Mittwoch, 24. März 2010

Was sonst noch passierte II

24.03.

Was sonst noch passierte... es ist schwer, einen großen roten Faden durch all meine Erlebnisse zu ziehen; meist sind es Einzelereignisse, die ich sehr interessant finde; und der Rest ist Alltägliches, von dem ich wirklich nicht berichten muss.
In Zukunft werde ich weiter auf diese Weise schreiben: Ich werde eine Reihe von Ereignissen und Bemerkungen sammeln und dann vielleicht einmal pro Woche veröffentlichen.



Ich habe das Gefühl, ich werde hier noch zum Professoren-Liebling, einfach nur durch deutsche Pünktlichkeit. Erinnert ihr euch an den Prof, der vier Stunden lang über Antennen reden kann ohne eine Pause einlegen zu müssen? Letzte Woche hatte ich mich eher verdrückt und war auch auf der Suche nach dem Raum später gekommen, das heißt, fast zeitgleich mit den ägyptischen Studenten. Diesen Samstag hatten wir ausreichend Gelegenheit einander kennenzulernen. Ich war wie üblich fünf Minuten zu früh und Professor Puschin war im Gegensatz zu Dr. Abilvo ebenfalls immer ein wenig eher da. Auf allen Tischen lagen Stapel unterschiedlichster Kopien, die er gerade zum heutigen Vorlesungsmaterial zusammenstellte, dabei ging er reihum durch die Bankreihen und nahm dabei immer eine Kopie von jedem Stapel auf - in einer Geschwindigkeit, dass sich die ägyptischen Studenten noch 20 Minuten verspäten mussten, dass er rechtzeitig fertig wurde, also bot ich meine Hilfe an. Während wir dann also durch die Bankreihen gingen, unterhielten wir uns; er wollte sein Deutsch üben. Ich war beeindruck wie gut er sprach; er meinte, er hätte das letzte Mal vor drei Jahren auf Deutsch gesprochen. Ich erfuhr jede Menge weiterer Sachen über ihn, zum Beispiel, dass er 42 Jahre war, zwei Töchter hatte, eine in meinem Alter, die andere gerade mal drei Jahre alt und ein kleiner Zappelphilipp... Ich betrachtete mir diesen Professor näher. Er wirkte irgendwie schrullig, was vielleicht daran lag, dass er sein Handy um den Hals hängen hatte und es unter der Spitze seiner Krawatte hervorschaute. Er hatte eine riesige Hornbrille und lichter werdendes Haar, und er lächelte immer etwas abwesend.
Er war einer der Professoren, der sich darum sorgte, was seine Studenten von ihm denken, und dass seine Vorlesung interessant für sie ist. In jeder Stunde fragte er mehrmals, ob sie es interessant fanden, und die Studenten schrecken aus ihrem Halbschlaf aus und bestätigten höflich, dass es interessant sei. Ich begann bald mit Origamifalten. Er schien es nicht zu bemerken, obwohl ich den Stern auf dem Tisch zusammensetzte. Tatsächlich fragte er mich nach der Stunde, ob ich das Origami gemacht hätte, und vor allem wann und wie lange ich dafür brauchte.
Er griff zu ungewöhnlichen Methoden um uns den Stoff begreiflich zu machen. Zum Beispiel hatte er heute eine Fernsehantenne vom Dach mitgebacht, ein dickes Kabel, einen Wellenleiter, der selbstgebastelt aussah, was vielleicht daran lag, dass ein Nestlé-Plastikdeckel in der Konstruktion Verwendung fand, und Prof. Puschin hatte sogar eine alte Gitarre mitgebacht. Damit erklärte er den Unterschied zwischen stehenden und bewegten Wellen, glaube ich zumindest. Ich wusste nicht, dass Wellen stehen können, und auch Ali, einer der arabischen Studenten, mit dem ich am Abend darüber sprach, hatte keine Ahnung, was und Prof. Puschin damit eigentlich hatte sagen wollen.



Nichtsdestotrotz überstanden wir alle die Stunde; es kam einige Bewegung in die Klasse, als der Spezialstift für die Tafel den Geist aufgab und er stattdessen begann, alle Skizzen auf Papier an seinem Schreibtisch zu malen. Die Hälfte der Klasse stand um ihn herum, die andere Hälfte spielte am Computer oder war gegangen. "Es ist nicht interessant?", fragte er in die Runde der Leute, die nicht einmal den Anschein machte, zuzuhören. "Doch, doch!", bestätigten sie, und setzten noch ihr neusten russischen Vokabeln hinzu: "sehr müde" und "alles" (vsjo), was Russen gerne sagten, wenn sie mit etwas abschlossen, oder meinten, dass etwas genug wäre, wie zum Beispiel der Unterricht, und sie nach Hause wollten. Lachend gab der Professor nicht nach, erst 10 Minuten vor 14 Uhr machte er Anstalten, den Unterricht zu beenden, indem er fragte, was sie nächste Woche hören wollten.
Man sah ihnen an, dass sie eigentlich gar nichts hören wollten, und es war noch nicht einmal die Hälfte der Gruppe überhaupt erschienen. Sie überredeten ihn, die Vorlesung regulär auf 14 Uhr zu verlegen. Wahrscheinlich war den meisten 11 Uhr zu früh und sie wollten gern ausschlafen.

Nach der Vorlesung begann Prof. Puschin wieder das Gespräch mit mir, diesmal aber auf Englisch, und ehe ich mich versah, diskutierten wir die Auswirkungen des Euros auf Ostdeutschland und Europa und über die Weltwirtschaftkrise. Wir hatten eine gute halbe Stunde verquatscht, als er meinte, dass er los müsse, aber mich in seinem Auto mitnehmen wolle, weil er sowieso Richtung Campus fuhr. So brachte er mich also noch nach Hause und bedankte sich für das Gespräch.
Ich hatte die ganze Woche überlegt, diese Vorlesung sausen zu lassen, da mich der Stoff nicht besonders interessierte und sie auch noch am Samstag war, aber konnte man einen so netten Professor enttäuschen? Am Ende kommt gar niemand mehr zu seinen Vorlesungen...


Meine Handynummer hatte sich wie vermutet an die unterschiedlichsten Stellen verbreitet, aber nun zog das Internet nach. Über das Studivz-Pendant "Vkontakte" kontaktierten mich immer wieder neue Leute, die mich irgendwann mal gesehen hatten oder Freunde von Freunden waren... so zum Beispiel Dascha, die als Freundin von Pascha (warum klingen eigentlich alle Spitznamen wie die russische Antwort auf die Telertubbies?) zu mir in Kontakt trat und begeistert davon war, mit mir ihr Deutsch zu üben. Sie studierte an der anderen große Universität der Stadt und sprach fast perfekt deutsch. Wir verabredeten uns für Sonntag auf einen Kaffee, aus dem dann durch einen Vorschlag Paschas der Besuch eines Wettkamps wurde.
Was genau das für ein Wettkampf war, konnte mir allerdings niemand in 160 Zeichen erklären.
So trafen wir uns um 10 an den Flugabwehrkanonen. Pascha hatte die Grippe gehabt und hustete tapfer gegen den eiskalten Wind. Ein Freund begleitete ihn; er hielt einen flachen geschnitzten Knüppel und schlug damit gegen einen Tennisball. Das war der Sport, in dem der Wettkampf stattfinden sollte. Lapta nannte es sich und war wohl eine Art Nationalsport.





Der Kunstrasen auf dem Sportplatz war völlig vereist und zugeschneit und nur wenige Studenten standen in der Gegend herum. Der Wettkampf sollte erst in zwei Stunden losgehen, weshalb wir zurück zur Uni gingen um einen schönen, heißen Tee zu trinken. Das Wetter war heute so glasklar und eisig wie die mächtigen Eiszapfen an allen Dächern.
Das Café war ein größerer Kiosk mit zwei Stehtischen, aber zumindest standen diese drinnen. Wir tranken Tee aus Plastiktassen und verständigten uns in einem Sprachgemisch aus Deutsch, Englisch und Russisch, wobei oft die Bedeutung auf der Strecke blieb.
Zurück am Sportplatz schien es noch viel kälter geworden zu sein. Mittlerweile waren die Spiele im Gange und ich versuchte den Spielregeln zu folgen, die mir erklärt wurden. Es ergab nicht allzu viel Sinn. Der höhere Sinn hinter dem Spiel schien zu sein, möglichst viel zu rennen. Bei den eisigen Temperaturen in Russland konnte ich mich vorstellen, dass deshalb dieser Sport so beliebt geworden war. Selbst die Schiedsrichter(innen) rannten um das Feld herum. In ihren kurzen Röckchen froren sie sich noch mehr den Hintern ab als wir. Minus 15 Grad. Feierlich war das nicht mehr.
Es waren einige hartgesottene Fans gekommen, von denen jede Gruppe eine selbst hergestellte Fahne schwenkte und jubelte um ihr Team anzufeuern. Es wirkte reichlich mager. Auch wir verließen den Sportplatz bald wieder um uns aufzuwärmen. Diesmal gingen wir in eine Pizzeria.
Erstaunlich, wie gut die Russen Pizza backen konnten. Sie war hauchdünn und knusprig, und mit feinstem Käse belegt. Wir teilten uns eine große Pizza, womit ihr ursprünglich gar nicht gerechnet hatte. Als ich die Pizza auswählte, herrschte irgendwie ein stilles Einverständnis, dass wir sie uns teilten, nur wurde ich nicht eingeweiht. Als ich die Pizza bezahlen wollte, flog wie selbstverständlich ein Schein von Dascha mit auf den Tresen. So teilten wir uns die Pizza und ich hatte wieder etwas über Russland gelernt.

                                         Dascha und Pascha

Die russischen Vorschriften und der Bürokratiewahn sind einfach unmöglich. Ich wollte Pascha und Dascha zum internationalen Abend einladen, aber sie durften nicht einmal das Studentenwohnheim betreten. Zuerst müssten sie in der Universität einen Antrag stellen, auf dass sie eine persönliche Einladung in das Studentenwohnheim bekamen, die sie in zweifacher Ausfertigung einmal unten beim Portier und oben bei der Etagenfrau abgeben mussten. Allerdings war heute Sonntag, sodass niemand in der Uni war, den man um diese Einladung bitten konnte.
Zunächst akzeptierte ich diese Vorschrift, weil ich das Einhalten von Vorschriften - so unnütz sie auch sind - aus Deutschland gewohnt bin. Allerdings bekam ich innerhalb der nächsten Stunde den Eindruck, dass heute Abend eine ganze Reihe von fremden Studenten anwesend sein würden, denn die Etagenfrau bat mich, meine Schuhe in mein Zimmer zu nehmen, und falls ich etwas zu kochen hatte, sollte ich es lieber vor 18 Uhr tun, weil ab dann ein ziemlicher Betrieb herrschen würde. So kontaktierte ich Aliza, die den Abend mitorganisierte, aber sie meinte, es gäbe eine Gästeliste, auf den sie niemanden weiter setzen konnte oder wollte. Das verdarb mir gleich wieder die Laune. Ich hatte mir gestern so viel Mühe gemacht, Kartoffeln zu Pommes zu schneiden, und dann durfte ich noch nicht mal jemanden dazu einladen. Die hatten selbst geplant gehabt, etwas Gekochtes mitzubringen und mir zu helfen.
Ich habe mich noch immer nicht entschieden, ob ich Russland überhaupt mag. Wie kann ein Land, das so viel von spontaner Gastfreundschaft hält, nur so starrsinnig und bürokratisch sein?
Im Allgemeinen habe ich mitbekommen, dass die hier lebenden Deutschen das Leben in Russland als sportliche Herausforderung sehen - ein Beweis, wie hartgesotten sie sind. Diese Art von Begeisterung mag mir einfach fehlen.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich mit dem Zubereiten der Speisen für den internationalen Abend.
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Die Etagenfrau hatte mich schon gewarnt, dass ab 18 Uhr die Küche blockiert sein würde wegen den Vorbereitungen für ebendiesen. Ich schmierte kleine Häppchen auf Weißbrot nach typisch-holländischer Art, das heißt möglichst süß und abenteuerlich in der Zusammenstellung. Im Laden hatte ich zwar keine Schokostreusel gefunden, aber dafür bunte Kuchenstreusel, die ich als Hagelslag ausgeben konnte. In Holland gab es diesen in bestimmt 20 Varianten zu kaufen - von Schokostreusel verschiedener Schokoladensorten über Schokoflocken bis hin zu Anisprodukten und diesen Zuckerbröseln, aus denen man in Deutschland Tee macht. Mit dem, was man in Russland bekommen konnte, wurde es nur halb so abenteuerlich wie in Holland, aber es sollte reichen. Von einer Schokoladentafel kratzte ich Schokoflocken ab, kombinierte es mit Nutella und Erdnussbutter, Butter und Popcorn, bis ich merkte, dass es gesalzenes Popcorn war. Das ließ sich besser mit Käse kombinieren. Dann begann ich Zwiebeln zu schneiden und mir dabei die Augen aus dem Kopf zu heulen. Waren die schon immer so gemein, oder waren das spezielle russische Zwiebeln mit extra Säure? Ich hatte vor, sie etwas anzubraten, aber das wurde nicht so recht, und am Ende schmeckten sie süß. Zum Glück kannte niemand die originalen Patatje Oorlog. Wie ich aus der gekühlten Erdnussbutter-Schoko-Paste eine Sauce machen sollte, wusste ich auch noch nicht, entschloss mich dann aber einfach, alles in den Topf zu kratzen und mit etwas Wasser kurz zu erhitzen - nur solang bis es sich rühren ließ. Das füllte ich in die Plastikbecher, die ich heute beim Teetrinken mit Dascha und Pascha hatte mitgehen lassen. Die Majonäse füllte ich in meine Keramik-Teetasse um. Nun war nur noch das Problem, wie ich ohne Friteuse Pommes machen sollte. Ich besaß keine weiteren Gefäße, sodass ich gezwungen war, das ganze Kilo geschnittener Kartoffeln auf einmal zu frittieren. Ich kippte kurzentschlossene eine halbe Flasche Sonnenblumenöl mit den Kartoffeln und Salz in den Topf und ließ es erstmal antauen. Oder vielmehr war das Antauenlassen eine Ausrede um mich in der Küche aufhalten zu können, wo die Ägypter schon fleißig am Kochen waren. Ich wollte nach all der Arbeit nicht einfach wieder vergessen werden. Natürlich kamen die russischen Gäste dieses Abends zu spät; einige kannte ich noch vom Wintersport-Ausflug. Ich setzte die Kartoffeln auf und bereitete mich darauf vor, dass das Öl es wie wild zu spritzen begann - doch nichts dergleichen passierte. Wahrscheinlich war die Menge dafür zu groß, dass sie sich nicht schnell genug erhitzen konnte. Die öligen Kartoffeln tauten langsam auf, und nach einer halben Stunde hatte ich tatsächlich so etwas Ähnliches wie Pommes. Sie waren weich, aber nicht von der Art wie es gekochte Kartoffeln sind; sie schmeckten ein wenig wie vogtländische Bambes.










Wir begannen den Abend erst über anderthalb Stunde später, weil wir erst auf die Ägypter warteten, und dann auf die Ungarn, die in der Zwischenzeit wieder gegangen waren. Sie waren erst letzte Woche angekommen und studierten Wirtschaftssprachen. Hier in Izhevsk würden sie erstmal einen Russischkurs machen, und dann weitersehen. Der eine hatte einen unaussprechlichen Namen und sah eher wie ein Wikinger aus als wie ein Ungar. Der anderere ließ vermuten, dass der deutsche Komiker Bastian Pastewka einen schwulen ungarischen Sohn hatte. Er saß mit kokett in den Schoß gefalteten Händen da und erzählte, wie wahnsinnig gern er Kleidung einkaufen ging. Währenddessen hatten die Ägypter begonnen, sich auszuziehen und wilde Tänze zu Musik aus einem Notebook veranstalten, während andere im Kreis um die standen und die ägyptische Flagge schwenkten.
Der Abend konnte wohl losgehen.
Jeder sollte sein Essen vorstellen. Die Ägypter hatten ganze Arbeit geleistet, ab er auch die Russen hatten typische Salate mitgebracht. Meine bunten Häppchen sahen sogar ganz gut zwischen den vielen Speisen aus, denn ich hatte eine Glasplatte aus meinem Kühlschrank als Unterlage benutzt und Taschentüchern als Serviettenersatz verwendet. Alle lachten als ich das Wort "Hagelslag" sagte und wollten es noch mal hören um sicher zu sein, dass sie sich nicht verhört hatten. Ausgesprochen klingt es typisch holländisch mit einem ständigen Kratzen in der Kehle "Hachelslach" und muss das Seltsamste sein, was die Russen hier je gehört haben, wenn man von ihrer Reaktion ausgeht.
Die Ungarn hatten auch kaltes Buffet gemacht, Brötchen mit dicken Scheiben Käse, ungarischer Salami und scharfer Sauce.
Am Anfang war ich noch ganz damit beschäftigt, verschiedenen Leuten Patatje Oorlog aufzutun und zusammen zu mixen, sodass sie ja nicht die Erdnussbutter oder Majonäse vergaßen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele mutige Leute gab, die ihrem Magen so etwas aussetzen wollten.
Dann konnte ich selbst zugreifen; die russischen Salate waren gewöhnungsbedürftig, wobei der Salat mit den getrockneten Pflaumen und dem Käse und dem ganzen anderen Zeug darin ganz gut schmeckte. Bis ich mich zum ägyptischen Essen durchgegessen hatte, war fast alles alle. Aber ich hatte genug durcheinander gegessen, dass mein Magen anfing zu hüpfen und sich irgendwie flauschig anfühlte.

Nach dem Essen versuchte Aliza die Gruppe zu animieren, die Spiele zu beginnen. Im gleichen Moment stürzten sämtliche Ägypter ohne Erklärung los, zogen sich an und verließen das Haus. Ein bisschen enttäuscht fragte Aliza den letzten, ob sie wiederkämen, was er bestätige. Was jedoch niemand so recht glaubte.
Tatsächlich kamen sie eine halbe Stunde später zurück. Die Partystimmung war in der Zwischenzeit einer Stille gewichen. Sie erklärten, dass sie einem Freund in der Straßenbahn zu Hilfe geeilt sind. Der hatte sie angerufen, weil er von einem Betrunkenen belästigt wurde. Der ganzen Horde kräftiger Ägypter hat er wohl nicht standgehalten, und so konnten sie alle unbeschadet zurückkehren.
Als dann wirklich der lang befürchtete Spiele-Abend anbrach, zog ich mich zurück. Ich hatte noch schlechte Erinnerungen an unsere internationalen Abende in Deutschland, die jeden Kindergarten Konkurrenz machen konnten.

Der Computerraum war von Innen zugeschlossen, wie öfters schon in den letzten Tagen. Murik öffnete. Sie waren beim Trinken. Was denn gefeiert werde, fragte ich. "Wir sind Russen - wir finden immer einen Grund", antwortete er.
Ich glaube eher, sie hielten geheime Vereinssitzungen einer noch geheimeren Gesellschaft ab. Regelrecht gruselig wirkte es, wenn in diesen Momenten auch das Licht ausgeschaltet war und mich blasse, von Monitoren beleuchtete Gesichter anstarrten. Vielleicht waren sie Vampire, oder mutierten zu irgendwas Gremlin-Artigem. Vielleicht verschwanden sie auch unter den Tischen wie Kakerlaken, wenn ich das Licht einschaltete.

Mittlerweile bin ich recht froh darüber, in meinem Zimmer kein Internet zu haben, denn dieser Computerraum war das soziale Zentrum der Nerd-Gesellschaft hier im Wohnheim, die ich mittlerweile alle vom Sehen kannte.
Doch nicht nur mit ihnen knüpfte ich Kontakte. Zum Beispiel traf ich eines Morgens eine Putzfrau in diesem Zimmer, die gerade die Balkontür zum Lüften öffnete. Dabei schlug die Zimmertür durch den Luftstrom zu und ihr gelang es nicht, die Tür wieder zu öffnen. Mittlerweile war ich geübt genug, ihr zu helfen und befreite sie mit einem Handgriff. Überhaupt freundete ich mich mit mittlerweile mit allen Etagenfrauen, Putzfrauen, Garderobenfrauen und Wachtmännern an. Man kannte mich, man grüßte mich, wechselte ein paar Worte auf Deutsch und fragte mich Sachen auf Russisch.
Vielleicht lag es daran, dass ich fast immer allein unterwegs war, oder dass ich einfach freundlich war, lächelte und mindestens hallo, bitte, danke, und auf Wiedersehen zu jedem sagte. Das war mehr als die meisten Russen taten. Besonders die jungen Frauen waren in der Regel von einer erstaunlichen Arroganz umgeben.

An diesem Morgen begann meine Integration in Russland: Ich erhielt ein Busticket, aus dessen ersten und letzten drei Ziffern sich jeweils die Quersumme 12 ergab. Nun musste ich es verspeisen.
Ich überlegte, ob ich wirklich diesen Aberglauben mitmachen sollte. Und überhaupt, warum musste man es essen und konnte es nicht einfach behalten? Doch Integration bedeutet eben, im Zweifelsfall ein Busticket zu verspeisen. Ich roch probehalber daran. Es war einfaches Altpapier. Gesund war es wahrscheinlich nicht, aber - na sdarowje! Ich schluckte es hinter. Es stach ein wenig an den Kanten. Gerne hätte ich es mit Wodka hinuntergespült Doch ich musste zur Vorlesung.

Dr. Abilvo glänzte mal wieder durch Abwesenheit. Stattdessen kam einer seiner Doktoranden um die Vorlesungszeit zu übernehmen und etwas anderes mit uns durchzunehmen. Ich erfuhr, dass die ägyptischen Studenten ein weiteres Fach hatten, das sich mit einer meiner russischen Vorlesungen überschnitt. So hatte ich heute einmal dieses Fach. Ich hätte auch heimfahren können, aber da ich schon einmal hier war, konnte ich es auch mitmachen. Den Unterricht leitete der BWL-Schnösel-Typ vom Cisco-Praktikum letzte Woche. Bah, war der unsympathisch! Ich versuchte mich mit ihm zu unterhalten, aber bei dem schaffte ich es nicht mal, mich zum Schleimen aufzuraffen. Nach einer Anmerkung, wie gut die Universität doch sei, gab ich auf. Als die Ägypter eintrafen, begann er mit der Ankündigung, nächste Woche einen Test schreiben zu wollen; jede Frage sollte 4 Punkte erhalten, und für jedes Mal Sprechen während der Prüfung wollte er demjenigen 4 Punkte abziehen. Wahrscheinlich würde er bei den Ägyptern in den negativen Punktebereich kommen.

Er schien auch selbst nicht zu viel Ahnung zu haben. Er zeigte und, wie man mit einem Programm zur Netzwerksimulation umging und schaffte es selbst nicht, ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen. Als ich die Lösung für das Problem gefunden hatte, schaute er nur kurz hin und schien meine Lösung nicht so recht ernst zu nehmen. Ich begann Origami zu falten.
In der Pause gab er mir eine Aufgabe, die er keine Lust hatte selbst zu erledigen; ich sollte einen Router seinen Aufzeichnungen nach konfigurieren.
In der nächsten Stunde begann er ein wenig Vorlesung zu halten und erzählte dabei schon wieder teilweise Käse. Dann sollten wir beginnen, ein drahtloses Netzwerk den Anleitungen entsprechend aufzubauen und zu konfigurieren. Dass unsere Computer überhaupt keine Netzwerkkarten mit Drahtlosadapter hatten, hielt er nicht für nötig zu erwähnen. Er ließ uns richtig dämlich fühlen, als er zu uns kam um uns zu helfen, das drahtlose Netzwerk mit Kabeln zu simulieren. Doch wenn man davon absah, war es eine lustige Stunde. Ich hatte mich mit den drei ägyptischen Mädchen zusammengetan, wovon zwei nur gelangweilt herumsaßen und die Stunde möglichst ohne Arbeit herumbringen wollten. Die andere sprach überraschend gut English und ging mit mir systematisch das Problem an, obwohl sie meinte, dass sie nicht so recht begreife, was wir gerade taten. Mir erschien es auch ein wenig sinnlos, aber ich erklärte es ihr.
Am Ende der Stunde plauderten wir noch etwas und rutschten gemeinsam die glatten Fußwege hinunter. Sie erzählte, dass Schnee und Eis etwas völlig Neues für sie sei, weil sie natürlich in Ägypten so etwas nicht hatten, und dass sie in der Zeit jeden Tag mehrmals hingefallen sei. Sie fragte, ob wir in Deutschland Schnee hatten. Ich sagte: "Ja, aber wir machen was dagegen."

Ich konnte mich nicht lange aufhalten; meine nächste Vorlesung begann bald. Ob Dr. Abilvo heute Abend wenigstens kommen würde? Als ich das Gebäude pünktlich 18 Uhr erreichte, erlebte ich eine Enttäuschung: Niemand wartete vor der Tür. Wahrscheinlich hatten alle wieder eine E-Mail erhalten, dass die Vorlesung ausfiele - nur ich nicht. Ich schickte eine SMS an Artjom um zu fragen, ob etwas Entsprechendes geschehen sei. Das Senden brachte eine Fehlermeldung. Ich hatte nur noch zwei Rubel auf dem Handy, was so gut wie nichts war und für keine SMS mehr reichte. So konnte ich auch nicht Dr. Abilvo anrufen. Was sollte ich machen, das akademische Viertel warten oder nach Hause gehen? Es war gut, dass ich mich entschieden hatte, zu bleiben, denn nach 10 Minuten kam ein Mädchen aus meiner Klasse. Es war Olga, die immer Schokolade an alle austeilte. Sie sagte mir in brüchigem Englisch, dass sie etwas für mich hatte und holte eine Margarine-Packung hervor, die bis oben hin mit länglichen, dunkelrot-bläulichen Beeren gefüllt war. Sie waren tiefgefroren, aber schon leicht angetaut. Ich solle sie probieren. Ich nahm eine und meinte, die schmecken toll, wie Eiscreme. In der Tat mochte ich diesen Geschmack. Vermutlich waren sie sogar gesund. Olga lachte und sagte, die sollte ich zu Hause aufgetaut essen. Die Beeren nannten sich жимолость, das spricht man "Schimolost" aus. Ich hatte noch nie davon gehört, aber sie schienen mit Heidelbeeren verwandt zu sein, auch wenn ich kein Biologe bin - ich gehe bei meiner biologischen Analyse davon aus, dass sie die Finger auf die gleiche Weise blau färbten.
Nach einigen Minuten kam ein weiterer Student. Das war alles. Ich fragte, warum sonst niemand erschienen war - ob sie etwas wüssten, das wir nicht wussten? Mit Hilfe des Wörterbuchs schafften wir sogar eine Unterhaltung zu führen, in der ich erfuhr, dass die Studenten seine Vorlesung nicht besonders interessant fanden und sowieso das Warten und seine Art leid waren. Das fand ich seltsam, denn zu einer anderen Gelegenheit hatte ich herausgehört, dass sie Dr. Abilvo sehr gern mochten.
Olga hatte kein Handy dabei, aber der andere Student - Pavel Nummer 2 - hatte eins dabei, und sogar Geld darauf. Ich gab ihm die Nummer von Dr. Abilvo, Pavel rief an, und er bestätigte, dass er unterwegs war.

Wie eine Vorlesung abläuft, ist jedes Mal wieder eine Überraschung. Letzte Woche war der Raum voller Studenten, inklusiver einem Trio Alt-Hippies in der vordersten Reihe. Niemand hatte besonders viel Aufmerksamkeit für den Vorlesungsinhalt übrig gehabt und ich konnte mit Pascha unbemerkt Schiffe versenken spielen, kichern und uns darüber lustig machen, wie Dr. Abilvo kippelte, zappelte und gelegentlich aufsprang um mit dem Rednerpult zu tanzen.
Heute hingegen wurde es nicht mehr als wie drei, auch nicht nach mehr als 25 Minuten Warten auf Dr. Abilvo oder andere Studenten. Es erwies sich als schwierig, unter diesen Umständen in der Menge zu verschwinden. So quälte mich Dr. Abilvo die ganze Stunde über mit Fragen auf Russisch und grinste mich dabei an wie der Weihnachtsmann. Wahrscheinlich meinte er, mir einen Gefallen zu tun, mir die Gelegenheit zu geben russisch zu sprechen. Währenddessen saß meine Konzentration weinend im Keller und eigentlich dachte ich nur noch darüber nach, wie ich meine neuste Comic-Idee umsetzen konnte - Thema: Warum eigentlich Dr. Abilvo immer zu spät kommt. Das Vorlesungsthema war sowieso alter Kaffee für mich: Distance Vector und Link State Routingverfahren. Zu diesem Thema habe ich ein ganzes Semester lang in Deutschland nicht zugehört.
In der Pause ging es weiter mit der Ausfragerei auf Russisch; aber nur von Dr. Abilvo, während die anderen sich in brüchigem Englisch mitmischten. Es war eine lustige Runde, und wären wir in Deutschland gewesen, wären wir sicher mit dem Professor Kaffeetrinken gegangen.

Am Abend begann ich mein neues Abilvo-Comic-Projekt: Was macht er denn stattdessen, wenn er zu spät kommt oder gar nicht? Was kann so wichtig sein?


Der erste Gedanke war schon während des Wartens auf ihn gekommen: Vielleicht war er ein Bösewicht wie aus einem James-Bond-Film, der an seinen Welteroberungsplänen arbeitete?
Das erste Bild mit ihm im Hühnerkostüm war zugegebenermaßen die Rache dafür, dass er mich in der Vorlesung die ganze Zeit auf Russisch ausgefragte hatte. Später am Abend, als ich den ganzen Comic fertig gestellt hatte, schickte ich es ihm per Mail, um sicher zu gehen, dass er auch etwas davon hatte.
Kurz nach Mitternacht kam eine Mail zurück, in der er mit lachendem Smiley erklärte, warum er immer so beschäftigt sei, und schrieb, dass ich gut zeichnen könne. Na bitte, Humor hatte er nun auch offiziell.

Ich hatte auch noch ein wenig mit meinen Klassenkameraden im Internet geschrieben, in einem Mischmasch aus Englisch und Russisch um es uns gegenseitig beizubringen.

Am nächsten Tag wurde ich ins Auslandsamt gerufen. Das wurde auch Zeit, dachte ich, denn die Visumsverlängerung stand schon eine ganze Weile im Raum, und ich hatte auch schon mehrmals gebeten, dass man mir sagen möge, wo und wie ich meine Miete bezahlen konnte. Doch es stand nichts Amtliches an; Marina wollte ein wenig plaudern und sich mit mir verabreden um uns ein wenig auszutauschen. Ich schätze, dass sie jede Gelegenheit nutzt, ihr Deutsch zu üben. In ihrem Büro steht eine ganze Enzyklopädie auf Deutsch und eine Sammlung von Andenken aus verschiedenen deutschen Städten. Wir verabredeten uns für Donnerstagabend - dem einzigen Wochentag, an dem ich abends Zeit hatte. Ihr Bruder sollte auch mitkommen - einer der Jungs, die mich bei meiner Ankunft vom Bahnhof abgeholt hatten. Izhevsk ist wirklich ein Dorf, und jeder kennt jeden. Bestimmt aber kennen sich alle, die Deutsch sprechen. Am Freitag würde ich für Dascha als Trophäe in ihrer Deutschgruppe auftreten und über irgendein Thema sprechen, das ich mir noch überlegen musste. Zur Not würde ich das Thema "Dialekte" wählen. In weiser Voraussicht hatte ich einen kleinen Sächsisch-Sprachführer mit nach Russland genommen.


Es wird Frühling. Wenn hier ein bisschen die Sonne scheint, läuft sofort das Wasser in Strömen die Straße runter. schnelle, schmutzige Ströme, die enthüllen, wie viel Dreck sich den ganzen Winter lang an den Straßen angesammelte hat. Es sind trotzdem noch Minusgrade, und die Fußwege sind so glatt wie Eisbahnen. An der Treppe des Hauptgebäudes wird die Eisdecke zerstoßen und zur Seite geschaufelt. Vor meiner Unterkunft sehe ich zum ersten Mal in Russland Streusand.
Marina hatte mich schon gewarnt, dass der Frühling die Stadt deprimierend aussehen lassen wird. Der Winter sähe hingegen wunderschön aus. Mich hatte allerdings schon der Winter deprimiert.


Dr. Abilvo hatte einen neuen Rekord im Zuspätkommen gesetzt: 45 Minuten. Doch mittlerweile hatte ich Verständnis für ihn und versuchte es den anderen wartenden Studenten zu erklären: Er wollte an einem Forschungswettbewerb teilnehmen, für den er lange gearbeitet hatte, aber er brauchte dafür noch eine Unterschrift, und heute war der letzte Tag dafür. Und offenbar war der Verantwortliche dafür so schwer aufzufinden wie es nur ein russischer Beamter sein kann.
Dr. Abilvo hatte mir auch extra gesagt, dass ich auf keinen Fall heute pünktlich kommen sollte und mir ausgerechnet, dass er mindestens 10 Minuten zu spät kommen würde, wenn er auch nur 10 Minuten bei dem Unterschriftengeber verbringen würde. So rechnete ich eher mit plus 10 Minuten auf seine übliche Verspätung und ging ins Wohnheim um mir Sandwiches zum Mittag zu schmieren und verließ mein Zimmer erst 20 Minuten nach offiziellem Vorlesungsbeginn. Ich hatte ein paar Sandwiches für Dr. Abilvo mitgeschmiert, weil er mir leid getan hatte, als er sagte, dass er heute wieder keine Zeit zum Mittagessen haben würde.
Er beendete schließlich die Vorlesung eine Viertelstunde zu früh, trotz der 45 Minuten Verspätung und bedankte sich noch mal für das Essen. Ich kam mir mittlerweile etwas komisch dabei vor - das war doch eher das Verhalten einer Mutter gewesen... "Junge, zieh dich warm an und vergiss das Pausenbrot nicht!"

Am nächsten Tag fragte ich ihn, ob ich damit vielleicht ein wenig meine Kompetenzen überschritten hätte, aber er gab Entwarnung: Hier war es viel üblicher als in Deutschland, dem Professor etwas zu geben, ob es nun kleine Geschenke sind, oder ob sie ihm Essen mitbringen.
Murik bestätigte dies. Er erzählte mir später am Abend von der Sitte, den Professoren nach den Prüfungen Geschenke zu machen, wenn man sich für einen guten Kurs bedanken wollte. Als einmal seine Klasse vor der Prüfung eine Flasche Cognac als Geschenk brachte, wollte es der Professor gar nicht erst annehmen, da es als Bestechung gelten könnte. Tatsächlich werden Bestechungsgelder an dieser Universität nicht geduldet, und eine seiner Professorinnen wurde dafür gefeuert, als zwei Fälle bekannt geworden sind. Sie hatte 7000 Rubel für die Note "3" genommen, etwa 175 Euro. Die Studenten selbst hatten sie angeschwärzt, da sie sich sogar von guten Studenten die Noten bezahlen ließ und Studenten durchfallen ließ, die nicht bezahlten. Häufiger komme es hingegen vor, dass die Studenten den Pflicht-Sportunterricht schwänzten und ihren Professor für die Semester-Bescheinigung bezahlten. Die bekam man schon für 50 Rubel, also etwas mehr als einen Euro.
An der zweiten großen Universität von Izhevsk, der Udmurtischen Staatlichen Universität (UdSU), sei es weit üblicher, seine Professoren für gute Noten zu bezahlen, erzählte Murik, und es soll Fälle gegeben haben, dass Studenten ihr Diplom erhalten haben, die überhaupt nie zu Vorlesungen erschienen sind. Wahrscheinlich hatte die ISTU deswegen einen sehr guten Ruf in Russland, weil gegen Korruption vorgegangen wird, und die Studenten mit einem Abschluss dieser Uni wirklich das konnten, was auf ihrem Diplom stand.

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