11./12.9.
Anna hatte uns zum Busbahnhof gebracht. Es wären drei Stops mit der Metro gewesen, aber wir wollten ungern unser 3-Tages-Ticket näher begutachten lassen und nahmen lieber zwei Busse und zwei Mal einen
Kilometer zu Fuß in Kauf. Zu unserer Abreise spielte ein Orchester, aber wahrscheinlich nicht für uns. Sehr viele gut gekleidete und schick frisierte Leute kamen uns entgegen; sogar ein Kamerateam war dabei. Wir fühlten uns uneingeladen, auch Anna hatte keine Ahnung, was in ihrer Nachbarschaft vor sich ging.
Am Busbahnhof herrschte reger Betrieb. Irgendjemand verstaute mit großer Mühe unser Gepäck im viel zu kleinen Laderaum des Busses und nahm uns Ticket und Pass ab. Die Papiere stapelten sich beim Busfahrer, nur wir waren noch draußen und kamem nicht rein. Eine Frau ging an uns vorbei zum Busfahrer; sie hatte eine große Tasche dabei, aus der sie nun eine Flasche Wein holte. Sie diskutierte mit dem Fahrer, der die Flasche wegsteckte. Sie holte eine weitere Flasche, die sie dem Fahrer gab, und er grinste jetzt. Wir machten uns schon Sorgen um unsere Fahrt, da wir keine Bestechungsalkohol dabei hatten. Als die Frau den Bus wieder verließ, wirkte sie nicht ganz so glücklich und verschwand mit ihrem Begleiter im Bahnhofsgebäude. Wir stiegen dann irgendwann hinten ein und nahmen einen der letzten freien Plätze; unsere Sitzplatzreservierungen galten offenbar mit dem Betreten des Busses nicht mehr. Oder die Leute auf den Plätzen 4/5 hatten Jägermeister dabei gehabt.
Im Fahren teilten sie dann die Reisepässe auf Zuruf wieder aus. Ich hätte gern einen britischen Pass erhalten, aber uns erkannten sie sofort als die Deutschen und gaben uns nur wor los unsere eigenen Pässe zurück.
Wir fuhren eine Ewigkeit, aber noch länger standen wir an den Grenzen. Geplant war die Strecke von 18 Uhr abends bis 11 Uhr morgens Ortszeit. Durch die Zeitverschiebung waren das "nur" noch 16 Stunden Fahrtzeit. Wir mussten Serbien durchqueren, das nicht in der EU war. Ein Grenzbeamter stiefelte missmutig durch den Bus, ließ sich von jedem den Pass geben, setzte einen Stempel hinein und gab den Pass zurück - außer den Leuten mit Gangster-Visage, wie Matthias; von denen steckte er sich den Pass in die Hosentasche und verließ den Bus.
Nach einigen Minuten setzte sich der Bus in Bewegung. Erst dann wurden die Pässe zurück gegeben, die auf mysteriöse Weise ihren Weg zurück zum Busfahrer gefunden hatten. Zwei Kilometer später fragte er nach, ob denn jeder jetzt seinen Pass hatte. Ich fragte mich, was sie gemacht hätten, wenn jemand verneint hätte.
Langsam wurde es hell, und bald fuhren wir in eine größere Stadt ein. Beim Anblick der Plattenbauten, in denen jede Wohnung einen eigenen Balkon, und jeder Balkon eine eigene Satelitenschüssel und Klimaanlage hatte, machte sich wieder ein Gefühl der Sowjetromantik breit. Es gab nur noch wenige Häuser, die wirklich wie Häuser aussahen, und sie wirkten stark einsturzgefährdet. Einige der Ziegeldächer waren notdürftig repariert worden, andere waren weitflächig in sich zusammen gefallen, und an anderen Stellen standen nur noch die Abrissfahrzeuge. Ich fragte mich aus reiner Neugier, welche Stadt das wohl sei, da es ja erst 7 Uhr morgens war, und ob man das Geld lieber in den Aufbau der Hauptstadt steckte. Dann hielten wir an und alle strömten nach draußen. Wilkommen in Sofia, Hauptstadt von Bulgarien.
Sofia ist eine seltsame Stadt in einem seltsamen Land. Schön gelegen in mitten hoher, blau glimmender Berge, deren Spitzen von Schnee und Wolken weiß gefärbt sind. Dort, wo die Berge aufhören, beginnt das Chaos. Der Kapitalismus ist wild gewachsen nach dem Ende der Sowjetunion. Hier kann man alles kaufen. Auf dem Taxiplatz vor dem Hauptbahnhof gibt es Gewehre, hübsch in Tarnfarben. Ein Taxifahrer kommt auf uns zu. Wir wissen nicht genau, was er von uns will, schütteln den Kopf und gehen weiter. Er schaut uns halb amüsiert, halb ärgerlich nach. Erst später fällt uns ein, dass ein Kopfschütteln in Bulgarien "ja" heißt, und man verneinend mit dem Kopf nickt. Es gibt keine funktionierenden Geldautomaten. Wahrscheinlich ein Streich der Wechselstubenmafia. Wir halten es nicht lange im Bahnhof aus; ein hohes, durchdringendes Geräusch kommt aus allen Ecken. Vermutlich soll es Obdachlose fernhalten. Oder Tauben. Aber zumindest bei denen klappt es nicht. Sie fliegen und stolzieren in der sauberen Bahnhofshalle umher. Ich folge ihnen. Überall blinkt es. Was nicht blinkt, verkauft nicht. Ich versuche einige der Aufschriften zu lesen. Oft ist es Französisch, geschrieben in kyrillischen Buchstaben: "Gare" für Bahnhof, "Aperetiv" an einem Imbiss, und hinter der "Garderob sa bagasch" verbargen sich die Schließschränke für Koffer.
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