum Waschen legen.
Dann packte ich erstmal den riesigen Haufen Souvenirs aus und überlegt, wem ich nun eigentlich was schenken wollte. Dabei überkam mich die Müdigkeit und ich beschloss, mich kurz ins Bett zu legen, war aber noch so geistesgegenwärtig, meine Wecker auf 17 Uhr zu stellen bevor ich wie ein Stein einschlief.
Mühsam rappelte ich mich von meinem Wecker erschreckt auf - nun war es wirklich Zeit, in den Supermarkt zu gehen, da ich nichts Essbares mehr im Zimmer hatte außer ein paar gelben Linsen, die stundenlang gekocht werden mussten und trotzdem noch hart blieben.
Zum Glück war es in Russland sonntags um 18 Uhr kein Problem einkaufen zu gehen. Daran hatte ich mich gerne gewöhnt. An die mangelnde Frische der Produkte allerdings eher weniger - die Kiwis hatte ich erst für Kartoffeln gehalten, weil sie so runzlig waren.
Es waren immer noch 19 Grad, während meine Eltern bei 5 Grad zitterten. Ich fühlte mich, als wäre ich im Sommerurlaub.
Das Wohnheim war sehr ruhig, wie bei meiner Abreise im Sommer. Der letzte Ägypter war abgereist, der Computerraum auf meinem Gang war zugesperrt, aber der zweite Raum war offen, und dort traf ich Miguel wieder, der aussah, als hätte er den ganzen Sommer nichts anderes gemacht, als hier am Computer zu sitzen. Dann traf ich auch noch den anderen Miguel aus Venezuela - den speziellen Freund von Zsolt. Er hatte mich von Couchsurfing wiedererkannt, wo wir uns vor Ewigkeiten einmal Nachrichten geschrieben hatten. Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich mich noch in Izhevsk befand.
Am späteren Abend folgte dann die größte Überraschung des Tages: Die Hexe brachte mir Bettwäsche ins Zimmer.
Meine Eltern waren auf Arbeit, aber meine Oma kam um mich zu verabschieden und zum Zug zu begleiten. Sie und meine Mutter hatten mir um die Wette Proviant zubereitet, und so hatte ich nun eine Extra-Tüte mit Proviant - mit Spiegelei belegte Schnitten und Nudelsalat.
Wir saßen noch einige Minuten in der Küche zusammen und ich spielte ein russisches Lied auf der Gitarre, das ich in der Zwischenzeit gelernt hatte. Sie behauptete, es klänge gut, aber das war schließlich die Aufgabe von Omas: Liebe Dinge zu sagen und ihre Enkel zu verwöhnen.
Im Zug kam mir plötzlich eine Idee, die meine Masterarbeit in ein ganz anderes Licht stellte und ich begann sofort das Konzept zu notieren und war so begeistert davon, dass ich am liebsten sofort damit beginnen wollte. Doch allein bis ich in Izhevsk war, sollten noch zwei Tage vergehen.
In Dresden hörte ich schon auf dem Bahnsteig der Flughafen-S-Bahn eine vertraute Sprache - Russisch. Sie verschwanden aber im oberen Stockwerk des Zugs, und ich mit meinem schweren Koffer im unteren Teil, wo ich zwei deutsche Rucksacktouristen ins Gespräch zu verwickeln versuchte, die auf dem Weg nach Irland waren, aber als ich meinte, dass ich nach Moskau flog, sagten sie nur "ah" und schwiegen wieder. Ein Trinker mischte sich dafür ins Gespräch, der nicht merkte, dass niemand mit ihm diskutieren wollte, selbst als er der einzige war, der die ganze Zeit sprach. Ich hoffte, dass ich selbst nicht irgendwann diese dünne Linie zwischen "offenherziger Weltenreisender" und "die Verrückte in der Bahn, neben der niemand sitzen will" überschreiten würde.
Die Abfertigung am Flughafen ging überraschend schnell, weil zu diesem Zeitpunkt kaum Fluggäste bei Aeroflot anstanden und auch an den Business Class-Schalter verteilt wurden. Mein Gepäck wog auf das Gramm genau 20 Kilogramm. Ich hatte den Koffer hauptsächlich mit Souvenirs für meine Freunde gefüllt; für Sina hatte ich zum Beispiel Schokolade aus 5 oder 6 verschiedenen Ländern, weil ich wusste, dass sie die schwedische Ikea-Schokolade so gern mochte. Ich hatte verschiedene Hanf-Produkte dabei, die ich jedoch nicht in Holland, sondern in dem Zwickauer Antiquitäten- und Trödelladen auf der Bahnhofsstraße gekauft hatte, in dem der Verkäufer mich mit glasigem Blick angestarrt hatte und meinte, dass er mich doch kenne. Ja, das war richtig, vor einem Jahr hatte ich entdeckt, dass es in dem Laden auch legale Hanfprodukte wie Tee und Schokolade zu kaufen gab - und auch die grünen Lutscher, die so herrlich nach Wiese schmeckten, sodass ich ein paar Mal dort gewesen war. Wir hatten immer ein Stück lang geplaudert, weil er recht selten Kunden hatte und ich hatte von meinen Plänen erzählt, per Anhalter durch Europa zu fahren. Daran erinnerte er sich nun noch - und da sage noch einer, Gras ist schlecht für das Gedächtnis.
Ansonsten hatte ich nur wenige Kleidungsstücke dabei, weil ich das meiste noch in Izhevsk gelassen hatte - stattdessen füllte eine besonders warme Decke den Rest meines Koffers. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, wie dankbar ich dafür noch sein würde.
Auch am Gate warteten noch nicht viele Passagiere; wahrscheinlich lag es daran, dass Aeroflot nun öfters als zweimal pro Woche von Dresden nach Moskau flog - aber so viele Russen auch in Sachsen wohnten, so konnten sie nicht alle ständige zwischen Dresden und Moskau hin und her pendeln. Bei Deutschen war diese Verbindung noch weniger bekannt; ich wäre sonst auch über Berlin geflogen, und das doppelt so teuer, wenn ich nicht von meinen russischen Bekannten diesen Tipp bekommen hätte.
Wir hoben ab und die Frauenkirche war bald nur noch ein kleiner Knubbel, dann traten wir in die Wolken ein. Der Service war hervorragend wie immer, und mittlerweile gab es sogar schon Durchsagen auf Deutsch - Aeroflot mauserte sich.
Ich hatte mein Ticket sehr früh gebucht und saß in einer der ersten Reihen, wodurch ich sehr schnell mein Essen bekam, dazu den teuersten Orangensaft, den ich normalerweise nicht mal kaufte, wenn man wollte, sogar ein zweites Glas davon, und da es eine russische Airline war, bekam man nach dem Essen einen Becher schwarzen Tee.
Schnell ging die Sonne unter, denn wir flogen nach Osten und mit einem Mal war es dunkel. Wir erreichten das märchenhaft glitzernde Moskau, durch das sich leuchtende Girlanden aus zäh fließendem Stadtverkehr zogen. Wir landeten sanft und nur vereinzelt wurde geklatscht.
Bevor wir unser Gepäck holen konnten, stand ich mit einer kleinen Gruppe von Deutschen erst einmal vor einem Rätsel: An den Durchgängen stand entweder "für russische Staatsbürger", "für Diplomaten", oder "für Freundesländer (Weißrussland)" - fielen wir darunter? Man erwartete hier keine Europäer, wir wählten den nächst freien Schalter aus ("für Diplomaten") und wurden ohne weiteres abgefertigt.
Am Gepäckband standen nur wenige Leute; der ganze Flughafen wirkte wie leergefegt. Ich bekam mein Gepäck sofort und kontaktierte nicht etwa Konstantin, sondern Dima, den ich am letzten Tag vor meiner Abreise aus Moskau kennengelernt hatte.
Konstantin war im Süden von Russland seine Eltern besuchen, hatte aber vergessen, mir rechtzeitig bescheid zu geben, dass ich wenige Tage vor meiner Abreise ohne Gastgeber dastand. Ich hatte mich zwar mit Dima in Utrecht verpasst, weil er aus finanziellen Gründen schon einige Tage vor meiner Ankunft abreisen musste, aber wir waren weiter über Internet in Kontakt geblieben, denn er war nun auch Holland-Fan geworden. So hatte ich also Dima gefragt, ob er nicht jemanden kannte, der mich aufnehmen konnte, weil ich wusste, dass er selbst im Studentenwohnheim niemanden unterbringen durfte. Er hatte daraufhin jedoch gemeint, dass ein Mitbewohner von ihm zu dieser Zeit verreist sein würde und dass er mich einfach in sein Wohnheim hineinschmuggeln wollte.
So kam es, dass er nun am Flughafen auf mich wartete, da es zu kompliziert sei, mitten in der Nacht zu seinem Wohnheim zu kommen, das sich aber auch relativ nahe am Flughafen befände. Nun, nah ist für Moskauer Verhältnisse unter einer Stunde Reisezeit.
Ich hatte Dima die Ankunftszeit durchgegeben, aber gemeint, dass er nicht so früh kommen müsste, da die Abfertigung so lange dauern würde, aber nun stellte ich fest, dass um diese Uhrzeit schon niemand mehr arbeiten wollte - es saßen zwar zwei Angestellte am Sicherheitscheck, an dem das Gepäck normalerweise durchleuchtete wurde, aber sie waren in ein Gespräch vertieft, und so gingen wir einfach an ihnen vorbei, bevor sie es sich anders überlegten.
Insgesamt brauchte ich nur 15 Minuten von der Landung bis zum Ausgang, und die meiste Zeit ging dafür drauf, dass der Flughafen so riesig war, dass man einige Kilometer zurücklegte, wenn man ihn einmal durchquerte. Ich hatte Glück, denn Dima hatte meinen Hinweis ignoriert und war pünktlich zur Landung angekommen. Wir umarmten uns wie alte Freunde. Er hatte mich nur um eins gebeten, dafür dass er mich bei sich aufnahm: Ihm deutsches Bier mitzubringen. So hatte ich am letzten Tag vor meinem Abflug sämtliche Laden unseres Städtchens nach Dosenbier abgesucht, denn Flaschen wären zu schwer geworden - bei uns hatte Dosenbier einen schlechten Ruf, aber in Russland war man begeistert, weil es aus Deutschland stammte. Lustigerweise erhielt ich innerhalb der nächsten Tage mehrere Anfragen von Freunden, deutsches Bier nach Izhevsk mitzubringen, aber ich konnte nur antworten, dass es ihnen ein bisschen früher hätte einfallen müssen, da ich nun schon wieder in Russland war.
Dima schlug vor, ein Taxi zu nehmen, aber ich wusste, dass man für unter 40 Euro kein Taxi in Moskau bekam. So viel Geld in Rubel hatte ich gar nicht dabei, und auch Dima war blank.
Die Alternative war, zwei Busse und einen Vorstadtzug zu nehmen. Ich bestand darauf, sein Ticket mit zu bezahlen und er wehrte sich nicht wie es nach russischer Manier üblich war. Für den Vorstadtzug, die Elektrischka, lösten wir überhaupt kein Ticket, weil Dima meinte, dass um diese Uhrzeit sowieso niemand mehr Tickets kontrollierte und wir eh nicht genug Zeit dafür hatten, denn sie fuhr in wenigen Minuten ab, und die nächste erst in einer Stunde. Er rannte regelrecht mit meinem Koffer die Stufen hinauf und ich merkte, dass es nicht genug Bier in Deutschland gab, um so einen Freund angemessen entlohnen zu können.
Dima meinte, der Koffer würde sogar helfen, den Portier zu überreden, mich für diese Nacht ins Wohnheim zu lassen, uns dass wir einfach sagen würden, dass ich seine Freundin sei - das würde er als Mann verstehen. Doch im Wohnheim stellten wir fest, dass wir gar keine Ausrede brauchten, denn der Portier hatte keine Lust gehabt zu arbeiten und saß nicht an seinem Tisch.
Ich war erstaunt, wie modern das Wohnheim eingerichtet war, obwohl außen dran noch das also Sowjetsymbol von Hammer und Sichel gepinselt war.
Dima stellte mich seinen drei anwesenden Mitbewohnern vor, von denen einer ein schüchterner Computer-Nerd war, den ich immer nur für wenige Sekunden sah; aber mit den anderen beiden saßen wir lange an dem Abend zusammen, tranken Tee und später selbstgemachten Wein. Die Jungs inspizierten das Bier, das ich mitgebracht hatte: Sternquell war exotisch, aber Holsten gab es auch in Russland zu kaufen, allerdings von Baltica hergestellt, sodass sie beschlossen, sich eine Büchse des russischen Holsten zu kaufen um zu probieren, ob es einen geschmacklichen Unterschied gab. Dima schrieb mir später, dass das deutsche Holsten definitiv besser geschmeckt hatte.
In dieser lustigen Runde saßen wir bis zwei Uhr morgens und diskutierten über alles Mögliche, besonders gern über Weltpolitik. Mich erstaunte, wie sehr Putins Politik hier kritisiert wurde, denn in Izhevsk hatte ich immer nur Gutes darüber gehört. Sie meinten, in Moskau sei man im Allgemeinen weltoffener und kritischer als im Rest Russlands.
18.09.
Die Jungs schliefen so lange, dass ich als erste aufstand - sehr ungewöhnlich für mich. Wir machten langsam etwas Frühstück und gingen um 12:20 Uhr gemeinsam zum Deutschunterricht in die Uni - dort wollten sie mich als Jagdtrophäe vorstellen, wie immer, wenn ich in den Deutschunterricht mitgenommen wurde. Nur wie sollte ich in die Uni hineinkommen? Wir verglichen unsere Studentenausweise, sie sahen sich auf einen schnellen Blick recht ähnlich, so folgte ich Dima und German, beiläufig mit dem Studentenausweis wedelnd, und die Großmütterchen, die Wache hielten, ließen mich nickend durch.
Im Klassenzimmer holten die Jungs schnell ihre Hausaufgaben hervor und baten mich, ihnen zu helfen, so erledigte ich eilig die Aufgabe, Sätze zusammenzubasteln. Dann begann schon die Stunde.
Die Lehrerin baute mich nicht kreativ in den Unterricht ein, sondern behandelte mich wie eine Schülerin, ließ mich auch Sätze übersetzten und verbot mir, Dima zu helfen. Amüsanterweise lud sie mich ein, mal wieder in den Unterricht zu kommen. Bevor ich jedoch das nächste Mal nach Moskau kam, hatte Dima den Deutschkurs schon aufgegeben.
Nach dem Unterricht wollten wir etwas essen gehen. Jede Etage hatte seine eigene Cafeteria, und so gab es ein Hin und Her, wo wir am besten essen sollten, wo die wenigstens Leute standen, und wo das Essen essbar war. Vom meisten war abzuraten, zum Beispiel von dem Salat, aus dem Tentakel heraushingen. Darauf sind schon viele Studenten und vor allem Ausländer reingefallen, weil dieser Salat normalerweise ganz harmlos aussah, und die meisten Ausländer nicht die Aufschrift "Tintenfisch lasen.
Dima und German hatten nun eigentlich eine Vorlesung in Philosophie, denn ohne dieses Fach belegt zu haben, konnte man hier seinen Doktor nicht machen. Ich hatte jedoch nicht die Zeit für eine weitere Vorlesung, denn mein Zug fuhr am späten Nachmittag. Dima schwänzte bereitwillig seine Vorlesung, German nur mit schlechtem Gewissen. Wir gingen in einem Park spazieren, von dem Dima meinte, im Dunkeln sei es hier ausgesprochen gefährlich - dabei befanden wir uns nicht mal in Moskau, sondern in einem Vorort. Das schlimmste, was ihm in diesem Park je passiert war, war jedoch nur, dass er sich auf eine frisch gestrichene Bank gesetzt hatte und davon grüne Hosen bekommen hatte.
Ich bat, schnell noch in einen Supermarkt zu gehen um Proviant für die Zugfahrt kaufen zu können.
Die Kassiererin dort war ärgerlich, weil sie kein Wechselgeld hatte, und schnauzte mich an, als wäre es meine schuld, so konnte ich nur mit Karte zahlen.
Germans schlechtes Gewissen übernahm nun die Oberhand und er ging doch noch zur Vorlesung, und wir beide zurück ins Wohnheim, wo schon zum dritten Mal keine Portier anwesend war.
Ich hatte kein Gefühl für die Größe Moskaus und verließ mich auf Dima, der nun begann, die Zugverbindungen herauszusuchen und meinte, dass der nächste Zug erst in 28 Minuten fuhr, aber er versicherte mir, dass wir es rechtzeitig zum Bahnhof schaffen würden.
Als wir in den Fahrstuhl stiegen, stand darin nur ein Paar Schuhe. Das forderte einige Witze heraus; ich meinte nur, mir mache das Angst.
Draußen sahen wir zum ersten mal den Portier, rauchend vor der Tür stehend und uns nicht weiter beachtend. Dima zog mir den Koffer den Trampelpfad zur Haltestelle hinunter und sagte, diesmal müssten wir ein Ticket lösen. Eine Verkaufsstelle dafür konnte ich jedoch nicht entdecken, aber Dima deutete auf das Loch in der Wand. Es war in etwas einem Meter Höhe angebracht, maß etwa 20x20 Zentimeter und war 50 Zentimeter tief, und hinter einer dicken Glasscheibe saß dort in einem Raum hinter der Wand die Fahrkartenverkäuferin. Es war eine Hochsicherheitseinrichtung aus Sowjetzeiten, und gleichzeitig mussten die Käufer Demut zeigen und sich verbeugen um mit der Verkäuferin kommunizieren zu können.
Vom Zug wechselten wir ins die Metro; auf der langen Rolltreppe rannten Polizisten neben uns herunter, Glas schepperte, die Rolltreppe hielt an und eine unverständliche Durchsage folgte. Dima schleppte den Koffer eigenhändig herunter an den wartenden Leuten vorbei, die sich nun auch langsam in Bewegung setzten, aber diese steilen Rolltreffen hinunterzulaufen fühlte sich wie an wie zu fallen - entweder war es eine optische Täuschung, oder es gab wirklich ein Gefälle auf den Treppen; jedenfalls war sehr schwer, auf dem Weg nach unten die Balance zu halten, wenn man es eilig hatte.
Wir waren gerade auf den letzten zehn Stufen angelangt, da setzte sich die Treppe sie wieder in Bewegung und vor uns wurden die Scherben einer der Lampen weggekehrt, die seitlich der Rolltreppe angebracht gewesen war. Ich nahm mir eine Scherbe als Erinnerung mit.
Nun hatten wir es aber wirklich eilig; die Metro kam zu Glück gleich, nur noch einmal umsteigen und dann seien wir am Bahnhof, versicherte mir Dima. Zu diesem Zeitpunkt war es schon 17:20 Uhr, und irgendwo in meinem Hinterkopf hatte sich eingebrannt, dass dies die Abfahrtzeit meines Zuges war, aber dann studierte ich das Ticket noch einmal - nein, ich hatte noch 18 Minuten. Wahrscheinlich war es genau dieser Fehler, der mich gerettet hatte, denn sonst wären wir vielleicht noch später losgefahren.
Eilig stürmten wir aus der überfüllten Metro hinaus und versuchten den Übergang zum Bahnhof zu finden; Dima fragte sogar Polizist, wohin - und kamen ganze 10 Minuten vor Abfahrt am Zug an, aber mussten dort noch mehrere 100 Meter bis zum richtigen Wagon sprinten.
Dima trug mir den Koffer noch mit hinein, dickte Schweißperlen auf der Stirn. Ich fragte ihn, wie ich seine unglaubliche Nettigkeit je aufwiegen könne, und er meinte nur, es sei schön zu wissen, dass er nun einen Freund in Deutschland hatte.
Mein Zug vom Typ der Transsib-Züge - mit Teppich und Klimaanlage, und war als Expresszug ausgeschrieben gewesen; das hieß, dass er statt der üblichen 20 bis 24 Stunden nur 16 Stunden lang bis Izhevsk unterwegs sein würde. Diese Schnelligkeit wurde durch eine Routenverkürzung erreicht, da wir nicht den Umweg über Kirow fuhren.
Ich ließ mich erschöpft in mein Bett fallen und schlief bis zur Ankunft des Zuges am nächsten Vormittag.
19.09.
In Izhevsk herrschte das schöne Spätsommerwetter mit Sonnenschein und 22 Grad - zeigte es an der Bahnhofsuhr an. In Deutschland war es fast die ganze Zeit über kalt und regnerisch gewesen, sodass ich dieses Wetter auch für Izhevsk erwartet hatte - ich trug zwei Pullover, eine Jacke darüber, zwei Hosen übereinander und Herbstschuhe. Und begann sofort in der Sonne zu schmelzen.
Ich überlegte mir, dass ich eigentlich kein Taxi brauchte, weil ich so früh am Tag angekommen war, und es sah aus, als wäre die Straßenbahn-Strecke am Bahnhof fertig repariert worden. Am Ende sollte ich diese Entscheidung bereuen - aber das, was in der folgenden Stunde passierte, ließ mich wieder spüren, dass ich in Russland war:
Die Haltestelle befand sich ein Stück vom Bahnhof entfernt mitten auf der stark befahren Straße, sodass man auf seinen Hintern aufpassen musste, wenn man direkt an den Gleisen auf die Straßenbahn wartete.
In der Straßenbahn erhielt ich erstmal ein Lob, weil ich sofort und freiwillig für meinen Koffer bezahlte bzw. dass ich wusste, dass es so eine Regel gibt - Molodets!
Dann aber wurde ich drauf hingewiesen, dass die Bahn nicht nach Metallurg fuhr, also nicht zum Wohnheim, aber sie mir sagen würde, wo ich umsteigen musste. Das lag wohl am Glücksticket, das ich bekommen hatte.
Die Schaffnerin malte mir eine kleine Landkarte auf, und erklärte, dass ich den Bus Nummer 36 an der Haltestelle Magazin Podarki nehmen musste, denn Trolleybusse fuhren erst abends wieder. Ich kannte die Gegend und schleppte meinen Koffer an die entsprechende Haltestelle.
Der erste Bus war übervoll, wie es zu erwarten gewesen war, wenn weder Straßenbahnen noch Trolleys in diesem Stadtteil fuhren, und man darauf verzichtet hatte, mehr Busse als üblich auf den Weg zu schicken.
In den zweiten Bus drängte ich mich rein trotz der völligen Überfüllung hinein und hing mit dem Koffer in der Tür; eine ältere Frau griff danach und half beim Hineinziehen.
Es war ein Hin- und Hergedränge, und nach nur einer Haltestelle gab es plötzlich einen lauten Knall - der Bus hielt an, ein war Reifen geplatzt. Die wütende Fahrkartenverkäuferin warf alle Passagiere unter lautem Gezeter aus dem Bus, da sie uns alle die Schuld dafür zu geben schien.
Zum Glück waren wir nur noch ein paar Hundert Meter von der Haltestelle entfernt, an der ich hatte aussteigen wolle, und 500 Meter weiter befand sich schon das Wohnheim - ich musste nur irgendwie meinen Koffer über den Sand und die Wiesen schleifen.
Von der Wachtjorka am Eingang wurde ich sofort nach meiner Reise zum Baikalsee gefragt - die hatte ein gutes Gedächtnis.
Oben saß die Grimmige, mit der ich mich bei der Abreise um das Bettzeug gestritten hatte. Jetzt wollte sie mir kein Bettzeug geben. Ich beschloss, morgen im Auslandsamt danach fragen.
Wichtiger war nun zuerst - zu duschen, Haare zu waschen, die Reise-Klamotten zu verbrennen oder zumindest zum Waschen legen.
Dann packte ich erstmal den riesigen Haufen Souvenirs aus und überlegt, wem ich nun eigentlich was schenken wollte. Dabei überkam mich die Müdigkeit und ich beschloss, mich kurz ins Bett zu legen, war aber noch so geistesgegenwärtig, meine Wecker auf 17 Uhr zu stellen bevor ich wie ein Stein einschlief.
Mühsam rappelte ich mich von meinem Wecker erschreckt auf - nun war es wirklich Zeit, in den Supermarkt zu gehen, da ich nichts Essbares mehr im Zimmer hatte außer ein paar gelben Linsen, die stundenlang gekocht werden mussten und trotzdem noch hart blieben.
Zum Glück war es in Russland sonntags um 18 Uhr kein Problem einkaufen zu gehen. Daran hatte ich mich gerne gewöhnt. An die mangelnde Frische der Produkte allerdings eher weniger - die Kiwis hatte ich erst für Kartoffeln gehalten, weil sie so runzlig waren.
Es waren immer noch 19 Grad, während meine Eltern bei 5 Grad zitterten. Ich fühlte mich, als wäre ich im Sommerurlaub.
Das Wohnheim war sehr ruhig, wie bei meiner Abreise im Sommer. Der letzte Ägypter war abgereist, der Computerraum auf meinem Gang war zugesperrt, aber der zweite Raum war offen, und dort traf ich Miguel wieder, der aussah, als hätte er den ganzen Sommer nichts anderes gemacht, als hier am Computer zu sitzen. Dann traf ich auch noch den anderen Miguel aus Venezuela - den speziellen Freund von Zsolt. Er hatte mich von Couchsurfing wiedererkannt, wo wir uns vor Ewigkeiten einmal Nachrichten geschrieben hatten. Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich mich noch in Izhevsk befand.
Am späteren Abend folgte dann die größte Überraschung des Tages: Die Hexe brachte mir Bettwäsche ins Zimmer.



"die Verrückte in der Bahn, neben der niemand sitzen will" Der Grad ist schmal, du sprachst mit den Rucksacktouristen und sie ignorierten dich mehr oder weniger. Der Trinker sprach mit dir, du ignoriertest ihn Siehst du die Parallelen ;)
AntwortenLöschen Die Lollys schmecken nicht nach Wiese, sondern als würde man auf Stroh rumkauen ^^
"Service mausert sich", jetzt stürzt nur noch 1 von 3 Maschinen ab ;)
Haben die da auch einen offenen Ofen mit Fell davorliegend irgendwo im Flugzeug, wo das Teewasser - wie in den Zügen - gekocht wird? ^^
lol, haste jetzt politische Immunität, wenn du als Diplomat einreist? ^^
Musst du bei der Ein- und Ausreise eigentlich auch eine Deklaration deiner Sachen ausfüllen, auf russischen Vordrucken?
Jippy, das nächste Mal den ganzen Koffer voller Dosenbier füllen ^^
Holsten von Baltica? Klaut da jemand Marken? ;)
Ich würde ja meinen, das die Moskauer mehr mitbekommen was Putin macht, im Gegensatz zum Hinterland wo die Zeitungen nochmal umgeschrieben werden ;)
Der eine heißt German - waren ja zwei Deutsche da ;) Darf man nicht einfach so in Unis gehen in RU?
lol, jetzt weiß ich warum du mit in die Uni musstest, zum Hausaufgaben lösen :D
Du hast 16h durchgeschlafen im Zug?
Man muss für seine Koffer extra zahlen, wie lustig sind die denn ^^
Ja, ich fürchte, du hast Recht, ich bin nicht mehr der deutschen DIN-Norm entsprechend^^
AntwortenLöschenIch hab meine Kindheit damit verbracht, auf Wiesen zu grasen, ich bin mir relativ sicher, dass es nach Wiese schmeckt, nicht nach Stroh)
Du verwechselst das mit den Inlandsflügen)) Außerdem gibt es keine offiziellen Statistiken darüber;)
Wieder verwechselst du das mit den Inlandsflügen;)
Mal ausprobieren; ich werd mal ein Regierungsgebäude anzünden und davor warten und Würstchen im Feuer grillen. Mal sehn, was passiert.
Nein, das muss man nur, wenn man wirklich was zu verzollen hat. Zumindest glaube ich das *pfeif*
Wenn du kommst, wird erwartet, dass dein Koffer voller Dosenbier ist - hat Sina gesagt))
Ich glaube, da gibt es irgendein Abkommen...
Wie - es gibt keine Pressefreiheit bei uns? Wo hast du denn das gelesen?^^
Ja, darüber haben sie auch gescherzt. Warum gibt es eigentlich keinen deutschen Namen die "Deutschbert" oder so?
Nein, in Russland wird alles bewacht und man darf überall nur mit Erlaubnis rein...
Die hätte ich auch vorher lösen können, wenn sie nicht so lange geschlafen hätten...
Das ist normal; in den Zügen schläft man so schlecht, dass man eine doppelt so lange Ruhephase braucht.
Nur wenn er groß ist, der Koffer)) Zählt wahrscheinlich unter Kind oder Hund...