26.02.
Der Koffer schien Tonnen zu wiegen, als ich ihn den Bahnhofsberg über Schotter und Schneereste hinauf zerrte. Nur noch 3999,5 Kilometer.
Es hätte vielleicht noch mehr in den Koffer gepasst, nachdem ich es geschafft habe, einen Großteil meiner Socken in den Schuhen im Koffer unterzubringen, aber ich wollte ungern auf über 20 Kilo kommen. Die wirklich schweren Dinge wie Bücher sind im Handgepäck, sodass ich nun fast mein eigenes Gewicht in Gepäck mit mir herumtrage. Wäre es nicht schön, eine Ameise zu sein?
In Zwickau treffe ich wie verabredet auf Wowa, Olga und Dima. Im Gespräch höre ich immer wieder Neues über Russland, das mich in Erstaunen versetzt oder einfach nur akzeptiert werden muss.
Die Erkenntnisse kurz zusammengefasst:
- Züge fahren immer nach Moskauer Zeit, also GTM+3, selbst in Wladiwostok
- Nur in der Moskauer Zeitzone wird auf Sommerzeit umgestellt, der Rest des Landes bleibt bei Winterzeit.
- Studenten duzen sich untereinander. Russische Studenten haben auf Deutsch Mühe "Sie" und "ihr" auf Deutsch auseinander zu halten
- Professor redet man mit Vor- und Vatersname, aber ohne Titel an. Toll: Nun muss ich mir drei Namen pro Person merken, und das bei meinem schlechten Namensgedächtnis
- SIM-Karten müssen mit Reisepass registriert werden und kosten nichts außer jenem Geld, das darauf ist, normalerweise 100 Rubel (2,50 Euro?)
- Handytarife gelten nach Zeitzonen, so ist ein Anruf von Moskau nach Izhevsk fünfmal teurer als innerhalb der Stadt. Viel kostet es jedoch nicht, etwa 2,5 Cent pro Minute (der aktuelle Kurs ist mir nur ungefähr bekannt)
- Internet über Handy ist viel billiger als in Deutschland und wird gern auch ohne Flatrate genutzt
Am Flughafen Dresden angekommen, standen schon zwei Stunden vorher Leute am Aeroflot-Schalter Schlange, ohne dass jemand überhaupt am Schalter saß. Diese Anstell-Mentalität ist vermutlich noch ein Sowjeterbe. Wir setzten uns lieber in die Wartehalle. Olga stellte fest, dass sie viel zu viel Gepäck dabei hatte - dabei hatte sie schon ein 20-Kilogramm-Paket per Post nach Hause gesendet. Aeroflot erlaubte nur einen Koffer mit 20 Kilogramm und noch mal 10 Kilogramm Handgepäck. Kurzerhand bat sie eine Mitreisende, die wenig Gepäck hatte, ihre Tasche einchecken zu lassen. Ich hatte schon von der russischen Kollegialität gehört, aber es war dennoch ungewöhnlich anzusehen. Ein Deutscher hätte sicher vermutet, dass sich in dieser Tasche eine Mischung aus Drogen, Sprengstoff und radioaktivem Material befand, aber die Russin warf nicht mal einen Blick hinein.
Bei der Taschenkontrolle vom Flughafen wurden wir alle aufgefordert, unser Handgepäck auseinanderzunehmen. Wowa hatte ein Kraftsportgerät dabei, das auf den Monitoren wie eine Mischung aus Säge und Kalaschnikow aussah. Ich musste nur mein Notebook, Batterien und Ladegeräte herausnehmen und durfte alles wieder einstecken. McGyver hätte daraus eine Bombe bauen können.
Mich wunderte, dass so viele Menschen von Dresden nach Moskau wollten. Das Flugzeug war ein französisches Modell mit drei Sitzplätzen und zwei Sitzreihen. Es war ganz in den Farben blau-orange gehalten und machte einen recht vertrauenswürdigen Eindruck. Die Durchsagen verstand ich nicht, und erst nach der dritten wurde mir klar, dass es Englisch war, oder das, was der Kapitän für Englisch hielt. Macht nichts, die Maschine fliegt auch so ab. Die einzige deutsche Durchsage war eine Bandansage mit der überlebenswichtigen Information, dass die Beleuchtung beim Start ausgeschaltet wird und sich Leselampen über den Sitzen befinden.
Der kleine, usbekisch aussehende Steward wurde von allen ignoriert als er die Sicherheitsanweisungen demonstrierte. An seiner Uniform prangte das Emblem von Aeroflot, die es offensichtlich seit Sowjetzeiten nicht geändert hat - wie sonst sind Hammer und Sichel in dem Logo zu erklären? Vor uns saß ein auf russische Weise fröhlicher Mann, der Wowa in ein Gespräch verwickelte und ihm versuchte, ein Bonbon zu geben, das an Geschirrspüler-Tabs erinnerte.
Ich war noch nie im Winter geflogen und war fasziniert von der weißen Landschaft, aus der saubere Ecken hinaus geschnitten waren um darauf Ackerbau zu betreiben.
Das Essen wurde bald serviert; es war keine typisch russische Küche bis auf das einzeln abgepackte Drittelstück Schwarzbrot, denn ohne Brot gibt es in Russland kein Essen. Dazu gab es russische Butter, die ungesalzen war und viel rahmiger als die deutsche schmeckte, dann eine Scheibe dunkler Räucherschinken auf einer abgezählten Anzahl Salatstückchen. Eine Minisemmel, ein süßes Stück Kuchen... wenn ich so in Russland jeden Tag essen würde, könnte ich gut zunehmen.
Nach dem Essen bekamen alle Ausländer eine sogenannte Migrationskarte, die aus zwei Teilen bestand. In beide musste man die gleichen Daten wie Reisepass- und Visumnummer eintragen. Einen Teil gab man bei der Einreise ab, den anderen behielt man bis zur Ausreise. Die russischen Behörden lieben ihre Bürokratie, konnte ich schon vor der Reise erfahren. Zur Zarenzeit wurde sie von den Preußen in Russland eingeführt, und seitdem bläht sie sich unkontrolliert auf. Zum Glück habe ich selbst nur wenig damit zu tun - der meiste Papierkram wird vom Auslandsamt erledigt.
Es wurde schnell dunkel, da wir gen Osten flogen. Der Mond ging auf und spiegelte sich im Flügel unseres Flugzeugs. Dann setzten wir schon zur Landung an. Das Lichtermeer von Moskau fand nicht einmal am Horizont ein Ende. Die Hauptzufahrtsstraße fuhr hell wie ein Blitz in die verwaschenen Lichter der Metropole. Die Felder wirkten nicht so zerstückelt wie in Deutschland; ich war nicht mal sicher, ob es Felder waren, oder vielleicht doch Schnee- und eisbedecktes Wasser. Eine Spielzeugeisenbahn fuhr auf einer Brücke hinüber. Auch die Siedlungen wirkten wie auf die Eisenbahnplatte hinauf geklebt: Sehr akkurat, rechteckig und in regelmäßigen Abstanden von Straßenlampen erhellt. Es gab dem ganzen eine festliche, fast weihnachtliche Stimmung.
Die Häuser in den Siedlungen waren so weit voneinander entfernt, dass es schwer war einzuschätzen, wie weit wir tatsächlich vom Boden entfernt waren, bis wir darauf aufsetzten.
In Moskau waren +2 Grad als wir 18:40 Ortszeit landeten. Der Schnee lag nicht mehr sehr hoch, dafür war es glatt auf dem Flugfeld. Ich schien die einzige zu sein, die davon überrascht war.
Der Moskauer Sheremetjewo-2-Flughafen wirkte chaotisch, und vor der Passkontrolle waren keine erkennbaren Warteschlangen, sondern eher ein Mob. Meine drei Begleiter verschwanden im Mob für Einwohner der russischen Föderation und ich stellte mich irgendwo dazu. Die meisten Leute in meiner Umgebung sprachen russisch; wahrscheinlich waren sehr viele Auswanderer auf dem Weg zu Verwandten in der Weite Russlands.
Am Gepäckband war für mich erst kein System zu erkennen, nach dem die Koffer verteilt waren, manche lagen auch einfach auf einem gestoppten Band. Daneben lag eine zerbrochene Bierflasche. Nach einer Weile stießen die anderen wieder zu mir, die viel länger an der Passkontrolle hatten warten müssen. Bald erschienen auch unsere Koffer auf dem Band, und ohne weitere Kontrollen kamen wir aus dem Flughafengebäude hinaus. Der Expresszug mit Anschluss an das Metronetz fuhr für 250 Rubel jede Stunde, und so mussten wir uns beeilen, ihn noch zu erreichen. Er fuhr zwar gegenüber vom Flughafen ab, aber die Entfernungen sind in Russland so groß, dass man gut und gern einen Kilometer bis dahin lief. Wie weitläufig es wirklich war, sollte ich erst am Ende des Tages an den Schwielen an meinen Händen ablesen könnten, denn es war nicht damit getan, zum Weißrussischen Bahnhof zu fahren: Dort mussten wir in die Metro zum Kasan-Bahnhof umsteigen.
Obwohl Moskau eine Stadt riesiger voller Prunkbauten ist, hat sie meiner Meinung durch die Verwestlichung etwas von ihrer Besonderheit verloren; überall leuchten Neonreklamen, und an Starbucks reihen sich Dönerbuden und Fastfood-Läden. Nur die unebenen Fußwege voller Schlaglöcher erinnern noch an das Sowjet-Erbe. Das dachte ich zumindest - bis ich die Metro betrat. Die U-Bahnstationen sind unterirdische Paläste, jede prachtvoller als die nächste. Und ich traute meinen Augen nicht, als ich nach oben sah und Lenin erblickte, der gerade eine Rede hielt. Ich glaube, es war ein Mosaik, und in einer Ecke davon standen klar die Buchstaben CCCP (oder zu gut Deutsch: UdSSR), eingerahmt von Hammer und Sichel. Ich konnte nicht lange verweilen um es weiter zu betrachten, denn die Menschenmassen drängten uns die Rolltreppen hinunter zu den Metrozügen. Wir passten kaum hinein. Ich war froh, rechtzeitig vor dem Schließen der Türen einen Platz gefunden zu haben, der sich nicht direkt zwischen den Türen befand. Die Erinnerung an den Metro-Vorfall in Taschkent wurde wieder in mir wach, als die Türen blitzschnell aufeinander zukrachten.
Insgesamt hatte es über eine Stunde gedauert, durch Moskau zu kommen, aber endlich hatten wir den Bahnhof erreicht, der nach der Stadt Kasan benannt war. Der Name jedes Bahnhofs deutet an, in welche Richtung die Züge fuhren.
Es gab viele Säufer an den Bahnhöfen; einer holte uns auf der Rolltreppe ein und bot an, für ein paar Rubel unser Gepäck zu tragen. Meine Begleiter ignorieren ihn jedoch nicht einfach, sondern versuchten ihn mit freundlichen Worten loszuwerden, was auch funktionierte.
Die Bahnhofshalle war ein schönes, altes Bauwerk, aber leider waren auch die Toiletten sehr alt und keineswegs schön. Es kostete 20 Rubel (50 Cent), auf so ein Loch zu gehen, neben dem es nur einen Papierkorb für das Klopapier gab, das man sich draußen hatte holen müssen. Es war wirklich nicht mehr als ein Loch, das links und rechts erhöht war, und es erforderte für eine Frau Geschick und Konzentration, die richtige Position zu finden, ohne die Kleidung zu beschmutzen oder auszurutschen und hineinzufallen. Im Ekel-Faktor wurden diese Toiletten nur noch von denen im Zug übertroffen.
Aber zunächst gingen wir abwechselnd zu zweit einkaufen, während die anderen die Koffer bewachten. Wir brauchten Proviant für die lange Zugreise.
Es gab einen Supermarkt wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt, wo ich sogleich Geld abheben konnte. Es war seltsam, das Obst nicht in europäischen Normgrößen vorzufinden; alles, was Orange war, egal von welcher Größe und Konsistenz, wurde ohne Unterschiede als Orange in einer Kiste gelagert und zusammen verkauft. Das Obst war weder makellos noch poliert, und ich würde fast glauben, dass es Bio-Obst sei, wenn ich nicht vermuten würde, dass in Russland alles auf die Felder geschüttet wird, was nicht die Pflanzen selbst umbringt - ganz ohne EU-Normen.
Erst kurz vor Mitternacht fuhr unser Zug ab. Er hatte über 20 Wagons, und wir mussten bis fast ganz an den Anfang laufen, zu Wagon 3. In den Fenstern standen Schilder mit dem jeweiligen Ziel des Wagons, und im Laufe der Fahrt würden immer mehr abkoppelt werden und nur ein verkürzter Zug weiterfahren. Wir mussten noch eine Weile davorstehen, bis unser Wagon öffnete. Es roch nach Feuerwerk.
Beim Einstieg wurden die Pässe und Tickets von der Wagon-Begleiterin kontrolliert. Wir waren die einzigen, die ein Internet-Ticket gekauft hatten und wurden nach der Klärung des Sachverhalts einfach durchgelassen. Als ich einstieg, wurde ich gleich von einem nach draußen stürmenden Mann Ende 20 nach draußen gedrängt, wo er sich übergab und dann bedanke, dass ich ihn durchgelassen habe. Zumindest Manieren haben die Alkoholiker in Russland. Olga meinte, dass sie wie in Deutschland gerne Zug fuhren. Das war auch nicht unsere letzte Begegnung mit diesem Mann; er war fest davon überzeugt, dass er unser Abteil reserviert hatte. Beim Blick auf das Ticket des Mannes stellte Wowa fest, dass es weder die richtige Abfahrtszeit, noch ein Ticket Richtung Kasan war, sondern nach Moskau war. Trotzdem war es schwer, ihn loszuwerden. Ich glaube, am Ende begleitete ihn die Wagon-Verantwortliche nach draußen.
Ein anderer Mann hatte es auf Olga abgesehen; wenn ich es recht verstand, wollte er sie unbekannterweise auf seine Datsche einladen, was nichts anderes hieß, als dass er mit ihr schlafen wollte. Mir war es völlig unverständlich, wie sie ihn so unglaublich freundlich abwimmeln konnte. Ich hätte in der Situation sicher schon zu einigen unfreundlicheren Worten gegriffen. Vermutlich war es die russische Geduld, die mir fehlte.
Pro Abteil gab es vier Liegeplätze, zwei davon unten, auf den sich gegenüber liegenden Sitzreihen, und je eine gepolsterte Liege obendrüber. Darüber befand ich jeweils noch ein Metallbrett für die Koffer. Decken und frische Bettwäsche waren im Preis von 21 Euro inbegriffen und lagen zusammengerollt auf den oberen Liegen. Gut, meine Decke war nicht so frisch, aber die Blutflecke konnte man mit dem Bettbezug überdecken. Wobei es noch nicht mal ein Bettbezug war, sondern wie in Russland üblich, ein Laken, das über die Decke gelegt wurde, mit der man sich nicht zudeckte, sondern darauf legte. Ein weiteres, dünnes Laken wurde als Zudecke verwendet.
Gleich nach dem Verlassen des Bahnhofs machten es sich alle Leute gemütlich. Jeder hatte bequeme Kleidung und Waschbeutel griffbereit, oder lief in Unterhose umher.
Es war sehr stickig und warm im Zug. Beim Versuch, das Fenster zu öffnen, fiel die Gardinenstange samt Gardinen hinunter. Aber die Züge waren besser geworden als vor einem halben Jahr, stellten meine Begleiter fest. Auf der Hinfahrt klemmte das Fenster nämlich und ließ sich gar nicht mehr schließen, außerdem waren Polster zum Anlehnen im Sitzen angebracht worden, stellten sie erfreut fest.
Nur die Toilette war noch immer kein Ort zum Verweilen geworden. Sie erinnerte von der Form zwar an unsere westlichen Zugtoiletten, aber benutzt wurde sie... ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie jemand sie benutzt haben muss um sie in diesem Zustand zu hinterlassen. Olga schlug vor, sich auf das Klo hinauf zu stellen statt zu setzen, oder einfach ein anderes zu suchen.
Durch die Zeitverschiebung war es schon nach Mitternacht und so ging der Tag zu Ende, als es sich vor Erschöpfung gehörte, dass er zu Ende ging.
"Wie cool", dachte ich noch, "ich fahre Eisenbahn durch Russland mit netten Bekannten und der Gemütlichkeit selbst". Ist ja ein Traum jedes Russlandnarrens. Schneebedeckte Landschaften, gelegentlich ein Haus, namenlose Bahnhöfe, Zeltlagerstimmung unter den Betten. Musik kam zwar nicht von einer Gitarre, aber aus dem Radio. Einige Reisende schliefen schon, doch viele reden noch mit ihren Sitznachbarn. Wir hatten unsere Betten fertiggemacht und krochen einer nach dem anderen in unser Bett. Ich schlief unten, denn ich erinnerte mich noch gut an die Unmöglichkeit, im schwankenden Zug auf einer schwankenden Liege zwei Meter über dem Boden zu schlafen...
27.02.
Die Nacht hatte ich erstaunlich gut überstanden, von russischem Stimmengewirr und Gesängen begleitet, von entgegenkommenden Zügen und herunterfallenden Gegenständen gelegentlich aufgeweckt. Ein wiederkehrendes Geräusch hatte sich in meinen Traum eingewebt. Es war nach 12 Uhr, und immer noch schliefen viele. Aber eigentlich hatte ich keine Ahnung, wie spät es wirklich war, weil ich nicht wusste, in welcher Zeitzone wir gerade waren. Selbst wenn wir an einem großen Bahnhof mit Uhr gehalten hätten, hätte daran die Moskauer Zeit gestanden.
Ich sah mich um. Ich sah den Zug zum ersten Mal im Hellen und machte einige Fotos. Schnatternde Frauen sagten sich die Zukunft voraus, glaube ich, aber ich habe auch von vielen Wörtern die Bedeutung vergessen. Manchmal hörte ich Leute über mich reden, die Deutsche. Mit meinen Begleitern sprach ich immer auf Deutsch und musste konsequenterweise auffallen. Verkäufer aus den umliegenden Städten stiegen an den wenigen Stationen ein und liefen mit selbstgestrickten Schals und anderen Strickwaren zum Verkauf durch den Zug; andere hatten Importspielzeug aus China dabei; glaube nicht, dass sie ein Ticket hatten. Musiker zahlen auch nicht für die Öffentlichen, wenn sie dabei Musik machten, meinte Wowa.
Draußen zogen langsam die Dörfer vorbei, und überraschend schön waren die Bahnhöfe und die kleinen bunten Ziegelhäuser entlang der Bahnstecke. Ein dutzend Arbeiter in orangefarbener Kleidung stand an einem Fleck und schaute uns nach. Sie bauten oder reparierten eine Bahnstrecke, oder vielleicht taten sie auch nur so. Neben uns begannen zwei Frauen zu singen. Wowa bemerkte, dass sie einen neuen Text auf ein altes Studentenlied dichteten. Für eine Veranstaltung. Er schnitt eine Grimasse. Am Ende konnten wir alle fast mitsingen.
Es sollten noch Stunden bis zur Ankunft in Agryz vergehen, aber es wurde doch langsam Zeit, aufzustehen. Meine Schuhe waren noch da, andere Wertsachen auch. So viel zu den alten Geschichten, die man vor der Abreise von allen Seiten hört. Nur meine Oma sollte mit einer Geschichte Recht behalten: Es gab noch echte Kohleöfen um Zug, mit denen Wasser im Samowar erhitzt wurde, und an dem sich jeder kostenlos bedienen konnte. Wir füllten unsere Fertiggerichte mit Wasser auf; viele holten sich das Wasser für einen Tee. Kaffee brauchte hier selbst nach so einer Nacht niemand.
Es kam bald wieder Leben in den Zug, und bald hielten wir am Bahnhof von Kasan, der Hauptstadt der Teilrepublik Tatarstan. Wir hatten hier 40 Minuten Aufenthalt und damit genug Zeit unsere Beine zu vertreten und gingen am Bahnhof spazieren. In den Souvenirläden gab es den Koran zu kaufen, darunter hingen Kühlschrankmagneten mit dem Bild einer Moschee. Olga erzählte, dass hier der muslimische Glaube sehr verbreitet war. Auch ihre Großmutter stammte aus Tatarstan, und Olga sagte, dass auch sie offiziell Muslimin war. Nur hat man in den russischen Großstädten mit Religion nicht mehr viel am Hut. Aber sie konnte die alten Rezepte ihrer Großmutter noch und erzählte von dreieckigen herzhaften Teigtaschen. Ich beschloss, in diesem Semester auch Kasan noch einmal zu besuchen.
Es war das Gerücht umgegangen, dass ein Riesenhund im Wagon mitfuhr. Erst hier in Kasan sah ich ihn auf dem Bahnhof und war im Nachhinein ziemlich froh, dass ich keine nächtliche Begegnung mit ihm hatte.
Es wurde Zeit zurückzukehren, auch wenn die Gelenke noch steif waren und der Muskelkater den Rest des Körpers fest im Griff hatte. Auf dem Bahnsteig kamen uns Frauen in Röcken entgegen und wünschten uns eine glückliche Weiterreise. "Zigeuner", erklärten mir die anderen.
Die restlichen Wagons hinter uns wurden abgekoppelt. Die Reise näherte sich dem Ende.
Wenn es nach mir ginge, hätte sie nie enden sollen. Ich hatte meine Origami-Blätter gefunden und begann gegen die Nervosität zu basteln. Dima sah interessiert zu und bald bastelte er mit. Olga hatte noch eine Runde geschlafen und fing dann auch das Falten der Blätter an. Bis wir in Agryz ankamen, war der ganze Tisch voller Origami-Sterne.
Ich wollte wirklich nicht, dass die Reise jemals endete, denn die Reise war ein Spaß gewesen, aber nun spürte ich, wie der Ernst begann. Zum ersten Mal würde ich wirklich allein in Russland sein.
Der Zug hielt. Es war schon dunkel geworden. Die meisten Reisenden drängten nach draußen um ihre Familien in die Arme zu schließen. Wowa sagte, ich solle eben warten und dann würde er mit dem restlichen Gepäck helfen. Die Minuten krochen langsam dahin ohne dass jemand zurück kam. Ich überlegte schon, was ich machen sollte, wenn der Zug abfuhr und ich noch darin war. Aber einfach aussteigen wollte ich auch nicht, denn Olga und Wowa hatten noch Gepäck hierstehen. So geduldete ich mich bis sie wiederkamen. Mittlerweile hatten sie es auch recht eilig. Draußen machte mich Wowa kurz mit seinen Freunden bekannt. Es herrschte das allgemeine Chaos des Aufbruchs.
Wir sollten fast eine Stunde von Bahnhof von Agryz bis in die Innenstadt von Ischewsk fahren. Alle Bahnhöfe schienen außerhalb der Stadt zu liegen, deshalb war es umso unvermeidlicher, mit dem Auto abgeholt zu werden. Dima und Olga wurden von ihren Familien abgeholt, und ich fuhr bei Wowas Freunden mit. Die Koffer passten nicht beide in den Kofferraum, deshalb kam einer auf den Rücksitz und wir beide die wie Sardinen daneben. Anschnallen war kaum machbar in dieser Lage, deshalb hoffte ich, dass es auch so ging, und wirklich begegnete uns nur ein einziges Mal die Miliz auf der Straße, die uns jedoch durchwinkte.
Ich hatte immer noch nicht das Gefühl, in der Realität angelangt zu sein. Wahrscheinlich bin ich im Zug nach Leipzig eingeschlafen und träumte nur dieses wahnwitzige Abenteuer, in dem alle in einer seltsamen Sprache redeten und die Rs falsch herum schrieben. Aus dem Radio kam russischer Hip Hop. Kurz hatte ich ein Lied von Zemfira erkannt, bevor Lev den Sender wechselte. Dies gab mir mehr Bewusstsein, in Russland angelangt zu sein als sämtliche Ortswegweiser, die es mir Schwarz auf Weiß - oder besser weiß auf blau - darboten. Perm lag ganz in der Nähe, schlappe 345 Kilometer entfernt. Izhevsk nur noch zwei.
Viel konnte ich im Dunkeln nicht ausmachen: Kompakte rote Straßenbahnen, Cafés mit Leuchtreklamen, verdreckte Autos zwischen Schneeresten. Nach einer langen Fahrt bogen wir in das Campusgelände ein, auf dem das Wohnheim für Ausländer lag. Wir parkten an einem Gebäude und mussten noch ein Stück über verschneite Wege um das Haus herum gehen. Die Tür erinnerte an einem Verschlag, bestand aus braun gestrichenem Metall und klatschte zu wie ein Containerdeckel. Eine weitere Tür dieser Machart folgte nach einem kurzen Gang und danach gelangten wir in die - nennen wir es mal... Empfangshalle. Wowas Freund Dima (ein anderer Dima) war der Bruder einer Auslandsamtmitarbeiterin und über alles informiert. Im Gegensatz zu den beiden älteren Damen an der "Rezeption", die für das Wohnheim verantwortlich waren. Erwartet wurde niemand, aber zum Glück hatte ich die drei Russen, die die Sache für mich regelten... das klingt jetzt brutaler als es war. Wowa rief Sergey vom Auslandsamt an, und währenddessen klärte sich alles. Eine der Frauen bat mich, ihr zu folgen. Ich fühlte mich schon wieder leicht ums Herz - bis ich aufgefordert wurde, den Fahrstuhl zu betreten. Da rutschte es mir in die Hose. Zu fünft mit Koffer passten wir kaum in den winzigen Aufzug aus Sowjetzeiten, der merklich nach unten absackte, als wir in betragen. Quietschend schlossen sich die Türen und die anderen grinsten mich an; ich muss wie ein verschrecktes Reh vor einem herannahenden Fahrzeug ausgesehen haben. Wie so ein Reh wollte ich aus der Gefahr springen, konnte es jedoch nicht. Neunter Stock, sagte die Frau.
Das Tastenfeld aus bester Sowjetzeit war teilweise zusammengeschmolzen oder abgebrochen, sodass die obere Stockwerke nicht mehr anwählbar waren, aber dafür stand neben den Schaltern für Etage 1 bis 5 mit Edding geschrieben, dass es nun die Tastenfelder für die Etagen 1, 3, 5, 8 und 9 waren. Das Feld mit den nicht funktionierenden Tasten war rot eingekreist mit dem Vermerk "funktionieren nicht". Das laute Ächzen, Quietschen und Krachen war eindeutig Fahrstuhlsprache für "ich mach hier nicht mehr lange mit". Und ich beschloss, dass es eine wunderbare Gelegenheit sei, fit zu bleiben, wenn ich die 9 Etagen einfach immer zu Fuß ginge.
Eine kleine Treppe führte in einen Korridor, an dessen Anfang ein Rezeptionstisch aufgebaut war. Eine Schachtel mit Schlüsseln lag darauf. Die Frau, die uns hochgebracht hatte, verschwand, dafür nahm sich die Etagenfrau uns an. Sie redete auf mich ein und ich verstand nur die Hälfte. Zum Glück war Wowa zum Vermitteln dabei. Den Reisepass zum Registrieren brauchte sie, aber bevor jemand überhaupt ihre heilige Halle betreten durfte, musste er oder sie die Schuhe ausziehen und in dem langen Regal unterbringen. Die Jungs waren eigentlich überhaupt nicht in meinem Zimmer erlaubt ohne ein Formular auszufüllen und im Auslandsamt zum Unterschreiben vorzulegen. Eine Ausnahme machte sie für das Hinaufbringen des Koffers ins Zimmer. Sie nahm den Schlüssel für das Zimmer 6/12 und zeigte uns alles: Die geräumige Gemeinschaftsküche mit Ofen, Mikrowelle und allem, was man in einer Küche eben so brauchte. Daneben befand sich der Wäscheraum mit zwei Waschmaschinen und Aufsteller zum Trocknenlassen der Wäsche. Die Terminologie muss ich mir noch aneignen, wenn ich mich in die Wissenschaft des Wäschewaschens einarbeite. Desweiteren gab es ein Computerzimmer mit drei laufenden Rechnern, an denen niemand saß, und Einzelteilen auf dem Boden. Auf einem Schreibtisch stand eine Plastikschale um das durch die Decke tropfende Wasser aufzufangen.
Wowa hatte meinen Koffer in meinem zukünftigen Zimmer abgestellt und bestand nun darauf, noch schnell einkaufen zu gehen, da nur noch Brot von der Zugfahrt übrig geblieben war. Es war kurz vor 21 Uhr, Ladenschluss, aber wir beeilten uns und kamen noch rechtzeitig in den kleinen Kiosk unterhalb des Wohnheims. Es gab alles, was Studenten zum Überleben brauchten, vor allem eine große Auswahl alkoholischer Getränke. Ich wählte wahllos irgendetwas Essbares aus und stellte bei Auspacken fest, dass ich ganz gut zugegriffen hatte. Geräucherte Makrele war dabei, Kirschjoghurt und Vollmilch. Es hätte auch Trockenfisch und Kefir sein können, die sich von außen nicht sehr davon unterschieden, und sich in Russland noch größerer Beliebtheit erfreuten.
Es war nun Zeit sich zu verabschieden. Sie kamen noch eben bis zum Korridor, der zu meinem Zimmer führte und wir verabredeten uns für morgen. Dann war ich allein mit der Etagen-Frau. Sie lächelte und nickte, und ich nahm meinen Schlüssel aus dem Kasten vom Rezeptionstisch.
Mein eigenes Zimmer war sehr komfortabel und luxuriös wie ein Hotelzimmer mit eigenem Kühlschrank und Fernseher, großem Fenster, einem schweren Kleiderschrank und einem Regal, dessen Hinterwand herausgebrochen und nur gegen eine Matratze an die Wand gelehnt war. Es standen drei Betten im Zimmer, aber mir wurde gesagt, dass ich keine weiteren Mitbewohner bekommen würde. Dieses Zimmer befand sich in einer Art Apartment-Einheit mit einem weiteren Zimmer für mehrere Personen, einem WC in einem Extraraum sowie eine Dusche in einem weiteren Raum, deren Tür jedoch fest verschlossen war, ohne dass sich jemand darin befand. Statt sich öffnen zu lassen, fiel die Türklinke ab. Die Etagenfrau verschwand um ein Messer zu holen, das sie in den Spalt zwischen Tür und Rahmen in Höhe des Schlosses steckte und stemmte die Tür mit einiger Mühe auf. Benutzt musste die Dusche jedoch schon mal worden sein, denn es herrschte das reinste Chaos darin. Ich bedankte mich, und die Frau zeigte mir noch, wie ich die Türen ohne Schlüssel abschließen konnte und sollte, wenn ich den Raum verließ. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, nun allein. Überlegte es mir anders und klopfte bei meiner Zimmernachbarin, unbekannterseits. Niemand öffnete, obwohl von irgendwoher Geräusche kamen. Die Wände waren dünn, das könnte von überall herkommen.
Ich steckte den Kühlschrank an. Er begann schnurrend zu arbeiten, doch nach kurzer Zeit begann er zu krächzen und zu rattern, als wäre darin ein Poltergeist erwacht. Ich beschloss abzuwarten und tatsächlich hörte es nach wenigen Minuten auf. Nur um wieder zu beginnen, wenn der Kühlschrank nachkühlte. Es gab keinen Temperaturregler um ihn auf eine weniger energiefressende Stufe zu stellen. Das erinnerte mich daran, dass ich gelesen hatte, dass es an russischen Heizungen keine Temperaturregler gäbe. Ich sah nach und tatsächlich, es wurde zentral beheizt ohne die Möglichkeit, die Raumtemperatur selbst einzustellen. Selbst für meine Empfinden war es sehr warm im Zimmer, die Heizung kochte und gab mir einen winzigen elektrischen Schlag, als ich sie anfasste. Es stimmte wirklich, was man sich erzählte: Die Raumtemperatur musste mit dem Öffnen der Fenster geregelt werden. Der Umweltschützer in mir schüttelte traurig den Kopf. Auch schien das Licht überall ständig zu brennen. Und wir diskutieren in Deutschland darüber, dass man Geräte nicht auf Standby lassen sondern ganz ausschalten sollte. Russland pfeift auf dem Umweltschutz. Genug Energiereserven haben sie ja. Bekanntermaßen kommt es ja erst zum Umdenken, wenn sich diese dem Ende zuneigen. Oder in Sibirien Palmen wachsen. Im Moment sah es jedoch sehr unwahrscheinlich aus. Alles war schneebedeckt. Mein Fenster sah auf den Hof hinaus, der durch eine Straße von zwei wunderschön angestrahlten Gebäuden getrennt war. Das eine trug die riesigen blauen Neonbuchstaben KOMOS und war beleuchtet wie ein Rathaus; das andere bot eine farblich wechselnde Lasershow, und ein leuchtender Turm ragte in den Himmel. Vorhin hatte Wowa gesagt, es sei der Fernsehturm.
Das Fensterbrett war breit genug um darauf zu sitzen und gemütlich zu lesen oder zu schreiben. Doch ich sollte langsam die Koffer auspacken. Ich stellte fest, dass ich das Falsche eingepackt hatte: Es gab einen Wasserkocher, Tasse und Löffel, aber keine Kleiderbügel im Schrank.
Jeder Gegenstand hatte eine Inventarnummer, mit wasserfestem Stift daran geschrieben.
Ich probierte, ob es ein offenes Netzwerk gab, über das ich ins Internet gehen konnte, aber es war leider geschützt. Erst am Montag würde ich wahrscheinlich im Auslandsamt den Internetanschluss beantragen können.
Derweil gab es ja den Computerraum, vielleicht sogar ein Netzwerkkabel, an das ich mein Notebook hängen konnte.
Der Raum war dunkel, die Tür geschlossen. Ich ging hinein und zog die Tür hinter mir zu. Das war ein Fehler. Als ich wieder hinausgehen wollte, blieb mir die Tür verschlossen. Die Türklinke ließ sich um 350 Grad in beide Richtungen drehen, aber die Tür gab nicht nach. Ich klopfte und rief, ob mich jemand höre, und versuchte weiter die Tür aufzustemmen. Ein Messer hatte ich nicht dabei, aber vielleicht sollte man sagen, dass es zur Grundausstattung von Studenten in diesem Wohnheim gehören sollte. Erst nach einigen Minuten regte sich etwas auf der anderen Seite. Nach wenigen Handgriffen öffnete sich die Tür und ein hochgewachsener, wahrscheinlich südamerikanischer Student mit Fleischermesser stand grimmig in der Tür. Ich konnte nur noch "Gott sei Dank!" stammeln, nickte erleichtert der Etagenfrau zu und verschwand in meinem Zimmer, wo ich mich aufs Bett warf und beschloss, dass ich erst einmal genug Abenteuer für heute und die nächste Woche erlebt hatte.
Diesmal ist das Gefühl der Disorientierung und Zeitlosigkeit ganz besonders heftig. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, und jede meiner Uhren zeigt eine andere Zeit an. Internet habe ich ja auch keins. Wahrscheinlich ist es Mitternacht. Die Neonreklame vor meinem Fenster ist erloschen. Ich weiß nicht, ob ich mich müde fühlen soll oder nicht. In meinem Kopf spuken russische Wörter ohne Bedeutung. Der Poltergeist im Kühlschrank klappert und irgendjemand hantiert mit einer Bohrmaschine. Es verspricht noch ein wahres Abenteuer zu werden, zumindest für meine Nerven. Durch die Zimmerwand höre ich den Fernseher meiner Zimmernachbarin. Sie heiß Mascha, war Medizinstudentin und sofort wieder verschwunden, nachdem ich sie endlich kennengelernt hatte.
Zur Entspannung, dachte ich, wäre ein Tee nicht schlecht. Ich musste das Kabel des Kühlschranks herausziehen um eine Steckdose für meinen Wasserkocher zu haben. Morgen muss ich eine Mehrfachsteckleiste kaufen, dann brauche ich auch keinen Bücherstapel mehr um meinen Wasserkocher hoch genug stellen zu können, dass er die Steckdose erreicht. Das Wasser aus der Leitung roch nach Sumpf. Ich ließ es eine Weile laufen ohne dass sich viel änderte. Es machte selbst abgekocht keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Wenn du das liest, habe ich lange genug überlebt, dass ich diesen Eintrag ins Internet stellen konnte.
Doch der Koffer ist ausgepackt und auf dem Schrank verstaut, das heißt, ich bleibe trotz aller Unannehmlichkeiten. Wenigstens gab es warmes Wasser und Klopapier. Man muss hier lernen, bescheidener zu werden.
Ich kann nicht schlafen, meine innere Uhr steht immer noch auf GTM+1, also Berliner Zeit, statt auf GTM+4. Ich bin zwar unheimlich müde von der 38-Stunden-Reise, aber zu aufgekratzt um zu schlafen. Außerdem ist es sehr gewöhnungsbedürftig, als Bettdecke nur ein Laken zu haben.
28.02.
Ich weiß nicht, ob es der Jetlag, der Tee oder der Kühlschrankpoltergeist war, oder alles zusammen, aber ich fühle mich wie gerädert. Draußen schneit es leicht und die gestern so bunt leuchtenden und modern wirkenden Gebäude entpuppen sich als Sowjetzeit-Plattenbauten in tristem Grau, dem mit roter Farbe versucht wurde eine andere Nuance zu geben. Ich lege ein Album der Beatles ein um die Triste zu brechen und hänge meine mitgebrachten Postkarten aus aller Welt auf, die das kahle Zimmer gleich viel wohnlicher machen.
Ich vermisse noch das Hochgefühl, wie ich es damals bei meiner Ankunft in Den Haag hatte: Das Gefühl, in meiner neuen Heimat, dem schönsten Ort der Welt, angekommen zu sein. Damals sah ich aus dem hohen Fenster auf die Straße hinunter, genau wie jetzt. Doch statt der regenverwaschenen Straße, in der sich bunte Lichter spiegelten, sehe ich hier auf zwei Häuser und schneebedeckte Landschaft, durch die ein Pfad führt. Eine Frau mit Pelzmütze und ihr Sohn gehen dort spazieren. Der Junge zieht nur eine Leine hinter sich her. Sein Hund kommt zurück gelaufen und der Junge schlägt ihn leicht mit der Leine. Die Mutter steht regungslos daneben. Der Schneeberg auf meinem Fensterbrett wird immer höher und die Beatles singen "its getting better".
Wowa hatte mir seine SIM-Karte dagelassen, dass ich ihn billig anrufen konnte. Wir wollten uns heute noch einmal treffen, dass er mir alles zeigen kann, und um vielleicht noch einmal zusammen einkaufen gehen. Gegen 13 Uhr raffte ich mich auf, ihn anzurufen. Eigentlich wollte ich das Zimmer gar nicht verlassen. Niemand ging ran, so schrieb ich weiter an meinem Reisetagebuch. Ich versuchte noch zwei Mal in den nächsten Stunden, dann bekam ich ihn an die Leitung. Er hatte bei einem Kraftsport-Turnier mitgemacht und den zweiten Platz erhalten. Ich denke, er hatte gut mit unseren Koffern trainiert, die er für Olga und mich die Treppen hoch- und runtergetragen, sowie in Züge hinein- und hinausgehievt hatte.
Er wollte in einer Stunde am Wohnheim vorbeischauen, deswegen überraschte es mich nur wenig, dass die Etagen-Frau an meine Zimmertür klopfte und meinte, ein junger Mann wartete auf mich. Umso überraschter war ich, als dort nicht Wowa stand, sondern Iwan, der letztes Jahr als Austauschstudent zusammen mit Ilya in Zwickau gewesen war. Ilya hatte ihn auch geschickt um bei mir nach dem Rechten zu sehen. Er selbst hatte in Nischni-Nowgorod hunderte von Kilometern entfernt Arbeit gefunden, sonst wäre er selbst gekommen.
Nun stand ich einmal angezogen im Korridor, also gingen wir zusammen nach draußen. Ilya hatte Iwan aus einem bestimmten Grund geschickt: Er sollte mir zeigen, wo ich eine russische SIM-Karte kaufen konnte. Wir standen gerade unten vor der Wohnheimtür, als auch Wowa auftauchte. Die beiden kannten sich noch nicht, aber knüpften gern den neuen Kontakt. Sofort wurden Handynummern ausgetauscht, dann meinte Wowa, dass ich die geliehene SIM-Karte gerne behalten konnte, und so wurde ich auch in den Prozess des Nummernaustauschs mit einbezogen. So gingen wir zu dritt los zum Geldholen und Einkaufen, erst über den Campus, dann hinaus auf die Hauptstraße, die von O-Bus-Leitungen überspannt war. Es dauerte nicht lange, da hatte ich die Orientierung schon wieder verloren. Es war schwer, sich markante Gebäude auszusuchen, anhand derer man sich den Weg merken könnte, denn dieser Teil der Stadt bestand praktisch nur aus Plattenbau-Blöcken.
Der erste Geldautomat noch auf dem Campus hatte meine Karte ausgespuckt und weigerte sich, mir Geld auszuzahlen, dafür kannten sie einen anderen Automaten, in irgendeiner anderen Straße, die genau wie diese aussah, nur dass sie Schulstraße hieß und einen Bankautomaten besaß, vor dem schon eine lange Schlage stand. Dort bekam ich 2000 Rubel ohne Probleme und konnte Wowa das Geld zurückzahlen, das er mir ausgeliehen hatte, plus das Geld auf der SIM-Karte.
Ich habe noch absolut kein Gefühl für den Wert des Rubels, und im Supermarkt packte ich einfach ein, was gut aussah. Die Lebenshaltungskosten waren in Russland sowieso niedriger als in Deutschland, und in Supermärkten könne ich auch mit Kreditkarte zahlen, sagte Wowa.
Ich war richtig froh darüber, die beiden starken Jungs bei mir zu haben, so konnte ich gleich den Wocheneinkauf machen. Ich wollte nicht zu viel Frisches kaufen, weil ich nicht wusste, wie lang der Kühlschrank noch durchhalten würde, oder wie lange ich noch durchhalten würde, Nacht für Nacht diesen Kühlschrank hören zu müssen. Dummerweise hatte ich keinen Dosenöffner und es gab nur wenige Dosen, die Aufziehlaschen besaßen. Morgen war Montag, dann würde ich vielleicht einen Laden finden, der diese Haushaltswaren verkauft. Muss nur noch herausfinden, was "Haushaltswaren" auf Russisch heißt und wo sich so ein Laden befand, wenn so etwas überhaupt in dieser Form existierte.
Viele, viele Süßigkeiten lagen in den Regalen. Ich ließ mir von beiden Jungs etwas empfehlen, obwohl ich sicher war, dass ich alle diese Süßigkeiten durchprobieren würde, denn keiner verstand es so gut, Süßigkeiten herzustellen wie die Russen. Das einzige, was Russen noch mehr zu lieben scheinen, ist Eiscreme im Winter. Wowa holte sich eine riesige Portion Pistazieneis und lachte über mein ungläubiges Gesicht.
Iwan, von der Statur eines russischen Bären, bestand darauf, meine Einkäufe zu tragen. Er erzählte, dass er jetzt Doktorand war. Die Zeit verging so schnell.
Im Supermarkt gab es eine ganze Reihe von Geldautomaten, aber auch andere Automaten, deren Bedeutung nicht auf den ersten oder zweiten Blick ersichtlich war. Auf einem war eine Reihe von Symbolen aufgedruckt, unter anderem MTS, der Mobilfunkanbieter meiner SIM-Karte. Wowa demonstrierte die Nutzung dieses Automaten: Man gab die Handy-Nummer ein, drückte wild auf einigen Tasten herum und steckte schließlich einen Geldschein hinein. Nach 10 Minuten kam eine SMS, dass der Beitrag meinem Handy gutgeschrieben worden war, abzüglich 3 Rubel Gebühr, also nur ein paar Cent.
Es war sehr schnell dunkel geworden, viel schneller als ich es vom winterlichen Deutschland gewohnt war. Die beiden brachten mich noch zurück zum Wohnheim und ich versuchte mir noch einmal, den Weg einzuprägen - bis mir auffiel, dass wir einen ganz anderen Weg zurück gingen. Ich musste morgen unbedingt eine Stadtkarte auftreiben, denn ich hatte kein Kartenmaterial von Izhevsk für mein Navigationssystem bekommen können, das mit einem Programm auf meinem Smartphone zusammenpasste.
Als sich die Jungs verabschiedeten, rief Ilya noch einmal Iwan an um sicher zu gehen, dass alles geklappt hatte. Mit Wowa verabredete ich mich noch einmal für morgen um zusammen zum Auslandsamt zu gehen. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass sich liebe Menschen um einen sorgen.
Ich lächelte, als mit bewusst wurde, dass die Beatles Recht behalten hatten. Alles wird besser, immer.
Froh schwang ich mich die Stufen hinauf und warf dem Fahrstuhl nur einen skeptischen Blick zu.
Auf der 4. Etage begann ich an der Entscheidung zu zweifelte, den Fahrstuhl zu meiden. Auf der 5. ließ ich die Tasche sinken und verschnaufte kurz. Bis zur 6. kam ich, dann ließ ich mich erschöpft auf die Treppe sinken und trank einen Schluck Wasser. Ich sah schon die Leiter zum Dachboden als ich mich fragte, ob das wirklich die richtige Etage war. Doch die Etagen-Frau lächelte mich durch die Tür und ihre Zahnlücken an, und grinste, als sie mich mit den Tüten sah. Sie schien sich wirklich zu freuen, dass ich einkaufen gewesen bin. "Klutsch?" fragte ich, "Key" antwortete sie. Na das klappte schon mal gut mit der Verständigung.
Kaum hatte ich die Einkäufe ausgepackt, rief Ilya an. Ich hatte ihn selbst anrufen wollen, aber er war schneller. Er hätte Himmel und Erde bewegt um mir zu helfen, eine SIM-Karte zu bekommen. Eigentlich hatte er Anna vorbeischicken wollten, die für eine internationale Studentenorganisation arbeitete, aber sie hatte die Grippe, erzählte er. Wir verabredeten uns, morgen über Skype zu telefonieren, falls ich bis dahin Zugang zum Internet bekäme, denn so würden wir kostenlos miteinander telefonieren können, und dann könnte ich auch zu Hause anrufen. Aber erstmal schauen, was Herr Babushkin vom Auslandsamt zum Thema Internet sagt.
Ich probierte meine neue SIM-Karte aus und errechnete, welche Kosten dabei anfallen. Eine SMS kostet nach Deutschland 5,25 Rubel, etwa 13 Cent, nach Izhevsk 3 Cent. Das war wesentlich billiger als eine SMS von meiner deutschen SIM-Karte aus für stolze 79 Cent.
Olga schrieb, dass sie Karten für ihre Fakultätsfeier am Mittwoch kaufen wollte und sich freuen würde, wenn ich mitkäme. Gleich darauf schrieb Dima eine SMS und fragte was ich am ersten Tag in Izhevsk gemacht hatte. Meine Handynummer verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Wahrscheinlich werde ich demnächst Anrufe von Unbekannten erhalten, die gehört haben, dass der Freund eines Freundes diese Nummer...
Langsam meldete sich der Hunger und ich begann mich durch die Vorräte zu wühlen. Wowa hat Recht, Milch schmeckt in Russland anders - ob es nun an dem Geruch des geräucherten Fischs auf meinem Tisch liegt, aber irgendwie schmeckt sie nach geräuchertem Fisch. Oder vielleicht nach gar nichts. Die eine Schachtel quaderförmiger Schokostücke entpuppte sich als die russische Antwort auf Schaumküsse. Der Dosenmais war süßer und aus Amerika. Es gab dutzende Sorten, keine Spur von Mangelwirtschaft. Die Pelmeni lagen noch im Tiefkühlfach und ich hatte keine Lust zu kochen, aber allzu lange konnte ich nicht warten, sonst würde die frische saure Sahne dazu... noch saurer werden? Eine fast philosophische Frage. Es klopft an der Tür, und zuerst dachte ich, es sei für meine Mitbewohnerin. Als es noch einmal klopfte und niemand bisher aufgemacht hatte, ging ich an die Tür. Eine junge Frau grüßte mich auf Englisch und sagte, sie käme vom Auslandsamt und würde gern meinen Pass zur Registrierung haben. Zum Glück hatte ich Kopien vom Pass und Visum, die ich solange mit mir herumtragen konnte um mich bei einem eventuellen Zusammentreffen mit der Miliz ausweisen zu können.
Wir tauschten Handynummern aus. Sie heiß Aliza und sah eigentlich noch wie eine Studentin aus. Ich überlegte, sie auf einen Tee einzuladen, aber es war schon spät, und ich wusste nicht, ob so etwas angemessen war, also verwarf ich den Gedanken. Frau Kunze vom Zwickauer Auslandsamt würde ich - so nett sie auch ist - sicher nicht auf einen Kaffee einladen. Aliza fragte noch, ob ich Lust hätte, an den Aktivitäten teilzunehmen, die die ausländischen Studenten hier unternahmen und ich stimmte begeistert zu. Es ist nicht gut, zu viel allein mit seinen Gedanken zu sein. Man beginnt, seltsame Dinge in sein Reisetagebuch zu notieren.
Ich überlegte zum Beispiel, dass diese Etagen-Frauen wirklich Vorteile boten, denn beispielsweise können sie Auskunft darüber geben, wer von den Studenten im Moment zu Hause war. Dann dachte ich weiter darüber nach und fand die Idee doch nicht mehr so gut. In deutschen Wohnheimen konnte man sich vor unliebsamem Besuch schützen, indem man einfach das Licht löschte. Wahrscheinlich war es sinnvoll, ein gutes Verhältnis zu den Etagen-Frauen aufzubauen um im Zweifelsfall "nicht zu Hause zu sein".
Wowa rief an, dass er morgen 10 Uhr auf mich wartete um zusammen zum Auslandsamt zu gehen. Wahrscheinlich war es Zeit zum Schlafengehen, um morgen nicht komplett durchzuhängen, denn gefühlt war 10 Uhr noch 7 Uhr Berliner Zeit...
Der Koffer schien Tonnen zu wiegen, als ich ihn den Bahnhofsberg über Schotter und Schneereste hinauf zerrte. Nur noch 3999,5 Kilometer.
Es hätte vielleicht noch mehr in den Koffer gepasst, nachdem ich es geschafft habe, einen Großteil meiner Socken in den Schuhen im Koffer unterzubringen, aber ich wollte ungern auf über 20 Kilo kommen. Die wirklich schweren Dinge wie Bücher sind im Handgepäck, sodass ich nun fast mein eigenes Gewicht in Gepäck mit mir herumtrage. Wäre es nicht schön, eine Ameise zu sein?
In Zwickau treffe ich wie verabredet auf Wowa, Olga und Dima. Im Gespräch höre ich immer wieder Neues über Russland, das mich in Erstaunen versetzt oder einfach nur akzeptiert werden muss.
Die Erkenntnisse kurz zusammengefasst:
- Züge fahren immer nach Moskauer Zeit, also GTM+3, selbst in Wladiwostok
- Nur in der Moskauer Zeitzone wird auf Sommerzeit umgestellt, der Rest des Landes bleibt bei Winterzeit.
- Studenten duzen sich untereinander. Russische Studenten haben auf Deutsch Mühe "Sie" und "ihr" auf Deutsch auseinander zu halten
- Professor redet man mit Vor- und Vatersname, aber ohne Titel an. Toll: Nun muss ich mir drei Namen pro Person merken, und das bei meinem schlechten Namensgedächtnis
- SIM-Karten müssen mit Reisepass registriert werden und kosten nichts außer jenem Geld, das darauf ist, normalerweise 100 Rubel (2,50 Euro?)
- Handytarife gelten nach Zeitzonen, so ist ein Anruf von Moskau nach Izhevsk fünfmal teurer als innerhalb der Stadt. Viel kostet es jedoch nicht, etwa 2,5 Cent pro Minute (der aktuelle Kurs ist mir nur ungefähr bekannt)
- Internet über Handy ist viel billiger als in Deutschland und wird gern auch ohne Flatrate genutzt
Am Flughafen Dresden angekommen, standen schon zwei Stunden vorher Leute am Aeroflot-Schalter Schlange, ohne dass jemand überhaupt am Schalter saß. Diese Anstell-Mentalität ist vermutlich noch ein Sowjeterbe. Wir setzten uns lieber in die Wartehalle. Olga stellte fest, dass sie viel zu viel Gepäck dabei hatte - dabei hatte sie schon ein 20-Kilogramm-Paket per Post nach Hause gesendet. Aeroflot erlaubte nur einen Koffer mit 20 Kilogramm und noch mal 10 Kilogramm Handgepäck. Kurzerhand bat sie eine Mitreisende, die wenig Gepäck hatte, ihre Tasche einchecken zu lassen. Ich hatte schon von der russischen Kollegialität gehört, aber es war dennoch ungewöhnlich anzusehen. Ein Deutscher hätte sicher vermutet, dass sich in dieser Tasche eine Mischung aus Drogen, Sprengstoff und radioaktivem Material befand, aber die Russin warf nicht mal einen Blick hinein.
Bei der Taschenkontrolle vom Flughafen wurden wir alle aufgefordert, unser Handgepäck auseinanderzunehmen. Wowa hatte ein Kraftsportgerät dabei, das auf den Monitoren wie eine Mischung aus Säge und Kalaschnikow aussah. Ich musste nur mein Notebook, Batterien und Ladegeräte herausnehmen und durfte alles wieder einstecken. McGyver hätte daraus eine Bombe bauen können.
Mich wunderte, dass so viele Menschen von Dresden nach Moskau wollten. Das Flugzeug war ein französisches Modell mit drei Sitzplätzen und zwei Sitzreihen. Es war ganz in den Farben blau-orange gehalten und machte einen recht vertrauenswürdigen Eindruck. Die Durchsagen verstand ich nicht, und erst nach der dritten wurde mir klar, dass es Englisch war, oder das, was der Kapitän für Englisch hielt. Macht nichts, die Maschine fliegt auch so ab. Die einzige deutsche Durchsage war eine Bandansage mit der überlebenswichtigen Information, dass die Beleuchtung beim Start ausgeschaltet wird und sich Leselampen über den Sitzen befinden.
Der kleine, usbekisch aussehende Steward wurde von allen ignoriert als er die Sicherheitsanweisungen demonstrierte. An seiner Uniform prangte das Emblem von Aeroflot, die es offensichtlich seit Sowjetzeiten nicht geändert hat - wie sonst sind Hammer und Sichel in dem Logo zu erklären? Vor uns saß ein auf russische Weise fröhlicher Mann, der Wowa in ein Gespräch verwickelte und ihm versuchte, ein Bonbon zu geben, das an Geschirrspüler-Tabs erinnerte.
Ich war noch nie im Winter geflogen und war fasziniert von der weißen Landschaft, aus der saubere Ecken hinaus geschnitten waren um darauf Ackerbau zu betreiben.
Das Essen wurde bald serviert; es war keine typisch russische Küche bis auf das einzeln abgepackte Drittelstück Schwarzbrot, denn ohne Brot gibt es in Russland kein Essen. Dazu gab es russische Butter, die ungesalzen war und viel rahmiger als die deutsche schmeckte, dann eine Scheibe dunkler Räucherschinken auf einer abgezählten Anzahl Salatstückchen. Eine Minisemmel, ein süßes Stück Kuchen... wenn ich so in Russland jeden Tag essen würde, könnte ich gut zunehmen.
Nach dem Essen bekamen alle Ausländer eine sogenannte Migrationskarte, die aus zwei Teilen bestand. In beide musste man die gleichen Daten wie Reisepass- und Visumnummer eintragen. Einen Teil gab man bei der Einreise ab, den anderen behielt man bis zur Ausreise. Die russischen Behörden lieben ihre Bürokratie, konnte ich schon vor der Reise erfahren. Zur Zarenzeit wurde sie von den Preußen in Russland eingeführt, und seitdem bläht sie sich unkontrolliert auf. Zum Glück habe ich selbst nur wenig damit zu tun - der meiste Papierkram wird vom Auslandsamt erledigt.
Es wurde schnell dunkel, da wir gen Osten flogen. Der Mond ging auf und spiegelte sich im Flügel unseres Flugzeugs. Dann setzten wir schon zur Landung an. Das Lichtermeer von Moskau fand nicht einmal am Horizont ein Ende. Die Hauptzufahrtsstraße fuhr hell wie ein Blitz in die verwaschenen Lichter der Metropole. Die Felder wirkten nicht so zerstückelt wie in Deutschland; ich war nicht mal sicher, ob es Felder waren, oder vielleicht doch Schnee- und eisbedecktes Wasser. Eine Spielzeugeisenbahn fuhr auf einer Brücke hinüber. Auch die Siedlungen wirkten wie auf die Eisenbahnplatte hinauf geklebt: Sehr akkurat, rechteckig und in regelmäßigen Abstanden von Straßenlampen erhellt. Es gab dem ganzen eine festliche, fast weihnachtliche Stimmung.
Die Häuser in den Siedlungen waren so weit voneinander entfernt, dass es schwer war einzuschätzen, wie weit wir tatsächlich vom Boden entfernt waren, bis wir darauf aufsetzten.
In Moskau waren +2 Grad als wir 18:40 Ortszeit landeten. Der Schnee lag nicht mehr sehr hoch, dafür war es glatt auf dem Flugfeld. Ich schien die einzige zu sein, die davon überrascht war.
Der Moskauer Sheremetjewo-2-Flughafen wirkte chaotisch, und vor der Passkontrolle waren keine erkennbaren Warteschlangen, sondern eher ein Mob. Meine drei Begleiter verschwanden im Mob für Einwohner der russischen Föderation und ich stellte mich irgendwo dazu. Die meisten Leute in meiner Umgebung sprachen russisch; wahrscheinlich waren sehr viele Auswanderer auf dem Weg zu Verwandten in der Weite Russlands.
Am Gepäckband war für mich erst kein System zu erkennen, nach dem die Koffer verteilt waren, manche lagen auch einfach auf einem gestoppten Band. Daneben lag eine zerbrochene Bierflasche. Nach einer Weile stießen die anderen wieder zu mir, die viel länger an der Passkontrolle hatten warten müssen. Bald erschienen auch unsere Koffer auf dem Band, und ohne weitere Kontrollen kamen wir aus dem Flughafengebäude hinaus. Der Expresszug mit Anschluss an das Metronetz fuhr für 250 Rubel jede Stunde, und so mussten wir uns beeilen, ihn noch zu erreichen. Er fuhr zwar gegenüber vom Flughafen ab, aber die Entfernungen sind in Russland so groß, dass man gut und gern einen Kilometer bis dahin lief. Wie weitläufig es wirklich war, sollte ich erst am Ende des Tages an den Schwielen an meinen Händen ablesen könnten, denn es war nicht damit getan, zum Weißrussischen Bahnhof zu fahren: Dort mussten wir in die Metro zum Kasan-Bahnhof umsteigen.
Obwohl Moskau eine Stadt riesiger voller Prunkbauten ist, hat sie meiner Meinung durch die Verwestlichung etwas von ihrer Besonderheit verloren; überall leuchten Neonreklamen, und an Starbucks reihen sich Dönerbuden und Fastfood-Läden. Nur die unebenen Fußwege voller Schlaglöcher erinnern noch an das Sowjet-Erbe. Das dachte ich zumindest - bis ich die Metro betrat. Die U-Bahnstationen sind unterirdische Paläste, jede prachtvoller als die nächste. Und ich traute meinen Augen nicht, als ich nach oben sah und Lenin erblickte, der gerade eine Rede hielt. Ich glaube, es war ein Mosaik, und in einer Ecke davon standen klar die Buchstaben CCCP (oder zu gut Deutsch: UdSSR), eingerahmt von Hammer und Sichel. Ich konnte nicht lange verweilen um es weiter zu betrachten, denn die Menschenmassen drängten uns die Rolltreppen hinunter zu den Metrozügen. Wir passten kaum hinein. Ich war froh, rechtzeitig vor dem Schließen der Türen einen Platz gefunden zu haben, der sich nicht direkt zwischen den Türen befand. Die Erinnerung an den Metro-Vorfall in Taschkent wurde wieder in mir wach, als die Türen blitzschnell aufeinander zukrachten.
Insgesamt hatte es über eine Stunde gedauert, durch Moskau zu kommen, aber endlich hatten wir den Bahnhof erreicht, der nach der Stadt Kasan benannt war. Der Name jedes Bahnhofs deutet an, in welche Richtung die Züge fuhren.
Es gab viele Säufer an den Bahnhöfen; einer holte uns auf der Rolltreppe ein und bot an, für ein paar Rubel unser Gepäck zu tragen. Meine Begleiter ignorieren ihn jedoch nicht einfach, sondern versuchten ihn mit freundlichen Worten loszuwerden, was auch funktionierte.
Die Bahnhofshalle war ein schönes, altes Bauwerk, aber leider waren auch die Toiletten sehr alt und keineswegs schön. Es kostete 20 Rubel (50 Cent), auf so ein Loch zu gehen, neben dem es nur einen Papierkorb für das Klopapier gab, das man sich draußen hatte holen müssen. Es war wirklich nicht mehr als ein Loch, das links und rechts erhöht war, und es erforderte für eine Frau Geschick und Konzentration, die richtige Position zu finden, ohne die Kleidung zu beschmutzen oder auszurutschen und hineinzufallen. Im Ekel-Faktor wurden diese Toiletten nur noch von denen im Zug übertroffen.
Aber zunächst gingen wir abwechselnd zu zweit einkaufen, während die anderen die Koffer bewachten. Wir brauchten Proviant für die lange Zugreise.
Es gab einen Supermarkt wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt, wo ich sogleich Geld abheben konnte. Es war seltsam, das Obst nicht in europäischen Normgrößen vorzufinden; alles, was Orange war, egal von welcher Größe und Konsistenz, wurde ohne Unterschiede als Orange in einer Kiste gelagert und zusammen verkauft. Das Obst war weder makellos noch poliert, und ich würde fast glauben, dass es Bio-Obst sei, wenn ich nicht vermuten würde, dass in Russland alles auf die Felder geschüttet wird, was nicht die Pflanzen selbst umbringt - ganz ohne EU-Normen.
Erst kurz vor Mitternacht fuhr unser Zug ab. Er hatte über 20 Wagons, und wir mussten bis fast ganz an den Anfang laufen, zu Wagon 3. In den Fenstern standen Schilder mit dem jeweiligen Ziel des Wagons, und im Laufe der Fahrt würden immer mehr abkoppelt werden und nur ein verkürzter Zug weiterfahren. Wir mussten noch eine Weile davorstehen, bis unser Wagon öffnete. Es roch nach Feuerwerk.
Beim Einstieg wurden die Pässe und Tickets von der Wagon-Begleiterin kontrolliert. Wir waren die einzigen, die ein Internet-Ticket gekauft hatten und wurden nach der Klärung des Sachverhalts einfach durchgelassen. Als ich einstieg, wurde ich gleich von einem nach draußen stürmenden Mann Ende 20 nach draußen gedrängt, wo er sich übergab und dann bedanke, dass ich ihn durchgelassen habe. Zumindest Manieren haben die Alkoholiker in Russland. Olga meinte, dass sie wie in Deutschland gerne Zug fuhren. Das war auch nicht unsere letzte Begegnung mit diesem Mann; er war fest davon überzeugt, dass er unser Abteil reserviert hatte. Beim Blick auf das Ticket des Mannes stellte Wowa fest, dass es weder die richtige Abfahrtszeit, noch ein Ticket Richtung Kasan war, sondern nach Moskau war. Trotzdem war es schwer, ihn loszuwerden. Ich glaube, am Ende begleitete ihn die Wagon-Verantwortliche nach draußen.
Ein anderer Mann hatte es auf Olga abgesehen; wenn ich es recht verstand, wollte er sie unbekannterweise auf seine Datsche einladen, was nichts anderes hieß, als dass er mit ihr schlafen wollte. Mir war es völlig unverständlich, wie sie ihn so unglaublich freundlich abwimmeln konnte. Ich hätte in der Situation sicher schon zu einigen unfreundlicheren Worten gegriffen. Vermutlich war es die russische Geduld, die mir fehlte.
Pro Abteil gab es vier Liegeplätze, zwei davon unten, auf den sich gegenüber liegenden Sitzreihen, und je eine gepolsterte Liege obendrüber. Darüber befand ich jeweils noch ein Metallbrett für die Koffer. Decken und frische Bettwäsche waren im Preis von 21 Euro inbegriffen und lagen zusammengerollt auf den oberen Liegen. Gut, meine Decke war nicht so frisch, aber die Blutflecke konnte man mit dem Bettbezug überdecken. Wobei es noch nicht mal ein Bettbezug war, sondern wie in Russland üblich, ein Laken, das über die Decke gelegt wurde, mit der man sich nicht zudeckte, sondern darauf legte. Ein weiteres, dünnes Laken wurde als Zudecke verwendet.
Gleich nach dem Verlassen des Bahnhofs machten es sich alle Leute gemütlich. Jeder hatte bequeme Kleidung und Waschbeutel griffbereit, oder lief in Unterhose umher.
Es war sehr stickig und warm im Zug. Beim Versuch, das Fenster zu öffnen, fiel die Gardinenstange samt Gardinen hinunter. Aber die Züge waren besser geworden als vor einem halben Jahr, stellten meine Begleiter fest. Auf der Hinfahrt klemmte das Fenster nämlich und ließ sich gar nicht mehr schließen, außerdem waren Polster zum Anlehnen im Sitzen angebracht worden, stellten sie erfreut fest.
Nur die Toilette war noch immer kein Ort zum Verweilen geworden. Sie erinnerte von der Form zwar an unsere westlichen Zugtoiletten, aber benutzt wurde sie... ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie jemand sie benutzt haben muss um sie in diesem Zustand zu hinterlassen. Olga schlug vor, sich auf das Klo hinauf zu stellen statt zu setzen, oder einfach ein anderes zu suchen.
Durch die Zeitverschiebung war es schon nach Mitternacht und so ging der Tag zu Ende, als es sich vor Erschöpfung gehörte, dass er zu Ende ging.
"Wie cool", dachte ich noch, "ich fahre Eisenbahn durch Russland mit netten Bekannten und der Gemütlichkeit selbst". Ist ja ein Traum jedes Russlandnarrens. Schneebedeckte Landschaften, gelegentlich ein Haus, namenlose Bahnhöfe, Zeltlagerstimmung unter den Betten. Musik kam zwar nicht von einer Gitarre, aber aus dem Radio. Einige Reisende schliefen schon, doch viele reden noch mit ihren Sitznachbarn. Wir hatten unsere Betten fertiggemacht und krochen einer nach dem anderen in unser Bett. Ich schlief unten, denn ich erinnerte mich noch gut an die Unmöglichkeit, im schwankenden Zug auf einer schwankenden Liege zwei Meter über dem Boden zu schlafen...
27.02.
Die Nacht hatte ich erstaunlich gut überstanden, von russischem Stimmengewirr und Gesängen begleitet, von entgegenkommenden Zügen und herunterfallenden Gegenständen gelegentlich aufgeweckt. Ein wiederkehrendes Geräusch hatte sich in meinen Traum eingewebt. Es war nach 12 Uhr, und immer noch schliefen viele. Aber eigentlich hatte ich keine Ahnung, wie spät es wirklich war, weil ich nicht wusste, in welcher Zeitzone wir gerade waren. Selbst wenn wir an einem großen Bahnhof mit Uhr gehalten hätten, hätte daran die Moskauer Zeit gestanden.
Ich sah mich um. Ich sah den Zug zum ersten Mal im Hellen und machte einige Fotos. Schnatternde Frauen sagten sich die Zukunft voraus, glaube ich, aber ich habe auch von vielen Wörtern die Bedeutung vergessen. Manchmal hörte ich Leute über mich reden, die Deutsche. Mit meinen Begleitern sprach ich immer auf Deutsch und musste konsequenterweise auffallen. Verkäufer aus den umliegenden Städten stiegen an den wenigen Stationen ein und liefen mit selbstgestrickten Schals und anderen Strickwaren zum Verkauf durch den Zug; andere hatten Importspielzeug aus China dabei; glaube nicht, dass sie ein Ticket hatten. Musiker zahlen auch nicht für die Öffentlichen, wenn sie dabei Musik machten, meinte Wowa.
Draußen zogen langsam die Dörfer vorbei, und überraschend schön waren die Bahnhöfe und die kleinen bunten Ziegelhäuser entlang der Bahnstecke. Ein dutzend Arbeiter in orangefarbener Kleidung stand an einem Fleck und schaute uns nach. Sie bauten oder reparierten eine Bahnstrecke, oder vielleicht taten sie auch nur so. Neben uns begannen zwei Frauen zu singen. Wowa bemerkte, dass sie einen neuen Text auf ein altes Studentenlied dichteten. Für eine Veranstaltung. Er schnitt eine Grimasse. Am Ende konnten wir alle fast mitsingen.
Es sollten noch Stunden bis zur Ankunft in Agryz vergehen, aber es wurde doch langsam Zeit, aufzustehen. Meine Schuhe waren noch da, andere Wertsachen auch. So viel zu den alten Geschichten, die man vor der Abreise von allen Seiten hört. Nur meine Oma sollte mit einer Geschichte Recht behalten: Es gab noch echte Kohleöfen um Zug, mit denen Wasser im Samowar erhitzt wurde, und an dem sich jeder kostenlos bedienen konnte. Wir füllten unsere Fertiggerichte mit Wasser auf; viele holten sich das Wasser für einen Tee. Kaffee brauchte hier selbst nach so einer Nacht niemand.
Es kam bald wieder Leben in den Zug, und bald hielten wir am Bahnhof von Kasan, der Hauptstadt der Teilrepublik Tatarstan. Wir hatten hier 40 Minuten Aufenthalt und damit genug Zeit unsere Beine zu vertreten und gingen am Bahnhof spazieren. In den Souvenirläden gab es den Koran zu kaufen, darunter hingen Kühlschrankmagneten mit dem Bild einer Moschee. Olga erzählte, dass hier der muslimische Glaube sehr verbreitet war. Auch ihre Großmutter stammte aus Tatarstan, und Olga sagte, dass auch sie offiziell Muslimin war. Nur hat man in den russischen Großstädten mit Religion nicht mehr viel am Hut. Aber sie konnte die alten Rezepte ihrer Großmutter noch und erzählte von dreieckigen herzhaften Teigtaschen. Ich beschloss, in diesem Semester auch Kasan noch einmal zu besuchen.
Es war das Gerücht umgegangen, dass ein Riesenhund im Wagon mitfuhr. Erst hier in Kasan sah ich ihn auf dem Bahnhof und war im Nachhinein ziemlich froh, dass ich keine nächtliche Begegnung mit ihm hatte.
Es wurde Zeit zurückzukehren, auch wenn die Gelenke noch steif waren und der Muskelkater den Rest des Körpers fest im Griff hatte. Auf dem Bahnsteig kamen uns Frauen in Röcken entgegen und wünschten uns eine glückliche Weiterreise. "Zigeuner", erklärten mir die anderen.
Die restlichen Wagons hinter uns wurden abgekoppelt. Die Reise näherte sich dem Ende.
Wenn es nach mir ginge, hätte sie nie enden sollen. Ich hatte meine Origami-Blätter gefunden und begann gegen die Nervosität zu basteln. Dima sah interessiert zu und bald bastelte er mit. Olga hatte noch eine Runde geschlafen und fing dann auch das Falten der Blätter an. Bis wir in Agryz ankamen, war der ganze Tisch voller Origami-Sterne.
Ich wollte wirklich nicht, dass die Reise jemals endete, denn die Reise war ein Spaß gewesen, aber nun spürte ich, wie der Ernst begann. Zum ersten Mal würde ich wirklich allein in Russland sein.
Der Zug hielt. Es war schon dunkel geworden. Die meisten Reisenden drängten nach draußen um ihre Familien in die Arme zu schließen. Wowa sagte, ich solle eben warten und dann würde er mit dem restlichen Gepäck helfen. Die Minuten krochen langsam dahin ohne dass jemand zurück kam. Ich überlegte schon, was ich machen sollte, wenn der Zug abfuhr und ich noch darin war. Aber einfach aussteigen wollte ich auch nicht, denn Olga und Wowa hatten noch Gepäck hierstehen. So geduldete ich mich bis sie wiederkamen. Mittlerweile hatten sie es auch recht eilig. Draußen machte mich Wowa kurz mit seinen Freunden bekannt. Es herrschte das allgemeine Chaos des Aufbruchs.
Wir sollten fast eine Stunde von Bahnhof von Agryz bis in die Innenstadt von Ischewsk fahren. Alle Bahnhöfe schienen außerhalb der Stadt zu liegen, deshalb war es umso unvermeidlicher, mit dem Auto abgeholt zu werden. Dima und Olga wurden von ihren Familien abgeholt, und ich fuhr bei Wowas Freunden mit. Die Koffer passten nicht beide in den Kofferraum, deshalb kam einer auf den Rücksitz und wir beide die wie Sardinen daneben. Anschnallen war kaum machbar in dieser Lage, deshalb hoffte ich, dass es auch so ging, und wirklich begegnete uns nur ein einziges Mal die Miliz auf der Straße, die uns jedoch durchwinkte.
Ich hatte immer noch nicht das Gefühl, in der Realität angelangt zu sein. Wahrscheinlich bin ich im Zug nach Leipzig eingeschlafen und träumte nur dieses wahnwitzige Abenteuer, in dem alle in einer seltsamen Sprache redeten und die Rs falsch herum schrieben. Aus dem Radio kam russischer Hip Hop. Kurz hatte ich ein Lied von Zemfira erkannt, bevor Lev den Sender wechselte. Dies gab mir mehr Bewusstsein, in Russland angelangt zu sein als sämtliche Ortswegweiser, die es mir Schwarz auf Weiß - oder besser weiß auf blau - darboten. Perm lag ganz in der Nähe, schlappe 345 Kilometer entfernt. Izhevsk nur noch zwei.
Viel konnte ich im Dunkeln nicht ausmachen: Kompakte rote Straßenbahnen, Cafés mit Leuchtreklamen, verdreckte Autos zwischen Schneeresten. Nach einer langen Fahrt bogen wir in das Campusgelände ein, auf dem das Wohnheim für Ausländer lag. Wir parkten an einem Gebäude und mussten noch ein Stück über verschneite Wege um das Haus herum gehen. Die Tür erinnerte an einem Verschlag, bestand aus braun gestrichenem Metall und klatschte zu wie ein Containerdeckel. Eine weitere Tür dieser Machart folgte nach einem kurzen Gang und danach gelangten wir in die - nennen wir es mal... Empfangshalle. Wowas Freund Dima (ein anderer Dima) war der Bruder einer Auslandsamtmitarbeiterin und über alles informiert. Im Gegensatz zu den beiden älteren Damen an der "Rezeption", die für das Wohnheim verantwortlich waren. Erwartet wurde niemand, aber zum Glück hatte ich die drei Russen, die die Sache für mich regelten... das klingt jetzt brutaler als es war. Wowa rief Sergey vom Auslandsamt an, und währenddessen klärte sich alles. Eine der Frauen bat mich, ihr zu folgen. Ich fühlte mich schon wieder leicht ums Herz - bis ich aufgefordert wurde, den Fahrstuhl zu betreten. Da rutschte es mir in die Hose. Zu fünft mit Koffer passten wir kaum in den winzigen Aufzug aus Sowjetzeiten, der merklich nach unten absackte, als wir in betragen. Quietschend schlossen sich die Türen und die anderen grinsten mich an; ich muss wie ein verschrecktes Reh vor einem herannahenden Fahrzeug ausgesehen haben. Wie so ein Reh wollte ich aus der Gefahr springen, konnte es jedoch nicht. Neunter Stock, sagte die Frau.
Das Tastenfeld aus bester Sowjetzeit war teilweise zusammengeschmolzen oder abgebrochen, sodass die obere Stockwerke nicht mehr anwählbar waren, aber dafür stand neben den Schaltern für Etage 1 bis 5 mit Edding geschrieben, dass es nun die Tastenfelder für die Etagen 1, 3, 5, 8 und 9 waren. Das Feld mit den nicht funktionierenden Tasten war rot eingekreist mit dem Vermerk "funktionieren nicht". Das laute Ächzen, Quietschen und Krachen war eindeutig Fahrstuhlsprache für "ich mach hier nicht mehr lange mit". Und ich beschloss, dass es eine wunderbare Gelegenheit sei, fit zu bleiben, wenn ich die 9 Etagen einfach immer zu Fuß ginge.
Eine kleine Treppe führte in einen Korridor, an dessen Anfang ein Rezeptionstisch aufgebaut war. Eine Schachtel mit Schlüsseln lag darauf. Die Frau, die uns hochgebracht hatte, verschwand, dafür nahm sich die Etagenfrau uns an. Sie redete auf mich ein und ich verstand nur die Hälfte. Zum Glück war Wowa zum Vermitteln dabei. Den Reisepass zum Registrieren brauchte sie, aber bevor jemand überhaupt ihre heilige Halle betreten durfte, musste er oder sie die Schuhe ausziehen und in dem langen Regal unterbringen. Die Jungs waren eigentlich überhaupt nicht in meinem Zimmer erlaubt ohne ein Formular auszufüllen und im Auslandsamt zum Unterschreiben vorzulegen. Eine Ausnahme machte sie für das Hinaufbringen des Koffers ins Zimmer. Sie nahm den Schlüssel für das Zimmer 6/12 und zeigte uns alles: Die geräumige Gemeinschaftsküche mit Ofen, Mikrowelle und allem, was man in einer Küche eben so brauchte. Daneben befand sich der Wäscheraum mit zwei Waschmaschinen und Aufsteller zum Trocknenlassen der Wäsche. Die Terminologie muss ich mir noch aneignen, wenn ich mich in die Wissenschaft des Wäschewaschens einarbeite. Desweiteren gab es ein Computerzimmer mit drei laufenden Rechnern, an denen niemand saß, und Einzelteilen auf dem Boden. Auf einem Schreibtisch stand eine Plastikschale um das durch die Decke tropfende Wasser aufzufangen.
Wowa hatte meinen Koffer in meinem zukünftigen Zimmer abgestellt und bestand nun darauf, noch schnell einkaufen zu gehen, da nur noch Brot von der Zugfahrt übrig geblieben war. Es war kurz vor 21 Uhr, Ladenschluss, aber wir beeilten uns und kamen noch rechtzeitig in den kleinen Kiosk unterhalb des Wohnheims. Es gab alles, was Studenten zum Überleben brauchten, vor allem eine große Auswahl alkoholischer Getränke. Ich wählte wahllos irgendetwas Essbares aus und stellte bei Auspacken fest, dass ich ganz gut zugegriffen hatte. Geräucherte Makrele war dabei, Kirschjoghurt und Vollmilch. Es hätte auch Trockenfisch und Kefir sein können, die sich von außen nicht sehr davon unterschieden, und sich in Russland noch größerer Beliebtheit erfreuten.
Es war nun Zeit sich zu verabschieden. Sie kamen noch eben bis zum Korridor, der zu meinem Zimmer führte und wir verabredeten uns für morgen. Dann war ich allein mit der Etagen-Frau. Sie lächelte und nickte, und ich nahm meinen Schlüssel aus dem Kasten vom Rezeptionstisch.
Mein eigenes Zimmer war sehr komfortabel und luxuriös wie ein Hotelzimmer mit eigenem Kühlschrank und Fernseher, großem Fenster, einem schweren Kleiderschrank und einem Regal, dessen Hinterwand herausgebrochen und nur gegen eine Matratze an die Wand gelehnt war. Es standen drei Betten im Zimmer, aber mir wurde gesagt, dass ich keine weiteren Mitbewohner bekommen würde. Dieses Zimmer befand sich in einer Art Apartment-Einheit mit einem weiteren Zimmer für mehrere Personen, einem WC in einem Extraraum sowie eine Dusche in einem weiteren Raum, deren Tür jedoch fest verschlossen war, ohne dass sich jemand darin befand. Statt sich öffnen zu lassen, fiel die Türklinke ab. Die Etagenfrau verschwand um ein Messer zu holen, das sie in den Spalt zwischen Tür und Rahmen in Höhe des Schlosses steckte und stemmte die Tür mit einiger Mühe auf. Benutzt musste die Dusche jedoch schon mal worden sein, denn es herrschte das reinste Chaos darin. Ich bedankte mich, und die Frau zeigte mir noch, wie ich die Türen ohne Schlüssel abschließen konnte und sollte, wenn ich den Raum verließ. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, nun allein. Überlegte es mir anders und klopfte bei meiner Zimmernachbarin, unbekannterseits. Niemand öffnete, obwohl von irgendwoher Geräusche kamen. Die Wände waren dünn, das könnte von überall herkommen.
Ich steckte den Kühlschrank an. Er begann schnurrend zu arbeiten, doch nach kurzer Zeit begann er zu krächzen und zu rattern, als wäre darin ein Poltergeist erwacht. Ich beschloss abzuwarten und tatsächlich hörte es nach wenigen Minuten auf. Nur um wieder zu beginnen, wenn der Kühlschrank nachkühlte. Es gab keinen Temperaturregler um ihn auf eine weniger energiefressende Stufe zu stellen. Das erinnerte mich daran, dass ich gelesen hatte, dass es an russischen Heizungen keine Temperaturregler gäbe. Ich sah nach und tatsächlich, es wurde zentral beheizt ohne die Möglichkeit, die Raumtemperatur selbst einzustellen. Selbst für meine Empfinden war es sehr warm im Zimmer, die Heizung kochte und gab mir einen winzigen elektrischen Schlag, als ich sie anfasste. Es stimmte wirklich, was man sich erzählte: Die Raumtemperatur musste mit dem Öffnen der Fenster geregelt werden. Der Umweltschützer in mir schüttelte traurig den Kopf. Auch schien das Licht überall ständig zu brennen. Und wir diskutieren in Deutschland darüber, dass man Geräte nicht auf Standby lassen sondern ganz ausschalten sollte. Russland pfeift auf dem Umweltschutz. Genug Energiereserven haben sie ja. Bekanntermaßen kommt es ja erst zum Umdenken, wenn sich diese dem Ende zuneigen. Oder in Sibirien Palmen wachsen. Im Moment sah es jedoch sehr unwahrscheinlich aus. Alles war schneebedeckt. Mein Fenster sah auf den Hof hinaus, der durch eine Straße von zwei wunderschön angestrahlten Gebäuden getrennt war. Das eine trug die riesigen blauen Neonbuchstaben KOMOS und war beleuchtet wie ein Rathaus; das andere bot eine farblich wechselnde Lasershow, und ein leuchtender Turm ragte in den Himmel. Vorhin hatte Wowa gesagt, es sei der Fernsehturm.
Das Fensterbrett war breit genug um darauf zu sitzen und gemütlich zu lesen oder zu schreiben. Doch ich sollte langsam die Koffer auspacken. Ich stellte fest, dass ich das Falsche eingepackt hatte: Es gab einen Wasserkocher, Tasse und Löffel, aber keine Kleiderbügel im Schrank.
Jeder Gegenstand hatte eine Inventarnummer, mit wasserfestem Stift daran geschrieben.
Ich probierte, ob es ein offenes Netzwerk gab, über das ich ins Internet gehen konnte, aber es war leider geschützt. Erst am Montag würde ich wahrscheinlich im Auslandsamt den Internetanschluss beantragen können.
Derweil gab es ja den Computerraum, vielleicht sogar ein Netzwerkkabel, an das ich mein Notebook hängen konnte.
Der Raum war dunkel, die Tür geschlossen. Ich ging hinein und zog die Tür hinter mir zu. Das war ein Fehler. Als ich wieder hinausgehen wollte, blieb mir die Tür verschlossen. Die Türklinke ließ sich um 350 Grad in beide Richtungen drehen, aber die Tür gab nicht nach. Ich klopfte und rief, ob mich jemand höre, und versuchte weiter die Tür aufzustemmen. Ein Messer hatte ich nicht dabei, aber vielleicht sollte man sagen, dass es zur Grundausstattung von Studenten in diesem Wohnheim gehören sollte. Erst nach einigen Minuten regte sich etwas auf der anderen Seite. Nach wenigen Handgriffen öffnete sich die Tür und ein hochgewachsener, wahrscheinlich südamerikanischer Student mit Fleischermesser stand grimmig in der Tür. Ich konnte nur noch "Gott sei Dank!" stammeln, nickte erleichtert der Etagenfrau zu und verschwand in meinem Zimmer, wo ich mich aufs Bett warf und beschloss, dass ich erst einmal genug Abenteuer für heute und die nächste Woche erlebt hatte.
Diesmal ist das Gefühl der Disorientierung und Zeitlosigkeit ganz besonders heftig. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, und jede meiner Uhren zeigt eine andere Zeit an. Internet habe ich ja auch keins. Wahrscheinlich ist es Mitternacht. Die Neonreklame vor meinem Fenster ist erloschen. Ich weiß nicht, ob ich mich müde fühlen soll oder nicht. In meinem Kopf spuken russische Wörter ohne Bedeutung. Der Poltergeist im Kühlschrank klappert und irgendjemand hantiert mit einer Bohrmaschine. Es verspricht noch ein wahres Abenteuer zu werden, zumindest für meine Nerven. Durch die Zimmerwand höre ich den Fernseher meiner Zimmernachbarin. Sie heiß Mascha, war Medizinstudentin und sofort wieder verschwunden, nachdem ich sie endlich kennengelernt hatte.
Zur Entspannung, dachte ich, wäre ein Tee nicht schlecht. Ich musste das Kabel des Kühlschranks herausziehen um eine Steckdose für meinen Wasserkocher zu haben. Morgen muss ich eine Mehrfachsteckleiste kaufen, dann brauche ich auch keinen Bücherstapel mehr um meinen Wasserkocher hoch genug stellen zu können, dass er die Steckdose erreicht. Das Wasser aus der Leitung roch nach Sumpf. Ich ließ es eine Weile laufen ohne dass sich viel änderte. Es machte selbst abgekocht keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Wenn du das liest, habe ich lange genug überlebt, dass ich diesen Eintrag ins Internet stellen konnte.
Doch der Koffer ist ausgepackt und auf dem Schrank verstaut, das heißt, ich bleibe trotz aller Unannehmlichkeiten. Wenigstens gab es warmes Wasser und Klopapier. Man muss hier lernen, bescheidener zu werden.
Ich kann nicht schlafen, meine innere Uhr steht immer noch auf GTM+1, also Berliner Zeit, statt auf GTM+4. Ich bin zwar unheimlich müde von der 38-Stunden-Reise, aber zu aufgekratzt um zu schlafen. Außerdem ist es sehr gewöhnungsbedürftig, als Bettdecke nur ein Laken zu haben.
28.02.
Ich weiß nicht, ob es der Jetlag, der Tee oder der Kühlschrankpoltergeist war, oder alles zusammen, aber ich fühle mich wie gerädert. Draußen schneit es leicht und die gestern so bunt leuchtenden und modern wirkenden Gebäude entpuppen sich als Sowjetzeit-Plattenbauten in tristem Grau, dem mit roter Farbe versucht wurde eine andere Nuance zu geben. Ich lege ein Album der Beatles ein um die Triste zu brechen und hänge meine mitgebrachten Postkarten aus aller Welt auf, die das kahle Zimmer gleich viel wohnlicher machen.
Ich vermisse noch das Hochgefühl, wie ich es damals bei meiner Ankunft in Den Haag hatte: Das Gefühl, in meiner neuen Heimat, dem schönsten Ort der Welt, angekommen zu sein. Damals sah ich aus dem hohen Fenster auf die Straße hinunter, genau wie jetzt. Doch statt der regenverwaschenen Straße, in der sich bunte Lichter spiegelten, sehe ich hier auf zwei Häuser und schneebedeckte Landschaft, durch die ein Pfad führt. Eine Frau mit Pelzmütze und ihr Sohn gehen dort spazieren. Der Junge zieht nur eine Leine hinter sich her. Sein Hund kommt zurück gelaufen und der Junge schlägt ihn leicht mit der Leine. Die Mutter steht regungslos daneben. Der Schneeberg auf meinem Fensterbrett wird immer höher und die Beatles singen "its getting better".
Wowa hatte mir seine SIM-Karte dagelassen, dass ich ihn billig anrufen konnte. Wir wollten uns heute noch einmal treffen, dass er mir alles zeigen kann, und um vielleicht noch einmal zusammen einkaufen gehen. Gegen 13 Uhr raffte ich mich auf, ihn anzurufen. Eigentlich wollte ich das Zimmer gar nicht verlassen. Niemand ging ran, so schrieb ich weiter an meinem Reisetagebuch. Ich versuchte noch zwei Mal in den nächsten Stunden, dann bekam ich ihn an die Leitung. Er hatte bei einem Kraftsport-Turnier mitgemacht und den zweiten Platz erhalten. Ich denke, er hatte gut mit unseren Koffern trainiert, die er für Olga und mich die Treppen hoch- und runtergetragen, sowie in Züge hinein- und hinausgehievt hatte.
Er wollte in einer Stunde am Wohnheim vorbeischauen, deswegen überraschte es mich nur wenig, dass die Etagen-Frau an meine Zimmertür klopfte und meinte, ein junger Mann wartete auf mich. Umso überraschter war ich, als dort nicht Wowa stand, sondern Iwan, der letztes Jahr als Austauschstudent zusammen mit Ilya in Zwickau gewesen war. Ilya hatte ihn auch geschickt um bei mir nach dem Rechten zu sehen. Er selbst hatte in Nischni-Nowgorod hunderte von Kilometern entfernt Arbeit gefunden, sonst wäre er selbst gekommen.
Nun stand ich einmal angezogen im Korridor, also gingen wir zusammen nach draußen. Ilya hatte Iwan aus einem bestimmten Grund geschickt: Er sollte mir zeigen, wo ich eine russische SIM-Karte kaufen konnte. Wir standen gerade unten vor der Wohnheimtür, als auch Wowa auftauchte. Die beiden kannten sich noch nicht, aber knüpften gern den neuen Kontakt. Sofort wurden Handynummern ausgetauscht, dann meinte Wowa, dass ich die geliehene SIM-Karte gerne behalten konnte, und so wurde ich auch in den Prozess des Nummernaustauschs mit einbezogen. So gingen wir zu dritt los zum Geldholen und Einkaufen, erst über den Campus, dann hinaus auf die Hauptstraße, die von O-Bus-Leitungen überspannt war. Es dauerte nicht lange, da hatte ich die Orientierung schon wieder verloren. Es war schwer, sich markante Gebäude auszusuchen, anhand derer man sich den Weg merken könnte, denn dieser Teil der Stadt bestand praktisch nur aus Plattenbau-Blöcken.
Der erste Geldautomat noch auf dem Campus hatte meine Karte ausgespuckt und weigerte sich, mir Geld auszuzahlen, dafür kannten sie einen anderen Automaten, in irgendeiner anderen Straße, die genau wie diese aussah, nur dass sie Schulstraße hieß und einen Bankautomaten besaß, vor dem schon eine lange Schlage stand. Dort bekam ich 2000 Rubel ohne Probleme und konnte Wowa das Geld zurückzahlen, das er mir ausgeliehen hatte, plus das Geld auf der SIM-Karte.
Ich habe noch absolut kein Gefühl für den Wert des Rubels, und im Supermarkt packte ich einfach ein, was gut aussah. Die Lebenshaltungskosten waren in Russland sowieso niedriger als in Deutschland, und in Supermärkten könne ich auch mit Kreditkarte zahlen, sagte Wowa.
Ich war richtig froh darüber, die beiden starken Jungs bei mir zu haben, so konnte ich gleich den Wocheneinkauf machen. Ich wollte nicht zu viel Frisches kaufen, weil ich nicht wusste, wie lang der Kühlschrank noch durchhalten würde, oder wie lange ich noch durchhalten würde, Nacht für Nacht diesen Kühlschrank hören zu müssen. Dummerweise hatte ich keinen Dosenöffner und es gab nur wenige Dosen, die Aufziehlaschen besaßen. Morgen war Montag, dann würde ich vielleicht einen Laden finden, der diese Haushaltswaren verkauft. Muss nur noch herausfinden, was "Haushaltswaren" auf Russisch heißt und wo sich so ein Laden befand, wenn so etwas überhaupt in dieser Form existierte.
Viele, viele Süßigkeiten lagen in den Regalen. Ich ließ mir von beiden Jungs etwas empfehlen, obwohl ich sicher war, dass ich alle diese Süßigkeiten durchprobieren würde, denn keiner verstand es so gut, Süßigkeiten herzustellen wie die Russen. Das einzige, was Russen noch mehr zu lieben scheinen, ist Eiscreme im Winter. Wowa holte sich eine riesige Portion Pistazieneis und lachte über mein ungläubiges Gesicht.
Iwan, von der Statur eines russischen Bären, bestand darauf, meine Einkäufe zu tragen. Er erzählte, dass er jetzt Doktorand war. Die Zeit verging so schnell.
Im Supermarkt gab es eine ganze Reihe von Geldautomaten, aber auch andere Automaten, deren Bedeutung nicht auf den ersten oder zweiten Blick ersichtlich war. Auf einem war eine Reihe von Symbolen aufgedruckt, unter anderem MTS, der Mobilfunkanbieter meiner SIM-Karte. Wowa demonstrierte die Nutzung dieses Automaten: Man gab die Handy-Nummer ein, drückte wild auf einigen Tasten herum und steckte schließlich einen Geldschein hinein. Nach 10 Minuten kam eine SMS, dass der Beitrag meinem Handy gutgeschrieben worden war, abzüglich 3 Rubel Gebühr, also nur ein paar Cent.
Es war sehr schnell dunkel geworden, viel schneller als ich es vom winterlichen Deutschland gewohnt war. Die beiden brachten mich noch zurück zum Wohnheim und ich versuchte mir noch einmal, den Weg einzuprägen - bis mir auffiel, dass wir einen ganz anderen Weg zurück gingen. Ich musste morgen unbedingt eine Stadtkarte auftreiben, denn ich hatte kein Kartenmaterial von Izhevsk für mein Navigationssystem bekommen können, das mit einem Programm auf meinem Smartphone zusammenpasste.
Als sich die Jungs verabschiedeten, rief Ilya noch einmal Iwan an um sicher zu gehen, dass alles geklappt hatte. Mit Wowa verabredete ich mich noch einmal für morgen um zusammen zum Auslandsamt zu gehen. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass sich liebe Menschen um einen sorgen.
Ich lächelte, als mit bewusst wurde, dass die Beatles Recht behalten hatten. Alles wird besser, immer.
Froh schwang ich mich die Stufen hinauf und warf dem Fahrstuhl nur einen skeptischen Blick zu.
Auf der 4. Etage begann ich an der Entscheidung zu zweifelte, den Fahrstuhl zu meiden. Auf der 5. ließ ich die Tasche sinken und verschnaufte kurz. Bis zur 6. kam ich, dann ließ ich mich erschöpft auf die Treppe sinken und trank einen Schluck Wasser. Ich sah schon die Leiter zum Dachboden als ich mich fragte, ob das wirklich die richtige Etage war. Doch die Etagen-Frau lächelte mich durch die Tür und ihre Zahnlücken an, und grinste, als sie mich mit den Tüten sah. Sie schien sich wirklich zu freuen, dass ich einkaufen gewesen bin. "Klutsch?" fragte ich, "Key" antwortete sie. Na das klappte schon mal gut mit der Verständigung.
Kaum hatte ich die Einkäufe ausgepackt, rief Ilya an. Ich hatte ihn selbst anrufen wollen, aber er war schneller. Er hätte Himmel und Erde bewegt um mir zu helfen, eine SIM-Karte zu bekommen. Eigentlich hatte er Anna vorbeischicken wollten, die für eine internationale Studentenorganisation arbeitete, aber sie hatte die Grippe, erzählte er. Wir verabredeten uns, morgen über Skype zu telefonieren, falls ich bis dahin Zugang zum Internet bekäme, denn so würden wir kostenlos miteinander telefonieren können, und dann könnte ich auch zu Hause anrufen. Aber erstmal schauen, was Herr Babushkin vom Auslandsamt zum Thema Internet sagt.
Ich probierte meine neue SIM-Karte aus und errechnete, welche Kosten dabei anfallen. Eine SMS kostet nach Deutschland 5,25 Rubel, etwa 13 Cent, nach Izhevsk 3 Cent. Das war wesentlich billiger als eine SMS von meiner deutschen SIM-Karte aus für stolze 79 Cent.
Olga schrieb, dass sie Karten für ihre Fakultätsfeier am Mittwoch kaufen wollte und sich freuen würde, wenn ich mitkäme. Gleich darauf schrieb Dima eine SMS und fragte was ich am ersten Tag in Izhevsk gemacht hatte. Meine Handynummer verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Wahrscheinlich werde ich demnächst Anrufe von Unbekannten erhalten, die gehört haben, dass der Freund eines Freundes diese Nummer...
Langsam meldete sich der Hunger und ich begann mich durch die Vorräte zu wühlen. Wowa hat Recht, Milch schmeckt in Russland anders - ob es nun an dem Geruch des geräucherten Fischs auf meinem Tisch liegt, aber irgendwie schmeckt sie nach geräuchertem Fisch. Oder vielleicht nach gar nichts. Die eine Schachtel quaderförmiger Schokostücke entpuppte sich als die russische Antwort auf Schaumküsse. Der Dosenmais war süßer und aus Amerika. Es gab dutzende Sorten, keine Spur von Mangelwirtschaft. Die Pelmeni lagen noch im Tiefkühlfach und ich hatte keine Lust zu kochen, aber allzu lange konnte ich nicht warten, sonst würde die frische saure Sahne dazu... noch saurer werden? Eine fast philosophische Frage. Es klopft an der Tür, und zuerst dachte ich, es sei für meine Mitbewohnerin. Als es noch einmal klopfte und niemand bisher aufgemacht hatte, ging ich an die Tür. Eine junge Frau grüßte mich auf Englisch und sagte, sie käme vom Auslandsamt und würde gern meinen Pass zur Registrierung haben. Zum Glück hatte ich Kopien vom Pass und Visum, die ich solange mit mir herumtragen konnte um mich bei einem eventuellen Zusammentreffen mit der Miliz ausweisen zu können.
Wir tauschten Handynummern aus. Sie heiß Aliza und sah eigentlich noch wie eine Studentin aus. Ich überlegte, sie auf einen Tee einzuladen, aber es war schon spät, und ich wusste nicht, ob so etwas angemessen war, also verwarf ich den Gedanken. Frau Kunze vom Zwickauer Auslandsamt würde ich - so nett sie auch ist - sicher nicht auf einen Kaffee einladen. Aliza fragte noch, ob ich Lust hätte, an den Aktivitäten teilzunehmen, die die ausländischen Studenten hier unternahmen und ich stimmte begeistert zu. Es ist nicht gut, zu viel allein mit seinen Gedanken zu sein. Man beginnt, seltsame Dinge in sein Reisetagebuch zu notieren.
Ich überlegte zum Beispiel, dass diese Etagen-Frauen wirklich Vorteile boten, denn beispielsweise können sie Auskunft darüber geben, wer von den Studenten im Moment zu Hause war. Dann dachte ich weiter darüber nach und fand die Idee doch nicht mehr so gut. In deutschen Wohnheimen konnte man sich vor unliebsamem Besuch schützen, indem man einfach das Licht löschte. Wahrscheinlich war es sinnvoll, ein gutes Verhältnis zu den Etagen-Frauen aufzubauen um im Zweifelsfall "nicht zu Hause zu sein".
Wowa rief an, dass er morgen 10 Uhr auf mich wartete um zusammen zum Auslandsamt zu gehen. Wahrscheinlich war es Zeit zum Schlafengehen, um morgen nicht komplett durchzuhängen, denn gefühlt war 10 Uhr noch 7 Uhr Berliner Zeit...







Will auch dahin, hol mich ab :) Glaub es ist doch ein wenig anders als die Zwickauer Randgebiete ^^
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