24.08.
Der nächste Morgen war der schwerste Abschied, den wir bisher erlebt haben. Matthias wollte gern den Hund mitnehmen und mich da lassen, aber am Ende zogen wir beide mit unseren Rucksäcken los. Edmunds musste schon um 7 Uhr morgens zu seinem Putzjob gehen und hatte uns geweckt, um Lebewohl zu sagen. Deswegen ist mir heute noch nicht klar, ob es mir wegen des Schlafmangels so schlecht ging, oder weil ich sie wirklich vermissen würde. Wahrscheinlich etwas von beidem. Die Umarmung dauerte etwas länger als nötig, auch Matthias wurde in den Arm genommen. Wir versprachen in Kontakt zu bleiben, allein schon um ihm eine ordentliche Homepage zu programmieren.
Eine Stunde später verabschiedeten wir uns auch von Andris, der mit uns noch vor die Tür kam. Der einzige, der nicht traurig wirkte, war der Hund.
Wir waren jetzt genau einen Monat unterwegs.
Die Rucksäcke drückten schwer auf unseren Schultern als wir die Straße hinunter stapften und versuchten, die uns beschriebene Bushaltestelle zu finden. Bald schlug ich vor, die Rucksäcke abzustellen während einer von uns beiden die Haltestelle suchte. Aber da war sie schon. Man hatte hier einen schönen Blick auf die große Seilbrücke über den Fluss Düna. Der Bus brachte uns aus der Stadt hinaus. Laut Anhalterdatenbank sollte es dort auf der Schnellstraße Richtung Litauen einen guten Platz geben, an dem man sich als Anhalter hinstellen konnte. Wir warteten, dass der Bus diese Haltestelle einblendete, aber sie kam und kam nicht. Wir waren schon auf der Schnellstraße, und es sah nach einem guten Ort zum Anhalten aus. Dass die Haltestelle nicht mehr kommen würde, dämmerte uns als der Bus in eine staubige Seitenstraße einbog, vorbei an russischen Hexenhäusern und schließlich auf einem Wendeplatz anhielt und der Fahrer zum Rauchen nach draußen ging. Wir sahen uns zweifelnd an und versuchten mit dem Fahrer zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, dass ich nie die russischen Wörter für "Straßenkreuzung", "umkehren" oder andere in dieser Situation nützlichen Vokabeln gelernt hatte. Wir warteten dann einfach bis der Fahrer wieder einstieg und fuhren zurück an die Kreuzung zur Schnellstraße. Das Seltsame war, dass auf dieser Straßenseite die Haltestelle sehr wohl so hieß wie die, auf die wir gewartet hatten.
Wir wurden bald von einem Mann mitgenommen, der zwar nicht weit fuhr, uns aber dafür eine wunderschöne kleine Stadt zeigte, das heißt, einmal um den Marktplatz fuhr, uns das Rathaus vom Auto aus bewundern ließ und uns dann noch ein Stück bis zur letzten Kreuzung zweier Landstraßen mitnahmen, bis zu der unsere Reiseroute noch dieselbe war. Lächelnd beobachteten wir ihr Auto immer kleiner werden und dann am Horizont verschwinden. Das Lächeln verging uns, als wir feststellten, dass wir hier mutterseelenallein waren. Kein Auto war in Sicht. Nach einer Weile kam ein Traktor vorbeigetuckert. Ich lachte, wenigstens würden wir unser Zelt nicht umsonst mitgenommen haben. Wir waren vermutlich Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt, deshalb mussten wir einfach hier ausharren, bis uns jemand mitnahm. Dann geschah das Wunder: Ein junges Paar nahm uns mit. Auch nicht sehr weit, aber fort aus dieser Einöde. Dann hielt eine junge Frau an, die kein Wort Englisch sprach, aber bei Vilnius nickte. Sie deutete uns, auf der Rückbank mit unseren Rucksäcken platzzunehmen, denn ihr Auto war bereits mit Krimskrams vollgestopft, dann drehte sie ihre Techno-Musik laut und fuhr nach Vilnius. In einer Neubausiedlung neben der Autobahn hielt sie an. Sie schien hier zu wohnen. Wir bedankten uns und wünschten ihr alles Gute; sie nickte und fuhr davon.
Nun, jetzt mussten wir nur noch die Wohnung unserer Gastgeber finden. Ich hatte auch von Litauen keine Stadtkarte und kein digitales Kartenmaterial. Wir setzten alles auf die Einheimischen-Karte, der die Adresse vielleicht kannte, und hielten unseren Daumen in der Nähe einer Tankstelle heraus. Ein junger Mann im teuren Mercedes hielt an, lud uns ein und gab die Adresse gleich in sein Navi ein. Das zeigte an, dass wir nur einen Kilometer von der Adresse entfernt waren, und er ließ uns bedauernd an der nächsten Kreuzung aussteigen. Von hier aus sollte es ja nicht mehr so schwer sein, dachten wir uns. Aber wir hatten nicht mit den Vilniuser Stadtplanern gerechnet. Erstmal standen wir vor einem Wegweiser, den man erstmal begreifen musste. Unter anderen enthielt er Straßennamen mit Kilometerangaben, und zum andere Pfeile; unter einem Pfeil nach links stand 189 - 325 276 300, und unter dem Pfeil nach rechts 1 - 187 2 - 242. Die einzig logische Schlussfolgerung war, an Ort und Stelle zu bleiben und uns von unseren Gastgebern retten zu lassen. Die holten uns ab; Saulius und sein jüngerer Bruder, die beide Medizin studierten. Ihre Wohnung war sehr angenehm eingerichtet, und sie boten uns an, erst einmal duschen zu gehen. Die Dusche war ein halber Whirlpool und eine Wohltat. Wir waren ihre ersten Couchsurfing-Gäste und wurden dementsprechend mit Neugier und Freunde aufgenommen. Sie schmierten uns Brote und führten uns danach aus, die Stadt zu sehen. Anders als in Riga war der Fernsehturm von Vilnius leicht zugänglich und ein beliebten Touristenziel. Deswegen hatte man auch die Preise straff angezogen. Umgerechnet 8 Euro kostete es, dort hoch zu fahren, und die Aussicht wäre vermutlich nur die Neubaublock-Landschaft gewesen, also verzichteten wir. Eine lebenslustige Frührentnerin aus der Schweiz kam und entgegen und beschwerte sich lauthals über die Preise. Saulius meinte, das wäre erst seit Kurzem; er hätte noch für einen Euro nach oben fahren können.
Die verpasste Gelegenheit war nicht weiter schlimm, denn Vilnius war voller Gelegenheiten, einen guten Blick über die Stadt zu bekommen, zum Beispiel vom Burgberg aus, auf dem noch immer die Ruine der Burg von Gediminas stand. Aber zunächst spazierten wir durch die wunderschöne Altstadt von Vilnius, die nur aus Kirchen und Kathedralen zu bestehen schien. Die meisten war zugänglich, oder man durfte zumindest einen Blick vom Absperrseil aus hinein werfen. Es waren gerade die von außen am langweilisten aussehenden Kirchen, die innen am prachtvollsten waren. Es war bereits dunkel als wir den Burgberg erklommen, und das war eine beinahe halsbrecherische Angelegenheit, denn der Weg war unbeleuchtet und uneben, mit einem Geländer, dem ich nicht unbedingt vertraut hätte. Oben wurden wir für den anstrengenden Weg mit einen weiten Blick auf die nächtliche Stadt belohnt. Wir saßen eine ganze Weile beisammen auf den uralten Mauern über dem Abgrund. Ich hatte die Nachtfoto-Funktion an meiner neuen Kamera entdeckt und machte begeistert einen ganzen Haufen Bilder, die allesamt nur aus flirrenden Farbkleksen bestanden, aber irgendwas Faszinierendes hatten.
Auf dem Weg nach unten fröstelte ich und bemerkte intensiv den Geruch der Blätter und Erde. Es wurde Herbst. Durch unsere Reiseroute hatte ich angenommen, dass wir einen besonders langen, ausgeglichen Sommer haben würden - zur heißen Zeit im Norden, und wenn es kälter in unseren Breiten wird, werden wir am Mittelmeer sein. Doch wie wir schon an der Hitzewelle in Norwegen gesehen hatten, ist das Wetter etwas, mit dem man nur wenig planen kann.
Das Zentrum sah verändert aus; vieles war jetzt beleuchtet, sogar Wegweiser, wie Leuchtreklamen - das war etwas, das ich mir gut in Deutschland vorstellen konnte. Die Busfahrpläne hingegen waren gebetsmühlenartig in Rollen angebracht und wirkten noch wie aus Sowjetzeiten. An den Flussufern hatte man Blumen in der Form von Botschaften angepflanzt; auf der einen Seite stand "Ich liebe dich" und auf der anderen "Ich dich auch". Das seltsamste an diesem Abend war jedoch ein Schaufensterbrett, auf dem Millionen und Abermillionen von Obstmücken herumschwirrten. Das ganze Fensterbrett war wie mit einem Pelz bedeckt und wurde von innen atmosphärisch beleuchtet. Das Schauspiel wiederholte sich auf dem zweiten Fenster des Geschäfts, jedoch nicht ganz so dicht. Außerhalb dieser beiden Fenster war keine Mücke zu sehen. Ich konnte es mir nicht erklären; als wäre dort die Vollversammlung der Obstmückengewerkschaft im Gange, die zum Streik für mehr Erdbeeren im Winter aufrief.
An dem Abend gingen wir noch gut essen in einem italienischen Restaurant; uns wurde versichert, dass italienisches Essen das billigste in Litauen sei, und wie Preise waren wirklich sehr günstig, dafür waren die Portionen recht klein. Nach einem Teller Pasta bestellte ich mir noch eine Pizza, von der ich dann endlich satt wurde, und hatte inklusive Getränke nicht mehr als 10 Euro ausgegeben. Wenn das so weiter ging, dachten wir uns, könnten wir in Polen wie die Könige leben.
25.8.
Wir hatten noch einen weiteren Tag in Vilnius, aber wir hatten alle das Gefühl, genug Kirchen gesehen zu haben. Deshalb überraschten uns unsere Gastgeber mit einem Ausflug zur 30 Kilometer entfernten Wasserburg Trakai, Herrschaftssitz und Hauptstadt des mittelalterlichen Litauens. Die Burg war nicht original, aber neu aufgebaut worden und verströmte wieder einen mittelalterlichen Charme mit vielen Holzanbauten und einem Pranger auf dem weiten Innenhof. Der war mit Seilen abgesperrt, sodass man erstmal am Kassenhäuschen vorbei musste. Saulius schlug vor, hier zu warten, während wir beide die Burg besichtigen wollten. Den beiden Jungs waren die Eintrittspreise zu teuer. Ich fand das natürlich blöd, die beiden ein, zwei Stunden draußen warten zu lassen und schlug vor, etwas zu machen, an dem wir alle teilnehmen konnten. Zum Beispiel ein Boot mieten und um die Burg herum segeln. Nun, für eine der Jachten reichte mein Geld nicht, aber ich lud sie alle zusammen auf eine Tretbootfahrt ein. Der See um die Burg herum schien immer größer zu werden, während wir ihn überquerten, und tatsächlich schafften wir es in der halben Stunde nur bis zu einem Häuschen an der anderen Seite des Sees. Dort rasteten wir und begannen die Enten zu füttern, die sich um das Boot scharrten. Eine von denen erwies sich als besonders hartnäckig und folgte uns während wir wegfuhren. Das brachte uns auf die Idee, sie hinter uns her zu locken und warfen ihr immer wieder Brotstückchen ins Wasser. Auf vollen Magen war jedoch nicht gut schwimmen, oder wir fuhren zu schnell, und so sie blieb bald hinter uns zurück um ein Mittgasschläfchen zu halten. Wir kürzten die Rückfahrt ab, indem wir unter einer niedrigen Brücke durchfuhren - da mussten wir ziemlich unsere Köpfe einziehen, aber niemand kam zu Schaden.
Zurück am sicheren Ufer genehmigten sich unsere Gastgeber erstmal ein Bier, und wir uns einen Milchshake. Das Wetter hätte besser nicht sein können, und das Wasser schimmerte blau vor der Terrasse. Obwohl es heute nicht sehr voll war, konnte man anhand der Anzahl von Souvenirständen schätzen, dass es ein sehr touristischer Ort war. Saulius erzählte, dass sehr viele Polen hier her kamen, und auch die hier arbeitenden Litauer sprachen fast alle polnisch und waren eher überrascht, dass wir keine Polen waren. Sogar der Kneipenwirt sprach unsere Gastgeber zuerst auf Polnisch an. Es zeichnen sich hier wieder Parallelen ab: Kleine Lände werden so vom Tourismus großer Nachbarländer eingenommen, dass erwartet wird, dass die Leute der kleinen Länder die Sprache der großen beherrschen. So war es hier, so war es in Estland mit Finnland, oder in Deutschland mit Holland. Nur für die Amerikaner ist jedes Land ein Nachbarland.
Wir sahen uns die Souvenirstände durch - man will ja die Wirtschaft des Landes ein wenig ankurbeln. Ich entdeckte eine Sammlung alter Sowjet-Orden, die mich sofort fesselte: Betriebsauszeichnungen, Sport-Orden, oder welche, die unter die Kategorie "einfach nur so" fielen. Einer zeigte einen Satelliten mit Hammer und Sichel die Erde überfliegen - "50 Jahre Erster Satellit" war darauf auf Russisch zu lesen. Den musste ich als Anstecker für meinen Rucksack haben! Das Stück kostete 50 Cent, die es vermutlich nicht wert war, und fast hätte ich noch mehr gekauft - aber mir fiel wieder ein, wie sich all der Schrott über die Jahre in der Wohnung ansammelt, und dass man alles beim Umzug verpacken und transportieren muss, also beließ ich es bei einem Erinnerungsstück.
Wir schafften es genau auf die Minute mit dem Ende der Parkzeit zurück im Auto zu sein. Zum Glück hatten wir im Schatten geparkt, denn es war wieder ein heißer Tag geworden. Ideale Wetterbedingungen um 1000 Stufen auf einen Aussichtsfelsen hinauf zu laufen!
Erst mit dem Blick über die Stadt sah man, wie viele Kirchen es tatsächlich gab, und jeder Turm sah anders aus. Es erinnerte an ein Schachbrett; einige der Kirchtürme hatten sogar die richtige Form um ein König oder eine Dame zu sein. Die Aussichtsplattform bestand aus einem bunkerähnlichen Betonklotz von zwei mal drei Metern Größe, von dessen Inneren eine Betontreppe auf das Dach führte. Auf dem Dach fanden wir Feuerholz und Glasscherben, aber es war wesentlich gemütlicher als das Innere, in dem nicht nur Sherlock Holmes eine Party vermutet hätte. Es roch darin, als würden die Partygäste noch irgendwo unter dem Laub liegen. Hier wollten wir nicht die Nacht verbringen, so atemberaubend der Ausblick wohl bei Nacht gewesen wäre.
Auf dem Weg zurück in die Stadt kamen wir durch ein weiteres Christiania - das heißt, durchkommen war zu viel gesagt, denn der autonome Staat Uupis Res Publika hatte sich gut abgeschottet auf 600 Quadratmeter hinter einem Zaun auf der anderen Seite des Flusses. Die Bewohner hatten sich ein eigenes kleines Paradies geschaffen und machten einen hart arbeitenden Eindruck, obwohl ich glaube, dass die Hälfte der Leute an einem Kunstprojekt arbeitete, wahrscheinlich sogar der Mann mit der Schubkarre und der Feuerholzsammler. Man weiß ja nicht, was heutzutage in den Köpfen von Künstlern vor sich geht. Um einen Eindruck zu bekommen, sollte sich mal Kunstwerke anschauen wie "Schwarzes Kreuz auf schwarzem Grund".
An den Geländern der Brücken über den Fluss waren hunderte von Vorhängeschlössern angebracht. Saulius erklärte, das sei hier eine Hochzeitstradition: Wenn ein Paar heiratete, kämen sie zum Fluss; der Bräutigam träge die Braut darüber und dann ketteten sie das Schloss am Geländer fest und warfen den Schlüssel ins Wasser. Das symbolisiere den ewigen Zusammenhalt, die Bindung, die sie eingingen. Wenn sie sich allerdings scheiden ließen, mussten sie in den Fluss herab steigen und den Schlüssel wieder heraus holen um das Schloss entfernen zu können. Da fragt man sich, wie hoch die Scheidungsrate in Litauen ist. Das hat mich so interessiert, dass ich ein wenig recherchiert habe: Litauen hatte 2004 tatsächlich die höchste Scheidungsrate in Europa. Na, da kann man die Schwimmflossen schon mal anziehen.
Es war nun bald Zeit nach Hause zu gehen, denn wir wollten heute Abend noch mit dem Nachtbus nach Warschau fahren; die Strecke erschien uns per Anhalter doch ein wenig riskant: Es gab direkte Straßenverbindung, und über Umwege schien es uns wahrscheinlich, dass unsere Fahrt kurz vor der russischen oder weißrussischen Grenze endete. An dieser Stelle der Planung hatten wir uns auch überlegt, dass wir mit dem Samstagsverkehr zurück nach Deutschland trampen wollen um dann am Sonntag Zeit mit unseren Eltern verbringen zu können, bevor wir uns am Dienstag wieder auf den Weg nach Süden machen wollten. So musste nun an Polen gekürzt werden; der Nachtbus gab uns einen Tag mehr Zeit zur Stadtbesichtigung von Warschau, auch wenn wir wahrscheinlich nach einer Nacht im Bus sehr ermüdet sein würden.
Da hatte ich noch keine Ahnung, welche Reisestrapazen noch auf uns zukommen würde - nur so viel: Sie ließen den Nachtbus wie ein 5-Sterne-Hotel erscheinen.
Unsere Gastgeber brachten uns noch bis zur Bushaltestelle. Wie mein letzter Eindruck von den baltischen Staaten war, fragte mich Saulius. Es war schwer zu sagen, da jedes Land, eigentlich jede Stadt ihren ganz eigenen Charakter hat. Vilnius machte einen schöneren und saubereren Eindruck als Riga, war vielleicht noch prächtiger als Tallinn, aber dennoch gefiel mir das mittelalterlich wirkende Tallinn besser. Riga wirkte am ehesten wie eine Großstadt, aber alle drei Städte haben die ausgedehnten Plattenbaubezirke einer osteuropäischen Hauptstadt, alle im gleichen Rot-Ton. Und alle haben sich dem Westen zugewendet. Estland hat im technologischen Fortschritt die Nase vorn, scheint aber zur gleichen Zeit seine sowjetischen Fesseln nur schwer abstreifen zu können. Lettland tut sich mit dem Fortschritt schwerer, zum Beispiel scheint es trotz Müllproblem eine unüberwindliche Hürde vor der Einführung des Flaschenpfands zu geben. Litauen scheint zumindest mit Rauchverboten und empfindlichen Strafen für weggeworfene Kippen auf den EU-Richtlinien in den Westen zu folgen.
Der Bus kam wie von unseren Gastgebern erwartet einige Minuten eher, um noch halbwegs pünktlich im Zentrum anzukommen. Mir schräg gegenüber saß ein alte Mann mit Baskenmütze, großer Brille und grauem Bart; aus jeder Faser sprach die Seele eines alternden Straßenmalers. Neben ihn setzte sich ein schwankender, noch älterer Mann mit Glatze und gebrochener Nase. Er begann auf den Künstler einzureden, der ihn wiederum ignorierte. Es war verständlich, was der Alte erzählte, ohne litauisch zu verstehen: Er schüttelte missbilligend den Kopf anhand der Jugendlichen, setzte eine Lehrermine auf. Sicher war früher alles besser. Von den anderen Fahrgästen versuchte er erfolglos Zustimmung zu erhalten. Ein Waldschrat mit langem Bart blieb in der sich schließenden Tür stecken und drohte wütend mit der Faust dem Fahrer. Das junge Pärchen neben mir begann das Lied aus dem Radio mitzusingen und tanzte im Rhythmus des Busses. Ich kam mir vor wie in einem Theaterstück. Der Alte sagte etwas, und die Frau von gegenüber brach in lautes Lachen aus. Er setzte seine Ausführungen fort, und ein zweiter Passagier stimmte in das Lachen ein, bis auf einmal alle Leute um mich herum lachten; selbst dem Künstler zuckten die Mundwinkel. Es war einfach zu komisch: Ich musste mit einstimmen, und wie unter Zwang lachten und glucksten wir alle, sogar noch als der Alte geendet hatte. Wir sahen uns nicht an, und doch verband uns dieser Moment. Und dann war es vorbei. Wir stiegen am Hauptbahnhof aus, bereit für das letzte Land auf der Nordreise. Gestern Abend hatte ich gescherzt, dass wir es bald geschafft hatten - wir waren schon bei "V" angekommen. Jetzt blieb nur noch in perfekt alphabetischer Reihenfolge Warschau, Wroclaw, und dann Zwickau.
Der nächste Morgen war der schwerste Abschied, den wir bisher erlebt haben. Matthias wollte gern den Hund mitnehmen und mich da lassen, aber am Ende zogen wir beide mit unseren Rucksäcken los. Edmunds musste schon um 7 Uhr morgens zu seinem Putzjob gehen und hatte uns geweckt, um Lebewohl zu sagen. Deswegen ist mir heute noch nicht klar, ob es mir wegen des Schlafmangels so schlecht ging, oder weil ich sie wirklich vermissen würde. Wahrscheinlich etwas von beidem. Die Umarmung dauerte etwas länger als nötig, auch Matthias wurde in den Arm genommen. Wir versprachen in Kontakt zu bleiben, allein schon um ihm eine ordentliche Homepage zu programmieren.
Eine Stunde später verabschiedeten wir uns auch von Andris, der mit uns noch vor die Tür kam. Der einzige, der nicht traurig wirkte, war der Hund.
Wir waren jetzt genau einen Monat unterwegs.
Die Rucksäcke drückten schwer auf unseren Schultern als wir die Straße hinunter stapften und versuchten, die uns beschriebene Bushaltestelle zu finden. Bald schlug ich vor, die Rucksäcke abzustellen während einer von uns beiden die Haltestelle suchte. Aber da war sie schon. Man hatte hier einen schönen Blick auf die große Seilbrücke über den Fluss Düna. Der Bus brachte uns aus der Stadt hinaus. Laut Anhalterdatenbank sollte es dort auf der Schnellstraße Richtung Litauen einen guten Platz geben, an dem man sich als Anhalter hinstellen konnte. Wir warteten, dass der Bus diese Haltestelle einblendete, aber sie kam und kam nicht. Wir waren schon auf der Schnellstraße, und es sah nach einem guten Ort zum Anhalten aus. Dass die Haltestelle nicht mehr kommen würde, dämmerte uns als der Bus in eine staubige Seitenstraße einbog, vorbei an russischen Hexenhäusern und schließlich auf einem Wendeplatz anhielt und der Fahrer zum Rauchen nach draußen ging. Wir sahen uns zweifelnd an und versuchten mit dem Fahrer zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, dass ich nie die russischen Wörter für "Straßenkreuzung", "umkehren" oder andere in dieser Situation nützlichen Vokabeln gelernt hatte. Wir warteten dann einfach bis der Fahrer wieder einstieg und fuhren zurück an die Kreuzung zur Schnellstraße. Das Seltsame war, dass auf dieser Straßenseite die Haltestelle sehr wohl so hieß wie die, auf die wir gewartet hatten.
Wir wurden bald von einem Mann mitgenommen, der zwar nicht weit fuhr, uns aber dafür eine wunderschöne kleine Stadt zeigte, das heißt, einmal um den Marktplatz fuhr, uns das Rathaus vom Auto aus bewundern ließ und uns dann noch ein Stück bis zur letzten Kreuzung zweier Landstraßen mitnahmen, bis zu der unsere Reiseroute noch dieselbe war. Lächelnd beobachteten wir ihr Auto immer kleiner werden und dann am Horizont verschwinden. Das Lächeln verging uns, als wir feststellten, dass wir hier mutterseelenallein waren. Kein Auto war in Sicht. Nach einer Weile kam ein Traktor vorbeigetuckert. Ich lachte, wenigstens würden wir unser Zelt nicht umsonst mitgenommen haben. Wir waren vermutlich Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt, deshalb mussten wir einfach hier ausharren, bis uns jemand mitnahm. Dann geschah das Wunder: Ein junges Paar nahm uns mit. Auch nicht sehr weit, aber fort aus dieser Einöde. Dann hielt eine junge Frau an, die kein Wort Englisch sprach, aber bei Vilnius nickte. Sie deutete uns, auf der Rückbank mit unseren Rucksäcken platzzunehmen, denn ihr Auto war bereits mit Krimskrams vollgestopft, dann drehte sie ihre Techno-Musik laut und fuhr nach Vilnius. In einer Neubausiedlung neben der Autobahn hielt sie an. Sie schien hier zu wohnen. Wir bedankten uns und wünschten ihr alles Gute; sie nickte und fuhr davon.
Nun, jetzt mussten wir nur noch die Wohnung unserer Gastgeber finden. Ich hatte auch von Litauen keine Stadtkarte und kein digitales Kartenmaterial. Wir setzten alles auf die Einheimischen-Karte, der die Adresse vielleicht kannte, und hielten unseren Daumen in der Nähe einer Tankstelle heraus. Ein junger Mann im teuren Mercedes hielt an, lud uns ein und gab die Adresse gleich in sein Navi ein. Das zeigte an, dass wir nur einen Kilometer von der Adresse entfernt waren, und er ließ uns bedauernd an der nächsten Kreuzung aussteigen. Von hier aus sollte es ja nicht mehr so schwer sein, dachten wir uns. Aber wir hatten nicht mit den Vilniuser Stadtplanern gerechnet. Erstmal standen wir vor einem Wegweiser, den man erstmal begreifen musste. Unter anderen enthielt er Straßennamen mit Kilometerangaben, und zum andere Pfeile; unter einem Pfeil nach links stand 189 - 325 276 300, und unter dem Pfeil nach rechts 1 - 187 2 - 242. Die einzig logische Schlussfolgerung war, an Ort und Stelle zu bleiben und uns von unseren Gastgebern retten zu lassen. Die holten uns ab; Saulius und sein jüngerer Bruder, die beide Medizin studierten. Ihre Wohnung war sehr angenehm eingerichtet, und sie boten uns an, erst einmal duschen zu gehen. Die Dusche war ein halber Whirlpool und eine Wohltat. Wir waren ihre ersten Couchsurfing-Gäste und wurden dementsprechend mit Neugier und Freunde aufgenommen. Sie schmierten uns Brote und führten uns danach aus, die Stadt zu sehen. Anders als in Riga war der Fernsehturm von Vilnius leicht zugänglich und ein beliebten Touristenziel. Deswegen hatte man auch die Preise straff angezogen. Umgerechnet 8 Euro kostete es, dort hoch zu fahren, und die Aussicht wäre vermutlich nur die Neubaublock-Landschaft gewesen, also verzichteten wir. Eine lebenslustige Frührentnerin aus der Schweiz kam und entgegen und beschwerte sich lauthals über die Preise. Saulius meinte, das wäre erst seit Kurzem; er hätte noch für einen Euro nach oben fahren können.
Die verpasste Gelegenheit war nicht weiter schlimm, denn Vilnius war voller Gelegenheiten, einen guten Blick über die Stadt zu bekommen, zum Beispiel vom Burgberg aus, auf dem noch immer die Ruine der Burg von Gediminas stand. Aber zunächst spazierten wir durch die wunderschöne Altstadt von Vilnius, die nur aus Kirchen und Kathedralen zu bestehen schien. Die meisten war zugänglich, oder man durfte zumindest einen Blick vom Absperrseil aus hinein werfen. Es waren gerade die von außen am langweilisten aussehenden Kirchen, die innen am prachtvollsten waren. Es war bereits dunkel als wir den Burgberg erklommen, und das war eine beinahe halsbrecherische Angelegenheit, denn der Weg war unbeleuchtet und uneben, mit einem Geländer, dem ich nicht unbedingt vertraut hätte. Oben wurden wir für den anstrengenden Weg mit einen weiten Blick auf die nächtliche Stadt belohnt. Wir saßen eine ganze Weile beisammen auf den uralten Mauern über dem Abgrund. Ich hatte die Nachtfoto-Funktion an meiner neuen Kamera entdeckt und machte begeistert einen ganzen Haufen Bilder, die allesamt nur aus flirrenden Farbkleksen bestanden, aber irgendwas Faszinierendes hatten.
Auf dem Weg nach unten fröstelte ich und bemerkte intensiv den Geruch der Blätter und Erde. Es wurde Herbst. Durch unsere Reiseroute hatte ich angenommen, dass wir einen besonders langen, ausgeglichen Sommer haben würden - zur heißen Zeit im Norden, und wenn es kälter in unseren Breiten wird, werden wir am Mittelmeer sein. Doch wie wir schon an der Hitzewelle in Norwegen gesehen hatten, ist das Wetter etwas, mit dem man nur wenig planen kann.
Das Zentrum sah verändert aus; vieles war jetzt beleuchtet, sogar Wegweiser, wie Leuchtreklamen - das war etwas, das ich mir gut in Deutschland vorstellen konnte. Die Busfahrpläne hingegen waren gebetsmühlenartig in Rollen angebracht und wirkten noch wie aus Sowjetzeiten. An den Flussufern hatte man Blumen in der Form von Botschaften angepflanzt; auf der einen Seite stand "Ich liebe dich" und auf der anderen "Ich dich auch". Das seltsamste an diesem Abend war jedoch ein Schaufensterbrett, auf dem Millionen und Abermillionen von Obstmücken herumschwirrten. Das ganze Fensterbrett war wie mit einem Pelz bedeckt und wurde von innen atmosphärisch beleuchtet. Das Schauspiel wiederholte sich auf dem zweiten Fenster des Geschäfts, jedoch nicht ganz so dicht. Außerhalb dieser beiden Fenster war keine Mücke zu sehen. Ich konnte es mir nicht erklären; als wäre dort die Vollversammlung der Obstmückengewerkschaft im Gange, die zum Streik für mehr Erdbeeren im Winter aufrief.
An dem Abend gingen wir noch gut essen in einem italienischen Restaurant; uns wurde versichert, dass italienisches Essen das billigste in Litauen sei, und wie Preise waren wirklich sehr günstig, dafür waren die Portionen recht klein. Nach einem Teller Pasta bestellte ich mir noch eine Pizza, von der ich dann endlich satt wurde, und hatte inklusive Getränke nicht mehr als 10 Euro ausgegeben. Wenn das so weiter ging, dachten wir uns, könnten wir in Polen wie die Könige leben.
25.8.
Wir hatten noch einen weiteren Tag in Vilnius, aber wir hatten alle das Gefühl, genug Kirchen gesehen zu haben. Deshalb überraschten uns unsere Gastgeber mit einem Ausflug zur 30 Kilometer entfernten Wasserburg Trakai, Herrschaftssitz und Hauptstadt des mittelalterlichen Litauens. Die Burg war nicht original, aber neu aufgebaut worden und verströmte wieder einen mittelalterlichen Charme mit vielen Holzanbauten und einem Pranger auf dem weiten Innenhof. Der war mit Seilen abgesperrt, sodass man erstmal am Kassenhäuschen vorbei musste. Saulius schlug vor, hier zu warten, während wir beide die Burg besichtigen wollten. Den beiden Jungs waren die Eintrittspreise zu teuer. Ich fand das natürlich blöd, die beiden ein, zwei Stunden draußen warten zu lassen und schlug vor, etwas zu machen, an dem wir alle teilnehmen konnten. Zum Beispiel ein Boot mieten und um die Burg herum segeln. Nun, für eine der Jachten reichte mein Geld nicht, aber ich lud sie alle zusammen auf eine Tretbootfahrt ein. Der See um die Burg herum schien immer größer zu werden, während wir ihn überquerten, und tatsächlich schafften wir es in der halben Stunde nur bis zu einem Häuschen an der anderen Seite des Sees. Dort rasteten wir und begannen die Enten zu füttern, die sich um das Boot scharrten. Eine von denen erwies sich als besonders hartnäckig und folgte uns während wir wegfuhren. Das brachte uns auf die Idee, sie hinter uns her zu locken und warfen ihr immer wieder Brotstückchen ins Wasser. Auf vollen Magen war jedoch nicht gut schwimmen, oder wir fuhren zu schnell, und so sie blieb bald hinter uns zurück um ein Mittgasschläfchen zu halten. Wir kürzten die Rückfahrt ab, indem wir unter einer niedrigen Brücke durchfuhren - da mussten wir ziemlich unsere Köpfe einziehen, aber niemand kam zu Schaden.
Zurück am sicheren Ufer genehmigten sich unsere Gastgeber erstmal ein Bier, und wir uns einen Milchshake. Das Wetter hätte besser nicht sein können, und das Wasser schimmerte blau vor der Terrasse. Obwohl es heute nicht sehr voll war, konnte man anhand der Anzahl von Souvenirständen schätzen, dass es ein sehr touristischer Ort war. Saulius erzählte, dass sehr viele Polen hier her kamen, und auch die hier arbeitenden Litauer sprachen fast alle polnisch und waren eher überrascht, dass wir keine Polen waren. Sogar der Kneipenwirt sprach unsere Gastgeber zuerst auf Polnisch an. Es zeichnen sich hier wieder Parallelen ab: Kleine Lände werden so vom Tourismus großer Nachbarländer eingenommen, dass erwartet wird, dass die Leute der kleinen Länder die Sprache der großen beherrschen. So war es hier, so war es in Estland mit Finnland, oder in Deutschland mit Holland. Nur für die Amerikaner ist jedes Land ein Nachbarland.
Wir sahen uns die Souvenirstände durch - man will ja die Wirtschaft des Landes ein wenig ankurbeln. Ich entdeckte eine Sammlung alter Sowjet-Orden, die mich sofort fesselte: Betriebsauszeichnungen, Sport-Orden, oder welche, die unter die Kategorie "einfach nur so" fielen. Einer zeigte einen Satelliten mit Hammer und Sichel die Erde überfliegen - "50 Jahre Erster Satellit" war darauf auf Russisch zu lesen. Den musste ich als Anstecker für meinen Rucksack haben! Das Stück kostete 50 Cent, die es vermutlich nicht wert war, und fast hätte ich noch mehr gekauft - aber mir fiel wieder ein, wie sich all der Schrott über die Jahre in der Wohnung ansammelt, und dass man alles beim Umzug verpacken und transportieren muss, also beließ ich es bei einem Erinnerungsstück.
Wir schafften es genau auf die Minute mit dem Ende der Parkzeit zurück im Auto zu sein. Zum Glück hatten wir im Schatten geparkt, denn es war wieder ein heißer Tag geworden. Ideale Wetterbedingungen um 1000 Stufen auf einen Aussichtsfelsen hinauf zu laufen!
Erst mit dem Blick über die Stadt sah man, wie viele Kirchen es tatsächlich gab, und jeder Turm sah anders aus. Es erinnerte an ein Schachbrett; einige der Kirchtürme hatten sogar die richtige Form um ein König oder eine Dame zu sein. Die Aussichtsplattform bestand aus einem bunkerähnlichen Betonklotz von zwei mal drei Metern Größe, von dessen Inneren eine Betontreppe auf das Dach führte. Auf dem Dach fanden wir Feuerholz und Glasscherben, aber es war wesentlich gemütlicher als das Innere, in dem nicht nur Sherlock Holmes eine Party vermutet hätte. Es roch darin, als würden die Partygäste noch irgendwo unter dem Laub liegen. Hier wollten wir nicht die Nacht verbringen, so atemberaubend der Ausblick wohl bei Nacht gewesen wäre.
Auf dem Weg zurück in die Stadt kamen wir durch ein weiteres Christiania - das heißt, durchkommen war zu viel gesagt, denn der autonome Staat Uupis Res Publika hatte sich gut abgeschottet auf 600 Quadratmeter hinter einem Zaun auf der anderen Seite des Flusses. Die Bewohner hatten sich ein eigenes kleines Paradies geschaffen und machten einen hart arbeitenden Eindruck, obwohl ich glaube, dass die Hälfte der Leute an einem Kunstprojekt arbeitete, wahrscheinlich sogar der Mann mit der Schubkarre und der Feuerholzsammler. Man weiß ja nicht, was heutzutage in den Köpfen von Künstlern vor sich geht. Um einen Eindruck zu bekommen, sollte sich mal Kunstwerke anschauen wie "Schwarzes Kreuz auf schwarzem Grund".
An den Geländern der Brücken über den Fluss waren hunderte von Vorhängeschlössern angebracht. Saulius erklärte, das sei hier eine Hochzeitstradition: Wenn ein Paar heiratete, kämen sie zum Fluss; der Bräutigam träge die Braut darüber und dann ketteten sie das Schloss am Geländer fest und warfen den Schlüssel ins Wasser. Das symbolisiere den ewigen Zusammenhalt, die Bindung, die sie eingingen. Wenn sie sich allerdings scheiden ließen, mussten sie in den Fluss herab steigen und den Schlüssel wieder heraus holen um das Schloss entfernen zu können. Da fragt man sich, wie hoch die Scheidungsrate in Litauen ist. Das hat mich so interessiert, dass ich ein wenig recherchiert habe: Litauen hatte 2004 tatsächlich die höchste Scheidungsrate in Europa. Na, da kann man die Schwimmflossen schon mal anziehen.
Es war nun bald Zeit nach Hause zu gehen, denn wir wollten heute Abend noch mit dem Nachtbus nach Warschau fahren; die Strecke erschien uns per Anhalter doch ein wenig riskant: Es gab direkte Straßenverbindung, und über Umwege schien es uns wahrscheinlich, dass unsere Fahrt kurz vor der russischen oder weißrussischen Grenze endete. An dieser Stelle der Planung hatten wir uns auch überlegt, dass wir mit dem Samstagsverkehr zurück nach Deutschland trampen wollen um dann am Sonntag Zeit mit unseren Eltern verbringen zu können, bevor wir uns am Dienstag wieder auf den Weg nach Süden machen wollten. So musste nun an Polen gekürzt werden; der Nachtbus gab uns einen Tag mehr Zeit zur Stadtbesichtigung von Warschau, auch wenn wir wahrscheinlich nach einer Nacht im Bus sehr ermüdet sein würden.
Da hatte ich noch keine Ahnung, welche Reisestrapazen noch auf uns zukommen würde - nur so viel: Sie ließen den Nachtbus wie ein 5-Sterne-Hotel erscheinen.
Unsere Gastgeber brachten uns noch bis zur Bushaltestelle. Wie mein letzter Eindruck von den baltischen Staaten war, fragte mich Saulius. Es war schwer zu sagen, da jedes Land, eigentlich jede Stadt ihren ganz eigenen Charakter hat. Vilnius machte einen schöneren und saubereren Eindruck als Riga, war vielleicht noch prächtiger als Tallinn, aber dennoch gefiel mir das mittelalterlich wirkende Tallinn besser. Riga wirkte am ehesten wie eine Großstadt, aber alle drei Städte haben die ausgedehnten Plattenbaubezirke einer osteuropäischen Hauptstadt, alle im gleichen Rot-Ton. Und alle haben sich dem Westen zugewendet. Estland hat im technologischen Fortschritt die Nase vorn, scheint aber zur gleichen Zeit seine sowjetischen Fesseln nur schwer abstreifen zu können. Lettland tut sich mit dem Fortschritt schwerer, zum Beispiel scheint es trotz Müllproblem eine unüberwindliche Hürde vor der Einführung des Flaschenpfands zu geben. Litauen scheint zumindest mit Rauchverboten und empfindlichen Strafen für weggeworfene Kippen auf den EU-Richtlinien in den Westen zu folgen.
Der Bus kam wie von unseren Gastgebern erwartet einige Minuten eher, um noch halbwegs pünktlich im Zentrum anzukommen. Mir schräg gegenüber saß ein alte Mann mit Baskenmütze, großer Brille und grauem Bart; aus jeder Faser sprach die Seele eines alternden Straßenmalers. Neben ihn setzte sich ein schwankender, noch älterer Mann mit Glatze und gebrochener Nase. Er begann auf den Künstler einzureden, der ihn wiederum ignorierte. Es war verständlich, was der Alte erzählte, ohne litauisch zu verstehen: Er schüttelte missbilligend den Kopf anhand der Jugendlichen, setzte eine Lehrermine auf. Sicher war früher alles besser. Von den anderen Fahrgästen versuchte er erfolglos Zustimmung zu erhalten. Ein Waldschrat mit langem Bart blieb in der sich schließenden Tür stecken und drohte wütend mit der Faust dem Fahrer. Das junge Pärchen neben mir begann das Lied aus dem Radio mitzusingen und tanzte im Rhythmus des Busses. Ich kam mir vor wie in einem Theaterstück. Der Alte sagte etwas, und die Frau von gegenüber brach in lautes Lachen aus. Er setzte seine Ausführungen fort, und ein zweiter Passagier stimmte in das Lachen ein, bis auf einmal alle Leute um mich herum lachten; selbst dem Künstler zuckten die Mundwinkel. Es war einfach zu komisch: Ich musste mit einstimmen, und wie unter Zwang lachten und glucksten wir alle, sogar noch als der Alte geendet hatte. Wir sahen uns nicht an, und doch verband uns dieser Moment. Und dann war es vorbei. Wir stiegen am Hauptbahnhof aus, bereit für das letzte Land auf der Nordreise. Gestern Abend hatte ich gescherzt, dass wir es bald geschafft hatten - wir waren schon bei "V" angekommen. Jetzt blieb nur noch in perfekt alphabetischer Reihenfolge Warschau, Wroclaw, und dann Zwickau.

Ein sehr interessanter Bericht, mehr eher eine Geschichte. Einmal angefangen, kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Hat mir viel Freude bereitet. Lass mal wieder was von dir hören!
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