14.03.
Gestern Abend bin ich noch vor 22 Uhr einfach ins Bett gefallen und in voller Kleidung eingeschlafen. Dementsprechend früh wurde ich heute wach, gab dem inneren Schweinehund einen Tritt und setzte mich an mein Cisco-Kursmaterial. Eigentlich hätte ich gestern noch eine Prüfung ablegen müssen, wozu ich aus Müdigkeit nicht mehr in der Lage gewesen war, und hatte deshalb gleich drei Prüfungen abzulegen - Nummer 13, 14 und 15 innerhalb von zwei Wochen. So hart hatte ich nie in Deutschland studiert, außer vielleicht zwei Tage vor den Semesterabschlussprüfungen.
So wurde es Vormittag, Mittag und dann erhielt ich eine SMS von der Auslandsamtmitarbeiterin Aliza, die fragte ob ich Lust hätte, zum Schlittschuhlaufen mitzukommen. Eine willkommene Ablenkung, zumal ich schon einige Stunden über dem Lehrmaterial brütete. Gegen zwei Uhr wollte sie mich und die Ägypter abholen. Bis dahin legte ich Prüfung Nummer 13 ab und überlegte, noch eine abzulegen, aber ich wollte mich nicht verspäten, falls doch ein Wunder geschah und alle pünktlich kamen. Es sah fast danach aus. Einer der ägyptischen Studenten stand schon fertig angezogen an der Rezeption und einige andere kamen hinzu und zogen sich an. Wir plauderten ein wenig, und es stellte sich heraus, dass sie ganz und gar nicht bereits fertig zum Schlittschuhlaufen waren, sondern in ein Fitness-Center wollten. Ich sei viel zu früh, sagte man mir. Es war 10 nach 2. Ich wartete noch fünf Minuten auf irgendein Lebenszeichen, dann zog ich meine Jacke und Stiefel aus und ging zurück in mein Zimmer um weiter zu lernen. Bei der Menge Stoff war es wahrscheinlich das Sinnvollste. Fünf Minuten später klopfte es an meine Tür; Aliza stand da und fragte, ob ich bereit sei. "Das war ich vor 20 Minuten", rutschte es aus mir heraus. Das russische Zeitgefühl konnte einem oft die Nerven rauben. Ich weiß, es war nicht besonders höflich, so etwas zu sagen, aber diese Direktheit wird im Allgemeinen von Deutschen sogar erwartet.
Eine Minute später wartete ich fertig angezogen an der Rezeption, während Aliza sich gerade den ersten Stiefel anzog. Wahrscheinlich lag darin das Geheimnis der Unpünktlichkeit der Russen: Sie trugen alle viel zu unpraktische Kleidung. Obwohl, bei meinem Professor muss es etwas anderes sein. Er ist wahrscheinlich nur unorganisiert.
Jedenfalls ließ mich Aliza noch einmal gute 10 Minuten stehen während sie versuchte, wenigstens einen einzigen ägyptischen Studenten zu finden, der mitkommen wollte.
Am Eingang warteten schon Freunde von ihr. Sie stellte mir die ganze Runde vor und ich vergaß sofort alle Namen, die mir gesagt wurden, als sie mir gesagt wurden. Einer hatte ein Snowboard dabei. Das hätte mich schon stutzig machen müssen. Sie riefen ein Taxi herbei, das schon nach zwanzig Minuten ankam. Ich rechnete mir aus, wie wenig Zeit mir für die Prüfungen bleiben würde, wenn wir weiterhin so viel Zeit durch Warten verschwenden würden und bereute schon die Entscheidung mitgekommen zu sein. Noch viel stärker bereute ich diese Entscheidung, als das Taxi die Izhevsk verließ und uns auf schmutzigen Landstraßen an schwarzen Holzhäusern vorbei immer weiter fort von der Stadt brachte. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn es gab viele wunderbar geeignete Schlittschuhbahnen und Stadions innerhalb der Stadt. Auf meine Frage hin, wo zum Teufel wir seien, lachte Aliza nur. So verstrich die Zeit und die schmutzigen Dörfer wichen den Bergen. Als ich mich schon fragte, ob wir noch immer in Russland waren, hielt das Taxi an. Jeder bezahlte 50 Rubel, was einen Gesamtpreis von etwa 10 Euro für ein Minibus-Taxi ergab. Taxameter hatte ich noch keine entdeckt, aber sicher gab es eine Pi-mal-Daumen-Methode zum Berechnen des Fahrpreises. Vielleicht auch Pi-mal-Nase.
Wir waren an einem Ferien-Resort und Wintersport-Gebiet mitten im Nirgendwo herausgekommen. Ski-Lifts zogen sich die Hänge hoch und Menschen mit Snowboards und Skier liefen durcheinander. Offenbar war es ein neueres Wintersport-Zentrum, da kaum jemand von der Gruppe schon einmal hier gewesen war. Eine Schlittschuhbahn gab es, aber sie war klein und für Kinder gedacht. Die anderen fragten mich, was ich machen wolle, und ich antwortete: "Fotos". Also das einzige, bei dem ich mir nicht den Hals brechen würde. Sie ließen jedoch nicht locker und überzeugten mich, etwas namens "Tubing" zu probieren. Für 250 Rubel pro Person und Stunde wurde auf unsere Pässe das Equipment registriert. Es bestand aus einem Gummireifen von der Konsistenz eines Planschbecks mit gerade genug Platz in der Mitte, um einen Hintern hineinzuklemmen.
Darin sollte man also den Abhang hinunter rutschen. An beiden Seiten des Reifens gab es zwei Schlingen um sich daran festhalten zu können, aber irgendwie zweifelte ich, dass es besonders viel Halt bieten könnte. Von der Bergspitze waren Schreie zu hören.
Es gab einen eigenen Lift für die Tubing-Reifen; dazu setzte man sich in seinen Reifen und ließ sich mit einem Seil an den Lift hängen, und wurde dann mit einem Ruck auf dem Boden schleifend nach oben gezogen. Durch einen kleinen Abhang am oberen Ende löste sich das Seil selbstständig vom Lift. Es mutete wie eine Achterbahnfahrt an, nur ohne Loopings.
Doch hier oben begann die Achterbahnfahrt erst wirklich. Es gab drei Routen den Berg hinunter, "für Kinder", "extrem" und noch mal "extrem". Die Routen waren steil und kurvig, und ich fragte mich wieder mal, warum ich immer wieder in solche Situationen hinein geriet. Doch die anderen ermutigten mich; ein Mitarbeiter stieß mich an, und das nächste, was ich mitbekam, war, wie ich schreiend im Reifen den Berg hinunter schlitterte. Meine Beine schienen zu lang für die Rutschbahn zu sein, besonders wenn ich eine Kurve erreichte, dann wusste ich gar nicht, wo ich sie hinhalten sollte... schließlich wurde ich langsamer und kam am Ende an, stieg ab und zog den Reifen aus der Bahn. Die anderen warteten schon und fragten, wie es für mich war, aber ich war noch nicht sicher, wie es sich angefühlt hatte. Deshalb musste ich es gleich nochmal probieren... und das eine Stunde lang. Langsam begannen meine Finger abzufrieren; hier oben war es bestimmt um die minus 10 Grad. Ich zog mein zweites Paar Handschuhe darüber, ohne spürbaren Erfolg. Die anderen froren auch schon, und das muss was bedeuten, da es Russen waren. So gingen wir nach Ablauf der Stunde in das Restaurant am Fuß des Berges. Es gab heiße Schokolade, und ich kratze meine letzten Rubel dafür zusammen (ich hatte vergessen Geld zu holen und besaß nur noch Euros), aber die heiße Schokolade war nicht das, was ich erwartet hatte. Wir hatten in Deutschland oft gescherzt, dass heiße russische Schokolade brauner Wodka war, aber diese heiße Schokolade war eher klebriges Kaffee-Kakao-Pulver mit ein bisschen Wasser. Aber es reichte um die Finger daran aufzuwärmen. Aliza schien sämtliche Studenten der ISTU zu kennen, und so wurde unsere Kaffeerunde immer größer während mehr und mehr Studenten sich im Restaurant vom Snowboarden aufwärmen wollten. Am Ende standen drei Tische zusammen mit den Stühlen von fünf Tischen. Und alle waren neugierig auf mich. Ich fühlte mich wieder wie ein exotisches Zoo-Tier, aber als die üblichen Anfangsfragen erst einmal überstanden waren, sind wir in eine schöne Unterhaltung versunken, aus der uns nur Aliza riss, die zum Aufbruch mahnte. Sie hatte Recht, ich hatte die Prüfungen ganz vergessen und es war schon fast um 7 Uhr.
Wir nahmen kein Taxi zurück, sondern ein Sammel-Taxi, das regelmäßig zwischen diesem Wintersportort und Izhevsk verkehrte. Es gab kein Haltestellenschild, aber trotzdem wussten alle, wo sie im Matsch zu warten hatten, und nach fünf Minuten kam der Kleinbus tatsächlich. Wir zahlten gerade mal 18 Rubel pro Person, aber ich hatte eine Theorie, wie sich die Fahrtkosten für den Fahrer lohnten: Mit Werbeeinnahmen. Er hatte einen Bildschirm hinter seinem Sitz hängen, über den pausenlos Werbevideos flackerten und alle paar Minuten der Wetterbericht für letzte Woche angezeigt wurde. Ich sah lieber aus dem Fenster. Die Scheiben waren so schmutzig, dass draußen immer Schneesturm bei Nacht zu herrschen schien, obwohl gerade eine sehr schöne, klare Wetterlage herrschte.
Wir erreichten wieder die Stadt und stiegen an den Stahlwerken aus. Endlich wusste ich wieder, wo wir waren. Wahrscheinlich hätte ich die Stadt allein nie wieder gefunden. Wir nahmen den nächsten Trolleybus zur Uni und ich erfuhr das Geheimnis der Bustickets: Sie trugen eine sechsstellige Nummer, und man musste die ersten drei miteinander addieren, und die letzten drei miteinander. Kam beides Mal die gleiche Zahl heraus, musste man das Ticket herunterschlucken und hatte dann den ganzen Tag Glück. Ich schaute nach der Geschichte ein wenig ungläubig, beschloss aber, es unter "charmante russische Eigenheiten" abzuhaken.
Während der Fahrt liefen die Planungen zum nächsten internationalen Abend auf Hochtouren. Dazu sollte jeder ausländische Student etwas Typisches aus seinem Land kochen. Bei mir gab es dabei etwa drei Hindernisse: 1. Ich kann nicht kochen. 2. Ich besitze weder Kochgeschirr noch Gewürze. Manchmal ist sogar der eine Gemeinschaftstopf aus der Küche verschwunden, was mich zum Improvisieren zwingt, wie zum Beispiel Nudeln mit einem Wasserkocher zu kochen. 3. Selbst wenn es mir gelingen sollte, Kochgeschirr aufzutreiben, gibt es hier keine deutschen Lebensmittel zu kaufen: Keinen Leberkäse, und nicht mal Wiener Würstchen.
Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich etwas Holländisches zubereiten würde, denn das war recht einfach zu bewerkstelligen - für Patatje Oorlog brauchte ich nur Pommes Frittes, die ich in der Mikrowelle aufwärmen konnte, und dann noch Majonäse, Erdnussbutter und Zwiebeln.
Viel muss ich davon sowieso nicht zubereiten, denn es wird niemand essen wollen.
An diesem Abend habe ich übrigens endlich einen Dosenöffner gefunden. Gekauft habe ich ihn allerdings nicht, denn er kostete umgerechnet 16 Euro. Es gab ihn in einem Haushaltwarengeschäft über dem russischen Mediamarkt. Dort waren 10 Mitarbeiter auf einen Kunden beschäftigt und ich fühlte mich wie ein Dieb, als ich durch die Gänge spazierte und mir immer zwei Mitarbeiter folgten. Man traute mich nicht. Würde ich auch nicht bei Dosenöffnern für 16 Euro und Messer für 30 Euro.
Gestern Abend bin ich noch vor 22 Uhr einfach ins Bett gefallen und in voller Kleidung eingeschlafen. Dementsprechend früh wurde ich heute wach, gab dem inneren Schweinehund einen Tritt und setzte mich an mein Cisco-Kursmaterial. Eigentlich hätte ich gestern noch eine Prüfung ablegen müssen, wozu ich aus Müdigkeit nicht mehr in der Lage gewesen war, und hatte deshalb gleich drei Prüfungen abzulegen - Nummer 13, 14 und 15 innerhalb von zwei Wochen. So hart hatte ich nie in Deutschland studiert, außer vielleicht zwei Tage vor den Semesterabschlussprüfungen.
So wurde es Vormittag, Mittag und dann erhielt ich eine SMS von der Auslandsamtmitarbeiterin Aliza, die fragte ob ich Lust hätte, zum Schlittschuhlaufen mitzukommen. Eine willkommene Ablenkung, zumal ich schon einige Stunden über dem Lehrmaterial brütete. Gegen zwei Uhr wollte sie mich und die Ägypter abholen. Bis dahin legte ich Prüfung Nummer 13 ab und überlegte, noch eine abzulegen, aber ich wollte mich nicht verspäten, falls doch ein Wunder geschah und alle pünktlich kamen. Es sah fast danach aus. Einer der ägyptischen Studenten stand schon fertig angezogen an der Rezeption und einige andere kamen hinzu und zogen sich an. Wir plauderten ein wenig, und es stellte sich heraus, dass sie ganz und gar nicht bereits fertig zum Schlittschuhlaufen waren, sondern in ein Fitness-Center wollten. Ich sei viel zu früh, sagte man mir. Es war 10 nach 2. Ich wartete noch fünf Minuten auf irgendein Lebenszeichen, dann zog ich meine Jacke und Stiefel aus und ging zurück in mein Zimmer um weiter zu lernen. Bei der Menge Stoff war es wahrscheinlich das Sinnvollste. Fünf Minuten später klopfte es an meine Tür; Aliza stand da und fragte, ob ich bereit sei. "Das war ich vor 20 Minuten", rutschte es aus mir heraus. Das russische Zeitgefühl konnte einem oft die Nerven rauben. Ich weiß, es war nicht besonders höflich, so etwas zu sagen, aber diese Direktheit wird im Allgemeinen von Deutschen sogar erwartet.
Eine Minute später wartete ich fertig angezogen an der Rezeption, während Aliza sich gerade den ersten Stiefel anzog. Wahrscheinlich lag darin das Geheimnis der Unpünktlichkeit der Russen: Sie trugen alle viel zu unpraktische Kleidung. Obwohl, bei meinem Professor muss es etwas anderes sein. Er ist wahrscheinlich nur unorganisiert.
Jedenfalls ließ mich Aliza noch einmal gute 10 Minuten stehen während sie versuchte, wenigstens einen einzigen ägyptischen Studenten zu finden, der mitkommen wollte.
Am Eingang warteten schon Freunde von ihr. Sie stellte mir die ganze Runde vor und ich vergaß sofort alle Namen, die mir gesagt wurden, als sie mir gesagt wurden. Einer hatte ein Snowboard dabei. Das hätte mich schon stutzig machen müssen. Sie riefen ein Taxi herbei, das schon nach zwanzig Minuten ankam. Ich rechnete mir aus, wie wenig Zeit mir für die Prüfungen bleiben würde, wenn wir weiterhin so viel Zeit durch Warten verschwenden würden und bereute schon die Entscheidung mitgekommen zu sein. Noch viel stärker bereute ich diese Entscheidung, als das Taxi die Izhevsk verließ und uns auf schmutzigen Landstraßen an schwarzen Holzhäusern vorbei immer weiter fort von der Stadt brachte. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn es gab viele wunderbar geeignete Schlittschuhbahnen und Stadions innerhalb der Stadt. Auf meine Frage hin, wo zum Teufel wir seien, lachte Aliza nur. So verstrich die Zeit und die schmutzigen Dörfer wichen den Bergen. Als ich mich schon fragte, ob wir noch immer in Russland waren, hielt das Taxi an. Jeder bezahlte 50 Rubel, was einen Gesamtpreis von etwa 10 Euro für ein Minibus-Taxi ergab. Taxameter hatte ich noch keine entdeckt, aber sicher gab es eine Pi-mal-Daumen-Methode zum Berechnen des Fahrpreises. Vielleicht auch Pi-mal-Nase.
Wir waren an einem Ferien-Resort und Wintersport-Gebiet mitten im Nirgendwo herausgekommen. Ski-Lifts zogen sich die Hänge hoch und Menschen mit Snowboards und Skier liefen durcheinander. Offenbar war es ein neueres Wintersport-Zentrum, da kaum jemand von der Gruppe schon einmal hier gewesen war. Eine Schlittschuhbahn gab es, aber sie war klein und für Kinder gedacht. Die anderen fragten mich, was ich machen wolle, und ich antwortete: "Fotos". Also das einzige, bei dem ich mir nicht den Hals brechen würde. Sie ließen jedoch nicht locker und überzeugten mich, etwas namens "Tubing" zu probieren. Für 250 Rubel pro Person und Stunde wurde auf unsere Pässe das Equipment registriert. Es bestand aus einem Gummireifen von der Konsistenz eines Planschbecks mit gerade genug Platz in der Mitte, um einen Hintern hineinzuklemmen.
Darin sollte man also den Abhang hinunter rutschen. An beiden Seiten des Reifens gab es zwei Schlingen um sich daran festhalten zu können, aber irgendwie zweifelte ich, dass es besonders viel Halt bieten könnte. Von der Bergspitze waren Schreie zu hören.
Es gab einen eigenen Lift für die Tubing-Reifen; dazu setzte man sich in seinen Reifen und ließ sich mit einem Seil an den Lift hängen, und wurde dann mit einem Ruck auf dem Boden schleifend nach oben gezogen. Durch einen kleinen Abhang am oberen Ende löste sich das Seil selbstständig vom Lift. Es mutete wie eine Achterbahnfahrt an, nur ohne Loopings.
Doch hier oben begann die Achterbahnfahrt erst wirklich. Es gab drei Routen den Berg hinunter, "für Kinder", "extrem" und noch mal "extrem". Die Routen waren steil und kurvig, und ich fragte mich wieder mal, warum ich immer wieder in solche Situationen hinein geriet. Doch die anderen ermutigten mich; ein Mitarbeiter stieß mich an, und das nächste, was ich mitbekam, war, wie ich schreiend im Reifen den Berg hinunter schlitterte. Meine Beine schienen zu lang für die Rutschbahn zu sein, besonders wenn ich eine Kurve erreichte, dann wusste ich gar nicht, wo ich sie hinhalten sollte... schließlich wurde ich langsamer und kam am Ende an, stieg ab und zog den Reifen aus der Bahn. Die anderen warteten schon und fragten, wie es für mich war, aber ich war noch nicht sicher, wie es sich angefühlt hatte. Deshalb musste ich es gleich nochmal probieren... und das eine Stunde lang. Langsam begannen meine Finger abzufrieren; hier oben war es bestimmt um die minus 10 Grad. Ich zog mein zweites Paar Handschuhe darüber, ohne spürbaren Erfolg. Die anderen froren auch schon, und das muss was bedeuten, da es Russen waren. So gingen wir nach Ablauf der Stunde in das Restaurant am Fuß des Berges. Es gab heiße Schokolade, und ich kratze meine letzten Rubel dafür zusammen (ich hatte vergessen Geld zu holen und besaß nur noch Euros), aber die heiße Schokolade war nicht das, was ich erwartet hatte. Wir hatten in Deutschland oft gescherzt, dass heiße russische Schokolade brauner Wodka war, aber diese heiße Schokolade war eher klebriges Kaffee-Kakao-Pulver mit ein bisschen Wasser. Aber es reichte um die Finger daran aufzuwärmen. Aliza schien sämtliche Studenten der ISTU zu kennen, und so wurde unsere Kaffeerunde immer größer während mehr und mehr Studenten sich im Restaurant vom Snowboarden aufwärmen wollten. Am Ende standen drei Tische zusammen mit den Stühlen von fünf Tischen. Und alle waren neugierig auf mich. Ich fühlte mich wieder wie ein exotisches Zoo-Tier, aber als die üblichen Anfangsfragen erst einmal überstanden waren, sind wir in eine schöne Unterhaltung versunken, aus der uns nur Aliza riss, die zum Aufbruch mahnte. Sie hatte Recht, ich hatte die Prüfungen ganz vergessen und es war schon fast um 7 Uhr.
Wir nahmen kein Taxi zurück, sondern ein Sammel-Taxi, das regelmäßig zwischen diesem Wintersportort und Izhevsk verkehrte. Es gab kein Haltestellenschild, aber trotzdem wussten alle, wo sie im Matsch zu warten hatten, und nach fünf Minuten kam der Kleinbus tatsächlich. Wir zahlten gerade mal 18 Rubel pro Person, aber ich hatte eine Theorie, wie sich die Fahrtkosten für den Fahrer lohnten: Mit Werbeeinnahmen. Er hatte einen Bildschirm hinter seinem Sitz hängen, über den pausenlos Werbevideos flackerten und alle paar Minuten der Wetterbericht für letzte Woche angezeigt wurde. Ich sah lieber aus dem Fenster. Die Scheiben waren so schmutzig, dass draußen immer Schneesturm bei Nacht zu herrschen schien, obwohl gerade eine sehr schöne, klare Wetterlage herrschte.
Wir erreichten wieder die Stadt und stiegen an den Stahlwerken aus. Endlich wusste ich wieder, wo wir waren. Wahrscheinlich hätte ich die Stadt allein nie wieder gefunden. Wir nahmen den nächsten Trolleybus zur Uni und ich erfuhr das Geheimnis der Bustickets: Sie trugen eine sechsstellige Nummer, und man musste die ersten drei miteinander addieren, und die letzten drei miteinander. Kam beides Mal die gleiche Zahl heraus, musste man das Ticket herunterschlucken und hatte dann den ganzen Tag Glück. Ich schaute nach der Geschichte ein wenig ungläubig, beschloss aber, es unter "charmante russische Eigenheiten" abzuhaken.
Während der Fahrt liefen die Planungen zum nächsten internationalen Abend auf Hochtouren. Dazu sollte jeder ausländische Student etwas Typisches aus seinem Land kochen. Bei mir gab es dabei etwa drei Hindernisse: 1. Ich kann nicht kochen. 2. Ich besitze weder Kochgeschirr noch Gewürze. Manchmal ist sogar der eine Gemeinschaftstopf aus der Küche verschwunden, was mich zum Improvisieren zwingt, wie zum Beispiel Nudeln mit einem Wasserkocher zu kochen. 3. Selbst wenn es mir gelingen sollte, Kochgeschirr aufzutreiben, gibt es hier keine deutschen Lebensmittel zu kaufen: Keinen Leberkäse, und nicht mal Wiener Würstchen.
Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich etwas Holländisches zubereiten würde, denn das war recht einfach zu bewerkstelligen - für Patatje Oorlog brauchte ich nur Pommes Frittes, die ich in der Mikrowelle aufwärmen konnte, und dann noch Majonäse, Erdnussbutter und Zwiebeln.
Viel muss ich davon sowieso nicht zubereiten, denn es wird niemand essen wollen.
An diesem Abend habe ich übrigens endlich einen Dosenöffner gefunden. Gekauft habe ich ihn allerdings nicht, denn er kostete umgerechnet 16 Euro. Es gab ihn in einem Haushaltwarengeschäft über dem russischen Mediamarkt. Dort waren 10 Mitarbeiter auf einen Kunden beschäftigt und ich fühlte mich wie ein Dieb, als ich durch die Gänge spazierte und mir immer zwei Mitarbeiter folgten. Man traute mich nicht. Würde ich auch nicht bei Dosenöffnern für 16 Euro und Messer für 30 Euro.








Ich will auch mal in einem Gummireifen den Berg hinunterrutschen und dann hochgezogen werden :)
AntwortenLöschenFindeste dort auch keine Roster + Sauerkraut + Kartoffeln. Typisch Deutsch, leicht zuzubereiten, keiner wird es mögen ;)
Das gibt's sicher auch an Orten, vor denen du keine Angst hast ;)
AntwortenLöschenNah, höchstens Sauerkraut und Kartoffeln.