1.9. - Aufbruch Richtung Prag
Strahlender Sonnenschein am Morgen - wer braucht da schon mehr als 5 Stunden Schlaf?
Erst sah es gar nicht danach aus als würden wir heute schon fahren können, weil beide Gastgeber, die Matthias schon vor der Nordtour angeschrieben hatte, und die uns beide ein Vielleicht gegeben hatten, nicht mehr antworten. In der wahrhaft letzten Minute kam die Zusage, die aus 3 Worten und einer Telefonnummer bestand. Erinnerte ein wenig an die wortkargen Helsinkianer. Wir drückten uns selbst die Daumen, dass es mit ihm schon klappen würde und trafen uns gegen 8 Uhr morgens bei mir.
Es war schon früh zu erkennen, dass es ein heißer Tag werden würde. Wir standen wieder am ehemaligen Plus-Supermarkt im Schatten eines FDP-Wahlplakats - für irgend etwas musste diese Partei ja gut sein. Es war mir immer noch ein Rätsel, wie sie nach der Finanzkrise ihren Zulauf auch noch erhöhen konnten. Aber ich will hier eigentlich ungern politisch werden, denn dies ist ja ein Reisetagebuch, und ich will von der Reise in den Südosten berichten. Wenn sie endlich mal anfangen würde! Eine Stunde standen wir da, eine zweite, die dritte begann sich zu füllen. Wir waren kurz davor, nach Hause zu gehen und es morgen noch mal zu versuchen, zumal ich schon im Stehen einschlief nach knapp 5 Stunden Schlaf. Die restlichen Reisevorbereitungen und ein letzter nachgeholter Blogeintrag ließen mich nicht eher zur Ruhe kommen.
Wir beschlossen eine strategische Standpunktänderung und fuhren auf die andere Seite der Stadt, von der eine weitere Auffahrt Richtung Chemniz zu erreichen war. Es dauerte nur eine weitere Stunde bis wir endlich mitgenommen wurden - gerade als wir unsere Mittagssandwiches aßen, und dann nur bis zur letzten Tankstelle von Zwickau. Dort konnten wir endlich die Tankenden um eine Mitfahrgelegenheit bitten. Und schon nach einer weiteren Stunde kam endlich jemand vorbei, der nach Dresden wollte und auch genug Platz hatte, uns beide mitzunehmen. Zuerst hatten sie wie ein typisch-grandiges sächsisches Ehepaar ausgesehen, das wir kaum zu fragen wagten. Doch sie waren lustige Leutchen, die viel lachten und gerne reisten; zuletzt machten sie eine Nordkap-Kreuzfahrt, genau wie meine Eltern vor ein paar Wochen; interessanterweise sogar beim gleichen Reiseveranstalter.
An der Raststätte Dresdener Tor angelangt schien der längste Teil der Strecke überwunden zu sein. Doch heute war langer Dienstag auf den Straßen, und alle furen nach Polen oder Berlin, selbst die Tschechen. Die einzigen, die nach Prag wollen, fuhren ihren Dienstwagen und durften niemanden mitnehmen. Dann hielt neben uns ein Wagen, aus dem zwei Anhalter ausstiegen. Nicht auch noch Konkurenz! Sie wollten jedoch nur nach Polen, fragten den nächsten Fahrer und fuhren mit ihm weg. Als hätte das nicht zur Demotivation ausgereicht, stach mich etwas in den Nacken. Es tat unglaublich weh und brannte, und ich dachte schon, ich würde eine alergische Reaktion bekommen - wobei uns dann wenigstens ein Krankenwagen mitgenommen hätte - aber es brannte nur einfach weiter bis zum Abend.
Wir fanden schließlich doch eine Mitfahrgelegenheit, direkt bis Prag durch. Es war eine Gruppe von Slowaken, die in Deutschland ein Auto gekauft und daraus einen kleinen Ausflug gemacht hatte. Offenbar bekam man allerlei Luxusgüter in Deutschland billiger, zum Beispiel auch Computertechnik. Nur einer aus der Gruppe sprach deutsch, aber nicht besonders gut, so verebbte das Gespräch bald und wir schliefen ein. Ich wurde kurz wach als sie das Auto fotografierten, und dann erst wieder als wir schon in Prag waren. Sie fuhren weiter nach Brno, setzten uns deshalb an einer Tankstelle ab und erklärten, wo in etwa ein Bus abfuhr. In diese Richtung gingen - oder besser: stapften wir an der Autobahn entlang, uns durch Müllberge kämpfend (wobei "Müllberge" relativ zu sehen war; für uns war es eine Fundgrube - zum Beispiel sprang für mich eine volle Flasche Nagellack heraus) und von Büschen zerkratzt werdend erreichten wir die Bushaltestelle. Glüchklicherweise hatte Matthias noch einige Kronen dabei, schwieriger war es schon herauszufinden, welche Buslinie wir in welche Richtung bis zu welchem Stop nehmen sollten. Ein freundlicher Mann erklärte uns in einer Mischung aus englisch, französisch und tschechisch alles Notwendige - es war schon fast Esperanto, Marke Eigenbau.
Der Busfahrter verkaufte Tickets mit 4 Kronen Aufschlag, aber erst als er mich nach einer Weile bemerkte. Er hatte erst gar nicht die vordere Tür geöffnet, weil gar nicht erwartete, dass jemand bei ihm kaufen wollte.
Wir stiegen den Anweisung des freundlichen Fremden entsprechend in die Metro um und fanden uns an einer Haltestelle wieder, an der ich beim letzten oder vorletzten Mal in Prag schon mal gesehen hatte. Dieses Wiedererkennen qualifizierte mich natürlich z m Touristenführer. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon in Prag gewesen bin; das letzte Mal erst vor ein paar Monaten. Ich hätte gar nicht auf dieser Reise hier Zwischenstation gemacht, wenn nicht Matthias immer herumgequängelt hätte, dass ich ihn nie nach Prag mitnahm.
Wir kontaktierten unseren Gastgeber, der gerade mit seinen Arbeitskollegen beim Abendessen war, uns aber dazu einlud. Wir waren hundemüde, quälten uns aber mit letzter Kraft durch den Abend. Die Kollegen waren alle Programmierer aus unterschiedlichen Lände und versuchten sich mit Hilfe ihrer Nationalgetränke gegenseitig unter den Tisch zu trinken. In diesem Zustand konnten sie sich stundenlang über das Geschlecht von Worten in verschiedenen Sprachen und den Sinn des spanischen umgekehrten Fragezeichens amüsieren - das passiert, wenn Nerds einen über den Durst trinken.
Gegen 23 Uhr kehrten sie uns aus dem Restaurant heraus und sperrten gleich hinter uns ab, auf das wir ja nicht auf ein weiteres Bier zurück kehrten...
Es war noch ein gutes Stück heim zu laufen, und unser Gastgeber war so nett, mir meinen Rucksack abzunehmen. Dabei befürchtete ich, dass er jeden Moment damit in seinem angetrunkenen Zustand die Treppe herunterkippte. Doch - wir kamen heil an, und ich schlief sofort ein als mein Kopf das Kissen berürte.
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