Mittwoch, 10. März 2010

Studieren in Russland

10.03.
Seit einer Woche gehe ich durch diese Türen, auf denen "na sebja" steht und fragte mich, was um Himmels Willen das heißen sollte. Wörtlich war es wo sowas wie "auf sich selbst". Es stand aber nicht als Redewendung im Wörterbuch, sondern nur auf gut der Hälfte aller Türen. Empirisch hatte ich herausgefunden, dass generell nur die Türen mit diesem Schriftzug aufgeschlossen waren. Heute Morgen kam mir die Erkenntnis wie ein Schlag: Natürlich! Auf sich selbst! Im Sinne von " die Tür auf sich selbst zu ZIEHEN" - manchmal hat man echt ein Brett vor dem Kopf.

Ich hatte schlecht geschlafen. Am Abend hatte mich Murik dazu gebracht, mit auf seine bestandene Prüfung anzustoßen. Es war ein tödliches Gemisch aus Cola und Cognac gewesen, Mischverhältnis 1:1. Unter diesem Einfluss ist auch der Comic des letzten Eintrags entstanden.
Ich hatte nur wenig gegessen an diesem Tag, hauptsächlich die aufgewärmten Pelmeni von vorgestern. Umso mehr freute ich mich, dass mir Murik auch selbstkochte Suppe anbot. Ich erinnere mich nicht mehr, was drin war, aber sie war sehr rahmig, und es schwammen Dinge darin herum. Hat aber ausgezeichnet geschmeckt. So kam ich erst gegen zwei Uhr morgens ins Bett und es war eine regelrechte Qual schon um 11 Uhr aufstehen zu müssen, da um 12 schon meine Vorlesung begann... ich wurde schon zu sehr von den Vorlesungszeiten 16 Uhr oder 18 Uhr verwöhnt...

An der Rezeption grüßte mich die Etagenfrau herzlich und fragte, ob ich es selbst gebastelt hätte. Öhm, was? Auf der Rezeption entdeckte ich nun Origami-Blumenbälle, die eindeutig von mir waren. Einen hatte ich der Frau geschenkt, die mir Kochnachhilfe gegeben hatte, und der Rest muss wohl seinen Weg aus dem Computerraum hier her gefunden haben.
Sie sagte, wie schön sie es fand, und wie man das machte, und ob ich ihr das nicht beibringen könnte, weil sie es mit ihren Enkeln nachbauen wollte, und ob ich Leim verwendet hatte... zumindest bin ich mir zu 80% sicher, dass sie das sagte. Mittlerweile hatte ich eine Art unterbewusstes Verstehen für Russisch entwickelt, das es mir ermöglichte, Leute zu verstehen, ohne unbedingt die exakten Worte verstehen zu müssen. Vielleicht spielte mir auch nur mein Gehirn einen Streich.
Ich hatte einen angefangenen Origami-Blumenball dabei, den ich beim Warten auf meinen Professor begonnen hatte und holte das Gebilde aus seiner Tüte um der Etagen-Frau zu zeigen, aus welchen Einheiten der Ball bestand und wie leicht sie ineinander gefügt waren.
Die Frau freute sich, sagte aber, das hätte Zeit bis heute Abend, und dann sollte ich es ihr beibringen.

Ich war wieder die erste vor Ort. Mein Wachtmann hatte heute keinen Dienst und damit hatte ich kein Schwätzchen. Ein anderer, grimmig dreinschauender Wachtmann fragte mich, wohin ich wolle. Ich antwortete auf Englisch um mir eine Diskussion zu ersparen, denn ich hatte bemerkt, dass ich auf diese Weise immer einfach nur durchgewinkt wurde, statt meinen Ausweis hervorkramen zu müssen. Diese Wachtleute schienen den ganzen Tag über Dienst zu haben und keine rechte Lust, allen Ereignissen in ihrer ganzen Tiefe nachzugehen. Wahrscheinlich dachten sie: Wenn sich schon mal eine Amerikanerin nach Izhevsk verirrt, dann wird sie sicher auch wissen, was sie in diesem Gebäude zu suchen hat.
Zumindest für russische Verhältnisse ist mein amerikanischer Akzent ziemlich überzeugend. Die einzige andere Person in Izhevsk, die ich bisher in einem amerikanischen Akzent hatte reden hören, war Sergey vom Auslandsamt. Alle anderen sprachen Englisch mit sehr russischem Akzent, der erstaunlich weich klang. Besonders das gelispelte "Th", das hier kaum jemand aussprechen kann, wird als stimmhaftes "S" gesprochen. Tatsächlich bin ich diesem Akzent wahrscheinlich schon zu lange ausgesetzt gewesen, sodass ich selbst schon fast anfange, darin zu sprechen - letztens habe ich mich dabei erwischt, dass ich sagt: "He told me sat..."
Es wird wahrscheinlich Zeit, dass ich Russisch zu meiner Alltagssprache mache, bevor ich mir mein Englisch völlig ruiniere.

Die Ägypter trafen heute relativ pünktlich ein, nur etwa fünf Minuten zu spät und wunderten sich, wo der Professor war. Ich weihte sie in das Geheimnis ein, dass er immer mindestens 15 Minuten zu spät kam. Doch heute gab er sich alle Mühe, seine Vergesslichkeit von gestern wettzumachen und alles unter einen Hut zu bekomme. Dazu beendete er seine Vorlesung schon eine halbe Stunde früher um genug Zeit zu haben, essen zu gehen, bevor sich seine nächste Vorlesung nahtlos anschloss.

Nach der Vorlesung, als die Ägypter schon gegangen waren, begann sich wieder wegen gestern entschuldigen; er hatte eine lange Konferenz mit dem Rektor gehabt und einfach vergessen mich zu informieren, doch ich wehrte ab, dass es nicht so schlimm sei, und ich überlegte, ob ich ihm den Comic geben sollte um mich zu bedanken, dass er eine solche Inspiration für mich gewesen war. Dann ließ ich es aber doch lieber bleiben. Wir lachten und scherzten zwar in den Pausen miteinander und waren mittlerweile auf einem fast freundschaftlichen Verhältnis angekommen - und ich wusste, dass er Humor hatte - aber ich wollte den Bogen nicht überspannen.

Da wir uns sowieso in der nächsten Vorlesung sehen würden und beide noch nichts gegessen hatten, lud er mich ein, ihn zum Mittagessen die Mensa zu begleiteten. Ich hatte zwar eine Tüte Lebkuchen im Rucksack gefunden, die ich wohl aus Deutschland mitgebracht hatte, aber der Inhalt ließ sich nur noch mit dem Löffel essen, sodass ich gerne in die Mensa mitkam.
Wir beeilten uns zurück zum Campus zu kommen, und stiegen in das nächste Sammeltaxi; es sehr enger Minibus. Ganz der Gentleman hielt er mir immer die Tür auf und bot mir auch jetzt den Sitz an, während er stand. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon abhalten, für mich zu bezahlen. Das tat man in diesen Taxis beim Aussteigen, obwohl es auch hier einen Pauschalpreis von 16 Rubel pro Person auf beliebiger Strecke gab.

Die Mensa in Haus 3 war um diese Uhrzeit - 15 Uhr - recht voll. Jedes Haus hatte eine oder mehrere dieser Cafeterien, die unseren deutschen Mensen recht ähnlich sehen, nur dass es keine fertigen Menüs geb, als denen man auswählen konnte, sondern eher eine Art warmes Buffet. Dr. Abilvo (oder sollte ich ihn schon Albert nennen? Seine letzte Mail hatte er jedenfalls mit seinem Vornamen unterschrieben. Warum gibt es nur so viele Fettnäpfchen, die es zu umschiffen gilt?) reichte mir ein Tablett und schlug vor, einen Salat zu probieren. Die sahen alle ein wenig merkwürdig aus. Am vertrauenserweckenden war ein Möhrenraspel-Salat mit einer seltsamen, festen weißen Soße darauf. Daneben standen Teller mit brauner Flüssigkeit, in denen irgendetwas Weißliches schwamm. Ich solle probieren, es sei süß, aber mein Magen fühlte sich beim dem Gedanken daran plötzlich sehr fusselig an. Stattdessen probierte ich etwas, das mit Ei panierter Lachs gewesen sein könnte. Dazu Kartoffelbrei. Ich überlegte - das war meine erste vollwertige Mahlzeit seit ich angekommen war. Dr. Abilvo schlug breit grinsend vor, dass ich auch jenes russische Saft-Kompott-Getränk probieren sollte, das eher an etwas aus dem Biologie-Unterricht erinnerte: Schleimige, undefinierbare Massen schwammen in trüben Flüssigkeiten.
An der Kasse rechnete eine Frau den Inhalt des Tabletts zusammen. Insgesamt kam ich auf knapp 1,50 Euro. Erstaunlich billig, wie ich fand.

Selbst mit Tablett hielt Dr. Abilvo mir die Tür auf und meinte grinsend, dass dies der Raum für besonders wichtige Personen war - der Professoren-Essensraum. Niemand sonst saß darin.
Er erklärte sich lächelnd damit einverstanden, dass ich ein Foto von ihm zum Dokumentieren für meinen Blog machte und bot an, auch ein Foto von mir zu knipsen.


Wir führten ein angeregtes Gespräch und eh ich es recht mitbekommen hatte, war mein Teller leer und wir mussten uns beeilen, zur Vorlesung zu kommen. Er erzählte, dass es eine Regel gab, die besagte, dass Studenten 15 Minuten auf ihren Professor warten mussten, aber dass seine Studenten schon wussten, dass es bei ihm immer mehr als 15 Minuten werden. Trotzdem hatte er vor dem Essen einen Studenten angerufen um bescheid zu geben, dass es diesmal wohl etwas länger dauern würde.

Viele Studenten waren nicht mehr da, als wir eine halbe Stunde zu spät am Vorlesungsraum ankamen, aber der Raum füllte sich innerhalb der nächsten zehn bis 15 Minuten langsam.
Er begann sofort mit seiner Vorlesung. CISCO auf Russisch. Endlich verfügte ich aber über die englische Version des Kursmaterials und es gelang mir deutlich besser, der Vorlesung zu folgen. Ich lernte sogar einige neue russische Vokabeln aus dem Computerbereich, die nicht einfach aus dem Englischen übernommen worden waren.

In der Pause kamen zwei Jungs auf mich zu, holten sich Stühle heran und begann auf mich auf Englisch einzureden. Einen kannte ich noch; es war Pascha, den ich zur letzten ausgefallenen Vorlesung kennengelernt hatte, und dann war da noch Artjom, den ich über Vkontakte kennengelernt und einige Abende lang mit ihm im Chat verbracht hatte. Sie wirkten verlegen, als sie mir sagte, dass sie ein Geschenk für mich zum Frauentag hatten: Es war eine lange, samtene Schachtel, die sich nur schwer öffnen ließ. Ihr Inhalt war ein eleganter roter Kugelschreiber. Ich bedankte mich, schon wieder völlig aus dem Konzept gebracht von so viel Freundlichkeit.
Wir plauderten bis Dr. Abilvo demonstrativ den Unterricht fortführte, obwohl er wusste, dass ihm die Hälfte der Klasse noch nicht wieder zuhörte. So scheint es auch seine Nachteile zu haben, ein netter Professor zu sein, der seine Studenten auf gleicher Augenhöhe ansah. Ich hatte ihn beim Essen dazu gefragt, und er hatte geantwortet, dass er sich selbst als Geschäftsmann sah, der sein Produkt "Bildung" immer weiter zu verbessern versuchte.

Mitten in der Stunde kam ein kräftiger Professor mit weißen Haaren herein, der irgendwie an den alten Bismarck erinnerte. Er schüttelte die Hand von Dr. Abilvo, ließ sich Unterlagen von einer Studentin geben und fokussierte sich dann auf mich. Oh Gott, dachte ich, bitte lass mich nicht schon wieder das Zentrum der Aufmerksamkeit sein... langsam begann ich mich wie ein exotisches Zootier zu fühlen. Doch alle Stoßgebete halfen nicht; Dr. Abilvo stellte mich als den Gast aus Deutschland vor und Bismarck begann das Deutsch auszupacken, das er wahrscheinlich bei der Befreiung Deutschlands 1945 gelernt hatte: "Frau! Mehr Schnaps!"
Alle bogen sich vor Lachen und ich stimmte ein, dabei dachte ich nur: "Oh Gott, was kommt als nächstes?!"
Doch damit hatte es sich schon erledigt und der Professor verließ den Raum.

Es wurde spät und meine Konzentration landete im Keller. Ich nutze sogar die Gelegenheit, ein kleines Nickerchen zu halten, als Dr. Abilvo zum Telefonieren den Raum verließ. Langsam lernte ich die russische Studienmentalität zu schätzen.

Er bemerkte selbst, wie unruhig es geworden war, und gegen 19 Uhr fragte er in die Runde, ob denn alle müde seien, was alle bestätigten. So beendete er seine Vorlesung für heute - zwei Stunden früher als im Stundenplan festgelegt. Ich beschwerte mich nicht. In meinem Kopf schwirrte es wirr.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich nach. Natürlich vermisse ich Holland. Bei Worten wie "waterkant" wird mir ganz anders zu Mute und ich bekomme regelrecht Heimweh nach der See und der Atmosphäre in Scheveningen, den Möwen und dem großen roten Leuchtturm, den ich so lange schon besichtigen wollte, aber nie habe.
Ich blickte auf und betrachtete die grauen Häuserblöcke. Ich weiß nicht, ob ich jetzt in Holland glücklicher wäre - dort wo mir nicht die Nase einfriert - ich weiß nur, dass ich im Moment zwar erschöpft, aber glücklich bin. Wahrscheinlich kann man überall in der Welt seine Heimat finden.

Das Wohnheim war wie ausgestorben, nur zwei Jungs rauchten im Treppenhaus. Ich bemerkte, wie ich vom Treppensteigen Wadenmuskeln bekam. Auf meiner Etage saß nicht einmal die Etagen-Frau, der ich Origami beibringen sollte. Das Licht auf dem Klo funktionierte nicht, stattdessen standen auf dem Spülkasten Teelichter. Mich wunderte, dass gerade das Bad-Licht durchgebrannt sein sollte, da es doch das Flurlicht war, das den ganzen Tag und die ganze Nacht lang brannte. Am Anfang hatte ich es noch immer ausgeschaltet, doch es hatte sich als sinnloser Kampf gegen meine Mitbewohner herausgestellt.

Im Computerraum traf ich Murik in Anzug an. Er bereitete sich auf seine Prüfung morgen vor, indem er in sämtliche Anzugtaschen Spickzettel steckte. Er fragte mich, wie es aussah. Weiß ragte es aus allen Taschen hervor. Ich fragte ihn, ob ich raten solle, wo er seine Spickzettel versteckt hat. Nein, er wolle nur wissen, wie er aussah. Ich hielt den Daumen hoch.

4 Kommentare:

  1. Wow, du hast ja schon ganz schön einen Stein im Brett bei dem Prof. wenn du schon in den geheimen Raum der Profs darfst. :) Auf dem Bild siehste aber schon ein wenig blaß aus. Ißt du auch ausreichend? :)

    AntwortenLöschen
  2. Ja Mami, du siehst doch, dass ich esse.

    AntwortenLöschen
  3. stimmt hab ich mir auch so gedacht, du siehst sehr blass aus, oder war das die cam? ;)

    AntwortenLöschen
  4. Ich schiebe es mal auf die Cam... ^^

    AntwortenLöschen