Montag, 8. März 2010

Ruby - nicht - allein in Russland

                                                   (Koch-Nachhilfe^^)

08.03.
Dass heute Frauentag war, bemerkte ich heute relativ früh, als ich von einer SMS geweckt wurde: "Gratuliere dich zum 8. März. Wünsche dir viel viel Glück und Liebe." schrieb mir Dima. Ich fand es sehr nett, aber auch ein wenig merkwürdig. Was genau bedeutete Frauentag in Russland? Murik bestätigte meine Vermutung und erklärte, dass es in Russland gleich zwei Valentinstage gab: Den echten, und Frauentag. Alle Frauen erwarteten an diesem Tag Blumen und Pralinen, nicht nur von ihrem Freund, sondern von Kollegen und überhaupt sämtlichen männlichen Wesen. Er hatte das schon gestern durchstehen müssen, weil seine Freundin heute wieder zurück in ihre Heimatstadt gefahren war. Die Männer können einem hier schon leid tun...

Es schien ein ruhiger Tag zu werden. Da heute ein staatlicher Feiertag war, lohnte es sich wahrscheinlich auch nicht, in die Stadt zu fahren und etwas anzuschauen. Ich bin mit relativ sicher, dass ich alle Sehenswürdigkeiten der Stadt schon von außen gesehen hatte. Izhevsk ist ein Dorf... nur eben mit 600.000 Einwohnern.
Einkaufen sei heute eingeschränkt möglich, meinte Murik. An Sonn- und Feiertagen hatten vor allem Lebensmittelgeschäfte geöffnet. Er war ganz erstaunt zu hören, dass in Deutschland ein Feiertag bedeutet, dass man ohne Sonderregelung seinen Laden gar nicht öffnen darf. Überhaupt stellte er mir immer wieder Fragen zu Deutschland und Europa, die mich erstaunten, weil die Antwort so offensichtlich schien. Sowas wie "Wer hat den zweiten Weltkrieg gewonnen?". Doch offenbar stand in den russischen Geschichtsbüchern nur etwas über den glorreichen Sieg der Russen statt über die vier Siegermächte.

Gestern war auch nicht viel passiert. Ich hatte bis Mitternacht die Modul-1-Abschlussprüfung bestehen müssen und las dafür den halben Tag lang das Kursmaterial quer. Die Ersteller der CISCO CCNA-Prüfungen waren dafür bekannt, Fang-Fragen zu stellen, die man verstehen konnte, wie man wollte. Manchmal war es nur ein kleiner Hinweis, der erkennen ließ, wie die Frage gemeint war. Und danach suchte ich. Den Stoff selbst hatte ich zum größten Teil schon während der Vorlesungen in Deutschland gehört, und irgendwie schien etwas dran zu sein an der deutschen Ausbildung, da ich mich an das meiste sogar noch erinnern konnte.
Gegen 20:30 Uhr begann ich die Prüfung und fluchte innerlich gleich schon über die erste Frage. Es half nicht unbedingt der Konzentration, dass um mich herum fünf Jungs Computerspiele spielten, Musik hörten, Filme laufen ließen und sich laut unterhielten. Marik fragte mich, warum ich so angefressen aussähe... es gelang mir schließlich doch, mich zu konzentrieren und die 50 Fragen durchzuarbeiten. Am Ende kamen 94% heraus, die ich sicher auch meinem Talent zum Raten zu verdanken hatte. Endlich war das geschafft, seufzte ich glücklich-erschöpft innerlich auf. Dann fiel mir ein, dass ich bis Ende Juli drei weitere dieser Module durcharbeiten musste, und dass die anderen mir schon wieder drei bis vier Kapitel voraus waren... das beschloss ich erst einmal zu verdrängen und unterhielt mich mit den Jungs bis in die Morgenstunden hinein...
Murik hantierte die ganze Zeit mit Papier und einem kleinen Teppich-Messer herum. Als ich ihn fragte, was es damit auf sich hatte, erzählte er mir von der Prüfungsmoral der russischen Studenten. Offenbar seien die Prüfungen gar nicht zu bestehen, weshalb die Studenten alle 150 Fragen in winziger Schriftgröße ausdruckten, zurecht schnitten und mit dem Stapel Spick-Karten in die Prüfung gingen, wo der Professor schon mal ein Auge zudrückte. Schwierig sei es nur mit der Sekretärin, die ihre Arbeit als Prüfungsaufsicht ernster nahm. Ihr boten die Studenten gerne etwas zu trinken und Kuchen an, in der Hoffnung, dass sie sich damit in die Kaffeeküche zurück zog.
Ich war gespannt, ob meine eigenen echt-russischen Prüfungen im Juni genauso ablaufen würden. So weit zu gestern.

Es ging auf 14 Uhr zu und ich fühlte mich, als hätte ich nichts in der Welt zu erledigen. Es war die perfekte Stimmung, mich am Kochen zu versuchen. Im Gefrierschrank lag noch von meinem ersten Einkauf eine Packung gefrorener Pelmeni. Ich war nicht sicher, ob man sie noch essen konnte, weil ich eine Nacht mal entnervt den Kühlschrank vom Strom getrennt hatte, aber einen Versuch war es wert. Sie klebten alle zusammen und ließen sich mit keiner Gewalt auseinander brechen. So setzte ich mich erstmal an den Küchentisch und wartete darauf, dass das Wasser zu kochen begann. Der Herd hatte gar nicht so schlecht ausgesehen, war vielleicht ein wenig zu lang von Studenten benutzt worden, aber zumindest war es ein Elektroherd ohne Selbstentzündungsgefahr.
Etwas anderes interessantes befand sich in einer Küche: Ein Schacht, vielleicht 30x50 Zentimeter breit, für den Müll. Ich hatte mir schon ernsthaft Gedanken darüber gemacht, da sich der Müll in meinem Zimmer bereits stapelte. Als ich Murik nach Mülltrennung fragte, lachte er nur. Alles wurde in dieses schwarze Loch geworfen, ob Küchenabfall, Plastikfalschen oder Schraubgläser. Es tat mir regelrecht in der Seele weh, so komplett auf Mülltrennung zu verzichten. Murik schlug vor, dass ich den Müll trennen sollte und die einzelnen Beutel zu verschiedenen Zeiten in den Schacht zu werfen. Ich fragte ihn noch, was mit dem ganzen Müll geschah. Nach typisch russischer Manier zuckte er mit den Schultern und meinte, das Land sei groß...

Es dauerte ewig bis das Wasser zu kochen begann; müssen wohl 12 Minuten gewesen sein, gemessen an der Menge Origami, die ich in der Zwischenzeit faltete. Dann steckte ich den Klumpen Pelmeni einfach komplett in den Topf. Hinter mir kam eine Etagen-Frau in die Küche und schlug die Hände über dem Kopf zusammen: Das macht man ganz anders! Und eh ich mich versah, hatte sie die Hälfte des Pelmeni-Klumpens aus dem Topf entfernt und versuchte mir zu erklären, dass man die Pelmeni sofort wieder in den Gefrierschrank packen musste, da sie sonst zusammen klebten. Sie begann die einzelnen Teigtaschen auseinanderzubrechen um es mir zu demonstrieren, wie sie aussehen sollten. Das gleiche tat sie mit den im Topf schwimmenden Brocken. Ich fand es lustig: Im Aufenthalt schien ein Kochkurs inklusive zu sein. Sie zeigte, dass die Pelmeni, die an der Oberfläche schwammen, schon fertig sein könnten und ließ mich probieren. Ob sie fertig seien, fragte sie mich. Ich hatte keine Ahnung. Der Teig war sofort weich gewesen. Sie fragte, ob sie auch probieren dürfte und meinte dann, es brauche noch drei bis fünf Minuten. Dann schaute sie sich um und fragte, ob ich denn gar kein Geschirr besäße. Ich lachte und hielt die Plastikschalen der Fertignudeln hoch, die ich als Geschirr aus meinem Zimmer mitgebracht hatte. Doch sie meinte, ich brächte richtiges Geschirr, verschwand kurz in ihrem Aufenthaltsraum und kam mit einer Essschüssel wieder. Sie begann die Pelmeni aus dem Topf zu fischen und sagte, ich sollte saure Sahne oder Butter dazu essen. Ob ich Butter hätte? Nein, antwortete ich, und sie verschwand wieder und holte ein großes Stück Butter, von der sie eine ganze Menge unter die dampfenden Pelmeni in der Schüssel mischte.
Es schmeckte gar nicht so schlecht. Ich bot ihr an, mitzuessen, aber sie lehnte dankend ab, da sie schon gegessen hatte. Sie verließ noch einmal das Zimmer um mir etwas anderes zu bringen: Eine Pirogge, die sie in die Mikrowelle schob. Sie sei aus Fisch und Kartoffeln, erklärte sie und forderte mich auf, sie zu probieren. Es sah interessant aus... ein Blätterteigkuchen mit Fischstücken. Doch ich biss brav hinein, und es schmeckte gar nicht so schlecht. Nun hatte ich aber noch diesen riesigen Topf Pelmeni und die Pirogge - so viel konnte ich gar nicht essen. Ich schlichtete den Großteil der Pelmeni in meinen Plastiktopf um und brachte sie in meinen Kühlschrank. Das reichte für morgen und übermorgen.
Nach dem Essen wusch ich alles sauber ab und brachte die Schussel zurück zu dieser netten Frau. Davon wollte sie gar nichts wissen; ich solle es behalten bis ich nach Hause fuhr. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mich innerhalb dieser halben Stunde bedankt hatte, aber ich schenkte ihr zum Dank noch ein besonders schönes Stück Origami. Wer hätte gedacht, dass sich meine Origami-Falt-Sucht irgendwann bezahlt machen würde? Ich konnte ganz Russland damit eindecken... nur leider gingen mir langsam die Blätter aus. Ich hatte nur etwa 700 Stück aus Deutschland mitgebracht, also einen Schreibblockwürfel. Doch mir wurde bestätigt, dass es die gleichen bunten Blöcke auch in Russland gab. Ich musste nur einen Laden dafür finden... ich hoffte nur, dass ich damit mehr Erfolg haben würde als mit "Mission: Dosenöffner". Übrigens gibt es einen Silberstreifen am Horizont: Murik hatte mir versprochen, mir nach seiner Prüfung am Donnerstag ein paar vernünftige Läden zu zeigen, in denen man Haushaltswaren kaufen konnte.

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