03.03.
Die Vorlesungen begannen heute schon früh - um 12. Wer aber denkt, dass ich es in der Zeit davor schaffen würde, auch nur eine Sache zu erledigen, die ich mir vorgenommen hatte, liegt ganz weit daneben. Ich weiß nicht, wie 1,5 Stunden einfach so vergehen konnten, in denen ich es nicht mal bis in die Dusche schaffte, aber als ich aus diesem Zeit-Loch herausfiel, war es schon fast zu spät. Ich musste wieder den O-Bus zu Gebäude 5 nehmen, aber von den Ägyptern - mit denen ich zusammen am Kurs teilnehmen sollte - gab es keine Spur weit und breit.
An der Bushaltestelle hatte ich diesmal mehr Zeit, mich genauer umzuschauen. Hoch an einer Laterne entdeckte ich schließlich drei Blechschilder mit kryptischen Zahlen und Buchstaben in Matrixdarstellung. Das musste der Fahrplan sein. Doch bevor mir ein Licht aufging, kam schon der Bus. Die Schaffnerin schaute mich ganz verzweifelt an, als ich mit einem Hunderter zahlen wollte, aber kleiner hatte ich es nicht, und so erhielt ich genug Münzen um einen Cola-Automaten leerzuräumen. Überhaupt fand ich auch sehr viele Münzen auf der Straße - angerostete Kopeken vom letzten Herbst. Der Schnee taute zwar nicht, aber durch die vielen Fußgänger war er in eine bräunliche Masse zertreten worden, die ihre Schätze langsam preisgab.
Zweit Stationen weiter, nahe Gebäude 5, hieß es erst einmal tief durchatmen. Vor mir lag eine in jede Richtung dreispurige Straßenkreuzung inklusive Straßenbahnschienen exklusive Fußgängerampeln. Niemand sonst wollte diese Straße überqueren, und wenn ich es mir recht überlegte, wollte ich das auch nicht. Beim ersten Anlauf kamen mir die Linksabbieger von Gegenüber in die Quere, dann erhielten sie rot und ich sah meine Chance gekommen: Laut auf Holländische fluchend sprintete ich auf die andere Seite; gerade rechtzeitig vor dem Gegenverkehr. Das war ein ordentlicher Adrenalinstoß so "früh" am Morgen, und auch das Fluchen hatte so richtig gut getan. Wahrscheinlich leuchtete ich innerlich regelrecht, denn der Wachtmann von Gebäude 5 fand es eine Einladung, mit mir ein Gespräch anzufangen. Zuerst hatte er mich für eine Tschechoslowakin gehalten, sagte er, aber als ich sagte, dass ich aus Deutschland sei, packte er seinen deutschen Wortschatz aus und erzählte, dass sein Ur-Großvater in Bayern gelebt hatte, sein Großvater dann aber in die Ukraine gegangen war und die Familie jetzt in Russland lebte. Es war ja schön und gut, dass alle Leute hier so freundlich und offen für eine Plauderei waren, aber ich musste langsam zum Unterricht. "Dr. Abilvo - Achtung Etage", half er mir freundlich und korrigierte sich dann. "Achtung? Nein, ein, zwei, drei, vier... acht Etage!" lächelte er. Ich hoffte, dass er nicht recht hatte, denn dieses Gebäude besaß keinen Aufzug, obwohl es ein neu errichtetes Gebäude war, dessen Aufzug ich eher vertraut hätte als dem im Wohnheim. Schon gestern hatten wir bis zur 8. Etage zum Sprachkurs hinaufsteigen müssen, aber diesmal war ich mir ziemlich sicher, dass es nur die 3. Etage war.
Ich hätte mir auch gar keine Sorgen machen müssen, dass ich zu spät zum Unterricht komme, denn Dr. Abilvo war auch noch nicht da, und die ägyptischen Studenten kamen weitere 10 Minuten später.
Zuerst sollte eine englische Lehrveranstaltung über die Grundlagen der Nachrichtenübertragung stattfinden, danach ein Praktikum zu "Telegrafische Theorie", und direkt im Anschluss bis 21 Uhr die Vorlesung dazu. So lange hatte ich allerdings nicht vor zu bleiben, weil mich Olga auf die 10-Jahres-Feierlichkeiten ihrer Fakultät eingeladen und die Karten schon gekauft hatte.
Dr. Abilvo lächelte in die Klasse und fragte, ob wir jetzt anfangen könnten. Es war bereits 25 Minuten nach Unterrichtsbeginn. Er entschuldigte sich, dass die Folien teilweise noch auf Russisch waren, aber er wollte sie noch übersetzen und uns dann per E-Mail zuschicken. Ich musste ein Kichern unterdrücken, als ich die Folien von Professor Golubski wiedererkannte... Nein, das war nur ein Insider-Scherz für Matthias. Beide Dozenten hatten die gleiche Dokumenten-Vorlage verwendet, nicht die gleichen Folien.
Die Folien wurden auf eine elektronische Tafel projiziert, sodass der Dozent direkt auf der Tafel in seine Folien hineinschreiben konnte. Das klappte nur noch nicht so ganz. Manchmal löschte es, wenn es einen Strich zeichnen sollte, und sonst verschwand die Schrift auf magische Weise von ganz allein. Besonders gern brachte Dr. Abilvo mit dieser Tafel sich selbst aus dem Konzept, denn immer, wenn er etwas erklärend auf der Tafel antippte, schaltete sich die Präsentation um eine Folie weiter.
Die Vorlesung war eine Herausforderung an die Kontrolle des Gähn-Reflexes. Das Zuhören fiel mir schwerer als gestern, besonders als er begann in holprigem Englisch mit Rechteckschwingungen und Amplituden und Frequenzen um sich zu werfen: "isse bandwiss ... and frequensi of 3 Gertz, we conseider se binnari seignal..." (das hatte ich wortwörtlich mitgeschrieben...) Ich ahnte Schlimmes als er anfing, vom Frequenz- und Zeitbereich von Signalen zu sprechen und schickte ein Stoßgebet, dass jetzt keine Fourier-Transformation kam - doch da war sie schon. Dabei hatte ich so viel Zeit und Alkohol investiert, um dieses Kapitel meiner Studienzeit aus dem Gedächtnis zu verbannen. Doch er versuchte gar nicht, und die Fourier-Transformation zu erklären und ging weiter zu... was auch immer. Irgendwo bei "bandwiss is 5N/2 multiple 3" hatte er mich verloren. Ich weiß nicht, wie er selbst den roten Faden halten konnte, denn sein Handy klingelte im 10-Minuten-Takt. Natürlich ging er auch ran und sprach kurz mit dem Anrufer. Besonders witzig fand ich den Gesichtsausdruck eines Studenten, als er gerade eine Frage von Dr. Abilvo beantwortete und dieser an sein Telefon ging und anfing auf Russisch zu diskutieren. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja...
Am Ende der Vorlesung herrschte eine gute Stimmung, vor allem unter den Studenten; ganz aufrichtig bedankte er sich für die Aufmerksamkeit, und ich musste mich beherrschen, nicht nach alter Gewohnheit auf die Bank zu klopfen. So beendete man wahrscheinlich nur in Deutschland eine Vorlesung. Vielleicht sollte ich es hier einführen?
Die nächste Stunde begann wieder mit 25 Minuten Verzögerung, und ich glaubte schon, die einzige Person mit Uhr zu sein. Wenn das so weiterging, konnte ich das Eher-Abhauen vergessen. Die nächste Stunde erklärte Dr. Abilvo auf Russisch, wie man Cygwin installierte und ich fragte ihn, ob ich die restlichen Installationen zu Hause machen könnte - ich hatte ja bereits auf meinem Laptop angefangen. Er nickte und eh er es sich anders überlegen konnte, war ich schon verschwunden. Kaum war ich zu Hause, erhielt ich eine SMS, wann ich zum Treffpunkt für das Konzert käme. Das artete ja regelrecht in Stress aus. Schnell schaufelte ich mir noch einen Joghurt hinein und eilte nach draußen.
Statt Olga erwartete mich Dima, freundlich winkend. Es dauerte eine Weile, bis ich so halbwegs verstand, weshalb Olga nicht kommen konnte. Es hatte irgendetwas mit Feuer, Nicht-Pickeln und einem Fuß zu tun.
In dem großen Veranstaltungsgebäude namens "Integral" sammelten sich langsam die Massen von Studenten der Fakultät "Qualitätsmanagement". Am Eingang bekam jeder Bonbons und "Spickzettel" der Hausordnung (oder was weiß ich) von überlustigen und bunt gekleideten Mädels mit Party-Hütchen überreicht. Das "Integral" war viel größer als eine normale Aula; es war ein regelrechter Theaterbau, mehrstöckig, und der riesige Veranstaltungssaal verfügte sogar über eine Empore. Im Untergeschoss gab eine drei Garderoben und eine lange Bar, im Obergeschoss eine große Freifläche für Disko-Veranstaltungen.
20 Minuten nach dem offiziellen Beginn war Einlass. Vorher hatte wohl der Dekan eine Rede gehalten, oder es gab eine traditionell langweilige Präsentation, hörte ich heraus. Zu so etwas kam, wie in Deutschland auch, nur ein bescheidener Teil der Studenten. Die meisten standen draußen in Grüppchen zusammen und schwatzten. Dima stellte mich einigen Leuten vor, die wohl deutsch konnten, aber es heute nicht so richtig sprechen wollten. Langsam kamen wir auch durch die Menschenmenge in Türnähe. Es gab Sicherheitskontrollen vor dem Saal, bei der alle Handtaschen durchsucht wurden. Der Wachtmann brauchte bei mir ein paar Sekunden länger bis sein Gehirn verarbeitet hatte, dass es Frauen gibt, die keine Handtaschen trugen. Ich hatte auch keinen Rucksack dabei, sondern nur einen Brustbeutel; das brachte ihn ganz aus dem Konzept. Rein kam ich trotzdem.
Der richtige Abend begann mit diesem "Konzert". Die Eintrittskarten hatten 50 Rubel gekostet, also einen schlappen runden Euro, aber das Programm, das von den Studenten dieser Fakultät dargeboten wurde, war einmalig. Eröffnet wurde mit einem Tanz, der in anderen Veranstaltungen der Show-Down gewesen wäre. Verschiedene Gruppen von Studenten in unterschiedlichen Kostümen führten in raschem Wechsel die Themen des Abends vor: Feiern und Feiertage durch das Jahr.
Die russischen Feiertage sind ein wenig... anders als die deutschen; das wurde mir spätestens klar, als der "Tag des Vaterlandsverteidigers" vorgetanzt wurde und die Studenten dabei zwei echte Kalaschnikow-Sturmgewehre auf der Bühne herumwirbelten.
Die Feierlichkeiten zu Neujahr und Weihnachten sind dieses Jahr zusammengefallen, das heißt, sie hatten 10 Tage lang gedauert; dieser Begebenheit widmete man einen Silvesterfeten-Tanz mit Weihnachtsmann-Mützen. Was nun aber genau das Schafs-, Hasen- und das andere Tierkostüm bedeuteten sollte, ist mir nicht ganz klar geworden. Auch, weshalb der Weihnachtsmann sie tröstete, war nicht sofort offensichtlich.
Zu meiner Überraschung traten als nächstes - ganz freiwillig und mit Begeisterung - Professoren der Fakultät auf. Eine der Professorinnen war rundlich und erinnerte in ihrem Kleid stark an deine Disco-Kugel; die zweite sah eher wie ein Bonbon aus, und zu ihnen gesellte sich ein Professor, der eine Mischung aus Alt-Hippie und bayrischer Kneipenwirt war. Sie haben zu dritte ein Geburtstagslied für die Fakultät zum Besten, mit eingespielter Musik und Lichteffekten, bei denen die ersten Professorin die Disco-Kugel wirklich in den Schatten stellte. Sie sangen ein zweites Lied, dann folgte wieder Tanz. Die Studenten waren außerordentlich begabt, und sie Show hatte keine Probleme, mit einer Musical-Produktion mitzuhalten. Zwei Jungs tanzten etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte; zu ihrer Performance gehörte es, den leuchtend gelben Schuh auszuziehen und als Telefon zu benutzen. Dann trat das Fakultätsmanagement auf. Es waren acht alte Herren, die irgendein altes russisches Volkslied sangen. Nach dieser Darbietung setzten sie sich ihre Soldatenmützen auf und sagen ein Kriegslied. Der Saal tobte vor Begeisterung.
Blumen wurden ausgeteilt. Es folgte eine weitere Reise durch die russischen Feiertage. Paare wogen sich in einem Gesellschaftstanz, als plötzlich eine blecherne Stimme durch die Lautsprecher klang: "Hier spricht Moskau" - alle erstarrten. Gerade sei Deutschland in Russland eingefallen und man müsste sich zum Gegenschlag formieren. Auf der Leinwand wurden Kriegsbilder gezeigt und eine Gruppe Studenten trag als Soldaten auf, die ihre Frauen zu Hause zurück lassen mussten, aber sich gegenseitig Briefe schreiben. Auf der Leinwand bewegte sich eine Geisterarmee gen Westen, bis sie schließlich den Fluss Одер (Oder) überquerten. Die Lautsprecheransage ertönte erneut: "Deutschland ist besiegt!" und auf der Bühne fielen sich alle erleichtert in die Arme. Im Publikum jubelten und klatschten alle; Dima sah mich mit hochgezogener Augenbraue von der Seite an, aber ich lachte und klatsche mit. Die Militär-Tradition ist untrennbar mit Russland verbunden, besonders hier in Izhevsk, der Stadt der Kalaschnikow. Diese Veranstaltung ließ tief in die russische Seele blicken: Starke Emotionen aus Leid und Freude, und ein Herz, das für Musik lebt. Wirbeln gingen die Tänze weiter, gefolgt von Sketschen und Gedichten. Bei der großen Schlussnummer waren bestimmt 100 Studenten auf der Bühne versammelt, und dann regnete es Luftballon. Minutenlang fielen sie von der Empore in den Zuschauerraum hinunter; alle lachten und jubelten und pfiffen.
Nun sollte die richtige Party beginnen. Alle strömten nach draußen und formierten sich im Eingangsbereich vor der Bar. Die Disco-Fläche im Obergeschoss war bereits erleuchtet worden und die einzige Fläche, auf der niemand stand. Ich beschloss, den Abend damit zu beenden. Ich bin noch nie ein großer Fan von Partys gewesen; lieber wollte ich gemütlich zu Hause essen und über die Veranstaltung schreiben. Ich bedanke mich bei Dima für die Begleitung und ließ ihn im Kreis seiner Kommilitonen zurück.
Vielleicht hatte es einen Vorteil, dass ich kein Internet in meinem Zimmer habe, denn so konnte ich mich leichter auf die Dinge konzentrieren, die ich statt sinnloser Surferei erledigen wollten. Zum Beispiel gelingt es mir im Moment noch, relativ zeitnah mein Reisetagebuch zu führen. Und zusätzlich bekomme ich soziale Kontakte, wenn ich im Gemeinschaftsraum ins Netz gehe. So habe ich zum Beispiel den Studenten mit dem Fleischermesser vom ersten Tag nun näher kennengelernt. Er stammte aus Moskau und war ein ziemlich hilfsbereiter junger Mann, der nur am Anfang etwas beängstigend wirkt. Gestern hatte er wissen wollen, was die Deutschen über die Russen denken - alles Alkoholiker auf den Straßen?
Ja, was soll man da sagen? Ich wich aus, dass wir in Deutschland die Problemlösungsfähigkeit der Russen bewunderten und sogar den Ausdruck "eine russische Programmierlösung" kannten. Ungewöhnlich, eher provisorisch und hält bis in die Ewigkeit.
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