Freitag, 4. September 2009

Warschau, Polen

26.8. - Warschau
Die Fahrt sollte lang werden; durch den Zeitzonenwechsel sogar noch eine Stunde länger. Ich frage mich, was passiert, wenn man mit einem Flugzeug nach Osten reist, dabei genau die richtige Geschwindigkeit hat, um 24 Stunden lang die gleiche Uhrzeit zu haben, und dann die Datumsgrenze überschreitet. Erlebt man den Tag erneut? Und wenn ja, wie oft kann man das machen? Über sowas muss man mal bei ein paar Bier nachdenken.
Ich hörte Musik um das Radio und die lauten Leute hinter mir zu übertönen, als ich plötzlich einen Geist saß. Nein, eigentlich war es die Frau vom Sitz hinter mir, gekleidet in ein langes, altmodisches Kleid. Sie deutete auf mein Smartphone. Aus dem wenigen Englisch, das sie sprach, entnahm ich, dass ihr Vater im Krankenhaus lag, sie anrufen wollte, aber ihr Akku leer war. Eine SIM-Karte hinzureichen sagt mehr als 1000 Worte, so tauschte ich die Karte mit der in meinem Handy aus, und sie bedankte sich überglücklich dutzende Male, und versuchte mir ein Butterbrot zu schenken, das dick mit Blutwurst belegt war, weshalb ich drei mal dankend ablehnen musste. Denn so oft gebietet die osteuropäische Höflichkeit, etwas anzubieten, bevor es als abgelehnt akzeptiert werden kann.
Stunde um Stunde holperte der Bus über Feldwege, die beim besten Willen nicht als Straßen bezeichnet werden konnten, im Wettkampf mit den LKWs um jeden Meter Straße - beschleunigend und urplötzlich bremsend im Sekundentakt. Die Klimaanlage war derweil auf Dauerfrost gestellt, und hatte dennoch keinerlei Auswirkung auf die durch Ausdünstungen meiner Sitznachbarn angereicherte Luft. So wurde es 2 Uhr morgens, dann 3 Uhr morgens, dann wieder 2 Uhr. Als es wieder 3 Uhr war, ging plötzlich das Licht an und der Bus hielt an. Nach einer Ansage auf Polnisch gingen einige Leute zögerlich nach draußen. Ich hörte "bagasch" und dachte schon, sie wollten uns auf den Verlust unseres Gepäcks aufmerksam machen, doch es wurde nur in einen anderen Bus umgeladen. Bei der Gelegenheit konnte ich meinen Schlafsack erhaschen. War es Einbildung, oder waren tatsächlich die Scheiben gefroren?
Ich schlief wohl doch ein, denn dann stand der Bus mit einem Mal und die Sonne ging auf. Warschau wirkte sehr grau und unfreundlich, doch, wenn man die grimmig aussehenden Leute freundlich ansprach, halfen sie, soweit ihre Englischkenntnisse das zuließen, mit einem kurzen Kopfschütteln.
Aber davon ließen wir uns nicht entmutigen - wir sind hier schließlich auf einer Mission: Vorurteile abzubauen. Wenn nur das Land dabei helfen würde! Wir versuchen nicht zu denken, dass Polen kriminell seien. Aber das erste, was am Busbahnhof auffällt ist ein Mann, der in einen Laden einbricht. Wahrscheinlich war es sein eigener Laden, und er hatte nur den Schlüssel verlegt, dachte ich - mich gegen meine Vorurteile wehrend. Doch eine Art Bodenstrahlung schien Polenwitze auszulösen; Matthias und ich konnten uns gar nicht bremsen und hauten einen Witz nach dem anderen heraus, teilweise so unfreundlich, dass ich sie hier nicht wiederholen möchte.
Es half nicht, dass das erste auffällige Gebäude Warschaus so aussah, als hätte man den Big Ben in das House of Parliaments gesteckt und von London hier hergebracht. Sonst war Warschau in aller erster Linie schmutzig, staubig, voller Abgase, und in der Mitte einer Hauptverkehrsstraße stand eine einsame, hohe Plastik-Palme.
Wir versuchten Geld für eine Fahrkarte abzuheben, aber im gesamten Bereich des Busbahnhofs waren die Automaten außer Betrieb und die Wechselstuben geschlossen. Außerhalb fanden wir einen Automaten in einer Seitenstraße, aber besonders vertrauenserweckend fand ich polnische Geldautomaten nicht, was vielleicht daran lag, dass sie mit pornografischer Werbung gespickt waren. Aber was blieb mir anderes übrig? Wir brauchten das Geld für den Bus um zu unserem Gastgeber zu kommen. Ich bekam ein paar schöne Spielzeuggeldscheine raus und wechselte sie an dem Stand des Einbrechers in Münzen, indem ich zwei Riesenlustscher für umgerechnet ein paar Cent kaufte. Matthias hatte derweil draußen gewartet um den Fahrplan zu studieren, aber bei genauerer Betrachtung fiel auf, dass im Schaukasten keine Fahrpläne hingen, sondern die komplette Verkehrsbetriebsverordnung auf Polnisch und Englisch. Es schien uns das Sicherste einfach ein 3-Tages-Ticket zu nehmen, zumal sie so billig waren, dass wir schon dachten, für unser Spielgeld würden wir nur Spielfahrkarten bekommen.
Wir wollten noch nicht sofort zu unserem Gastgeber, weil es noch recht früh morgens war, doch es stellte sich heraus, dass er schon auf uns wartete, und wir nur knapp so spät kamen, dass er seinen Arzttermin nicht mehr schaffte. Jacob wohnte in einer Plattenbausiedlung, die gerade grundrenoviert wurde. Klingeln gab es noch nicht oder mehr, und wir stiegen etwas skeptisch an den unverputzten Wänden vorbei das dunkle Treppenhaus hinauf, aus dessen Wände Drähte hingen und dicke Leitungen auf dem Boden als Stolperfallen dienten. Wir fanden die richtige Wohnung durch Raten und wurden von Jacob, seiner Freundin und seinem großen schwarzen Hunderüden begrüßt. Jacob war sehr amerikanisch, oberflächlich höflich; er sagte uns, wir könnten alles nutzen, was es in der Wohnung gibt und ließ uns dann allein in dem Zimmer, in dem wir übernachten sollten. Jacob hatte uns empfohlen, jetzt noch ein Nickerchen zu halten, bevor die Presslufthammer wieder einsetzen würden. Und da waren sie schon, aber gedämpfter als in der Küche. Als wir nach ein, zwei Stunden wieder erwachten, fanden wir die Wohnung leer vor, nur der Hund wollte mit uns spielen, und mit unseren Sachen noch viel lieber. Wenn ihm das langweilig wurde, lag er im Flur mitten zwischen Badtür und unserem Zimmer, dessen Tür sich nicht richtig schließen ließ.
Wir nahmen den Schlüssel, den uns Jacob gegeben hatte, stiegen über den Hund und gingen nach draußen, die Stadt erkunden. Ich fragte später per SMS nach, ob wir uns zum gemeinsamen Abendessen treffen wollten, aber er antwortete nur, dass es nicht nötig ist. Was sollte ich darauf noch antworten? So hatten wir jedenfalls den ganzen Tag Zeit, irgendetwas anzustellen.
Es war drückend heiß geworden, Staub und Abgase verdichteten die Luft so, dass sie kaum noch zum Atmen geeignet war. Wir besichtigten viele Parks und Einkaufszentren, weil wir darin wenigstens einmal durchatmen konnten. Es gab ein schönes modernes Einkaufszentrum im Zentrum, dessen Dach aus riesigen Schaumblasen zu bestehen schien. Ein Arbeiter spazierte auf den abgerundeten Glasflächen über uns entlang um sie zu putzen oder zu reparieren. Wir kamen an vielen weiteren Kaufhäusern vorbei, aber es schien unmöglich, einen Supermarkt zu finden. Erst als uns der Hunger schon fast in ein Restaurant getrieben hatte, fanden wir einen Supermarkt in der unseren Etage einer Spielwarenhandlung, wo wir nur auf der Suche nach einer Toilette gelandet waren. Benutzt habe allerdings nicht ich die Toilette, denn ich hatte das Glück, dass meine Tür beim Zuschließen nicht aus der Verankerung fiel.
Im Supermarkt unsere Vorräte aufgefüllt, führten uns unsere Schritte automatisch aus der Innenstadt heraus, weshalb wir nicht die Altstadt fanden, sondern ein Flussufer, an dem sogar etwas Sand lag. Wenn der Himmel nicht so aschgrau gewesen wäre, hätte fast eine gemütliche Stimmung aufkommen können. Man durfte nur nicht so genau hinschauen. Oder riechen. In das Gebüsch über mir hatte vor kurzem jemand uriniert. Das wird wohl eine der harmloseren Dinge gewesen sein, die in den Gebüschen am Fluss vorgekommen sind. Am Ende dieses kleinen Strands lag ein verrostetes Etwas, vielleicht ein Kühlschrank. Matthias zog seine Schuhe und Socken aus und fand den Mut, die Füße ins Wasser zu halten. Ich erwartete eine chemische Reaktion zwischen seinen Füßen und dem Industriewasser, aber nichts dergleichen geschah. Es begann zu dämmern - oder legte sich nur der Staub? Wir hatten keine Ahnung wo wir waren, doch einen Kilometer flussabwärts stießen wir wieder auf eine Bushaltestelle. Die Brücke und die Straße über uns wirkte nicht besonders vertrauenserweckend, und irgendwie angesengt. Hier war die Luft noch viel dicker, und es dauerte eine gute halbe Stunde bis ein Bus in unsere Richtung kam.
An der vorletzten Haltestelle vor unserer Plattenbauten-Siedlung stiegen wir aus um noch etwas zum Abendbrot zu kaufen. Wir konnten uns nun sogar schon wieder Milch-Produkte leisten.
Während wir auf den nächsten Bus warteten, kam ein Betrunkener lallend auf uns zu und versuchte unser neuer bester Freund zu werden. Ich schreckte vor dem sich ankündigenden Körperkontakt zurück und sprang davon. Das entsetzte den armen Betrunkenen sehr, dass er mir hinterher stolperte und sich entschuldigte, dass er mich erschreckt hatte. Seine Freundin griff beherzt zu und sagte, dass er normalerweise nicht so ist. Das wagte ich noch zu bezweifeln und setzte mich im kommenden Bus ans andere Ende.
Als wir bei Jacob ankamen, hatten sie schon gegessen. Matthias begann Reis mit Hühnchen zu kochen, und der Hund gesellte sich zu uns. Dafür bekam er etwas vom Essen hab. Jacob lieh uns sein Notebook aus, sodass wir Kontakt mit möglichen Gastgebern für den Rest der Reise aufzunehmen konnten. Das hatten wir irgendwie verpasst. Wir hatten die Nordroute komplett durchgeplant, aber für die Südroute war es den meisten Leuten bei Couchsurfing zu früh gewesen, als wir sie Mitte Juli angesprochen hatten. Nun war es knapp eine Woche bis Prag und Wien, und wir hatten noch keine Zusagen. Es sollte sehr knapp werden, aber um so viel zu verraten: Wir haben es immer wieder hinbekommen.

27.8.
Was mir in Warschau besonders auffiel: Viele Leute sprachen mich an um sich nach dem Weg oder einer Busverbindung zu erkundigen. Ich beschloss, mir für das nächste Mal in Polen ein T-Shirt bedrucken zu lassen, auf dem auf Polnisch stehen sollte: "Frag mich nicht, ich bin nur ein dummer Tourist"

Der Wetterbericht hatte Regen angekündigt, aber die Luft war nicht wie versprochen besser, sondern einfach nur nässer. Im Supermarkt im die Ecke fand ich zum ersten Mal dieses Jahr Lebkuchen, gefüllt mit Erdbeerersatzprodukt. Ich konnte nicht widerstehen und kaufte mir die Packung; sie sollte mich noch bis Athen begleiteten.

Auf der großen Magistrale standen allerlei Prachtbauten; an einem sakral wirkenden Gebäude prangte das Bild des letzten Papstes - immer noch ein polnischer Volksheld.
Wir hatten die Altstadt gefunden. Sie begann mit den gebirgsjägerähnlichen Wachen vor dem Parlament und führte weiter in die die Berge bis hinauf zu einer Burg, in deren orange widerscheinenden Gemäuern Schnitzer ihre Masken an die Touristen loszuwerden versuchten. Hier begegneten uns auch zum ersten Mal die drei jungen Kerle, die einen Wegweiser zu einem Subway-Imbiss durch die Gegend trugen, und dem Kamerateam, das aus irgendeinem Grund immer wieder an den Plätzen auftauchte, die wir uns gerade anschauten. Die Wegweiser-Jungs schienen allein zu Werbezwecken durch die Stadt zu laufen; irritierend war nur, dass sich die Richtung zum Subway immer wieder änderte - ja nachdem, an welcher Stelle die Jungs Rast machten. Das Kamera-Team führte Interviews mit Passanten; die Reporterin war völlig überschminkt um vor der Kamera ihr Alter zu verstecken. Die Subway-Jungs rannten durchs Bild.
Die kleinen Gassen der Warschauer Altstadt wirkten sehr beschaulich, ganz anders als der Rest der Stadt. Es gab eine ganze Reihe schöner kopfsteingepflasterter Plätze, auf denen Maler ihre Bilder ebendieser Plätze zum Verkauf boten. Das Flair erinnerte an Italien, mit den vielen Restaurants, Cafés und Eisdielen. Sogar ein Scharm Tauben flog über die Cappuccinos der Gäste - ganz wie in Venedig. Hinter uns tauchte das Fernsehteam auf und wir flohen auf die nahe Aussichtsterrasse. Diese war eigentlich nur das Dach eines Wohnhauses, und das Treppenhaus hätte man sicher auch ohne zu bezahlen hochsteigen können. Es war aber sicher ein altes Gebäude; nach oben hin wurde die Decke immer niedriger, bis Matthias schon mit dem Kopf dagegen stieß. Hinter der geschmiedeten Außentür befand sich ein Aufbau, in dem eine große, alte, kupferne Glocke hing. Von hier hatte man den schönsten Ausblick auf die farbenfrohe Stadt, die vielen prachtvollen Gebäude, den rosafarbenen Palast, die weiße Hängebrücke und die Autobahn aus der Stadt hinaus.
Von hier oben saß Warschau überraschend grün aus; es gab Parks, die so groß waren, dass man darin den ganzen Tag verbringen konnte. Das taten wir dann auch mit dem Rest des Tages im Łazienki-Park, einer wunderschönen Parkanlage mit einem Wasserschloss, Statuen, Pavillons, Brücken über Kanäle und allerlei anderes, in dem die alten Könige gern lustgewandelt sind.
Als wir am späteren Abend zu Jacob zurückkehrten, war dort ein fleißiges Treiben im Gange; es wurde gekocht und gebacken und das Gekochte und Gebackene in Taschen und Körbe gepackt und alles auf eine Grillparty vorbereitet. Die ganze Nachbarschaft war auf den Beinen und das Nachbarkind kam auf uns zu und versuchte mit uns ihr Englisch zu üben, aber es reichte nur um herauszufinden, wo wir herkamen. Jacobs Freundin fragte uns, ob wir zur Feier mitkommen wollten, aber so richtig willkommen fühlten wir uns nicht, und da wir am nächsten Morgen sowieso früh aufstehen mussten, lehnten wir dankend ab. Wir wussten es noch nicht, aber wir würden alle Kraft brauchen können auf dem Weg nach Wrocław.

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