06.03.
Wieder einmal habe ich festgestellt: Ich bin zu deutsch. Ich habe das Bedürfnis, alles bis ins Detail zu organisieren zu und im Griff haben - aber in Russland lösen sich Probleme von selbst.
Gestern Abend kurz vor dem Schlafgehen hatte ich noch eine Mail an Dr. Abilvo geschickt, dass ich nicht zur Vorlesung kommen könne und ihn gebeten, mir Literatur zum Thema zu empfehlen. Halb ein Uhr morgens hatte er mir noch seine Antwort geschickt: Die Vorlesung finde gar nicht statt, sondern beginne erst nächste Woche.
Na bitte, wieder ein Problem weniger; und ich dachte schon, ich müsste mich klonen um hier alles zu schaffen.
An diesem Vormittag war ich mit dem Fleischermesserstudent allein im Computerraum, denn am Montag war ein Feiertag und die meisten Studenten sind übers Wochenende heim zu ihren Eltern gefahren. Das Internet raste förmlich. Ich hatte noch eine Stunde Zeit bis ich Ilya treffen sollte, als er anrief und meinte, es würde irgendwie nicht so recht mit seinem Bus klappen und fragte, ob wir uns in der Stadt treffen könnten, Haltestelle Theatr imini Korolenko, Straßenbahn 1. Damit stellte er mich vor ein Problem: Ich wusste zwar, dass ich schon mal irgendwo in Izhevsk eine Straßenbahn Nummer 1 gesehen hatte, konnte mich aber beim besten Willen nicht mehr dran erinnern, wo. Der Fleischermesserstudent, mit dem ich mich die ganze Zeit über unsere gemeinsamen Lieblingsserien, Musik und alles Mögliche andere unterhalten hatte, war die Hilfsbereitschaft in Person: Er druckte mir den relevanten Teil der Stadtkarte aus, zeichnete mir den Weg zur Straßenbahnhaltestelle ein, schrieb mir die Haltestellennamen auf und ging dann noch mit mir auf den Korridor um mir von dort aus die Straße zu zeigen, die ich hinunterlaufen sollte. Übrigens hieß her Murik, wie ich herausfand, als er mir seine Handynummer gab - falls ich irgendwelche Frage oder Probleme hatte.
So beeilte ich mich nun auf den Weg zu kommen, weil mir nicht ganz klar geworden war, weshalb Ilya nun nicht zur Universität kommen wollte oder konnte. Der vereinbarte Treffpunkt lag jedenfalls nicht in der Nähe des Bahnhofs. Ich schnappte mir noch eine Tüte und suchte drei schöne Origami-Basteleien heraus, die ich in den letzten Tagen hergestellt hatte und ihm schenken wollte.
Die Straßenbahn fuhr gegenüber eines Zoos ab, und ich machte mir eine gedankliche Notiz, dort später einmal hinein zu gehen.
An der Haltestelle konnte ich nirgendwo einen Fahrplan entdecken, so sehr ich mich auch anstrengte. Die Tafeln, an denen man am ehesten einen Fahrplan vermuten würde, wurden als schwarzes Brett für Kleinanzeigen genutzt. Doch da kam schon Nummer 1, und als ich eingestiegen war, rief Ilya noch einmal an. Ich solle nicht kommen, es lohne sich nicht mehr, weil sein Bus schon in 5 Minuten käme, aber meine Straßenbahn 15 brauche... gleichzeitig kassierte mich die Schaffnerin ab und die Mitfahrenden beobachteten mich interessiert, wie ich so in der Bahn stand, angestrengt auf Deutsch in mein Telefon redete und an meinem Brustbeutel nach Geld fingerte. Als Ausländer hat man in einer Stadt wie Izhevsk eine Art Exoten-Status. Die Schaffnerin gab mir den Rat, dass ich mich doch festhalten sollte, wenn wir fuhren, aber ich fand die Izhevsker Straßenbahnen relativ gemütlich zum Stehen. Als es voller wurde, wurde ich in eine Ecke abgedrängt, zu einer älteren Frau mit einem Beutel voller Zeitungen und einem Schlitten. Sie sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Ich sagte, dass es mir leid tue, aber dass ich sie nicht verstünde. Sie versuchte es mit Italienisch und dann mit einigen Worten auf Deutsch, die sie noch aus der Schulzeit kannte. So kamen wir ins Gespräch. Sie hieß Ludmilla, war 61 Jahre halt und hatte 5 Jahre lang Deutsch in der Schule gelernt. Wir unterhielten und also in einem Misch aus Deutsch und Russisch, und das ziemlich gut. Sie kramte kurz in ihrer Handtasche und zog eine Figur heraus, die in Papier eingewickelt war: Ein Bär mit goldenem Glitter an einem Teelichtständer. Sie reichte es mir und meinte, es sei ein Geschenk zum 8. März, dem Frauentag. Ich bedankte mich gerührt: Diese unglaubliche Freundlichkeit, einem völlig Fremden ein Geschenk zu machen, ohne irgendwelche Hintergedanken. Ich wollte ihr auch etwas schenken, und glücklicherweise hatte ich etwas Schönes dabei: Das Origami, das ich Ilya hatte mitbringen wollen. Ich würde ihn wahrscheinlich sowieso heute nicht mehr antreffen. Ludmilla schien sich zu freuen und wollte wissen, ob ich das alles selbst gemacht hatte. In dem Moment stellte sich ein Mädchen in meinem Alter zu uns und sagte auf Russisch "Hallo!". Ich grüßte zurück, obwohl ich mich fragte, woher ich sie kennen sollte. Ludmilla fragte sich das Gleiche und sprach mit dem Mädchen, die aber meinte, dass sie mich nicht kenne, aber das Gespräch mitgehört hatte und es interessant fand. Sie hieß Tatjana und fragte mich neugierig die üblichen Fragen: Wie ich heiße, wo ich herkomme, wie lang ich schon hier bin... Nach zwei weiteren Haltestellen stieg sie mit breitem Lächeln aus. Ich konnte nur stauen, wie offen hier die Menschen mit Fremden umgingen.
Die Straßenbahn fuhr an einer wunderschönen, golden glänzenden Kathedrale vorbei, dem Wahrzeichen Izhevsk: Die St.-Michael-Kathedrale.
Sie war zu Sowjetzeiten abgerissen und erst vor wenigen Jahren neu aufgebaut worden, erklärte Ludmilla. Zwei Haltestellen weiter war schon der Stop Theatr imini Korolenko, und ich beschloss auszusteigen, auch wenn ich nicht glaubte, Ilya noch dort vorzufinden. Ludmilla winkte mir lächelnd aus dem Fenster der Straßenbahn zu als ich die Straße überquerte und zum Theater ging.
Ilya hatte versucht mich anzurufen. Er war tatsächlich schon zu seinen Eltern abgefahren und wollte wissen, ob bei mir alles in Ordnung sei und ob ich allein zum Wohnheim zurückfände. Ich lachte und dankte ihm, dass er dafür gesorgt hatte, dass ich mal die Gegend um den Campus verließ. Viel gab es erstmal nicht zu sehen. Das Theater war ein alter Bau mit riesigen Eiszapfen, die gefährlich weit vom Dach hinunter hingen und in der Sonne glänzten. Heute waren nur noch minus 1 Grad und alles begann zu schmelzen. Kleine Bäche braunen Wassers liefen die breite Straße hinunter. Da ich schon einmal da war, beschloss ich mir die Gegend anzuschauen. Es gab viele kleinere Geschäfte, vor denen Straßenhändler ihre Tische aufgebaut hatten. Halb gefrorener Fisch lag in der Sonne und lockte Käufer an. Hier ein kleiner Marktplatz, dort ein Spielzeuggeschäft. Dahinter glänzte eine goldene Kirchkuppel. Es war noch nicht die Kathedrale, aber eine andere schöne Kirche. Ich ging den Weg zurück, den ich gekommen war, vorbei an jungen Leuten, die Flyer austeilten und erreichte wieder die Straßenbahnschienen. Eigentlich sollte es von hieraus gar nicht so weit zur Kathedrale sein. Noch ein Stück weiter den Berg hinauf, dann sah ich sie in der Mittagssonne leuchten; so grell, dass ich gar nicht direkt hinschauen konnte. Sie war unglaublich prächtig und thronte so erhaben auf ihrem Berg, als könnte ihr alles andere nur zu Füßen liegen.
Und zu ihren Füßen lag eine Menge: Die hohe, grüne Eingangshalle des Kalaschnikow-Museums mit einer Statue des Erfinders im Eingangsbereich; breite Straßenkreuzungen, Wohnhäuser, aber vor allem Einkaufszentren.
In Russland brauch man keine Mais-Labyrinthe oder versteckte Tunnelsysteme. Diese Funktion wird von Einkaufszentren erfüllt. Auf den ersten Blick sah ich drei. Konnte ja nicht schaden, mal hineinzuschauen, dachte ich naiv; vielleicht könnte ich darin endlich einen Dosenöffner finden. Um die Spannung gleich vorweg zu nehmen: Mir gelang es nicht.
Auf einer Grundfläche von zwei bis drei Wohnhäusern befanden sich in einem Gewirr aus Gängen auf mehreren Etagen die unterschiedlichsten kleinen Läden. Jeder verkaufte etwas anderes, oder auch das gleiche wie sein Nachbar. Allein im Obergeschoss des Kaufhauses "Aktion" zählte ich sieben verschiedene Schuhläden. Es gab Cafés, Restaurants und vor allem Boutiquen mit gesalzenen Preisen. Die Wirtschaftkrise schien an diesem Ort spurlos vorbeigegangen zu sein. Über jedem Gang hingen Wegweiser, in welche Richtung man weitergehen konnte um welche Produkte nicht zu finden. Wirklich, es schien unmöglich, ein System auszumachen. Es dauerte schon eine ganze Weile, herauszufinden, auf welcher Etage und in welchem Sektor ich war. Haushaltswaren gab es angeblich genau, wo ich stand, aber erst als ich zum dritten Mal an der gleichen Stelle rauskam, entdeckte ich die Porzellantellerchen, die hier als Geschirr verkauft worden. Die meisten Läden schienen nur Nutzloses zu verkaufen, und der Geruch nach Duftkerzen stieg mir bald zu Kopf. Und die Dekoration war einfach nur grässlich. Überall hingen orangefarbene Katzen oder Bären (oder was auch immer das war) in einer Dschungelumgebung. An anderen Stellen hatte man Spielzeug zusammengeklebt, zum Beispiel Barbiepuppen an ihren Köpfen und sie als Unruhe über den Rolltreppen hinunter hängen lassen. Kurz: Es war genau wie in Deutschland, nur ein wenig extremer.
In Russland gibt es nichts Gemäßigtes; alles muss immer größer, mehr, kälter, schöner oder hässlicher sein. Selbst bei den Menschen schien es nur zwei verschiedene Zustände zu geben: "griesgrämig-ruppig" und "über alle Maßen freundlich". Doch es ist noch zu früh für mich, dies zu verstehen. Im Moment staune ich nur.
Das zweite Einkaufszentrum war sogar noch verwirrender. Ich folgte einem Mann hinein und fand mich in einem Supermarkt wieder. Erst als ich den Supermarkt verließ und das Treppenhaus hinauf ging, stand ich im eigentlichen Einkaufszentrum. Hier gab es nur eine zentrale Informationstafel statt der Wegweiser. Es war klar in die Etagen 0 bis 4 aufgeteilt, aber in Wirklichkeit waren die Etagen in Nullkommafünfer-Schritten aufgeteilt um den arglosen Besucher ganz zu verwirren. Von jeder Etage aus kam man in einen anderen Bereich des Kaufhauses; war fast wie bei Super-Mario - ständig kam man in neuen Levels und Welten heraus. Am Ende hatte ich ganz die Orientierung verloren und das Gefühl, mehrere Kilometer gelaufen zu sein. Wahrscheinlich würde ich am anderen Ende der Straße oder der Stadt herauskommen, wenn ich jemals den Ausgang finden würde. Ich vermutete, dass man mehrere Häuser zusammengefügt hatte um eine größere Ladenfläche zu schaffen. Jedenfalls würde das erklären, weshalb die Etage Nummer 2,5 mit einer Rampe von einem Meter Höhe mit dem Rest des Kaufhauses verbunden war. Endlich sah ich es ein, dass ich auch in diesem Kaufhaus keinen Dosenöffner würde finden können und suchte den Weg nach draußen. Ich war vor einem Kino-Zentrum gelandet, das sich wahrscheinlich im Umbau befand und deshalb geschlossen war. Es wurde viel gebaut, umgebaut und renoviert in Izhevsk. Im Supermarkt hatte man laut von nebenan Bohrer gehört, in der Uni wurde der Keller ausgebaut, und auch im Wohnheim waren einige Etagen unbewohnt, und stattdessen standen Farbeimer und Leitern im Gang.
Der Weg zurück zur Straßenbahn war leicht zu finden gewesen, weil die Kathedrale wie ein Leuchtturm den Weg zur Straße wies, und auch der Weg zurück verlief ereignislos.
Soweit zu meinem ersten Ausflug in die Stadt.
(ein bisschen Schlamm schadet niemandem)










hmm lecker, hättest dich ja im schlamm wühlen können lach
AntwortenLöschenlg susi aus Zwickau ;) :D