9.9.
Unser Plan hatte vorgesehen, dass wir am Donnerstag Abend den Zug nach Bulgarien nehmen würden, dort eine Nacht blieben, um dann weiter nach Istanbul zu fahren. Lazlo fand jedoch heraus, dass der Bus schneller am Ziel war, und dazu nur die Hälfte kostete - dafür aber erst am Freitag fuhr. Er lud uns ein, noch eine weitere Nacht zu bleiben, und wir nahmen dankbar an. So war heute die erste Aktion des Tages, uns die Bustickets zu kaufen. Mit Studentenrabatt bekamen wir sie sogar für nur 42 Euro pro Person, und das ganz ohne den internationalen Studentenausweis, obwohl wir den wohl korrekterweise gebraucht hätten...
Wir fuhren weiter zu einer beliebten Markthalle. Beliebt war sie vor allem bei Touristen. Kaum ein Einheimischer ließ sich auf den sauberen Gängen zwischen den Ständen blicken, alles war auf englisch oder deutsch angeschrieben und die obere Etage war gleich komplett zur Souvenierladenfläche umfunktioniert worden, nur unterbrochen von überteuerten Imbissständen. Aber wir hatten Hunger und kauften uns je ein Marneladengebäckstück. Ich hatte mich ja immer geweigert, von den Gebäckverkäufern in den Unterführungen und Metroschächten etwas zu kaufen, da dort immer ein durchdringender Geruch nach feucht gewordenem Hund und Quark herrschte. Auch fand ich es dort unten ziemlich deprimierend - überall Obdachlose. Die Rolltreppen waren lang, viel zu schnell und zogen uns durch den ewig kargen Tunnel ins kalte Erdinnere. Und überhaupt, warum hatte man eine Moll-Tonfolge vor den Ansagen in den Bahnen verwendet? Es klang, als würden sie zum Trauermarsch aufrufen, oder das Untergehen eines Schiffes beklagen. Mich wunderte es jedenfalls nicht, dass die Ticketkontrolleure am Eingang zur Unterwelt keine rechte Lust mehr hatten, und nur noch flüchtig feststellten, dass man Papier in der Hand hatte.
Wir erreichten den Berg nahe der Elisabethbrücke, der mir bereits bei unserer Ankunft in Budapest aufgefallen war, und den ich unbedingt erklimmen, bzw. Matthias hochjagen wollte. Es war sogar noch viel mehr als ein einfacher Berg; auf halber Höhe war die seltsamste Kirche in den Fels geschlagen worden, die ich je gesehen hatte: Es war eine marmorgeflieste Höhle, deren Wände mit Spritzbeton geglättet waren. An einer Stelle gab es ein kleines Buntglasfenster, sonst war alles künstlich erleuchtet. Sogar ein Fernsehgerät war in der Höhlendecke angebracht. Überall klebten Zettel, man sollte ruhig sein und der Kirche lieber etwas spenden. Ich habe nie eine weniger bedürftige Kirche gesehen. Wir waren die einzigen Besucher. Die Aufpasserin folgte uns so betont unauffällig durch die Felsenkirche, dass ich mich regelrecht verfolgt fühlte. Sie stand oder saß immer wenige Schritte hinter uns, aber ich sah sie nie direkt uns hinterher gehen. Vielleicht war sie ein Geist und ging durch Wände.
Draußen war es nun plötzlich sehr hell, und es dauerte einige Momente, die Gruftstimmung abzuschütteln.
Der Berg stieg weiter steil nach oben an, aber zumindest gab es jetzt steinerne Treppen und Wege. Wir mussten ein paar Mal auf den Aussichtsplattformen rasten, und ich scherzte, dort oben müsse es sicher einen Getränkekiosk geben. Ganz oben angekommen stand doch tatsächlicher einer. Aber nicht nur das: Wir hatten die Burg des Stadtteils Buda erreicht. Busladungen von Touristen tummelten sich hier oben, und die Busse stand gleich daneben - auf der anderen Seite des Bergs gab es eine gut alsphaltierte Straße. Ich fühlte mich ein wenig veräppelt. Doch das ganze Grün um die Burg herum waren schön und lud zum Verweilen ein. Es wurde langsam spät, und normalerweise wären wir zum Abendbrot zu Lazlo und Anna gefahren, aber Lazlo ging heute Abend zum Schwimmen - Budapest ist ja auch für seine Quellen und Bäder bekannt. Das war die ideale Gelegenheit, länger in der Stadt zu bleiben und Fotos von den erleuchteten nächtlichen Brücken zu machen. Matthias wollte außerdem unbedingt einmal Langos in Ungarn probieren - ob es anders schmeckte als in Deutschland. Über einer Metro gab es einen Kiosk, der hauptsächlich Alkohol verkaufte, aber auch Langos. Es schmeckte grauenhaft ölig und salzig, wir hatten auch keinen Belag dazu genommen, weil wir keine Ahnung hatten, was das Angeschriebene denn alles war, und die Frau mit der tiefen Raucherstimme nicht aussah als hätte sie Lust, uns das Schild auf englisch zu erklären. Unser Busfahrer genehmigte sich neben uns vor der Abfahrt noch eine Flasche Bier, bevor er uns zurück fuhr.
Es war schon spät; müde und mit hunderten neuen Fotos auf der Kamera kamen wir zu Hause an. Lazlo und Anna sahen gespannt das Fußballspiel Ungarn gegen Portugal im Fernsehen an. Sie machten Platz für uns. Es sollte das achte Spiel in Folge werden, das Ungarn gegen Portugal verloren hatte. Trotzdem hofften sie bis zur letzten Minute.
10.9.
Wir hörten es am Morgen von Matthias' Mutter, dass Istanbul unter Wasser stand. In den Nachrichten sah es nicht gut aus: Reißende Flüsse, wo einmal Straßen gewesen waren; treibende Busse mit Menschen auf den Dächern und über 30 Todesopfer. Heute war Donnerstag und am Montag sollten wir schon ankommen. Fuhren überhaupt Züge dorthin? Konnten uns diese armen Leute überhaupt unterbringen, wenn ihr Haus unter Wasser stand? Doch ich bekam schnell Entwarnung von einer Gastgeberin: Vor allem hatten die Medien es groß aufgezogen, weil sie mit ihren Fernsehsendern mitten im betroffenen Gebiet saßen. In der Innenstadt habe man nur wenig davon gespürt, schrieb mir Burcu, und eigentlich sei das normales Herbstwetter in der Türkei. Der Wetterbericht sagte weiter Regen vorraus; erst am Montag sollte es schöner werden.
Beruhigt gingen wir in die Stadt. Es war auch schon wieder 13 Uhr geworden. Wir kamen noch rechtzeitig vor Beginn der Führung am Parlament an, allerdings stand vor uns eine deutsche Reisegruppe. Matthias fragte die Leiterin, ob wir gleich mit hinein gehen könnten, die daraufhin die Wache fragte. Der schüttelte mit dem Kopf und meinte, es gäbe keine Tickets mehr. Die Leiterin bedauerte es aufrichtig, aber wir meinten, wir hätten ja auch morgen noch mal die Gelegenheit. Und Budapest hatte noch eine Menge anderer schöner Gebäude, zum Beispiel diese unglaublich auffällige große Basilika, die Lazlo mit dem Petersdom verglichen hatte. Natürlich begann bei unserer Ankunft gerade ein Konzert, weshalb wir erst in einer Stunde zur Besichtigung hinein gehen konnten. Man muss flexibel sein, dachte ich mir, und wir beschlossen, die Parkanlage beim Heldenplatz zu anzUsehen, weil diese zumindest immer geöffnet war. An einem Teich, der nach Nordsee roch, konnten wir auch endlich unser altes Brot aus Wien an die Enten verfüttern. Seit unserer Ankunft waren dies die ersten Enten, weshalb wir schon mit dem Gedanken gespielt hatten, das Brot einem der Obdachlosen zu geben, die in den Metroschächten herumlungerten. Matthias hatte jedoch zu bedenken gegeben, dass sie uns das Brot hinterher werfen würden. Sie sahen wirklich alle so aus, als würden sie sich ausschließlich von Bier ernähren. Es gab in den Unterführungen aber auch Leute vom Land, die ihre Rente aufbesserten, indem sie Blumen und Obst aus dem eigenen Garten verkauften.
Zurück an der St.-Stephans-Basilika. Sie war gefüllt mit hauptsächlich japanischen Touristen, die ganze Fotoausrüstungen und Stative dabei hatten. Trotz Fotografierverbots blitzte es die ganze Zeit durch die dunklen Gemäuer. Es war eine schöne, anmutig wirkende Kirche, sehr golden und reich ausgestattet.
Der Tag ging so schnell vorbei. Am Abend kochte Lazlo für uns einen deftigen ungarischen Kartoffel-Wurst-Eintopf um sich für die Kartoffelspalten vom ersten Tag zu revanchieren. Wir saßen bis elf beieinander in der Küche und fanden nur deprimierende Themen wie korrupte Poliker, die Wirtschaftskrise und warum hier so viele Menschen betteln müssen. Wahrscheinlich saßen wir deswegen immer nur bis elf.
11.9.
Heute Abend fahren wir weiter nach Sofia. Unser 3-Tages-Ticket war nur noch bis kurz nach dem Mittag gültig, weshalb wir uns heute früher aus dem Bett quälten, das heißt, um 9. So dachten wir, es wäre die ideale Gelegenheit, zur Vormittagsführung ins Parlament zu gehen, wenn die ganzen Touristengruppe noch nicht angekommen waren. Genau das hatten auch etwa hundert andere Touristen gedacht und wir kamen wieder nicht hinein. Eine Deutsche wurde direkt durchgelassen, woraufhin wir sie fragten, wie sie das angestellt hatte. Vorbestellt hatte sie - im Internet! Darauf hätten wir als Informatiker auch mal kommen können.
Unverrichteter Dinge nahmen wir die Metro zum zweiten Ziel des Vormittags: Die Matthias-Kirche im Burgviertel, die auch noch genau so geschrieben wurde wie mein Reisebegleiter, und das sich anschließende Labyrinth. In Budapest liegt alles Interessante auf Bergen, aber zumindest - dachten wir - wäre dort oben ein ruhiger Ort, an dem wir die letzten Stunden verbringen könnten. Nach dem Erklimmen des Berges stellten wir fest, dass wir in der größten Touristenfalle überhaupt gelandet waren; man konnte nicht einmal Fotos machen ohne einen Haufen anderer Toursiten im Bild zu haben, oder selbst im Bild zu stehen. Für eine bessere Aussicht musste man natürlich bezahlen. Zumindest die Kirche sah wohl auch ganz schön aus, wenn sie nicht gerade von Gerüsten und Bauplanen verhüllt war. Nun blieb uns nur noch das Labyrinth. Normalerweise sollte man die meiste Zeit damit verbringen, aus einen Labyrinth wieder hinaus zu finden. Wir brauchten die meiste Zeit um das Labyrinth überhaupt zu finden, denn es war kein Garten oder Feld, sondern eine unterirdische Tunnelanlage. Das hatte unser Gastgeber gestern vergessen zu erwähnen, als er uns von dem Ort vorschwärmte. Wir fanden es eher zufällig als wir es schon fast aufgegeben hatten: Eine schwere Eisentür im Fels. Wir spähten hinein - niemand war zu sehen. Die Wände hingen voller gerahmter Labyrinthabbildungen und waren in einem satten Gelb beleuchtet. Es roch nach feuchtem Keller und auf dem Boden hatten sich Pfützen gebildet. Kein Kassenhäuschen. Wir liefen ein ganzes Stück hinein, durch eine weitere schwere Tür, und dort - als die richtige wohlig-gruselige Stimmung aufgekommen war - war die Kasse. Die Preise waren so gesalzen, dass wir gleich zum nächsten Ausgang wieder hinaus liefen.
Das war unser letzter Tag in Budapest. Ein letztes Mal fuhren wir mit der Straßenbahn an der Donau entlang, gingen die letzen Forint in Reiseproviant anlegen und spazierten noch ein wenig durch ein Einkaufszentrum. Matthias ging gleich zwei Mal an dem Stand vorbei lief, an dem es kostenlos Cola Zero gab, obwohl er zugab, dass ihm das Zeug nicht schmeckte - hauptsache kostenlos.
In der letzten Minute vor Ablauf des Tickets kamen wir mit der Metro am Hauptplatz unseres Wohnviertels an, wo wir zum ersten Mal genaustens kontrolliert wurden, ob unser Ticket noch golt - die junge Frau rechnete laut nach. Zu Hause nahm ich einen Rotstift und zeichnete auf unseren Tickets über die handgeschriebene Zahl 3 von 13 Uhr eine 8, sodass es bis 18 uhr gültig war und wir nicht zum Busbahnhof laufen mussten - Forint hatten wir ja keine mehr. Bei Matthias' Ticket gelang es mir nicht ganz so gut, weil sie eine sehr merkwüridge Art hatte, die Achten zu schreiben, deshalb hielt ich es kurz unter Wasser uns es sah wie eine korrekte, nur etwas ausgelaufene Acht aus.
Reiseinfos für nach Ungarn Reisende;)
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