22.8.
Erst als ich mitten in der Nacht aufwachte, bemerkte ich, wie kalt es eigentlich im Haus war. Ich rollte mich im Schlafsack zu einer Kugel zusammen und versuchte weiter zu schlafen. Plötzlich sah ich die Füße neben mir. Sie waren klein wie die von Kindern und hingen aus einer Art Sack hinaus, der an einem Kleiderständer befestigt war. Einen Moment lang arbeitete es heftig in meinem Hirn, dann fiel mir ein, dass Edmunds ein Marionettenspieler war und auch selbst diese Puppen herstellte. Beruhigt, nicht bei einem Massenmörder zu übernachten, schlief ich dann doch wieder ein.
Das nächste Mal wachte ich durch das Geräusch der Türklinke auf - die Tür öffnete sich, tapsen, und dann stand der Hund vor mir wie ein Gespenst, schaute kurz und ging dann Matthias erschrecken. Andris erklärte später, dass der Hund die Herrin des Hauses war und immer nach dem Rechten schaute - wir hätten die Tür nicht schließen sollen. Andris und Edmunds saßen beim Frühstück, redeten, planten für den Tag. Wir setzten uns dazu, was Andris zum Aufspringen veranlasste um und Tee zu kochen. Im Licht des Tages leuchtete die Gemälde an der Wand trotz ihrer düsteren Ausstrahlung. An der einen Wand hing das Bild eine grob gemalte Afrikanerin mit blanker Brust, an der anderen Seite ein expressionistisches Zirkusbild, das mich an die kindliche Angst vor Clowns erinnerte. Edmunds hatte nicht nur auf Leinwand gemalt, sondern das ganze Haus innen angestrichen und mit Ornamenten verziert. Schon allein das Toilettenkämmerchen war ein Kunstwerk. Gleichzeitig wirkte alles sehr chaotisch, und man konnte überall Spuren des kreativen Geists wiederfinden.
Sie hatten uns gestern vor die Wahl gestellt, allein die Stadt zu erkunden oder sie als Stadtführer dabei zu haben. Natürlich wollten wir Zeit mit ihnen verbringen, auch wenn sie uns zu diesem Zeitpunkt noch arg merkwürdig vorkamen. Ich dachte auch an Rene, der seine Gesellschaft angeboten hatte, aber vermutlich noch verkatert war. Was wollten wir unternehmen, fragten sie. Es war ein Festivalwochenende, das dutzende Möglichkeiten bot, die das Künstlerherz höher schlagen lässt. Ich hatte wohl irgendwann den Fernsehturm als Ausflugsziel vorgeschlagen, weshalb erstmal im Internet recherchiert wurde, ob man überhaupt da hoch kam, und da es ganz danach aussah, kamen unsere Gastgeber nicht mehr davon ab, uns diesen Turm zeigen zu wollen, obwohl ich ihnen versicherte, dass es nur eine in den Raum geworfene Idee gewesen war.
Wir begannen jedoch erstmal mit einem Stadtrundgang. Unsere Gastgeber schienen unsicher, was uns interessierte, aber da wir uns ungern auf etwas festlegen wollten, gingen wir uns schließlich ins Goethe-Institut von Riga. Dort gab es eine Fotoausstellung und viele deutsche Bücher, die den Letten die deutsche Kultur näher bringen sollten. Wir erfuhren, dass Andris deutsch auf Lehramt studiert hatte, bevor er sich für ein Künstler-Lotterleben mit Edmunds entschieden hatte. Sie schienen enttäuscht, dass wir nur kaum Interesse an den Fotos hatten, uns ich versuchte ihnen vorsichtig zu erklären, dass wir beide nicht so sehr an Kunst interessiert sind wie sie. Mehr Spaß hatten wir mit Andris, dessen Deutsch wir wieder auf Vordermann zu bringen versuchten.
Wir gingen weiter durch die Stadt, und es war wirklich eine sehr schöne Stadt, mit ganzen Straßenzügen im Jugendstil, mittelalterlichen Gebäuden und Türmen und allerlei fantasievollen Statuen, teilweise sogar auf den Häusern und Türmen, wie beispielsweise die schwarzen Katzen auf dem Haus, das sie folgerichtig das Katzenhaus nannten. Wir fanden auch die Bremer Stadtmusikanten in Bronze, Heiligenstatuen und einen singenden Brunnen. Natürlich gab es auch hunderte von Ausstellungen aller Art. Eine befand sich in einer Scheune, in die wir neugierig hinein lugten; silberne Papiersterne hingen von der dunklen Decke. Edmunds fand das sehr interessant und sagte, wir sollten da unbedingt hinein gehen. Er selbst wollte draußen warten. Das kam uns seltsam vor, aber es lag letztendlich am Geld, dachte ich mir dann. Er führte schließlich ein echtes Künstlerleben, wohnte bei seiner alten Mutter und ging früh morgens zum Putzen um zumindest genug Geld für Lebensmittel zu haben. Deswegen nahmen sie nie die Straßenbahn, sondern liefen über Kilometer. Diese Welt war mir sehr fremd - kannte ich sie eigentlich nur aus der Oper La Bohème, die ohne Probleme in Edmunds Haus hätte spielen können.
Umso mehr wunderte es mich, dass sie zustimmten, mit uns essen zu gehen. Sie kannten sich gut in der Stadt aus, und damit auch das billigste Restaurant der Stadt. Es war eines dieses Autobahnraststätten-Restaurants mit Selbstbedienung, aber überraschend gemütlich und sehr gut besucht. In der alten Eichenholzdecke befand sich eine Inschrift, die übersetzt in etwa bedeutete, dass man hier drin nicht auf Deutsch sprechen durfte, weil nur schlechte Menschen deutsch sprachen. Ich beschloss, es lustig zu finden und verspeiste weiter die mir geopferte Jungfrau.
Nach dem Essen spazierten wir weiter durch die Straßen, als mir der Gedanke kam, dass ich gern eine russische Zeitschrift kaufen würde, da sie hier wesentlich billiger waren als in Estland. Und da unsere Gastgeber sich jede Mühe gaben, uns jeden Wunsch zu erfüllen, waren wir dann die nächste halbe Stunde damit beschäftigt, in alle Läden zu gehen, die irgend etwas Gedrucktes verkauften. Wir fanden schließlich einen versteckt liegenden Computerladen im obersten Stock eines Wohnhauses, in dem ich eine russische IT-Zeitschrift für einen vernünftigen Preis erstehen konnte. So ausgerüstet, versuchten wir nun den Fernsehturm zu finden. Das heißt - ihn zu finden war nicht schwierig, man sah seine Spitze schon von Weitem, doch ringsum war Wasser. Da es auf der Insel sonst nichts gab, fuhren auch keine Fähren. Nur eine überteuerte Schiffsrundfahrt durch die Stadt stoppte dort, und so beließen wir es beim Blick zum Turm. Es musste ja auch Dinge geben, wegen denen man eines Tages zurück kam.
Es war spät geworden; wir kehrten heim um noch genug Zeit zum Abendessen zu haben bevor wir uns in das Nachtleben von Riga stürzen wollten. Edmunds und Andris bereiteten Pelmeni auf typisch russische Art zu. Gefrorene Pelmeni aus dem Supermarkt gehört zu den billigsten Lebensmitteln, die man hier bekommen konnte. Es gab diese gefüllten Teigtaschen in Säcken zu mehreren Kilos, und das Fleisch darin war mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Schlachtabfall oder Gammelfleisch. Matthias wollte eigentlich nach dem dramatischen kulinarischen Erlebnis in Usbekistan nie wieder in die Nähe Pelmeni kommen, aber ich konnte ihn überzeugen, es wenigstens einmal zu probieren, denn heute waren sie nicht mit Schafsfleisch gefüllt, und sie schwammen auch nicht in einer wässrigen Suppe, sondern wurden mit einer Art Quarksauce gegessen. Dazu gab es den selbstgemachten Apfelmus, den beide Männer nur skeptisch annahmen, wobei Andis als Landjunge eher offen für die Wunder der Natur war.
Bald waren wir auch schon wieder auf dem Weg, hinter unseren Gastgebern her hechelnd, und bald kamen wir im Zentrum an, das unglaublich belebt war. Es war ein riesiges Volksfest im Gange, und obwohl es schon straff gegen Nacht ging, tobten noch Kinder in den Hüpfburgen. Es wurde getrunken und der jungen Sängerin zugehört, die gerade ihr letztes Lied für den Abend darbot. Das Highlight sollte ein Feuerwerk um Mitternacht sein.
Edmunds kannte scheinbar alle Leute und stoppte oft um mit ihnen zu plaudern. Es waren Leute aus der Künstlerszene, und einer hatte einen riesigen Baum aus weggeworfenen Plastikflaschen gebaut, um die Feiernden darauf aufmerksam zu machen, dass es besser wäre ihre Flaschen zu sammeln statt sie wegzuwerfen. Ein Pfandflaschen-System kannte man hier nicht, aber so wie der Ort nach dem Festival aussah, könnte man sowas hier gut gebrauchen. Matthias und ich langweilten uns ein wenig; das schien Edmunds zu spüren und lud uns ein, mit ihnen ein Stückchen spazieren zu gehen. Da dachte ich noch, er dachte dabei an uns, aber nach wenigen hundert Metern verschwand er in einer Galerie, tauschte Küsschen aus, stellte Andris vor und wir setzten uns auf den Bordstein und fingen an zu spinnen, was für ein süßes Pärchen die beiden eigentlich abgeben würden. Warum sonst gibt es das Klischee, dass alle Künstler schwul sind? Nach einigen Minuten wurden auch wir in die Galerie hinein gewunken. Ich fühlte mich sofort am falschen Platz. Doch sie waren freundlich, boten uns Kekse an und tauschten ein paar Belanglosigkeiten aus, während ein Spanier in einer Ecke sitzend wie wild auf seine Gitarre einschlug. Wir wurden ihm vorgestellt, aber es gab unerwartete Sprachbarrieren, da hier niemand so recht Englisch sprach, oder - Gott bewahre - deutsch. Die Snobs von heute lernten italienisch oder französisch, und als sie herausfanden, dass wir keine Künstler, sondern Informatiker waren, gaben sie es ganz auf mit uns zu reden. Ihr Blick sprach Bände: "Ach herrje, wie langweilig!"
So verbrachten wir die nächsten 10 Minuten - gefühlten 40 Minuten - auf einem Stuhl in der Nähe der Tür, bis uns ein lauter Knall rettete: Das Feuerwerk begann. Wir gingen alle nach draußen, und Matthias und ich liefen voran, als hätten wir noch nie zuvor ein Feuerwerk gesehen und es wäre das letzte in unserem Leben, während Edmunds Snob-Freunde langsam hinterher kamen. Bis wir den Marktplatz erreicht hatten, war es vorbei. Aber wir erfuhren, dass es nur das erste von sieben Feuerwerken in dieser Nacht gewesen war, da es ein Wettbewerb um das schönste Feuerwerk war. Nach dem fünften Feuerwerk bekam ich eine SMS von Rene. Der hatte seinen Kater überwunden und meinte, an dem Abend würden sich einige Leute noch bei ihm zusammenfinden, und dann würden sie vielleicht etwas trinken, oder doch lieber in einer verrückte neue Schwulen-Bar gehen. Er fragte, ob wir nicht Lust hatten, sie zu begleiten. Ich konnte dem Drang nicht widerstehen herauszufinden, wie unsere beiden Gastgeber auf eine Einladung in eine Schulen-Bar reagieren würden und zeigte ihnen die SMS. Andris wirkte eher verlegen, aber Edmunds glühte vor Begeisterung; er sagt, wie seien seine Gäste uns deswegen sollten wir entscheiden. "Wenn es langweilig wird, können wir ja jederzeit gehen, wir sind ja nicht eingeschlossen, oder so?!", fragte Edmunds noch und ich nickte. So machten wir uns auf den Weg zu Rene, fanden seine Haus und kamen mit dem Türcode hinein, den er mir geschickt hatte. Ein Mädchen kam unter uns die Treppe hoch. Wir lächelten leicht. Sie blieb weiter hinter uns während wir versuchten Renes Wohnung zu finden, und als wir seinen Namen auf dem Türschild sahen, stand sie hinter uns und wartete, dass wir klingelten. Wir lachten uns an und freuten uns über den Zufall, gleichzeitig mit einen der anderen Partygäste angekommen zu sein. Rene öffnete uns ich bekam erstmal einen Schock, weil er gar nicht wie auf dem Foto aussah und fragte mich, ob ich vielleicht doch die falsche Wohnung erwischt hatte. Aber er grüßte uns freundlich, ließ uns hinein in seine große und teuer ausgestattete Wohnung. Niemand sonst war da. Er bat uns in die Küche uns suchte seine Alkoholvorräte zusammen und schenkte uns allen großzügig ein, als Flaschen, die er sehr tief im Gefrierfach vergraben gefunden hatte. Er meinte, die anderen würden noch kommen. Uns so warteten wir und wechselten steif ein paar Worte. Entgegen meiner Erwartungen war er nicht auf der gleichen Wellenlänge mit unseren Gastgebern, und sogar mir fiel auf, dass Edmunds ein wenig arrogant wirkte. Kurz: Eine richtige Stimmung kam nicht auf. Der jungen Frau fiel plötzlich ein, dass man ein wenig Tischtennis in der Küche spielen könnte. Rene lachte und meinte, es sei genug Zerbrechliches vorhanden. So begannen sie gegeneinander in der Küche ohne Tisch zu spielen, doch sie zerbrachen nichts - vielmehr erwischte sie Andris Kopf mit ihren Schläger. Andris verzog sich jaulend aus der Küche und Edmunds ging ihm nach um ihn zu trösten. Das war ja gründlich schief gegangen, uns es sah nicht so aus, als würde noch jemand der erwarteten Gäste kommen, so war es wieder die zügellose Energie von Renes Freundin, die uns dazu brachte, allesamt nach draußen zu gehen um ein mitternächtliches Frisby-Spiel im Park zu spielen. Ich glaube, den Rasen durfte man gar nicht betreten, "es sei denn, man will es wirklich", meinte Rene. So standen wir da und warfen uns die Scheibe zu. Andris warf, als hätte er noch nie in seinem Leben eine Frisby-Scheibe in der Hand gehabt, und Matthias musste meinen tödlichen Kopfabsäge-Würfen ausweichen. Bis auf unsere Gastgeber schienen sich alle köstlich zu amüsieren. Ein paar Mädels kamen hinzu, stellten sich in unseren Kreis und warfen mit, bis es ihnen nach 10 Minuten zu langweilig wurde. So richtig in Gang kam der Abend nicht mehr. Nach einer Stunde lagen wir im Gras, zerpflückten Blätter und Edmunds versuchte höflich, die Runde zum Aufbrechen zu bewegen. Er wollte lieber noch ein wenig den Spanischen Gitarren-Helden spielen sehen. Also schien es an mir, die Runde zu sprengen. Wir schwiegen als wir davon gingen, und redeten nur noch wenig an dem Abend. Ich wusste nicht, wo meine Sympathien lagen. Einerseits hatten unsere Gastgeber alles versucht uns unseren Aufenthalt zu angenehm wie möglich zu machen, aber andererseits hatte sich zumindest Edmunds nicht besonders nett verhalten. Deshalb antwortete ich ehrlich, als er mich fragte, wie es mir in der Galerie gefallen hatte. Wahrscheinlich sahen wir deshalb den Spanier nicht mehr wieder. Das Fest war längst vorbei, als wir am Fluss vorbei Richtung Edmunds Haus gingen; aber schon jetzt begannen die Aufräumarbeiten, sodass es morgen nur noch nach einer ausgeuferten Feier aussehen würde, und nicht mehr nach Kriegsgebiet. Die Müdigkeit kroch mir langsam in alle Glieder - kein Wunder, es war schon nach zwei Uhr morgens. Wir staksten müde und schlecht gelaunt hinter ihnen her, während unsere Blasen an den Füßen noch Blasen an ihren Blasen bekamen. Ich fühlte mich danach, etwas Frust abzulassen und begann mit Matthias auf Niederländisch über unsere Gastgeber zu lästern. Ich hatte herausgefunden, dass die wenigsten Ausländer, die deutsch lernten, extreme Dialekte wie sächsisch und bayrisch kaum verstehen konnten, und deshalb schien es mir relativ sicher, auf Niederländisch zu sprechen. Man musste nur aufpassen, dass man es nicht zu langsam sprach und Worte verwendete, deren Bedeutung man nicht allzu leicht raten konnte. Aber ich glaube, irgendwas bekamen sie doch mit und wandten ihre Aufmerksamkeit wieder uns zu.
Sobald wir die kalte, verlassene Wohnung erreicht hatten, gingen wir schlafen; jeder in seinem Bett und Andris zusammen mit dem Hund auf dem Küchensofa. Das fand ich aber erst heraus, als ich früh am Morgen zum Badezimmer ging. Ich bekam direkt ein schlechtes Gewissen, als mir bewusst wurde, dass ich wahrscheinlich sein Bett bekommen hatte, und dass ich seinen Schlafsack bekommen hatte, als ich um eine weitere Decke für Matthias gebeten hatte. Aber zu meiner Verteidigung: Edmunds hatte mir den Schlafsack sofort ohne Zögern in die Hände gedrückt, auch wenn wir uns hätten wundern müssen, warum er voller Hundehaare war. Nun lag der arme Kerl auf dem winzigen Küchensofa, sich wahrscheinlich eine Erkältung holend, während ihm die Beule vom Tischtennis auf der Stirn zu blühen begann.
23.8.
Die Zeit rast dahin, ich komme kaum noch dazu, eine Zeile in meinem Handy zu notieren - als Gedächtnisstütze, um später davon zu schreiben. So ist alles, was eventuell vor, und wahrscheinlich auch nach dieser Notiz steht, nur Erinnerung, und vielleicht ist alles gar nicht so passiert, oder wahrscheinlicher: Ich habe die Hälfte vergessen und vom Rest die Reihenfolge vertauscht. Bei eventuellen Ungereimtheiten möge mir der geneigte Leser also verzeihen.
Ich zog mich bald darauf an, die steifgefrorenen Zehen massierend. Als ich zurück in die Küche kam, war Andris aufgestanden und bereitete wie selbstverständlich das Frühstück zu. Wir setzten uns zu ihm und begannen richtig zu reden - Ideen auszutauschen, und über das zu reden, was er mit seinem Leben noch anfangen wollte. Im Herbst wollte er nach Korsika zur Weinernte, wenn das irgendwie klappen sollte; er wollte sich einen Job suchen, wenn er es irgendwie schaffen könnte, und er wollte eine Biographie über Edmunds schreiben. Das war das einzige, worüber er nicht im Zweifel war. Ich war nur im Zweifel, ob das jemand lesen würde. Mir machte dieses Bild vom Zirkus des Todes immer noch eine Heidenangst, und es half nicht, dass es so schief in den Raum hing, dass es uns fast erschlagen hätte. Es deprimierte mich irgendwie, Andris so zu sehen, locker auf Mitte Vierzig zugehend, ohne etwas geleistet zu haben und ohne das grundlegende Bedürfnis, etwas zu ändern. Seine Eltern wollten, dass er eine Frau mit nach Hause brachte und den Hof übernahm. Als er das erzählte, schaute er beschämt zur Seite. Mein Verdacht wurde immer stärker, dass er heimlich in Edmunds verliebt war und sich vorstellte, wie er ihn zu seinen Eltern nach Hause brachte - aber ob das so war, das wollte ich ihn dann doch nicht fragen. In einigen Ländern war man diesbezüglich noch ein wenig rückschrittlicher als in Deutschland, und wir waren hier schließlich nur Gäste.
Kurz vor dem Mittagessen kam Edmunds in die Küche, verlottert wie echter Künstler, das Hemd nur halb und falsch zugeknöpft, halb in die Hose gestopft. Was wir heute unternehmen wollten, fragte er munter in die Runde. Er hatte schon eine Idee: Ein Freilichtmuseum 30 Minuten außerhalb von Riga, in dem die lettische Kulturentwicklung dargestellt war. Er setzte sich zu uns und aß Frühstück. Mich irritierte ein wenig, dass er sich Apfelmus aufs Brot strich. Offenbar hatte er sich entschlossen, das unbekannte Lebensmittel in der Kategorie "Marmelade" einzuordnen. Beim Abräumen der Tassen merkte er an, dass sich der Abwasch schon stapelte und ob Andris das nicht abwaschen wollte. Andris wirkte wieder verlegen und versicherte: "Ja, das mache ich gern." und begann sich an die Arbeit zu machen. Ein wenig erinnerten mich die beiden schon an ein altes Ehepaar - es war nur schwer festzustellen, wer von den beiden der Mann im Haus war. Während Andris abwusch, suchte Edmunds seine Handtasche. Es war ein männliches Künstlerhandtäschchen aus schwarzem Leder.
Gegen Mittag kamen wir endlich aus dem Haus. Wir nahmen den Bus aus der Stadt heraus, hielten aber noch einmal in einem heruntergekommenen Viertel um in einem Tante-Emma-Laden Proviant für den Tag zu kaufen; hauptsächlich Kekse und Getränke. Matthias und ich hatten wie immer seinen Rucksack mit Lebensmitteln bereits voll gepackt und brauchten nicht viel. Wir kamen auf die Idee, noch etwas Alkohol zu besorgen um heute an unserem letzten Abend noch einmal anstoßen zu können, dann überlegten wir uns jedoch, dass wir die Flaschen nicht den ganzen Tag mit uns umher tragen wollten und gingen zurück zur Bushaltestelle. Dort stand ein Haus, das sicher mal ein Restaurant gewesen war, bevor der gesamte Boden unter ihm eingesunken war. Es war mit Brettern vernagelt, auch wenn ich nicht glaube, dass randalierende Jugendliche dort noch viele Möglichkeiten zum Randalieren gehabt hätten.
Der nächste Bus brachte uns direkt zum Freilichtmuseum. Das war gar nicht so langweilig wie es sich anhörte. Ich weiß zwar nicht mehr, was genau daran so wahnsinnig interessant gewesen war, aber wir blieben dort, bis der Park schloss.
In der Mitte des Freilichtmuseums befand sich ein großer, naturbelassener See, an dem wir bald nach unserer Ankunft ein Picknick machten. Nach einigen Anläufen gelang es Edmunds, von uns vieren mit Selbstauslöser ein Foto zu machen, wie wir dort auf der Bank hockten und aßen. Dann fotografierte er sehr künstlerisch und sehr liebevoll Andris am See, Andris vor einem Baum, Andris im Wald, Andris auf einen Regenschirm gestützt, Andris mit offenem Regenschirm... und wenn sie vor uns liefen, berührten sich im Gehen leicht ihre Hände.
Alle Holzhütten und -häuser, die hier standen, waren aus allen Teilen des Landes hergebracht und 1:1 wieder aufgebaut worden, erzählte Edmunds. Er hatte selbst als Junge in einem Haus wie diesem gelebt. Das ganze Gelände war in der Form von Lettland angelegt worden, und die Stelle, an der die Hütten standen, entsprach ihrem tatsächlichen geographischen Standort. Es überraschte mich, Windmühlen vorzufinden, die den holländischen überraschend ähnelten. Einfach nur erstaunt war ich über die orthodoxe Kirche mit dem Zwiebelturm aus Holz. Nach diesem Tag stellte ich fest, dass die Dinge, die man am wenigsten als interessant eingeschätzt hat, am Ende die sind, die sich als am interessantesten herausstellen. Wir hatten eine schöne Zeit in der Natur, naschten die Früchte von den niedrigen Himbeerbüschen und aus dem Heidelbeerkraut, und verliefen uns fast auf der Suche nach einer Toilette. Wahrscheinlich hätte man hier gut übernachten können, in einem der alten Betten, die mit Bettzeug ausgestattet waren, und fließend Wasser vor der Tür oder notfalls aus dem altertümlichen Brunnen. Aber wahrscheinlich hätte die Parkaufsicht etwas dagegen gehabt.
Wir verließen den Park, als das Haupttor schon abgeschlossen war und wir nur noch zu einer kleinen Seitentür hinaus kamen. Dann philosophierten wir noch eine Weile vor einer bildlichen Darstellung über die indoeuropäischen Sprachfamilien über eben diese, bevor wir zur Bushaltestelle gingen. Der nächste Bus würde erst in einer halben Stunde kommen, weshalb Edmunds beschloss, uns arme geschundene Wesen die Viertelstunde zur nächsten Straßenbahnhaltestelle laufen zu lassen. Es stellte sich als die richtige Entscheidung heraus, denn die Autobahn war für einen weiteren Marathon abgesperrt gewesen. Natürlich, wenn Letten etwas zu feiern haben, dann rennen sie. Es war die Feier zur Unabhängigkeit ihres Landes. Diesmal waren viele Fahrradfahrer dabei, und Polizeiautos fuhren sowohl am Anfang des organisierten Mobs als auch am Ende. Wir trafen sie in der Stadt wieder, als sie unsere Straßenbahn lang anhalten ließen bis der letzte Läufer die Stadt durchquert hatte.
Als wir heimkamen, dämmerte es schon. Gut zwanzig Minuten von Edmunds Haus entfernt befand sich ein riesiger Supermarkt, in dem wir nun unser letztes Geld ausgaben. Der Alkohol war nicht gerade billig, aber für eine kleine Flasche Wodka und eine Packung Taschentücher reichte es.
Zurück zu Hause machten wir es uns gemütlich, tranken, und Edmunds holte ein Gesellschaftsspiel hervor, das wir die ganze Nacht bis in die Morgenstunden spielten, obwohl eigentlich nur immer Edmunds gewann. Irgendwann verschwand Andris ins Bett, und wir ließen diesen Abend ausklingen.
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