09.03.
Mein Professor, Dr. Abilvo, ist ein hoffnungsloser Fall. Er ist so zerstreut, dass - wenn es biologisch möglich wäre - er sogar seinen Kopf vergessen würde, obwohl ihm dieser angewachsen ist. Das hat er heute wieder bewiesen.
Die ganze Geschichte: Gestern war ein Feiertag, weshalb er sich entschlossen hatte, seine Vorlesung um einen Tag zu verschieben, also auf heute. In einer E-Mail schrieb er mir, dass der Kurs in Gebäude 5, Raum 311 stattfinden würde. Das hatte mich ein wenig stutzig gemacht, weil dieser Kurs letzte Woche in Gebäude 2, Raum 211a stattgefunden hatte und die 5-331 ein Praktikumsraum war. Auf eine entsprechende Nachfrage per E-Mail beantwortete er mich gekonnt die Frage nicht und schrieb mir stattdessen seinen ganzen, regulären Vorlesungsplan auf Englisch übersetzt auf. Ich bedanke mich und beschloss, dass es wohl doch Raum 2-221a war, zumal einer der anderen Studenten auch dieser Meinung war. Als Dr. Abilvo nach einer halben Stunde meine ursprünglich Mail (auf die er wohlgemerkt schon geantwortet hatte) endlich las, schickte er mir eine Antwort, in der er sagte, es stimme, er hätte mir ursprünglich die falsche Raumnummer geschickt. Das war um Mitternacht.
Ich hätte sicher nicht so einen Aufstand darüber gemacht, wenn nicht diese beiden Gebäude so weit auseinander gelegen hätten, dass ich den Bus nehmen musste. Außerdem ging mein Russischkurs in Gebäude 5 bis 18 Uhr, und Dr. Abilvos Kurs begann um 18 Uhr, und das - wie wir nun festgestellt hatten - in Gebäude 2.
Nun, die russische Manier des ewigen Zuspätkommens hätte mir die Möglichkeit gegeben, von Gebäude 5 zu Gebäude 2 zu gelangen ohne später als der Professor anzukommen. Doch ich hatte nicht mit unserer Russischlehrerin gerechnet, die so spät mit ihrem Unterricht anfing, dass man es schon "zu früh" für die nächste Stunde nennen könnte. Ich saß also auf heißen Kohlen bis sie 18:25 die Vorlesung beendete, rannte hinunter zur Rezeption, wo die Garderobenfrau in unendlicher Langsamkeit meine Jacke holte und der Wachtmann mit dem bayrischen Urgroßvater noch ein Schwätzchen mit mir halten wollte, eilte zum Bus und kam nach einer Viertelstunde völlig außer Atem an Gebäude 2, Zimmer 211a an. Es war zugesperrt. Niemand war da. Ich packte mein Notebook aus um noch mal Dr. Abilvos Mail zu lesen - hatte ich mich in der Zeit geirrt, weil ich zu viel Energie darauf verwendet hatte, den richtigen Raum zu klären? Nein, schien alles in Ordnung.
Ich rief ihn auf dem Handy an. Er ging nicht ran. Ich wollte gerade gehen und schauen, ob ich ihn vielleicht in seinem Büro fand, als er zurück rief und sich tausend Mal entschuldige, dass er mich nicht informiert hatte, aber er hatte die Vorlesung auf morgen verschoben. Beinahe wäre mir "Are you frickin kidding me?!" rausgerutscht, oder zu gut Deutsch: "Wolln Sie mich verarschen?!", doch ich konnte mich zurück halten und erwiderte möglichst freundlich: "Danke, dass Sie mich zurück gerufen haben. Wann und wo ist morgen die Vorlesung?" Er gab mir die neuen Daten durch und entschuldigte sich noch zwei Mal. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder verzweifeln sollte, und nach dem Auflegen fluchte ich mir auf Holländisch die Seele aus dem Leib. Ich hatte ja schon festgestellt, dass dies eine äußerst lindernde Wirkung auf mein Gemüt hatte. Dies war das dritte Mal am Stück, dass seine Vorlesungen kurzfristig ausgefallen sind und ich umsonst kam. Ich überlegte, ob man eine Art Bingo-Spiel daraus machen konnte. Wie bei Bullshit-Bingo, jenem Spiel, bei dem man Worte auswählt, die der Professor besonders gern verwendet wie "trivial" oder "dann ist der Fisch geputzt" und dann mitzählt, wie oft er diese Worte in der Vorlesung sagt. Hat man eine bestimmte Anzahl zusammen, darf man aufspringen und "Bullshit" rufen, zu Deutsch etwa "Blödsinn". Aber ich wusste nicht so recht, wie man dieses Spiel auf meinen zerstreuten Professor anwenden konnte. Vielleicht nach der fünften ausgefallenen Vorlesung in einer Reihe - ihm einen Terminplaner schenken?
Sonst ist heute wieder nicht viel passiert.
Wie oft in diesen Tagen saß auf meinem Bett und las mich in das neue Kursmaterial ein, während meine Gedanken abschweiften. Gedankenverloren sah ich aus dem Fenster; es schneite schon wieder, ein regelrechtes Gestöber. Dann fiel mir etwas Seltsames auf: Die Flocken flogen nicht nach unten, sondern nach oben. Die meisten zumindest. Wahrscheinlich heizen wir zu viel, sodass sie von warmen Luftströmen nach oben getrieben werden, und dazu kommt noch ein leichter Wind. Trotzdem merkwürdig anzuschauen, wie die Gesetze der Physik auf den Kopf gestellt wurden.
Als ich merkte, dass es nichts mehr mit der Konzentration werden würde, schaltete ich den Fernseher an.
Das russische Fernsehprogramm ist genauso frustrierend wie das deutsche... hier eine Gerichtsshow, dort eine Seifenoper, auf dem nächsten Sender noch eine; dort startet eine Talkshow mit Sirenen, bei der schon in der ersten Minute geschrien wird; hier kommt eine Clipsammlung von Leuten, die über andere Leute stürzen, dort ein alter amerikanischer Film, der von nur einer Person synchronisiert wurde, während man die Original-Stimmen noch im Hintergrund hört. Und da, wieder eine Seifenoper. Ach so, gleicher Kanal wie vorhin; ich bin durch.
Ich weiß, dass die ständige Beschallung in Russisch meinem Sprachlernprozess gut tun wird, aber gleichzeitig wird sie vermutlich mein Gehirn aufweichen. Das erste Wort, das ich aufgeschnappte, war "durak" - "Dummkopf". Als nächstes werde ich vermutlich lernen: "ich verklage dich", "du hast mein Leben zerstört" oder "ich verlasse dich". Sind die Amerikaner die einzigen, die qualitativ hochwertige Serien produzieren können?
Als ich auch das satt hatte, ging ich in den Computerraum, in dem - wie immer - der Fleischermesserstudent Murik saß. Er war immer zu einem Schwätzchen aufgelegt, so erfuhr ich diesmal, dass meine Zimmernachbarin hier ziemlich unbeliebt ist. Die Worte, in denen sie mir beschrieben wurde, möchte ich hier nicht wiederholen. Offenbar hat sie sich schon einiges geliefert, ist aber per du mit der Universitätsleitung. Eine der Geschichten über sie begann an einem Abend vor vier Jahren damit, dass die Türklinke zum Computerraum kaputt ging, also praktisch in den Zustand überging, in dem sie jetzt ist. Zu dem Zeitpunkt waren drei der Jungs im Raum und kamen nicht mehr nach draußen. Sie klopften und versuchten jemanden heranzurufen, der sie befreien konnte. Niemand der Helfer konnte einen Schlüssel finden, und so verbrachten die Jungs die Nacht im Computerraum und sahen sich Filme an, bis am Morgen eine Etagen-Frau zur Arbeit kam, den Schlüssel fand und sie befreite. Was das mit meiner Zimmernachbarin zu tun hat? Sie ging zur Leitung und beschwerte sich über den nächtlichen Lärm.
Ihr Ehemann schien auch nicht besser zu sein; er sprach nie mit den anderen Studenten auf dem Gang, es sei denn, es gab irgendein Problem. Jetzt war mit auch klar, weshalb ich das Zimmer ganz für mich allein hatte - niemand hatte sonst mit den beiden zusammenwohnen wollen.
Somit ging wieder ein Tag zu Ende, und es fühlte sich schon so richtig nach Alltag an. Noch fünf weitere CISCO Kapitelprüfungen hatte ich bis Ende der Woche zu bestehen, dann wäre ich auf dem gleichen Stand wie die anderen Studenten, die damit am 1. Februar angefangen hatten.
Ich fand es sehr angenehm, die meiste Zeit des Tages für mich zu haben und meist nur nachmittags oder abends zu den Vorlesungen zu müssen. Ich hatte mir ursprünglich nicht vorgestellt, dass ich so viel zu tun haben würde wie es jetzt der Fall ist, aber wenn ich meinen Stresspegel betrachtete, ließ es sich ganz gut damit leben. Nur mein Professor selbst machte mir graue Haare.
Ich seh, du hast sehr viel spaß. Einfach ruhig bleiben, tief durchatmen - wusa ;)
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