2.9.
Zarko hatte uns nur eine Bedingung für unseren Aufenthalt hier gestellt: Nicht vor 9 Uhr morgens das Bad zu benutzen. Mir ist noch deutlich der Film Gremlins in Erinnerung, der uns alle gelehrt hatte, dass man auf Bedingungen hören muss; und ich wollte gar nicht wissen, was passierte, wenn wir diese Regel übertraten, aber ich vermutete, dass er zu einem grünen Sumpfmonster mit rot glühenden Augen und scharfen Zähnen mutieren würde. Wir verhielten uns also leise am Morgen bis wir gegen halb 11 Geräusche aus seinem Zimmer hörten. Als Programmierer in Gleitzeit konnte er sich einen Kater an einem Wochentag leisten. Ganz so gut sah er an diesem Morgen nicht aus, aber er machte generell einen verwirrten, nicht ganz mit der Realität in Einklang stehenden Eindruck mit seinen wilden, ungewaschenen Locken und dem abwesenden Blick, der sich nur dann belebte, wenn er über Computer sprach.
Wir verließen gemeinsam das Haus, er gab uns im Gehen einige Tipps für unsere Tagesplanung, die wie immer mit dem Finden eines Supermarkts beginnen sollte. Da Zarko das Haus aber nur zum Arbeiten und Trinken gehen verließ, stellten sich seine Angaben als äußerst ungenau bis falsch heraus. Das Navi war auch keine große Hilfe, weil die Häuser der Innenstadt so hoch und dicht aneinander gedrängt standen, dass immer wieder das GPS-Signal abbrach. Gleichzeitig sprang unsere Position auf dem Bildschirm zwischen den eingezeichneten Straßen hin und her bis wir völlig die Orientierung verloren hatten. Der Verkehr war schlimmer als in Warschau; keiner nahm Rücksicht auf die anderen, wer zuerst hupt, hat Vorfahrt, und das waren sicher nicht nur 50km/h. Matthias wäre fast überfahren worden, als er den Fehler machte, eine Straße ohne Fußgängerampel zu überqueren.
Wir beschlossen dann, dass es vernünftiger wäre, zum Moldauufer zu laufen, da ich von dortaus in der Lage sein würde, auch ohne moderne Technik die Prager Altstadt zu finden. Nach einigen Häuserecken sah ich die ersten charakteristischen Türme, und wenig später fanden wir uns mitten im touristischen Herzen der Stadt wieder: Das Schokoladenmuseum, in dem es die beste heiße Schokolade der westlichen Welt bekam, wenn ich mal übertreiben darf. Die Schokolade war hausgemacht; es war ein ganzer Klumpen, der an einem Holzstiel in heißes Wasser getaucht wurde und sich darin schnell auflöste.
In dieser Gegend reiht sich ein Souvenierladen and den anderen, nur unterbrochen von teuren Snack- und Schmuckläden. Doch es war der angenehmere Teil von Prag, in dem man nicht jederzeit bangen musste, überfahren zu werden. Unvermittelt öffnete sich vor uns eine Straße zum großen Marktplatz, der heute einen auf mittelalterlich machte, aber die richtige Atmosphäre nicht erschaffen konnte. Als wir endlich ans Wasser kamen, waren wir wieder ein gutes Stück von dem touristischen Zentrum entfernt. Hier standen Angler gemütlich am Ufer, gar nicht erwartend, dass sie einen Fisch aus dem trüben Nass ziehen zu können. Ein Schwan zog an uns vorbei und kehrte zurück als Matthias Keksbrocken ins Wasser warf. Ich wollte meine Füße ins Wasser halten, da fauchte er mich an und ich war beleidigt. Von mir bekam er nichts mehr. Wir wanderten weiter am Wasser entlang, fanden ein schmales Stück Park, in dem schon irgendwelche Leute schnarchend lagen und verblieben dort für eine Rast. Nach einer Weile quängelte Matthias, er wollte nun endlich diese berümte Brücke sehen.
Die Brücke, die er meinte, war die Karlsbrücke, und sie war noch immer eine Baustelle wie bei meinem letzten Besuch. Auf dem verbleibenden freien Platz standen die unbekannten prager Straßenkünstler, die ihr Geld mit Landschaftsmalerei, selbstgebasteltem Schmuck und Karikaturen ihrer Kunden verdienten. Jeder einzelne hatte eine Lizenz hier zu stehenam wahrscheinlich provitabelsten Ort in ganz Prag.
Ohne darauf hereinzufallen, überquerten wir die Brücke und begannen den Aufstieg zur Prager Burg. Es war schon später am Abend und nur noch wenige Touristen waren unterwegs. Ich erkannte die Burg kaum wieder, ungefüllt von Touristengruppen. Wir kamen sogar in die Burgkirche hinein, vor der beim letzten Mal die Warteschlange bis zum Ausgang stand. Die Kirche war beeinduckend, unheimlich hoch und das Licht aus den rot strahlenden Buntglasfenstern brach sich an Säulen und am Boden. Etwas deplaziert wirkten nun die Schilder, die dem Besucher eine Laufrichtung vorgaben um in der Hauptbesuchszeit den Besucherverkehr zu regeln.
Wir kamen sogar ohne Probleme ins goldene Gäßchen, wohl die bekannteste prager Gasse, die zwar nicht golden war, aber durchaus besonders: Niedrige Holzhäuser drängten sich aneinander, vor einem besonders kleinen machtealle Besucher einen Größenvergleich mit sich selbst - das beliebteste Fotomotiv. Auch wir konnten dem Gruppenzwang nicht entgehen.
Wie schon erwähnt, war es recht spät geworden und noch noch wenige Touristen hielten sich hier auf. Ihre Anzahl war so gering, praktisch zu vernachlässigen, dass in diesem Moment das Tor mit der Aufschrift "Ausgang" abgesperrt wurde. Wir hofften einfach mal, dass der Eingang zur Gasse noch offen war und hatte Glück. Wer weiß, wie viele Touristen hier schon stundenlang an das Tor getrommelt hatten bis ein Wachmann vorbei kam. So ein Wachmann kommt nämlich nur vorbei, wenn man auf dem Rand eines Springbrunnen sitzt um einen dort zu vertreiben. Ich hatte darüber nachgedacht, einige dieser seltsamen fremdländischen Münzen für meinen Vater mitzubringen, aber da hätte der Wachmann sicher auch etwas dagegen gehabt.
Mittlerweile musste es an der Zeit gewesen sein, zu der unser Gastgeber von der Arbeit kam, denn wir kehrten um, ohne den singenden Brunnen gefunden zu haben. Wir wollten es morgen noch einmal versuchen, kauften noch etwas Pasta ein und nahmen die nächste Metro zurück. Die nächste Metro war noch ein ziemliches Stück entfernt; wir mussten uns erst durch die bunt leuchtensten blinkenden Touristenmeilen kämpfen, auf denen jeder betrunken schien.
Zarko erwartete uns schon, hungrig. Er schnippelte Gemüse klein, warf es mit Quark in die Pfanne und schlug noch zwei Eier hinein. Es sah aus wie Erbrochenes und schmeckte nach gar nichts, weshalb wir es mit viel Ketchup zu etwas Essbarem machten.
Irgendwie kam unser Gespräch auf Drogen, und es stellte sich heraus, dass unser Gastgeber so regelmäßig Drogen nahm, dass er seine eigenen Haare rauchen könnte. Er sprach davon, wie er plante, Zauberpilze anzubauen und erklärte uns die Drogen, die er nahm, und von denen wir teilweise noch nie gehört hatten.
Er schien abe auch ohne Drogen in völlig anderen Sphären zu schweben - er hatte urplötzlich Begeisterung darin gefunden, uns Videos auf youtube zu zeigen - Originalaufnahmen von Softwaredemos aus den 60er Jahren in schwarzweiß. Ein Video nach dem anderen. Wir suchten eine höfliche Art ihm zu sagen, dass wir uns zu Tode langweilten. Bei der nächsten Gelegenheit unternahm Matthias die Flucht ins Bad und ich fragte, ob es ihn stören würde, wenn ich gleich duschen ginge. Zarko schien enttäuscht, weil er mit uns noch in eine Bar zu gehen vorhatte, obwohl es schon Mitternacht war, und er morgen arbeiten musste und wir noch etwas von der Stadt sehen wollten, statt durchzuhängen.
Als ich aus dem Bad wiederkam, durchwühlte er gerade den Papierkorb nach einem Tütchen Marihuana, das er irgendwo in der Wohnung verlegt hatte. Als ich Gute Nacht sagte, gab er auf und setzte sich an sein Notebook, wo er wahrscheinlich bis bis zum Morgen schlief. Er klagte jedenfalls über Schlafprobleme und Aufwachen mitten in der Nacht, die nur mit Surfen im Netz überwunden werden könne. Ich kann es mir jedenfalls nicht anders erklären, denn von Rotwein soll man recht gut schlafen können, und er hatte die Flasche fast allein geleert.
3.9.
Diese Couch brachte nichts als Alpträume. Schon den zweiten Morgen erwachte ich früh und versuchte liegend und an die Decke starrend die Dämonen der Nacht abzuschütteln. Vielleicht wuchsen hier schon seltsame Pilze in den Wänden. Genug Platz wäre. Vom Bad aus sah man nicht etwa aus dem Fenster, sondern in einen tiefen Schacht. Irgendetwas Silbriges lag tief dort unten. Als hätte es nicht gereicht, tote Vogelspinnen unter Glas an die Wand zu nageln um diesem Haus eigen gruseligen Anstrich zu geben.
Matthias gammelte noch bis 12 Uhr auf seinem Fußbodenlager herum. Ich glaube, zu irgendeinem Zeitpunkt war Zarko ins Zimmer gekommen, hatte einen Schlüssel erwähnt und das Haus verlassen. Als wir das Haus verlassen wollten, stellten wir fest, dass er vermutlich gemeint hatte, dass er uns jetzt einsperren würde. Die Suche nach einem Schlüssel blieb erfolglos, beide Türen waren verschlossen und keiner seiner Mitbewohner war im Haus. Wir kratzen die Reste vom Abendbrot zusammen um daraus ein Mittagessen zu machen, da es sonst nichts Essbares im Haus gab und versuchten Zarko auf dem Handy zu erreichen. Er versprach bald vorbei zu kommen. Gegen 13 Uhr stand er in der Tür und freute sich, dass Matt ias abgewaschen hattr. Er meinte, er sollte seine Gäste öfters einsperren.
16 Uhr hatte er ein Meeting, aber bis dahin hatte er Zeit mit uns essen zu gehen. Matthias wollte seit unserer Ankunft unbedingt bömische Knödel essen, aber billig bitte. Zarko brachte uns also zu einem Stadtteil, dessen Mieten so billig waren, dass dort direkt an der Autobahn ein Technik-Park errichtet worden war, in denen sich hauptsächlich Computerfirmen niedergelassen hatten, auch ein paar bekannte wie IBM oder Sun. Hier arbeitete auch Zarko. Eigentlich war es mehr eine kleine Stadt mit Einkaufszentren, Supermarkt und Bäckerladen, in der sich Programmierer endgültig vom Rest der Welt abschotten konnten. Gleich daneben begann der alt-sowjetische Teil der Stadt voller Plattenbauten, doch an der anderen Seite der Autobahnbrücke lag ein gemütlicher Vorort, in dem es ein typisch-tschechisches Restaurant mit Biergarten gab. Wir waren spät dran, und es gab nur noch das Gericht des Tages: Ente mit Knödeln. Das klang gut, aber hatten wir genug Geld dabei? Ich bat Zarko nach dem Preis zu fragen, aber er bestellte einfach. Wir hatten noch 250 Kronen, das waren etwa 10 Euro - genug für uns beide, aber Zarko hatte nur Kleingeld dabei. Und Essensgutscheine. Ich war wirklich auf die Rechnung gespannt und vertraute auf die tschechische Sorglosigkeit. Und tatsächlich - zusammen mit drei Essensgutscheinen und unseren letzten Hundertern reichte es.
Das Essen war übrigens köstlich und reichhaltig gewesen, aber sehr schwer. So schleppten wir uns mühsam - vollgefressen wie wir waren - zum Technikpark zurück, verabschiedeten Zarko und gingen Richtung Einkaufszentrum zum Geldholen als es zu regnen begann. Das kam uns gerade recht zum Ruhen an einem geschützten Ort, statt die andere Option aus dem Sprichwort wahrnehmen zu müssen - nämlich die tausend Schritte tun.
Später, als wir wieder munterer wurden, verliefen wir uns im Einkaufszentrum und fanden uns gegenseitig nicht wieder. Durch die viele Technik und Strahlung und was-auch-sonst-noch war es nur eingeschränkt möglich, einander SMS zu schicken. Ohne die Spannung nehmen zu wollen: Wir schafften es und sind dann wieder in die Stadt gefahren ohne dort den singenden Brunnen zu finden.
Da wir auch am späteren Abend nichts von Zarko hörten, gingen wir allein in eine ruhige Cocktailbar, in der die Drinks nur 3,50 Euro kosteten und man mit Euro zahlen konnte, und schrieben ihm, er könnte vorbeikommen wenn er mit der Arbeit fertig sei. Schwerer Fehler.
Erst begann das Hin- und Her, wie er uns finden könne. Ich schickte Matthias zur Metrostation, an der Zarko sich aufhielt, der aber in der Zwischenzeit weitergelaufen war ohne bescheid zu geben. Als sie sich gefunden hatten und zur Bar kamen, wollte Zarko schon wieder gehen. Auf dem Weg zu seiner Lieblingsbar setzte er sich neben zwei dunkle Typen auf die Parkbank um von ihnen Drogen zu kaufen. Es war ihm jedoch zu teuer und wir gingen weiter; die Typen folgten uns. Vor uns grölte eine Reisebusladung Fußballfans, und ich fragte mich, wohin zum Teufel unser Gastgeber uns brachte, und warum.
Nun, das Warum erklärte er: Es war billig dort. Die Bar war ein verrauchter Ort, der voller einsamer, verzweifelter Männer war. Von der Straße aus kam man durch verwinkelte Gänge und Treppen bis in die untersten Kellerräume, in denen Heizungsrohre die Ziegelwände dekorierten. Zarko ließ uns zurück um Gras zu kaufen, dann verschwand er noch mal und ließ uns allein, mit einem Tütchen Marihuana auf dem Tisch. Prag ist trotz allem nicht Amsterdam, und Drogen sind illegal. Ich wusste nicht, ob ich auf das Tütchen aufpassen sollte - oder doch lieber abstreiten, dass es zu uns gehörte.
Zarko rauchte das Gras ungezwungen in der Öffentlichkeit, bis ihn ein Aufpasser zumindest aus der Bar herausschickte. Dazu trank er Bier und Wein und wurde immer breiter, der Blick glasig und die Sätze immer verwirrter und kaum noch verständlich, weil er die Zähne nicht mehr auseinander brachte.
Seit etwa ein Uhr morgens versuchten wir ihn mit unterschiedlichen Strategien zum Heimkehren zu bewegen, weil wir uns früh am Morgen schon wieder auf den Weg nach Wien machen mussten. Halb drei hatten wir Erfolg. Zarko stiefelte voran; ihm hatten sich die Geheimnisse des Universums offenbart. Nur dass der Fußweg so hügelig war, das konnte er nicht fassen, beschwerte er sich mit blutunterlaufenem Blick. Er zeigte uns eine Bushaltestellte, meinte pinkeln zu müssen und verschwand. Verschwand wirklich. Wir konnten keine Spur von ihm finden, und ich vermutete, dass er erst am nächstem Morgen kopfüber in einer Mülltonne gefunden werden würde. Allmählich wurde ich sauer; die Wirkung der beiden Cocktails hatte nachgelassen und die Müdigkeit begann sich in den Gliedern auszubreiten.
An der Haltestelle fuhren eine ganz Menge Busse und Straßenbahnen ab, und keine der auf den Abfahrtstafeln aeschriebenen Haltestellen kam uns bekannt vor, da wir immer nur mit der U-Bahn gefahren waren. Einen Schlüssel hatten wir auch nicht, selbst wenn wir es zur Zarkos Haus schaffen würden. Wir sahen uns schon zitternd im Park schlafen, wärmesuchend an Drogendealer gekuschelt - doch schon nach 20 Minuten tauchte Zarko wieder auf, schwankend, breit grinsend. Aus Rache redetem wir ihm ein, dass er vier Stunden lang weg gewesen war. Er beschwerte sich daraufhin, dass wir nicht herausgefunden hatten, welcher Bus zu ihm fuhr. Mit ihm argumentieren konnte man nicht mehr; wir nahmen das genau so hin wie seine Bemerkung auf unsere Frage, ob wir die Tickets beim Fahrer bekommen könnten: "Nö, und wenn sie euch kontrollieren, seid ihr am Arsch."
Kinder, lasst euch das eine Lehre sein: Drogen sind schlecht für zwischenmenschliche Beziehungen, denn sie zeigen euer wahres Gesicht... ;)
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