4.9.
Zarko schlief noch friedlich in seinem Bett als Matthias gegen 8 den Haustürschlüssel aus seiner Hose entwendete, da es Zarko selbst in seinem gestrigen Zustand noch fertig gebracht hatte, uns einzusperren.
Wir dachten kurz daran, ihn selbst einzusperren und ihm den Schlüssel in den Briefkasten zu werfen, aber das war nun doch zu gemein.
Das Internet hatte widersprüchliche Anweisungen gegeben, wie man die Stadt am besten per Anhalter verlassen könne. Wir hatten eine Variante ausgewählt, doch als wir am entsprechenden Ort ankamen, stellten wir fest: Das kann nicht sein. Es war ein Kreisverkehr, der zwar in die Autobahn überging, aber dort konnte niemand halten. Was blieb uns anderes übrig als die Straße zurück in die Stadt zu laufen? Das Wetter war nach dem Regen der Nacht eisig geworden, es nieselte und die Nässe des Bodends tat den Rest um die Wartezeit richtig unangenehm zu machen. Viele Autos hielten um auf Freunde zu warten oder um Leute einer Mitfahrzentrale aufzunehmen. Ein heruntergekommener Anhalter mit Zigarette im Mund und Bierflasche in der Hand kam auf uns zu und gab uns in unverständlichem Lallen und Gesten den Hinweis, ihm auf zu folgen. Matthias lief ihm nach eine kurzen Weile in sicherem Abstand nach, folgte ihm aber nicht weiter auf die Autobahn. Geschlagene drei Stunden standen wir also an einem Busstreifen, in den nicht mal Busse hineinfuhren, bevor wir es aufgaben und die mirabellenbewachsene Straße zurückliefen bis hinunter an den Kreisverkehr. Auf die Autobahn konnten wir uns wegen der oft vorbeischauenden Polizei nicht stellen, aber demonstrativ einen Meter davor direkt in den Kreisverkehr. Ich hatte kaum das Brno-Schild aus dem Rucksack geholt als schon ein Auto hielt. Wir konnten uns kaum auf englisch verständigen, aber auf deutsch funktionierte es wieder ganz gut, wie wir es so oft auf unserer Reise erlebt hatten. Er brachte uns nach Brno an eine Tankstelle auf der richtigen Straße nach Wien; seine Pläne, mit Freunden ein Lagerfeuer zu machen, waren eh ins Wasser gefallen, denn es regnete nun beständig bei 13 Grad Außentemperatur.
Die Tankstelle war nicht besonders günstig für das Wegkommen, aber dafür stand daneben ein riesiges Einkaufszentrum mit überdimensionalem Supermarkt, in dem ich meine letzten Kronen loswerden konnte, und es ist wirklich erstaunlich, was man alles für 5 Euro bekommen konnte, wenn man lange genug nach den Schnäppchen suchte. Matthias langweilte sich derweil draußen mit unseren Rucksäcken. Aber ich musste den kompletten Wocheneinkauf erledigen, da Wien wahrscheinlich wieder sehr teuer werden würde. Ich bekam sogar eine Tüte von den Lutschern, die ich für typisch tschechisch gehalten hatte, aber nirgendwo in Prag finden konnte.
Wir begannen die übliche Prozedur: Matthias stand mit dem Wien-Schild vor der Tankstelleneinfahrt während ich die Tankenden ansprach, die kein Wort englisch sprachen. Ich hätte mich vorher informieren sollen, was "Wien" auf tschechisch hieß, denn es war weder "Vienna" wie im Englischen, noch "Wienna" wie ich durch die Aufschrift in der Prager Burg-Kirche angenommen hatte. In der Tat war es "Weden" mit einem Krakel auf dem N, für das ich nicht mal ein Sonderzeichen auf meinem Smartphone finden kann.
Erstaunlicherweise war heute Matthias erfolgreicher; einer der Insassen sprintete durch den Regen hinunter zu ihm. Es war ein junger Bursche, der gar nicht nach BWL-Student aussah, die schweigsame Mutter, und der Vater, der nach Millitärakademie aussah und auch dort unterrichtete. Und wir dazwischen. Matthias als Kriegsdienstverweigerer wagte es nicht, seinem Befehl zu widersprechen und setzte sich nach vorn neben den Vater und musste jetzt Konversation betreiben, was normalerweise meine Aufgabe war, während Matthias meistens aud dem Rücksitz einschlief.
Wir überquerten die österreichische Grenze und mir fiel schlagartig wiede ein, warum ich die Ösis merkwürdig finde: Eine gelbe Plastikkuh stand auf einem Heustapel und machte Werbung für ein Motel. Auf einem Feld hing eine lebensgroße Jesusfigur am Kreuz und verscheuchte die Vögel. In den kleineren Orten gab es überall Wegweiser, sogar zum Internisten.
Wir unterhielten uns beide gut mit der Familie, und sie setzten uns an einer Straßenbahnhaltestelle ab, die aussah wie von 1920. Wir hatten natürlich keine Ahnung, welche Bahn wir in welche Richtung nehmen sollten, abe die Wartenden waren hilfsbereit, auch wenn ich nur die Hälfte ihres feinsten österreichigen Dialekts verstehen konnte. Auch die Straßenbahnen sahen mit ihren Holzbänken aus wie von 1920; der Fahrer klang wie 1940. Die Umsteigehinweise klangen wie Befehle: Umsteigen in Linie 17! Ein ungesprochenes "aber dalli!" klang mit. Wiener waren ruppig, aber hilfsbereit, stellten wir in der U-Bahn-Station fest. Ich passte auf unsere Sachen auf während sich Matthias nach einer Touristeninfo umsah. Da kam der Mann von der Stationsaufsich angetrabt und brummte, dass der Ticketautomat freigehalten werden muss. Ich saß zwei Meter davon entfernt. Aber Vorschriften sind Vorschriften. Dafür bekam ich im Laufe des Gesprächs die Auskunft, dass es Kurzstreckenfahrkarten gab, man müsste sich dafür ein Kinderticket lösen, und er gab einen Plan für das U-Bahnnetz und einen Stadtplan, aber erst als ich mich ordnungsgemäß vor den Schalter stellte, hinter dem er mich aus einem winzigen Schlitz heraus nicht anschaute. Auch war er sehr gekränkt gewesen, als ich diesen Schalter als "die Information" bezeichnet hatte. Prompt schickte er uns die Stufen hinunter statt die Rolltreppen. Die Wiener Eigenart lässt sich vielleicht am besten durch einen Beispielsatz zusammenfassen: "Bittschö, und nu lecken Se mich am A.,"
Ich war ganz froh, nicht bei einer Wienerin, sondern einem Mädel aus Litauen die Couch zu surfen.
Es regnete wie aus Eimern als wiraus der U-Bahn ausstiegen, sodass wir uns erst einmal trotz Regenjacken in einem Hauseingang unterstellen musste. Regen passt zu Österreich: Bisher hatte es jedes mal durchgeschifft, wenn ich in Österreich war, und erst wieder beim Verlassen der Landesgrenze aufgehört.
Unsere Gastgeberin tauchte hinter uns auf. "Wollt ihr zu mir?"
Sie war Judy Garland im Film "Zauberer von Oz" mit ihrem Hündchen Toto. Die beiden waren zusammen durch ganz Europa gereist, sogar per Anhalter. Das hat nur nicht immer so gut funktioniert, dann mussten sie bei Minusgraden neben der Autobahn schlafen. Ich konnte gar nicht nachvollziehen, wie man so unorganisiert reisen konnte. Spätestens zwei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit sollte man sich nicht mehr im Nirgendwo absetzen lassen - eigentlich sollte man sich nie im Nirgendwo absetzen lassen - sondern eher noch vom Fahrer in seinen Zielstadt mitnehmen lassen und auf Mitleid hoffen, oder nach der nächsten Hostel fragen.
Das Haus war originaler Wiener Jugendstil mit hohen, verzierten Decken, die in jedem Zimmer in einer anderen Farbe gehalten waren. Kira gab uns ihr Zimmer, das mit einem schweren Schreibtisch und zwei 2x2-Meter-Matrazen ausgefüllt war. Ihrem Mitbewohner Mark gehörte eigentlich die Wohnung. Seine Freundin war für ein halbes Jahr nach Helsinki gegangen und er hatte sich ein Mitbewohnerin gesucht. Das ging ganz ohne Eifersucht - Mark chattete ständig mit seiner Freundin und war praktisch mit ihrer Familie verheiratet, und Kira hatte nur ihren Hund im Kopf. Wir saßen zu viert, pardon, fünft am bzw. unterm Tisch, und das Gespräch kam nur allmählich in Gang. Als es dann langsam wieder verebbte, gingen wir mit dem Hund Gassi, dessen Hinterlassenschaften Kira eigenhändig auflas. Bei dem Anblick wurde ich wieder Katzenliebhaber. Bei unserer Rückkehr hing das Gespräch wieder nur lustlos im Raum. Mark holte die Uno-Spielkarten heraus und wir spielten schnell und wortkarg bis halb eins. Ich gewann so oft hintereinander, dass sie eine Alianz mit dem Teufel vermutete. Die Wahrheit war, dass die Karten so schlecht gemischt waren, dass ich immer wieder die selben bekam. Die einzige Abwechslung bot ein Polizeiaufgebot vor dem Fenster. Doch sie verschwanden ohne erkennbare Aktion. Diese Lustlosigkeit sollte das Thema für unserern Wienaufenthalt werden.
5.9.
Kira war früh nach Linz zu einer Freundin gefahren, Mark schlief gern lang, so gab es keinen Grund aufzustehen. Mir hatte Wien nie besonders gefallen, und ich wäre sicher den ganzen Tag im Bett geblieben, wenn Matthias nicht gedrängt hätte. Gegen 13 Uhr trafen wir in der Küche auf Mark, der auch noch nichts gegessen hatte. Es war auch gar nichts für Frühstück oder Mittagessen Geeignetes im Haus. Bis wir dann aus dem Supermarkt zurück waren und gegessen hatten, war es fast drei Uhr. Ich meinte ja, es lohne sich gar nicht mehr, aber wie gesagt, Matthias wollte unbeding die Stadt sehen. So schritten wir die touristischsten Plätze ab, quälten uns über den völlig überfüllten Stephansplatz, ich zeigte Matthias das Opernklo - eine öffentliche Toilette, die Opernmusik spiele; wir kauften keine Mozartkugeln, gingen zu allem, was nach Sehenswürdigkeit aussah uns fotografierten es, dann landeten wir bei McDonalds - das einzige Kaffeehaus Wiens, in dem der Kaffee erschwinglich war - und kamen zum verabredeten Abendesszeitpunkt nach Hause. Kira war noch nicht aus Linz zurück und während wir warteten, legte ich mich auf´s Ohr. Die beiden Kerle kochten dann doch irgendwann die übliche Pasta und wir aßen allen. Dabei stellten wir fest, dass Kira der treibende Motor in den Gesprächen gewesen war. Wir schwiegen. Gegen 10 gingen wir noch mal über den Ganzjahresrummel Prater, von dort kamen uns aber nur betrunkene Jugebdliche entgegen. Es roch nach Alkohol und Erbrochenem, der rote Teppich am Eingang wurde gerade zusammengerollt. Vor den Fahrgeschäften und in den Kiosken saßen missmutig rauchend ihre Besitzer. Einige Fahrgeschäfte fuhren noch. In der Achterbahn saß ein einzelner Mann, als hätte man ihn dort vergessen.
Ich hätte gern etwas Hochprozentiges getrunken, aber jetzt hatten nur noch Tankstellen offen. Wir hatten nicht mal etwas zum Anstoßen dabei, obwohl Mark in ein einer Stunde 24 Jahre alt wurde.
Wir kamen noch vor Mitternacht nach Hause, wo Kira gerade die Reste vom Abendbrot aß. Müde saßen wir um den Tisch herum und warteten auf Mitternacht, doch fünf Minuten vor der großen Zwölf verschwand Mark in sein Zimmer um mit seiner Freundin zu telefonieren. Also gingen wir alle schlafen. Wien war wirklich nicht die Stadt der großen Sprünge.
6.9.
Wieder verließen wir erst spät das Zimmer mit dem Kastanienblick. Wir stritten uns, wer zuerst duschen dürfte, nur um das Bad besetzt vorzufinden. Auch als Kira fertig war, konnte noch keiner von uns die Dusche benutzen, weil der Abfluss verstopft war und nur im Zeitlupentempo das Wasser abfloss. Dann war es auch schon 14 Uhr und Mark kam mit der Familie seiner Freundin vom Bowling zurück. Sie ließen uns keine andere Wahl als uns mit ihnen um den großen Küchentisch zu versammeln, wo schon 24 Teelichter im Kreis um eine große Tiramisu-Torte brannten. Es entbrannte eine neckische Diskussion darüber, ob man ein Geburtstagsständchen singen sollte, und wenn ja, in welcher Sprache. Mark saß etwas abwesend da und versuchte, seine Freundin über Internet an der Runde teilhaben zu lassen, aber die Lautsprecher funktionierten nicht. Wir sangen dann ohne ihre Mithilfe auf Englisch und mussten - ohne das Gesicht zu verziehen - jeder ein Stück von dem matschigen Tiramisu verdrückten, das eigentlich nur aus gelblicher Paste bestand, in der zu viel von allem war.
Schnell löste sich danach die Runde auf, die Kinder der Familie blieben zu einem Rollenspiel. Mark hatte von seinen Vorbereitungen erzählt: Sie spielten in einer mittelalterlichen Kulisse; es ging um Rätsel, Kämpfe, Zauberer - was man eben von online-Rollenspielen kannte. Wir wollten nicht stören und gingen zur letzten verbliebenen Sehenswürdigkeit spazieren: Dem Hunderwasserhaus, einer beliebten architektonischen Seltsamkeit. Danach halfen wir Kira beim Deutschlernen; hauptsächlich mussten wir zugeben, dass es keine Regel dafür gab, oder wir sie nicht kannten. Wir gingen noch mal mit dem Hund in den Prater-Park, beiteten zurück zu Hause die Fischstäbchen zu und dann war es schon fast Zeit zum Schlafengehen. Von Mark verabschiedeten wir uns etwas länger, in der Küche stehend und über Weltpolitik und Amerikaner Witze machend. Von Kiras Hund wollte sich Matthias gar nicht vorabschieden, sondern ihn mitnehmen, denn die beiden hatten sich ineinander verliebt: Ich sah sie zusammen im Bett liegend, einander in den Armen bzw. Pfoten liegend und sich Küsschen gebend. Was wohl der Hund aus Riga davon halten würde, wenn sie wüsste, dass Matthias nach nur zwei Woche schon eine Neue hat?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen