01.03.
Meine Zimmernachbarin ist unglaublich; sie kam gestern 1 Uhr morgens nach Hause als ich gerade zu Bett ging, und stand heute Morgen tatsächlich schon um 6:30 auf. Geräuschvoll, sodass jeder der umliegenden Zimmer gleich mit geweckt wurde. Als Medizinstudentin braucht man nicht viel Schlaf. Als Informatikerin schon, dachte ich grummelnd. Der Kühlschrank begann wieder zu spuken. Mich wunderte, dass er mich nicht mitten in der Nacht aufweckte. Wahrscheinlich war es eine Gewöhnungssache und irgendwann würde ich ihn gar nicht mehr hören. In Deutschland werde ich sicher nicht mehr schlafen können ohne einen knallenden Kühlschrank.
Mir gelang es, noch einmal einzuschlafen, aber als ich gegen halb 10 aufstand, fühlte ich mich total fertig und zitterte. 6:30 Uhr... das war nach Berliner Zeit 3:30 Uhr... kein Wunder, dass mein Körper rebellierte. Vielleicht hatte ich auch nicht so viel gegessen wie ich sollte. Ich esse ja sowieso nie Frühstück, aber durch die Zeitumstellung bekomme ich nicht vor 14 Uhr Hunger. Frage mich, wie lang es dauert, bis sich der Körper umgestellt hat.
Wowa warte schon wie verabredete vor dem Wohnheim. Er hatte selbst noch sehr viel Arbeit vor sich, vor allem organisatorischer Art, denn er musste bis April den Stoff des Semesters nachholen, das er verpasst hatte, als er in Deutschland studierte. Die Anerkennung von Lernleistungen klappte kaum bis gar nicht. Nun ist es in Russland schwierig, Professoren anzutreffen, erklärte Wowa. Selbst wenn es Sprechzeiten gäbe, wäre der Professor genau dann nicht anwesend. Wowa hatte schon versucht, per E-Mail zum Beispiel das Thema seiner Ausarbeitung zu erfahren, aber der Professor hatte gar nicht geantwortet, und seine Kommilitonen meinte, er müsse das Blatt persönlich abholen. Wahrscheinlich wusste der Prof nicht, wie man einen Scanner bedient, oder es war ihm einfach egal.
Das Auslandsamt befand sich in Gebäude 1 und war nicht zu übersehen: Es war das Gebäude, vor dem Wowa mich gestern fotografiert hatte: Ein sehr markanter Bau mit dem Schriftzug der Universität am Eingangsportal. Von innen sah alles sehr modern aus, der Boden war mit Marmor gefliest, es gab eine Garderobe, in der mehrere Frauen arbeiteten und an den Säulen der Eingangshalle waren mannshohe Spiegel angebracht. Der Rest des Gebäudes wirkte schon sowjetischer. Wir stiegen die abgenutzten und bröckelnden Stufen hinauf in die zweite Etage und ich staunte, als ich eine Frau in Stöckelschuhen uns entgegen kommen sah. Jedes Mal erwischte sie nur knapp die rundgetretene Stufe mit ihrem Pfennigabsatz und rutsche noch ein paar Millimeter. Ich fragte mich ernsthaft, wie viele Frauen sich hier schon das Genick gebrochen hatten.
Die Wände waren mit Fotos berühmter Personen geschmückt, die ich noch nie im Leben gesehen hatte. Eine andere Wand war eine Themenseite zu internationalen Beziehungen, und an wieder einer anderen Stelle hing ein Plakat des CISCO-Kurses, den ich besuchen wollte.
Das Auslandsamt befand sich in Zimmer 214. Es waren nur Aliza von gestern Abend und eine Kollegin da. Wir plauderten etwas, dann meinte sie, ich solle in einer halben Stunde wiederkommen, wenn ich Herrn Babushkin treffen wollte. Ja, das wollte ich, denn er war meine Kontaktperson gewesen, als ich aus Zwickau Mails nach Izhevsk gesendet hatte. Dann fiel ihr noch ein, dass sie 200 Rubel von mir für die Registrierung brauchte. Eine Quittung gab es dafür nicht.
Wowa wollte mir noch die Mensa dieses Gebäudes zeigen, dazu mussten wir in den Keller, in dem gerade Bauarbeiten stattfanden. Umso mehr überraschte es mich, von dieser staubigen Baustelle in eine helle und geräumige Mensa zu kommen, deren kleine Einzeltische mit rot-gelben Tischdecken bedeckt waren. Pro Gebäude gab es mindestens eine solche Mensa, und man brauchte auch keinen Studentenausweis um dort essen zu können. Tatsächlich könnte man auch einfach in Betriebskantinen zum Essen gehen, die gar nicht zur Universität gehörten.
Nun musste ich noch ein wenig die Zeit totschlagen und packte mein Notebook aus. Es gab ein drahtloses Netzwerk, mit dem ich mich verbinden konnte, aber trotzdem bekam ich keine Internetverbindung. Wahrscheinlich hing noch ein Proxy-Server dazwischen. Ich würde gleich im Auslandsamt danach fragen.
Im Auslandsamt traf ich wieder nur Aliza an. Herr Babushkin sei noch nicht da gewesen. Heute noch nicht oder in der halben Stunde? Ich sollte gegen 16 Uhr noch einmal wiederkommen, bis dahin würde man auch die Registrierung geregelt haben.
Dr. Abilvo hatte mich für heute 17 Uhr zu sich ins Büro bestellt um den Stundenplan für mich aufzustellen. Ich zweifelte noch daran, dass ich beide Termine einhalten konnte, falls Herr Babushkin doch erst später käme. Es war ja kein echter Termin, sondern eher eine Schätzung, wann er da sein könnte. Doch hier sollte ich mich irren.
Die freie Zeit nutzte ich zum Schlafnachholen, dann begann ich das Kurs-Material durchzuarbeiten, das mir schon online zur Verfügung gestellt worden war. Ich kam zwar immer noch nicht mit dem Laptop ins Internet, hatte dafür aber zu Hause schon die Texte herauskopiert. Der Stoff war sehr simpel und ich begann stattdessen an meinem Smartphone zu spielen und schaffte es meine E-Mails abzurufen. Internet über Handy war wirklich billig, ich zahlte nur ein paar Cent dafür. Dafür war das Netz langsam und instabil, und brach oft schon nach der Authentifizierung ab.
Im Auslandsamt war wieder nur Aliza da, aber zumindest war Herr Babushkin heute schon mal im Haus gewesen, und so bot sie mir einen Stuhl an, dass ich auf ihn warten und ihn diesmal wirklich antreffen konnte. Nach 10 Minuten kam der lang Erwartete. Er war rundlich, hatte ein freundliches Gesicht mit einer Knubbelnase und sprach bestes Englisch. Wegen der Internetsache hänge er sich gleich ans Telefon und fand heraus, dass tatsächlich alles über einen Proxy ging und druckte mir die Konfiguration aus. "Leider nur auf Russisch", meinte er stirnrunzelnd und versuchte mir einen Übersetzer herbeizuschaffen, obwohl ich beteuerte, dass ich es lesen konnte und wusste, wo man einen Proxy im Browser einstellt.
Als ich ihn davon überzeugt hatte, ging unser Gespräch in eine Plauderei über und ich genoss es, endlich wieder jemanden gutes Englisch sprechen zu hören - fast wäre ich eingerostet, da hier doch jeder in der Lage schien, Deutsch zu sprechen.
Kurz vor 17 Uhr verabschiedete ich mich schließlich und ging hinauf in die 4. Etage, wo mich Dr. Abilvo erwartete.
Die Tür stand einen Spalt offen, aber ich sah niemanden, als ich hindurch spähte. Ich wartete nach deutscher Manier noch die eine Minute bis es genau 17 Uhr war, dann klopfte ich an. Dr. Abilvo öffnete selbst und lächelte warm. Mich wunderte, dass er mich noch erkannte, schließlich war es über ein Jahr her, dass wir uns in Zwickau kurz kennengelernt hatten. Dr. Abilvo hatte den Charme und auch ein wenig das Aussehen von Professor Lupin aus den "Harry Potter"-Filmen. Er nahm mir meine Jacke ab und hängte sie bei sich in den Schrank; er bat mich Platz zu nehmen und bot mir Tee an. Aber Tee hieß nicht einfach nur Tee, sondern Pralinen, Kekse und Kaffeeklatsch. Wir verbrachten fast eine Stunde bei ihm im Büro. Er malte mir meinen Stundenplan auf mit allen Kursen, die er auf Englisch und Russisch hielt, und fügte dem Blatt immer mehr Kommentare hinzu, die er einkreiste, wenn sie besonders wichtig waren, und als ich ihn fragte, welcher der Einträge ein Praktikum an echter Hardware war, und welche nur Computersimulationen, malte er noch kleine Bildchen dazu, die eben dieses andeuteten. So ging unser Gespräch in Plauderei über, wir tauschten uns über die unterschiedlichen Studiensysteme in Deutschland und Russland aus - er hatte einige Monate an der TU Dresden geforscht - und redeten über alles Mögliche, was irgendwie mit Studium zu tun hatte. Es fühlte sich eher an, als würde ich mit einem Kumpel reden, statt mit einem Professor. Doch dann war es Zeit aufzubrechen, denn seine nächste Vorlesung begann in 10 Minuten. Er sagte, ich solle schon mal vorgehen, wenn ich daran teilnehmen wollte, und das wollte ich: Meine erste Vorlesung, und das auch noch auf Russisch. Er lud mich noch ein, wiederzukommen, wann immer ich wollte und auch den Computer und Kopierer zu nutzen. Ich wollte noch eben helfen, das Geschirr wegzuräumen, aber das ließ er überhaupt nicht zu und grinste dabei liebenswürdig. Ganz Gentleman der alten Schule half er mir zu guter Letzt in die Jacke hinein.
(mein Stundenplan für Montag)
Den Ort der Veranstaltung hatte er mir beschrieben, es war in Gebäude 2, hinter dem Rücken des "Ewigen Studenten" - einer Statue auf dem Campus. Neben der Statue hatte man schwere Geschütze aus dem zweiten Weltkrieg als Dekor aufgestellt; auf einer Flugabwehrkanone spielten drei Schulkinder... ich weiß nicht, was man auf einer Flugabwehrkanone spielt. Wir hatten früher nur Legosteine und bestenfalls Holzlatten und Ziegelsteine von Abrisshäusern.
Gebäude 2 war ein neueres Gebäude und schon mit elektronischem Überwachungs- und Kontrollsystem samt Drehkreuzen ausgestattet, während man in Gebäude 1 noch dem Pförtner seinen Ausweis zeigen muss - wenn er mal da ist. Ich verstehe es immer noch nicht: die Russen können gar kein paranoides Volk sein, wenn sie Sicherheitsvorkehrungen so lasch angehen. Wahrscheinlich wird es von einer höheren Stelle diktiert, alles und jeden zu überwachen. Die einzigen, die ihre Arbeit ernst nahmen, waren die Etagen-Frauen, die - wie ich heute erst herausgefunden habe - вахтёр genannt werden. Das spricht sich wie "Wachtjor" aus und klingt ganz nach dem, was sie dort tun.
Obwohl ich rechtzeitig sein Büro verlassen hatte, schaffte es Dr. Abilvo eine Viertelstunde zu spät zu kommen. Ich zweifelte schon an meiner Fähigkeit, ein Zimmer zu finden, weil die Tür zugesperrt war und niemand davor wartete. Doch plötzlich wurde es laut und alle waren da: Der Professor und seine Studenten. Dr. Abilvo war ein bei seinen Studenten beliebter Professor, jung und modern; er hatte sogar seiner Lehrveranstaltung bei Vkontakte - dem russischen Studivz - eine Gruppe gewidmet.
Das Unterrichtszimmer wirkte nicht anders als in Zwickau, nur die Bänke waren kleiner und wurden von nur immer einem Studenten besetzt. Es gab eine Tafel, eine Leinwand, einen Beamer. Er begann die Vorlesung mit Plaudereien und stellte mich den anderen Studenten in netten Worten vor. Es war so völlig anders als ich es erwartet hatte. Ich hatte mir vorgestellt, dass die Studenten halb schliefen während ein alter Professor dröhnend vom ablas und alle mitschreiben mussten. Stattdessen stand er über das kleine Rednerpult gelehnt, das jedes Mal gefährlich nach vorne kippte, wenn er enthusiastisch einen Punkt erklärte.
Die Vorlesung sollte 3 Stunden gehen. Nach der Hälfte der Zeit gab es eine Pause, in der er mit seinen Studenten plauderte und eine der Studentinnen Schokolade an alle austeilte. Ich hatte die ganze Zeit so konzentriert zugehört wie ich es in meinem ganzen Studium nie zuvor getan habe. Nun, verstanden hatte ich nicht viel - wahrscheinlich nur das, was ich sowieso bereits aus Vorlesungen an der WHZ kannte. Ich kann mir auch nicht recht erklären, woher diese gespannte Konzentration kam, denn normalerweise neigt man zu Abschalten, wenn man schon in den ersten fünf Minuten einsieht, dass man die nächsten 85 Minuten nicht verstehen wird. Hiermit würde ich gerne Professor Beier grüßen. Jedenfalls ging die Vorlesung in die zweite Runde und Dr. Abilvo versuchte mich in den Unterricht einzubauen, wovon ich nicht ganz so begeistert war wie er. Am Ende hatte ich trotzdem das gute Gefühl, meine Zeit nicht verschwendet zu haben. An dieser Stelle würde ich gerne Grüße an Professor... nein, lassen wir das.
Als ich nach der Vorlesung durch die kalte Nacht zum Wohnheim zurück ging, stellte sich auch endlich das Hochgefühl ein. Alles war nicht perfekt, aber auf dem Weg zu "überwiegend positiv". Dr. Abilvo hatte mich nach draußen begleitet und mir seine Handynummer gegeben; ich sollte ihn jederzeit anrufen, wenn ich Fragen hatte. Leider konnte er mir nicht das Kursmaterial geben, das er mit seinen Studenten im Moment durchnahm, weil es schon der zweite Teil des Kurses war, und ich erst den ersten Teil bestehen musste - also die Prüfungen zu dem Material, das mir schon online zur Verfügung gestellt worden war. Dr. Abilvo meinte, ich solle es einfach recht schnell durcharbeiten, die Prüfungen im Internet ablegen und dann würde ich das neue Material automatisch erhalten.
Wenn es da nicht ein kleines Problem gegeben hätte... die Prüfungen waren nur bis heute, 23:25 Uhr freigeschalten. Es waren 9 Kapitelprüfungen und für jede Prüfung hatte ich eine Stunde Zeit. Als ich nach Hause kam, war es 21:30. Jeder kann sich vorstellen, dass diese Rechnung nur mit Zeitreisen aufgeht, zumal ich mich noch mit den anderen Studenten im öffentlichen Computerraum bekannt machen und mein Internet einrichten musste. Insgesamt schaffte ich vier Prüfungen in dieser Zeit, weil die Prüfungen auf Englisch zur Auswahl standen und mir der Stoff noch gut in Erinnerung war. Wir hatten im Bachelor-Studium schon einmal einen CISCO-Kurs durchgearbeitet, jedoch die "Exploration"-Variante, nicht "Discovery", die noch viel umfangreicher zu sein schon.
Als ich die Zeit abgelaufen war und ich keine weitere Prüfung mehr aufrufen konnte, schrieb ich eine E-Mail an Dr. Abilvo und hoffe, dass er wusste, wie man die Zeit verlängert.
In dem Moment rief mich Ilya an. Er hatte es vorher schon über Skype probiert, aber die Verbindung war so schlecht gewesen, sodass ich kaum eine ganze Wortgruppe verstehen konnte ohne dass die Verbindung abbrach. Und es half nicht, dass die anderen Studenten das Internet währenddessen leersaugten, online spielten und Musik hörten. In meinem Raum würde ich kein Internet bekommen, es gab ja keinen Netzwerkanschluss. Die drahtlosen Netzwerke waren keine offiziellen, wurde mir im Auslandsamt mitgeteilt. Es blieb nur die Möglichkeit, die Besitzer dieser Netzwerke aufstöbern um von ihnen das Passwort zu erfahren, oder eine bestimmte Software anzusetzen, die für mich in den nächsten Wochen probieren könnte das Passwort herauszufinden. Oder ich könnte es einfach akzeptieren, dass ich kein Zimmer mit Internet habe... jedenfalls Ilya rief an. Die Arbeit war immer noch zu viel Papierkram und Übersetzerarbeit als das, wofür er ausgebildet worden war. Er wollte versuchen, am Wochenende mit dem Zug nach Izhevsk zu kommen. Ich hielt ihn für verrückt - 12 Stunden Fahrt pro Strecke, Freitag Nacht hin und am Montagmorgen schon wieder zur Arbeit... sowas konnte auch nur einem Russen einfallen, der die Größe seines Landes zu Schätze wusste.
Ich musste mich beherrschen, nicht zu weit nach Mitternacht ins Bett zu gehen, um meinen Körper endlich die neue Zeitzone aufzuzwingen. Termindruck hatte ich keinen - mir wurde nur gesagt, ich solle im Laufe des Tages im Auslandsamt vorbeischauen und Marina kennenlernen, die gerade von ihrer Deutschlandreise zurück gekommen war. Doch natürlich wurde wieder nichts aus Ausschlafen...
02.03.
Ich hatte mir den Wecker auf 10 Uhr gestellt, aber schon gegen 9:30 klopfte es laut an die Tür. "Telefon!" Wieder klopfte es. Ich wurde nur langsam munter. "Schas", murmelte ich, "Schas minut!", wiederholte ich lauter als sie weiter klopfte erbarmungslos an die Tür klopfte und mich aufforderte, sofort ans Telefon zu kommen, als ginge es um Leben und Tod. Ich zog mir schnell eine Jeans drüber und ging mit Pyjama-Oberteil zur Tür um zu sagen, dass ich gleich komme. Sie hatte schon den halben Flur durchquert und wie ein General duldete sie keinen Widerstand.
Dabei war es nur Herr Babushkin vom Auslandsamt, der wissen wollte, wie lange ich vorhatte in Russland zu bleiben wegen der Visum-Verlängerung. Als ich 10 Minuten später im Auslandsamt stand, hatte sich offenbar alles geklärt, und es ging gar nicht im die Visumsverlängerung, sondern um die Registrierung, die eigentlich schon gestern hätte abgeschlossen sein sollen - aber was weiß ich. Ich ließ dennoch meine Passbilder da, falls doch mal jemand Lust hätte, mein Visum zu verlängern.
Da ich schon einmal vor Ort war, lernte ich auch Marina kennen und plauderte mit ihr auf Deutsch. Wir verabredeten noch, dass ich mit den ägyptischen Studenten zusammen zum Sprachkurs gehen sollte, der heute begann. Wo der allerdings genau stattfand und so weiter wusste hier noch niemand, aber im Laufe des Tages bekam ich einen Anruf einer mir unbekannten Frau, die in holprigem Englisch erklärte, dass sie sich für exakt dieses Thema verantwortlich fühlte und verabredete sich mit mir auf 16 Uhr.
Sie war lange vor der Zeit dagewesen, vermute ich, da sie es sich mit ihrer Kollegin an der Rezeption in meinem Stockwerk gemütlich gemacht hatte. Sie hieß Jelena oder Helena, oder vielleicht etwas ganz anderes; ihre Kollegin stellte sich als Jane vor, hieß aber in Wirklichkeit Schenja. Sie hatten festgestellt, dass es ausländischen Studenten leichter fiel, sich ihre internationalisierten Namen zu merken.
Sie warteten auf die ägyptischen Studenten, die teilweise auf meinem Stockwerk wohnten, teilweise im achten darunter. Und das Warten wurde zum Geduldsspiel. Nur langsam fanden sich alle Studenten zusammen, währenddessen verschwanden wieder einige, die schon dagewesen waren. Das zog sich eine halbe Stunde lang bis sich vor dem Eingang die Gruppe zusammenfand. Die beiden Russinnen mussten wie im Kindergarten ständig durchzählen, ob noch alle dabei waren. Eines der ägyptischen Mädchen hatte etwas vergessen und rannte noch mal hoch; ihr hinterher zwei andere Studenten, und schließlich beschlossen Helena und Jane, sich aufzuteilen, und wenigstens die Studenten, die schon da waren, zum Unterricht zu schaffen, während die andere noch auf die Nachzügler warte.
Wir nahmen den Trolleybus, da sich das Gebäude Nummer 5 ein gutes Stück vom Campus entfernt befand. Tickets bekam man direkt im Bus von einer Schaffnerin. 11 Rubel kostete eine Fahr beliebiger Länge, vielleicht 25 Cent. Ich bin immer noch nicht dazu gekommen, den aktuellen Kurs nachzuschlagen.
Es war ein buntes arabisches Stimmengewirr, in der erst nach Unterrichtsbeginn ein wenig Ruhe hinein kam. Fast hätte ich vermutet, diese Studenten hätten Aufputschmittel im Trinkwasser bekommen, aber natürlich ist mir klar, dass es hier im Trinkwasser nur Kolibakterien gab.
Der Kurs war leider ein kompletter Anfängerkurs und ich fürchtete schon, überhaupt nichts zu lernen, aber das Tempo war relativ schnell, sodass ich Grund zur Hoffnung hatte, dass wir in ein paar Wochen zu hilfreicheren Vokabeln kommen würden.
Es war schon wieder so schrecklich spät als ich nach Hause kam. Eigentlich sind diese Unterrichtszeiten nach meinem Geschmack, und ich hätte auch in Deutschland mehr Vorlesungen in den Abendstunden, aber man kommt so einfach zu nichts... ich entdeckte zwar einen Elektromarkt, aber er sah geschlossen aus. Morgen würde ich den ganzen Tag Unterricht haben und so keine Zeit, mir endlich die Mehrfachsteckdose und Geschirr zu kaufen. Wowa hatte mir zwar angeboten, mir Geschirr auszuleihen, aber das war irgendwie im Sand verlaufen.
Mein Zimmer schrie nach Lüften, als ich nach Hause kam. Die Außentemperaturen waren um einige Grad gesunken und mussten den Heizmeister zu Überreaktion gefordert haben. Blöd war nur, dass gerade jede Menge Schnee vom Dach fiel oder gekehrt wurde, sodass die Hälfte auf meinem Schreibtisch landete.
Und ich glaube, entweder werde ich verrückt, oder bei meiner Zimmernachbarin wohnt auch ein Mann. Ich höre seine Stimme durch die Wand, und den Fernseher, wenn sie nicht zu Hause ist, und höre sie in der Nacht mit Jemandem reden. Aber begegnet ist er mir noch nicht. Vielleicht spukt es hier?! Das würde auch meinen Kühlschrank erklären. Ich habe eine ganze Weile versucht herauszufinden, warum er so einen Spuk macht und konnte es nur bis auf die Rohre dahinter zurückführen. Meine Skepsis vor russischer Technik war zu groß als dass ich dort hinein gefasst hätte. Die Steckdose ist schließlich auch schon samt Schraube aus der Wand gefallen und hinterm Nachtschrank verschwunden.
Nun wartete ich nur noch darauf, dass sich Aliza meldete, da sie mich zu einem Englisch-Club-Treffen eingeladen hatte. Auf meine Nachfrage per SMS rief sie an und meinte, dass sie sich heute doch nicht treffen wollten, aber sich trotzdem im Wohnheim befanden und mich anrufen wollten, wenn sie sich überlegt hatten, was sie noch mit dem Rest des Abend anstellen wollten. Ich konnte mich also beruhigt einer anderen Aufgabe widmen. Schon gestern hatte sie mich zum Ausgehen mit einer Gruppe Studenten eingeladen, die sich dann doch nicht zusammengefunden hatte.
Irgendwie kam mir das "komm ich heut nicht, komm ich morgen (nicht)" bekannt vor...
Stimmt: Ich bin nicht mehr in Deutschland.
(Woran man wirklich merkt, dass man in der Pampa gelandet ist)
(außerhalb des Campus)
(das Wohnheim)







wow was für ein schnee, ;)
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