Montag, 7. September 2009

Tschüß, Wien! - Ankunft in Budapest

7.9.
Wien ist vielleicht die einzige Stadt, in der man morgens durch Pferde aufgeweckt wird - überall fahren diese Touristenkutschen entlang. Daher kommt der durchdringenste Geruch der Innenstadt vom Pferd, und das nicht in einer romantischen Ponnyhof-Variante. Die Wahrscheinlichkeit ist größer sich die Schuhe in Pferdeäpfeln zu ruinieren als in Hundehinterlassenschaften. An allen Mülltonnen stehen Hinweise für Hundebesitzer, man möge das doch bitte wegräumen - für Pferdebesitzer scheint das nicht zu gelten. Warum eigentlich nicht? Genauso seltsam kam es mir vor, dass die Zeitungstaschen verschwunden waren, die gestern noch mit einem kleinen Sparschwein versehen an jeder Laterne hingen. Dabei schien es verrückt zu sein, auf die Ehrlichkeit der Menschen zu hoffen, dass sie tatsächlich einen Euro hineinsteckten, wenn man die Zeitung ohnehin einfach nehmen konnte. Wahrscheinlich waren deshalb die Münzbehalter so klein gehalten.
Es war mittlerweile nach 9. Der Wiener Dialekt ging mir zu dieser frühen Stunde schon unheimlich auf die Nerven, dazu diese unerträgliche Fröhlichkeit - das kann man als grießgrämier Sachse und Morgenmuffel gar nicht nachvollziehen. Schlimmer noch als der durchschnittliche Wiener ist nur eine Wiener Reisegruppenleiterin. Denn die ist zusätzlich zu diesen Eigenschaften auch noch laut. Man konnte es durch die ganze U-Bahn hören, wie sie ihre Schäfchen zum Aussteigen aufforderte. Eine besonders depperte Gruppenreisende schaffte es nicht rechtzeitig aus der Bahn und stand wie ein begossener Pudel vor der verschlossenen Tür als die Bahn wieder an Fahrt gewann... bis sich einer der Mitreisenden erbarmte und ihr erklärte, dass sie einfach an der nachsten Haltestelle aussteigen und mit der Bahn gegenüber zurückfahren könne. Das war am Kardinal-Nagl-Platz. Wie ich finde, kein geeigneter Name für einen Platz, oder für irgendeine Ortbezeichnung - so gern sie ihren Erzbischof auch hatten. Aber genug der Lästereien über Wien, wir verlassen die Stadt ja schon! Die Anweisungen aus dem Internet ließen mal wieder zu wünschen übrig, wodurch wir ersteinmal zwei Kilometer in die eine Richtung laufen mussten, dann die zwei Kilometer wieder zurück, und dann noch mal zwei Kilometer in eine andere Richtung. Dann war es schon Mittagszeit als wir die Tankstelle erreichten. Die Wiener waren durchaus freundlich und hilfsbereit, wenn man sie ansprach; nur Matthias mit seinem Budapest-Schild ignorierten sie. Ich bekam oft ein "Leider nein!" zu hören, wenn ich fragte, ob sie nach Ungarn fuhren - und es hatte bisher selten so ehrlich geklungen wie in Wien. Natürlich verstand ich den Rest des Satzes nicht, denn deutsch war das schon lange nicht mehr. Bei einem älteren Mann konnte ich beispielsweise nicht mal durch mehrfaches Nachfragen herausfinden, ob er nach Wien zurück fuhr, in der Tankstelle arbeitete oder uns nach Arbeitsschluss aus Mitleid nach Ungarn fahren wollte. Ich lächelte und sagte, ich wolle es einfach weiter versuchen.
Mit vereintem Hundeblick brachten wir schließlih ein Auto zum halten - ein Setmanager auf dem Weg zu den Dreharbeiten der Soap "der Winzerkönig". Wir wollten nicht zugeben, dass wir solchen Quatsch nie anschauen würden und stellten stattdessen interessierte Fragen über seine Arbeit am Set. 30 Kilometer später war die Fahrt schon an der ersten Raststätte zu ende. Es war ein wenig schwieriger, hier jemanden zu finden, aber Matthias gabelte einen Rumänen im spanischen Auto auf, der mit seiner Freundin seit zwei Tagen von Spanien aus unterwegs war. Natürlich hatten sie ihre Route nicht ganz optimal gewählt - sie hatten einen Umweg über Deutschland genommen um dort Autobahn fahren zu können.
Im Internet waren wir vor rumänischen Fahrern gewarnt worden, weil sie sich gerne mit Anhaltern etwas hinzuverdienten. Auch ein rumänischer Student hatte mich vor dem Trampen in Rumänien gewarnt. Doch unser Fahrer war ein netter Mann, der zwar kaum englisch sprach, aber es verstand, wenn man laut sprach und sich zu ihm nach vorne beugte. Für Matthias war das machbar, da ihn kein Anschnallgurt zurück hielt, weil es auf seinem Sitz keinen gab.
Wir wurden an einer Tankstelle auf dem budapester Autobahnring abgesetzt. Von dort sollte es ja eigentlich einfach sein, aber wir waren auf einem kleinen, schmutzigen und halb aufgegebenen Rastplatz, irgendwo zwischen der Nachbarstadt Erd und der Autobahn zum Plattensee. Ein freundlicher Fahrer wies uns darauf hin, dass wir auf die andere Straäenseite mussten. Gar nicht so weit entfernt führte eine Brücke über die Autobahn, die man auf Schleichwegen durch den Wald erreichen konnte. Die Straße darüber war nicht einmal geteert, sondern eine staubige Piste, die steil einen Berg hinauf führte, vorbei an Müllbergen und noch mehr Dreck. Es war schon wieder sehr heiß geworden und die Dorfstraße nahm kein Ende, sondern schlängelte sich weiter den Berg nach oben an der Autobahn vorbei, abgetrennt durch einen hohen Zaun und hohes Gestrüpp. Man kam sich vor wie am Ende der Welt. An einem Punkt teilte sich die Straße und führte hinab zu einem McDonalds - endlich Zivilisation! Der erste Fahrer, den ich fragte, meinte gleich, dass wir auf der falschen Seite w\ren und die Autobahn auf die andere Seite überqueren müssten. Ich beschloss, diesen Hinweis zu ignorieren, sonst hätte es Leichen gegeben.
Es kamen nur kaum Autos vorbei, und wenn doch einmal, dann fuhren sie zurück nach Österreich oder Erd. Einen der Erd-Fahrer gingen wir wahrscheinlich so auf die Nerven, als wir versuchten herauszufinden, ob auf dem Weg noch ein günstiger Ort zum Anhalten wäre, dass er aufseufzte und anbot, uns bis in die Innenstadt von Budapest hineinzufahren. Wir nahmen dankbar an, und er fuhr die náchsten Kilometer, über eine wunderschöne Brücke hinein in die Stadt, vorbei Hausern, die wie Sandschlösser aussahen, und an Bushaltestellen vorbei bis ihm der Verkehr zu dicht wurde. Dort war der perfekte Ort: Direkt an einer Bank zum Geldabheben und daneben ein Supermarkt um die frischgedruckten Tausenderscheine in bustaugliches Kleingeld umzuwandeln. Viele Supermärkte der Innenstadt waren 24 Stunden am Tag durchgängig geöffnet - eine Wohltat nach Wien, wo wir den Wochenendeinkauf bis spätestens 18 Uhr am Samstag erledigt haben mussten, bevor sämtliche Läden schlossen.
Wir bemerkten es erst später, aber wir standen auch direkt neben einer U-Bahn-Haltestelle. Darin musste es sicher eine öffentliche Toilette geben, dachte ich - wurde aber von den Schildern in die Irre geleitet bis ich das Klohäuschen in einer anderen Unterführung fand, die kaum breiter als zwei Meter war und übrig gebliebener Platz der Tiefgarage zu sein schien. Schon beim Vorbeilaufen am Männerklo läutete ein Ladenklingel, die die Klofrau alarmierte. 50 Cent musste man für einen Besuch dieses technischen Wunders zahlen, das bei jeder falschen Bewegung diese durchdringende Klingel ingangsetzte. Ich weuß auch nicht, warum, aber die Klofrau war sehr fröhlich und winkte mir sogar lächelnd nach als ich die Toilette verließ.
Matthias hatte in der Zwischenzeit herausgefunden, wohin wir fahren mussten. Die U-Bahnen machten mir Angst. Es war das gleiche Modell wie in Usbekistan, in dem es sich wie auf einem störrischen Pferd fuhr: Auf- und abwippend, nach vorn und seitlich schütteln bis man sich fúhlte wie ein Milchshake, und dabei so laut ratternd, dass es unmöglich war, sich während der Fahrt zu unterhalten. Ich hatte noch ein Trauma von diesen Türen, denn sie enthielten keine Lichtschranken und schlossen in Sekundenschnelle. In Usbekistan hatte ich einmal eingeklemmt zwischen diesen Türen gehangen, was aber zum Glück bemerkt wurde bevor die Bahn losfuhr. Hier in Budapest sprintete ich nun so schnell es ging mit dem schweren Rucksuck in die Bahn und schob dabei ein paar Leute aus dem Weg; die Türen klatschten zu und eine unverständliche Stimme sagte kaum vernehmbar, wie der nächste Halt hieß. Wie in Usbekistan. Man muss also gar nicht weit reisen um an solche abenteuerlichen Orte zu kommen. Interessante gesetztliche Regelungen gab es hier offenbar auch zu Hauf - wie beispielsweise, dass bei Feinstaubbelastung Autos mit ungerader Nummer auf dem Nummernschild nur an ungeraden Tagen fuhren durften, ebenso galt diese Regelung für gerade Nummern, aber die Polizei durfte nur darauf hinweisen, dass man das doch bitte unterlassen soll, und kein Bußgeld verhängen. Steht zumindest in Wikipdia, und jeder weiß, dass Wikipedia immer Recht hat ;)
Wir waren mit Lazlo verabredet, der in Budapest unser Gastgeber sein würde. Er kam nur einige Minuten zu spät und entschuldigte sich vielmals dafür. Wir stellten schnell fest, dass Ungarn sehr höflich, aber auch ausgesprochen warm und gastfreundlich waren. Am Abend saßen wir mit ihm und seiner Freundin Anna lange beisammen - die extra noch schnell zum Bäcker sprintete um frisches Brot zu holen - aßen Sandwiches und tranken ihren besten Obstschnaps, in den echte Früchte eingelegt waren, und redeten und diskutierten bis sich die Müdigkeit bleiern über unsere Augenlider legte. Ich fand es wunderbar, mich bei Gleichgesinnten wiederzufinden, die - obwohl sie älter waren - Star Trek-Poster an der Wand hängen hatten und mindestens genau so viele US-Serien ansahen wie ich. Matthias saß mit verschränkten Armen daneben, während wir über unsere Lieblingsserien diskutierten. Trotzdem war es ein gelungener Abend.
Wir haben nun drei volle Tage Zeit, die Stadt zu erkunden, weshalb ich es mir erlaube, bis in die Nacht hinein zu schreiben - besonders da ich hier einen Computer mit echter Tastatur nutzen kann, nicht nur die winzige Bildschirmtastatur meines Smartphones, die ständig andere Buchstaben einfügte als ich eigentlich angetippt habe. Nun aber genug für heute; ich glaube, Matthias schläft schon.

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