19.03.
Der Alltag hat mich ganz in seinem Bann: Wenn ich nicht studiere, hänge ich im Internet und rede mit neuen und alten Freunden, lade mir meine Lieblingsserien mit 8kB/s aus Internet und verliere den Download immer bei 80 - 90%, wodurch ich gezwungen werde, von Anfang an zu laden und drei bis fünf Stunden auf das Ende der Episode zu warten; nebenbei bastle immer neue Origami-Sterne und Blumen, die genau so schnell aus dem Computerraum verschwinden wie ich sie produziere. Einige finden sich auf der Rezeption wieder, andere gar nicht mehr. Mittlerweile hinterlasse ich schon selbst Origami auf der Rezeption, wenn meine Lieblingsetagenfrau Dienst hat. Sie freut sich dann immer ganz besonders.
Nur bei der Essensbeschaffung hatte ich noch keine Routine. In der Tat war er oft schwierig zu kochen, weil das Gemeinschaftsgeschirr in der Gemeinschaftsküche die Eigenart hatte zu verschwinden. So fand ich mich mit einer Tüte Nudeln in der Küche ein, aber in den leeren, seltsam muffelnden Schränken gab es nur noch einen Topfdeckel und eine vertrocknete Zwiebel. Ich ging im Kopf meine Möglichkeiten durch und entschloss mich schließlich zu versuchen, die Nudeln im Wasserkocher zu kochen. Das klappt nicht perfekt, aber sie waren danach weich genug um sie zu essen. Nur das Salz wurde nicht recht aufgenommen, weshalb ich noch einmal kräftig nachwürzte und es einige Minuten stehen ließ. Voilà, mein Mittagessen. Doch ich würde wohl nicht darum herumkommen, mit selbst einen Topf und eine Pfanne zu kaufen, wenn ich auf Dauer hier überleben wollte. Ich wurde langsam zum unfreiwilligen Vegetarier. Am und zu spielte mir mein Verstand sogar schon einen Streich, zum Beispiel gaukelte er mir den Geruch von Rippchen vor... leckere, zarte, hausgemachte Rippchen... dabei kochte niemand weit und breit. Ein andermal lief ich die Straße entlang und roch plötzlich Thüringer Bratwürste, ein vertrauter Geruch aus der Heimat. Vergeblich versuchte ich die Quelle zu finden. Vielleicht war es auch besser so - es könnte ja eine Deutschen-Falle sein. Ist eigentlich eine ganz vernünftige Idee, auf diese Weise nur ganz bestimmte Leute in die Falle zu locken. Nach ein paar mal Hin- und Herlaufen setzte ich meinen ursprünglichen Weg fort. Ich musste Fotos für meine Visumsverlängerung machen lassen.
Mitten auf dem Campus stand nicht zu übersehen ein rundes, gelbes Zelt mit aufgeblasenen Wänden, das eher an eine Hüpfburg erinnerte und wahrscheinlich sogar mal eine gewesen war. An einigen Stellen war sie geflickt worden. Davor stand ein Schild, das die schnellen Fotografendienste anpries. Drinnen war es eher ein Schreibwarenladen mit einer Fotoabteilung. In der Mitte saß eine junge Frau, deren Aufgabe es wohl war, die Kunden zu koordinieren, aber stattdessen sah sie eine Seifenoper auf einem kleinen Fernsehgerät mit Zimmerantenne, das hauptsächlich Schneesturm empfing.
Die Fotos kosteten gerade mal 2 Euro für vier Stück, allerdings wurden sie vom Fotografen ausgedruckt statt entwickelt und von einer mäßiger Qualität.
Die Fußwege sind mittlerweile echte Eisbahnen geworden, da bei jedem kleinen Sonnenstrahl plötzlich alles zu schmelzen beginnt und seit dem letzten Sonnenstrahl kein Schnee mehr gefallen ist. Nur mühsam kann man sich hier noch auf den Beinen halten und die Frauen in ihren hochhackigen Schuhen staksen nicht mehr besonders elegant über das hügelige Eis. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mich nur knapp vor einer Landung auf dem Hinter gerettet habe.
Der Schnee lag immer noch gut einen Meter hoch neben den Fußwegen. Im Sommer musste der Campus schon etwas hermachen; überall waren Birken gepflanzt, und wenn auf der Wiese noch Blumen wuchsen, dürfte es ein regelrechtes Paradies sein.
Meinen kleinen, zutraulichen Eichhörnchen-Freund habe ich nur ein zweites Mal wiedergesehen, dann nicht mehr. Eigentlich wollte ich ihm Nüsse kaufen, hatte es jedoch immer wieder vergessen. Wahrscheinlich fand er auch so genug Essen oder wurde von anderen Spaziergängern gefüttert.
Ich selbst wurde auch ab und zu gefüttert; eines Abends überraschte mich Murik mit einem Teller Spaghetti und selbstgemachter vegetarischer Pasta-Sauce, die das beste war, das ich innerhalb der letzten Wochen zu mir genommen habe - ich weiß nicht, ob sie wirklich so gut war, oder ich einfach ausgehungert, jedenfalls wusste ich danach, wie sich wohl das Eichhörnchen fühlte.
Mit Murik bin ich mittlerweile gut befreundet; seine Freundin habe ich auch schon kennengelernt, sie hatte früher auch hier im Wohnheim gewohnt, ist dann aber irgendwann mit ihrer Findelkind-Katze ausgezogen.
Für Studenten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken war es ein echtes Privileg, in das Ausländerstudentenwohnheim ziehen zu dürfen. Murik erzählte, dass man der Wohnraumverwaltung erst ein Geschenk im Wert eines Computers machen muss um überhaupt einen Wohnheimplatz zu bekommen. Um die Notwendigkeit dieses Geschenks zu betonen, wird den Eltern der Studenten zunächst das Wohnheim für die russischen Studenten gezeigt, das offenbar den Charme eines Viehstalls hat, mit einer Gemeinschaftstoilette pro Etage. So kratzten viele Familien meist doch das Geld für das Ausländerwohnheim zusammen. Das erklärte auch, weshalb so viele Zimmer und Etagen unbewohnt waren, und weshalb hier auch Familien und andere Leute wohnten, die auf keinen Fall wie Studenten aussahen.
Ich bewältige übrigens immer noch sämtliche neuen Etagen des Wohnheims zu Fuß statt den Fahrstuhl aus Sowjetzeiten zu benutzen. Letztens wurde ich darin bestätigt, und zwar vom Fahrstuhl selbst. Als ich gerade im Erdgeschoss angekommen war, hörte ich ein Hämmern, Klopfen und Rufen aus dem Fahrstuhl. Offenbar war jemand stecken geblieben. Ich versuchte, die Türen auseinander zu ziehen, aber vergeblich. Kurz darauf kam eine der Pförtner-Frauen und lachte: "Schon wieder einer stecken geblieben". Wahrscheinlich hatte sie mit ihrer Kollegin Stein-Schere-Papier gespielt, wer diesmal gehen sollte um den armen Studenten zu befreien.
Am Abend erfuhr ich von Murik, dass er es selbst gewesen war, der stecken geblieben ist. Aber daran gewöhne man sich, meinte er. Man sei dort nie länger als 20 Minuten eingesperrt. Die Notruf-Telefonnummer stehe zwar nur außerhalb des Fahrstuhls an der Tür, aber irgendwer würde einen schon befreien. Er erzählte, dass er innerhalb seines ersten Monats im Studentenwohnheim gleich fünf Mal stecken geblieben sei, aber das wäre auch schon sein Rekord gewesen.
Mir war diese Wahrscheinlichkeit jedoch immer noch zu hoch.
Sonst schien jedoch niemand meine Sorge zu teilen. Die einzigen Leute, die sich im Hausflur aufhielten, waren die Raucher, denn innerhalb der Räume durfte man nicht rauchen, und auf dem Balkon fror man sich wahrscheinlich die Finger ab. Ich fragte mich, wie es dann kam, dass das Treppenhaus in einem so elenden Zustand war: So viele Eisenstangen waren vom Gelände abgebrochen worden, dass oft nur noch die Befestigung an der Treppe selbst stand. Wozu brauchten die Leute solche Stangen? Zogen sie alle rankende Blumen heran? Oder legten die flachen Stangen unter kippelnde Tische? Und fiel es nicht auf, wenn man sich eine Stange aus dem Geländer herausbrach oder -sägte?
Aber solche Fragen konnte mir niemand beantworten. Es gab immer nur Vermutungen. Zum Beispiel weshalb die Kassenzettel eingerissen werden: Es sei ein Zeichen, dass man die Ware erhalten hatte. Mir stellte sich dann unweigerlich die Frage, wer auf die Idee kam, mit einem Kassenzettel in den Supermarkt zu kommen und behauptete, er hätte die Waren nicht erhalten. Russland ist und bleibt merkwürdig.
Oft hatte ich keine rechte Lust, das Haus zu verlassen. Draußen änderte sich das Wetter nie. Es waren beständig zwischen -5 und -10 Grad, der Schnee lag herum. Manchmal schien die Sonne, manchmal fiel mehr Schnee hinunter. Langsam war es wirklich Zeit für Tauwetter und Frühling. Obwohl man dann wahrscheinlich erst sah, in welch schlechtem Zustand hier alles war. Schon jetzt konnte man in den mit 20 - 30 Zentimetern braunen Schneematsches bedeckten Straßen die tiefen Schlaglöcher ausmachen. Noch glänzten lange Eiszapfen an den Dachrinnen und verdeckten die Risse im Putz, aber die Wahrheit ist: Von Russland blättert ziemlich der Lack ab. Meine anfängliche Aufregung ist verschwunden und ich sehe meine Umgebung nun nüchterner. Eigentlich ist es kein Ort, an dem man leben möchte. Rein optisch, aber auch, wenn man mal einen genaueren Blick auf die alltäglichen Dinge wirft. Zum Beispiel, dass jeder meiner Schritte überwacht wird. Mir ist aufgefallen, dass sich die Etagen-Frauen die genauen Uhrzeiten notieren, zu denen die Studenten ausgehen und zurück kommen. Zuerst dachte ich noch, sie fragen aus Langeweile, wohin wir gingen, aber tatsächlich trugen sie es in ein Dienstbuch ein.
Ich stelle wieder einmal fest, dass Russland wohl das komplette Gegenteil von Holland war. Die Leute in Holland waren liberal, freiheitsliebend, extrovertiert, ein bisschen verrückt. In Russland zog man den Kopf ein, als Teil der Menge, wenn man nicht gerade eine Frau in Pelzmantel war, auf der Jagd nach einem Ehemann. Die Menschen hier sind eher privat, zurückgezogen nach außen, aber nach innen warm und gastfreundlich. In Holland kennt man in der Regel nicht mal seinen Nachbarn.
Oder wie wärs damit: In Holland ist man nie mehr als 300 Kilometer vom Meer entfernt, in Russland ist man immer mehr als 300 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Ich könnte sicher Stunden so weitermachen, denn je länger ich zwischen diesen grau-roten Plattenbauten festhänge, desto mehr fehlt mir der Charme von Holland. Doch mit Sorge verfolge ich die politische Entwicklung des Landes, die Zunahme rechter Kräfte und die Feindlichkeit gegenüber Menschen islamischen Glaubens. Und das in einem Land, das berühmt für seine Toleranz und ein Vorreiter in Sachen Integration ist. Ich fürchte, dass es bald nicht mehr das Land sein wird, das vor gut zweieinhalb Jahren mein Herz erobert hat.
Doch im Moment hatte ich ganz irdische Probleme. Wo konnte ich endlich Kochgeschirr, eine Schere, neue Origami-Blätter und einen Dosenöffner herbekommen? Murik bot sich schließlich als Reiseleiter im Laden-Dschungel an; morgen um 12 sollte es losgehen.
Murik hielt sein Versprechen. Ich schätze es sehr; vor allem, weil er um diese Uhrzeit normalerweise noch nicht wach war. Pünktlich um 12:00 stand er in Jacke und mit Kaffeetasse im Computerzimmer. Ich sah ihn an, und die Uhr, und wieder ihn und fragte, ob wir noch in Russland sein. Er meinte, er sei nur Halbrusse und hätte damit die Fähigkeit pünktlich zu sein.
Der Kapitalismus hat ich Russland seltsame Auswüchse angenommen. Es gibt kaum Ladenketten, die im großen Stil und auf großer Fläche ihre Güter verkauften. Die meisten Läden befanden sich im Erdgeschoss irgendwelcher Wohnhäuser als gemeinschaftliche Gewerbefläche von Privatleuten. Es war tatsächlich meist eine Fläche ohne Abtrennung der einzelnen Läden voneinander, außer vielleicht durch einen Gang oder ein paar Holzbretter. Jeder verkaufte, was er gerade hatte. Es erinnerte eher an einen Basar als an ein Geschäft. So war es schwierig, den richtigen Laden zu finden, in dem es Kochgeschirr und Haushaltswaren gab. Murik begann sich durchzufragen, ob jemand einen Haushaltswarenladen kannte. Auf der Rückseite einer solchen Ladensammlung entdeckten wir schließlich ein Fenster, aus dem Haushaltswaren verkauft wurden. Davor stand alles Haushaltsartige - von Töpfen bis Gießkannen. Es sah eher wie eine Haushaltsauflösung aus. Murik redete mit der uralten Verkäuferin, die ein seltsames Werkzeug hervorkramte. Murik meinte, das sei ein Dosenöffner, den man auch als Flaschenöffner verwenden könnte. Es erinnerte an eine zu dick geratene, schiefe Gabel. Ich war skeptisch, nahm es aber, da es nur ein paar Cent kostete.
Wir gingen weiter, und mittlerweile hatte ich komplett die Orientierung verloren. Irgendwann kamen wir an einen Gemeinschaftsladen von Klempnerzubehör, Gartengeschäft und - Haushaltswaren. Ich staunte aber vor allem über die Preise. Das billigste und hässlichste Kochgeschirr kostete schon das Doppelte verglichen mit den Preisen in Deutschland. Dann gab es aber auch Töpfe, die aus Deutschland importiert waren - sie kosteten gut das Fünffache. Ich gab schließlich eine halbe Monatsmiete für den billigsten Kochtopf und die billigste Mini-Pfanne aus... ok, ich gebe es zu, es war eine russische Monatsmiete, also etwa 20 Euro, aber dennoch erschienen mir die Preise für das Lohnniveau Russlands arg überhöht. Murik meinte, billiger bekäme man so etwas hier nicht.
Am Ende hatte ich alles zusammen, sogar einen Kleiderbügel und Notiz-Blätter, die allerdings nicht so bunt waren wie in Deutschland, aber dafür recht sauber geschnitten waren, was sie gut für Origami geeignet machte.
Damit ging die Einkauferei jedoch erst los: Endlich hatte ich Kochgeschirr, nun musste ich noch für die Lebensmittel sorgen. Dies tat ich gestern, da Donnerstag mein freier Tag war. Welch weise Voraussicht, denn es sollte mich wirklich den ganzen Tag kosten. Allerdings eher unfreiwillig.
Ich hatte eine Weile gebraucht bis ich einen großen Supermarkt gefunden hatte. Kann durchaus sein, dass es der vom ersten Tag war, aber hier sah sowieso alles gleich aus. Ich suchte exotische Lebensmittel für den internationalen Abend: Pommes, Majonäse, Erdnussbutter, vielleicht Schokostreusel für einen typisch-holländischen Brotaufstrich.
Ich hatte Murik gefragt, ob es überhaupt Erdnussbutter in Russland gab. Er hatte davon gehört, aber keine Ahnung, wo man sowas kaufen könne. Zunächst fand ich nur Nutella. Eine normale Packung kostete umgerechnet 3,85 Euro, das Familienglas stolze 7 Euro. Nach langer Suche entdeckte ich im Kühlregal eine Paste, die laut Aufschrift Erdnuss enthielt, wenn auch mit Schokolade gemischt. Daraus konnte ich aber etwas Geeignetes zubereiten. Es musste ja nicht original-holländisch sein; es reichte, wenn es widerlich schmeckte. Die holländische Küche ist sowieso eine Sache für sich. Sie ist sehr süß und kalorienreich, manchmal regelrecht abenteuerlich. Aber jedes Mal, wenn ich nach Holland zurück kam und am Strand von Scheveningen spazieren ging, holte ich mich eine Packung Patatje Oorlog - Kriegsfritten. Diese hatte ich zum internationalen Abend zuzubereiten vor. Die Majonäse war leicht zu finden; es gab etwa 20 verschiedene Sorten; die Zwiebeln waren auch kein Problem - mir fehlten nur noch die Pommes. Ich konnte kaum glauben, dass es sie in keiner Tiefkühltruhe gab. Dort war alles aufgefüllt mit Pelmeni jeder Art, Pfannkuchen, ganzen Fischen, Schrimps und anderem Seegetier. Ständig war eine Verkäuferin damit beschäftigt, die Waren darin umzuschlichten. Ich nahm schließlich ein Netz Kartoffeln und hoffte, dass es nicht zu schwierig war, selbst Pommes herzustellen.
Eier gab es einzeln oder abgepackt in labbrige halbe Eierverpackungen und mit Klarsichtfolie umwickelt. An die Milchpäckchen werde ich mich auch lange nicht gewöhnen können, denn es gibt Milch nicht im Karton, sondern in Plastik zu je einem Liter eingeschweißt. Ich hatte bisher weder herausgefunden, wie man aus der Tüte trinkt ohne sich zu bekleckern, noch wie man daraus in eine Tasse eingießen kann ohne die Hälfte zu verschütten.
Erfreut war ich von einer anderen Entdeckung: Maggi Sternchen-Tüten-Nudelsuppe! Eine wunderbare Nahrungsergänzung zu der ganzen Lapscha-Tüten-Nudelsuppe, die ich die ganze Zeit aß. Ich überlegte auch Fleisch einzukaufen, aber das sah mir einfach zu blutig aus. Zumindest erhielt ich mit dem geräucherten Fisch, den es hier billig gab, ein wenig tierische Nahrung.
Ich hatte es mit dem Einkaufen ein wenig übertrieben. Insgesamt hatte ich zwei große Einkaufstüten und meinen Rucksack voll mit Lebensmitteln. So schleppte ich mich den Weg zurück, den ich für den Weg nach Hause hielt. Zuerst versuchte ich mich nicht davon beunruhigen zu lassen, dass ich in einer Plattenbausiedlung umherlief, die kein Ende zu nehmen schien. Lange schon hatte ich kein Anzeichen einer Straße mehr gesehen; es gab nur noch Anliegerwege und der Wald begann dichter zu werden. Vor mir ging plötzlich ein Alarm los; Eisbrocken waren vom Dach gefallen und hatten ein Auto getroffen. Niemand ließ sich hier großartig von den Dachlawinen stören. Wenn Schnee auf einen hinter fiel, schüttelte man nur den Kopf und ging weiter. Wenn es ein Eisbrocken war... wahrscheinlich nicht. Ich ließ mich auf einem Spielplatz nieder und ging gedanklich den Weg zurück. Es war ein vergebliches Unterfangen. Ich hatte schon mehrmals erwähnt, dass hier alles gleich aussah, aber eine besondere Gemeinheit kam hinzu, dass auch noch alle Straßen gleich hießen. Die Schulstraße zum Beispiel war mehrere Kilometer lang, genau wie der Straße des Sieges, und zu diesen Straßen schienen ganze Neubausiedlungen zu gehören; anders ließ es sich nicht erklären, dass an den Häuserblöcken hier im Nirgendwo in großen Buchstaben mal der eine und mal der andere Straßenname mit einer Nummer angemalt war. Ich hatte das System noch nicht verstanden - weder, wie Häuser zu Straßen gezählt wurden, noch warum selbst Querstraßen den Namen der Hauptstraße zu tragen schienen, aber ich hatte die Theorie, dass die Seite des Hauses mit dem Straßennamen der geografischen Richtung der Straße entsprach.
Ich sah mich um. Kein Fernsehturm weit und breit, dafür fing der Wald an, durch die eine Schneise für eine Überlandleitung geschlagen worden war. An den Häusern glänzten die Eiszapfen. Einige Leute hatten Wäsche nach draußen zum Trocknen gehangen. Oder vielleicht waren sie im Herbst draußen festgefroren, ich weiß es nicht.
Nur wie fand ich am besten zurück? Ich blinzelte in die Sonne, die schon recht tief stand. Dort musste Westen sein. Mein Navigationssystem half mir nicht weiter, da ich keine Karten der Stadt besaß. Ich konnte nur meine aktuellen Koordinaten feststellen, die ich an Matthias weitergab und ihn um eine Richtungsangabe bat. Der meinte, dass er meine Position im Internet sah und ungern selbst in dieser Pampa gestrandet wäre.
Ich solle Südöstlich gehen, gab er mir schließlich durch, denn dort läge der Stausee. OK, wenn dort Westen war... Osten gegenüber... wo lag dann Norden, und wo Süden? In solchen Situationen wünscht man sich, dass man in Heimatkunde besser aufgepasst hätte... ich wurde dann doch von der Technik gerettet als ich bemerkte, dass ich mein Navi als Kompass einsetzen konnte. Ich schwor mir, wenn das überstanden war, nie wieder das Haus zu verlassen. Nach ein, zwei Kilometern erreichte ich endlich wieder eine Straße und jubelte fast, als ich einen Bus fahren sah. Zivilisation! Ich ging weiter südöstlich und plötzlich entdeckte ich den Fernsehturm. Nur konnte ich nicht querfeldein laufen, da mittlerweile alles von Häusern, Mauern und abgesperrten Baugrundstücken bepflastert war. Es kamen mir wieder Menschen entgegen, Gruppen von jungen Menschen, und dann richtete sich eine Flugabwehrkanone auf mich und war noch nie im Leben so froh darüber - ich hatte das Universitätsgebäude Nummer 2 erreicht.
Unglaublich müde, aber glücklich schleppte ich mich den Rest des Weges zum Wohnheim. Russland war doch der pure Wahnsinn...
Doch auch wieder ein Stück neuen Wahnsinns erwartete mich direkt bei der Ankunft. Man hatte schon nach mir gesucht, da Vertreterinnen der Ausländerbehörde im Haus seien. Was wollten die denn von mir, dachte ich mir verdutzt. Sie texteten mich sofort zu, wollten meinen Reisepass, meine Migrationskarte und wer weiß, was noch alles. Sie überprüften alle Dokumente und ließen mich dann stapelweise Papier unterschreiben. Murik beruhigte mich, das habe alles seine Ordnung, die kämen eben ein bis zwei Mal im Jahr vorbei um zu schauen, dass die Ausländer da wohnten, wo sie sollten, und überhaupt - um Papier zu sammeln.
Alles war in Ordnung und ich durfte mich endlich ausruhen.
Mittlerweile gewöhnte ich mich daran, zu Zeiten zu studieren, in denen andere gerade ihr Feierabendbier tranken oder einen Wochenendausflug machten. Dreistündige Vorlesungen waren zwar hart an der Grenze jeder Konzentration, aber noch schlimmer waren dreistündige Laborarbeiten. So hatte ich heute wieder von 18 bis 21 Uhr ein Praktikum zur Konfiguration von Cisco-Routern. Wahrscheinlich hätte ich noch nicht mal daran teilnehmen müssen, da ich schon letzte Woche dabei war, aber jetzt war ich einmal hergefahren war, und der Praktikumsleiter war ein anderer als letzte Woche, und da er sich schon die Mühe machte, sich mir persönlich vorzustellen, beschloss ich zu bleiben und das Praktikum noch einmal zu machen. Ich setzte mich zu Artjom, da wir uns immer recht gut unterhielten und es sowieso nicht genug Computerarbeitsplätze für alle gab und dann begannen wir wieder mit der Verkabelung: Quer durch den Raum wurden von dem Schrank mit den Cisco-Routern Netzwerkkabel zu den Computern gezogen; es war ein heilloses Durcheinander aus Kabeln, die zu bösen Stolperfallen wurden. Zu meiner Überraschung war das Praktikum ganz und gar nicht dasselbe wie letzte Woche, da sich die beiden Praktikumsleiter nicht miteinander abgesprochen hatten; unser Leiter Farin wusste offenbar nicht mal, dass wir das sechste Kapitel noch nicht im Unterricht begonnen hatten. Wahrscheinlich hat Dr. Abilov ihnen wörtlich den Auftrag gegeben, "so ein bisschen die Router-Konfiguration durchzugehen". Doch Farin war nett und ging auf die Studenten ein, im Gegensatz zum BWL-Verschnitt von letzter Woche. Am Ende fand ich sogar Vergnügen an dem Praktikum und hatte sogar ein paar Dinge gelernt. So muss Unterricht sein.
Morgen (Samstag) würde wieder die trockenste aller Vorlesungen über vier Stunden stattfinden: Antennen und mobile Systeme. Ich überlegte, ob ich das Fach einfach sausen lassen sollte. Die Punkte brauchte ich nicht, und ich hatte schon genug für die anderen Fächer zu tun. Zum Beispiel musste ich noch zwei Cisco-Kapitel lesen, sechs Kapitel eines anderen Buchs überfliegen und eine Netzwerksimulation fertigstellen. Und das, obwohl der Tag für mich effektiv nur sieben nutzbare Stunden hatte. Die restliche Zeit verschwand einfach. Vielleicht tauchte sie in Deutschland wieder auf, wo sie sich wohler fühlte.
Der Alltag hat mich ganz in seinem Bann: Wenn ich nicht studiere, hänge ich im Internet und rede mit neuen und alten Freunden, lade mir meine Lieblingsserien mit 8kB/s aus Internet und verliere den Download immer bei 80 - 90%, wodurch ich gezwungen werde, von Anfang an zu laden und drei bis fünf Stunden auf das Ende der Episode zu warten; nebenbei bastle immer neue Origami-Sterne und Blumen, die genau so schnell aus dem Computerraum verschwinden wie ich sie produziere. Einige finden sich auf der Rezeption wieder, andere gar nicht mehr. Mittlerweile hinterlasse ich schon selbst Origami auf der Rezeption, wenn meine Lieblingsetagenfrau Dienst hat. Sie freut sich dann immer ganz besonders.
Nur bei der Essensbeschaffung hatte ich noch keine Routine. In der Tat war er oft schwierig zu kochen, weil das Gemeinschaftsgeschirr in der Gemeinschaftsküche die Eigenart hatte zu verschwinden. So fand ich mich mit einer Tüte Nudeln in der Küche ein, aber in den leeren, seltsam muffelnden Schränken gab es nur noch einen Topfdeckel und eine vertrocknete Zwiebel. Ich ging im Kopf meine Möglichkeiten durch und entschloss mich schließlich zu versuchen, die Nudeln im Wasserkocher zu kochen. Das klappt nicht perfekt, aber sie waren danach weich genug um sie zu essen. Nur das Salz wurde nicht recht aufgenommen, weshalb ich noch einmal kräftig nachwürzte und es einige Minuten stehen ließ. Voilà, mein Mittagessen. Doch ich würde wohl nicht darum herumkommen, mit selbst einen Topf und eine Pfanne zu kaufen, wenn ich auf Dauer hier überleben wollte. Ich wurde langsam zum unfreiwilligen Vegetarier. Am und zu spielte mir mein Verstand sogar schon einen Streich, zum Beispiel gaukelte er mir den Geruch von Rippchen vor... leckere, zarte, hausgemachte Rippchen... dabei kochte niemand weit und breit. Ein andermal lief ich die Straße entlang und roch plötzlich Thüringer Bratwürste, ein vertrauter Geruch aus der Heimat. Vergeblich versuchte ich die Quelle zu finden. Vielleicht war es auch besser so - es könnte ja eine Deutschen-Falle sein. Ist eigentlich eine ganz vernünftige Idee, auf diese Weise nur ganz bestimmte Leute in die Falle zu locken. Nach ein paar mal Hin- und Herlaufen setzte ich meinen ursprünglichen Weg fort. Ich musste Fotos für meine Visumsverlängerung machen lassen.
Mitten auf dem Campus stand nicht zu übersehen ein rundes, gelbes Zelt mit aufgeblasenen Wänden, das eher an eine Hüpfburg erinnerte und wahrscheinlich sogar mal eine gewesen war. An einigen Stellen war sie geflickt worden. Davor stand ein Schild, das die schnellen Fotografendienste anpries. Drinnen war es eher ein Schreibwarenladen mit einer Fotoabteilung. In der Mitte saß eine junge Frau, deren Aufgabe es wohl war, die Kunden zu koordinieren, aber stattdessen sah sie eine Seifenoper auf einem kleinen Fernsehgerät mit Zimmerantenne, das hauptsächlich Schneesturm empfing.
Die Fotos kosteten gerade mal 2 Euro für vier Stück, allerdings wurden sie vom Fotografen ausgedruckt statt entwickelt und von einer mäßiger Qualität.
Die Fußwege sind mittlerweile echte Eisbahnen geworden, da bei jedem kleinen Sonnenstrahl plötzlich alles zu schmelzen beginnt und seit dem letzten Sonnenstrahl kein Schnee mehr gefallen ist. Nur mühsam kann man sich hier noch auf den Beinen halten und die Frauen in ihren hochhackigen Schuhen staksen nicht mehr besonders elegant über das hügelige Eis. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mich nur knapp vor einer Landung auf dem Hinter gerettet habe.
Der Schnee lag immer noch gut einen Meter hoch neben den Fußwegen. Im Sommer musste der Campus schon etwas hermachen; überall waren Birken gepflanzt, und wenn auf der Wiese noch Blumen wuchsen, dürfte es ein regelrechtes Paradies sein.
Meinen kleinen, zutraulichen Eichhörnchen-Freund habe ich nur ein zweites Mal wiedergesehen, dann nicht mehr. Eigentlich wollte ich ihm Nüsse kaufen, hatte es jedoch immer wieder vergessen. Wahrscheinlich fand er auch so genug Essen oder wurde von anderen Spaziergängern gefüttert.
Ich selbst wurde auch ab und zu gefüttert; eines Abends überraschte mich Murik mit einem Teller Spaghetti und selbstgemachter vegetarischer Pasta-Sauce, die das beste war, das ich innerhalb der letzten Wochen zu mir genommen habe - ich weiß nicht, ob sie wirklich so gut war, oder ich einfach ausgehungert, jedenfalls wusste ich danach, wie sich wohl das Eichhörnchen fühlte.
Mit Murik bin ich mittlerweile gut befreundet; seine Freundin habe ich auch schon kennengelernt, sie hatte früher auch hier im Wohnheim gewohnt, ist dann aber irgendwann mit ihrer Findelkind-Katze ausgezogen.
Für Studenten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken war es ein echtes Privileg, in das Ausländerstudentenwohnheim ziehen zu dürfen. Murik erzählte, dass man der Wohnraumverwaltung erst ein Geschenk im Wert eines Computers machen muss um überhaupt einen Wohnheimplatz zu bekommen. Um die Notwendigkeit dieses Geschenks zu betonen, wird den Eltern der Studenten zunächst das Wohnheim für die russischen Studenten gezeigt, das offenbar den Charme eines Viehstalls hat, mit einer Gemeinschaftstoilette pro Etage. So kratzten viele Familien meist doch das Geld für das Ausländerwohnheim zusammen. Das erklärte auch, weshalb so viele Zimmer und Etagen unbewohnt waren, und weshalb hier auch Familien und andere Leute wohnten, die auf keinen Fall wie Studenten aussahen.
Ich bewältige übrigens immer noch sämtliche neuen Etagen des Wohnheims zu Fuß statt den Fahrstuhl aus Sowjetzeiten zu benutzen. Letztens wurde ich darin bestätigt, und zwar vom Fahrstuhl selbst. Als ich gerade im Erdgeschoss angekommen war, hörte ich ein Hämmern, Klopfen und Rufen aus dem Fahrstuhl. Offenbar war jemand stecken geblieben. Ich versuchte, die Türen auseinander zu ziehen, aber vergeblich. Kurz darauf kam eine der Pförtner-Frauen und lachte: "Schon wieder einer stecken geblieben". Wahrscheinlich hatte sie mit ihrer Kollegin Stein-Schere-Papier gespielt, wer diesmal gehen sollte um den armen Studenten zu befreien.
Am Abend erfuhr ich von Murik, dass er es selbst gewesen war, der stecken geblieben ist. Aber daran gewöhne man sich, meinte er. Man sei dort nie länger als 20 Minuten eingesperrt. Die Notruf-Telefonnummer stehe zwar nur außerhalb des Fahrstuhls an der Tür, aber irgendwer würde einen schon befreien. Er erzählte, dass er innerhalb seines ersten Monats im Studentenwohnheim gleich fünf Mal stecken geblieben sei, aber das wäre auch schon sein Rekord gewesen.
Mir war diese Wahrscheinlichkeit jedoch immer noch zu hoch.
Sonst schien jedoch niemand meine Sorge zu teilen. Die einzigen Leute, die sich im Hausflur aufhielten, waren die Raucher, denn innerhalb der Räume durfte man nicht rauchen, und auf dem Balkon fror man sich wahrscheinlich die Finger ab. Ich fragte mich, wie es dann kam, dass das Treppenhaus in einem so elenden Zustand war: So viele Eisenstangen waren vom Gelände abgebrochen worden, dass oft nur noch die Befestigung an der Treppe selbst stand. Wozu brauchten die Leute solche Stangen? Zogen sie alle rankende Blumen heran? Oder legten die flachen Stangen unter kippelnde Tische? Und fiel es nicht auf, wenn man sich eine Stange aus dem Geländer herausbrach oder -sägte?
Aber solche Fragen konnte mir niemand beantworten. Es gab immer nur Vermutungen. Zum Beispiel weshalb die Kassenzettel eingerissen werden: Es sei ein Zeichen, dass man die Ware erhalten hatte. Mir stellte sich dann unweigerlich die Frage, wer auf die Idee kam, mit einem Kassenzettel in den Supermarkt zu kommen und behauptete, er hätte die Waren nicht erhalten. Russland ist und bleibt merkwürdig.
Oft hatte ich keine rechte Lust, das Haus zu verlassen. Draußen änderte sich das Wetter nie. Es waren beständig zwischen -5 und -10 Grad, der Schnee lag herum. Manchmal schien die Sonne, manchmal fiel mehr Schnee hinunter. Langsam war es wirklich Zeit für Tauwetter und Frühling. Obwohl man dann wahrscheinlich erst sah, in welch schlechtem Zustand hier alles war. Schon jetzt konnte man in den mit 20 - 30 Zentimetern braunen Schneematsches bedeckten Straßen die tiefen Schlaglöcher ausmachen. Noch glänzten lange Eiszapfen an den Dachrinnen und verdeckten die Risse im Putz, aber die Wahrheit ist: Von Russland blättert ziemlich der Lack ab. Meine anfängliche Aufregung ist verschwunden und ich sehe meine Umgebung nun nüchterner. Eigentlich ist es kein Ort, an dem man leben möchte. Rein optisch, aber auch, wenn man mal einen genaueren Blick auf die alltäglichen Dinge wirft. Zum Beispiel, dass jeder meiner Schritte überwacht wird. Mir ist aufgefallen, dass sich die Etagen-Frauen die genauen Uhrzeiten notieren, zu denen die Studenten ausgehen und zurück kommen. Zuerst dachte ich noch, sie fragen aus Langeweile, wohin wir gingen, aber tatsächlich trugen sie es in ein Dienstbuch ein.
Ich stelle wieder einmal fest, dass Russland wohl das komplette Gegenteil von Holland war. Die Leute in Holland waren liberal, freiheitsliebend, extrovertiert, ein bisschen verrückt. In Russland zog man den Kopf ein, als Teil der Menge, wenn man nicht gerade eine Frau in Pelzmantel war, auf der Jagd nach einem Ehemann. Die Menschen hier sind eher privat, zurückgezogen nach außen, aber nach innen warm und gastfreundlich. In Holland kennt man in der Regel nicht mal seinen Nachbarn.
Oder wie wärs damit: In Holland ist man nie mehr als 300 Kilometer vom Meer entfernt, in Russland ist man immer mehr als 300 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Ich könnte sicher Stunden so weitermachen, denn je länger ich zwischen diesen grau-roten Plattenbauten festhänge, desto mehr fehlt mir der Charme von Holland. Doch mit Sorge verfolge ich die politische Entwicklung des Landes, die Zunahme rechter Kräfte und die Feindlichkeit gegenüber Menschen islamischen Glaubens. Und das in einem Land, das berühmt für seine Toleranz und ein Vorreiter in Sachen Integration ist. Ich fürchte, dass es bald nicht mehr das Land sein wird, das vor gut zweieinhalb Jahren mein Herz erobert hat.
Doch im Moment hatte ich ganz irdische Probleme. Wo konnte ich endlich Kochgeschirr, eine Schere, neue Origami-Blätter und einen Dosenöffner herbekommen? Murik bot sich schließlich als Reiseleiter im Laden-Dschungel an; morgen um 12 sollte es losgehen.
Murik hielt sein Versprechen. Ich schätze es sehr; vor allem, weil er um diese Uhrzeit normalerweise noch nicht wach war. Pünktlich um 12:00 stand er in Jacke und mit Kaffeetasse im Computerzimmer. Ich sah ihn an, und die Uhr, und wieder ihn und fragte, ob wir noch in Russland sein. Er meinte, er sei nur Halbrusse und hätte damit die Fähigkeit pünktlich zu sein.
Der Kapitalismus hat ich Russland seltsame Auswüchse angenommen. Es gibt kaum Ladenketten, die im großen Stil und auf großer Fläche ihre Güter verkauften. Die meisten Läden befanden sich im Erdgeschoss irgendwelcher Wohnhäuser als gemeinschaftliche Gewerbefläche von Privatleuten. Es war tatsächlich meist eine Fläche ohne Abtrennung der einzelnen Läden voneinander, außer vielleicht durch einen Gang oder ein paar Holzbretter. Jeder verkaufte, was er gerade hatte. Es erinnerte eher an einen Basar als an ein Geschäft. So war es schwierig, den richtigen Laden zu finden, in dem es Kochgeschirr und Haushaltswaren gab. Murik begann sich durchzufragen, ob jemand einen Haushaltswarenladen kannte. Auf der Rückseite einer solchen Ladensammlung entdeckten wir schließlich ein Fenster, aus dem Haushaltswaren verkauft wurden. Davor stand alles Haushaltsartige - von Töpfen bis Gießkannen. Es sah eher wie eine Haushaltsauflösung aus. Murik redete mit der uralten Verkäuferin, die ein seltsames Werkzeug hervorkramte. Murik meinte, das sei ein Dosenöffner, den man auch als Flaschenöffner verwenden könnte. Es erinnerte an eine zu dick geratene, schiefe Gabel. Ich war skeptisch, nahm es aber, da es nur ein paar Cent kostete.
Wir gingen weiter, und mittlerweile hatte ich komplett die Orientierung verloren. Irgendwann kamen wir an einen Gemeinschaftsladen von Klempnerzubehör, Gartengeschäft und - Haushaltswaren. Ich staunte aber vor allem über die Preise. Das billigste und hässlichste Kochgeschirr kostete schon das Doppelte verglichen mit den Preisen in Deutschland. Dann gab es aber auch Töpfe, die aus Deutschland importiert waren - sie kosteten gut das Fünffache. Ich gab schließlich eine halbe Monatsmiete für den billigsten Kochtopf und die billigste Mini-Pfanne aus... ok, ich gebe es zu, es war eine russische Monatsmiete, also etwa 20 Euro, aber dennoch erschienen mir die Preise für das Lohnniveau Russlands arg überhöht. Murik meinte, billiger bekäme man so etwas hier nicht.
Am Ende hatte ich alles zusammen, sogar einen Kleiderbügel und Notiz-Blätter, die allerdings nicht so bunt waren wie in Deutschland, aber dafür recht sauber geschnitten waren, was sie gut für Origami geeignet machte.
Damit ging die Einkauferei jedoch erst los: Endlich hatte ich Kochgeschirr, nun musste ich noch für die Lebensmittel sorgen. Dies tat ich gestern, da Donnerstag mein freier Tag war. Welch weise Voraussicht, denn es sollte mich wirklich den ganzen Tag kosten. Allerdings eher unfreiwillig.
Ich hatte eine Weile gebraucht bis ich einen großen Supermarkt gefunden hatte. Kann durchaus sein, dass es der vom ersten Tag war, aber hier sah sowieso alles gleich aus. Ich suchte exotische Lebensmittel für den internationalen Abend: Pommes, Majonäse, Erdnussbutter, vielleicht Schokostreusel für einen typisch-holländischen Brotaufstrich.
Ich hatte Murik gefragt, ob es überhaupt Erdnussbutter in Russland gab. Er hatte davon gehört, aber keine Ahnung, wo man sowas kaufen könne. Zunächst fand ich nur Nutella. Eine normale Packung kostete umgerechnet 3,85 Euro, das Familienglas stolze 7 Euro. Nach langer Suche entdeckte ich im Kühlregal eine Paste, die laut Aufschrift Erdnuss enthielt, wenn auch mit Schokolade gemischt. Daraus konnte ich aber etwas Geeignetes zubereiten. Es musste ja nicht original-holländisch sein; es reichte, wenn es widerlich schmeckte. Die holländische Küche ist sowieso eine Sache für sich. Sie ist sehr süß und kalorienreich, manchmal regelrecht abenteuerlich. Aber jedes Mal, wenn ich nach Holland zurück kam und am Strand von Scheveningen spazieren ging, holte ich mich eine Packung Patatje Oorlog - Kriegsfritten. Diese hatte ich zum internationalen Abend zuzubereiten vor. Die Majonäse war leicht zu finden; es gab etwa 20 verschiedene Sorten; die Zwiebeln waren auch kein Problem - mir fehlten nur noch die Pommes. Ich konnte kaum glauben, dass es sie in keiner Tiefkühltruhe gab. Dort war alles aufgefüllt mit Pelmeni jeder Art, Pfannkuchen, ganzen Fischen, Schrimps und anderem Seegetier. Ständig war eine Verkäuferin damit beschäftigt, die Waren darin umzuschlichten. Ich nahm schließlich ein Netz Kartoffeln und hoffte, dass es nicht zu schwierig war, selbst Pommes herzustellen.
Eier gab es einzeln oder abgepackt in labbrige halbe Eierverpackungen und mit Klarsichtfolie umwickelt. An die Milchpäckchen werde ich mich auch lange nicht gewöhnen können, denn es gibt Milch nicht im Karton, sondern in Plastik zu je einem Liter eingeschweißt. Ich hatte bisher weder herausgefunden, wie man aus der Tüte trinkt ohne sich zu bekleckern, noch wie man daraus in eine Tasse eingießen kann ohne die Hälfte zu verschütten.
Erfreut war ich von einer anderen Entdeckung: Maggi Sternchen-Tüten-Nudelsuppe! Eine wunderbare Nahrungsergänzung zu der ganzen Lapscha-Tüten-Nudelsuppe, die ich die ganze Zeit aß. Ich überlegte auch Fleisch einzukaufen, aber das sah mir einfach zu blutig aus. Zumindest erhielt ich mit dem geräucherten Fisch, den es hier billig gab, ein wenig tierische Nahrung.
Ich hatte es mit dem Einkaufen ein wenig übertrieben. Insgesamt hatte ich zwei große Einkaufstüten und meinen Rucksack voll mit Lebensmitteln. So schleppte ich mich den Weg zurück, den ich für den Weg nach Hause hielt. Zuerst versuchte ich mich nicht davon beunruhigen zu lassen, dass ich in einer Plattenbausiedlung umherlief, die kein Ende zu nehmen schien. Lange schon hatte ich kein Anzeichen einer Straße mehr gesehen; es gab nur noch Anliegerwege und der Wald begann dichter zu werden. Vor mir ging plötzlich ein Alarm los; Eisbrocken waren vom Dach gefallen und hatten ein Auto getroffen. Niemand ließ sich hier großartig von den Dachlawinen stören. Wenn Schnee auf einen hinter fiel, schüttelte man nur den Kopf und ging weiter. Wenn es ein Eisbrocken war... wahrscheinlich nicht. Ich ließ mich auf einem Spielplatz nieder und ging gedanklich den Weg zurück. Es war ein vergebliches Unterfangen. Ich hatte schon mehrmals erwähnt, dass hier alles gleich aussah, aber eine besondere Gemeinheit kam hinzu, dass auch noch alle Straßen gleich hießen. Die Schulstraße zum Beispiel war mehrere Kilometer lang, genau wie der Straße des Sieges, und zu diesen Straßen schienen ganze Neubausiedlungen zu gehören; anders ließ es sich nicht erklären, dass an den Häuserblöcken hier im Nirgendwo in großen Buchstaben mal der eine und mal der andere Straßenname mit einer Nummer angemalt war. Ich hatte das System noch nicht verstanden - weder, wie Häuser zu Straßen gezählt wurden, noch warum selbst Querstraßen den Namen der Hauptstraße zu tragen schienen, aber ich hatte die Theorie, dass die Seite des Hauses mit dem Straßennamen der geografischen Richtung der Straße entsprach.
Ich sah mich um. Kein Fernsehturm weit und breit, dafür fing der Wald an, durch die eine Schneise für eine Überlandleitung geschlagen worden war. An den Häusern glänzten die Eiszapfen. Einige Leute hatten Wäsche nach draußen zum Trocknen gehangen. Oder vielleicht waren sie im Herbst draußen festgefroren, ich weiß es nicht.
Nur wie fand ich am besten zurück? Ich blinzelte in die Sonne, die schon recht tief stand. Dort musste Westen sein. Mein Navigationssystem half mir nicht weiter, da ich keine Karten der Stadt besaß. Ich konnte nur meine aktuellen Koordinaten feststellen, die ich an Matthias weitergab und ihn um eine Richtungsangabe bat. Der meinte, dass er meine Position im Internet sah und ungern selbst in dieser Pampa gestrandet wäre.
Ich solle Südöstlich gehen, gab er mir schließlich durch, denn dort läge der Stausee. OK, wenn dort Westen war... Osten gegenüber... wo lag dann Norden, und wo Süden? In solchen Situationen wünscht man sich, dass man in Heimatkunde besser aufgepasst hätte... ich wurde dann doch von der Technik gerettet als ich bemerkte, dass ich mein Navi als Kompass einsetzen konnte. Ich schwor mir, wenn das überstanden war, nie wieder das Haus zu verlassen. Nach ein, zwei Kilometern erreichte ich endlich wieder eine Straße und jubelte fast, als ich einen Bus fahren sah. Zivilisation! Ich ging weiter südöstlich und plötzlich entdeckte ich den Fernsehturm. Nur konnte ich nicht querfeldein laufen, da mittlerweile alles von Häusern, Mauern und abgesperrten Baugrundstücken bepflastert war. Es kamen mir wieder Menschen entgegen, Gruppen von jungen Menschen, und dann richtete sich eine Flugabwehrkanone auf mich und war noch nie im Leben so froh darüber - ich hatte das Universitätsgebäude Nummer 2 erreicht.
Unglaublich müde, aber glücklich schleppte ich mich den Rest des Weges zum Wohnheim. Russland war doch der pure Wahnsinn...
Doch auch wieder ein Stück neuen Wahnsinns erwartete mich direkt bei der Ankunft. Man hatte schon nach mir gesucht, da Vertreterinnen der Ausländerbehörde im Haus seien. Was wollten die denn von mir, dachte ich mir verdutzt. Sie texteten mich sofort zu, wollten meinen Reisepass, meine Migrationskarte und wer weiß, was noch alles. Sie überprüften alle Dokumente und ließen mich dann stapelweise Papier unterschreiben. Murik beruhigte mich, das habe alles seine Ordnung, die kämen eben ein bis zwei Mal im Jahr vorbei um zu schauen, dass die Ausländer da wohnten, wo sie sollten, und überhaupt - um Papier zu sammeln.
Alles war in Ordnung und ich durfte mich endlich ausruhen.
Mittlerweile gewöhnte ich mich daran, zu Zeiten zu studieren, in denen andere gerade ihr Feierabendbier tranken oder einen Wochenendausflug machten. Dreistündige Vorlesungen waren zwar hart an der Grenze jeder Konzentration, aber noch schlimmer waren dreistündige Laborarbeiten. So hatte ich heute wieder von 18 bis 21 Uhr ein Praktikum zur Konfiguration von Cisco-Routern. Wahrscheinlich hätte ich noch nicht mal daran teilnehmen müssen, da ich schon letzte Woche dabei war, aber jetzt war ich einmal hergefahren war, und der Praktikumsleiter war ein anderer als letzte Woche, und da er sich schon die Mühe machte, sich mir persönlich vorzustellen, beschloss ich zu bleiben und das Praktikum noch einmal zu machen. Ich setzte mich zu Artjom, da wir uns immer recht gut unterhielten und es sowieso nicht genug Computerarbeitsplätze für alle gab und dann begannen wir wieder mit der Verkabelung: Quer durch den Raum wurden von dem Schrank mit den Cisco-Routern Netzwerkkabel zu den Computern gezogen; es war ein heilloses Durcheinander aus Kabeln, die zu bösen Stolperfallen wurden. Zu meiner Überraschung war das Praktikum ganz und gar nicht dasselbe wie letzte Woche, da sich die beiden Praktikumsleiter nicht miteinander abgesprochen hatten; unser Leiter Farin wusste offenbar nicht mal, dass wir das sechste Kapitel noch nicht im Unterricht begonnen hatten. Wahrscheinlich hat Dr. Abilov ihnen wörtlich den Auftrag gegeben, "so ein bisschen die Router-Konfiguration durchzugehen". Doch Farin war nett und ging auf die Studenten ein, im Gegensatz zum BWL-Verschnitt von letzter Woche. Am Ende fand ich sogar Vergnügen an dem Praktikum und hatte sogar ein paar Dinge gelernt. So muss Unterricht sein.
Morgen (Samstag) würde wieder die trockenste aller Vorlesungen über vier Stunden stattfinden: Antennen und mobile Systeme. Ich überlegte, ob ich das Fach einfach sausen lassen sollte. Die Punkte brauchte ich nicht, und ich hatte schon genug für die anderen Fächer zu tun. Zum Beispiel musste ich noch zwei Cisco-Kapitel lesen, sechs Kapitel eines anderen Buchs überfliegen und eine Netzwerksimulation fertigstellen. Und das, obwohl der Tag für mich effektiv nur sieben nutzbare Stunden hatte. Die restliche Zeit verschwand einfach. Vielleicht tauchte sie in Deutschland wieder auf, wo sie sich wohler fühlte.






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