8.9.
Der Morgen begann zur Abwechslung mal mit Frühstück; es war ja auch schon nach zwölf. Wir schmierten uns zweifingerdicke Scheiben des Weißbrots von gestern, weil Matthias sie nicht dünner hinbekam. Zusammengehalten wurden sie von etwas satt-Orangefarbenen, das unsere Gastgeber als ungarische Butter bezeichnet hatten.
Als erstes holten wir uns ein 3-Tages-Ticket für die U-Bahn, das wohl auch in anderen ?ffentlichen Verkehrsmitteln galt - aber dort kontrollierte nie irgendwer, hatte Lazlo gemeint. Die 15 Euro pro Person schmerzten schon etwas, und erst nach langem Hin- und Her und Münzenwürfen hatten wir uns darauf geeinigt. Unter der Bedingung, dass wir nun alle Sehenswürdigkeiten per Bahn abfahren würden, statt wie immer stundenlang ohne Sinn kreuz und quer durch die Stadt zu traben. Wir waren noch sehr optimistisch gewesen. Als Matthias nach einer Übersichtskarte für das Liniennetz fragte, lachten sie uns aus. Vielleicht auch an. Jedenfalls gab es keine Übersichtskarten außer die an der Wand, worauf sie uns grinsend hinwiesen. Schon allein aus Prinzip hätten wir so eine Karte abmontieren und mitnehmen sollen.
Wir stiegen in die erstbeste Straßenbahn, die aussah, als würde sie die Donau überqueren. Das tat sie nicht, aber sie brachte uns zu einem wundersch?nen Gebäude mit grimmigen Wachen davor. Da Ungarn keine Monarchie mehr war, musste dies das Parlament sein. Es gab dort zwei Mal am Tag kostenlose Führungen für EU-Bürger - alle anderen zahlten kräftig. Ich klebte ein gedankliches "später" an das Parlamentsgebäude.
Die Schienen hörten irgendwo in der Nähe des Ufers auf, und nach dem Umsteigen ging es in einem anderen Bahnnetz weiter. Als wären hatten sie es noch immer nicht ganz fertig gebracht, Buda und Pest zu vereinen. Mitten auf der Brücke hielt die Bahn und viele Passagiere stiegen aus unerfindlichen Gründen aus. Unsere Neugier war geweckt. Von der Brücke aus kamen wir durch eine Unterführung auf eine lange, grüne Donauinsel, die nur Erholung und für Sportler zu existieren schien: Ein fünf Kilometer langer Gummimattenweg für Jogger führte um die Insel und die einzigen Gebäude inmitten der Parkanlagen schienen Turnhallen zu sein. Bunt bepflanzte Beete wechselten sich mit Büschen, Wegen, Plätzen und Cafes ab. Es gab sogar etwas Schöneres als das Wiener Opernklo: Ein Opernspringbrunnen, dessen Fontänen passend zur Musik ihre Gróße und Form veränderten. Man konnte auch in Budapest an jeder Ecke Mozartkugeln kaufen, auch wenn ich nicht glaube, dass Mozart hier viel Zeit verbracht hat oder überhaupt einmal auf Besuch gewesen war. Dabei war Budapest sogar eine recht schöne Stadt mit unheimlich vielen hohen Türmchen und historischen Bauwerken. Kneipen und Geschäfte waren in manchen Stadtteilen nur in Kellern untegebracht, die man nur von der Straße aus erreichen konnte.
Bald war es Zeit umzukehren, weil wir uns zum gemeinsamen Kochen mit unseren Gastgebern verabredet hatten - ohne in der Lage gewesen zu sein abzusprechen, wer die Zutaten kaufen sollte und was überhaupt gekocht werden sollte. Matthias und ich kauften schließlich die Hauptzutat ungarischer Gerichte: Kartoffeln und Zwiebeln. Ich war sicher, Paprika hatten sie noch genug - besonders da Lazlo auf Gemüse-Diät war. Er saß am Laptop in der Küche als wir mit halbstündiger Verspätung ankamen. Ich fragte mich, wie zeitbedacht Ungarn waren, denn bei unserer Ankunft hatte Lazlo sich entschuldigt, wenige Minuten zu spät zu sein, und sogar vorher eine SMS geschickt. Vielleicht waren Ungarn nur viel höflicher als man es von südlichen Ländern erwartete. Sollte sie die Sonne nicht heißbblütig und leidenschaftlich machen? Doch in der Tat erinnerten sie mich viel mehr an die Deutschen als jedes andere Volk, das mir bisher auf der Reise begegnet war. Auch nicht die Ösies. Besonders nicht die Ösies.
Da wir schon das Kaufen in die Hand genommen hatten, bereiteten wir auch gleich das Essen zu. Kartoffelspalten im Gasofen sind möglichlich, aber erfordern Geschick. Die Zwiebeln verbrannten zum Beispiel völlig zu Asche.
Lazlos Freundin Anna gesellte sich am späteren Abend zu uns und wir begannen ihre 2000 Italien-Bilder anzusehen. Sie waren eine Woche lang in Rom gewesen und hatten jeden Stein von mindestens drei Perspektiven festgehalten und jede Wanderung durch die Stadt auf einer Landkarte im Internet festgehalten. Es fühlte sich an, als wären wir wieder dort, nur dass wir diesmal alles sahen.
Als die Bilder alle durchgesehen waren und die beiden müde wurden, beschlossen wir noch eine kleine Nachtwanderung. Laszo meinte, es wäre eine sichere Gegend hier - kein Grund zur Sorge. Es war eine sichere Gegend, aber nur für die Prostituierten am Straßenrand. Viel Verkehr war nicht auf den Straßen, sah man einmal von den Autos ihrer Kunden ab. Viele Läden sollten eigentlich rund um die Uhr offen sein, aber von diesen fanden wir keine. Nur eine einsame Verkäuferin stand bei McDonalds in McDrive, und niemand kam vorbei. Ich versuchte die Straßenecken mit den Prostituierten zu vermeiden, aber es tauchten immer wieder neue auf, die von Autos dort abgesetzt wurden und auf ihre nächsten Kunden warteten. Sie schienen kaum älter als ich zu sein. Was treibt einen Menschen dazu, in einen solchen Lebensstil zu wechseln, wenn er noch alle Möglichkeiten offen hat?
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