12.9.
Wir warteten bis halb 10 bevor wir unserer Gastgeberin eine SMS schrieben, dass wir bereits angekommen waren - man will ja niemanden so zeitig wecken, der bis Mitternacht arbeiten muss. Wir hätten uns keine Sorgen machen müssen - ihren Wecker hörte sie auch nicht. Bis sie gegen 12 Uhr am Bahnhof auftauchte hatten wir genug Zeit eine Bank mit Geldautomatem zu finden, das Geld zu wechseln und dann endlich mal aufs Klo zu gehen. Auc wenn es sonst nicht viel moderne Technik gab, waren doch alle Toiletten mit Bezahlautomaten ausgestattet. Und es gab kostenlose Internetterminals und WLAN. Das macht in meinen Augen ein zivilisiertes Land aus und relativiert den etwas wilden Eindruck bei unserer Ankunft. Ja, korrupt ist das Land dennoch. Svetlana warnte uns vor den Taxifahrern, die wie überall ein Leben daraus gemacht haben, Touristen abzuzocken. Wir gingen ein Stück vom Bahnhof weg um ein anständiges Taxi zu bekommen. Wie man den Unterschied merkt? Nach EU-Regelung müssen die Kilometerpreise am Taxi ausgeschrieben sein, und: Die anständigen Taxifahrer ignorieren ihre Kunden erstmal, statt freundlich lächelnd auf sie zuzulaufen, wie es die Wucherer tun.
Unser Taxi war schon etwas älter und hatte keine Sitzgurte. Aber Taxifahrer bekommen nie eine Strafe wegen irgendeines Delikts, erklärte Svetlana. Sie regeln das mit der Polizei auf eigene Weise. Ich vermute, es gibt da eine Art Schmiergled-Flatrate: Fahr wie du willst, zahle pauschal.
Auch gegen normale Temposünder wird oft nicht vorgegangen. So greift das Land zu kreativen Mittel, vor Unfallgefahr zu warnen: Durch das Erfinden eines Verkehrsschild für unfallreiche Stellen, zum Beispiel. Oder durch Abschreckung. Im Stadtzentrum gab es ein Kunstprojekt aus zerstörten Autos mit dem Hinweis "du sollst nicht rasen". Und da das auch nicht zu helfen scheint, wurden Polizeiwagen-Attrappen an den Straßen aufgestellt.
Als wir bei Svetlana ankamen, gab es ein leckeres Mittagessen, frisch von ihrer Mutter zubereitet, die auf Besuch war. Sie war eine schmale kleine Frau, die zurückhaltend und leise deutsch sprach, dabei aber immer lächelte. Sie hatte ein traditionelles Balkan-Essen namens Banitsa zubereitet. Es gibt übrigens keine Gerichte in den Balkan-Ländern, die nur in einem Land bekannt wären - alles wurde mit einander geteilt. So gab es zum Essen einen Teller mit bulgarischem Fetakäse (den man nicht mehr "Feta" nennen darf seit sich die Griechen den Namen gesiche t haben) und Oliven. Banitsa ist eine Art Auflauf aus Blätterteigröllchen, in den Fetakäse (gerne auch nicht der griechische), Ei und Butter hineingebacken sind. Eine Schicht Teig kommt oben drauf, die nach dem Backen mit Butter bestrichen wird; das macht es besonders saftig.
Dazu gab es eine kalte QuarkGurkensuppe. Bulgaren sind äußerst höfliche und gastfreundliche Menschen, die ihren Gästen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen versuchen. Extra für uns liefen sie noch einmal hinunter in den Laden um reichlich Getränke zu besorgen, da sie sonst nur Leitungswasser tranken und nichts anderes im Haus hatten. Wir bekamen frische Handtücher, weil sie meinten, unsere werden nicht rechtzeitig vor der Abfahrt am nächsten Abend trocken, und mehr als einmal wurden wir gefragt, ob wir uns vielleicht erstmal hinlegen wollten. Wir entschieden uns aber für die Stadttour.
Es gab einge wunderschöne Kirchen in Sofia, hauptsächlich orthodoxe, die innen mit kostbaren Wandmalereien aus dem frühen Mittelalter geschmückt waren. Das sagte zumindest Wikipedia. Tatsächlich war es aber zu dunkel, irgendetwas darin zu sehen. Es glimmten nur schwach einige Lampen in einem der hinteren Kronleuchter. Das meiste Licht kam von den langen dünnen Kerzen, die von den Gläubigen angezündet wurden: Auf den hohen Ständern für die Lebenden, auf den tieferen, mit Sand gefüllten Standflächen für die Toten. Es wirkte gespenstig, wenn die Trauernden im schwachen, flackernden Licht an den kleinen Flammen vorbeigingen.
Die Sweta Nedelja-Kirche war das genaue Gegenteil. Sie ein beliebter Ort für Hochzeiten: hell erleuchtet, golden glänzend, jeder Zentimeter war mit Bildern und Ornamenten ausgestaltet. So war es kein Wunder, dass wir mitten in eine Hochzeit hineingerieten. Die Tür hatte offen gestanden, davor standen schon jede Menge wartende Leute, ein Kameramann, Fotografen... Wir dachten, es würden noch die Vorbereitungen laufen, aber als wir dann in der Kirche waren, entdeckten wir das Brautpaar am Altar. Wir stellten uns zwischen die Gäste und sahen zu. Für mich war es faszinierend, da ich noch nie zuvor eine orthodoxe Hochzeit mitverfolgen konnte. Der Zeremonienleiter war ein freundlich aussehender Opa, nicht der grimmige Alte mit dem hohen schwarzen Hut; er sang mehr als dass er sprach, und ein Männerchor antwortete aus dem Hintergrund. Es gab eine Reihe seltsamer Rituale: Dem Paar wurden eiserne Kronen auf den Kopf gesetzt, die durch den Trauzeugen angehoben und einige Male angedeutet untereinander ausgetauscht wurden. Die ganze engere Traugemeinschaft musste dem Priester einige Runden um den Altar folgen, und nach jeder Runde segnete er sie. Am Ende sang der Chor "Auf viele Jahre" auf russisch; ein Lied, das ich noch sehr gut in Erinnerung hatte. Dann löste sich die Gesellschaft plötzlich auf, strömte aus der Kirche und die nächsten Gäste kamen hinein. Svetlana erzählte, es gäbe hier am Wochenende manchmal 7 Hochzeiten pro Tag.
Wir besuchten auch die Moschee. Beim Betreten bekamen wir lange grüne Kaputzen-Umhänge. Matthias wollte auch einen annehmen, aber da lachte der Mann am Eingang nur, weil diese Umhänge nur für Frauen gedacht waren. Aber wenn Matthias wollte, könne er einen nehmen, meinte er. Svetlana hatte in diesem Umhang unglaubliche Ähnlichkeit zu einer Kräuterhexe, zumal ihr Rucksack unter dem Stoff wie ein Buckel wirkte. Wie alle Besucher hatten wir hatten die Schuhe vor dem Eingang ausziehen müssen, und ich muss sagen, der Islam ist wirklich keine Religion für Menschen mit Schweißfüßen. Dafür war es schöner, mit bunten Fließen geschmückter Innenraum, soweit wir das zu sagen vermochten. Nur Matthias konnte sich relativ frei darin bewegen.
Da wir einmal dabei waren, wollten wir eine Weltreligionstour daraus machen und die in der Nähe liegenden Synagoge besuchen, doch die war samstags geschossen. Wir kamen noch an der ältesten Kirche Bulgariens vorbei, an der eher improvisiert als restauriert wurde: Die alten Mauern waren teils mit einem Betongemisch versiegelt worden, an anderen Stellen wurden Gehsteigplatten aufgemauert. Svetlana beklagte, dass man in Bulgarien kein Gefühl dafür hatte, wie man die Sehenswürdigkeiten für Touristen präsentieren konnte. Dabei hätte es oft schon ein wenig mehr Licht oder eine Infotafel auf Englisch getan.
Wir schlugen einen Bogen zur Marktstraße, auf der man das billigste, aber auch das schlechteste Obst und Gemüse kaufen konnte. Svetlana sagte, hier wurde grundsätzlich nur das fauligste eingetütet und die guten Sachen als Ansichtsexemplar behalten. Am Straßenrand saßen Zigeuner, die normalerweise auch Obst verkauften, aber jetzt - wahrscheinlich wegen der Wirtschaftskrise - ihre letzten Besitztümer verkauften: Alten Krimskrams, benutzte Haushaltsgeräte, schwarzweise Familienfotos, das zweite Paar Schuhe... Kinder spielten im Müll oder verkauften selbst eigenen Plunder.
In der Mitte des Marktes gab es eine schöne Kirche, die nie jemand in dem Markttreiben bemerkte.
Es gab auch einen Büchermarkt, auf dem man einige Raritäten finden konnte. Die Händler waren sich dessen wohl bewusst und verpackten diese Bücher in Klarsichtfolie um sie zu einem hohen Preis anbieten zu können.
Es wurde Abend und man begann mit dem Zusammenräumen. Wir kamen in einem Park vorbei, in dem eine Bühne aufgebaut war. Es hatten sich schon einige Zuschauer angesammelt, sogar ein Team vom nationalen Fernseheb; wir holten uns ein Eis und setzten uns dazu. Erst als die erste Sängerin auftrat, stellten wir voller Entsetzen fest, dass es ein Karaoke-Abend war. Zwar ein gehobener mit geladenen Sängern, aber das machte ihren Auftritt nicht besser. Nach zwei weiteren talentlosen Modepuppensängerinnen traten wir die Flucht an. Hier musste wirklich sonst nicht viel Interessantes passieren, wenn so etwas live übertragen wurde.
Zu Hause gab es wieder Abendbrot von Mutti, Fischstächen und Salat, dazu der übliche KäseOliventeller und aufgebackenes Brot, das sie immer im Kühlschrank aufbewahrt hatten.
Obwohl wir höchstens vier Stunden im Bus geschlafen hatten, hielt es uns bis fast elf Uhr am Tisch bis wir dann doch wie Steine ins Bett fielen.
13.9. - Ausflug in die Berge (Witoscha)
Wir standen schon recht früh auf, weil wir in die Berge gehen wollten. Unser Bus fuhr erst um 21 Uhr ab. Ursprünglich hatten wir geplant, am früheren Abend mit dem bequemeren Zug nach Istanbul zu fahren, aber aufgrund der Flut und einem Erdbeben hatte man den Schienenverkehr bis auf weiteres gestrichen. So hatten wir einen ganzen Tag zum Wandern. Totzdem kein Grund zum Trödeln. Wir nahmen also ein Taxi (diesmal mit Gurt) bis zur Talstation, von der aus ein offener Skilift auf das Witoscha-Gebirge hinauf führte. Ein Ticket kostete nur 1,50 Euro, dafür wäre - nett ausgedrückt - dieser Lift durch keinen deutschen TÜV mehr gekommen. Es war gute alte Sowjettechnik - robust, unkaputtbar. Ein sicheres Gefühl wollte trotzdem nicht aufkommen, zumal die Sicherheitshalterung eigentlich selbst nur noch von einer Schraube an der Bank gehalten wurde. Rüttelnd und schwankend ging es immer weiter nach oben, über eine Schneise im Wald hinweg, die schon wieder völlig zugewachsen war. Nur ein schmaler Wanderweg zog sich schlängelnd hindurch und verlor sich nach einer Weile in den Sträuchern. Im Wald sahen wir dann und wann Wanderer, mal mehr, mal weniger munter, aber trotz der eisigen Temperaturen hier oben nur spärlich bekleidet.
In einer Zwischenstation mussten wir in einen zweiten Lift umsteigen, bis wir dann in insgesamt einer Viertelstunde am Ausgangsort für unsere Wanderung waren. Unser Ziel war der "Schwarze Gipfel", der seinen Namen von den Regen- und Gewitterwolken erhalte hatte, die ihn meistens verdeckten.
Es führten nur Trampelpfade nach oben; der Weg war durch meterhohe, gelb-schwarze Pflosten markiert, sodass er auch im Winter zu finden war. Die Landschaft war fast unberühert, nur selten sah man eine Hütte, und einmal auch ein halb abgerissenes Hotel. Svetlana ärgerte sich darüber, dass hier alles gemacht werden konnte, was man wollte, solang man an die richtigen Leute zahlte, obwohl es ein staatlich geschützes Naturschutzgebiet war. Jetzt sollte die Ski-Piste in der Ausdenung verdreifacht werden, wodurch es nötig wurde, nicht nur Wälder zu roden, sondern auch die Moränenlandschaft wegzusprengen, wie anderswo es schon getan worden war. Viele Menschen protestierten jetzt im Sommer dagegen, aber im Winter werden es wohl weniger werden, meinte Svetlana. Es war schade um die Natur. Das Band aus grüngefleckten Eiszeitsteinen zog sich wie ein versteinerter Fluss den Hang hinunter. Doch die Natur hat den längeren Atem - spätestens, wenn sie uns die nächste Eiszeit schickt.
Viele ältere Menschen hatten es sich zum Hobby gemacht, diesen Gipfel regelmäßig zu ersteigen. Einer alten Tradition folgend grüßen sie jeden Wanderer, der ihnen begegnet, und verweilen vielleicht kurz zum Plaudern. Doch sobald sie dasTal erreicht hatten, wurden sie sofort wieder zu den unhöflichen, schlecht gelaunten Leuten, die sie auf der Straße immer waren, erklärte Svetlana. Die letzten 100 Meter ging es steil nach oben über Schlamm, Steinbrocken und Quellflüsschen steigend, kletternd und hüpfend - dann waren wir am Gipfel angekommen. Hier stand neben einer Bergkneipenhütte eine Wetterstation und viele andere Beobachtungsstationen voller Antennen. Der ideale Platz zum Rasten, hier auf 2290 Metern Höhe. Auf einem Plateau standen Holzbänke und -tische, in denen sich frühere Wanderer sorgfältig verewigt hatten. Wir hatten Weintrauben, Tomanten und kaltes Banitsa dabei, das wir mit großem Appetit aßen. Dann war es auch schon wieder Zeit zum Umkehren, wenn wir noch mit dem Lift nach unten fahren wollten. Statt die steilen Hänge wieder hinunter zu klettern, wanderten wir eine grobsteinige Straße hinunter, die eher wie ein Flussbett aussah und von Jeeps befahrern werden konnte. Nebenschwaden zogen auf, und die Wolken hingen tief und versperrten die Aussicht ins Tal. Bald begann der Schwarze Gipfel seinem Namen alle Ehre zu machen, und als wir im Lift saßen, begann es dann auch zu regnen. Oder eher: Wir wurden nass, als wir die Regenwolken durchquerten. Wie man es nimmt - wir wurden nass bis auf die Knochen, trotz Regenjacke. Einige Verrückte kamen uns auf dem Lift mit Mountainbikes entgegen, wobei es mir immer noch ein Rätsel ist, wie sie so schnell mit ihrem Fahrrad auf den Sessellift aufspringen konnten.
Langsam klarte sich die Sicht auf. Es gab sogar schon wieder einige sonnige Flecken, aber die Luft blieb weiter herbstlich kalt. Unten angelangt wollten wir nur noch schnell nach Hause, einen warmen Tee trinken. Svetlana rief ein Taxi, und wir erlebten live mit, wie die Polizei hier agiert: Unser Fahrer hatte verbotenerweise überholt, wurde herausgewunken, stieg aus, diskutierte kurz und kam wieder mit der Bemerkung, er hätte das geregelt. Dann zeigte er die aktuelle Zeitung mit einem großen Artikel über die Verhaftung einer Gruppe korrupter Polizisten. Worauf genau sie sich geeinigt hatten, sagte der Fahrer nicht.
Svetlanas Mutter war schon wieder fleißig gewesen und hatte Kartoffelauflauf zubereitet. Wir hingen unsere nassen Sachen auf, und sie brachte einen kleinen Elektroheize um das Trocknen zu beschleunigen. Auch sofort stand der heiße Tee auf dem Tisch, und daneben Schokoladenkekse. Wir hatten noch ein paar Stunden bis zu unserer Abfahrt, die jedoch so schnell vergingen mit Essen und Einkaufen. Svetlanas Vater war in de Zwischenzeit gekommen, ein pensionierter Astronom, der sich mit uns kurz auf Deutsch unterhielt. Dann war es schon Zeit zu gehen. Svetlana kam mit uns zum Busbahnhof und sorgte auch in den letzten Minuten dafür, dass alles reibungslos verlief. Der Bus wartete schon, die Fahrer standen rauchend beieinander, redeten und nahmen nur kurz Notiz von uns. Svetlana fragte nach, ob sie nicht unsere Tickets und Pässe kontrollieren wollten, aber die Fahrer winkten ab. Wir erhielten jeder einen Gepäckaufkleber mit Nummer, die danach keinen mehr interessierte.
Viele Reisende waren es nicht, neben uns nur Noch eine Gruppe Franzosen. Die Sitze rochen genau so, wie es in einer russisch-orthodoxen Kirche duftet; aus den Lautsprechern klang bulgarische Popmusik. Ich schrieb noch einige abschließende Bemerkungen in mein Reisetagebuch. Dabei war das erst der Anfang...
Wir warteten bis halb 10 bevor wir unserer Gastgeberin eine SMS schrieben, dass wir bereits angekommen waren - man will ja niemanden so zeitig wecken, der bis Mitternacht arbeiten muss. Wir hätten uns keine Sorgen machen müssen - ihren Wecker hörte sie auch nicht. Bis sie gegen 12 Uhr am Bahnhof auftauchte hatten wir genug Zeit eine Bank mit Geldautomatem zu finden, das Geld zu wechseln und dann endlich mal aufs Klo zu gehen. Auc wenn es sonst nicht viel moderne Technik gab, waren doch alle Toiletten mit Bezahlautomaten ausgestattet. Und es gab kostenlose Internetterminals und WLAN. Das macht in meinen Augen ein zivilisiertes Land aus und relativiert den etwas wilden Eindruck bei unserer Ankunft. Ja, korrupt ist das Land dennoch. Svetlana warnte uns vor den Taxifahrern, die wie überall ein Leben daraus gemacht haben, Touristen abzuzocken. Wir gingen ein Stück vom Bahnhof weg um ein anständiges Taxi zu bekommen. Wie man den Unterschied merkt? Nach EU-Regelung müssen die Kilometerpreise am Taxi ausgeschrieben sein, und: Die anständigen Taxifahrer ignorieren ihre Kunden erstmal, statt freundlich lächelnd auf sie zuzulaufen, wie es die Wucherer tun.
Unser Taxi war schon etwas älter und hatte keine Sitzgurte. Aber Taxifahrer bekommen nie eine Strafe wegen irgendeines Delikts, erklärte Svetlana. Sie regeln das mit der Polizei auf eigene Weise. Ich vermute, es gibt da eine Art Schmiergled-Flatrate: Fahr wie du willst, zahle pauschal.
Auch gegen normale Temposünder wird oft nicht vorgegangen. So greift das Land zu kreativen Mittel, vor Unfallgefahr zu warnen: Durch das Erfinden eines Verkehrsschild für unfallreiche Stellen, zum Beispiel. Oder durch Abschreckung. Im Stadtzentrum gab es ein Kunstprojekt aus zerstörten Autos mit dem Hinweis "du sollst nicht rasen". Und da das auch nicht zu helfen scheint, wurden Polizeiwagen-Attrappen an den Straßen aufgestellt.
Als wir bei Svetlana ankamen, gab es ein leckeres Mittagessen, frisch von ihrer Mutter zubereitet, die auf Besuch war. Sie war eine schmale kleine Frau, die zurückhaltend und leise deutsch sprach, dabei aber immer lächelte. Sie hatte ein traditionelles Balkan-Essen namens Banitsa zubereitet. Es gibt übrigens keine Gerichte in den Balkan-Ländern, die nur in einem Land bekannt wären - alles wurde mit einander geteilt. So gab es zum Essen einen Teller mit bulgarischem Fetakäse (den man nicht mehr "Feta" nennen darf seit sich die Griechen den Namen gesiche t haben) und Oliven. Banitsa ist eine Art Auflauf aus Blätterteigröllchen, in den Fetakäse (gerne auch nicht der griechische), Ei und Butter hineingebacken sind. Eine Schicht Teig kommt oben drauf, die nach dem Backen mit Butter bestrichen wird; das macht es besonders saftig.
Dazu gab es eine kalte QuarkGurkensuppe. Bulgaren sind äußerst höfliche und gastfreundliche Menschen, die ihren Gästen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen versuchen. Extra für uns liefen sie noch einmal hinunter in den Laden um reichlich Getränke zu besorgen, da sie sonst nur Leitungswasser tranken und nichts anderes im Haus hatten. Wir bekamen frische Handtücher, weil sie meinten, unsere werden nicht rechtzeitig vor der Abfahrt am nächsten Abend trocken, und mehr als einmal wurden wir gefragt, ob wir uns vielleicht erstmal hinlegen wollten. Wir entschieden uns aber für die Stadttour.
Es gab einge wunderschöne Kirchen in Sofia, hauptsächlich orthodoxe, die innen mit kostbaren Wandmalereien aus dem frühen Mittelalter geschmückt waren. Das sagte zumindest Wikipedia. Tatsächlich war es aber zu dunkel, irgendetwas darin zu sehen. Es glimmten nur schwach einige Lampen in einem der hinteren Kronleuchter. Das meiste Licht kam von den langen dünnen Kerzen, die von den Gläubigen angezündet wurden: Auf den hohen Ständern für die Lebenden, auf den tieferen, mit Sand gefüllten Standflächen für die Toten. Es wirkte gespenstig, wenn die Trauernden im schwachen, flackernden Licht an den kleinen Flammen vorbeigingen.
Die Sweta Nedelja-Kirche war das genaue Gegenteil. Sie ein beliebter Ort für Hochzeiten: hell erleuchtet, golden glänzend, jeder Zentimeter war mit Bildern und Ornamenten ausgestaltet. So war es kein Wunder, dass wir mitten in eine Hochzeit hineingerieten. Die Tür hatte offen gestanden, davor standen schon jede Menge wartende Leute, ein Kameramann, Fotografen... Wir dachten, es würden noch die Vorbereitungen laufen, aber als wir dann in der Kirche waren, entdeckten wir das Brautpaar am Altar. Wir stellten uns zwischen die Gäste und sahen zu. Für mich war es faszinierend, da ich noch nie zuvor eine orthodoxe Hochzeit mitverfolgen konnte. Der Zeremonienleiter war ein freundlich aussehender Opa, nicht der grimmige Alte mit dem hohen schwarzen Hut; er sang mehr als dass er sprach, und ein Männerchor antwortete aus dem Hintergrund. Es gab eine Reihe seltsamer Rituale: Dem Paar wurden eiserne Kronen auf den Kopf gesetzt, die durch den Trauzeugen angehoben und einige Male angedeutet untereinander ausgetauscht wurden. Die ganze engere Traugemeinschaft musste dem Priester einige Runden um den Altar folgen, und nach jeder Runde segnete er sie. Am Ende sang der Chor "Auf viele Jahre" auf russisch; ein Lied, das ich noch sehr gut in Erinnerung hatte. Dann löste sich die Gesellschaft plötzlich auf, strömte aus der Kirche und die nächsten Gäste kamen hinein. Svetlana erzählte, es gäbe hier am Wochenende manchmal 7 Hochzeiten pro Tag.
Wir besuchten auch die Moschee. Beim Betreten bekamen wir lange grüne Kaputzen-Umhänge. Matthias wollte auch einen annehmen, aber da lachte der Mann am Eingang nur, weil diese Umhänge nur für Frauen gedacht waren. Aber wenn Matthias wollte, könne er einen nehmen, meinte er. Svetlana hatte in diesem Umhang unglaubliche Ähnlichkeit zu einer Kräuterhexe, zumal ihr Rucksack unter dem Stoff wie ein Buckel wirkte. Wie alle Besucher hatten wir hatten die Schuhe vor dem Eingang ausziehen müssen, und ich muss sagen, der Islam ist wirklich keine Religion für Menschen mit Schweißfüßen. Dafür war es schöner, mit bunten Fließen geschmückter Innenraum, soweit wir das zu sagen vermochten. Nur Matthias konnte sich relativ frei darin bewegen.
Da wir einmal dabei waren, wollten wir eine Weltreligionstour daraus machen und die in der Nähe liegenden Synagoge besuchen, doch die war samstags geschossen. Wir kamen noch an der ältesten Kirche Bulgariens vorbei, an der eher improvisiert als restauriert wurde: Die alten Mauern waren teils mit einem Betongemisch versiegelt worden, an anderen Stellen wurden Gehsteigplatten aufgemauert. Svetlana beklagte, dass man in Bulgarien kein Gefühl dafür hatte, wie man die Sehenswürdigkeiten für Touristen präsentieren konnte. Dabei hätte es oft schon ein wenig mehr Licht oder eine Infotafel auf Englisch getan.
Wir schlugen einen Bogen zur Marktstraße, auf der man das billigste, aber auch das schlechteste Obst und Gemüse kaufen konnte. Svetlana sagte, hier wurde grundsätzlich nur das fauligste eingetütet und die guten Sachen als Ansichtsexemplar behalten. Am Straßenrand saßen Zigeuner, die normalerweise auch Obst verkauften, aber jetzt - wahrscheinlich wegen der Wirtschaftskrise - ihre letzten Besitztümer verkauften: Alten Krimskrams, benutzte Haushaltsgeräte, schwarzweise Familienfotos, das zweite Paar Schuhe... Kinder spielten im Müll oder verkauften selbst eigenen Plunder.
In der Mitte des Marktes gab es eine schöne Kirche, die nie jemand in dem Markttreiben bemerkte.
Es gab auch einen Büchermarkt, auf dem man einige Raritäten finden konnte. Die Händler waren sich dessen wohl bewusst und verpackten diese Bücher in Klarsichtfolie um sie zu einem hohen Preis anbieten zu können.
Es wurde Abend und man begann mit dem Zusammenräumen. Wir kamen in einem Park vorbei, in dem eine Bühne aufgebaut war. Es hatten sich schon einige Zuschauer angesammelt, sogar ein Team vom nationalen Fernseheb; wir holten uns ein Eis und setzten uns dazu. Erst als die erste Sängerin auftrat, stellten wir voller Entsetzen fest, dass es ein Karaoke-Abend war. Zwar ein gehobener mit geladenen Sängern, aber das machte ihren Auftritt nicht besser. Nach zwei weiteren talentlosen Modepuppensängerinnen traten wir die Flucht an. Hier musste wirklich sonst nicht viel Interessantes passieren, wenn so etwas live übertragen wurde.
Zu Hause gab es wieder Abendbrot von Mutti, Fischstächen und Salat, dazu der übliche KäseOliventeller und aufgebackenes Brot, das sie immer im Kühlschrank aufbewahrt hatten.
Obwohl wir höchstens vier Stunden im Bus geschlafen hatten, hielt es uns bis fast elf Uhr am Tisch bis wir dann doch wie Steine ins Bett fielen.
13.9. - Ausflug in die Berge (Witoscha)
Wir standen schon recht früh auf, weil wir in die Berge gehen wollten. Unser Bus fuhr erst um 21 Uhr ab. Ursprünglich hatten wir geplant, am früheren Abend mit dem bequemeren Zug nach Istanbul zu fahren, aber aufgrund der Flut und einem Erdbeben hatte man den Schienenverkehr bis auf weiteres gestrichen. So hatten wir einen ganzen Tag zum Wandern. Totzdem kein Grund zum Trödeln. Wir nahmen also ein Taxi (diesmal mit Gurt) bis zur Talstation, von der aus ein offener Skilift auf das Witoscha-Gebirge hinauf führte. Ein Ticket kostete nur 1,50 Euro, dafür wäre - nett ausgedrückt - dieser Lift durch keinen deutschen TÜV mehr gekommen. Es war gute alte Sowjettechnik - robust, unkaputtbar. Ein sicheres Gefühl wollte trotzdem nicht aufkommen, zumal die Sicherheitshalterung eigentlich selbst nur noch von einer Schraube an der Bank gehalten wurde. Rüttelnd und schwankend ging es immer weiter nach oben, über eine Schneise im Wald hinweg, die schon wieder völlig zugewachsen war. Nur ein schmaler Wanderweg zog sich schlängelnd hindurch und verlor sich nach einer Weile in den Sträuchern. Im Wald sahen wir dann und wann Wanderer, mal mehr, mal weniger munter, aber trotz der eisigen Temperaturen hier oben nur spärlich bekleidet.
In einer Zwischenstation mussten wir in einen zweiten Lift umsteigen, bis wir dann in insgesamt einer Viertelstunde am Ausgangsort für unsere Wanderung waren. Unser Ziel war der "Schwarze Gipfel", der seinen Namen von den Regen- und Gewitterwolken erhalte hatte, die ihn meistens verdeckten.
Es führten nur Trampelpfade nach oben; der Weg war durch meterhohe, gelb-schwarze Pflosten markiert, sodass er auch im Winter zu finden war. Die Landschaft war fast unberühert, nur selten sah man eine Hütte, und einmal auch ein halb abgerissenes Hotel. Svetlana ärgerte sich darüber, dass hier alles gemacht werden konnte, was man wollte, solang man an die richtigen Leute zahlte, obwohl es ein staatlich geschützes Naturschutzgebiet war. Jetzt sollte die Ski-Piste in der Ausdenung verdreifacht werden, wodurch es nötig wurde, nicht nur Wälder zu roden, sondern auch die Moränenlandschaft wegzusprengen, wie anderswo es schon getan worden war. Viele Menschen protestierten jetzt im Sommer dagegen, aber im Winter werden es wohl weniger werden, meinte Svetlana. Es war schade um die Natur. Das Band aus grüngefleckten Eiszeitsteinen zog sich wie ein versteinerter Fluss den Hang hinunter. Doch die Natur hat den längeren Atem - spätestens, wenn sie uns die nächste Eiszeit schickt.
Viele ältere Menschen hatten es sich zum Hobby gemacht, diesen Gipfel regelmäßig zu ersteigen. Einer alten Tradition folgend grüßen sie jeden Wanderer, der ihnen begegnet, und verweilen vielleicht kurz zum Plaudern. Doch sobald sie dasTal erreicht hatten, wurden sie sofort wieder zu den unhöflichen, schlecht gelaunten Leuten, die sie auf der Straße immer waren, erklärte Svetlana. Die letzten 100 Meter ging es steil nach oben über Schlamm, Steinbrocken und Quellflüsschen steigend, kletternd und hüpfend - dann waren wir am Gipfel angekommen. Hier stand neben einer Bergkneipenhütte eine Wetterstation und viele andere Beobachtungsstationen voller Antennen. Der ideale Platz zum Rasten, hier auf 2290 Metern Höhe. Auf einem Plateau standen Holzbänke und -tische, in denen sich frühere Wanderer sorgfältig verewigt hatten. Wir hatten Weintrauben, Tomanten und kaltes Banitsa dabei, das wir mit großem Appetit aßen. Dann war es auch schon wieder Zeit zum Umkehren, wenn wir noch mit dem Lift nach unten fahren wollten. Statt die steilen Hänge wieder hinunter zu klettern, wanderten wir eine grobsteinige Straße hinunter, die eher wie ein Flussbett aussah und von Jeeps befahrern werden konnte. Nebenschwaden zogen auf, und die Wolken hingen tief und versperrten die Aussicht ins Tal. Bald begann der Schwarze Gipfel seinem Namen alle Ehre zu machen, und als wir im Lift saßen, begann es dann auch zu regnen. Oder eher: Wir wurden nass, als wir die Regenwolken durchquerten. Wie man es nimmt - wir wurden nass bis auf die Knochen, trotz Regenjacke. Einige Verrückte kamen uns auf dem Lift mit Mountainbikes entgegen, wobei es mir immer noch ein Rätsel ist, wie sie so schnell mit ihrem Fahrrad auf den Sessellift aufspringen konnten.
Langsam klarte sich die Sicht auf. Es gab sogar schon wieder einige sonnige Flecken, aber die Luft blieb weiter herbstlich kalt. Unten angelangt wollten wir nur noch schnell nach Hause, einen warmen Tee trinken. Svetlana rief ein Taxi, und wir erlebten live mit, wie die Polizei hier agiert: Unser Fahrer hatte verbotenerweise überholt, wurde herausgewunken, stieg aus, diskutierte kurz und kam wieder mit der Bemerkung, er hätte das geregelt. Dann zeigte er die aktuelle Zeitung mit einem großen Artikel über die Verhaftung einer Gruppe korrupter Polizisten. Worauf genau sie sich geeinigt hatten, sagte der Fahrer nicht.
Svetlanas Mutter war schon wieder fleißig gewesen und hatte Kartoffelauflauf zubereitet. Wir hingen unsere nassen Sachen auf, und sie brachte einen kleinen Elektroheize um das Trocknen zu beschleunigen. Auch sofort stand der heiße Tee auf dem Tisch, und daneben Schokoladenkekse. Wir hatten noch ein paar Stunden bis zu unserer Abfahrt, die jedoch so schnell vergingen mit Essen und Einkaufen. Svetlanas Vater war in de Zwischenzeit gekommen, ein pensionierter Astronom, der sich mit uns kurz auf Deutsch unterhielt. Dann war es schon Zeit zu gehen. Svetlana kam mit uns zum Busbahnhof und sorgte auch in den letzten Minuten dafür, dass alles reibungslos verlief. Der Bus wartete schon, die Fahrer standen rauchend beieinander, redeten und nahmen nur kurz Notiz von uns. Svetlana fragte nach, ob sie nicht unsere Tickets und Pässe kontrollieren wollten, aber die Fahrer winkten ab. Wir erhielten jeder einen Gepäckaufkleber mit Nummer, die danach keinen mehr interessierte.
Viele Reisende waren es nicht, neben uns nur Noch eine Gruppe Franzosen. Die Sitze rochen genau so, wie es in einer russisch-orthodoxen Kirche duftet; aus den Lautsprechern klang bulgarische Popmusik. Ich schrieb noch einige abschließende Bemerkungen in mein Reisetagebuch. Dabei war das erst der Anfang...

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