04.03.
Meine Zimmernachbarin schläft wirklich nur zwei Stunden pro Nacht, bestätigte sie mir, als ich sie mal wieder auf dem Sprung drauf. Sie besaß ein eigenes Café, das sie in ihrer Freizeit managte. Wenn sie eben nicht gerade Medizin studiere. Trotzdem bot sie mir an, mir die Stadt zu zeigen, wenn ich wollte. Das fand ich sehr nett von ihr, auch wenn ich schon wusste, dass nichts daraus werden würde. Die Männerstimme hatte ich mir übrigens nicht nur eingebildet: Sie wohnte mit ihrem Ehemann zusammen im Studentenwohnheim. Als ich sie fragte, ob es etwas gäbe, was sie im Leben noch nicht gemacht hat, lachte sie nur.
Heute war mein erster freier Tag seit meiner Ankunft, und er war dringend nötig gewesen, denn mir fehlte es im Moment an allem - von Klopapier über Lebensmittel bis zu Getränken. Irgendwann musste ich mal dem Rätsel der Zeitlöcher auf die Spur kommen, aber jetzt versuchte ich erstmal, ihnen einfach auszuweichen und es in den nächsten Supermarkt zu schaffen, bevor es dämmerte. Mittlerweile gelang es mir auf Anhieb, in die richtige Seitenstraße abzubiegen um auf die Hauptgeschäftsstraße in der Nähe des Campus zu kommen.
Vor mir laufen Frauen immer zu zweit oder zu dritt Arm in Arm die Fußwege entlang. Ich habe eine Theorie dazu entwickelt: Sie dienten einander als menschliche Anker, wenn eine von ihnen auf ihren hochhackigen Absätzen ins Rutschen geriet. Es sah danach aus, als hätte immer eine der eingehenkelten Frauen "Flache-Schuhe-Dienst", während die andere(n) Absätze trugen.
Wahrscheinlich war das die Anpassung an den fehlenden Winterdienst. Weder Fußwege noch Straßen wurden geräumt, stattdessen wurde alles festgetreten. Dadurch, dass es wirklich viel Schnee war, der festgetreten wurde, hatte sich darunter eine unregelmäßige Eisschicht gebildete, die an einigen Punkten zum Vorschein kam. Zum Beispiel dort, wo jemand gestürzt war, oder an Treppen, Bordsteinen oder dort, wo man es nicht erwartet. Es grenzt an ein Wunder, dass ich bisher erst ein Mal unsanften Bodenkontakt hatte. Streusand, Salz? Das sind Erfindungen des verweichlichten Westens.
Ich finde es bedenklich, dass ich ab und zu 30-50 Zentimeter tiefe, fußförmige Löcher im Boden sehe. Die Dicke der Schneeschicht ist oft nicht einzuschätzen, und erst recht nicht, was sich darunter befindet. Wenn darunter ein Abfluss liegt, aus dem Wärme vom Abwasser aufsteigt, hat man die perfekte Fußgängerfalle gebaut: Der Schnee schmilzt von unten hinweg, aber von oben ist eine scheinbar harmlose Schneedecke sichtbar. Fuß drauf, Bein weg. Das klärt auch, weshalb die Fußgänger lieber auf dem vereisten Gehweg laufen als auf Schneeflächen.
Gegenüber der Bushaltestelle hatte ich letztens einen Technik-Hypermarkt entdeckt, den ich mir als erstes anschauen wollte. Tatsächlich fühlte ich mich plötzlich wie nach Deutschland zurückversetzt, als ich in dem riesigen Verkaufsbereich stand, der mit modernsten Elektrogeräten vollgestellt war: DVD-Player, Fernsehgeräte, Computer... der einzige Unterschied war, dass sie eine Null mehr im Preis trugen. Russen kamen gern nach Deutschland um sich Elektrogeräte zu kaufen, die bei uns interessanterweise billiger waren. Doch ich suchte nur eine Mehrfachsteckdosenleiste. Keine Ahnung, wie die Dinger auf Russisch heißen - war das überhaupt ein Wort? Ich fand sie schließlich auch ohne nachzufragen und stand nun vor der schwierigen Entscheidung, welche ich nehmen sollte, weil drei verschiedene Preisschilder auf einer Kiste mit scheinbar identischen Steckdosenkartons lagen. Von hinten schlich sich unbemerkt ein Verkäufer an. Meine erste Reaktion war ihn zu fragen, ob er Englisch könnte. Das hat bisher noch jeden abgewimmelt. Er war jedoch freundlich und sprach ein paar Brocken. Der Unterschied lag in der Kabellänge, erfuhr ich durch Zeichensprache. Ich bedankte mich und er stellte mir eine Rechnung aus, die ich mit dem zu bezahlenden Produkt zur Kasse bringen sollte. Die Kassiererin nahm mich nicht mal wahr, sondern gab ganz automatisch Wechselgeld heraus, während sie sich mit einem Kollegen unterhielt. Aber es scheint in Russland eh nicht so üblich zu sein, im Laden Guten Tag, Danke und Auf Wiedersehen zu sagen.
Ich spazierte die Straße entlang und lernte gleich eine neue Vokabel: Es war die Straße des Sieges. Ich konnte mir denken, über wen.
Die Läden dieser Straße schienen alle Salons für irgendetwas zu sein, aber diese Wörter hatte ich noch nie zuvor gesehen. Von außen gaben sie auch nicht unbedingt preis, was drin war. Es waren meistens alte Gebäude aus der Sowjetzeit, die wahrscheinlich nicht mal als Laden vorgesehen gewesen waren. Nur die neuen Reklameschilder wiesen auf ihren - mir unbekannten - Inhalt hin. Ah, da war etwas Vertrautes: Produkty, also Lebensmittel. Über einer Sport-Bar. Ich war auf ein regelrechtes Einkaufszentrum gestoßen. In dem es verboten war, Fotos zu machen. Aber endlich gab es Importprodukte: Hochland-Käse, Nutella... nur leider doppelt so teuer wie in Deutschland. Sonst lagen die Lebensmittelpreise unterhalb des deutschen Niveaus. Das gab mir die Freiheit, viele neue Lebensmittel zu probieren, um mich an die heranzutasten, die mir schmeckten. Bisher war noch nicht viel dabei gewesen. Die Salami hatte zum Beispiel geschmeckt, als hätte man sie mit Sägemehl gestreckt. Den Fisch hatte man mit Gummi haltbar gemacht, und die Rosinensemmeln glänzten zwar schön, aber enthielten durchschnittlich nur drei Rosinen pro Stück. Das einzige, wovon ich bisher nicht genug bekommen konnte, waren die Fertignudeln ("Lapscha"), die man nur mit heißem Wasser übergießen musste. Davon holte ich mir einen großen Vorrat, zusammen mit einigen Flaschen Mineralwasser, da ich festgestellt hatte, dass es mir wirklich besser ging, wenn ich nicht das Leitungswasser trank.
An der Supermarktkasse gab es Knabber-Snacks zu kaufen. Die bestanden in Russland aus Vogelfutter. Ich kaufte mir eine Tüte ungeschälte Sonnenblumenkerne. Diesmal hatte ich mich mit dem Einkaufen wirklich etwas übernommen. Die Kassiererin versuchte mit großer Beharrlichkeit, alles in eine einzige Plastiktüte zu schlichten. Sie schien überrascht, dass ich meinen Rucksack für die Wasserflaschen nutzen wollte. Normalerweise hätte man Taschen wohl in Schließfächern einsperren müssen, bevor man in den Supermarkt hineingeht, aber so lange man in Russland nicht direkt aufgefordert wird, kann man Vorschriften getrost ignorieren.
Der Einkauf hatte mich knapp 500 Rubel gekostet, was kaum mehr als 12 Euro gewesen sind. Für einen Wocheneinkauf nicht schlecht. Sie riss den langen Kassenzettel ein und reichte ihn mir. Irgendwann musste ich einmal irgendjemanden fragen, warum Kassenzettel nur eingerissen an den Kunden übergeben wurden.
So vollgepackt wie jetzt konnte ich unmöglich meinen Einkauf fortsetzen und so schleppte ich mich zurück zum Wohnheim. Die Taschen waren so schwer, dass sie mich sogar meine Fahrstuhlpanik überwinden ließen. Schon der Knopf zum Rufen des Fahrstuhls wackelte beim Hineindrücken wenig vertrauenserweckend. Erst dachte ich, er würde gar nicht kommen, aber wahrscheinlich hatte er nur irgendwo kurz festgesteckt... jedenfalls holte ich tief Luft, stieg hinein und suchte schon mal den Notrufknopf. Wahrscheinlich war es der abgebrochene rote Knopf. Doch irgendwie schaffte er es auch dieses Mal nach oben und gab mich frei.
Zurück in meinem Zimmer hatte ich plötzlich keine große Lust mehr, noch einmal in die Stadt zu gehen. Ich hatte auch bisher ohne Dosenöffner etc. leben können, und es war nicht gesagt, dass ich überhaupt einen Haushaltswarenladen finden würde. Zudem stand noch genug Arbeit an; ich musste das Programm zum Laufen bringen, welches wir in dem Praktikum installiert hatten, das ich für das Konzert etwas abgekürzt hatte. Und dann waren noch die CISCO-Kapitelprüfungen. Mittlerweile war der Stoff so CISCO-spezifisch geworden, dass ich mich nicht mehr auf mein Gedächtnis verlassen konnte, sondern raten musste. Glücklicherweise waren die Fragen meist so gestellt, dass man zwei von vier Multiple-Choice-Antworten schon mit gesundem Technikverstand ausschließen konnte.
Das Programm wollte nicht so recht laufen, wahrscheinlich fehlten einige Bestandteile, als Dr. Abilvo es mir auf seinen USB-Stick kopiert hatte. Ich beschloss, es neu aus dem Internet zu laden. Die Internetverbindung war bestenfalls 90er-Jahre-Modem-Geschwindigkeit und eine echte Herausforderung an die Geduld. Insgesamt lud ich sechs Stunden dran, bis bei 98% die Verbindung abbrach.
Der Fleischermesserstudent hatte Mitleid mit mir und bot mir an, das Programm über seine Privatleitung zu laden. Offenbar hatten sich einige Studenten von einer Privatfirma eine eigene Internetleitung legen lassen, die nicht über das Universitätsnetzwerk lief und wesentlich schneller war. Doch statt weiter zu arbeiten, kamen wir nun erst richtig ins Gespräch, und eh ich mich versah, war es schon nach ein Uhr morgens.
Ich erfuhr, dass er ein Student des Heizungssystem-Ingenieurwesens war und wunderte mich ernsthaft, dass es so ein Studium in Russland überhaupt gab, da man hier nicht einmal Thermostate kannte. Er meinte, dass er eher zufällig hineingeraten war und hoffte, in der Zukunft etwas verändern zu können. Dann zeigte er mir aus dem Fenster das Heizhaus für die benachbarten Blöcke und erklärte, wie schwierig es sei, für jedes Zimmer eine separate Heizungsregelung einzubauen. Ich unterbreitete ihm meine Theorie, dass die Russen mit Absicht die globale Erwärmung vorantrieben um ein milderes Klima und fruchtbare Ackerflächen zu erhalten. Er bestritt es nicht. Vielleicht bin ich etwas ganz Großem auf der Spur... ;)
Es erinnerte mich ein wenig an meine Schulzeit. In den letzten Jahren am Gymnasium hatte ich sehr viel Zeit mit den Computer-Nerds meiner Schule in ihrem eigenen kleinen Rechenzentrum verbracht. Ich könnte sogar schwören, dass es ein paar der gleichen Leute waren. Zum Beispiel dieser Junge namens Tofu oder Tofik (also ein Name klanglich irgendwo dazwischen) war ein exakter Klon eines alten Nerd-Freundes.
So sehr ich es auch versucht hatte, es war mit nicht gelungen, mir auch nur einen einzigen weiteren Namen zu merken, als ich der Runde vorgestellt wurde. So muss ich in Zukunft wohl mit Spitznamen auskommen.
05.03.
Irgendwann am frühen Morgen oder vielleicht auch gegen Mittag - jedenfalls bevor ich aufgestanden war, hörte ich im Halbschlaf ein seltsames Rumoren und einen russischen Dialog, von dem mir nur das Wort "Samok" in Erinnerung geblieben ist, weil mir der Fleischermesserstudent gestern Abend noch erklärt hatte, dass es auf dem A betont "Schloss" um Sinne von "Burg" hieß, und auf dem O betont "Schloss" im Sinne von "Schlüssel". In tatsächlich, als ich aufstand, war die abgefallene Türklinke vom Bad gegen eine funkelnde neue ersetzt worden. Noch mehr hätte es mich überrascht, wenn die Türklinke im Computerraum auch erneuert worden wäre, aber das war nicht der Fall. Mittlerweile war ich glücklicherweise hinter den Trick gekommen, wie man die Tür von innen wieder öffnen konnte, wenn sie zugefallen war: Man musste nur die Klinke in die Tür hineindrücken, eine Halbdrehung nach oben machen und nach unten durchziehen, und dabei den Türverschluss im 180-Grad-Winkel zur Klinke halten, was gar nicht so einfach war, da er sich in diesem Manöver in eine genau entgegengesetzte Richtung bewegte.
Im Computerraum auf der supergeheimen Privatleitung gelang es mir, das Programm relativ zügig zu laden, aber damit fing das Problem erst an. Natürlich funktioniere es nicht, wie ich wollte, sondern warf die seltsamsten Fehlermeldungen bevor ich es überhaupt starten konnte. 17 Uhr war es schließlich so weit, dass ich vor Ärger in den Tisch biss. Nebenbei hatte ich noch eine Prüfung abgelegt und musste mich nun beeilen, dass ich meine Vorlesung rechtzeitig erreichte. Als ich da so durch den Schnee stapfte und mir im Laufen die Handschuhe anzog, fragte ich mich ernsthaft, warum ich hier in Russland so viel mehr Arbeit mit meinem Studium hatte als in Deutschland, und warum ich mir das überhaupt aufgehalst hatte.
Wahrscheinlich nahm ich das Studium hier zu ernst. Nicht einmal der Professor tat dies. Die ganze Klasse hatte bereits eine halbe Stunde vor der verschlossenen Tür des Labors gewartet, bis Dr. Abilvo eine Studentin anrief und meinte, er würde heute nicht mehr kommen. Dabei hätte heute für einen Teil der Gruppe eine Prüfung stattfinden sollen, erzählte mir Pascha, einer meiner russischen Kommilitonen. Er war so nett gewesen, mir die Prüfungslösung zu geben, obwohl ich nicht mal wusste, ob ich die Prüfung heute auch hätte ablegen sollen. Er meinte, nicht alle Professoren seien so wie Dr. Abilvo - der sei schon etwas ... anders. Ich lachte und erzählte, wie er im Unterricht mit den Ägyptern telefoniert hatte. Pascha schien sich schon fast ein wenig für seinen Professor zu schämen, und ich bedauerte es etwas, dass ich mich gegen weitere Kurse von anderen Professoren entschieden hatte.
So fuhren alle unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Ich versuchte Dr. Abilvo einzuschätzen. Dem ersten Eindruck nach war er einer der jungen, coolen Professoren, der seine Studenten begeistern konnte und gemocht wurde. Auf der anderen Seite schien er es nicht besonders ernst zu nehmen, dabei war er gerade dabei, sich eine akademische Karriere aufzubauen, hatte allerlei Stipendien und Auszeichnungen erhalten, wie man seinem Lebenslauf entnehmen konnte. Irgendetwas schien hier nicht zusammen zu passen. Ich musste nur noch herausfinden, was, denn ich wollte für unser Studentenmagazin als "Auslandskorrespondenten" einen Bericht über das Studienleben in Russland schreiben. Dazu werde ich demnächst weitere Studenten befragen. Vielleicht wäre es interessant, einen Fragebogen zu entwickeln.
Später am Abend rief Ilya aus dem Zug an. Er sei jetzt unterwegs nach Izhevsk um mich zu sehen und würde morgen gegen 11 Uhr ankommen, aber gegen 15 Uhr schon zu seinen Eltern weiterfahren müssen um dort zu übernachten.
Es war zwar eine schöne Überraschung, aber dummerweise hatte ich Vorlesungen von 11 bis 17 Uhr. Ich war hin und her gerissen - konnte ich schon in meiner ersten Woche innerhalb dieser ersten Woche zwei Mal den Unterricht schwänzen? Andererseits tat Dr. Abilvo dasselbe...
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