Dienstag, 22. September 2009

Istanbul, Tag 2

15.9.


Wir hatten uns den Wecker gestellt um mit unserem Gastgeber aufzuwachen. Eine halbe Stunde später hörten wir Geräusche. Mit wirren Haaren kam Azat aus seinem Zimmer, eine Minute später aus dem Bad, grüßte uns und war so schnell aus der Wohnung verschwunden, dass ich mir einbildete Beschleunigungsstreifen wie im Trickfilm zu sehen. Aber so konnten wir wenigstens den Tag richtig gut nutzen.
Wir gingen diesmal direkt zur Straßenbahn nach Kabataş, vorbei an einem großen Stadion und einem ausgedehnten Park, vorbei an einer Mauer mit Stacheldraht, an denen alte gerahmte Bilder aus der Zeit der Staatsgründung durch Atatürk hingen. An einer Seite lagen Sandsäcke vor den hohen hölzernen Eingangstoren einer Moschee. Plakate an jeder Laterne wiesen darauf hin, dass der Künstler Joseph Beuys in die Stadt kam. Plötzlich wurden wir auf Deutsch angesprochen, ob wir nicht wüssten, wo es hier ein Hotel gäbe. Der Mann hatte einen harten Akzent, und ich wunderte mich nur, ob man uns die Herkunft ansah, und wenn ja: Wie? Da wir ja per Couchsurfing unterwegs waren, wussten wir kein Hotel, aber ich holte mein Smartphone hervor und versuchte ein GPS-Signal zu bekommen; im Kartenmaterial waren Hotels abgespeichert. Doch das dauerte ihnen zu lang und die Gruppe zog weiter.
Wir setzten unseren Weg in die entgegengesetzte Richtung fort. Leider mussten wir zwei Straßen überqueren. Das sollte ich vielleicht erklären: Istanbuls Autofahrer sind ein rücksichtsloses Pack; sie kennen zwar die Verkehrsregeln, finden aber nicht, dass es einen Grund gäbe, sie anzuwenden. Wenn man die Straße überqueren will, ist es egal, ob man es bei einer roten oder grünen Fußgängerampel macht - die Autos fahren sowieso immer. Die beste Chance, lebend auf die andere Seite zu kommen, ist eine Unterführung zu finden. Alternativ kann man im Windschatten eines Einheimischen laufen - wer so viele Jahre in Istanbul überlebt hat, wird es auch dieses Mal über die Straße schaffen, denke ich mir dann.
Endlich hatten wir die Straßenbahnhaltestelle erreicht. Unser Gastgeber hatte uns abends ein Wort aufgeschrieben: AKBiL. Das war eine angeblich billigere, aber auf jeden Fall bequemere Alternative zu den münzartigen Jetons, die man in die Drehkreuze vor dem Bahnsteig steckt. Der Akbil ist ein Schlüsselanhänger, den man mit einem gewissen Geldbetrag auflädt an die gleichen Drehkreuze hält. Azat hatte gemeint, wir könnten den Akbil zusammen nutzen, doch als Matthias durch das Drehkreuz gegangen war und ich folgen wollte, sagte mir der Automat nur an, wie viel Guthaben ich noch hatte ohne mich durchzulassen. Ich rannte zum Jeton-Schalter um ein paar Münzen zu erwerben bevor die Bahn kam, aber genau den gleichen Gedanken hatten plötzlich alle; dort wo eben niemand stand, reichte die Warteschlange bis zur Fußgängerampel. Einen weiteren Akbil wollte ich nicht, weil die Dinger 6 Lira Pfand kosteten und ich nicht sicher war, ob wir das Guthaben darauf in den nächsten Tagen aufbrauchen würden. Übrigens kann man den Akbil wirklich gemeinsam nutzen, wir brauchten auch nur einen Tag um herauszufinden, wie das möglich war. Wir experimentierten erst mit mehrfachem Heranhalten in verschiedenen Varianten, bis ich auf die Idee kam, das Akbil an einen anderen Eingang zu halten. Hier zog es mir die 1,50 Lira ab und ich kam durch. Der Akbil sollte Informationen über die Zeit der Entwertung speichern, sodass man in Anschlussbussen billiger weiterfahren kam, stand in meinem Reiseführer. So war ich nicht sicher, ob wir das System umgangen oder uns selbst eine billigere Fahrt betrogen hatten. Die Straßenbahn kam und es war jetzt schon schwer, einen Sitzplatz zu bekommen - an der ersten Haltestelle. In der Innenstadt war es zur Rush-Hour purer Wahnsinn, eine Straßenbahn benutzen zu wollen: Von allen Wartenden passte nur etwa die Hälfte tatsächlich in die Bahn, und wenn ich "passen" schreibe, meine ich wirklich "passen" nach dem Baukastenprinzip. Man steht darin so dicht aneinander gedrängt, dass man von Herzschlag der Mitreisenden spüren kann. Aber heute Vormittag ging es noch einigermaßen. Vor uns öffnete sich wieder der Blick auf die magische Innenstadt aus Tausendundeiner Nacht über die Köpfe der Mitreisenden hinweg. An der Haltestelle der Blauen Moschee strömte alles nach draußen.

Als erstes stand die Hagia Sofia auf dem Programm. Sie war einst die größte Kirche der christlichen Welt und wurde bei der osmanischen Eroberung Konstantinopels kurzerhand in die Hauptmoschee der Stadt umgewandelt. Heute ist sie ein Museum, ich glaube das wurde hauptsächlich deshalb getan, um horrende Eintrittspreise verlangen zu können. Moscheen sind nämlich, genau wie Kirchen, im Normalfall kostenlos zu besichtigen. 20 Türkische Lira - 10 Euro Eintritt verlangten sie hier pro Person, ohne Studentenrabatt. Und trotzdem war gab es eine Warteschlange davor, aus der nur wenige empört umkehrten, als sie den Preis sahen. Ich überzeugte Matthias in den sauren Apfel zu beißen - wann würden wir schon mal wieder die Gelegenheit haben, nach Istanbul zu fahren, auch aus den gestern genannten Gründen? Ich wollte jedenfalls ihr Inneres sehen, seit ich "Baudolino" gelesen hatte, einer der faszinierendsten historischen Romane, der eine alternative Sicht auf die europäische Geschichte des Mittelalters bot. Sehr lesenswert jedenfalls. Wo war ich? Ja, in der Hagia Sofia.
Auf dem Vorplatz lagen Trümmer der ehemaligen antiken Fassade, dahinter lag ein Café. Wer schon 10 Euro Eintritt bezahlt hatte, wollte dann auch den ganzen Tag im Gelände der Hagia Sofia verbringen und noch einmal die gleiche Geldmenge für den Kaffee ausgeben.
Die antiken Steine wurden von Touristen als Sitzgelegenheiten benutzt; besonders fielen mir zwei Japaner auf, die sich auf den Besuch des Museum gut vorbereiteten: Der eine saß und studiere einen dicken Reiseführer, der andere machte Dehnübungen, sogar mit den Fingern, vermutlich um schneller den Auslöser seiner Kamera bedienen zu können - um einmal ein Klischee zu bedienen. Aber Japaner sind wirklich wie aus dem Buch der Klischees gefallen; ein japanischer Bekannter zeigte mir zum Beispiel einmal seine Holland-Fotos, und ich schwöre: Er hatte allein 200 Fotos, auf denen nur Tulpen abgebildet waren. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man so viele Fotos macht, aber muss man die wirklich alle zeigen?!
Wir betraten die mächtige Eingangshalle, dann die zweite Eingangshalle, die Gerüsten versehen war, doch statt den Innenraum zu betreten, gingen wir hoch zu den Emporen. Alles hatte unheimliche Dimensionen: Das Gewölbe, die Breite und Weite der Gänge und des Hauptraums. An allen acht Eckflächen hingen riesige runde mit Kamelleder bespannte und mit arabischen Schriftzeichen versehene Scheiben. Gleichzeitig waren überall noch Hinweise darauf zu sehen, dass es einmal eine christliche Kirche gewesen war, voller Gold und Bilderpracht. Noch einige wenige der goldglänzenden Mosaike, die in die Wände der Emporen eingearbeitet worden waren, sind noch erhalten. Davor stehen Scharen von Touristen, die entgegen aller Hinweisschilder und Ermahnung des Museumspersonals mit Blitzlicht fotografierten. Matthias warf einen Blick auf das zerbröckelte Mosaik von Johannes dem Täufer und meinte, er wolle gern mal den Blitz sehen, der es so zerstört hatte. Tatsächlich sind diese Mosaike wohl eher den Erdbeben als Touristen zum Opfer gefallen, und es geht viel mehr um den Erhalt der Farben.





                                          Der Nabel der Welt



                                         Matthias und ich, 20 Meter vom Nabel der Welt entfernt

Man konnte gar nicht alles auf einmal aufnehmen; oft musste ich einen Weg mehrfach ablaufen um all die Dinge zu sehen, die in meinem Reiseführer standen. Nach zwei Stunden waren wir einmal komplett durchgelaufen und ruhten uns vor einer der Kugelvasen aus Pergamon aus, die so groß war, dass an ihren Bauch ein Zapfhahn angebracht war um das Wasser darin ablassen zu können ohne die Vase bewegen zu müssen. Das letzte Highlight war die berühmte "schwitzende Säule", in der einer Legende zufolge ein Engel eingesperrt ist, der weint, aber auch die Wünsche derjenigen erfüllt, die ihren Daumen in das Loch in der Säule steckten und die Hand einmal im Kreis drehten. Ich konnte nicht widerstehen und probierte es aus. Ich schaffte die 360 Grad-Drehung, aber die Feuchtigkeit darin kam wohl eher vom Schweiß der Leute, die es vor mir probiert hatten, als vom weinenden Engel. Matthias fand das ekelig. Die Säule selbst war völlig trocken, dabei gab es sogar eine wissenschaftliche Erklärung, weshalb sie feucht sein sollte: Unterhalb der Hagia Sofia soll sich eine verborgene Zisterne befinden, ein antiker Wasserspeicher, der die Stadt mit Wasser versorgte. Unterhalb der Stadt wurden schon über 70 Zisternen entdeckt, und eine besonders schöne war unser nächstes Ziel.

Die Yerebatan-Zisterne befand sich nicht weit von der Hagia Sofia entfernt, und angeblich waren viele Wasserspeicher in einem Netz von Gängen miteinander verbunden gewesen, sodass man sich unterirdisch durch die ganze Stadt bewegen konnte.
Klassische Musik erklang als wir die Treppe in das unterirdische Gewölbe hinabstiegen. Die Zisterne konnte gut 80.000 Kubikmeter Wasser fassen, aber seit sie nicht mehr in Gebrauch war, stand das Wasser nur etwa 30 Zentimeter hoch und dicke Fische schwammen darin umher. Es war ein Steg für Besucher war quer durch die Säulenlandschaft errichtet worden, an vielen Stellen warfen sie Münzen in das rot angestrahlte Wasser. Wasser tropfte von der Decke, und endlich gab es auch gleich einen ganzen Wald schwitzender Säulen. Für unsere amerikanischen Freunde war ein Schild aufgestellt worden: Achtung, der Boden ist nass. Langsam durchquerten wir den unterirdischen Palast. Verschiedene Laser-Licht-Installationen zauberten passend zu sanften Klängen Farben an kleine Leinwände. Nicht ganz unerwartet wurden wir plötzlich von tellergroßen Augen angestarrt. Der umgekippte Kopf einer steinernen Figur stand auf dem Boden und diente einer grünlich schimmernden Säule als Sockel. Daneben blickte ein weiteres Gesicht aus dem Dunkel, diesmal auf dem Kopf stehend. Ihre Haare waren schlangenartig - es waren Bildnisse von Medusa. Der griechischen Mythologie zufolge ließ sich jeden zu Stein erstarren, der sie ansah. Deswegen hatte man ihre Steinabbildung lieber falsch herum aufgestellt - um auf Nummer sicher zu gehen. Man fragte sich trotzdem, weswegen sie überhaupt hier unten waren. Die Erklärung ist ganz einfach: Sämtliche Säulen waren aus anderen Teilen des byzantinischen Reichs herangeschafft und hier recycelt worden, und manchmal waren sie eben zu kurz um das Gewölbe zu tragen. Deshalb hatte man auch behauene Steine herbeigeschafft um sie als Sockel für die Säulen zu verwenden. Die Medusenhäupter hatten gerade die richtige Größe. Wo sie herkommen, weil allerdings niemand.



Die dritte große Sehenswürdigkeit ist der Topkapi-Palast. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Türkischen Bad, einem Hamam, vorbei. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, wie viel so ein Besuch kostete, aber dann stürzte sich der Besitzer förmlich auf uns und erklärte uns in einem seltsamen, auswendig gelernt klingenden Englisch die Freuden seiner Badeanstalt. Bei ihm konnte man den ganzen Tag bleiben, lockte er, man würde uns waschen, einseifen, massakrieren - ich meine massieren -, baden, wieder einseifen und so weiter... danach würden wir uns wie neugeboren fühlen, versprach er. Um neugeboren zu werden muss man erstmal sterben, dachte ich mir. Ich hatte schon von türkischen Bädern gehört und wusste, dass diese Aussage stimmte, weil man so hart mit Schlägen massiert wird, dass man sich danach natürlich wie neugeboren fühlt, selbst wenn man es überlebt hat. Der Besitzer jedenfalls redete und redete bis wir sagten, dass wir es uns überlegen würden. Ich fragte nach den Öffnungszeiten und bekam einen Werbeflyer. Sie hatten eigentlich den ganzen Tag bis Mitternacht geöffnet, aber seine weiblichen Angestellten würden gerne früher nach Hause gehen. Er zwinkerte mir zu. Dann wollte er noch wissen, wo wir herkamen und als wären wir die ersten Deutschen, die er je in seinem Leben gesehen hatte, holte er einen kleinen Globus hervor und suchte mit uns Deutschland.
Der Preis lag übrigens bei umgerechnet 30 Euro. Bis zum letzten Tag spielten wir immer noch mit dem Gedanken, dorthin zurück zu gehen, aber dann beschlossen wir, dass wir die türkische Wirtschaft schon genug angekurbelt hatten. Wir setzten den Weg zum Palast fort, wurden aber schon am Eingangstor von einer freundlichen, schwer bewaffneten Wache abgefangen. "Heute geschlossen", brummte er. Ihm widersprach man nicht und wir drehten auf dem Absatz um. Wir gingen nun außen um den Palast herum, kamen durch einen schönen Park mit Kastanienbäumen, unter denen junge Männer zeitungslesend hockten und die Frauen, die uns gerade noch bestürmt hatten, Rosen zu kaufen, auf einer Parkbank saßen, Pause machten und uns ignorierten. Die Springbrunnenanlagen glitzerten blau, und auch die türkisenen Kacheln des Palasts glänzten im Sonnenlicht. Hier irgendwo sollte ein islamisches Technikmuseum sein, aber weit und breit waren nur Bäume. Wir stiegen höher und plötzlich gaben die Bäume die Sicht auf den Bosporus frei. Das Meer erstrahlte türkiesblau und dahinter stand die moderne Skyline Istanbuls mit ihren hohen glänzenden Bürotürmen. An der Gotensäule kehrten wir um. Ich wollte auf den Wachturm der Genueser, von dem aus man laut Reiseführer einen beeindruckenden Blick auf das Goldene Horn hatte.
Der Weg führte am Meer entlang, oder besser an einer breiten staubigen Straße nahe dem Meer und einem Militärgebiet. Mich überraschte, selbst aus der Kaserne Minarette ragen zu sehen, aber wenn man ein zweites Mal darüber nachdenkt, erkennt man, dass auch Soldaten im Islam beten müssen. Da gibt es keine Ausrede, man könnte wegen seines Glaubens nicht an der Waffe dienen. Matthias meinte, islamische Gläubige seien unproduktiv und er würde sie nie in seiner Firma einstellen, oder ihnen die Zeit für die fünf Gebete am Tage vom Lohn abziehen. Ich hielt dagegen, dass man niemanden wegen seiner Religion diskriminieren dürfe - doch zum Glück, bevor die Diskussion in einen Streit ausartete, erreichten wir eine Straße mit Fressbuden. Matthias bekam nun endlich seinen Döner, auf den er sich seit Tagen gefreut hatte, und ich konnte mir ein Fischbrötchen vom Grill kaufen, und alle waren glücklich. Man konnte sehen wer frisch der Fisch war, denn überall am Ufer des Bosporus und auf der Brücke darüber saßen Angler, die ihren Fang direkt an die Imbissstände daneben verkauften.

Hier in der Nähe befand sich auch der ägyptische Basar, zu dem wir noch einen Abstecher machten. Schon in der Unterführung zum Basar herrschte ein Chaos, wie man es nur auf orientalischen Märkten findet; hier wurde alles verkauft, von Wanduhren über Schuhe bis zu Spielzeug, der offensichtlich aus China stammte, kunterbunt war, sich bewegte und immer nur drei viel zu laute, nervtötend hohe Töne von sich gab. Der ägyptische Basar selbst war teilweise überdacht und wurde teilweise durch die Geschäfte der angrenzenden Gassen erweitert. In den inneren Teil kamen vor allem Touristen, was sich im Warenangebot und nicht zuletzt den Preisen niederschlug. Es gab Gewürz- und Teestände, der berühmte türkische Apfeltee wurde abgepackt und mit Gläsern in eine touristengerechte Verpackung verkauft. Die meisten Stände boten jedoch eine besondere Köstlichkeit: Lokum, eine feste Sirupmasse, die oft mit Nüssen gefüllt und ganz mit Puderzucker oder Kokosraspel bedeckt ist. Man bot uns kleine Stückchen zum Probieren an, und sofort spürte ich mich in eine Abhängigkeit verfallen, so lecker war diese Süßigkeit. Wir versuchten weitere Häppchen von anderen Ständen abzubekommen, aber die gaben es ungern her, wenn sie nicht im Gegenzug dem Touristen ein Kilo davon aufschwatzen konnten. So wurden wir unvermeidlich in einen Laden hineingezogen, in dem sofort versucht wurde, uns ein Kilogramm davon für 10 Euro abzufüllen. Das war mir dann doch zu viel und ich verlangte zur Schadensbegrenzung nur ein kleines Beutelchen mit 100 Gramm. Dem Verkäufer war die Enttäuschung anzusehen und er wurde unfreundlich, sackte die billigsten Sorten ohne Nüsse in das Beutelchen und knöpfte mir für 74 Gramm einen Euro ab. Er dreht sich nicht einmal um als wir hinausgingen.
Das Beutelchen hielt unserem Appetit nur wenige Stunden stand und ich begann damit, Matthias zu überzeugen, dass wir uns die Fünferpackung für 7,50 Euro kaufen sollten. Morgen zumindest. Heute hatte ich nur noch fünf türkische Lira übrig und musste erstmal an den vertrauenswürdigen Geldautomaten in der Nähe unserer Unterkunft, der sogar von einem Sicherheitsmann der Bank überwacht wurde.
Es war schon später Nachmittag als wir uns auf den Weg zum Galata-Turm machten, doch das passte ganz gut in den Zeitplan, da man den schönsten Anblick bei Sonnenuntergang bekam. Wir schlenderten zurück zu der Stelle, an der wir von den Imbissbuden gegessen hatten, dann über die Brücke mit den vielen Anglern darauf, die ihr schmutziges Wasser demonstrativ auf der Brücke ausschütteten statt ins Wasser unter ihnen. Auf der anderen Seite befand sich die Talstation einer Seilbahn, die unterirdisch den Berg hinauf fuhr. Auch etwas Besonderes. Eine Seilbahn dieser Art gib es weltweit nur in zwei weiteren Städten. Ohne Zwischenhalt fuhr die Bahn steil nach oben. Selbst der Bahnsteig war so steil, dass man bei Schnee und Eis kaum nach draußen käme. Zum Glück liegt die Temperatur in Istanbul nur ganz selten in der Nähe der Null-Grad-Grenze, und wenn es schneit, dann ist es noch zu warm als dass der Schnee den Boden erreichen könnte ohne vorher zu schmelzen.
Die Bergstation lag im Herzen des Genueser-Viertels, das vor gut 700 Jahren von Händlern aus Genua gegründet wurde. Von ihnen stammt auch der mächtige Wachturm mit den fast vier Meter dicken Wänden, der heute als Restaurant und Aussichtsturm genutzt wird. Es kostete stolze 5 Euro nach oben fahren zu dürfen, aber zumindest gab es einen Fahrstuhl bis zur ersten Restaurantetage. Dicht aneinander gedrängt standen die Leute auf der Aussichtsplattform; wir mussten einige Minuten warten bis wir überhaupt nach draußen treten konnten. Dafür war die Aussicht überwältigend: Das Goldene Horn glänzte rot im Licht der untergehenden Sonne, die außergewöhnlich groß hinter einer Moschee verschwand. Schiffe legten weiter an und Vögel flogen tief. Helle Scheinwerfer flammten auf und beleuchteten den Turm von unten. Wir blieben bis zur letzten Minute als schon das Abendrot der Nacht wich und ein scharfer kühler Wind aufkam.


Die Straßen wirkten ausgestorben. Außer uns war nur eine kleine Gruppen Touristen unterwegs, die wir vorhin auch auf dem Turm gesehen hatten. Sie fragten uns auf Spanisch nach der Bushaltestelle, glaube ich. Die suchten wir selbst und konnten nur bedauernd mit den Schultern zucken. Wir hatten eine Stadtkarte aus der Touristeninfo nahe der Hagia Sofia abgegriffen, aber die brachte uns auch nicht allzu viel, da wir nicht mal sicher waren, an welcher Seite wir den Berg hinunter gegangen waren. Es war schon ein wenig gruselig und ich forschte in meinem Kopf, was das Auswärtige Amt über Kriminalität geschrieben hatte. Dann sahen wir wieder Menschen, und sie wiesen uns die Richtung zur Straßenbahn. Auch die Straßenbahnen wurden merklich weniger am Abend, aber nicht automatisch weniger Menschen, die sie benutzen wollten. Dahin hatte sich also die ganze Stadt zurück gezogen - an die Straßenbahnhaltestellen.
Wir sahen zu, dass wir nach Hause kamen. Unser Gastgeber hatte uns seit einiger Zeit versucht auf dem Handy zu kontaktieren, aber knapp ein Euro pro Minute für ein angenommenes Gespräch war mir dann doch zu teuer um mich von ihm vertrösten zu lassen, dass er es wohl wieder nicht zum Abendessen schaffen würde. Auf dem Weg von der Endhaltestelle Kabataş nach Hause kam uns eine Horde Fußballfans und schwarz-weiß entgegen. Nein, es war nicht nur eine Horde, es war eine ganze Völkerwanderung. Sie waren auf dem Weg zum Stadion, an dem wir auch vorbei mussten. Ich fühlte mich ein wenig wie einer dieser armen Lachse, die ihr ganzes Leben lang den Fluss aufwärts schwimmen um an den Ort ihrer Geburt zurück zu kehren. Es war auch wirklich kein Durchkommen mehr; die Autos fuhren noch chaotischer und regelwidriger als ich es überhaupt für möglich gehalten hätte. Die nächste Steigerung wäre nur noch möglich gewesen, wenn sich die Autos nicht nur vor- und rückwärts bewegt hätten, sondern auch nach oben hin, frei im Raum.
Und natürlich wussten wir ab einem gewissen Punkt nicht mehr, wohin wir gehen mussten, beziehungsweise, woher wir am Morgen gekommen waren. Aber das war halb so schlimm, beziehungsweise, wäre halb so schlimm gewesen, wenn mein Navi ein GPS-Signal empfangen hätte. Aber wir fanden zumindest unseren Lieblingssupermarkt wieder, der gerade im Schließen begriffen war. Die Verkäuferin, die ihre Kollegin beim Geldzählen beobachtete, nickte mürrisch, als Matthias andeutete, dass wir gerne noch etwas einkaufen würden. So huschten wir eilig durch die Gänge und griffen nach allem, woraus sich ein Nudelessen machen ließ, also hauptsächlich nach Nudeln. Mit einem kleinen Umweg fanden wir kurz darauf unser Haus wieder, und kaum dass wir das Nudelwasser angesetzt hatten, kam unser Gastgeber von der Arbeit nach Hause und bestand darauf, dass wir das fertig gekochte Essen aus seinem Kühlschrank probieren sollten. Er erzählte, dass seine Mutter einmal pro Woche vorbei kam und ihm die Mahlzeiten für die nächste Woche zubereitete. Er nahm einige Näpfe heraus und begann sie in Pfannen und Töpfen auf dem Ofen warm zu machen. Es gab einen Brei aus winzigen orangefarbenen Linsen, etwas Gemüseartiges und dann noch etwas, das irgendwie Kartoffeln enthielt und auf der Zunge brannte. Ich fragte, was das denn alles sei, und er rief sofort seine Schwester an, die deutsch sprach und es mir erklärte. Viel schlauer wurde ich daraus aber nicht, deshalb lass ich die Essensbeschreibung hier einfach mal so stehen. Um dem Essen die Schärfe zu nehmen, wies Azat mich an, Joghurt unterzurühren. Ich sehnte mich ein wenig nach den für heute Abend vorgesehenen Nudeln, aber ich aß alles auf, denn dies ist Teil der Erfahrung, die ich mich Couchsurfing erreichen wollte: Die wirkliche Türkei erleben, auch wenn das ein paar Tage Verdauungsstörungen bedeutet.
Der Abend wurde nicht mehr lang; Azat zappte durch die Sportprogramme und blieb an dem Fußballspiel hängen, zu dem vorhin all diese Leute geströmt waren. Eigentlich wartete nur darauf, seinen Werbespot zu sehen, erklärte er. Er hatte in seiner Firma eine Werbekampagne für Nike entwickelt und verfolgt nun mit mäßigem Interesse die Werbespots der Konkurrenz. Ich verwickelte ihn noch in ein kleines Gespräch, weil ich das Gefühl hatte, sonst ein schlechter Gast zu sein. Wir verabredeten uns wieder zum gemeinsamen Frühstück. Zumindest würden wir auf diese Weise nicht den halben Tag verschlafen. Es gab noch so viel, was ich von Istanbul sehen wollte, stellte ich fest, als ich im Bett lag und den Reiseführer studierte. Aber das hatte Zeit bis morgen...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen