14.9. - Ankunft in Istanbul
Seit dieser Nacht bin ich für den EU-Beitritt der Türkei. Wahrscheinlich genau aus diesem Grund gibt es diese nutz- und endlosen Grenzkontrollen für EU-Bürger mitten in der Nacht. Wir verbrachten insgesamt wohl zwei Stunden an der Grenze, von zwei Uhr morgens bis vier. Zu einer Zeit, in der man normalerweise im Tiefschlaf ist, mussten wir aus dem Bus aussteigen, unsere Pässe an einem Posten der bulgarischen Grenze vorzeigen, über die Grenze laufen, wieder in den Bus hinein, der dann erstmal eine halbe Stunde am Duty-Free-Einkaufszentrum parkte. Dann fuhren wir erst den halben Kilometer zur türkischen Grenze, wo schon lange Bus- und Autoschlangen auf die Abfertigung durch zwei Grenzbeamte warteten. Die restlichen Grenzbeamten sahen fern oder schliefen. Es verging eine Ewigkeit bis wir zum Aussteigen aufgefordert wurden, und selbst draußen standen wir noch eine ganze Weile fröstelnd und übermüdet in der Nachtluft. Die Grenzbeamten versteckten sich hinter dickem Glas in zwei Metern Höhe und stempelten mechanisch unsere Pässe, und behielten sie für wer-weiß-was. Es war schon nach drei als wir wieder einsteigen durften. Vor uns standen noch weitere Busse, an denen wir nicht vorbei kamen. Dennoch... endlich konnte ich mich schlafen legen. Dachte ich. Ich hatte nur wenige Minuten geschlafen, als ich von einer Unruhe geweckt wurde; der Fahrer lief durch den Bus, irgendetwas auf Türkisch rufend. Alle verließen den Bus mit ihrem Handgepäck. Wir waren an der Gepäckkontrolle angelangt. Wozu das? Matthias meinte, es wäre reine Schikane. Sie hatten nicht mal Handscanner. Wir wurden aufgefordert, all unsere Sachen auf einen Tisch zu legen, sämtliche Verschlüsse zu öffnen, sodass die Kontrolle schneller gehen würde. Sie war auch tatsächlich schnell vorbei als der Beamte endlich mal kam; er steckte nur kurz seine Hand oben in unsere Rucksäcke hinein und ging zum Nächsten. Wir hätten darin einen Affen mit Kalaschnikow schmuggeln können das hätte er nicht gemerkt.
Der Halbmond hing über der türkischen Grenze, und das ist keine Metapher. In nicht mal drei Stunden sollte die Morgendämmerung einsetzen und wir in der magischen Stadt am Bosporus, zwischen Okzident und Orient ankommen.
Sanfte Hügel und scharfe Zacken hoben sich gegen den samtenen Himmel ab, Nebelschwaden lagen in den Tälern und vereinzelt spiegelte sich Wasser in den ertrunkenen Wäldchen. Wenn die Stadt unter Wasser gestanden hat, dann muss es hier gewesen sein, denn näher wir Istanbul kamen, desto höher wurden die Hügel. Schicke Vororte mit bunten Häusern thronten auf den Hängen, dazwischen ragten Minarette in den Himmel, allesamt höher als die restliche Bebauung. Das änderte sich in den Plattenbau-Vierteln, die aus Wohnungsnot in den letzten Jahren aus dem Boden gezogen wurden und immer noch werden; und trotzdem wachsen die illegalen Wohnsiedlungen an den Stadträndern unkontrolliert und ohne Rücksicht auf Bauvorschriften das ist der Grund, weshalb es überhaupt zu einer Katastrophe während des Hochwassers gekommen ist. 12,5 Millionen Einwohner... das ist eine unglaubliche Zahl - und das ist nur die offizielle. Berlin hat im Vergleich dazu nur 3,4 Millionen. Man braucht sicher Stunden um die Stadt vom einen Ende zum anderen zu durchqueren, Wir mussten zunächst einmal vom Hauptbusbahnhof ins Zentrum so weit fuhr die Metro. Vom dort aus sollten wir einen Bus nach Taksim nehmen, und dann ein Taxi, um unseren Gastgeber noch zu erreichen bevor er 8:45 zur Arbeit ging. Soweit die Anweisungen. Schon die Metro zu nutzen, war eine kleine Herausforderung. Wir gingen nach dem bewehrten Prinzip vor: Geld abheben, etwas Kleines dafür kaufen und von dem Kleingeld Tickets lösen. Nur stand am Eingang der Metro nur ein seltsamer Automat, der bei jedem Tastendruck wie eine Alarmanlage losquietschte. Wir wurden nicht schlau daraus, weil er verlangte, dass man einen Fahrkartenchip auflegte, statt uns einen zu geben, und dafür nahm er nur Scheine an, keine Münzen. Die Leute nach uns konnten auch nichts damit anfangen, aber wir beobachteten, wie Leute eine Münze in die elektronischen Türen einsteckten. Nun begannen wir genau darauf zu hören, was die aufdringlichen Verkäufer zu sagen hatten: Jeton! Das waren die Münzen, die man hier in der Metro verwendet. Sie wurden in einem der Kioske für etwa 70 Cent pro Stück durch einen gelangweilt dreinschauenden Osama Bin Laden verkauft. Ich wollte ihm ein paar aufmunternde Worte sagen, wie: Gute Versteckwahl, das ist sicher der letzte Ort, an dem sie dich suchen, dachte dann aber, das wäre unangemessen, und holte stattdessen nur eine Handvoll Jetons. Die Metro war nicht überfüllt, weshalb es mich wunderte, die Busse als fahrende Sardinendosen zu erleben, in denen die Menschen nicht nur aus den Türen hinaus hingen, sondern an diesen Leuten auch noch weitere Leute hingen. Das, und die Tatsache, dass keiner der Busfahrer sich für eine bestimmte Richtung oder einen Bus verantwortlich fühlte, ließ die Entscheidung für ein Taxi leicht fallen. Anstandslos akzeptierten wir den Preis von 15 Lira etwa 7 Euro im vollen Bewusstsein, zu viel zu zahlen. Der Taxifahrer brachte uns nicht die letzten 100 Meter bis zu der Adresse unseres Gastgebers und rannt nach dem öffnen des Kofferraums förmlich wieder zum Fahrersitz; einen Wimpernschlag später war vom Auto nur noch eine Staubwolke zu sehen.
Doch so schlecht war der Preis gar nicht, meinte unser Gastgeber, als er uns mit zerzausten Haaren und hastig übergeworfener Kleidung in seine Wohnung einließ. Das Taxameter stand am Ende der Strecke zwar auf 13 Lira, aber für Gepäck muss man im Normalfall extra bezahlen, somit sind wir fast zum Preis für Einheimische gefahren. Ich entschuldigte mich mehrfach bei Azat, dass wir ihn geweckt hatten. Es war 8:20 und 8:45 wollte er auf Arbeit gehen. Im Laufe der Tage beim ihm stellten wir fest, dass dies nur ein Ausdruck es guten Willens war, und er tatsächlich nie vor 9 Uhr aufstand. Dafür arbeitete er jeden Abend bis nach 20 oder 21 Uhr, und wir sahen ihn meistens nur kurz in der halben Stunde, die er vor dem Schlafengehen durch das Sportprogramm zappte, oder in den fünf Minuten am Morgen zwischen Zähneputzen und dem Zufallen der Wohnungstür. Aber er war ein durchaus netter Kerl, der uns gleich die Wohnungsschlüssel gab und meinte, wir sollen uns wie zu Hause fühlen und uns selbst aus dem Kühlschrank bedienen. Als er gegangen war, sahen wir in den Kühlschrank hinein. Es gab praktisch nichts darin, aus dem man hätte etwas kochen können, aber er war angefüllt mit Schalen und Näpfen voller fertig zubereiteter Malzeiten. Also erstmal kein Frühstück für uns. Wir verließen auch bald darauf das Haus. Ich fühlte mich voller Energie, trotz Schlafmangel, während Matthias auf allen Vieren und der Zunge auf dem Boden hinter mir her kroch. Diese steilen Gassen mit den brüchigen schmalen Treppen waren wie für mich gemacht, oder ich war für sie geboren. Wunderschöne Bäume mit großen Blüten säumten die Straßen, die allesamt wie Buckel schlafender Riesen wirkten. Istanbul soll genau wie Rom auf 7 Hügeln erbaut worden sein, aber ich denke, 70 würde es eher treffen. Und es fühlt sich an wie 700, wenn man nach einem langen Tag in Istanbul nach Hause kommt.
Unser Plan für den ersten Tag war simpel: Den Taksim-Platz zu finden, der so eine Art Hauptverkehrsknotenpunkt ist, dort in der Touristeninformationen eine Stadtkarte erhalten und abschließend in die Innenstadt zu fahren. Wer diesen Blog mitverfolgt, ahnt schon, dass es wohl nicht ganz so gelaufen ist wie geplant. Die Beschreibung unseres Gastgebers war auch viel zu kompliziert gewesen: Nach rechts, und dann immer gerade aus. Das hätte niemand gefunden. Jedenfalls kamen wir am Bosporus heraus. Eine weiße Moschee spiegelte sich im leicht bewegten Wasser vor der Kulisse eines Parks mit einer Wäscheleine voller Türkeiflaggen und Verkäufern mit bedruckten T-Shirts und Fanartikeln; Müll, streunende Tiere und Jachten, begrenzte von einem hohen Berg, der völlig mit Häusern zugebaut war. Ganz oben ragten die Dächer einiger hoher Bürogebäude hervor, von denen eines genau wie in der Abbildung vom Taksim-Platz aussah. Also wieder nach oben. Wir nahmen wahrscheinlich den längstmöglichen Weg, da von unten überhaupt nicht einsehbar war, in welchen Winkeln die Gassen nach oben führten, wenn sie das überhaupt taten und nicht in einer Sackgasse endeten. So war es nur eine Frage der Zeit bis wir zufällig vor der deutschen Botschaft standen, ein gut abgesichertes Gebäude mit hohen Zäunen, direkt gegenüber von einem noch mehr abgesicherten Gelände, an dem eine Warnung vor Scharfschützen hing, und wie zur Unterstreichung der Aussage ein Soldat mit gezückter Waffe auftauchte, als ich gerade ansetzte, ein Foto zu machen. Der Taksim-Platz wirkte ein wenig freundlicher, auch wenn in seiner Mitte ein Militärdenkmal thronte. Eine Touristeninfo war jedoch weit und breit nicht zu entdecken. Dafür fuhren hunderte von Bussen in alle Himmelsrichtungen ab. Auf der Übersichtskarte hätte man eine Lupe gebraucht um Genaueres herauszufinden. Wir fragten schließlich jemanden nach dem Weg ins Zentrum, und sie schickten uns genau dorthin zurück, woher wir kamen: Zur Moschee am Wasser. Von dort aus fuhr eine Straßenbahn direkt nach Eminönü, in die europäische Altstadt.
Ich werde nie den ersten Anblick vergessen, als wir die Brücke über den Bosporus überquerten und sich die ganze Innenstadt vor uns öffnete: Wie eine kunstvoll-filigrane Miniaturlandschaft lag sie auf einer Anhöhe, von oben angestrahlt und aus sich selbst heraus strahlend. Schlanke weiße Minarette stachen in den Himmel, Kuppeln überspannten ganze Straßenzüge und die schönste aller Moscheen lag direkt am Wasser als wäre sie aus dem Grunde der See erwachsen. Davor lagen Ausflugsschiffe und Fähren an, dahinter erhob sich die Blaue Moschee und in einem Rotton die berühmte Hagia Sofia.
Die blaue Moschee sieht übrigens gar nicht wirklich blau aus; ihre Kuppeln wirken eher bleigrau, selbst im Sonnenschein. Ihren Namen hat sie von den abertausenden blau-roten Kacheln, mit denen sie von innen geschmückt ist. Ich habe noch nie etwas Schöneres, Prachtvolleres gesehen; die gigantischen Kuppeln über mir schienen frei zu schweben, sie leuchteten im Licht eines riesigen, wagenradähnlichen Kronleuchters, der sehr tief in den von Besuchern abgetrennten Raum der Betenden hingen. Aus hunderten blauen Buntglasfenstern fiel helles Sonnenlicht von allen Seiten auf den roten Teppich, auf dem Gläubige beteten und sich ganze Busladungen Touristen aneinander drängten. Dementsprechend laut war es. Ein Mann saugte den Teppich im Eingangsbereich, und trotzdem konnte es den Bann nicht brechen, der sich über mich gelegt hatte. Ich sank zu Boden und beobachtete einfach nur die strahlende Kuppellandschaft. Matthias beschwerte sich, dass er einschlafen würde, wenn wir noch länger hier säßen. Dabei gab es noch so viel zu sehen - und so wenig Zeit. Wir hatten vier volle Tage, von ursprünglich sechs geplanten, und ich wollte diese Stadt komplett sehen, bevor es sie nicht mehr gab. Istanbul liegt auf einer tektonischen Plattengrenze und ist hochgradig erdbebengefährdet; das nächste große Beben ist schon längst überfällig, sagen viele Forscher. Der große Kuppelbasar dürfte es jedenfalls nicht überstehen, der ist jetzt schon einsturzgefährdet. Eigentlich hatte ich einen echt-orientalischen Markt erwartet, auf dem alles vom Gewürz bis zum lebenden Huhn gehandelt wird. In Wahrheit erinnert er an eine noble Geschäftsstraße; statt einfacher Holzstände wurden ganze Geschäfte in die überkuppelten Gänge eingebaut und hinter dickem Glas glänzte Gold und Silber um die Wette. Viele Gässchen zweigten von dieser breiten Geschäftsstraße ab, und das alles unter den blau-rot-weißen Kuppeln, die langsam zerbröckelten. Bald kam man an billigere Schmuckstände, Stoffhändler, und dann an ein Geschäft, das nur bunte, bauchige Lampen verkaufte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier tatsächlich jemand zum Einkaufen herkam. Es war ein Ort voller Touristen; die Einheimischen wussten wahrscheinlich, wo man den ganzen Kram um ein Vielfaches billiger herbekam.
Es war gar nicht so einfach, aus dem labyrinthähnlichen Gewirr von Gängen wieder nach draußen zu finden, und schon gar nicht an der gleichen Seite wie wir hinein gekommen waren. Wir fanden uns in einer Gasse abseits der Touristenströme wieder und folgten ihr bis wir wieder in der Nähe der Blauen Moschee waren. Die vielen Plätze davor waren in eine Gartenanlage eingearbeitet worden, in der viele Bänke standen, Imbissbuden und in der Mitte ein Springbrunnen. Nicht weit davon entfernt ragte zwischen Palmen und Nadelbäumen eine auffällige Säule in die Luft; es war ein Obelisk mit ägyptischen Schriftzeichen, ein Zeugnis aus der Zeit, als die Stadt noch Konstantinopel hieß und unter römischer Herrschaft stand. So viel Blut wurde hier vergossen, durch Aufstände, Eroberungen und Plünderungen. Verbrannte Erde und Neuanfang. Hauptstadt dreier Weltreiche. Der Ruf des Muezzins zum Gebet schallte blechern durch die Lautsprecher über diesen geschichtsträchtigen Platz und wurde weitestgehend ignoriert. Eine Gruppe tief verschleierter Frauen eilte zum Eingang der Blauen Moschee. Eine Schar Tauben pickte Brotkrumen, die ihnen ein alter Mann zuwarf. Die Müdigkeit suchte nun langsam auch mich heim und wir fuhren nach Hause.
Wir schliefen einige Stunden, als wir aufwachten, war es schon dunkel draußen. Unser Gastgeber war noch nicht zurück gekehrt. Wollten wir nicht gemeinsam zu Abend essen? Viel Hunger hatte ich nicht, ich war noch immer müde von der kurzen Stadterkundung und der durchwachsenen Nacht. Ich erinnerte mich an die Tüten-Nudelsuppe, die ich für den Fall der Fälle aus Deutschland mitgebracht hatte. Matthias kochte, ich hing träge auf einem der Barhocker am hohen Esstisch. Azat kam erst spät heim, schaltete den Fernseher an, sah kurz durch die Sportkanäle und verschwand bald darauf unter der Dusche und dann im Bett. Morgen wollte er mit uns gemeinsam Frühstück essen. Dass er dafür nicht rechtzeitig genug aus dem Bett kam, muss ich wohl nicht erwähnen...
Seit dieser Nacht bin ich für den EU-Beitritt der Türkei. Wahrscheinlich genau aus diesem Grund gibt es diese nutz- und endlosen Grenzkontrollen für EU-Bürger mitten in der Nacht. Wir verbrachten insgesamt wohl zwei Stunden an der Grenze, von zwei Uhr morgens bis vier. Zu einer Zeit, in der man normalerweise im Tiefschlaf ist, mussten wir aus dem Bus aussteigen, unsere Pässe an einem Posten der bulgarischen Grenze vorzeigen, über die Grenze laufen, wieder in den Bus hinein, der dann erstmal eine halbe Stunde am Duty-Free-Einkaufszentrum parkte. Dann fuhren wir erst den halben Kilometer zur türkischen Grenze, wo schon lange Bus- und Autoschlangen auf die Abfertigung durch zwei Grenzbeamte warteten. Die restlichen Grenzbeamten sahen fern oder schliefen. Es verging eine Ewigkeit bis wir zum Aussteigen aufgefordert wurden, und selbst draußen standen wir noch eine ganze Weile fröstelnd und übermüdet in der Nachtluft. Die Grenzbeamten versteckten sich hinter dickem Glas in zwei Metern Höhe und stempelten mechanisch unsere Pässe, und behielten sie für wer-weiß-was. Es war schon nach drei als wir wieder einsteigen durften. Vor uns standen noch weitere Busse, an denen wir nicht vorbei kamen. Dennoch... endlich konnte ich mich schlafen legen. Dachte ich. Ich hatte nur wenige Minuten geschlafen, als ich von einer Unruhe geweckt wurde; der Fahrer lief durch den Bus, irgendetwas auf Türkisch rufend. Alle verließen den Bus mit ihrem Handgepäck. Wir waren an der Gepäckkontrolle angelangt. Wozu das? Matthias meinte, es wäre reine Schikane. Sie hatten nicht mal Handscanner. Wir wurden aufgefordert, all unsere Sachen auf einen Tisch zu legen, sämtliche Verschlüsse zu öffnen, sodass die Kontrolle schneller gehen würde. Sie war auch tatsächlich schnell vorbei als der Beamte endlich mal kam; er steckte nur kurz seine Hand oben in unsere Rucksäcke hinein und ging zum Nächsten. Wir hätten darin einen Affen mit Kalaschnikow schmuggeln können das hätte er nicht gemerkt.
Der Halbmond hing über der türkischen Grenze, und das ist keine Metapher. In nicht mal drei Stunden sollte die Morgendämmerung einsetzen und wir in der magischen Stadt am Bosporus, zwischen Okzident und Orient ankommen.
Sanfte Hügel und scharfe Zacken hoben sich gegen den samtenen Himmel ab, Nebelschwaden lagen in den Tälern und vereinzelt spiegelte sich Wasser in den ertrunkenen Wäldchen. Wenn die Stadt unter Wasser gestanden hat, dann muss es hier gewesen sein, denn näher wir Istanbul kamen, desto höher wurden die Hügel. Schicke Vororte mit bunten Häusern thronten auf den Hängen, dazwischen ragten Minarette in den Himmel, allesamt höher als die restliche Bebauung. Das änderte sich in den Plattenbau-Vierteln, die aus Wohnungsnot in den letzten Jahren aus dem Boden gezogen wurden und immer noch werden; und trotzdem wachsen die illegalen Wohnsiedlungen an den Stadträndern unkontrolliert und ohne Rücksicht auf Bauvorschriften das ist der Grund, weshalb es überhaupt zu einer Katastrophe während des Hochwassers gekommen ist. 12,5 Millionen Einwohner... das ist eine unglaubliche Zahl - und das ist nur die offizielle. Berlin hat im Vergleich dazu nur 3,4 Millionen. Man braucht sicher Stunden um die Stadt vom einen Ende zum anderen zu durchqueren, Wir mussten zunächst einmal vom Hauptbusbahnhof ins Zentrum so weit fuhr die Metro. Vom dort aus sollten wir einen Bus nach Taksim nehmen, und dann ein Taxi, um unseren Gastgeber noch zu erreichen bevor er 8:45 zur Arbeit ging. Soweit die Anweisungen. Schon die Metro zu nutzen, war eine kleine Herausforderung. Wir gingen nach dem bewehrten Prinzip vor: Geld abheben, etwas Kleines dafür kaufen und von dem Kleingeld Tickets lösen. Nur stand am Eingang der Metro nur ein seltsamer Automat, der bei jedem Tastendruck wie eine Alarmanlage losquietschte. Wir wurden nicht schlau daraus, weil er verlangte, dass man einen Fahrkartenchip auflegte, statt uns einen zu geben, und dafür nahm er nur Scheine an, keine Münzen. Die Leute nach uns konnten auch nichts damit anfangen, aber wir beobachteten, wie Leute eine Münze in die elektronischen Türen einsteckten. Nun begannen wir genau darauf zu hören, was die aufdringlichen Verkäufer zu sagen hatten: Jeton! Das waren die Münzen, die man hier in der Metro verwendet. Sie wurden in einem der Kioske für etwa 70 Cent pro Stück durch einen gelangweilt dreinschauenden Osama Bin Laden verkauft. Ich wollte ihm ein paar aufmunternde Worte sagen, wie: Gute Versteckwahl, das ist sicher der letzte Ort, an dem sie dich suchen, dachte dann aber, das wäre unangemessen, und holte stattdessen nur eine Handvoll Jetons. Die Metro war nicht überfüllt, weshalb es mich wunderte, die Busse als fahrende Sardinendosen zu erleben, in denen die Menschen nicht nur aus den Türen hinaus hingen, sondern an diesen Leuten auch noch weitere Leute hingen. Das, und die Tatsache, dass keiner der Busfahrer sich für eine bestimmte Richtung oder einen Bus verantwortlich fühlte, ließ die Entscheidung für ein Taxi leicht fallen. Anstandslos akzeptierten wir den Preis von 15 Lira etwa 7 Euro im vollen Bewusstsein, zu viel zu zahlen. Der Taxifahrer brachte uns nicht die letzten 100 Meter bis zu der Adresse unseres Gastgebers und rannt nach dem öffnen des Kofferraums förmlich wieder zum Fahrersitz; einen Wimpernschlag später war vom Auto nur noch eine Staubwolke zu sehen.
Doch so schlecht war der Preis gar nicht, meinte unser Gastgeber, als er uns mit zerzausten Haaren und hastig übergeworfener Kleidung in seine Wohnung einließ. Das Taxameter stand am Ende der Strecke zwar auf 13 Lira, aber für Gepäck muss man im Normalfall extra bezahlen, somit sind wir fast zum Preis für Einheimische gefahren. Ich entschuldigte mich mehrfach bei Azat, dass wir ihn geweckt hatten. Es war 8:20 und 8:45 wollte er auf Arbeit gehen. Im Laufe der Tage beim ihm stellten wir fest, dass dies nur ein Ausdruck es guten Willens war, und er tatsächlich nie vor 9 Uhr aufstand. Dafür arbeitete er jeden Abend bis nach 20 oder 21 Uhr, und wir sahen ihn meistens nur kurz in der halben Stunde, die er vor dem Schlafengehen durch das Sportprogramm zappte, oder in den fünf Minuten am Morgen zwischen Zähneputzen und dem Zufallen der Wohnungstür. Aber er war ein durchaus netter Kerl, der uns gleich die Wohnungsschlüssel gab und meinte, wir sollen uns wie zu Hause fühlen und uns selbst aus dem Kühlschrank bedienen. Als er gegangen war, sahen wir in den Kühlschrank hinein. Es gab praktisch nichts darin, aus dem man hätte etwas kochen können, aber er war angefüllt mit Schalen und Näpfen voller fertig zubereiteter Malzeiten. Also erstmal kein Frühstück für uns. Wir verließen auch bald darauf das Haus. Ich fühlte mich voller Energie, trotz Schlafmangel, während Matthias auf allen Vieren und der Zunge auf dem Boden hinter mir her kroch. Diese steilen Gassen mit den brüchigen schmalen Treppen waren wie für mich gemacht, oder ich war für sie geboren. Wunderschöne Bäume mit großen Blüten säumten die Straßen, die allesamt wie Buckel schlafender Riesen wirkten. Istanbul soll genau wie Rom auf 7 Hügeln erbaut worden sein, aber ich denke, 70 würde es eher treffen. Und es fühlt sich an wie 700, wenn man nach einem langen Tag in Istanbul nach Hause kommt.
Unser Plan für den ersten Tag war simpel: Den Taksim-Platz zu finden, der so eine Art Hauptverkehrsknotenpunkt ist, dort in der Touristeninformationen eine Stadtkarte erhalten und abschließend in die Innenstadt zu fahren. Wer diesen Blog mitverfolgt, ahnt schon, dass es wohl nicht ganz so gelaufen ist wie geplant. Die Beschreibung unseres Gastgebers war auch viel zu kompliziert gewesen: Nach rechts, und dann immer gerade aus. Das hätte niemand gefunden. Jedenfalls kamen wir am Bosporus heraus. Eine weiße Moschee spiegelte sich im leicht bewegten Wasser vor der Kulisse eines Parks mit einer Wäscheleine voller Türkeiflaggen und Verkäufern mit bedruckten T-Shirts und Fanartikeln; Müll, streunende Tiere und Jachten, begrenzte von einem hohen Berg, der völlig mit Häusern zugebaut war. Ganz oben ragten die Dächer einiger hoher Bürogebäude hervor, von denen eines genau wie in der Abbildung vom Taksim-Platz aussah. Also wieder nach oben. Wir nahmen wahrscheinlich den längstmöglichen Weg, da von unten überhaupt nicht einsehbar war, in welchen Winkeln die Gassen nach oben führten, wenn sie das überhaupt taten und nicht in einer Sackgasse endeten. So war es nur eine Frage der Zeit bis wir zufällig vor der deutschen Botschaft standen, ein gut abgesichertes Gebäude mit hohen Zäunen, direkt gegenüber von einem noch mehr abgesicherten Gelände, an dem eine Warnung vor Scharfschützen hing, und wie zur Unterstreichung der Aussage ein Soldat mit gezückter Waffe auftauchte, als ich gerade ansetzte, ein Foto zu machen. Der Taksim-Platz wirkte ein wenig freundlicher, auch wenn in seiner Mitte ein Militärdenkmal thronte. Eine Touristeninfo war jedoch weit und breit nicht zu entdecken. Dafür fuhren hunderte von Bussen in alle Himmelsrichtungen ab. Auf der Übersichtskarte hätte man eine Lupe gebraucht um Genaueres herauszufinden. Wir fragten schließlich jemanden nach dem Weg ins Zentrum, und sie schickten uns genau dorthin zurück, woher wir kamen: Zur Moschee am Wasser. Von dort aus fuhr eine Straßenbahn direkt nach Eminönü, in die europäische Altstadt.
Ich werde nie den ersten Anblick vergessen, als wir die Brücke über den Bosporus überquerten und sich die ganze Innenstadt vor uns öffnete: Wie eine kunstvoll-filigrane Miniaturlandschaft lag sie auf einer Anhöhe, von oben angestrahlt und aus sich selbst heraus strahlend. Schlanke weiße Minarette stachen in den Himmel, Kuppeln überspannten ganze Straßenzüge und die schönste aller Moscheen lag direkt am Wasser als wäre sie aus dem Grunde der See erwachsen. Davor lagen Ausflugsschiffe und Fähren an, dahinter erhob sich die Blaue Moschee und in einem Rotton die berühmte Hagia Sofia.
Die blaue Moschee sieht übrigens gar nicht wirklich blau aus; ihre Kuppeln wirken eher bleigrau, selbst im Sonnenschein. Ihren Namen hat sie von den abertausenden blau-roten Kacheln, mit denen sie von innen geschmückt ist. Ich habe noch nie etwas Schöneres, Prachtvolleres gesehen; die gigantischen Kuppeln über mir schienen frei zu schweben, sie leuchteten im Licht eines riesigen, wagenradähnlichen Kronleuchters, der sehr tief in den von Besuchern abgetrennten Raum der Betenden hingen. Aus hunderten blauen Buntglasfenstern fiel helles Sonnenlicht von allen Seiten auf den roten Teppich, auf dem Gläubige beteten und sich ganze Busladungen Touristen aneinander drängten. Dementsprechend laut war es. Ein Mann saugte den Teppich im Eingangsbereich, und trotzdem konnte es den Bann nicht brechen, der sich über mich gelegt hatte. Ich sank zu Boden und beobachtete einfach nur die strahlende Kuppellandschaft. Matthias beschwerte sich, dass er einschlafen würde, wenn wir noch länger hier säßen. Dabei gab es noch so viel zu sehen - und so wenig Zeit. Wir hatten vier volle Tage, von ursprünglich sechs geplanten, und ich wollte diese Stadt komplett sehen, bevor es sie nicht mehr gab. Istanbul liegt auf einer tektonischen Plattengrenze und ist hochgradig erdbebengefährdet; das nächste große Beben ist schon längst überfällig, sagen viele Forscher. Der große Kuppelbasar dürfte es jedenfalls nicht überstehen, der ist jetzt schon einsturzgefährdet. Eigentlich hatte ich einen echt-orientalischen Markt erwartet, auf dem alles vom Gewürz bis zum lebenden Huhn gehandelt wird. In Wahrheit erinnert er an eine noble Geschäftsstraße; statt einfacher Holzstände wurden ganze Geschäfte in die überkuppelten Gänge eingebaut und hinter dickem Glas glänzte Gold und Silber um die Wette. Viele Gässchen zweigten von dieser breiten Geschäftsstraße ab, und das alles unter den blau-rot-weißen Kuppeln, die langsam zerbröckelten. Bald kam man an billigere Schmuckstände, Stoffhändler, und dann an ein Geschäft, das nur bunte, bauchige Lampen verkaufte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier tatsächlich jemand zum Einkaufen herkam. Es war ein Ort voller Touristen; die Einheimischen wussten wahrscheinlich, wo man den ganzen Kram um ein Vielfaches billiger herbekam.
Es war gar nicht so einfach, aus dem labyrinthähnlichen Gewirr von Gängen wieder nach draußen zu finden, und schon gar nicht an der gleichen Seite wie wir hinein gekommen waren. Wir fanden uns in einer Gasse abseits der Touristenströme wieder und folgten ihr bis wir wieder in der Nähe der Blauen Moschee waren. Die vielen Plätze davor waren in eine Gartenanlage eingearbeitet worden, in der viele Bänke standen, Imbissbuden und in der Mitte ein Springbrunnen. Nicht weit davon entfernt ragte zwischen Palmen und Nadelbäumen eine auffällige Säule in die Luft; es war ein Obelisk mit ägyptischen Schriftzeichen, ein Zeugnis aus der Zeit, als die Stadt noch Konstantinopel hieß und unter römischer Herrschaft stand. So viel Blut wurde hier vergossen, durch Aufstände, Eroberungen und Plünderungen. Verbrannte Erde und Neuanfang. Hauptstadt dreier Weltreiche. Der Ruf des Muezzins zum Gebet schallte blechern durch die Lautsprecher über diesen geschichtsträchtigen Platz und wurde weitestgehend ignoriert. Eine Gruppe tief verschleierter Frauen eilte zum Eingang der Blauen Moschee. Eine Schar Tauben pickte Brotkrumen, die ihnen ein alter Mann zuwarf. Die Müdigkeit suchte nun langsam auch mich heim und wir fuhren nach Hause.
Wir schliefen einige Stunden, als wir aufwachten, war es schon dunkel draußen. Unser Gastgeber war noch nicht zurück gekehrt. Wollten wir nicht gemeinsam zu Abend essen? Viel Hunger hatte ich nicht, ich war noch immer müde von der kurzen Stadterkundung und der durchwachsenen Nacht. Ich erinnerte mich an die Tüten-Nudelsuppe, die ich für den Fall der Fälle aus Deutschland mitgebracht hatte. Matthias kochte, ich hing träge auf einem der Barhocker am hohen Esstisch. Azat kam erst spät heim, schaltete den Fernseher an, sah kurz durch die Sportkanäle und verschwand bald darauf unter der Dusche und dann im Bett. Morgen wollte er mit uns gemeinsam Frühstück essen. Dass er dafür nicht rechtzeitig genug aus dem Bett kam, muss ich wohl nicht erwähnen...


Istanbul ist schon eine überwältigende Stadt, als auch die blaue Moschee, der Bazar, und der Topkapi Palast, ich erinnere mich eines der größten Edelsteine in dem Palast im Griff eines türkischen Messers es ist einfach überwältigend gewesen
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